ÄT. 2/1926
Oer Hessenfreund
Sette 3
Oie hessischen Finanzen!
Neue hessische Nationalhymne*.
Herr Henrich seufzte schwer im Traum. Auf seiner Brust lag wie ein Baum Ein Alp und las Bilanzen.
Da fährt er hoch mit einem Ruck: ,^d) habe doch — was soll der Sput? — Geordnete Finanzen!"
„Betrachtet meinen Voranschlag! Wer immer darin blättern mag, Erkennt aus jeder Seite:
Das Soll und Haben gleicht sich aus, Ick bin em grundsolides Haus Und denke nicht an Pleite."
„Gewiß, mein Haushalt kostet viel, Der Bürger merkts von Ziel zu Ziel, Die Zeiten sind gar teuer.
Doch eh' mein Geldschrant bis zum Grund Geleert ist, stets zur rechten Stund' Erhöhe ich die Steuer."
„Nur dieser Wirtschafts-Ordnungsblock Ist störrisch, wie ein junger Bock.
Mich kann das nicht genieren, Denn meine guten Freunde links Sind frohgewärtig meines Winks Und helfen mir regieren."
„Der Hausbesitzer schwimmt in Gold, Dem Kaufmann sind die Kunden hold, Handwerker haben Zaster.
Beschneiden wir nicht den Gewinn, So kriegen alle Doppelkinn Und Üppigkeit ist Laster."
„Geldquellen gibt es überall, Es steht noch manche Kuh im Stall, Die Bauern mögen schanzen. Du Steuerzahler, tröste dich: Durch deine Arbeit habe ich Geordnete Finanzen!"
In einer Stadt am großen Woog, Da hauste einst ein Großherzog Mit schrecklicher Gebärde;
Er schänd die Hessen bis auss Blut
Und übte seinen Übermut
An jedem frommen Herde.
Mit Steuern ward das Volk geplagt,
Dah es kein Dichter singt und sagt
Mit hunderttausend Worten;
Wie spien Galle, Gift und Hohn Ob solcher Marter, solcher Fron Freund Ulrich und Konsorten!
Doch alles Elend ist vorbei,
Seit uns erlöst von Tyrannei
Die.schönste der Revolten.
Der Großherzog verfiel dem Bann,
Und Bürgersmann und Bauersmann Erhielten, was sie wollten.
Das Land am Rhein und Main und Darm Verwalten nun mit starkem Arm
Die fich das Volk erlesen;
Das jauchzt vor Glück und schwimmt im Geld
Und ist so frei, wie auf der Welt
Roch nie ein Volk gewesen.
Das Wort ist frei und frei die Tat, Wir machen Staat mit unferm Staat Und kennen keine Steuern;--
Du herrlich Ul» und Henrichs-Land, Wir feiern dich mit Herz und Hand Und tausend Freudenfeuern!
*Dies wahrhaft vaterländische Gedicht ist uns durch eine kleine Indiskretion bekanntgeworden, und wir können der Versuchung nicht widerstehen, es dem Hessenvolke schon jetzt zugänglich zu machen. Wir haben in der Elle nicht mehr feststellen können, ob Dr. Strecker oder RektorLoos oder ein Dritter der gottbegnadete Verfasser ist, hören jedoch, daß dieser bereits für den nächstjährigen Büchnerpreis vorgemerkt sei. Die Vertonung hatH e nri ch jun. übernommen, T h e s in g wird eine Bilderfolge dazu bringen,dagegen hat vr. Greinerin gewohnter kommunistischer Ruppigkeit es abgelehnt, das hessische Ministertrio Ulrich-Raab-Henrich in einer Monumentalgruppe zu verewigen.
Der höchste Staatsbeamte: Meine Herren! Nach jahrelangen, mühsamen Kämpfen ist es uns endlich gelungen, sämtliche wichtigen Stetten in unserem Lande mit unseren Anhängern zu besetzen. Jede sich heute gegen uns er- hebende Stimme können wir im Keime ersticken. Im Reichsbanner haben wir eine unserer Partei ergebene, dem alten Heere entsprechende Reichswehr geschaffen. Wir haben es uns ja auch etwas kosten lassen. Dem Arbeiter geht es gut. Unsere ölten Forderungen haben wir erfüllt. Die Besitzenden zahlen, zahlen, zahlen.
