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nr. 202 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, 50. August (926
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Die Herbstübungen in Süddeutschland.
Don unserem militärischen - Sonderberichterstatter.
Bad Mergentheim, 29. Aug. 1926.
Die Kraftwagen mit Offizieren, die seit dem Frühjahr immer wieder die Gegend zwischen Bad Mergentheim und Würzburg kreuz und quer auf Erlundungsfahrten für die Manöver durcheilt haben, sind seltener geworden: der Manöver- plan iZcint festzustehen und aus den Quartrer- anmeldungcn in Stadt und Land ist zu ersehen, daß der Nordostteil Württembergs, der Nord» ostzipsel Badens und die bayerische Provinz ttntersranttn vom 10. bis 23. September 14 Tage lang der Schauplatz äußerst regen militärischen Lebens sein werden. Zunächst finden im Divi- lionsrahmen die seit Kriegsschluh üblichen Partei- Manöver statt, zwischen dem 11. und 15. September 1926.
Die 5. südwestdeutsche Division unter dem Befehlshaber im Wehrkreise V, Herrn Generalleutnant Hasse, mit dem württembergischen Infanterie-Regiment 13, dem badischen Infanterie-Regiment 14, dem preußischen, hessischen, thüringischen Infanterie-Regiment 15 und dem aus Württembergern, Badener. Preußen und Hessen zusammengesetzten Artillerie- Regiment 5 hat für diese Ziehungen den Raum Gerabronn. Weikersheim, Mergentheim, Doxberg, Adelsheim, Künzelsau, der von der Iagst durchschnitten wird, ausgewählt. Man darf annehmen, daß sich u. a. um die Iagst interessante Kämpfe abspiclen werden, die schließlich mit dem nächtlichen Liebergang einer Partei enden werden. Gleichzeitig übt die 7. bayerische Division unter dem Befehl des Generalleutnant Frhrn. Kreß von Kressenstein mit den bayerischen Infanterie-Regimentern 19, 20 und 21 und dem bayerischen Artillerie-Regiment 7 nördlich davon zwischen Mergentheim und Würzburg.
Anschließend finden in derselben Gegend vom 17. bis 21. September Manöver der beiden Divisionen gegeneinander unter Leitung ihres Oberbefehlshabers, General der Infanterie Reinhardt, Gruppenkommando 2, Kassel, statt, der sich um den Aufbau des jetzigen Reichsheeres als preußischer Kriegsminister die größten Verdienste erworben und während seiner dreijährigen Tätigkeit als Kommandeur der 5. Division in Württemberg, Baden und Hessen sich bei Volk und Heer große Sympathien erworben hat.
1909 war das letzte (Kaiser)-Manöver unter Beteiligung von fünf Armeekorps gegen jetzt zwei Divisionen in dieser Gegend. Da ist es kein Wunder, daß die Bevölkerung in dem württembergischen, badischen und bayerischen Grenzgebiet mit großer Spannung der nach so vielen Iahren gerne wieder einmal aufgenommenen Einquartierung und dem durch die veränderte Kriegstechnik und Taktik ungewohnten militärischen Leben und Treiben entgegensieht. Aber weit über die Manöverbezirke hinaus regt sich das Interesse aller Schichten unseres Volkes, seit bekannt geworden ist, daß der Reichspräsident v. Hin den- b u rg in Begleitung d es Reichswehrministers Dr. Geßler, des Chefs der Heeresleitung Generaloberst v. Seeckt und einer Reihe höherer Offiziere des Reichswehrministeriums selbst einen Tag den Divisionsmanövern beiwohnen und in Mergentheim mit den Spitzen und Ministerpräsidenten der süddeutschen Länderregierungen zusammen sein wird. So wird die Saison in Bad Mergentheim dieses Iahr nach der Hundertjahrfeier noch einen zweiten Höhepunkt und feierlichen Abschluß erleben.
Brüsseler Brief.
(Don unserem nach »
Brüssel entsandten W. Z.-Sonderberichterstatter.) Brüssel, 29. August 1926.
