Ausgabe 
30.8.1926
 
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nr. 202 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, 50. August (926

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Die Herbstübungen in Süddeutschland.

Don unserem militärischen - Sonderberichterstatter.

Bad Mergentheim, 29. Aug. 1926.

Die Kraftwagen mit Offizieren, die seit dem Frühjahr immer wieder die Gegend zwischen Bad Mergentheim und Würzburg kreuz und quer auf Erlundungsfahrten für die Manöver durch­eilt haben, sind seltener geworden: der Manöver- plan iZcint festzustehen und aus den Quartrer- anmeldungcn in Stadt und Land ist zu ersehen, daß der Nordostteil Württembergs, der Nord» ostzipsel Badens und die bayerische Provinz ttntersranttn vom 10. bis 23. September 14 Tage lang der Schauplatz äußerst regen militärischen Lebens sein werden. Zunächst finden im Divi- lionsrahmen die seit Kriegsschluh üblichen Partei- Manöver statt, zwischen dem 11. und 15. Septem­ber 1926.

Die 5. südwestdeutsche Division unter dem Befehlshaber im Wehrkreise V, Herrn General­leutnant Hasse, mit dem württembergischen Infanterie-Regiment 13, dem badischen Infan­terie-Regiment 14, dem preußischen, hessischen, thüringischen Infanterie-Regiment 15 und dem aus Württembergern, Badener. Preu­ßen und Hessen zusammengesetzten Artillerie- Regiment 5 hat für diese Ziehungen den Raum Gerabronn. Weikersheim, Mergentheim, Doxberg, Adelsheim, Künzelsau, der von der Iagst durch­schnitten wird, ausgewählt. Man darf annehmen, daß sich u. a. um die Iagst interessante Kämpfe abspiclen werden, die schließlich mit dem nächt­lichen Liebergang einer Partei enden werden. Gleichzeitig übt die 7. bayerische Division unter dem Befehl des Generalleutnant Frhrn. Kreß von Kressenstein mit den bayerischen In­fanterie-Regimentern 19, 20 und 21 und dem bayerischen Artillerie-Regiment 7 nördlich davon zwischen Mergentheim und Würzburg.

Anschließend finden in derselben Gegend vom 17. bis 21. September Manöver der beiden Divi­sionen gegeneinander unter Leitung ihres Ober­befehlshabers, General der Infanterie Rein­hardt, Gruppenkommando 2, Kassel, statt, der sich um den Aufbau des jetzigen Reichsheeres als preußischer Kriegsminister die größten Verdienste erworben und während seiner dreijährigen Tätig­keit als Kommandeur der 5. Division in Württem­berg, Baden und Hessen sich bei Volk und Heer große Sympathien erworben hat.

1909 war das letzte (Kaiser)-Manöver unter Beteiligung von fünf Armeekorps gegen jetzt zwei Divisionen in dieser Gegend. Da ist es kein Wunder, daß die Bevölkerung in dem württem­bergischen, badischen und bayerischen Grenzgebiet mit großer Spannung der nach so vielen Iahren gerne wieder einmal aufgenommenen Einquartie­rung und dem durch die veränderte Kriegstechnik und Taktik ungewohnten militärischen Leben und Treiben entgegensieht. Aber weit über die Ma­növerbezirke hinaus regt sich das Interesse aller Schichten unseres Volkes, seit bekannt geworden ist, daß der Reichspräsident v. Hin den- b u rg in Begleitung d es Reichswehrministers Dr. Geßler, des Chefs der Heeresleitung Generaloberst v. Seeckt und einer Reihe hö­herer Offiziere des Reichswehrministeriums selbst einen Tag den Divisionsmanövern beiwohnen und in Mergentheim mit den Spitzen und Minister­präsidenten der süddeutschen Länderregierungen zusammen sein wird. So wird die Saison in Bad Mergentheim dieses Iahr nach der Hundertjahr­feier noch einen zweiten Höhepunkt und feierlichen Abschluß erleben.

Brüsseler Brief.

(Don unserem nach »

Brüssel entsandten W. Z.-Sonderberichterstatter.) Brüssel, 29. August 1926.

