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Nr. 176 Erstes Blatt
176. Jahrgang
Zreitag, 50. Juli 1926
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: vrühl'sche Univerffläts-Vuch- und Zteindruckerei H. Lange in Stehen. Schnstleitung und Seschäftsjtelle: Zchulftrahe 7.
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Italien und der Tessin.
Don unserem E. V.-Berichterstatter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Zürich, Ende Juli'1926.
Das Hauptinteresse der Schweiz beanspruchen gegenwärtig die Wühlereien italienischer Blätter gegen den Tessin. Die Hetze begann im italienischen Dlttt „©ecolo“ und andere traten in die gleichen "Fuhtrpfen. Schon in der letzten Früh- lahrssession des Tessiner Großen Rates war eine italienische Einmischung in tessinische Hausangelegenheiten Gegenstand eingehender Behandlung. Der italienische Konsul verlangte nämlich von einzelnen Gemeinden Ausschlüsse über den Kauf von tessinischen Landgütern durch Deutsche, sowie eine Statistik über die Der- mögensverhältnisse von t m Tessin wohnenden Italienern. Daß sich die Gemeinden gegen ein solches Ansinnen wehrten und auch den Schuh der Kantonsregierung fanden, ist selbstverständlich. And nun kommen die italienischen Blätter und schreiben über eine „Verdeutschung" des Tessin. Dre italienischen Zettungen, die ja alle mehr oder weniger Regierungsblätter sind, rufen von einer Gefahr Italiens, die durch die „Germanisierung des Tessin" heraufbeschworen werde. Aus den spaltenlangen Ausführungen des „Secolo" müssen besonders folgende Worte herausgehoben werden: „Die 140 000 italienischen Eidgenossen des Tessin stellten in der Schweiz eine Art ideale Bürgschaft der italienischen Rasse für die Neutralität der schweizerischen Eidgenossenschaft dar und bildeten eine moralische Garantie für Italien, wo der italienische Alpenkreis nicht der politischen Grenze entspricht. Wir atmen freier, wenn die schweizerische Neutralität uns 100 Kilometer von Mailand entfernt von 140 000 Eidgenossen bekräftigt wird." Diese Feststellungen zeigen, wie Italien beginnt, sich in innere schweizerische Angelegenheiten zu mischen.
Bei diesen höchst unerfreulichen Tatsachen ist es nur zu begreiflich, dah sich der freie Schweizer- aeist gegen solche fremden Liebergriffe auflehnt. In aller Ruhe, aber mit unzweideutiger Klarheit antwortete die Schweizer Presse unfern südlichen Nachbarn. Offenbar hat die italienische Presse vergessen, daß unser Land ein souveräner Staat ist, und glaubt daher, so eine Art Inspektion in unserem Hause ausüben zu können. Man greift sich hier an den Kopf über die unglaublichen Entstellungen, welche der „Secolo'^-Heh- apostel sich leistet. Er schreibt: „Im Jahre 1925 wurden im Kanton Tessin Häuser, Besitzungen, Kulturland und unbebaubares Land im Werte von 17 301 050 Fr. verkauft. Von dieser Summe entfallen auf die Gebiete Lugano, Bellinzona, Locarno und Mandrisio 16 Millionen Fr. Gegen unsere (wohlverstanden italienische) Grenze hin, wo die Erde weniger unfruchtbar ist, wo die Gegend viele Schönheiten bietet und die Ortschaften dichter gesät sind, waren die Landverkäufe am häufigsten." Nun folgen natürlich noch, um ja mit Teufels Gewalt das Schreckgespenst der Germanisierung des Tessin an die Wand zu malen, ebenso irreführende statistische Angaben über die Käufer und deren Nationalität. Es heißt da: „Demnach gingen von hundert verkauften Tessiner Besitzungen 45 in die Hände anderer Tessiner oder italienischer Staatsangehöriger, fünf in die Hände von Angehörigen verschiedener Staaten und 50 in die von Deutschschweizern und Reichsdeutschen über. Dies ist der beste Beweis, bah der deutsche Einfluß an unserer Grenze beträchtlich ist."