Eines sei vorausgeschickt: von Brüssel aus betrachtet, sieht sich die ganze Eupe n-Mairn ed h -Frage wesentlich anders an, als von Paris aus gesehen. Dies hat seine guten Gründe. In der deutschen Öffentlichkeit hat man vielfach der offiziösen Verlautbarung der deutschen Regierung über die bisherigen Eupen-Malmedy- Verhandlungen nicht die gebührende Beachtung geschenkt, trotzdem dieses Kommunique zweifel- )s sehr interessante Schlüsse zuläßt. Wichtig ist z. D. die Feststellung, daß die ganze Anregung, wegen Eupen und Malmedy mit Deutsch
land zu verhandeln, von belgischer Seite ausgegangen ist. Es waren maßgebeirde Persönlichkeiten, wie Delacroix, Franque, Dandervelde, u. a.. die in Gesprächen mit dein Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht auch die Frage der Anerkennung der deutschen, iwch in Belgien befindlichen Marlbeständc anschnitteir. Reichsbankpräsident Dr. Schacht hat diesen Gedanken sofort aufgegriffen, und so gelangte man bald zu einem Vorschläge, daß Belgien unter Llmständen Eupen und MalmedH zurückgeben würde, wenn Deutschland besonderes Entgegenkommen zeigte in der Frage dieser Markbestände. Man hat in diesem Zusammenhang davon gesprochen, daß Deutschland vielleicht eine Milliarde Goldmark zahlen würde, um dafür Eupen und Malmedy wiederzubekommen und andererseits die belgischen Ansprüche aus die Papiermark in Belgien abzugelren. Diese offiziösen Verhandlungen waren zweifellos im Gange, und zwar mit Wissen der beiderseitigen Regierungen, als sie hauptsächlich von Paris gestört wurden, als Franque Minister geworden war. Es war damit Poincare ein leichtes geworden, den Weg für weitere Verhandlungen zu verbarrikadieren. Diese vorläufige Unterbrechung bedauert man in Belgien — um dies iroch einmal hervorzuhcben — außerordentlich. Belgien orientiert sich viel stärker nach England hin, als man es in Paris wahr haben möchte. Andererseits wird der Lin-
Geschäftsleben in Brüssel stockt, cd fehlt an Bargeld, die neuen Steuern drücken empfindlich. Für alles und jedes muß eine besondere Steuer entrichtet werden, selbst für die geringste Rechnung im Restaurant. Trotzdem ist das Leden in Brüssel im allgemeinen recht billig, auch öic Verkehrsmittel. Die Fahrt Antwerpen-Drüfsei des „Train Bloc' lostet z. B. augenblicklich 15,30 Franks in der ersten. 10,60 Franks in der zweiten und 6,10 Franks in der dritten Klasse. Ein Billei Antwcrven-Ostende kostet 46,30 Franks in der ersten. 31,90 Franks in der zweiten und 18,10 Franks in der dritten Klasse. Eine Straßenbahnoder Omnibusfahrt vom Rord- zum Südbahnhof in Brüssel kostet 35 Centims. Man kann für 10 bis 15 Franks überall gut und reichlich essen: noch heute kostet z. B. eine Tasse guten Kaffees in einem der bekanntesten Brüsseler Restaurants gegenüber der Börse 1.25 Franks. Der teuerste Platz in der Königlichen Oper, dem Theatre de la Monnaie, kostet mit sämtlichen Abgaben und Steuern 25 Franks, der teuerste Platz in den vornehmsten Brüsseler Kinos 8 Franks.
Schließlich muß auch in dec viel erörterten Frage des Deutschenhasses in Belgien manches Vorurteil richtiggestellt werden. Gewiß ist die Stimmung in Belgien gegen Deutschland weit gehässiger als z. B. in Paris, aber von Ausfällen gegen die Deutschen merkt man im allgemeinen, wenigstens in den Großstädten, gar nichts. Aller
LEtmgsfiihisreii und gutes Schaufenster?
dem Käufer vermittelt durch packende Zeitungsanzeigen in der Heimatpreffe beleben das Geschäft!
Wille am Quai d'Orsay über die Möglichkeit einer deutsch-belgischen Annäherung immer größer. In Brüssel hat man sehr wohl erkannt, daß das Heil Belgiens nicht ausschließlich davon abhangt, daß man sich auf Tod und Leben Frankreich verschreibt.
