Kr. 75 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GbertMry Viensiag, 5 J. März 1926
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Provinzialtag der Provinz Oberheffen.
* Gießen, 29. März 1926.
Unter dem Vorsitz des Provinzialdirektors Graes trat hsute vormittag der P r o v i n » zialtag der Provinz Ober Hessen zu seiner diesjährigen ordentlichen Tagung im Regierungsgebäude zu Gießen zusammen. Anwesend waren 32 Abgeordnete, die Kreisdirektoren und zahlreiche Beamte der Provinzialverwaltung und des Kreisamts Gießen.
Zunächst nahm der Vorsitzende die Diensteinweisung und Verpflichtung der neu in den Provinzialtag berufenen Mitglieder vor, die die Mandate der in den Provinzialausschuß entsandten Herren übernommen haben.
Hierauf wurde der gedruckt vorliegende, sehr eingehende
Venvallungsberichk für das Rj. 1924. debattelos zur Keimtnis genommen.
Die Rechnungsablage für 1 9 2 4 weist 1 103 <44,82 Ml. Einnahmen und 992 617,90 Mk. Ausgaben aus. Mithin verbleibt aus dem Rechnungsjahr 1924 ein Lieberschub von 111126,92 Mark, der sich zusammenseht aus 109 379,61 Mk. in bar und 1747,31 Mk. in Ausständen. Aus der Rachweisung über das Kapitalvermögen ist hervorzuheben, daß die „Rücklagen für die bei Llebernahme der Strahenverwaltung entstehenden ersten Kosten" sich von 80 000 Mk. Ende Rj. 1923 im Laufe des Jahres 1924 um 73 579,45 Mk. auf 153 579,45 Mk. erhöht haben. Der A u s g l e i ch s st o ck, der Ende Rj. 1923 mit 80 000 Mk. ausgewiesen wurde, erfuhr im Rj. 1924 eine Verstärkung um 203 896,90 Mk., so daß er jetzt mit 283 896,90 Mk. aufwartet.
Aus dem Jahresbericht der Provinzial- P f l e g e a n st a l t für das Verwaltungsjahr 1924 ist hervorzuheben: Am Schlüsse des 21. Der- waltungsjahres hatte die Anstalt einen Bestand von 82 Männern und 84 Frauen, zusammen 166 Pfleglingen. Reu wurden ausgenommen im Laufe des 22. Jahres 46 Männer und 25 Frauen, zusammen 71, so daß im ganzen 237 Personen, 128 Männer und 109 Frauen, verpflegt worden sind. Die Zahl der im Verwaltungsjahr 1924 verpflegten Insassen stieg gegen die des Jahres 1923 um 14. sie betrug 237 mit 65 513 Verpflegungstagen gegen 223 mit 59 434 Verpflegungstagen im vorhergehenden Iahve. Mit länger baitcrnben Erkrankungen kamen zur Behandlung 58 Insassen gegen 45 im Jahre 1923.
Auf weitere Einzelheiten des interessanten Berichts werden wir noch zurücklommen.
Als Höhepunkt der Tagung folgte nunmehr in eingehender Beratung der
Haushaltsvoranschlag für das Rechnungsjahr 1926.
Der Voranschlag schließt in Einnahme und Ausgabe ab mit 1 448 521 (gegen 1 201 280 Mk. im Vorjahre). Die Einnahme feite zeigt folgende bemerkenswerte Posten (die eingeklammerten Zahlen weisen das Vorjahr aus): Kreis- strahen 602 500 Mk. (407 500 Mk.), Gesundheitspflege 20 000 Mk. (14 000 Mk.). Soziale Fürsorge 168 775 Mk. (174 900 Mk.), Provinzialumlagen 595 000 Mk. (560 000 Mk.). Auf der Ausgaben feite findet man folgende wichtige Posten: Allgemeine Verwaltung 78 000 Mk. (71 300 Mk.), Kreisstraßen 1 007 500 Mk. (789 500 Mark), Gesundheitspflege 27 500 Mk. (27 500 Mark), Soziale Fürsorge 253 882 Mk. (244 007 Mark), Landwirtschaft, Gewerbe und Verkehr 8600 Mk. (2000 Mk.), Provinzialumlagen 40 000 Mark (40 000 Mk.). .