Dabei hat sich aber der Mann gründlich verrechnet: Nach den Veröffentlichungen des schweizerischen Statistischen Bureaus kommt der bekannte Stattstiker Amman zum Schluß, daß neben den fremden Niedergelassenen im Tessin die Angehörigen anderer Staaten als Italien gar nicht in Betracht fallen, da die Reichsitaliener 93 Prozent aller Fremden ausmachen, in Lugano und ßoearno 87 bis 89 Prozent, im Miso? 98 Prozent. Von den Ein- bürgerungeir, die von 1915 22 stattfanden sind 94 Prozent Italiener. Wie Amman betont, sind von 8500 Deutschsprachigen im Tessin vier Fünftel Deutschschweizer, ein Fünftel Reichsdeutsche und Oesterreicher. So stehen also die Dinge im Tessin Wo in aller Welt kann man da von einer Verdeutschung des Tessin reden? Die ita- . Ironische Presse unternimmt da ganz systematisch heftige Angriffe gegen eine Frage, die i n W i r k- lichkeit gar nicht existiert Sämtliche Tessiner Blätter erteilen der italienischen Presse eine gründliche Abfuhr, die sie wohl nick> erwartete. So schreibt u, a. das Tessiner Blatt „Popolo e Liberia" unter dem Titel „Eine neue Welle von Beleidigungen gegen den Teslin. alle Eidgenossen sind mit uns': „Die Ereignisse haben einen Punft erreicht, wo es ein Verbrechen Ware, zu schweigen und eine gefährliche Gleichgültigkeit, mit den Schultern zu zucken.
Ja fürwahr die italienischen Angriffe sind ernst zu nehmen! Ausgerechnet im deutschen Bozen, wo die deutsche Presse ausgemerzt wurde, erhebt stolz ein Faszistenb.altchen fein Haupt mit dem Vorschlag, d e italieni.che Re- gierung sollte einfach ein Projekt^fur eine regelrechte Kolonisierung d e s T e s s i n durch italienische Arbeiter ausarbettcn und zur Durchführung bringen. Für die en Dorsch.ag erhielt das Blatt bereits die Zustimmung ^an- naccis. des ehemaligen Sekretärs der falzis.ilchen Partei. Ein in unmittelbarer Nähe der Tessiner Grenze erscheinendes Blatt ergießt sich Wutausbrüche und Schmähungen gegen Doti unb Land. Die tieftraurige Kampagne geht allo,
Neue Krisenstimmung in Paris.
Der „Retter" Poincars.
Von unserem Pariser W. 8.-Korrespondenten.
Paris. 29. Juli 1926.
Die Lage des Kabinetts hat sich in den letzten 24 Stunden entschieden verschlechtert. Die Widerstände gegen die Finanzprojefte der Regierung sind im Wachsen begriffen. In parlamentarischen Kreisen verlautet, daß auf Seiten der Linken die Absicht besteht, die Regierung bei der kommenden Finanzdebatte zu stürzen. Hierzu dürften die Gruppen der Linken vielfach Gelegenheit haben, da der Ministerpräsident erklärt hat. daß er bei jedem einzelnen Paragraphen des Finanzprojektes die Vertrauensfrage stellen würde. Die Kammer wird sich morgen zunächst mit dem Antrag des Abgeordneten D a r e t y befassen, der die Aufhebung des Rechts auf Einbringung von Zusatz- und Abänderungsanträgen verlangen wird. Zweifellos wird dieser Anttag auf heftige Opposition der verschiedensten Gruppen stoßen.