Eines sei vorausgeschickt: von Brüssel aus betrachtet, sieht sich die ganze Eupe n-Mai­rn ed h -Frage wesentlich anders an, als von Paris aus gesehen. Dies hat seine guten Gründe. In der deutschen Öffentlichkeit hat man vielfach der offiziösen Verlautbarung der deutschen Re­gierung über die bisherigen Eupen-Malmedy- Verhandlungen nicht die gebührende Beachtung geschenkt, trotzdem dieses Kommunique zweifel- )s sehr interessante Schlüsse zuläßt. Wichtig ist z. D. die Feststellung, daß die ganze An­regung, wegen Eupen und Malmedy mit Deutsch­

land zu verhandeln, von belgischer Seite ausgegangen ist. Es waren maßgebeirde Persön­lichkeiten, wie Delacroix, Franque, Dandervelde, u. a.. die in Gesprächen mit dein Reichsbankprä­sidenten Dr. Schacht auch die Frage der Aner­kennung der deutschen, iwch in Belgien befind­lichen Marlbeständc anschnitteir. Reichsbankpräsi­dent Dr. Schacht hat diesen Gedanken sofort auf­gegriffen, und so gelangte man bald zu einem Vorschläge, daß Belgien unter Llmständen Eupen und MalmedH zurückgeben würde, wenn Deutsch­land besonderes Entgegenkommen zeigte in der Frage dieser Markbestände. Man hat in diesem Zusammenhang davon gesprochen, daß Deutschland vielleicht eine Milliarde Goldmark zahlen würde, um dafür Eupen und Malmedy wiederzubekom­men und andererseits die belgischen Ansprüche aus die Papiermark in Belgien abzugelren. Diese offiziösen Verhandlungen waren zweifellos im Gange, und zwar mit Wissen der beider­seitigen Regierungen, als sie haupt­sächlich von Paris gestört wurden, als Franque Minister geworden war. Es war damit Poincare ein leichtes geworden, den Weg für weitere Verhandlungen zu verbarrikadieren. Diese vorläufige Unterbrechung bedauert man in Bel­gien um dies iroch einmal hervorzuhcben außerordentlich. Belgien orientiert sich viel stär­ker nach England hin, als man es in Paris wahr haben möchte. Andererseits wird der Lin-

Geschäftsleben in Brüssel stockt, cd fehlt an Bargeld, die neuen Steuern drücken empfind­lich. Für alles und jedes muß eine besondere Steuer entrichtet werden, selbst für die geringste Rechnung im Restaurant. Trotzdem ist das Leden in Brüssel im allgemeinen recht billig, auch öic Verkehrsmittel. Die Fahrt Antwerpen-Drüfsei desTrain Bloc' lostet z. B. augenblicklich 15,30 Franks in der ersten. 10,60 Franks in der zweiten und 6,10 Franks in der dritten Klasse. Ein Billei Antwcrven-Ostende kostet 46,30 Franks in der ersten. 31,90 Franks in der zweiten und 18,10 Franks in der dritten Klasse. Eine Straßenbahn­oder Omnibusfahrt vom Rord- zum Südbahnhof in Brüssel kostet 35 Centims. Man kann für 10 bis 15 Franks überall gut und reichlich essen: noch heute kostet z. B. eine Tasse guten Kaffees in einem der bekanntesten Brüsseler Restaurants gegenüber der Börse 1.25 Franks. Der teuerste Platz in der Königlichen Oper, dem Theatre de la Monnaie, kostet mit sämtlichen Abgaben und Steuern 25 Franks, der teuerste Platz in den vornehmsten Brüsseler Kinos 8 Franks.

Schließlich muß auch in dec viel erörterten Frage des Deutschenhasses in Belgien manches Vorurteil richtiggestellt werden. Gewiß ist die Stimmung in Belgien gegen Deutschland weit ge­hässiger als z. B. in Paris, aber von Ausfällen gegen die Deutschen merkt man im allgemeinen, wenigstens in den Großstädten, gar nichts. Aller­

LEtmgsfiihisreii und gutes Schaufenster?

dem Käufer vermittelt durch packende Zeitungsanzeigen in der Heimatpreffe beleben das Geschäft!

Wille am Quai d'Orsay über die Möglichkeit einer deutsch-belgischen Annäherung immer grö­ßer. In Brüssel hat man sehr wohl erkannt, daß das Heil Belgiens nicht ausschließlich davon abhangt, daß man sich auf Tod und Leben Frankreich verschreibt.