' Aus der Einzelberatung der Voranschlagspositionen ist folgendes heroorzuheben: Für außerordentliche Kreisstraßen-Herstellun- gen sind 600 000 Mark vorgesehen, für die Unterhaltung der K r e i s st r a ß/e n sind 400 000 Mk. ausgeworfen. Die Kosten für die außerordentlichen f) e r ft c 11 u n g e n in Höhe von 600 000 Mark sollen aus der Kraftfahrzeugsteuer gedeckt werden. Diese Mittel müssen nach Anordnung des Ministeriums des Innern einheitlich für einen Straßenbau verwendet und dürfen nicht, wie im Vorjahr, für die Befestigung oder außerordentliche Walzung kleiner Strecken in den einzelnen Kreisen verzettelt werden. Die Steuer wird hiernach den Kreisen Friedberg und Gießen zur Befestig u n g der Hauptdurchgangsst raße Gießen — Frankfurt zufließen: diese Kreise müssen aus eigenen Mitteln ein Drittel des auf sie entfallenden Betrags aufbringen, so daß im ganzen mit einer
Die Matthäus-Passion von Heinrich Schütz.
Von Lic. theol. Justus Ferdinand Laun.
Heinrich Schütz (1585—1672) war der größte Vorgänger Bachs und hat wie dieser neben vielen geistlichen Musikwerken auch mehrere Passionen geschrieben. Die bedeutendste: Die „H i st o r i a des Leidens und Sterbens unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi nach dem Evangelisten Matthäus" wurde von Schütz im 81. Lebensjahr komponiert, muß also entweder senil oder von einer reifen Abgeklärtheit ohnegleichen sein. Letzteres ist der Fall. Allerdings geht einem dies erst ganz auf, wenn man sich mit dem Werk bis ins Einzelste beschäftigt, aber bei guter Darstellung wird man auch schon beim ersten Hören von vielem tief erschüttert. Freilich muß man sich dazu von dem Eindruck der Bachschen Passion möglichst frei zu machen suchen, denn aus dieser spricht eine völlig andere Zeit in einem ganz anderen Stil. Bachs Stil ist barock. Schützens Stil frühgotisch, ja fast romanisch. Während ersterer auf einer vollendeten Orgelkunst aufbaute und im Zeitalter der Ablösung der Vokalmusik durch die Instrumentalmusik komponierte, schrieb letzterer noch den reinen Vokalstil. Was wäre Bachs Passion ohne das Orchester, vor allem ohne die klagenden, seufzenden, iDeinenben Flöten, Oboen und Geigen, welche die Arien begleiten? Schützens Passion aber ist nur für Solostimmen und A-cappella-(£f)or geschrieben. Erst Arnold Mendelsohn hat in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine schlichte Instrumentalbegleitung (nur Orgel oder Klavier) dazu komponiert. Auch enthält ste nur den Eoangelien-Text, weder die Arien, noch die Chöre, noch selbst die Choräle Bachs. Ganz einfach deshalb, weil Bach und Schütz vollkommen verschieden ihrer Aufgabe gegenüberstanden. Während Bach die Leidensgeschichte mit dem Herzen des gläubigen Gemeindegliedes aufnahm und darum trotz aller Charakteristik der Darstellung das Erlebnis des Christen schilderte, der diese Geschichte hört und in ihr den Grund seines Heils sieht — also im
Verwendungssumme von 800 000 Mark gerechnet werden kann. Für die Unterhaltung der K r e i s st r a ß e n sollen aus Mitteln der Provinz 400 000 Mark aufgebracht werden. — Provinzialdirektor Graes erklärte, vermutlich würden die Kreisstraßen am 1. April 1927 auf die Provinz übergehen. Abg. I o st (Bermutshain) wünschte erhöhte Zuwendungen für die Kreisstraßen Unterhaltung in den Kreisen Lauterbach, Alsfeld, schotten und Büdingen. Abg. Lux (Nieder-Florstadt) emp- pfahl, den Ertrag aus der Kraftfahrzeugsteuer zur Verzinsung einer M i 11 i o n e n a n le i h e zu verwenden, mit der man sofort noch weit stärker für die außerordentliche Kreisstraßen-Herstellung tätig sein könne. Provinzialdirektor G r a e f stimmte diesem Gedanken im Prinzip zü, man könne ihm aber erst dann nähertreten, wenn man wisse, daß die Kraft- sahrzeugsteuer auf eine Reihe von Jahren bestehen bleibe.
