Ausgabe 
30.9.1926
 
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Nr. 229 Erster Blatt

176. Jahrgang

Donnerstag, 50. September 1926

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Der Fall Germersheim

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wird das Kabinett weiter im Amte bleiben mit Ausnahme derjenigen Minister, die zurückzutreten wünschen, um sich am Wahlkampfe zu beteiligen. Zu einem Eintritt von Ministern der antiveniselistifchen Parteien wird sich die Regierung erst entschließen, wenn sich diese dazu entschließen sollten, au den Wahlen teilzunehmen. Die Regierung beschloß, der Verschiebung der Wahlen um 14 Tage zuzustimmen. Die anderen Punkte ihres Programms bleiben un­verändert. Die Wahlen werden am 7. Rovembcr auf der Grundlage der Verhältniswahl und allen geforderten Garantien stattfinden.

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Zranlsurtam Main H686. vnick rmd Verlag: vrühl'sche UniverfitStr-Vuch- und LLeindruckerei 8. Lange in Sietzen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schnlstrahe 7.

Tagung der volksparteilichen Reichstaysfraktion.

Rüdesheim, 29. Sept. (TTI.) Die Reichs­tagsfraktion der Deutschen Volkspartei versam­melte sich am 29. September in Rüdesheim zu einer außerordentlich stark besuchten Tagung. Einleitende Referate über die schwebenden innen- und außenpolitischen Fragen und die Vorberei­tung des Parteitages in Köln erstatteten der Vorsitzende der Fraktion, der Reichsminister a. D. Scholz und der Außenminister Dr. Strese-

: markt.

Austrieb: 751

notierten: Iber 6j bis 89 rr 71 bis 83; djaie: Mast- Weidemasts 43 e Maschömmel 42; fleischiges otrlauj: Kälber u5Derfau(t. Lei , ngen Austriebs

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.

Beilagen: Gießener Familienblätter Heimat im Dill» Die Scholle.

MonakS'Vezugrxreis: 2 Reichsmark und 20 Retchspfennig für Träger, lohn, auch bei Nichter­scheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fer- sprechans chlüsse: 51, 54 und 112.

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schastlichen Beziehungen werde auf den Aus­gleich der Interessen achten. Der rumänisch­italienische Vertrag erkenne stillschweigend die Wiedereinverleibung Bessarabiens an. Zum Schluß versicherte Avereseu, die Ratisila- tion des Vertrages werde demnächst stattfinden, wodurch die gegenwärtige Lage schließlich eine vollständige Aenderung erfahren werde. Im Mi­nisterrat teilte Ministerpräsident Avereseu den bevorstehenden Besuch des Prinzen Humbert von Italien, des Ministers des Innern Feder- z o n i, des Staatssekretärs des Aeußern G r a n d i und des Generals D a d o g l i o mit, die eine Einladung an den König und die Königin von Rumänien zu einem Besuche des königlichen Hofes und des italienischen Volkes überbringen würden.

Das griechische Kabinett bleibt.

Athen, 30. Sept. (WTD. Funkspruch.) Eine amtliche Mitteilung besagt, daß der Staats­präsident den Ministerpräsidenten zu sich berief, und ihn ersuchte, seinen Entschluß, den Rücktritt der Regierung nicht anzu nehmen, bekannt­zumachen. Da ihr dadurch das Vertrauen des Staatspräsidenten abermals ausgesprochen wurde,

