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Nr. 254 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Faules Kompromiß in Sowjetruhland.

Don O. von Kügelgen.

Das, was allgemein als Sieg Stalrns über die Opposition in der Presse Sowjet» rußlands gefeiert und auch in der westeuro­päischen mit Einschränkungen anerkannt wird, ist nicht mehr als eine rein äußerliche D er - klcisterung eines Risses, der die K. P. der Sowjet-Union spaltet. Die Unterwerfung der Opposition trägt die Spuren eines schwer erkämpften Kompromisses deutlich an sich. De- kanntlich ist die Unterwerfung in Form einer Er­klärung des Zentralkomitees der K. P. und einer Gegenerklärung der Opposition erfolgt, die die Unterschriften der bekanntesten Oppositions­führer trägt. Es sind darunter zugleich die leuch­tendsten und bekanntesten Ramen des russischen Kommunismus überhaupt: Trotzki. Kamenew. Si­nowjew, Sokolnikow, Pjatakow und Jewdoki­mow. Während nun das Zentralkomitee die be­dingungslose Unterwerfung der Oppo­sition feststellt und diese in längerer Ausfüh­rung ihre verschiedene Verfehlungen zugibt und sich der Parteidisziplin zu fügen bereit erklärt, gibt die Opposition dennoch nichts von chren po­litischen und wirtschaftlichen Anschauungen preis: Den Auffassungen, in denen wir mit der Mehr­heit auseinandrrgehen. bleiben wir treu." Rur die Art und Weise des Kampfes will die Opposition unter dein Druck des gegen sie angefachtenSturmes der öffentlichen Meinung" andern. Sie verzichtet auf die illegale Form verschwörerischer Umtriebe und geheimer Frak- tivnsbildung, will aber ihre Ansichten weiter­hin im Rahmen der Parteigesehe ver­fechten und gibt in der Unterwerfungserklä- rung ausdrücklich ihrer Ueberzeugung Ausdruck, daß das. was in ihren Anschauungen richtig ist, schließlich von der Gesamtpartei an­genommen werden wird. Richt umsonst soll nach Privatmeldungen die entscheidende Sitzung des Zentralkomitees, in der man sich schließlich aus bas Kompromiß einigte, 32 Stunden gedauert haben: bekanntlich entspricht die rus­sische Beredsamkeit den sonstigen russischen Di­mensionen.

Diesem faulen Frieden war ein so wütender Kampf vorausgegangen, daß man allgemein an­nahm, diesmal werde es dem Trotzkismus, der seit 1923 die Tiefen dec K. P. aufri'chrt, ernst­lich an den Kragen gehen. Rach den Maß­regelungen. die schon im letzten Winter Si­nowjew. Kamenew, Sokolnikow und Genossen oetrofsen hatten, nach der Bloßstellung der zu­sammengeschlossenen Opposition im Juli d. Js. durch die Behauptung, sie hätten eine Verschwö­rung angezettelt und im Geheimen eine Frak­tion zum Sturze der Parteizentrale im ganzen Reich zu bilden versucht, nachdem neuerdings weitere Maßregelungen uird Ausschlüsse aus der Partei erfolgt waren, konnte man annehmen, Laß die Statinsche Regierungsgruppe jetzt zum großen Schlage gegen die hartnäckigen Geg­ner aushvlen werde. Das Vorgehen der Oppo­sitionsführer. die offen in Parteiversammlungen »en Kampf gegen die Statinsche Richtung auf- uahmen, wurde im Parteiblatt, der Moskauer Prawda", alsunerhört und beispielslos in der ganzen Geschichte der Kompartei" bezeichnet. Zugleich wurden, wie das in Sowjetrußland üblich ist, auf einen Wink von Moskau im ganzen Lande der kommunistische Resolutions­und Demonstrationsapparat in Bewegung ge­setzt. Es regnete von Entschließungen, die schärf­stes Vorgehen gegen die rasend gewordenen Rebellen und Anwendung der von der Partei- diszipljn vorgezeichneten Maßregeln forderte. Als die Meldungen aus Moskau eintrafen, Dc# die oppositionellen Führer vor ein Par­te i g e r i ch t kommen sollen, mußte man diesen Meldungen Glauben schenken, da der Prestige­verlust durch den offenen Widerstand gegen die Regierung in ihrem engsten Kreise unzweisel- hast war. In jedem bürgerlichen Staate hätte man die hartnäckig uird trotzig die Gesetze des Landes verletzenden Regierungsvertreter auch bei dem besten Willen nicht halten können. Sie hätten mindestens verschwinden müssen, wie z. B. in Deutschland der allgemein anerkannte Genera». Seeckt aus einem unendlichen kleinen Verstoß gegen das Gesetz zurücktreten muhte. Aber der die Gleichheit so radikal betonende Kommunis­

mus bringt es fertig, den angesehenenRe­bellen" gegenüber sich mit einer halben Er­klärung zu begnügen und feiert dies dann als einen Sieg über die Opposition.