Zum Kapitel „Landwirtschaft, Gewerbe und Verkehr" teilte Provinzialdirektor Graef mit, daß die Lahnkanalisation jetzt von der Mündung bis nach Limburg durchgeführt werden solle. Dort sei der Bau von drei Schleusen notwendig. Hoffentlich werde dann auch bald der 'Ausbau der Strecke Limburg—Wetzlar—Gießen, auf der sieben bis acht Schleusen zu bauen seien, vorgenommen. Es müsse Sache der hessischen Regierung sein, dafür zu sorge», daß der Ausbau der Lahn nicht in Lim- burg stecken bleibe. Weiter wies der Redner auf die neue Luftverkehrslinie Frankfurt — Gießen — Kassel hin, die in Kürze in Gang komme. Run möge auch der hessische Staat Mittel zur Verfügung stellen, damit die oberhessische Linie nicht schlechter abschneide als die Strecke Darmstadt—Mannheim.
Für die P r o v i n z i a I - P f l e g e an st a l t hat sich der Zuschuß her Provinz von 60 000 Mk. im Vorjahre auf 66 000 Mk. erhöht: der Staat gibt, wie im Vorjahre, 20 000 Mk. Die Zahl der Pfleglinge ist gestiegen. Das Kinderheim erfordert einen Zuschuß von 15 980 Mk. Das Heim Tann etwa 40 Kindern ihrterfunft gewähren. Dem Heilstätte »verein für
Hessen wurde für die Errichtung einer Heilstätte für tuberkulöse Kinder ein einmaliger Beitrag von 5000 Mk. ausgeworfen, dem Allgem. Verein für Armen- und Krankenpflege Gießen für die Errichtung einer „Zuflucht und Krippe" in Gießen ebenfalls 5000 Mk. - - Abg. Schäfer- Bad-Rauheim (Konnn.) stellte z'u diesem Kapitel eine lange Reihe von Anträgen, die man unter die Rubrik „Agitation" einreihen kann. Die Anträge wurden mit allen gegen die Stimme des Antragstellers abgelehick: nur einer seiner Anträge sand sozialdemokratische Llnterstützung, aber auch dieser hatte, da nur eine Minderheit für ihn eintrat, keinen Erfolg. Provinzialdirektor Graef teilte mit. daß die Errichtung eines Landeskrüppelheims in Gießen geplant sei, und zwar unter Angliederung an die Kliniken. Abg. S ch m a h l - Gießen bemerkte hierzu, die Stadt Gießen habe für dieses Heim einen Dcuchlatz im Werte von 40 000 Rkk. in der Rähe der Kliniken kostenlos zur Verfügung gefleht •
Zum Kapitel Provinzialumlagen ist hervorzuheben: Die verarrschlagten Ausgabe» betragen 1 448 521 Mk.. die Einnahmen sind auf 853 521 Mk. veranschlagt, mithin verbleibt ein Fehlbetrag von 595 000 Mk. zu decken. Aus Anteilen an Reichssteuern werden 155 000 Mk. erwartet, aus den Provinzialumlagen 355 000 Mark, insgesamt 510 000 Mk. Die nun noch verbleibende Restsumme in Höhe von 85 000 Mk. soll aus dem Ausgleichsstock entnommen werden. Die Ausschlagssähe werden also nicht erhöht.