Die Schüsse, die in Germersheim ein fran­zösischer Unterleutnant auf wehrlose deutsche Bürger abgegeben hat und die in ihrer Wir­kung nur als gemeiner Mord zu charakteri­sieren sind, haben mit einem Schlage die deutsch- französischen Besprechungen auf eine neue Grund­lage gestellt. Sie sind, abstrakt gesehen, die beste Rechtfertigung der deutschen Politik. Denn nichts kann schlagender beweisen, wie unhaltbar die Verhältnisse im besetzten Gebiet sind, als die eine Tatsache, daß französische Offiziere als Amok­läufer auftreten und Leute, die ihnen nichts ge­tan haben, als lebendige Scheibe benutzen. Mögen die Einzelheiten nun gewesen sein, wie sie wollen, mag der Offizier in der Trunkenheit für sich eine Entschuldigung suchen, mag er ge­glaubt haben, daß er angerempelt sei, alles das ändert doch nichts daran, daß die geistige Einstellung, die eine solche Tat erzeugen konnte, jeden Ausgleichunmoglich macht. Wenn die französische Regierung das deckt, dann zeigt sie damit, daß es ihr nur darauf an* kommt, aus Deutschland neue Zugeständnisse her- auszupressen, daß sie aber nicht gewillt ist, von sich aus irgendwelches Entgegenkommen zu zeigen. Richt darauf kommt es an, ob eine schmale Rente für die Verletzten und deren Hinterblie­benen gezahlt wird, sondern darauf, daß die französische R:gierung den Täter preisgibt und dem verletzten Gerechtigkeitsgefühl Genug­tuung gewährt.

Wir haben ja schon einmal ähnliche Zu­sammenstöße in Germersheim vor einigen Mo­naten gehabt; die Tlntersuchung ist im Sande verlaufen, nicht, wie jetzt von der äußersten Rechten her behauptet wird, weil die deutsche Regierung vor den Franzosen zusammengeklappt wäre, im Gegenteil, das Auswärtige Amt hat damals sofort einen geharnischten Protest an Paris eingereicht, hat sich dann aber nachher leider davon überzeugen müssen, daß die Zeu­gen nicht standhielten, sondern vor den französischen Tlntersuchungsrichtern umfielen, so daß tatsächlich irgendeine diplomatische Unter­lage für die Fortführung der Aktion nicht vor­handen war, worauf sich das Auswärtige Amt zurückziehen mußte und das etwas beschämende Gefühl eines Mißerfolges hatte.

Wenn deshalb diesmal der Außenminister zunächst von den zuständigen Stellen einen ge­nauen Bericht angefordert hat, der hieb- und stichfest ist, so ist das durchaus begreiflich. Die deutsche Diplomatie kann es nicht darauf an­kommen lassen, sich wieder zu weit vorzuwagen und den Franzosen Gelegenheit zu geben, viel­leicht durch taktische Manöver den ganzen Streit- puickt so zu verschieben, daß formal davon nicht allzu viel mehr übrig bleibt. Es ist aber selbst­verständlich, daß, sobald die erforderlichen.Unter­lagen da sind, in Paris nicht nur der Einzelfall, sondern das ganze Sy st em mit aller wün­schenswerten Deutlichkeit zur Sprache gebracht wird.

Der Hauptschuldige scheint eine jener Raturen zu sein, die immer noch dem Siegerwahnsinn) verfallen sind; für sie sind die Deutschen nur Menschen zweiter Klasse, die man mit der Rei tpeit sch e behandeln darf. Diese Sorte von Menschen wird vermutlich in der französischen Armee nicht allzu selten fein, und solange sie immer wieder im Bewußtsein ihrer unanfecht­baren Stellung auf die deutsche Bevölkerung los­gelassen werden, können sich ähnliche Zwischen­fälle tagtäglich wiederholen. Die Bevölkerung des befehlen Gebietes hat nur den einen WunschnachRuhe; sie geht jeder Möglichkeit von Zusammenstößen aus dem Wege, weil sie weiß, daß sie dabei doch immer nur den Kürzeren zieht. Ein einzelner, der gegen eine ganze be­waffnete Armee anrennt, wäre ja auch irrsinnig. Und tatsächlich ist doch die Lage so, daß auf der einen Seite Gewehre, Maschinengewehre und Re­volver stehen, wahrend auf der anderen Seite im besten Falle Spazier stocke vorhanden sind, die gegen Schüsse nur eine sehr unzulängliche Ver­teidigung bedeuten. Kein Mensch kann also sagen, daß von deutscher Seite derartige Szenen pro­voziert würden, und wenn der General Guil- laumat nach Paris berichtet hat, daß in den letzten Monaten die Beziehungen zwischen der

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Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H Thyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An- zeigenteil i. Dertr. H.Veck, sämtlich in Gießen.