Belgien steht zweifellos vor einer sehr schweren Wirtschaftskrisis. Die belgische Regierung weiß vorläufig noch nicht, mit welchen Mitteln sie dieser Krisis Herr werden soll. Es finden in Belgien bereits große Sach- wertverkäuse statt: holländisches und amerikanisches Kapital faßt in Belgien festen Fuß. Die belgische Industrie verkauft bereits stark ans Ausland. Amerika hat z. B. die gesamte Produktion der Feuerzeugfabriken von Boom gekauft. und zwar für den lächerlich geringen Preis von 26 Dollar für 1000 Stück, d. h. für etwa einen belgischen Papierfranken das Feuerzeug. Dieselbe Ware bezahlte Belgien vor dem Kriege 17 bis 20 mal so hoch. Auch die Zeitungen beginnen in Belgien sich sehr stark einzuschränken. Das Zeitungspapier ist bereits 12mal so teuer als vor dem Kriege. Große Blätter, wie z. D. die Inbäpendance Beige, schränken ihr Erscheinen । stark ein und lassen ganze Rummern ausfallen, | wie z. D. die Montag-Morgen-Ausgabe. Das
dings gibt es in Antwerpen wie in Brüssel z. B. noch einige Läden, in deren Schaufenstern große Plakate hängen »Wir verkaufen nie wieder deutsche Erzeugnisse". Das bleiben aber Einzelerscheinungen. Zu bedenklichen Zwischenfällen ist es tatsächlich in den Seebädern gekommen, besonders in Blankenberghe. Man muh aber zugeben, daß, wenn es hier zu Zusammenstößen zwischen Deutschen und Belgiern gekommen ist, die Deutschen nicht immer frei von Schuld daran waren.
Londoner Brief.
Von unserem l-Korrespondenten.
London, 28. August.
Das Schwergewicht der politischen Ereignisse der vergangenen Woche lag vollkommen auf dem Gebiete der Außenpolitik, wo sich eine Zahl von Fragen zusammendrängt, die im umgekehrten Der. hältnis zu der Zahl der amtlichen oder politischen Persönlichkeiten steht, die sich in der augenblicklichen Ferienzeit in London befinden. Die bevorstehende Völkerbundstagung in Genf mit der hier nicht mehr bezweifelten Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund überschattet alles, da man in ihr einen entscheidenden Wendepunkt der Nachkriegsgeschichte erblickt: Den legalisierten
Eintritt Deutschlands als Großmacht in die aktive Weltpolitik. Daß man sich schon jetzt fragt, welches Instrument Deutschland in dem Konzert der Mächte spielen wird, ist nicht erstaunlich. An Mißtönen in diesem Konzert fehlt cs keineswegs. Die von Spanien aufs Tapet gebrachte Tangerfrage beschäftigt die Gemüter lebhaft. Der Standpunkt der englischen Regierung dazu ist sehr einfach. Zunächst wünscht sie keinerlei Verknüpfung der Tangerfrage mit der Frage des spanischen Anspruchs auf einen ständigen Ratssitz und will daher die Tangerfrage einscheidend erst n ach der Septembertagung des Völkerbundes erörtert sehen. Außerdem ist ihr jede Regelung recht, die ihren strategischen und kommerziellen Interessen keinen Abbruw tut und ihr bei einer Enttäuichinig Spaniens kein Odium ousbürdit. Für den jetzt in Uebcr- einftimmung mit Frankreich und mit Hufe des Artikels 22 der Dölkerbundssatzung begründeten Wunsch, die Frage nicht durch Verleihung eines Völkerbundsmandates zu regeln, ist wohl das Bestreben verantwortlich, nicht noch mehr Nationen am Tangerproblem zu interessieren und dadurch besonders die strategische Kontrolle internationaler Beeinflussung auszusetzen. In der sicheren Erkenntnis, daß besonder» angesichts der italienisch-spanischen Entente die französischen Ein- wände gegen eine Lösung der Tangerfrage im Sinne der spanischen Forderung mindestens ebenso groß sind, wie die eigenen, zeigt sich in London die Neigung, diese Frage zu einer französisch, spanischen zu machen. Diese Neigung wird durch die Reibungen zwischen der französischen und der spanischen öffentlichen Meinung Tangers unterstützt. Italien, dessen eigene Ansprüche auf eine Beteiligung an der Tangerverwaltung von England bisher immer gegen den französischen Widerstand gefördert wurden, steht den spanischen Ansprüchen wohlwollend gegenüber und wird dies zweifellos auch in seiner Antwort auf das zum Erstaunen der Franzosen auch in Rom überreichte spanische Memorandum zum Ausdruck bringen. Diese ziemlich verwickelte Lage scheint ein ideale» Betätigungsfeld für die britische Diplomatie zu bedeuten, der es unschwer gelingen müßte, die übrigen Parteien untereinander zu einer Regelung kommen zu lassen, die die britischen strategischen und kommerziellen Interessen in Tanger wahrt und zugleich England die Sympathie keiner der Parteien raubt.