In der G e s a m t a b st i in mung wurde der Voranschlag mit allen Stimmen gegen die des Kommunisten genehmigt, die Llmlagesätze wurden einstimmig gv.tneheißen.
Wasserwerk Inheiden.
Dem Rechenschaftsbericht für das Rj. 19 24 stimmte das Haus glatt zu. Die Betrieb s- rechnung gleicht sich mit 732191,02 Mk. aus. Für Verzinsung und Tilgung des Einlagekapitals waren 9599 Mk. erforderlich, 40 401 Mk, weniger als vorgesehen. Die Betriebs- und Unterhaltungskosten erforderten 147 264,02 Mk.. gegenüber dem Voranschlag von 192 200 Mk. also 44 935 Mk. weniger. n™Bn™anrsoBSBiiH^wtK3mvli3™Hnßsra3«HKQr.!r;3aaKaBie3S3Br?i wesentlichen lyrisch-symbolisch blieb— erlebte Schütz sie als einer der Beteiligten und schilderte darum dramatisch-realistisch den biblischen Vorgang selbst. Dies läßt sich an vielen Beispielen beweisen. Ich weise nur hin auf die verschiedene Darstellung der Entscheidung der Volksmasse für den Mörder und gegen Jesus mit dem Ruf: „Barrabas!" Bach gibt einen einzigen Akkord in schreiender Dissonanz — das Zusammenzucken der gläubigen Seele — Schütz schildert das wirre Durcheinander der Stimmen und die leidenschaftliche Verblendung der Volksmasse. Dao hat auch noch einen weiteren Grund: Bach schrieb feine Passion für den Gottesdienst im Stil der damaligen italienischen Oper Schütz behandelte den Eoangelieutext — ein früher Wagner! — als Grundlage eines Musikdramas, das er im Stil der alten Kirchenmusik komponierte. Die Solisten fingen keine Arien wie bei Bach, sondern sie stellen ihre „Rollen" dramatisch dar und deklamieren mit keinem anderen Pathos als dem, das in den Worten selber liegt. Das Schützsche Rezitativ ist harum nicht das italienische Sekko-Rezitativ, das dein Sänger volle Freiheit läßt, sondern es ist die rhythmisch streng gebundene deutsche Form, die dann auch Bach behalten hat. Aber während Bachs Rezitative in ihrem lyrischen Wesen in freiester Stimmführung einen Ueber- schwang der Gefühle ausdrücken, sind Schützens Re- zitative herb und streng, oft noch ganz in der alten Psalmodie befangen, und durchbrechen nur dann die Schranke des strengen Kirchenstils, wenn das dramatische Temperament des Komponisten ihn zu einer oft geradezu drastischen Ausdrucksweise drängt. Dann aber gebt er manchmal bis an die Grenze des noch in der Kirche Erträglichen. So ist z. B. der Gesang der beiden falschen Zeugen von einer solchen Komik, daß man unwillkürlich an Hans Sachsens Laienspiele erinnert wird. Daraus sieht man nur zu deutlich, daß Schütz seine Passion eigentlich nicht für den Gottesdienst komponiert hat, was auch durch das Fehlen der Choräle bestätigt wird.