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Besatzung und den Einwohnern sich wesentlich verschärft hätten, dann darf er die Vorbe­dingungen dafür nur auf feiten feiner eigenen Landsleute suchen.

Hätte Herr B r i a n d seine doch zum min­desten moralische Zusage von Locarno erfüllt und rechtzeitig mit dem Abbau der Trup­pen begonnen, dann wäre die Lage ganz anders, dann hätten auch die französischen Offiziere das Bewußtsein, daß sie nicht allmächtig sind, son­dern mit ihrer Abberufung rechnen und infolge- -dessen in ihrem ganzen Auftreten sehr viel vor­sichtiger fein müssen. So aber verkästen sie sich darauf, daß ihr General Foch sie schon zu decken wissen wird. Es muß sich nun zeigen, ob diese Spekulation richtig ist. Herr Driand hat einmal in vertraulicher Aussprache gesagt, der damalige Zwischenfall in Germersheim wäre ihm außen­politisch nicht willkommen gewesen, weil sich da­mit nur zu deutlich zeige, wie unhaltbar in einem langsam zur Ruhe kommenden Europa der Gedanke einer fünfzehnjährigen Besatzung fei. Man hat damals nichts davon gemerkt, daß er feine Ministerkostegen von dieser An­schauung überzeugen konnte. Wir werden jetzt erneut die Probe auf das Exempel machen. Herr Poincare hat in Dar-le-Duc gesagt, daß keine Ration dem Frieden mehr zugetan sei, als Frankreich, keine Ration habe mit größerer Begeisterung am Werke des Finedens gearbeitet. Die Schüsse von Germersheim sind eine eigen­artige Illustration für dieses Selbstlob. Tlnd sie werden in ihrer politischen Wirkung gegen Driand selbst gerichtet fein, wenn er nicht jetzt darauf besteht, daß der Fall eine Erledigung findet, wie sie das Ehrgefühl des deutschen Vol­kes verlangen muh.

vieUntersuchung in Germersheim

Verhaftung des Mörders.

Germersheim, 29. Sept. (Wolff.) Wie das WTD. von zuständiger Seite hört, ist der französische Unterleutnant Rouzier als der verantwortliche Täter bei den blutigen Vorfästen in der Rächt von Sonntag auf Montag durch die Tlntersuchung einwandfrei fest- gestellt worden und wird auch von den Fran­zosen als Täter betrachtet. Er ist im Laufe des gestrigen Tages in Haft genommen und am Abend a ls Arrestant nach Landau übergeführt worden. In der Annahme, daß sich Rouzier, der am Rachmittag verschiedentlich zu Verhören über die Straße geführt wurde, noch immer auf freiem Fuß befinde, hatte sich in den Abendstunden eine größere Menschenmenge vor dem Kasino, in dem eine Abfchiedsfeier des 311. Artillerie-Regiments stattfand, eingefunden. Den Aufklärungen des Oberamtmanns Keiler vom Dezirksamt Germersheim gelang es, die Menge zu beruhigen und zu zerstreuen. Immer­hin ist die Erregung der Bevölkerung über die Vorgänge nach wie vor stark. Gestern abend fand zwischen dem stellvertretenden Regierungspräsidenten der Pfalz, Regierungs­direktor (Stäbler, und Oberstaatsanwalt Kö­nig- Zweibrücken als Vertreter der Justizbehör­den auf der einen Seite und dem französischen Plahkommandanten von Germersheim auf der anderen Seite eine Aussprache über die Vor­fälle statt. Auf die Vorstellungen der deutschen Vertreter, die der Empörung der Bevölkerung über den Vorfall Ausdruck verliehen, versicherte der Platzkommandant, daß auch die französische Behörde Trauer über die Vorfälle empfinde, und gab die Erklärung ab, daß