Die Auseinandersetzungen zwischen der deutschen und der französischen Presse über die belgischen Verhandlungen betreffend Eupen und Mal- medy wurden hier eingehend verfolgt, jedoch nur von wenig eigenen Kommentaren begleitet. Diese Tatsache, sowie die ausführliche Wiedergabe des deutschen Standpunktes in der gesamten Presse ist ein Beweis dafür, daß sich in der für reale Faktoren sehr empfänglichen öffentlichen Meinung des Landes allmaylich die Erkenntnis Bahn bricht —, die auch bei der Erörterung dieser Frage durch ein liberales Organ zum Ausdruck kam —, daß die Ge- sündung der europäischen Wirtschaft und damit der politischen Beziehungen viel wichtiger ist als ängst- liches Kleben an Paragraphen. Die Tatsache, daß gerade Belgien Verhandlungen geführt hat, die eine Revision des Vertrages von Versailles bedeuteten und diese Verhandlungen erst ableugnete, als der französische Hahn krähte, haben ihren Eindruck nicht verfehlt.
Als Ereignis von größter Bedeutung für die britische Reichspolitik muß die Erklärung der japanischen Regierung über die Umstellung ihrer Auswanderunas Politik angesehen werden, wonach diese tn Ankunft darauf gerichtet sein wird, keine Auswanderer nach den Gebieten zu entsenden, in denen japanische Siedler unerwünscht sind. Diese Meldung hat hier große Befriedigung erzeugt, da die bisherige japanische Auswanderungspolitik zahlreiche Reibungsflächen, besonders in Australien, schuf, wo die Politik eines ..weißen Australien" ein von allen Parteien, auch der Arbeiterpartei, fanatisch hochgehaltener Grundsatz ist. Die Tatsache, daß augenblicklich auch eine japanische Delegation Australien bereist, wo sie nicht müde wird, auf die Notwendigkeit guter Beziehungen zwischen Ja van und Australien hinzu, weisen, kann darauf schließen lassen, daß die Um- stellung der japanischen Auswanderungspolitik eher als ein captatio benevolentiae des britischen Reichs und als Vorspiel enger Beziehungen angesehen werden kann, denn als Buhlen um die Gunst der Vereinigten Staaten. Die Notwendigkeit gemein- schafllicher politischer Richtlinien im fernen Osten für Großbritannien und Japan wird durch die Ereignisse in China, wo die Lage immer verwickelter wird und der Bürgerkrieg in Permanenz erklärt zu sein scheint, sicher nicht vermindert. Das gesamte Problem des Fernen Ostens wird einen
Bom jenifchen Volk.
Von E. Wittich, Cannstatt.