Der großen Mehrheit der Kammer erschien Poincare als der Retter. Der Kommunist Cachin drückte dies in seiner besonderen Art anläßlich der ungeheuerlichen Demonstration in der letzten Kammersihung, als Poincarö die Rednertribüne betreten hatte, in den Worten aus: „Sie sieht man auch immer nur häe r in den Ze i- t en des Unglück s." Die 13 angeblich besten Köpfe der französischen Kammer haben sich zu der neuen Regierung zusammengefunden. Ihre erste große Tat sollten diese Finanzprojekte sein. Aber man kann wirklich mit der „Victoire" fragen: „Das ist alles?" Steckt in diesem em» fangreichen Dokument mit zahllosen Anhängen überhaupt nur irgend eine Spur eigener Initiative, irgend ein eigener neue Gedanke des verantwortlichen neuen Leiters der französischen Finanzpolittt? Nein. Er hat sehr viel aus den Plänen seiner Vorgänger übernommen, aus ihren Entwürfen einen neuen Entwurf mühsam zusammengestoppelt und sucht damit sich und das Land eine Zeitlang über Wasser zu halten.
Es ist schon so: das französische Staatsschiff hat Schiffbruch erlitten. 500 Deputierte klammern sich an die Schiffstrümmer und treiben auf den aufgeregten Wogen umher. Sie möchten sich gerne noch eine Zeitlang über Wasser halten. Sie fragen nicht, wohin sie treiben; das bleibt ihnen völlig gleichgültig, wenn sie nur noch eine Zeitlang leben und nicht sofort untergehen.
In den neuen Finanzprojekten, um die so großes Aufhebens gemacht wurde, finden sich drei Hauptgedanken: Erhöhung der indirekten Steuern, ilmtoanblung der Sätze für die direkten Steuern und Schaffung einer Aßwrtisationskasse durch eine neue Gestaltung der Erbschaftssteuer und Ersparnisse in den öffentlichen Verwaltungen. Nichts weiter. Das war wirklich keine Großtat. Die Enttäuschung über die Finanzpläne Paincares ist daher heute schon allgemein. Poincarö hat ausschließlich eine Reihe von neuen fiskalischen Operationen vorgeschlagen. Einen wirklich großzügigen Finanzplan aber vermochte auch er dem Lande nicht zu bieten. Poincare erscheint als Steuer-Exekutor, aber nicht als das erwartete große Finanzgenie.
Die parlamentarische Basis, auf die er sich vorläufig stützt, ist groß. Sie würde sofort bedenklich verringert, wenn die Opposition sich zusammenschlösse. Aber die Anhänger des wirklich schöpferischen und auf finanziellem Gebiet weit größeren C a i l l a u x können sich unter den gegenwärtigen älmftänöen unmöglich mit der anderen Hälfte der Opposition, den Sozialisten, zusammenschliehen. Wäre dies der Fall, so würde auch das Kabinett Poincare, diese sogenannte Regierung der großen nationalen Einigung, sofort von der Kammer gestürzt. Poincare ist sich dieser Gefahr durchaus bewußt. Daher nämlich seine Eile. So schwach die Opposition in der Kammer gegenwärtig auch noch sein mag. sie kann bald lawinenartig anschwellen angesichts der so großen Unzufriedenheit des Landes, dem
jetzt wieder neue Steuern aufgebürbet werden sollen ohne daß auch nur die geringste Aussicht besteht, daß damit auf die Dauer die französischen Staatsfinanzen wieder in Ordnung kommen und die Währung stabilisiert wird.
Was Poincarö vorschlägt, sind weniger als Halde Maßnahmen, das sind M i t t e l ch c n , die nur dazu führen werden, daß die internationale Finanz jetzt nur um so rascher und sicherer Frankreich einem Dawesplan unterstellt, um so von außen her seine völlig zerrütteten Staatsfinanzen wieder in Ordnung zu bringen, nachdem der „Retter in höchster Gefahr" sich gleichfalls unfähig erwiesen hat.
Annahme der Hinanzprojekte im Uammerausschutz.