Trotzdem pflegen wir merkwürdigerweise bei modernen Ausführungen gerade die Bach- sche Passion im Konzertsaal und die Schützsche im Gottesdienst aufzuführen. Aber darin liegt weder
Den Rücklagen wurde, wie vorgesehen, 136 000 Mk. zugeführt. Die allgemeinen Kosten, die mit 62 500 Mark veranschlagt waren, erforderten 51500 Mk., also 10 999,53 Mk. weniger. Ein veranschlagtes Betriebskapital von 20 000 Mk. wurde nicht benötigt; der Betrag wurde also eingespart. Dem Wasserwerksund Tilgungsfonds tonnten als Betriebsüberschuß 387 827,53 Mk. zugeführt werden, 147 527,53 Mk. mehr, als im Voranschlag in Höhe von 240 300 Mark vorgesehen. Die E i n » a h m c a u s W a s - {erlief er u ng, die mit 699 830 Mk. veranschlagt war, ergab 730 053,19 Mk., also 30 223,19 Mk. m e 1) r. — Die Vermögensrechnung schließt mit 743 288,38 Mk. in Einnahme und Ausgabe ab. — Der Vermögens- und S ch u l d e n n a ch - weis weist Ende Rj. 1924 die Gesamtsumme des Kapitalvermögens mit 813 758,98 Mk. aus, die Kapitalschulden (Papiermark!) 3 113 100 Mk.
Der Voranschlag für R j. 1 9 26 vergleicht sich in der Betriebs rechnung mit 809 500 Mk. 'Aus der Wasserlieferung wird eine Einnahme von 807 732 Mk. (im Vorjahr 752 482 Mk.) erwartet. Die V e r m ö g e n s rechnung schließt mit 542 000 Mark ab. 'Für den Bau sind hier 447 700 Mk. vorgesehen, für den Wasserwerks- und Tilgungsfonds 90 000 Mk. Wurde genehmigt.
Hcberlanbroctf Oberhessen.
Der Rechnungsabschluß für Rj. 1924 zeigt die Vermögensübersicht nach dem Stand vom 31. März 1925 mit 10 024 213,67 Mk. abschließend. Der Abschluß des Betriebsergebnisses weist am 31. März 1925 insgesamt 2824 368,65 Mk. au«. Das Betriebsergebnis von Lißberg findet man mit 108 329,93 Mk. aufgeführt. Dem Bericht wurde nach kurzer Aussprache zugestimmt.
Der Voranschlag für 1 9 2 6 schließt in Einnahme und Ausgabe mit 2 925 000 Mk. ab. Aus dem Strouwerkauf werden 2 507 000 Mk. erwartet. Wurde genehmigt.
Abg. Völler, Lich, forderte in einem Antrag, aus den Lieberschüssen des Wasserwerks und des Lieberlandwerks 1 Million Mark auf die sechs Kreise Oberhessens als langfristige, 6prozentige Kredite zur Förderung deS Wohnungsbaues zu verteilen, und zwar nach Maßgabe der Einwohnerzahl. In einer längeren Aussprache wurde dem Antrag entgegengehalten, daß es besser sei, die lieber« schüsse zur Preissenkung zu verwenden, damit die Wirtschaft wieder belebt werde. Schließlich wurde der Antrag Völker dem Provinzialausschuß zur Prüfung überwiesen.
Provinzialdirektor Graes teilte mit, daß in der bekannten Angelegenheit Schirr- m a n n die Provinz in einem Prozeß Schirrmanns gegen den Provinzialausschuß unterlegen sei. (Sch. machte Ansprüche gegen die Ptovinz wegen unzulässiger Kündigung und Entfernung aus den Diensten des Aeberlandwerks in Friedberg geltend und erzielte beim hiesigen Landgericht ein obsiegendes Urteil.) Da nach sachverständiger Iuristenansicht eine Berufung gegen das Urteil aussichtslos ist, will man sich dabei beruhigen: da Sch. aber nicht wieder in den Dienst des Werkes eingestellt werden kann, soll er in den einstweiligen Ruhestand versetzt werden.