Belgien steht zweifellos vor einer sehr schweren Wirtschaftskrisis. Die belgi­sche Regierung weiß vorläufig noch nicht, mit welchen Mitteln sie dieser Krisis Herr werden soll. Es finden in Belgien bereits große Sach- wertverkäuse statt: holländisches und amerika­nisches Kapital faßt in Belgien festen Fuß. Die belgische Industrie verkauft bereits stark ans Ausland. Amerika hat z. B. die gesamte Pro­duktion der Feuerzeugfabriken von Boom ge­kauft. und zwar für den lächerlich geringen Preis von 26 Dollar für 1000 Stück, d. h. für etwa einen belgischen Papierfranken das Feuerzeug. Dieselbe Ware bezahlte Belgien vor dem Kriege 17 bis 20 mal so hoch. Auch die Zeitungen beginnen in Belgien sich sehr stark einzuschränken. Das Zei­tungspapier ist bereits 12mal so teuer als vor dem Kriege. Große Blätter, wie z. D. die Inbäpendance Beige, schränken ihr Erscheinen stark ein und lassen ganze Rummern ausfallen, | wie z. D. die Montag-Morgen-Ausgabe. Das

dings gibt es in Antwerpen wie in Brüssel z. B. noch einige Läden, in deren Schaufenstern große Plakate hängen »Wir verkaufen nie wieder deutsche Erzeugnisse". Das bleiben aber Einzel­erscheinungen. Zu bedenklichen Zwischenfällen ist es tatsächlich in den Seebädern gekommen, beson­ders in Blankenberghe. Man muh aber zugeben, daß, wenn es hier zu Zusammenstößen zwischen Deutschen und Belgiern gekommen ist, die Deut­schen nicht immer frei von Schuld daran waren.

Londoner Brief.

Von unserem l-Korrespondenten.

London, 28. August.

Das Schwergewicht der politischen Ereignisse der vergangenen Woche lag vollkommen auf dem Gebiete der Außenpolitik, wo sich eine Zahl von Fragen zusammendrängt, die im umgekehrten Der. hältnis zu der Zahl der amtlichen oder politischen Persönlichkeiten steht, die sich in der augenblick­lichen Ferienzeit in London befinden. Die bevor­stehende Völkerbundstagung in Genf mit der hier nicht mehr bezweifelten Aufnahme Deutsch­lands in den Völkerbund überschattet alles, da man in ihr einen entscheidenden Wendepunkt der Nachkriegsgeschichte erblickt: Den legalisierten

Eintritt Deutschlands als Großmacht in die aktive Weltpolitik. Daß man sich schon jetzt fragt, welches Instrument Deutschland in dem Konzert der Mächte spielen wird, ist nicht erstaunlich. An Mißtönen in diesem Konzert fehlt cs keineswegs. Die von Spa­nien aufs Tapet gebrachte Tangerfrage be­schäftigt die Gemüter lebhaft. Der Standpunkt der englischen Regierung dazu ist sehr einfach. Zunächst wünscht sie keinerlei Verknüpfung der Tangerfrage mit der Frage des spanischen An­spruchs auf einen ständigen Ratssitz und will daher die Tangerfrage einscheidend erst n ach der Sep­tembertagung des Völkerbundes erörtert sehen. Außerdem ist ihr jede Regelung recht, die ihren strategischen und kommerziellen Interessen keinen Abbruw tut und ihr bei einer Enttäuichinig Spa­niens kein Odium ousbürdit. Für den jetzt in Uebcr- einftimmung mit Frankreich und mit Hufe des Ar­tikels 22 der Dölkerbundssatzung begründeten Wunsch, die Frage nicht durch Verleihung eines Völkerbundsmandates zu regeln, ist wohl das Bestreben verantwortlich, nicht noch mehr Nationen am Tangerproblem zu interessieren und dadurch besonders die strategische Kontrolle internationaler Beeinflussung auszusetzen. In der sicheren Erkenntnis, daß besonder» angesichts der italienisch-spanischen Entente die französischen Ein- wände gegen eine Lösung der Tangerfrage im Sinne der spanischen Forderung mindestens ebenso groß sind, wie die eigenen, zeigt sich in London die Neigung, diese Frage zu einer französisch, spanischen zu machen. Diese Neigung wird durch die Reibungen zwischen der französischen und der spanischen öffentlichen Meinung Tangers unter­stützt. Italien, dessen eigene Ansprüche auf eine Beteiligung an der Tangerverwaltung von Eng­land bisher immer gegen den französischen Wider­stand gefördert wurden, steht den spanischen Ansprüchen wohlwollend gegenüber und wird dies zweifellos auch in seiner Antwort auf das zum Er­staunen der Franzosen auch in Rom überreichte spanische Memorandum zum Ausdruck bringen. Diese ziemlich verwickelte Lage scheint ein ideale» Betätigungsfeld für die britische Diplomatie zu be­deuten, der es unschwer gelingen müßte, die übrigen Parteien untereinander zu einer Regelung kommen zu lassen, die die britischen strategischen und kom­merziellen Interessen in Tanger wahrt und zugleich England die Sympathie keiner der Parteien raubt.