Unter „jenisch" versteht man alles herum- ziehende Voll mit Ausnahme der Zigeuner. Die jenifchen Leute sind „fahrende" Hausierer, wie die Schirmhändler, Sieb- und Blechmacher, Scherenschleifer, Bürsten- und Desenbiirder, Kehler, Korb- und Wannenmacher, Geschirr- und Krugleute (Händler mit Hafnergeschirr) usw. Alle diese reisenden Leute, ob aus Württemberg, Bayern, Baden und Hohenzollern, Elsaß, Tirol oder der Schweiz (mit anderen kam der Verfasser nicht in Berührung) sprechen überall unter sich ihre eigene Geheim- oder Berufssprache, „3c- nisch". Daher auch die Bezeichnungen „jenische" Leute, „jenische" Sprache, die nur in Bayern nicht üblich sind, wo die fahrenden Leute „Kratt- ler" genannt werden. Die jenische Sprache ist schon sehr alt. Ehemals handelte es sich um eine regelrechte Gaunersprache: heutzutage dient sie nur noch als harmlose Handelssprache und es wird nur zu dem Zweck, sich vor Allzuneugierigen abzuschließen,' „jenisch gedibert". Auch hat die jenische Sprache mit der sogenannten „ Kunden- spräche" der Handwerksburschen oder gar mit „Romanes" (Zigeunersprache) nichts gemein. — Es gibt ganze Gemeinden, wo sich die Bewohner feit Menschenalter zu einem großen Teil mit dem Hausiergewerbe beschäftigen. Diele solche Hausierer haben sich auch einzeln tn den Dörfern niedergelassen und wohnen zerstreut im Lande. Wohl die meisten Hausiergemeinden besitzt Württemberg, das ja von jeher einen beträchtlichen Teil der .jenifchen" Landfahrer gestellt hat. Obenan steht da Lühenhardt im Schwarzwald, das bei 800 Einwohnern 300 Hausierer zählt. Lieber die Entstehung von Lützenhardt berichtet Schöll in seinem Buche über den .Konstanzer Hanns" (Tübingen 1787) das folgende:
Dieses Baron v. Rahlerische Dörfchen war nur erst ein Hof, den ein Meier mit einem
Schäfer bewohnte, daher es auch noch häufig bloß der Schafhof genannt wird. Vor ungefähr 30 Iahren (1750) aber fingen herumfährende Kehler, Schirmflicker, Wannenflicker, Kräuterhändler, Spielleute, Bürsten- und Besenbinder an, sich dort niederzulassen. Der Vater der Maria Göhringerin, Frau des Konstanzer Hanns oder, wie fein wahrer Raine gewesen ist, Herrenberger, Sohn eines vagierenden Schusters aus Konstanz, ein Scharfrichter und Medikaster, war der erste, der etliche Häuser daselbst baute, bald folgten andere nach, und in kurzer Zeit wuchs die Kolonie auf mehr als 30 Familien an. Diese bekamen von ihrem Schutzherrn zwar auch kleine Grundstücke, behielten jedoch ihre vorherige Lebensweise und ihr Gewerbe bei. Im Frühjahr, wenn sie ihr kleines Stück Feld bestellt haben, ziehen sie gruppenweise zum Hausieren unD Betteln in ganz Schwaben und tn der Schweiz herum. Das Dörfchen steht dann fast den ganzen Sommer hindurch leer: nur der Meier und ein Anwalt bleiben zurück. Erst im Herbst finden sich die Leute wieder in ihrem Dorf zusammen und bringen dort den Winter meist auf eine luftige Art hin. indem sie das, was sie im Sommer durch Arbeit und Bettel zusammengebracht haben, verschwenden.
In jüngerer Zeit ist Lützenhardt ein schönes Pfarrdorf geworden. Den Haupterwerbszweig bildet die Dürftenbinderei. Die Bewohner sehen ihre Dürstenwaren auf dem Wege des Hausierens ab. Daneben handeln sie noch mit Schirmen, Kurzwaren und Kleinwaren, in letzter Zeit auch mit .Walebuschen" (Anzugstoffen). Die Ware wird (meistens vom Mann) in der .Krähe" auf dem Rücken getragen. Die Frauen tragen ihre Last, den „Dürstenring" oder den,.Dürstenriemen" mit den angereihten Dürstenwaren auf der Schulter. Dis kurz vor dem Kriege war es noch Sitte, mit dem „Wägele" auf die Reise zu gehen. Mit dem beginnenden Frühlingswetter, wenn die ersten Staren sich zeigten, gingen dieLützenhardter los, familienweise, mit Kind und Kegel. Unter
dem Jubel der Kinder wurde das „Wägele" gepackt: Lag doch die öde Schulstube wieder eine Lange Zeit hinter ihnen! Die Gemeinde Lützenhardt hatte nach einem Erlaß der württembergischen Regierung die Erlaubnis, ihre Kinder von April bis September mitzunehmen. Die Kinder mußten aber zum Schulbesuch auch auf der Reise angehalten werden. Mit dem „Schulbüchlein" in der Hand, in das jeder Lehrer den Besuch seiner Schule zur Kontrolle einzutragen hatte, meldeten sich die Kinder in den auf dem Weg berührten Dörfern zum Unterricht. Viel kam da beim Lernen allerdings nicht heraus, denn die Lehrer waren jedesmal froh, wenn sie ihre „fahrenden" Schüler wieder los waren. — Die „Wägele" waren kleine, vierrädrige, mit einer Plane gedeckte Wagen, welche von den Leuten selbst gezogen werden mußten. Mancher hatte wohl auch einen großen Hund zum Ziehen vorgespannt. Die Wagen gewährten nur Schuh gegen Regen für die mit geführt en Sachen. Der Raum war beschränkt und im Innern waren deshalb nur die Betten und die wenigen Kleidungsstücke verstaut. Schließlich wurde noch Platz gemacht für ein kleines Kind oder im Rot fall auch für eine erwachsene Person. — Uebernachtet wurde in den alten „Herbergen", bei Dauern, wo man jedes Iahr vorsprach und „Fechte" machte. Mit Stroh und den mitgeführten Betten wurde das „Biwak" in einer Scheune oder einem Schuppen auf geschlagen.
