Vookunglück bet Neufahrwasier.
6eU Montag tnirb ein Alotorvoot mit zwei funfltn Stuten, die von Reufahrwasser bei Danzig aus einem italienischen Dampfer entgegenfahren wollten, vermißt und es wird angenommen, daß bas Doot infolge des starken Seeganges abgetrieben wurde. Mittwoch nachmittag begaben sich mehrere junge Leute auf See, um nach dem vermißten Doot zu suchen. Auch von diesen fehlt bi- heute jede Spur, so daß damit zu rechnen ist, daß die Doote gekentert und ihre Insassen ertrunken sind.
1400 Zentner (Betreibe verbrannt.
Auf einem Gute bei Rinteln a. d. Weser wurde ein umfangreiches Getreidelager durch ein Grobfeuer vollständig vernichtet. Dem Feuer fielen die gesamten Erntevorräte von ca. 1400 Zentnern Getreide zum Opfer.
Todesurteil.
3m Iahre 1919 waren in einem Walde bei Neuwied die Leichen zweier Männer aus dem Ruhrgebiet gesunden worden. Die beiden Männer wollten, mit grösseren Geldbeträgen versehen, im Westerwald im Schleichwege Lebensmittel kaufen. Der Mordverdacht richtete sich nach Jahren auf den Händler Koppen aus Dreitscheid. der heute trotz seines Leugnens to e- gen Raubmordes zweimal zum Tode verurteilt wurde.
ZfiiUioncnffrafen für Spritschmuggler.
Die Hamburger Strafkammer verurteilte den bisherigen Geschäftsführer der Hamburg-Altonaer Wirte-Einkaufsgenossenschaft, der 60 000 Liter Feinsprit aus dem Freihafen geschmuggelt hatte, zu fünf Monaten Gef ä ngnis und 1,3 Mi 5ionen Mark Geldstrafe. 3n den letzten Monaten find von Hamburger Gerichten gegen Spritschmuggler insgesamt Geldstrafen in Höhe von 20 Millionen Mark verhängt worden.
Einbruch eines Fassadenkletterers.
' 3n Berlin drang ein Fassadenkletterer in eine Hochparterrewohnung durch das offene Fenster ein und stahl, während die Inhaber schliefen, Schmucksachen und einen Pelzmantel. Als der Dieb sich auf dem Hofe des Hauses mit seinem Komplizen unterhielt, wurden die Bestohlenen aufmerksam. Die Einbrecher entkamen mit ihrer Deute. _______________
Aus der Provinztalhauptstadt.
Gießen, den 29. Oktober 1926.
Der rücksichtsvolle Besuch.
Nachdem Herr Schulze am Frühstückstisch die Post durchgesehen, greift er noch einmal nach dem großen weihen Brief, wiegt ihn gewichtig in der Hand und wendet sich an die erwartungsvoll dasitzende Gattin: „Liebe Marie, übermorgen bekommen wir für ein paar Tage Logierbesuch. Mein Bruder Franz, den ich lange Jahre nicht mehr gesehen habe, wird dir nicht viel Arbeit machen, et war von Kind auf immer sehr rücksichtsvoll. Deshalb wollen mir nadn Möglichkeit in jeder Beziehung seinen Wünschen entgegenkommen." Frau Marie ist einverstanden und vertieft sich gleich darauf mit Lili, ihrer Einzigen, in die hausfraulichen Vorbereitungen.
Die ganze Familie steht auf dem Bahnsteig, als Onkel Franz ankommt. Die Begrüßung ist sehr herzlich. Onkel Franz freut sich über seine große Nichte und nimmt sie beim Arm, während Herr Schulze neben seiner Gattin mit dem Gepäck seines Bruders gefolgt. Arn Ausgang des Bahnhofs steuert er auf eine Droschke zu. „Um des Himmels willen, halt," ruft Franz, „du wirft doch rochen mir keine Droschke nehmen wollen in diesen miferablen Zeiten, die paar Minuten bis zu eurer Wohnung gehen wir zu Fuß'" Herrn Schulzes Einwände bezüglich des Gepäcks verhallen ungehört, Franz will es selbst tragen, aber das kann Herr Schulze doch nicht dulden und so gibt er sich innerlich seufzend darein und
spielt Gepäckträger. „Die Kosten für ein Dampfbad habe ich gespart," flüstert er seiner Gattin zu, während er die Türe aufschließt, „ich muh mich nur vollständig umziehen!"