das gerichtliche verfahren gegen den Taler auf das eingehendste und gewissenhafteste durch­geführt würde. Ein für gestern abend angesetzter Unteroffiziersball ist vom Platzkommandanten ab­gesagt worden. Ferner hat er angeordnet, daß sämtliche Militarpersonen mit Aus­nahme der Patrouillen von 9 Uhr abends ab d i e Straße nicht mehr betreten dürfen. Die weitere Untersuchung der Angelegenheit hat er­geben, daß Rouzier auch als chm'ptverantwort- licher bei der bereits gemeldeten und durch die Untersuchung bestätigten Mißhadlung des 17jährigen Klein eine Hauptrolle gespielt und

Die Stabilisierung des belgischen Franken. Dte Pariser A nanzbcfprechungen.

Paris, 30. Sept. (TU.) Die von Poincar 6 mit dem belgischen Finanzminister Francqui geführten Verhandlungen haben keinerlei Er­gebnis gebracht. Francqui hat sich vor Ergreifung entscheidender Maßnahmen in der Finanzpolitik Belgiens, insbesondere hinsichtlich einer gemein­samen Anleiheaktion Belgiens und Frank­reichs mit Poincare ins Einvernehmen fetzen wollen. Eine derartige Aktion würde aber von Frankreich die endgültige Regelung der Schuldenfrage verlangen, und im übrigen scheint Poincars über­haupt noch nicht an die Stabilisierung Herangehen au wollen. DerJntransigeant" teilt mit, daß man sich weder auf der einen noch auf der anderen Seite habe entscheiden wollen. Die Unterredung vorn Dienstag erinnere an die Beratungen der alliierten Generale während des Krieges, wenn der Zeitpunkt einer Offensive besprochen wurde, und jeder barlegte, ob er bereit sei ober nicht, unb schließlich berjenige, ber bereit war, warten mußte, big die anberen bereit waren.

Journal" schreibt, baß Francqui über ben Personal wechsel bei ber Belgischen Nationalbank Auskunft gegeben habe. Er habe barauf hingewiesen, baß bie Ernennung bes neuen Gouverneurs nur ben Zweck habe, bie Re- gierungsaktion am Vorabenb einer großen Wäh­rungsaktion zu erleichtern unb eine bessere Z u - fammenarbeit ber belgischen Nationalbank mit ber Regierung zu gewährleisten. Die belgische Nationalbank werbe ihre Beziehungen zu ber Bank ' von Frankreich ausrechterhalten. Ferner habe Francqui Poincarö über die Verhanblungen mit ben englischen Banken über bie Be­schaffung größerer Krebste unterrichtet. Die Ver­hanblungen mit London seien so gut wie beendet und damit die Vorbedingungen für eine Stabilisierung des belgischen Fran­ken erfüllt.

Die Opposition gegen Bnand. Citte Entschließung des Generalrates von Belfort.

Paris, 29. Sept. (WB.) Der General- t a t in Belfort hat außerhalb seiner offi­ziellen Sitzung eine Resolution angenommen in her gewünscht wird, daß bei den mit Deutschland geplanten Verhandlungen kein wirtschaft­licher und finanzieller Vorteil als Ausgleich für die an erster Stelle stehende Frage der Sicherhei t oder des Friedens angenom­men werden könne. Die Rheinland- b e s a h u n g fei gegenwärtig Frankreichs einzige materielle Garanti e für den Frieden. Hier könne keine Konzession gemacht werden, ohne andere Sicherheitsgarantien als Gegenleistung zu haben. Was das S a ar­ge b i e t betreffe, so müßte eine vorzeitige und ohne Volksabstimmung erfolgte Räumung zu mindestens als Gegenleistung die endgültige Abtretung der früheren Bergwerks­domänen an eine französische Ge­sellschaft haben, deren Produktion für Frank­reich absolut nötig fei. In der Reparationsfrage müsse Frankreich sich energisch und unbeugsam auf den Boden des zu sehr vergessenen grund­legenden wichtigen Artikels des Versailler Ver­trages stellen, der fordere, daß auf keinen Fall die finanziellen Lasten des deutschen Steuer­zahlers geringer fein dürften, als die des fran­zösischen.