Der künstlich aufgeregte Sturm innerhalb der kommunistischen Organisation hatte mithin nur den Zweck, noch vor der Parteikonferenz die Oppositionsführer zu zermürben und zum Abschluß dieses Kompromisses reif zu machen, um nicht einem gefährlichen Anstürm der Oppo­sition auf der Parteikonferenz selbst zu erliegen, die auf den 25. Oktober verlegt worden ist. Aach erfolgtem Übereinkommen zwischen Regie­rungsmehrheit und Opposition, dessen einzelne Bestimmungen auch die Parteimehrheit nicht er­fährt, geht man nun einigermaßen sicher vor Ueberraschungen in die Parteikonferenz hinein. Wieder einmal zeigt es sich, daß nirgends der Kampf der Machthaber so klein ist. wie in der Oli­garchie, die sich mit dem breiten RamenDik­tatur des Proletariats" bezeichnet.

In dem Kompromiß, das in jener 32stün- digen Sitzung des Zentralkomitees beschlossen wurde, ist augenscheinlich der Opposition auch das Recht zuerkannt worden, ihr wirtschaft­liches Programm auf der Parteikonferenz zu vertreten. Das politische Programm, das ja im wesentlichen im Kampf gegen die herrschende Parteibürokratie besteht, ist um so leichter auf- gegeben worden, als ja die Führer der Oppo­sition noch immer großenteils selbst zu den höchsten Spitzen dieser Bürokratie gehören. Die wirtschaftlichen Forderungen der Opposition lau­fen, wenn man von der menschewistischen rech­ten Opposition eines Schljapnikow. Medwodew, des kürzlich ausgeschlossenen Ossowskr absieht,

Die Opposition schöpft ihre Krasl aus d«m unhaltbaren Wirtschaftsverhältnissen der Sowjetunion. Die von der Parteimehrheit lei­denschaftlich behaupteten Fortschritte halten der Kritik des Inlandes nicht stand. Die Zweifel, ob wirklich ein Wiederaufbau der abgebrauchten Industrie nach den Plänen der Mehrheit und mit deren Mitteln möglich ist, ist mehr als zwei­felhaft. Die nur zögernde und mühsame Aus­nutzung des von Deutschland gewährten 300- M i lIionen - Mark - Kredits für den Wiederaufbau der russischen Industrie, ist nur eines von vielen Anzeichen für die auherordent-- lichen Schwierigkeiten, mit denen die russische Wirtschaft kämpft. Cs sei nur angeführt, daß der Einfuhrüberschuß in den ersten elf Monaten des laufenden Wirtschaftsjahres lc25 26 rund 81 Millionen Rubel beträgt, nachdem auch das vorige Wirtschaftsjahr mit einem Passiv- Saldo von 150 Millionen Rubel abgeschlossen hat. Die Stärke der Opposition liegt in der Schwäche der Wirtschaftsgestaltung der Sowjet-Union. Die Radikalmittel aber, die die Opposition vorschlägt, sind nicht dazu angetan, die Lage zu bessern. Im Gegenteil es ist zu befürchten, daß die Mehr­heit. wie das auch schon früher immer wieder geschehen ist, die Unterwerfung der Opposition dadurch erkauft hat, daß sie auf die verschiedenen Forderungen der Opposition e i n g e h t. So hat man schon Schritte getan, um die Arbeiterlöhne zu erhöhen, was die Produktionsverhältnisse zer­rütten muh. Auch die scharfe Besteuerung, die neuerdings gegen das Privatkapital und die PrivatprOduktil^i in Aussicht genommen ist, läßt darauf schließen, daß der Kommunismus wieder einmal drauf und dran ist, aus parteipo»