Frau Schulze führt den Gast in fein Zimmer. ,J)ier läht sich's schön wohnen/ sagt Onkel Franz anerkennend, „das ist ja ein Jammer, dah ein so schöner Raum so oft leer steht! Oder habt ihr viel Logierbesuch?" — „Sehr selten, aber das Zimmer gehört ja auch Lili, die cs dir für ein paar Tage überlassen hat." — „Und wo bleibt Lili unterdessen?" — „Sie schläft im Wohnzimmer auf der großen Chaiselongue." — „Nein, das gibt es nicht, durch meinen Besuch soll hier niemand leiden, mein liebes Nichtchen behält sein Zimmer und ich schlafe auf der Chaiselongue/ — „Aber lieber Franz, im Wohnzimmer wird morgens um 7 Uhr gefrühstückt, da könntest du dich in deinen paar Urlaubs- tagen ja nicht einmal ausschlafenI" — „Das schadet mir nichts, aber ich fühle mich nicht wohl, wenn ick weiß, daß ich hier irgendwie besondere Umstände mache! Also, ich .schlafe auf der Chaiselongue!" Und dabei blieb es, trotz gemeinsamer Bitte der gesamten Familie Schulze.
Als man sich zum Abendessen hingesetzt hat, trägt Lili einen Braten herein. „Ei, sieht der lecker aus," lobt Onkel Franz, „eßt ihr abends immer warm?" — „Eigentlich selten," antwortete Frau Schulze wahrheitsgemäß, „aber heute ..." — „Nein, nein, das geht nicht," Onkel Franz ist ganz erregt, „wie könnt ihr nur wegen mir etwas anderes als gewöhnlich auftischen?! Wenn euch nun die außergewöhnliche warme Mahlzeit nicht bekommt, trage ich die Schuld an allem!" — „Aber davon kann doch gar keine Rede sein", versucht ihn Herr Schulze zu beruhigen, aber Onkel Franz ist standhaft, er rührt den Braten nicht an. Schließlich holt Lili eine Platte mit Wurst für ihn herein, die er sich gut schmecken läßt, während sich die übrige Familie in leiser Verstimmung an den Braten hält. Als man nachher aber bei einer Flasche Wein, die Franz dem Bruder mitgebracht hat, gemütlich beisammensitzt, ist der Frieden wieder hergestellt.
Am nächsten Morgen steht auch Onkel Franz schon vor halb sieben Uhr auf und sucht sich überall nützlich zu machen, um einen Ausgleich für die seinetwegen erforderliche Mehrarbeit hecbeizu- führen. Er begießt die Blumen so reichlich, daß Lili überall hinterher laufen muß, um das übergelaufene Wasser aufzuwischen. Er schneidet Brot, aber so dünne Scheiben, daß an diesem Morgen mehr als das Doppelte an Aufstrich verbraucht wird. Er begibt sich ans Schuhpützen und entdeckt leider erst beim vierten Paar, daß er die Herdwichse zum Einreiben genommen hat. Dann wischt er im Flur Staub und stößt aus Versehen eine große Blumenvase um, die in tausend Scherben zer- jpringt. Jetzt erst scheint er das Gefühl zu haben, so viel für andere geleistet zu haben, wie sie für ihn; denn er setzt sich im Wohnzimmer in die Sofaecke und zündet sich in dem Augenblick ein Pfeifchen so recht behaglich an, als Lili das Zimmer zum Reinemachen ausräumen will.
Aber Lili müßte keine Evastochter fein, wenn sie sich nicht schon einen Plan zurecht gelegt hätte, um ihren rücksichtsvollen Onkel beizukommen. „Onkel Franz," sagt sie zärtlich und setzt sich dicht neben ihn auf die Sofalehne, „ich habe gestern vor Freude über dein Kommen ganz vergessen, meiner Schneiderin, wie verabredet, den Stoff für mein neues Kleid zu bringen. Hättest du wohl Lust und Zeit, das jetzt an meiner Statt zu tun? — „Aber selbstverständlich, liebe Lili," Onkel Franz erhebt sich sofort, „zumal ich doch daran Schuld bin, daß du es versäumtest!"
Die Schneiderin wohnt ein gutes Ende von Schulzes entfernt, und als Onkel Franz nach zweistündiger Abwesenheit wieder auf der Bildfläche erscheint, war es den vereinten Kräften von Mutter und Tochter gelungen, den Haushalt wieder arf die Füße zu stellen. Außerdem find sie sich über die Bchandlungsweise von Onkel Franz klar geworden, und als Herr Schulze vom Geschäft zurück
kehrt, wird er eingeweiht. Eigentlich mißfällt ihm die Taktik, als er aber an fctne Rolle all Gepäckträger denkt, schwinden feine Bedenken.