Bei schönem Wetter wurde manchmal auch „blatt“ gemacht, d. h. man schlug das Rachtlager im Freien auf. Wenn man konnte, richtete man es auf den Sonntag so ein, daß man ein katholisches Dorf erreichte. Damit der „Sonntagsbraten" nicht fehlte, gings in die „Stupfling (Igel). Bei Tag fing man die Igel selbst: nachts wurden sie durch sogenannte Igelhunde gesucht. Bekanntlich ist Der Igel die „Rationalspeise" der Zigeuner. Wahrscheinlich haben daher die jenischen Leute, die auch alle Igelfleisch leidenschaftlich gern essen, das Erlegen und Verzehren des Igels
Den Zigeunern nachgemacht. Ein guter „Stupfel- kib" (Jgelhund) war seinem Besitzer nicht um viel Geld feil. Brachte eine Igeljagd keine Deute, dann verschmähte man u. TI. auch ein Hündchen nicht, das der Gesundheit auch nichts schadete. Das Gemüse zum „Braten", das Holz zum Kochen „fanD" man. Es kam den Leuten nicht in Den Sinn, daß solches „ Finden" llnredjt fein könne; man hielt dies für ganz natürlich, weil das „Gefundene" zum notwendigen Lebensunterhalt gehörte. — Das Reisen mit dem Wagen haben die Lützenhardter nun aber auf gegeben. Mein Bruder war der letzte „Hofemer", der noch mit Dem „Wägele" gefahren ist. — Gleich nach Lützenhardt folgen in Württemberg die (alle im Oberamt Crailsheim gelegenen) Hausiergemeinden: ■ilnterbeufftetten, Matzenbach, Lautenbach und Wildenstein. Die Hauptwaren des Hausierhandels sind hier Geschirr, Steingut, Glas- und Ton- Waren, Wachstücher, Besen, Peitschen und Wetzsteine. Viele der Hausierer befassen sich auch mit Sammeln von Knochen und Lumpen sowie mit dem Eintausch von allem Zinn imt) Kupfer. — Die Gutsherrschaft von ilnterbeufftetten — feit 1794 die Freiherren von Senkendorf-Gudent — förderte im 18. Jahrhundert die Ansiedlung mittelloser Leute zur Erhöhung des Kopfsteuerertrages, und die Rachkommen dieser Leute sind es, die den Geschirrhandel betreiben. — In Burgberg, Oberamt Haiden heim, woselbst die Gutsherren, die Grafen von 0ettingen-Waller- ftein, im 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts allerlei heimatlose Leute aufnahmen, toaren sie früher meist auf den Bettel angewiesen. Die Gemeinde muhte daher von 1855 bis 1876 unter Staatsaufsicht gestellt werden. In neuerer Zett haben sich die Verhältnisse bedeutend gebessert und es wird jetzt von dort aus lebhafter Hausierhandel getrieben in Woll- und Daumwollwaren, Korbwaren, verbunden mit Korb- und Kessel» flicken und Scherenschleifern — Die Gemeinde Schlohberg (0.-21. Reresheim) ist Ende des 17. Jahrhunderts von den Grafen von Dettingen