Die Wirtschaftliche Mobil­machung in Frankreich.

Der rumänisch - italienische Vertrag.

Bukarest, 23. Sept. (Wolff.) In einer Er­klärung vor Pressevertretern betonte Premier­minister Avereseu, daß Italien kein Vortest zum Rächtest Rumäniens zugestanden wurde. Die gemischte Kommission zur Regelung der wirt-

nutzbringenbere Dienste erweisen, als mit ber Waffe in ber chanb, vorn Militärbien st auf A n - trag befreit werben. Die gleiche Bestimmung gilt auch für bas von ihnen als notwenbig er­achtete Personal ihrer Betriebe. Nach bem Blatte ist bies die erste Vorbereitung ber sog. wirt­schaftlichen Mobilisation für ben Kriegsfall.

Dor der Gründung des Stahl- Kartells.

Paris, 30. Sept. (W. T. B. Funkspruch.) Iourn^e Industrieste" berichtet aus Brüssel, daß heute dort die Vertreter der deutschen, französischen, belgischen und luxemburgischen Stahlindustrie zufammentreten. Die Belgier hätten ihre Forderung auf 232 000 Tonnen er­mäßigt. Frankreich werde eine Jahresproduk­tion von 8 Millionen Tonnen, Deutschland von 10 bis 11 Millionen Tonnen, Luxemburg etwa 3 Prozent weniger als Belgien erhalten. Dem Saargebiet solle ein besonderes Kon­tingent zugcsprochen werden. Es fei wahr­scheinlich. daß das Stahllartell heute gegründet werde und mit dem morgigen Tage in Kraft trete. Die Belgier seien optimistisch.

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mann. Die Aussprache war sehr rege. Die Fraktion bekannte sich einmütig zu den Grund­lagen ihrer bewährten Politik. Entschließungen wurden nicht gefaßt. Im Gegentest sah die Frak­tion ausdrücklich davon ab, diese ihre bewährte , Politik noch einmal durch besondere Entschlie­ßungen zur innen- und außenpolitischen Lage hervorzuheben.

Sparvorschläge der Wirtschaftlichen Vereinigung

Berlin, 30. Sept. Bekanntlich hat das Reichskabinett den Ankauf des Hotels Kaiser Hof beschlossen, um die außerhalb der Wilhelmstraße sich befindenden Reichsbehörden dort zu konzentrieren. Im preußischen Landtag ist nun ein Antrag Ladendorffs (Wirtsch. Vereinigung) eingegangen, der das Staatsmini­sterium ersucht, auf die Reichsregierung dahin einzuwirken, daß der Ankauf des Hotels Kaiscrhof unterbleibt. Angesichts der Rotlage der ge­samten Bevölkerung des Reiches und insbesondere des ungeheuren Steuerdruckes, dem besonders der deutsche Mittelstand zu erliegen drohe, müssen,. so heißt es in der Begründung des Antrages,

Paris, 30. Sept. (WTB. Funkspruch.) ... einem vomJoural officielle" heute veröffentlich­ten Dekret wird bekanntgegeben, daß Fabrikbesitzer, Kaufleute, Gastwirte unb Reeber, bie ihrer An­sicht nach in ihren Betrieben bem ßanbe