Beim Mittagessen wird eine knusprige Gans cufgetragen. Onkel Franz faltet entsagungsvoll die Hande über feinem Bäuchlein und erkundigt sich: „Eßt ihr öfters eine Gans?" Herr Schulze antwortet eifrig, gemäß der neuesten Richtlinien: „Sehr oft!" — „Fast alle vierzehn Tage", lügt Lili weiter. „Wir haben nämlich eine sehr billige Bezugsquelle für Gänse", spinnt Frau Schulze den Faden aus. Da ist Onkel Franz beruhigt und langt kräftig zu.
So ist von nun an im Hause Schulze alles ganz beim alten, aber nur scheinbar, und der gute Onkel Franz ist im Glauben, daß seinetwegen noch nicht ein Stuyl einen andern Platz hat. Die Folge davon ist, daß sich seine restlichen Urlaubstage vollkommen reibungslos abwickeln. Als Onkel Franz aber, von der ganzen Familie zmn Zug gebracht, abgereist ist, sagt Frau Schulze mit tiefem Seufzer: „Rücksicht nehmen ist sehr schön, aber zu viel Rücksicht ist schlimmer als Rücksichtslosigkeit!" Tacho.
Vornolizen.
— Tageskalender für Freitag. Stadttheater: 7j Uhr, „Wer weint um Juckenack?" (Ende 10i Uhr). — Gewerbeverein Gießen: 8| Uhr, Gcwerbehaus, Mitgliederversammlung. — Verband für Deutsche Frauenkultur und Frauenkleidung: 4 Uhr nachm. und 8 Uhr abends, im Saale des früheren Hotels „Einhorn": Puppenaus- fteUung und Lichtbilderoortrag. — Matthäus-Gemeinde: 8 Uhr, Matthäussaal: Zusammenkunft. — Eisenbahner-Brennstoffversorgung: 51 Uhr nachm., Unterrichtszimmer im Oberhess. Bahnhof, Hauptversammlung.
— Der Gernhardtsche Zither- und Mandolinen-Chor veranstaltet am kommenden Sonntag im Kath. Vereinshaus fein Herbst- konzert. Die musikalische Leitung des Vereins be- rücksichtigte diesmal, wie man uns schreibt, in besonderem Maße das deutsche Volkslied. Man beachte die heutige Anzeige.
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•* Zur Ablösung der Markanleihen der hefsischen Gemeinden usw. hat der hessische Minister des Innern am 25. Oktober eine neue Verordnung erlassen, in der bestimmt wird: Die Ausschlußfrist für die Anmel- b u n g von Martanleihen alten Besitzes der hessischen Gemeinden und Gemeindeverbände und der ihnen gleichgestellten anderen öffentlich-rechtlichen Körperschaften sowie sür Anträge auf Gewährung von Auslosungsrechten wird bis zum 3 0. Rovember 1 92 6 verlängert. Gleiches gilt für die Cinlösungssrist bei der Darablösung von Markanleihen, soweit nicht diese Frist nach dem Angebot des AnleihefchuldnerS an einem späteren Tag endigt.
** Eine Sendung ausgerei f t c r f r i- scher Himbeeren, am gestrigen Donnerstag, 28. Oktober, in Kinzenbach gepflückt, wurde uns gestern abend als seltenes Produkt in dieser Jahreszeit zugesckickt. Der auftnerksame Spender wird mit seinen Hiwbeerbüschen in diesem Jahre sicherlich zufrieden sein, denn eine zweimalige Erntegelegenheit im Jahre soll ja nicht oft Vorkommen. Wir stellen fest, dah die Früchte von köstlichem Geschmack waren.
'* G e s ch ä s t s j u b i l ä u m. Der Friseur Wilhelm Balser, Ludwigsplah 1, kann am 31. Oktober auf das 35jährige Bestehen seines Geschäftes zurückblicken.
’* Das gestohlene Oelgemälde, über dessen Sicherstellung durch eine auswärtige Polizeibehörde wir am Samstag voriger Woche berichteten, ist nach dem Ergebnis der Ermittelungen in der Katholischen Kirch' in Seligenstadt gestohlen worden. Das Bild wurde wieder an seinen früheren Platz zurückgebracht.