Die Auseinandersetzungen zwischen der deutschen und der französischen Presse über die belgischen Verhandlungen betreffend Eupen und Mal- medy wurden hier eingehend verfolgt, jedoch nur von wenig eigenen Kommentaren begleitet. Diese Tatsache, sowie die ausführliche Wiedergabe des deutschen Standpunktes in der gesamten Presse ist ein Beweis dafür, daß sich in der für reale Fak­toren sehr empfänglichen öffentlichen Meinung des Landes allmaylich die Erkenntnis Bahn bricht, die auch bei der Erörterung dieser Frage durch ein liberales Organ zum Ausdruck kam, daß die Ge- sündung der europäischen Wirtschaft und damit der politischen Beziehungen viel wichtiger ist als ängst- liches Kleben an Paragraphen. Die Tatsache, daß gerade Belgien Verhandlungen geführt hat, die eine Revision des Vertrages von Versailles bedeu­teten und diese Verhandlungen erst ableugnete, als der französische Hahn krähte, haben ihren Eindruck nicht verfehlt.

Als Ereignis von größter Bedeutung für die britische Reichspolitik muß die Erklärung der japanischen Regierung über die Umstellung ihrer Auswanderunas Politik angesehen werden, wonach diese tn Ankunft darauf gerichtet sein wird, keine Auswanderer nach den Gebieten zu entsenden, in denen japanische Siedler un­erwünscht sind. Diese Meldung hat hier große Be­friedigung erzeugt, da die bisherige japanische Aus­wanderungspolitik zahlreiche Reibungsflächen, be­sonders in Australien, schuf, wo die Politik eines ..weißen Australien" ein von allen Parteien, auch der Arbeiterpartei, fanatisch hochgehaltener Grund­satz ist. Die Tatsache, daß augenblicklich auch eine japanische Delegation Australien bereist, wo sie nicht müde wird, auf die Notwendigkeit guter Be­ziehungen zwischen Ja van und Australien hinzu, weisen, kann darauf schließen lassen, daß die Um- stellung der japanischen Auswanderungspolitik eher als ein captatio benevolentiae des britischen Reichs und als Vorspiel enger Beziehungen angesehen werden kann, denn als Buhlen um die Gunst der Vereinigten Staaten. Die Notwendigkeit gemein- schafllicher politischer Richtlinien im fernen Osten für Großbritannien und Japan wird durch die Ereignisse in China, wo die Lage immer ver­wickelter wird und der Bürgerkrieg in Permanenz erklärt zu sein scheint, sicher nicht vermindert. Das gesamte Problem des Fernen Ostens wird einen

Bom jenifchen Volk.

Von E. Wittich, Cannstatt.