Ein Antrag des Abg. R o e m h eck d, Ridda, und Gen. und ein Antrag des Abg. Lux, Rieder-Florstadt, fordern eine Reu regel ung ünd Herabsetzung der elektrischen Strompreise, 2lbg. Lux ferner die Aufhebung der Zählermiete. Wie Provinzialdirektor Graef mitteilte, ist der Provinzialausschuh von der Rotwendigkeit der Strom verbil- l i g u n g bis an die Grenze des Möglichen überzeugt, er muh jedoch erst noch genaue Prüfungen anstellen. Bis Mitte April sei wohl auf eine Entscheidung zu rechnen. Rach längerer Aussprache wurden die Anträge Roemheld und Lux einstimmig gutgeheißen.
Gießener Wochenrrrarktpreisc.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 200 bis 210, Matte 30 bis 40, Käse 50 bis 140, Wirsing 30, Weißkraut 25, Rotkraut 30, gelbe Rüben 25, rote Rüben 25, Spinat 45, Änter-Kohlrabi 10, Grünkohl 35, Rosenkohl 60, Feldsalat 150, Endivien 100, Tomaten 150, Zwiebeln 25, Meerrettich 50 bis 100, Schwarzwurzeln 50, Kartoffeln 4 bis 5, Aepfel 15 bis 25, junge Hahnen 120 bis 130, Suppenhühner 120 bis 130 Pfennig das Pfund: Eier 12 bis 13, Blumenkohl 50 bis 160, Salat 25 bis 60, Salatgurken 150, Lauch 10 bis 20, Sellerie 20 bis 70 Pf. das Stück, Radieschen 30 Pf. das Bund.
Willkür, noch Verständnislosigkeit, sondern diese Tatsache ist ein Ausdruck dec völlig gewandelten modernen Bedürfnisse. Noch zu Bachs Zeit dauerte ein lutherischer Gottesdienst normalerweise 3 Stunden, wovon die Predigt eine Stunde und die Eingangs-, sowie die Abendmahlsliturgie mit Kommunion die übrigen zwei Stunden einnahmen. Daraus geht schon hervor, daß im Gottesdienst viel musiziert wurde, was auch durch die Bachschen Kantaten — wie durch die seiner Zeitgenossen — bestätigt wird. In einer solchen Zeit konnte man auch die Bachsche Matthäuspafsion im Gottesdienst aufführen. Heute aber paßt sie eigentlich nur noch in den Kvnzertsaal, während die schlichte Passion Schützens der nüchternen Form des heutigen protestantischen — auch des lutherischen — Gottesdienstes gut angepaßt ist. Allerdings wäre diese dann in der ursprünglichen Form immer noch zu ermüdend, außerdem ohne jede Instrumentalbegleitung heute kaum noch aufführbar. Deshalb ist es dankenswert, daß Arnold Mendelsohn eine im großen und ganzen stilechte Begleitung dazu geschaffen hat, und die Sitte ist gerechtfertigt, den Gang der Passion durch Choräle zu unterbrechen, die man :m Rahmen eines Gottesdienstes am besten durch die Gemeinde fingen läßt, wodurch auch deren Ermüdung vom bloßen Zuhören verhindert wird.
In dieser Form soll nun die Schützsche Passion am Karmittwoch dieses Jahres hier in Gießen zur Darstellung kommen, und zwar im Rahmen der üblichen Passionsandacht. Wenn dies auch dem ursprünglichen geschichtlichen Sinn des Werkes nicht entspricht, so ist es doch gewiß im Sinne des Meisters. Und sicher vermag auch diese Form der Darstellung den ewigen Sinn der Leidensgeschichte in angemessener Weise zum Ausdruck zu bringen.
Uraufführung in Darmstadt.
In der hessischen Landeshauptstadt besteht eine Vereinigung unter dem Namen „JungeBühn e", hie in Veroindung mit dem Landestheater es sich zur Aufgabe gestellt hat, dem Publikum die Bekanntschaft mit Schöpfungen von Dramatikern der jünge- I ren Generation durch Uraufführungen zu vermitteln. |
Aus der Provmzialhauptftadt.