sich baran persönlich mit ber Peitsche beteiligt hat. Der Vorfall mit Klein spielte sich bekanntlich etwa brei Stunben vor ben Rachtzui^ schenfällen ab. Außerbem ist festgeslcllt worben, baß Rouzier nach bem Vorfall mit Klein unb ehe er mit cholzmann zusammentraf, noch einen g c - wissen Ewalb Meyer auf ber Straße ohne jeben ©runb angerempelt hat. Das Ar- tiUeriercgiment 311, bem Rouzier angehört hat, wirb morgen nach Verbun abtranspor« t i e r t unb burch bas in Speyer befindliche Ba­taillon bes Infanterieregiments 171 ersetzt. Rouzier bleibt jeboch bis zur Erlebigung des Gerichtsver­fahrens in ßanbau. Die Bcerbigung bes er- morbeten Müller, die heute nachmittag 4 Uhr statt- finden sollte, ist von den Franzosen nicht geneh­migt, sondern auf morgen festgesetzt wor­den. Man ist versucht anzunchmen, daß dies mit Rücksicht auf ben inzwischen erfolgten A b ° trän sport bes Artillerieregiments 311 geschehen ist. Der Gesundheitszustanb bes schwerverletzten Matthes hat sich noch nicht gebessert; er kehrt nur für kurze Zeit zum Bewußtsein zurück.

Ein Notruf der Stabt Germersheim

Germersheim, 29. Sept (IIL) Das 23 ü r - germeifferamt Germersheim hat an den Völ­kerbund, an bie Reichsregierung und an bie bayerische Regierung folgenden Tlofrvf telegraphisch gerichtet:Seit acht Jahren schmachtet bie Pfalz unter bem Joch ber französi­schen Besatzung. IBas bie Bevölkerung in dieser langen Zeit gelitten hat, Ist mit öorlcn nicht zu schildern. Trotz aller Friedens- und Versöhnungs­reden, trotz Locarno unb Gens Ist bas französische B e s a h u n g s r e g I m e zu einer wahrhaften Geißel ber Bevöl­kerung geworden. Die Stadt Germersheim namentlich ist der Willkür der französischen Truppen seit langem machtlos preisgegeben. Die Bürger sind ihres Lebens nicht mehr sicher. Reben anderen wiederholten schweren vec'ehlungen von Angehörigen der Besatzung sind jetzt in der Rächt vom 26. zum 27. September drei brave, wehrlose Bürgersöhne ber ruchlosen und kalt berechnenden Wörberhand eines französischen Offiziers völlig schulblos zum Opfer ge­fallen. Die aufs höchste erregte Bevölkerung ber Stadt Germersheim erhebt vor aller Welt f l a m - wenden Proleft gegen die einer Kul­turnation unwürdigen Mißhandlun­gen seitens einer fremden 211 acht. Sie macht den Völkerbund verantwortlich für alle gegenwärtigen unb sonstigen Opfer! Die gesamte Einwohnerschaft fordert einmütig unbedingte Sühne für das scheußliche verbrechen an dreien ihrer Söhne und fordert bie sofortige Einsetzung eines unparteiischen Schiedsgerichts zur Untersuchung ber Bluttat Sie forberf schnellste Entfernung aller französischen Truppen aus ben Mauern ihrer Stabt

Die schwer bebrängte Einwohnerschaft von Germersheim.

Eine neue Bluttat eines Besatzungsangehörigen.

Trier, 29. Sept. (TU.) Vor einigen Ta­gen ereignete sich auf bet Bitburger Straße eine schwere Bluttat. Vier Radfahrer waren in eine Spaziergängergruppe hineingefahren unb bei bem daran folgen­den Wortwechsel wurde, wie schon kurz gemeldet, einer der Spaziergänger namens Holstein aus Trier von einem der Radfahrer kurzerhand niedergefchosfen. Die V.r- nehmung der jungen Leute, die gestern ermittelt und vorgeführt wurden, ergab als Täter einen Angehörigen der stanzösi - sch en Besatzung, der am gleichen Tage abends auf Veranlassung der hiesigen Kriminal­polizei durch die französische Cendannere in Haft genommen wurde. Et hat bereits ein» gestanden, die Schüsse abgegeben und die bei der Tat benutzte Waffe, eine Selbstladepistole, vor feiner Festnahme verborgen zu haben.