** Die-Freiwillige Gailsche Feuerwehr feierte am Samstag im Beisein ihres Chefs, des Herrn Dr. Georg Gail, in der Turnhalle des Turnvereins von 1846 das 71. Stiftungsfest in
Gestalt einer Abendunterhaltung. Den musikalischen Teil führte, wie man uns berichtet, die Kapelle Weller au», wobei Herr Schwarzlose einige seiner schönen Solostücke zu Gehör brachte. Der übrige Teil de» Programms bestand aus Vorträgen des Gesangvereins „Heiterkeit", Jnstrumentaivor- trägen des Wanderklubs „Höhenflug" und einem flott gespielten Theaterstück. Dem Kameraden H. Elle wurden anläßlich seiner 50jährigen Zugehörigzeit zur Wehr herzliche Glückwünsche ausgesprochen. Weiter wurden eine Anzahl Feuerwehrleute dekoriert, und zwar erhielt der Wehrmann Georg Ritzel die Auszeichnung für 25jährige treue Dienste seitens der hessischen Regierung, während den Wehrleuten Wilh. Feuerbach, Hermann W a ck, Fritz Bender, Carl Wacker und Ernst Römer ein Diplom der Stadt für 15jährige Dienstzeit überreizt wurde. Ferner erhielten noch 38 Wehrleute die von dem Kreisoerband der Freiw. Feuerwehren im Kreise Gießen gewidmeten Auszeichnungen für 15jährige Dienstzeit. Der städtische Branddirektor Braubach, der mit der Ueberreidjung der Auszeichnungen beauftragt war, dankte der' Wehr für ihre immer bewiesene Bereitwilligkeit, und hob ins- besondere hervor, daß die Wehr gelegentlich des Brandes in der Kaiserallee und bei dem vor kurzem stattgehabten Probe Brandangrlss in der Neustadt bewiesen habe, daß sie auf der Höhe sei.
" Ser "Buborn ub „Hassi a" Gießen beging am Samstagabend in der dichtbefetzten Turnhalle am Oswaldsgarten die Feier seines 20jährigen Bestehens. Rach begrüßenden Worten des 1. Borsitzenden Fr. S chü ß le r, der insbesondere den 1. Vorsitzenden des Süddeutschen Ruderverbandes, Otto Ihrig, willkommen hieß, gab der Führer des Verein- in großen Umrissen ein Bild über den Werdegang der „Hassia". Der Derein wurde am 23. August 1906 von sechs jungen Leuten gegründet, am 28. Oktober desselben Jahres wurde die Taufe des ersten Bootes vvrgenommen. Am ersten Pfinystseiertag 1909 wurde das Bootshaus ein- gewetht. Unter wechselndem Vorsitz erlebte dann der Verein eine ständige Aufwärtsentwicklung, die nur in den Kriegsjayren eine vorübergehende Unterbrechung erfuhr. Seit Bestehen der „Hassia" wurden an Siegen errungen: 23 im Einer, 50 Im Vierer und 9 im Achter, darunter 9 Meisterschaften. Der Bootspark besteht aus 1 Schul-, 3 Gig», 3 Rennvierern, 2 Rennachtern und 2 Renneinern. Mit Danlesworlen an alle, die den Verein in den beiden Jahrzehnten seines bisherigen Bestehens gefördert, geführt und die in ihm mitgearbeitet haben, schloß der Redner feine beifällig aufgenommene Ansprache. Der Vorsitzende des Süddeutschen Rudcrverbandes, Otto Ihrig, überbrachte die Glückwünsche des Verbandes und betonte dabei die hohe Bedeutung der „Hassia" für den Verband. Ramens des „Vereins Ufer- fritif 1922 Gießen" gratulierte Herr P. Plage, für die „Paddlergilde Gießen" sprach Herr Herzberger, namend des Vereins „Rudersport Gießen" dessen erster Vorsitzender Herr Leverrnann. Die drei Vertreter der Gießener Vereine üherreichten dem Iubelverein je einen Wimpel als Gruß ihrer Vereine und hoben dabei das gute Einvernehmen mit der „Hassia" rühmend hervor. Schriftliche Glückwünsche waren eingegangen von dem Turnverein 1846 und von der S^ielvereinigung 1900; ferner hatten einige dem Verein nahestehende Herren telegraphisch ihre Glückwünsche übermittelt. 3m Anschluß an die Dankcsworte des Vorsitzenden nahm dieser eine Ehrung verdienter Mitglieder vor; 21 Herren erhielten eine Jubiläumsnadel für 15- bis 20jährige Mitgliedschaft, daS älteste Mitglied, Hermann Weller, wurde zum Ehrenmitglied ernannt, ferner wurden die Herren Ihrig und Werm mit Radeln ausgezeichnet. Im Anschluß an den offiziellen Teil wickelte sich ein reichhaltiges unterhalten es Programm ab, das die Festteilnehmer noch lange In bester Stimmung beisammen hielt.
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