Paris, 29. Juli. ($11.) Die Finanzkommission der Kammer, die gestern um Mitternacht ihre Verhandlungen abgebrochen hatte, setzte heute vormittag um 10 älhr ihre Beratungen fort. Gleich zu Beginn der Verhandlungen zeigte sich, dah die Situation sich seit gestern weit schwieriger gestaltet hatte. Zunächst wurde heute die Erhöhung der Bezüge der Beamten mit 15 gegen 8 Stimmen angenommen. Ferner wurde der gestern noch nicht erledigte Teil der Finanz- Projekte der Regierung durchberaten, wobei von verschiedenen Abgeordneten Abänderungsvorschläge gemacht wurden. In der Nach- mittagssihung der Finanzkommission hat Poincare als Finanzminister zunächst noch einmal in einem längeren Bericht die finanzielle Lage dargestellt und erklärt, dah die Regierung keine Abänderungs- oder Zusahanträge z u l a s s e n könne, lediglich ein im Einverständnis mit dem Finanzministerium eingebrachter Zusatz- antrag, nach dem ein Betrag von 200 Millionen ' Franken für die Erhöhung der Pensionen der staatlichen Beamten und Angestellten zur Verfügung gestellt werden soll, könne von Seiten der Regierung zugelassen werden.
Der Finanzausschuß hat bann mit 19 gegen 13 Stimmen bei einer Stimmenthaltung die Finanzorojekte des Kabinetts Poincare gebilligt und alle oortiegenden Zusah- und Abände- rungsankräge abgelehnt.
Im Anschluß an die Sitzung begafl sich der Vorsitzende der Finanzkommission, Simon, zum Kammerpräsidenten P e r e t, um diesen von dem Beschluß der Kommission in Kenntnis zu sehen. Der Kammerpräsident erklärte, daß nach der eben angenommenen, neuen beschleunigten Geschäftsordnung zwischen der Veröffentlichung des Kommissionsberichtes und der Eröffnung der Aussprache im Plenum lediglich eine Frist von 24 Stunden liegen müsse. Die Aussprache in der Kammer könne daher am Sonnabend begonnen werden. Es besteht jedoch die Möglichkeit, die Kammer selbst noch einmal entscheiden zu lassen, ob sie mit einem noch früheren Beginn der Debatte einverstanden sei. Der Vorsitzende der Geschäftsordnungskominission wird sofort bei Beginn der entscheidenden Kammersihung den Regierungsantrag vorlegen, nachdem keine Zusatz- und Abänderungsanträge im Plenum eingebracht werden dürfen. Genehmigt sind lediglich der Zusatzantrag über den 200 Millionen Bettag für Pensionen, sowie der von dem Abgeordneten Faltoz eingebrachte Zusahanttag, der
eine Spezialsteuer für sämtliche Ausländer vorsieht. Danach soll jeder Ausländer, unabhängig von der Dauer seines Aufenthaltes in Frankreich, verpflichtet sein, eine einmalige Steuer von 200 Franken zu zahlen. Die Regierung hat ferner zu dem der Kommission bereits vor- geleji?n Antrag auf Erhöhung der Bezüge der Abgeordneten von 27000 auf 55 000 Franken erklärt, daß sie seiner Behandlung im Plenum sich nicht widersetzen werd«W^ur Durchführung der Erhöhung der Bezüge dA/Ab- gcorbneten müßte die Kammer einen Betrag von 6,9 Millionen Franken bewilligen. Heute vormittag hat unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik ein dreistündiger Ministerrat
ftattgefunben, in dessen Verlauf Ministerpräsident Poincare über seine Verhandlungen mit dem Finanzausschuß der Kammer Bericht erstattete, während B r i a n d über den Stand der auswärtigen Angelegenheiten Vortrag hielt. Landwirtschostsminister Q u e u i 11 c unterbreitete dem Ministerrat einen Gesetzentwurf zur Billigung, der zwecks Sicher st ellung der Getreideversorgung Frankreichs die Einführung einer Kontrolle der Ernte, des Weiterverkaufs und der Lagerbestände, für die Anmeldepflicht eingeführt werden soll, vorsieht.