Unterjenisch" versteht man alles herum- ziehende Voll mit Ausnahme der Zigeuner. Die jenifchen Leute sindfahrende" Hausierer, wie die Schirmhändler, Sieb- und Blechmacher, Sche­renschleifer, Bürsten- und Desenbiirder, Kehler, Korb- und Wannenmacher, Geschirr- und Krug­leute (Händler mit Hafnergeschirr) usw. Alle diese reisenden Leute, ob aus Württemberg, Bayern, Baden und Hohenzollern, Elsaß, Tirol oder der Schweiz (mit anderen kam der Verfasser nicht in Berührung) sprechen überall unter sich ihre eigene Geheim- oder Berufssprache,3c- nisch". Daher auch die Bezeichnungenjenische" Leute,jenische" Sprache, die nur in Bayern nicht üblich sind, wo die fahrenden LeuteKratt- ler" genannt werden. Die jenische Sprache ist schon sehr alt. Ehemals handelte es sich um eine regelrechte Gaunersprache: heutzutage dient sie nur noch als harmlose Handelssprache und es wird nur zu dem Zweck, sich vor Allzuneugierigen abzuschließen,'jenisch gedibert". Auch hat die jenische Sprache mit der sogenannten Kunden- spräche" der Handwerksburschen oder gar mit Romanes" (Zigeunersprache) nichts gemein. Es gibt ganze Gemeinden, wo sich die Bewohner feit Menschenalter zu einem großen Teil mit dem Hausiergewerbe beschäftigen. Diele solche Hausierer haben sich auch einzeln tn den Dörfern niedergelassen und wohnen zerstreut im Lande. Wohl die meisten Hausiergemeinden besitzt Würt­temberg, das ja von jeher einen beträchtlichen Teil der .jenifchen" Landfahrer gestellt hat. Obenan steht da Lühenhardt im Schwarzwald, das bei 800 Einwohnern 300 Hausierer zählt. Lieber die Entstehung von Lützenhardt berichtet Schöll in seinem Buche über den .Konstanzer Hanns" (Tübingen 1787) das folgende:

Dieses Baron v. Rahlerische Dörfchen war nur erst ein Hof, den ein Meier mit einem

Schäfer bewohnte, daher es auch noch häufig bloß der Schafhof genannt wird. Vor ungefähr 30 Iahren (1750) aber fingen herumfährende Kehler, Schirmflicker, Wannenflicker, Kräuter­händler, Spielleute, Bürsten- und Besenbinder an, sich dort niederzulassen. Der Vater der Maria Göhringerin, Frau des Konstanzer Hanns oder, wie fein wahrer Raine gewesen ist, Herrenberger, Sohn eines vagierenden Schusters aus Konstanz, ein Scharfrichter und Medikaster, war der erste, der etliche Häuser daselbst baute, bald folgten andere nach, und in kurzer Zeit wuchs die Kolonie auf mehr als 30 Familien an. Diese bekamen von ihrem Schutzherrn zwar auch kleine Grund­stücke, behielten jedoch ihre vorherige Lebens­weise und ihr Gewerbe bei. Im Frühjahr, wenn sie ihr kleines Stück Feld bestellt haben, ziehen sie gruppenweise zum Hausieren unD Betteln in ganz Schwaben und tn der Schweiz herum. Das Dörfchen steht dann fast den ganzen Sommer hindurch leer: nur der Meier und ein Anwalt bleiben zurück. Erst im Herbst finden sich die Leute wieder in ihrem Dorf zusammen und bringen dort den Winter meist auf eine luftige Art hin. indem sie das, was sie im Sommer durch Arbeit und Bettel zusammengebracht haben, verschwenden.

In jüngerer Zeit ist Lützenhardt ein schönes Pfarrdorf geworden. Den Haupterwerbszweig bildet die Dürftenbinderei. Die Bewohner sehen ihre Dürstenwaren auf dem Wege des Hausierens ab. Daneben handeln sie noch mit Schirmen, Kurzwaren und Kleinwaren, in letzter Zeit auch mit .Walebuschen" (Anzugstoffen). Die Ware wird (meistens vom Mann) in der .Krähe" auf dem Rücken getragen. Die Frauen tragen ihre Last, denDürstenring" oder den,.Dürstenriemen" mit den angereihten Dürstenwaren auf der Schul­ter. Dis kurz vor dem Kriege war es noch Sitte, mit demWägele" auf die Reise zu gehen. Mit dem beginnenden Frühlingswetter, wenn die ersten Staren sich zeigten, gingen dieLützenhardter los, familienweise, mit Kind und Kegel. Unter