Das große Heimatblatt

Gießener Anzeiger öas große Anzeigenblatt

nicht dec herrschenden Richtung entgegen, sondern suchen sie nur in einzelnen Fragen zu über­trumpfen. Es handelt sich vielfach bloß um Taktik- und Tempofragen. Die Stalinsche Re­gierung, wie die Opposition unterstreichen z. B. bei jeder Gelegenheit, daß sie das Schwergewicht ihrer gesamten Wirtschaftspolitik auf den Auf­bau der Industrie legen. Rur durch die In­dustrialisierung Rußlands kann das Industrie- Proletariat und damit das Subjekt der Prole«. tariatsherrschaft erhalten werden. Die Mehr­heit sucht sich beim Ausbau der Industrie auf die Produktion der Bauernschaft zu stützen und will bei allmählicher Steigerung dieser Pro­duktion (Förderung der Mittel- und Großbauern) und durch Austausch der industriellen und agra­ren Produkte (Zusammenschluß von Stadt und Dorf, die sog.Smhtschka") das rückständige Agrarland in konsequenter Arbeit industriali­sieren und sozialisieren. Die Opposition wirft dagegen das Schlagwort von der lleber- i n d u st r i a l i s i e r u n g in die Debatte, fordert Klassenkorrektur der schwächlichen Parteipolitik, verurteilt die Dauernfreundlichkeit der Mehrheit, die zu einer Begünstigung derKulak"wirt- schaft führe und verlangt statt dessen Auf­saugung des Bauerntums. Dec schnelle Aufbau der Industrie sei nur durch solche radi­kale Maßnahmen möglich. Bauernschaft und Han­del müßten bluten, die Industrie solle ihre Preise stark erhöhen: so sollen die Milliarden geschafft werden, die einen Aufbau der Industrie erinög- lichen. In demagogischer Weise werden hierbei den unzufriedenen Fabrikarbeitern höhere Löhne in Aussicht gestellt.

litischen Gründen Wirts chaf t l ich e D e r - Wüstungen anzurichten. Die Einheit der Partei ist wenigstens äußerlich gerettet. Der Riß, nur zum Schein verkleistert, muß sich im­mer weiter vertiefen, wie das schon feit 1923 geschehen ist.

Die Fridericus-Marke.

Der Rummel um die vom Reichspostministerium in der neuen Briefmackenserie für den Zehnpfennig­wert vorgesehene Marke mit dem Bildnis Friedrichs des Großen treibt in der Presse der Linken die wunderlichsten Blüten. Besonders dieG e r m a - n i a", bas Berliner Zentrumsorgan, gefällt sich in sehr seltsamen historischen Befrachtungen, um den Alten Fritz alsReichsverderber" zu entlarven, während decVorwärts" sich die neuen, weiß­rot angestrichenen Schlagbäume der Reichsbahn vorknöpft. Er schreibt: Die neuen Eisenbahn­schranken stehen jetzt im Schmucke ihrer Farben leuchtend fertig da. Man muß schon einen sehr scharfen Blick für Farbennuancen haben, um dieses sog. Grau von Schwarz unterscheiden zu können. So ist es in Preußen. Kommt man aber nach Bayern, und insbesondere nach Oberbayern, dann sieht man. daß hier überhaupt nicht mehr von dunkelgrau gesprochen werden kann, sondern daß die Eisentelle des Schrankenunterbaues schwarz cmgestrichen sind. Bekanntlich hat, wie die Reichs­regierung. so auch die Hauptverwaltung der deut­schen Reichsbahn in Bayern nicht viel zu bestellen. Während sie an alle anderen Direktionen einfach Verfügungen erläßt, hat sie in jedem Einzel-

, Dom Deutschen Museum in München.

In zweistündigen interessanten Ausführun­gen sprach im Rahmen dec Veranstaltungen der | Vortrags-Vereinigung Artur Lehmann- Plauen über das Deutsche Museum in München, i Cs ist natürlich, ebenso wie für den Redner, hier nur möglich, gewisse Ausschnitte aus einer überwältigenden Stofs-Fülle wiederzugeben. Der ' Vortrag wurde sinnvoll eingeleitet durch eine Würdigung des geistigen Urhebers des ganzen Werkes. Oskar von Millers, und einen Rück- blick über seinen Werdegang, mit dem der Ge­danke der Kulturschöpfung des Museums innig 1 verbunden ist. Man lernte die wesentlichsten Sta- 1 tionen dieses organisatorischen Geistes. Eng­land. Frankreich, Amerika, seine Anfänge in Berlin und München und die Vorstadien seiner ! großartigen Arbeit kennen, wie sie jetzt auf der Jsarinsel sich geschlossen, vollendet, imponierend vor uns auftut. Sehr aufschlußreiche, anschauliche Lichtbilder vermittelten Einblicke in die Bau­geschichte und tektonische Konstruktion des großen Komplexes, der als Deutsches Museum am 70. Geburtstage Millers der staunenden Oeffentlich- keit übergeben wurde. Auf dem Rundgang, der in Wirklichkeit" 15 Kilometer ausmacht, und von dem hier nur die interessantesten Haltepunkte im Bilde verfolgt werden konnten, ergeben sich | sich die lehrreichsten Quer- und Längsschnitt- » bilder aus dec Entwicklung der deutschen und I darüber hinaus der menschlichen Kulturarbeit ! überhaupt. Cs ist erstaunlich, welch eine Ansammlung (großenteils originalen) Materials I sich hier dem Auge des Besuchers darbietet, der ganze Tage dazu brauchen würde, wenn er alles, ; was hier klar, übersichtlich und stilvoll angeordnet, ' an Kulturarbeit und gleichsam greifbaren Doku- | menten schaffenden und aufbauenden Menschen- I geistes ihm entgegenwächst. Man kann nur ein­zelne Gebiete flüchtig berühren. Etwa die Ent­wickelung, die Jahrtausende umschließt, vom

