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Nr. 228 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Mittwoch, 29. September 1926

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Gießener FamilienblStter Heimat im Bild Die Scholle.

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Sietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

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Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr. H.THynot; für den übrigen Teil Ernst Blumschcin; für den An­zeigenteil i. Dertr. Sy Beck, sämtlich in Gießen.

Die deutsch-französische Verständigung.

Die Haltung Italiens. Das Problem der Zahlungen.

London, 28. Sept. (Sil.) Der diplomatische Korrespondent desDaily Telegraph" beschäf­tigt sich heute in längeren Ausführungen mit den europäischen Problemen unter besonderer Berücksichtigung der italienischen Politik. Bis zu welchem Grade der gegenseitige Argwohn, so schreibt der Korrespondent, die Bezichungen Der kontinentalen Großmächte trotz Locarno und Thoiry noch durchdringe, ergebe sich einerseits aus der Rede Poincaräs in Dar-le-Duc und andererseits aus dem Mißtrauen Mussolinis gegenüber einer prinzipiellen Regelung von deutsch-alliierten Problemen durch ausschließlich deut sch-französische Verhandlungen. In italienischen Kreisen hat man die Bericht­erstatter gestern auf die zahlreichen und bedeu­tenden Gelegenheiten aufmerksam gemacht, bei denen die italienischen Interessen infolge der Abwesenheit eines italienischen Dele­gierten bei den Zusammenkünften zwischen den alliierten Premierministern oder ausländischen Ministern gelitten hätten. Italien habe a l s Gegengarant des Locarnopaktes, ob­wohl es nicht eine der Besatzungsmächte fei, ein erhöhtes Interesse und erhöhte Verantwort­lichkeit für jedes Rheinlandabkommen. Italien habe ein dominierendes Interesse an Verträgen mit den Westmächten und den Problemen der österreichisch-deutschen Vereinigung, ferner ver­lange es das Vorrecht über alle anderen Mächte, einschließlich Deutschlands, falls irgend ein altes Kolonialmandat freiwerde oder ein neues geschaffen werden sollte. Die neuer­liche Entwicklung seiner Metallindustrie uni> sein Mangel an eigenen Kohlenauellen würde jede deutsch-französische Kohlen-, Eisen- und Stahlkombinativn zu einer wirt- wirtschaftlichen Angelegenheit machen, an der die italienische Halbinsel in hohem Maße interessiert sei.

Es sei in Berlin gesagt worden, so fahrt der Korrespondent fort, daß Frankreich für rund zwölf Millionen aus dem Saargebiet herausgekauft werden könnte und Belgien für sechs Millionen Pfund aus Eupen und M a l m e d y. Run erhielten aber Frankreich und Belgien zusammen ungefähr 60 Prozent der alliierten Reparations­zahlungen. Iirfolgedessen würde die Finanzierung dieser Operation eine Gesamtreparations- Mobilisierung von dreißig Millio­nen Pfund bed'.ngen, unabhängig von der von Frankreich für die baldige Räumung des Rhein­landes geforderten Summe. Englische und ameri­kanische Sachverständige schätzten, daß die interna­tionalen Geldmärkte gegenwärtig keine größere Auflegung der Daweseisenbahn- vbligationen als 60 Millionen Pfund aufnehmen könnten. Rach Abzug von dreißig Millionen Pfund für das Saargebiet und Eupen- MalmedH würde ein Saldo von weiteren dreißig Mill. Pfund verbleiben, von denen nur 16 Mil­lionen Pfund an Frankreich fallen würden. Man müsse sich jetzt fragen, ob Frankreich mit dieser Summe als Kompensation für die Rhemlaird- räumung zufrieden sein werde, um so mehr als die Anleihe nur dann aufgelegt wer­den könnte, nachdem Frankreich sowohl das amerikanische, wie auch das britische Schulden- abkommen ratifiziert habe. Das seien nur einige von den vielen Schwierigkeiten, die die Sachverständigen, die sich mit dem Studium der Vorschläge von Thoiry vom praktischen und technischen Gesichtspunkt aus zu beschäftigen hätten, überwinden mühten.

Das alte Lied.

Eine Rede des Senators Klotz.

' Paris, 28. Sept. (Wolff.) Der frühere Finanzminister Senator Klotz hielt im General­rat des Departements Somme eine Rede, in der er zunächst die Verwaltungsreform einer lebhaften Kritik unterzog und sich dann mit scharfen Worten gegen die Forderung Amerikas und Englands auf Bezah­lung der Schulden wandte. Kein franzö­sisches Parlament werde sich zur Ratiftzierung eines Schuldenrcgelungsabkommcns bereit finden, solange Frankreichs Währung nicht st a b i l i s i e r t sei. Gerade die Amerikaner und Engländer seien es gewesen, die Frankreich hin­sichtlich seiner Ansprüche an Deutschland allmäh­lich zu einem vollkommenen Verzicht getrieben hätten, älnd die Rede Stressmanns vor der deutschen Kolonie in Genf kündige weiteres an: Die Hinfälligkeit des Versailler Der- träges und mit ihm die Hinfälligkeit der deutschen Verantwortung am Kriege. Das Spiel sei fein und klar: Adieu Dawesplan I Unb welche Sicherheit werde man für die vollkommene Räumung der Rheinlande erhalten? Einen neuen Fetzen Papier! Das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das Strcsemann fordere, ziele nur ab auf das Saar gebiet, Memel und Danzig und weiter auf den Anschluß Oe st erreich s. Wieviele Gefahren entschleierten die vor seinen Landsleuten frei enthüllten Gedanken Strese- manns! Er möge jedoch bedankt sein für diese Offenheit, die für Frankreich eine ko st bare Warnung bedeute. Es genüge nicht, Friede zu .rufen, sondern man müsse ihn schaffen. Frankreich dürfe keines seiner Rechte a u f g e b e n und seine Sicherheit nicht gefährden, uni den kommenden Generationen die Qualen zu ersparen, die die gegenwärtige zur Genüge kennen gelernt habe.