Gieße n, den 30. März 1926. 1
* D i e Aprri - Mi e te in 5)cf f en. Das hessische GesamtminNtcrium gibt bekannt: Die gesetzliche Miete für den Monat April wird auf 9 5 P rozent der Friedensmiete festgesetzt. Im übrigen tritt eine Aendernng der bisherigen Bestimmungen^nicht ein.
** D i e S o n d e r st e u c r vom bebauten Grundbesitz. Zu der cm Samstag gebrachten Rotiz wird uns vom Finanzamt Gießen mitgeteilt, daß die Ermäßigungs- anträge für das Rechnungsjahr 1926 nicht bis zum 31. März d. Is., also bis morgen, sondern erst bis zum 31. März 1 92 7 einzu- rcichen sind. Im übrigen sei zur Orientierung auf den gestern im ..Gies,. Anz." erschienenen Artikel von Regierungsrat Dr. G r e t s ch m a n n verwiesen, insbesondere auf seine Aussührun- geu über die Herabsetzung der Sondersteuer auf Hnndertsähe der Friedensiniete.
Die Gießener G e l d i n st i l u t e geben in unserem heutigen Anzeigenteil bekannt, daß ihre Kassen und sämtlichen Geschäftsräume am Ostersamstag geschlossen sind. Ramentlich die Geschäftswelt möge diese Mitteilung beachten.
** Der Gießener K o m m u n i ft e n p r o. zeß vor dem Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik. Zu unferen Berichten über diese Verhandlung sind einige berichtigende Be merkungen erforderlich. In bezug auf den Zeugen Menchcs war erwähnt, daß 'gegen diesen "ein Meineidsverfahren schwebe. Tatsächlich ist diese Be- hrnptiing von dem 'Angeklagten Velkc nur auf- gestellt worden, um die Glaubwürdigkeit des Mcn ches anzufechten mit der weiteren Behauptung, daß Anzeige gegen Menches wegen Meineids erstattet werde oder erstattet sei. Es ist also irrtümlich, wenn man hier etwa aus dem Bericht den Schluß ziehen wollte, Menches sei wegen Meineids augeklagt oder ve! urteilt. Ihm ist vielmehr von einem solchen Verfahren nichts bekannt. Auch der Zeuge Eller ist durch die schlechte Akustik im Gerichtssaal in ein ungünstiges Licht geraten. Tatsächlich ist nur c i u einziger Dynamitpatronendiebstahl (also nicht „öfter", wie berichtet war) erwiesen worden. Und zwar hat Eller die Patronen nach seiner Behaup- hing von der Grube nicht selbst mitgenommen, sondern sie erst in Gießen von seinem Cousin und Arbeitskollegen Schmidt, der nach 'Amerika ausgewandert ist, erhalten. Beide haben die Patronen — nach Ellers Angabe — gemeinschaftlich zum F i - scheu in der Lahn verwendet. Da sie jedoch infolge des Hochwassers die durch die Explosionen getöteten Fische nicht ans Land holen konnten, hat der Cousin Schmidt die Patronen verkauft. Der angeklagt gewesene Paul Bell teilt uns noch mit, daß das Urteil geg$n ihn auf „Einstellung des Verfahrens mit sofortiger Haftentlassung" lautet.