Pfahldorf zum Wolkenkratzer. Die auf vielen, auf allen Gebieten immer wiederkehrende Ent­wicklung vom Persönlichkeitswert der Handarbeit zum seelenlosen Massenfabrikat der Maschine. Das sieht man in vielen Einzelformen immer sich wiederholen: der Fortschritt, die Verfeinerung und Verschnellerung der Arbeit, der Sieg des Geistes über die stumpfe und träge Masse exem-- plifiziert sich immer aufs neue zu den variabel­sten Formen. Bodenbearbeitung, Landwirtschaft, Bergbau werden bildhaft lebendig, Weberei, Uhr- macherei, Schmiedekunst werden historisch ent­wickelt, gegliedert, aufgeteilt. Epochen werden sichtbar zwischen derSanta Maria" des Ko­lumbus und dem modernen U-Cöoot, Well­geschichte wird technisch, naturwissenschaftlich ana­lysiert auf dem Wege vom Dampfvehitel Ste- phensons bis zur neuzeitlichsten Schnellzugs- maschine, zum Motorrad, zum. Flugzeug. Das Werden der Raturwissenschaften, die unser Jahr­hundert kategorisch beherrschen, verdeutlicht sich im Ausstieg von Guerickes Halbkugeln und Gali­leis primitiven Instrumenten zum moDernen La­boratorium und Planetarium mit seinen Riesen- sernrohren. Eine fast unübersehbare Menge von lebendigem Wissen, Forschen, Arbeiten und Vollbringen, ein riesiges Kullurmuseum, ein Weltspiegel, eine nie ttillstehende. stets wach­sende, grandiose Schaustellung menschlichen Gei­stes ist imDeutschen Museum" geschaffen wor­den. Der Vortrag wurde von einer stattlichen Besucherzahl in der Reuen Aula mit lebhaftem Beifall auf genommen.

Ausstellung chinesischer Baukunst in Frankfurt.

Anläßlich der Herbsttagung des China-Insti­tuts an der Frankfurter Uniuerfität ist im Frank­furter Kunstverein eine ebenso eigenartige wie interessante Ausstellung zu sehen: die Baukunst des Reick es der Mitte: zahlreiche Photographien, die Ernst Boerschmann. Berlin, zusammen­gebracht hat und nun zum ersten Male außer­

halb Berlins der Oefsentlichkeit zugänglich macht. Man sieht in den Werken der chinesischen Bau­kunst den Ausdruck einer uralten Kultur, die ihre Formen aus dem Religiösen nimmt. Die prachtvollen Kaiserpaläste, Die Tempel mit den Pagoden, der Kult- wie der Profan- und der Schmuckbau haben ihr streng ausgeprägtes Stil- geftige. das aus der Landschaft Chinas heraus­gewachsen ist und Kunst bedeutet, vor der man in Ehrfurcht steht, wenn man in der Kunst der Epochen eines großen Voltes diese selbst, seine Eigenart, seinen Geist und sein religiöses Leben erblickt. Was der Buddhismus in China an Architektursormen geschaffen, was ein hochintelli­gentes Volk auf baulichem Gebiete innerhalb seiner Abgeschlossenheit hinter der chinesischen Mauer mit einer durch Jahrtausende gehenden Empfindung für Tradition zu ausgeprägtester Kultur entwickelte, das zeigt die Doerschmannsche Ausstellung mit ihrem fesselnden Bildermaterial. Aus Frank urter Privatsammlungen sind Origi­nale chinefifchec Kunst vertreten. Diese Stücke rechtfertigen in ihrer eigenartigen Schönheit und ikmen hohen künstlerischen Werten die außer- orden.liche Schätzung, die man der uralten hoch- entwickelten Volkskunst des östlichen Reiches ent­gegenbringt. L. W.