Der sehr hohe Staatsbeamte: Und dabei haben wir ein Millionen- defizit, trotzdem wir die Steuerschraube bis zum Äußersten angezogen haben, und ich weiß, neue Ausgaben werden kommen. Ta bin ich ohne Sorgen, aber die Einnahmen, wenn ich nur wüßte, wo ich noch etwas herausholen könnte! Ich weiß gar nicht, wir leben doch in einem Musterlande, und jeder müßte eigentlich gerne Steuer zahlen, damit wir weiter regieren können.
Der hohe Staatsbeamte: Haben die Herren auch schon gehört, daß die Oppositionsparteien im Lande das Volk gegen uns aufwühlen? Man roill einen Volksentscheid zur Auflösung unseres Landtages einbringen, und man will uns------
Der höchste und der sehr hohe Staatsbeamte (gleichzeitig): Unglaublich!!! Unerhört!!! Frechheit!!!
Der sehr hohe Staatsbeamte: Tas müssen ton- verhindern. Ich weiß ja, daß bis weit in unsere Kreise Unzufriedenheit
herrscht. Aber sind toir schuld daran? ES wird schon besser werden, die internationale Verbrüderung wird kommen. Weiß das Voll denn überhaupt, was toir alles getan haben? Ein Volksentscheid ist Wahnsinn! Was versteht das Voll denn überhaupt von Politik? Wohin soll es führen, wenn jeder L-Beliebige über unser Tun und Lassen abstimmen kann?
Der höchste Staatsbeamte: Nun, meine Herren, regen Sie sich nicht auf. Noch haben wir die Macht ja in Händen. Überall sitzen uns ergebene Funktionäre, und ich möchte den Beantem sehen, der es wagt, seine Stimme gegen uns abzugeben. Wes Brot ich eß, des Lied ich sing'.
Der sehr hohe Staatsbeamte: Ja, wir werden die Sache schon verhindern. Ausführungsbestimmungen zu dem Gesetz bestehen ja nicht. Wir werden uns an den Buchstaben des Gesetzes halten.
Der hohe Staatsbeamte: Man muß nur den richtigen Mann mit der Nachprüfung der Listen beauftragen. Höher als der Bolkswllle muß uns, die wir in einem Ordnungsstaate leben, die peinlichste Erfüllung der regierungsbehördlichen Vorschriften stehen. Schließlich sino wir nicht nur Beamte des Staates, fonbem auch Beauftragte unserer Parteien.
Der sehr hohe Staatsbeamte: Sehr richtig!
Der höchste Staatsbeamte: Ja, Sie scheinen mir der richtige Mann zu sein, um die Angelegenheit zu prüfen. Ich verlasse mich ganz aus Sie. Ter Tank unserer Partei wird Ihnen gewiß sein.
Der sehr hohe Staatsbeamte: Ich schlage sofortige, weitgehende Steuererleichterungen vor, wenn schließlich auch das i Defizit etwas größer wird; haben wir diesen Angriff erst abgewehrt, dann holen toir nächstes Jahr alles nach.
Der höchste Staatsbeamte: Meine Herren! Veranlassen Sie alles, was Sie für nötig erachten. Ich werde sofort Weisung ergehen lassen, daß sämtliche gegen uns gerichteten Zeitungen bis auf weiteres verboten werden. Die Führer des Reichsbanners werde ich veranlassen, jede politische Versammlung gegen uns zu verhindern.
Und nun an die Arbeit, die Macht ist unser, unser Sieg gewiß!
Alle Drei erheben sich von den Plätzen und singen gemeinsam: Wir halten fest und treu zusammen, hipp, hipp hell! Wir fürchten nicht den Volksentscheid, hipp, hipp, hell!
Beim Nachhausegehen denkt jeder für sich: So eine Frechheit, uns aus unseren schönen Posten verdrängen zu wollen. Nun, wir werden euch ichon heimleuchten. Aber die Koffer wollen wir doch schon einstweilen packen lassen, denn die Herrlichkeit geht doch bald zu Ende. Na! Schließlich haben toir uns ja doch schon eine ganz schöne Pension ersessen.
überall, wohin sie gingen, leuchteten chnen große Plakate entgegen und überall hörten sie den einstimmigen Schrei des Volles:
„Schickt den Landtag heim!"