dem Jubel der Kinder wurde dasWägele" gepackt: Lag doch die öde Schulstube wieder eine Lange Zeit hinter ihnen! Die Gemeinde Lützen­hardt hatte nach einem Erlaß der württember­gischen Regierung die Erlaubnis, ihre Kinder von April bis September mitzunehmen. Die Kinder mußten aber zum Schulbesuch auch auf der Reise angehalten werden. Mit demSchul­büchlein" in der Hand, in das jeder Lehrer den Besuch seiner Schule zur Kontrolle einzutragen hatte, meldeten sich die Kinder in den auf dem Weg berührten Dörfern zum Unterricht. Viel kam da beim Lernen allerdings nicht heraus, denn die Lehrer waren jedesmal froh, wenn sie ihrefahrenden" Schüler wieder los waren. DieWägele" waren kleine, vierrädrige, mit einer Plane gedeckte Wagen, welche von den Leuten selbst gezogen werden mußten. Mancher hatte wohl auch einen großen Hund zum Ziehen vorgespannt. Die Wagen gewährten nur Schuh gegen Regen für die mit geführt en Sachen. Der Raum war beschränkt und im Innern waren deshalb nur die Betten und die wenigen Klei­dungsstücke verstaut. Schließlich wurde noch Platz gemacht für ein kleines Kind oder im Rot fall auch für eine erwachsene Person. Uebernachtet wurde in den altenHerbergen", bei Dauern, wo man jedes Iahr vorsprach undFechte" machte. Mit Stroh und den mitgeführten Betten wurde dasBiwak" in einer Scheune oder einem Schuppen auf geschlagen.

Bei schönem Wetter wurde manchmal auch blatt gemacht, d. h. man schlug das Rachtlager im Freien auf. Wenn man konnte, richtete man es auf den Sonntag so ein, daß man ein katholi­sches Dorf erreichte. Damit derSonntagsbraten" nicht fehlte, gings in dieStupfling (Igel). Bei Tag fing man die Igel selbst: nachts wurden sie durch sogenannte Igelhunde gesucht. Bekannt­lich ist Der Igel dieRationalspeise" der Zi­geuner. Wahrscheinlich haben daher die jenischen Leute, die auch alle Igelfleisch leidenschaftlich gern essen, das Erlegen und Verzehren des Igels

Den Zigeunern nachgemacht. Ein guterStupfel- kib" (Jgelhund) war seinem Besitzer nicht um viel Geld feil. Brachte eine Igeljagd keine Deute, dann verschmähte man u. TI. auch ein Hündchen nicht, das der Gesundheit auch nichts schadete. Das Gemüse zumBraten", das Holz zum Kochen fanD" man. Es kam den Leuten nicht in Den Sinn, daß solches Finden" llnredjt fein könne; man hielt dies für ganz natürlich, weil dasGe­fundene" zum notwendigen Lebensunterhalt ge­hörte. Das Reisen mit dem Wagen haben die Lützenhardter nun aber auf gegeben. Mein Bru­der war der letzteHofemer", der noch mit Dem Wägele" gefahren ist. Gleich nach Lützen­hardt folgen in Württemberg die (alle im Ober­amt Crailsheim gelegenen) Hausiergemeinden: ilnterbeufftetten, Matzenbach, Lautenbach und Wildenstein. Die Hauptwaren des Hausierhandels sind hier Geschirr, Steingut, Glas- und Ton- Waren, Wachstücher, Besen, Peitschen und Wetz­steine. Viele der Hausierer befassen sich auch mit Sammeln von Knochen und Lumpen sowie mit dem Eintausch von allem Zinn imt) Kupfer. Die Gutsherrschaft von ilnterbeufftetten feit 1794 die Freiherren von Senkendorf-Gudent förderte im 18. Jahrhundert die Ansiedlung mittelloser Leute zur Erhöhung des Kopfsteuer­ertrages, und die Rachkommen dieser Leute sind es, die den Geschirrhandel betreiben. In Burgberg, Oberamt Haiden heim, woselbst die Gutsherren, die Grafen von 0ettingen-Waller- ftein, im 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts allerlei heimatlose Leute aufnahmen, toaren sie früher meist auf den Bettel angewiesen. Die Ge­meinde muhte daher von 1855 bis 1876 unter Staatsaufsicht gestellt werden. In neuerer Zett haben sich die Verhältnisse bedeutend gebessert und es wird jetzt von dort aus lebhafter Hausier­handel getrieben in Woll- und Daumwollwaren, Korbwaren, verbunden mit Korb- und Kessel» flicken und Scherenschleifern Die Gemeinde Schlohberg (0.-21. Reresheim) ist Ende des 17. Jahrhunderts von den Grafen von Dettingen