Töchter besser als Söhne.

In den Vereinigten Staaten wurde vor eini­gen Wochen von einem Selbstmord berichtet. Den ein Mann deswegen begangen hatte, weil ihn seine Frau mit einer Tochter überraschte, wäh­rend er einen Sohn erwartet hatte. Dieser unge- wöhnliche Ausdruck, der Enttäuschung über die Geburt einer Tochter hat ein gewisses Aufsehen erregt, und in Der amerikanischen Presse ist die Frage viel behandelt worden, ob Denn wirklich Der alt eingewurzelte Glaube, daß Söhne besser als Töchter seien, heute noch eine Berechtigung habe. Die zahlreichen Zuschriften von Lesern und andere Aeußerungen führten zu dem überraschen­den Ergebnis, daß man Die durch die Bevorzu­gung der Söhne zur Schau getragene Verachtung

Zreitag, 29. Oktober 1926

falle Die »GruppenVerwaltung Bayern" von wegen bayerischer Eigenart schön zu bitten. ^Man findet deshalb gerade hier Den politischen Skandal von richtigen schwarzweihroten Eisenbahnschranken. Vielleicht äußert sich die Hauptverwaltung ein­mal dazu, wie sie durch die Gruppenverwaltung Bayern die dortigen Amtsvorst ände und Bahn- merfter wegen dieser monarchistischen Demonstta- tivn zur Verantwortung zu ziehen gedenkt.

DieDossischeZeitun g", die im Chor der über Den Mar km frevel Entrüsteten den Taktstvck schwingt, brachte übrigens erst vor wenig Monden aus Der Feder des demokratischen Präsidentschafts­kandidaten Professors Hellpach einen geradezu begeisterten Fridericus-Aussatz. aus dem fol­gende Stellen in Zusammenhang mit dem jetzigen Feldzug derDoffischen" gegen den Großen König besonders pikant sind. Hellpach schrieb: Friedrichs Lebensinhalt bedeutet die Wendung Der deutschen Frage aus der VersumpfungS- gewihheit. die für sie m dec österreichischen Ent­wicklung lag, zu neuer Lösungsmöglichkeit, eben zur preußischen hiir, und die frihifche Tat, mit Goethe zu reden, ward damit die Vorfrucht der bismärckischen. Wir hätten ohne das Reich vom 18. Januar 1871 nach allem Ermesseit überhaupt keines. . . Darin mag uns keine Rettung Der Habsburger mehr beirren, daß Die objektive Rot­wendigleit des frihischen Handelns, wenn es eine gab, in der Richtung auf die entscheidende Schwächung Oesterreichs und Die entscheidende Stärkung Preußens lag, und daß dies eine Wendung auf eine Losung Der deutschen Frage bedeute. Als Preußen 20 Jahre nach Friedrichs Tode unter Rapoleons Schlägen jammervoll zer­brach. da strömten die Köpfe und Die Charaktere aus Dem nichtpreußischen Deutschland herbei, es zu retten: die Stein und Scharnhorst und Gneise- nau glaubten an Die preußische Sendung, weil der große König diesem Staate die deutsche Sen­dung verliehen hatte. . . . König Friedrich II. ist Die größte Gestalt Der neuzeitlichen deutschen Geschichte. Gr ragt auch über Bismarck und den Freiherrn vom Stein. Vor Friedrichs Gestalt haben sich die beiden dämonisch größten Europäer seines Jahrhunderts voll Ehrfurcht und ohne Ein­schränkung gebeugt: Rapoleon und Goethe, Denen beiden wahrlich alles Preußische der Einstel­lung oder des Interesses weltenfern lag."