Enttäuschung in England.
London, 29. Juli. (WTD.) Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" führt aus: Obwohl man in britischen Kreisen im allgemeinen nur gute Wünsche für Poincarös Versuch, die französischen Finanzen in Ordnung zu bringen, hegt, kann dennoch nicht gesagt werden, daß seine Regierungserklärung in englischen Zinanzkreisen einen sehr günstigen oder hoffnungsvollen Eindruck machte. Man ist der Ansicht, daß sie einigermaßen unvollständig und wenig gehaltvoll angesichts der kritischen Lage sei. Die britischen Sachverständigen hätten eine schnellere und präzisere Stabilisierungspolitik begrüßt. Es wird bedauert, daß die Ratifikation des engtisch-sranzösischen Schuldenabkommens anscheinend hinausgeschoben werden soll. Daraus hat man vielfach den Schluß gezogen, haß Frankreich gegenwärtig den Gedanken an auswärtige Kredite aufgegeben habe. Dieser Schluß wird allerdings in unterrichteten Kreisen als nicht ganz zutreffend bezeichnet und es wird angedeutet, daß in Paris Hoffnungen auf britische Kredite auch ohne die Ratifikation des Schuldenabkommens gehegt werden.
Die Wirtfchaftsnot des Saargebiets.
Ein Appell an den Völkerbund.
Saarbrücken, 29. Juli. (WB.) Die Handelskammer Saarbrücken, der Vorstand des Wirtschaftsvereins sowie Dertteter der Handwerkskammer und des Handwerkeroundes haben gestern zu der Währungslage im Saargebiet Stellung genommen und ihre Auffassung in einer Entschließung niedergelegt, die der Re- grerungskommission des Saargebiets mit der Ditte übermittelt wurde, sie dem General- jefretariat des Völkerbundes weiterzuleiten. In der Entschließung heißt es u. a.: Die Wirtschaftskreise des Saargebiets sind einmütig in dem Wunsche nach einet baldigen Stabilisierung der saarländischen Währungsverhältnisse. Für das Saar» gebiet ist die durch die Verschlechterung des französischen Franken geschaffene Lage von Tag zu Tag schwieriger geworden. Zu den allgemeinen Schädigungen, die eine Inflation im Gefolge hatte, treten die besonderen Schäden durch den ttmstand, daß Frankreich das Saargebiet, trotzdem es französisches Währungsinland geworden ist, als Währungsausland behandelt und ihm nicht die Kreditmöglichkeiten eröffnet, die der französischen Wirtschaft zur Verfügung stehen. Infolgedessen ergeben sich für das Saargebiet aus der Inflation nur Verluste. Abhilfe ist aber sicherlich nicht dadurch möglich, dah das Saargebiet von sich aus zur Wertbeständigkeit übergeht und die Markwährung wieder an- illmmt, sondern diese erstrebenswerte Möglichkeit ist an die Vorbedingung geknüpft, daß das Saar-Zoll-Problem in vollem Umfang seine Lösung findet, und daß dem Saargebiet seine naturgemähenwirtschaftlichen Verbindungen mit dem übrigen Deutschland sichergestellt werden. Die Wirtschaftskreise des Saargebiets richten darum an die Regierungskommission und den Völkerbund, dem das Wohl des Saargeoiets anbeciraut ist, das dringende Ersuchen, sofort die Vorbedingungen für den älebergang des Saargebiets
mit immer größer werdenderHeftigkett fort. Es muh etwas geschehen, um den italienischen Blättern den Mund zu stopfen. Der Bundesrat, soweit seine Mitglieder noch anwesend sind, hat sich mit der leidigen Angelegenheit befaßt, sich aber merkwürdiger Weise nicht für einen diplomatischen Schritt bet Mussolini entschlossen. Nachdem aber nun die Angriff italienischer Zeitungen unvermindert fortbauern, wird untere Regierung wohl oder übel sich doch entschließen müssen, in Rom vorstellig zu werden. Bei Angriffen, die die Ehre des Landes antasten, darf man nicht mehr stille bleiben. Wer weiß, was aus diesen italienischen Anfeindungen nach und nach für unser Land entstehen könnte? Sollte etwa der, zwischen unserem Land und dem Nachbar im Süden vor kurzem abgeschlossene Freunbichafts- vertrag gelockert werden?