** Zum Versand von O st e r k a r t e n. Ohne Tlmschlag versandte gedruckte O st e r C a v * ten, die den Bestimmungen für Postkarten entsprechen müssen, tosten im Ortsbereich des Aufgabeorts, auch wenn sie mit beliebigen handschriftlichen Zusätzen versehen sind, 3 Pf. Solleit sie im Fernverkehr gegen die Gebühr für Cßoll- drucksachen (3 Pf.) befördert werden, so dürfen außer den sogenannten Abseilderangaben (Absen- dungstag, Rame, Stand und Wohnort nebst Wohnung des Absenders usw.) noch weitere fünf Worte, die aber mit dem gedruckten Wortlaut in leicht erkennbarem sachlichen Zusammenhang stehen müssen, handschriftlich hrirzugesüat werden. Die im offenen Umschlag versandten O st e r k a r - t e n kosten sowohl im Ortsbereich des Aufgabeorts wie nach außerhalb nur dann 3 Pf., wenn auf der Karte außer den Absenderangaben nichts weiter geschrieben ist. Ist jedoch ein vorhandener Wortaufdruck, wie „Beste Oft ergrübe" und dgl., handschriftlich durch gestattete Rachtragungen bis zu 5 Worten -z. B. durch den Zusatz „sendet mit besten Wünschen Ihre" — ergänzt, so ist die Gebühr für Teildrucksachen, also 5 Ps, zu entrichten. Weitere Rachtragungen bedingen die Briefgebühr (im Ortsverkehr 5 Pf., nach außerhalb 10 Pf.). .Aus Karten, die lediglich ein gedrucktes Bild, aber keinen Aufdruck von Worten tragen, dürfen handschriftlich nur die Absenderangaben hinzugefügt werden. Andernfalls unterliegt die Sendung bei Versenduirg als offene Karte der Postkartengebühr, bei Versendung unter Tlmschlag der Briefgebühr.
** Verlängerte Freigabe der Schnellzüge fitr Sonntagskarten. Die
Die dritte dieser Vorstellungen sand jetzt statt, und es kam in ihr Melchior Vischer zu Wort, der in seinem literarischen Schaffen von den Dadaisten ausgegangen ist und im Jahre 1923 für sein Drama „Debureau" den Kleistpreis erhielt. Vischers neuestes Werk ist am besten durch die Bezeichnung charakterisiert, die er seinen früheren dramatischen Schöpfungen gegeben hat, „Tragigroteskc". Sein „F u ß - ba11spieler und Indianer" ist eine Groteske mit tragischem Abschluß: sie führt den Untertitel „Für die alte Welt eine Tragödie. Für die neue Welt eine Komödie und umgekehrt". Man könnte noch hinzufügen: Für das Publikum eine Langweilerei. Die Bühnenvorgänge, deren Handlung sich in Amerika abspielt, stellen Fußballspieler und Indianer in grotesken Gestalten und Geschehnissen gegenüber. Auch einem Film ist ein Teil der Handlung anvertraut, über die sich als ganzes das Urteil Kinodramatik abgeben läßt. Die Symbolik des Stückes besteht darin, daß in den Fußballspielern und den Indianern Vertreter der alten und der neuen Wett gegenübergestellt werden: die Indianer, die Zukunftsmenschen, sind die Sieger und für den Menschen der weißen Rasse folgt daraus die Lehre, daß er alle Romantik (Träumerei, Expressionismus, ober wie man es nennen will) überwinden soll. Als Mittel dazu wird der Sport, oder mit anderen Worten die Willensstärkung emp- fohlen. Die Vorgänge auf der Bühne sind aber fo absonderlich, und die Gestalten des Dramas fo redselig, daß der Theaterbesucher wohl kaum bis zum Kern, bis zur Offenbarung der Tragikomödie vor» bringt, fonbern burch bie primitive Handlung und den Wortschwall sich grenzenlos gelangweilt fühlt. Hin und wieder hatte eine possenhafte Szene, z. B. ein Bombardement mit Fußbällen aus einem Fenster auf Untenstehende, einen Heiterkeitserfola. Regie (Karl Loewenberg), Ausstattung -(Lothar Schenck von Trapp) und Darsteller sicherten sich einen Erfolg bei dem Premierenpublikum, der dem Werk Vischers selbst versagt war; darüber darf auch die Tatsache nicht täuschen, baß der Verfasser mit den Darstellern vor die Rampe trat.
E. B,