Eine scharfe Abrechnung mit den Rörglern und Krittkastern an dem Plan des Reichspost- ministeriums findet sich imTag". Cs heißt dort u. a.: Wir leben in Deutschland, in einem Lande also, wo die geschichtspolitische Perversität neuerdings Trumpf ward. Herr Stingl freilich, unser Postgewalttger, empfindet normal. Sein joviales Phlegma ahnt nicht die Empfindsamkeit republikanischer Rerven. Rur in seiner bajuva- rischen Gradheit bekam er etwas fertig, was ein deutscher Minister, der traft demokratischen Ver­trauens regiert, srch eben nicht leisten darf. Als er seine Porträt-Serie ausheckte, fiel es ihm nicht ein, Parteibonzen einer Koalition zu wählen, sondern er griff wirklich auf einige der Erlaute- ften des deutschen Blutes zurück. Einer von diesen hat freilich das Pech gehabt, ein Hand­werk seiner Väter zu lernen und zu meistern, das heutzutage als das verrufenste unter allen Berufen gelten soll. Zeiten gab es, in denen Scharfrichter. Geldverleiher. Schinder unehcllch waren. Heute aber stempelt man in Der G. m. b. H. deutsche Politik den zum Uebeltäter, der irgend etwas mit Kronen zu tun hatte. Diese überrepublikanische Etikette hat Herr Stingl ver­letzt. Wie ein rechter Hans Raivus rief er. Es klebe Friedrich I Stingl ist der Liebenswürdigste unserer gegenwärtigen Kabinettsgrohen. Ein Prachtkerl. Außerdem oder vielmehr darum zählt er zu den Häuptern der Bayerischen Volkspartei. Doch als bayerischer Politiker macht er sich seine eigenen Gedanken. Bismarck? Rein! Luther? Rein! So hat er immerhin Den Konfessionsschmer­zen sein Opfer gebracht. Aber er überschätzte fein mitbürgerliches Publikum, als er Fride­ricus bereits wie einen Hero jenseits von Gut und Döse ansah. Seine eigene Gesolgschast im Bayernlande ließ ihn im Stich. Man sagt seiner Partei sonst im allgemeinen einen ziem­lich gesunden Menschenverstand nach. Aber in diesem Falle polterte man in einigen süddeut­schen Schreibstuben, die mit Biertischen eine starte geistige Aehnlichkeit haben, in ge'chichtsphilo- sophischem Anflug gegen den postalischen Fride- ricus-Schwärmer. Str nordische König habe gegen das deutsche Kaisertum fein Schwert er-

des weiblichen Geschlechtes entschieden zurückwies und die Töchter für die Eltern vielfach als vor­teilhafter bezeichnete als Die männlichen Sprossen. Der alte Grund gegen Die Töchter war ja Der, daß sie Der Familie nicht selten zur Last wurden, während die Knaben als eine Unter- stühung und Hilfe betrachtet wurden. Aber unter Den jetzigen Verhältnissen hat sich diese An­schauung als falsch erwiesen. Mädchen gehen heute mindestens so früh wie ihre Brüder Dem Brot­erwerb nach, und wenn sie auch meistens nicht so viel verdienen wie die Söhne, so wenden fia doch fast immer Der Familie mehr von ihrem Verdienst zu, als Die Männer. Die Eltern stellen auch ganz selbstverstänDlich größere Ansprüche an ihre Töchter als an ihre Söhne.In vielen Familien," heißt es in einer Zuschrift,in Denen Söhne und Töchter verdienen, belegt die Mutter Das ganze Gehalt Der Tochter mit Beschlag und gibt ihr nur ein bescheidenes Taschengeld, wäh­rend sie zufrieden ist, wenn die Jungens eine bestimmte Summe für ihre Verpflegung und Un­terhalt zu Den gemeinsamen Kosten des Haus­halts beifleuern. Und Die Tochter hilft Den Eltern nicht nur mit Geld, sondern auch noch mit ihrer Arbeit. Sie mag Den ganzen Tag so angestrengt tätig sein wie Der Bruder wenn sie nach Hause kommt, so erwartet Die Mutter von ihr. Daß sie auch noch etwas bei Den Hausarbeiten hilft oder zum mindesten ihr Zimmer aufräumt, ihre Kleider selbst ausbessert und bei Der War­tung Der jüngeren Kinder hilft. Solche Anfoc- Derungcn an Den Sohn zu stellen, würden sich Die Eltern nicht im Traum einfallen lassen. Die Töchter nehmen sich sodann Der allen Eltern viel sorgfältiger an, und Das Sprichwort besteht zu Recht, das Da sagt:Mein Sohn ist mein Sohn, bis er heiratet: meine Tochter ist ihr ganzes Leben hindurch meine Tochter." In Den Familien leben sehr viel häufiger Die Ellern Der Frau mit als Die i .(annes. Denn Die Tochter bleibt Den Eltern yets viel enger ver­bunden als Der Sohn, Der viel häufiger über seiner Frau die Ellern vergißt.