Peinlich berührt, dah Mussolini bis heute noch mit keinem einzigen Wort sich gegen die Auslassungen seiner Presse ausgesprochen und diese Kamvsesrufe mißbilligt hat. Das wird ihm ja ohnehin schwer ankommen, da er in früheren Jahren das Wort vom „entarteten- Tessin" prägte und so oft feine Blicke nach diesem „entarteten Tessin" wandte. Die unliebsamen, aufsehenerregenden Vorgänge, wie wir sie gegen«
toärtig erleben, beweisen aufs markanteste, daß wir unsere südliche Ecke, den sonnigen Tessin nie aus dem Auge verlieren dürfen, daß wir auf dem Gotthard und an dessem Fuße treue Wacht halten müssen, daß wir die italienischen Matter, soweit sie sich mit dem Tessin befassen, peinlich unter die Lupe nehmen müssen. Auch das halbamtliche Kommunique, das nun aus Italien her- übertont, vermag bei uns feine Befriedigung zu verschaffen, um so mehr, da die „Befchwichti- gungs"-Mitteilung u. a. folgendes besagt: „Die Schweizer liegen übertriebenes Mißtrauen gegenüber Italien an den Tag. Die schweizerischen Kreise wiederholen häufig, niemand habe das Recht, sich in innere schweizerische Angelegenheiten einzumischen. Grundsätzlich sind wir auch dieser Ansicht. Aber in besonderen Fällen hat Italien das Recht, mit wachsendem Mißtrauen zu beobachten, was an seinen Grenzen vorgeht und man versteht den lebhaften Wunsch, zu wissen, seit wann im freien Helvetien zahlreiche deutsche Bürger siird, die fortfahren, im Kanton Tessin und auf den oberitalienischen Hügeln, so namentlich bei Ponte Tresa, Häuser und öanb zu kaufen."
Wenn bann noch weiter mitgeteilt wird, daß Italien nicht begreife, wie gerade die Lei
tung der schweizerischen Regierung so, oft das Bedürfnis fühle, ganz ungerechtfertigt? lebhafte Verstimmung zu zeigen, so muh das uns höchst sonderbar berühren, da es gerade unsere Regierung war, die bis heute völlige Ruhe bewahrte. Also in besonderen Fällen glaubt Italien bas Recht zu haben, mit wachsamem Auge zu schauen, wie bie Dinge im Tessin liegen. Wir bestreiten auch dieses Recht in „befonberen Fällen". Wenn, was absolut nicht zutrifst, bie Deutschsprachigen in stärkerem Maße sich in unseren süblichen Tälern nieberliefeen, würbe bas Italien gar nichts angehen. Die guten Nachbarn im Süben glauben allein berechtigt zu sein, mit Mißtrauen zu beobachten, was an ihren Grenzen vorgeht, währenb wir bieses Recht nicht haben sollten, zu wachen, was gegen unseren Tessin geplant wirb?
Der Schweizer ist wirklich nicht übertrieben mißtrauisch, aber müssen einem nicht ernste De- benken aufsteigen, wenn auf faszistischen Landkarten der ganze Tessin bis zum Gotthard z u Italien geschlagen wird? Im übrigen muß mit besonderem Nachdruck betont werden, daß unser Doll noch nie sprachliche Verschiedenheiten unterdrückt hat, und so wird es auch in Zukunft bleiben.