Fort mit der Rheinlandbesatzung!

Die Bluttat von Germersheim.

Die deutsche Delegation ist nun wieder voll­zählig nach Berlin zurückgekehrt, gleic^eitig sind sowohl in Paris als auch in Berlin die Sachver­ständigen an die Arbeit gegangen, um ein ge­meinsames Verständigungsprogramm aufzustellen. Im selben Augenblick sind in Germersheim wie­derum drei Bürger das Opfer eines schiehwütigen französischen Ossiziers geworden, nachdem noch immer die Bluttat aus dem Sommer auf ihre Sühne wartet. Richts kann die Verständigung schwerer belasten, als diese Mordtaten, die im ganzen deutschen Volk einen Sturm der Ent­rüstung Hervorrufen müssen und auch die Reichs­regierung zwingt, zunächst einmal statt der er­hofften und in Thoiry in ihren Umrissen fest­gesetzten Aussprache über die Verwirklichung des Friedens am Rhein in Paris vorstellig zu wer­den. Solange die Mörder des Sommers noch frei Herumlaufen, solange wird auch dieser ilebel- täter niemals einem ordentlichen Gericht aus- geliefert. werden. ilnö sieht man sich vielleicht doch veranlaßt, ihn vor eines der berüchtigten französischen Kriegsgerichte zu stellen, dann wird uns eben nur eine Komödie vorgeführt werden, bei der der Mörder mit einer lächerlich geringen Strafe davonkommen oder überhaupt gänzlich in Freiheit gesetzt werden wird. Was nützen auch schließlich Gerichtsverfahren, selbst wenn jnit aller Schärfe gegen derartige Aebeltäter vorge­gangen würde. Solange Poincarä wiederum durch Sonntagsreden und einiges andere den Be­satzungstruppen den Rücken stärtt, solange der deutsche Bürger im besetzten Gebiet Freiwild ist, solange wird sich nichts ändern. Es kann und wird erst anders werden, wenn das R h e i n I a n b von fremden Truppen geräumt ist. Dieses Ziel zu erreichen, wird die Aufgabe des deutschen Volkes und ferner Führer sein und blei­ben. Allen Gewalten zum Trotz wird es schließ­lich doch erreicht werden, auch wenn ein Poin- care sich hindernd in den Weg stellen sollte.

Der amtliche Bericht.

WSN. Speyer, 28. Sept, lieber dieDorgänge in der Nacht vom Sonntag auf Montag erhalten wir von amtlicher Seite folgenden Bericht: In der Nacht vom 26. zum 27. September wollten vier junge Leute, die von 8 Uhr abends bis 12 Uhr nachts in mehreren Wirtschaften der Stadt Germers­heim Bier getrunken hatten, gegen 1 Uhr nach Hause gehen. Sie trugen weder Waffen, noch waren sie betrunken. In keiner Wirtschaft war ein Zusammenstoß oder Wortwechsel mit einem Franzosen vorausgegangen. Am Ludwigstor außer­halb der eigentlichen Stadt, zwischen dieser und dem Bahnhof, sahen sie im Dunkeln einen Mann in Zivil stehen, der sie anschaute. Sie frugen ein­ander, was der wohl tue oder tun möchte, und einer der jungen Leute, Richard Holzmann, näherte sich dem Unbekannten, der ihm einige französische Worte zurief und sofort zum Angriff über­ging, und zwar nach Aussage eines der vier Deut­schen zunächst mit Stock- und Reitpeitschenhieben, nach übereinstimmender Bekundung aller aber dann sogleich mit zwei oder drei Schüssen aus einem Browning.

Ein Schuß traf den Holzmann ins Gesicht, worauf er sich zum Ar§t Dr. Pauli begab. Zwei der jungen Leute, Scharote und B e i ß m a n n , gingen nun vom Tatort weg zur Stadt und trafen unterwegs den Joseph Mathes, der, nachdem sie ihm den Vorfall erzählten, vorschlug, dem Franzosen, der

wohl die Ringstraße Herkommen müsse, a u s z u - passen, um herauszubringen, wer er sei. Er kam auch und ging an den Dreien vorbei, die ihm an der Kirche entlang folgten. Als sie nahe an ihn heran- gekommen waren, drehte sich der Franzose um, er­hob seinen Browning und drohte zu schießen. Beißmann und Schardt slüchteten, während ein an­derer junger Mann, Heinrich Fechter, sich dem Mathes anschloß. Zu Fechter sagte der Franzose: Kommen Sie nicht!", und als Fechter näher heran- kam, rief er:AttentionI", ging aber dann weiter und die beiden folgten ihm. Währenddessen kam van hinten her ein zweiter Franzose in Zivil, der den beiden Deutschen und einigen anderen, in die Nähe gekommenen Passanten zurief:Bleiben Sie stehen oder gehen Sie zurück!"

Bald darauf schoß der erste Franzose aus eine Entfernung von etwa vier Schritten und traf den Mathes in den Kopf. Es entstand, während weitere Leute auf die Schüsse aus den Hausern gekommen waren, eine große Aufregung, und nach wenigen Minuten fielen wieder Schüsse, deren zwei den Emil Müller trafen, einer am Arm und ein tödlicher mitten durch die Brust.

Es hat sich nun hcrausgestellt, bah sämtliche Schüsse von dem Unterleutnant Rouzier vom Art.-Regiment 311 abgegeben tvorben sind. Die Zeitungsmitteilungen, baß Mathes seinen Ver­letzungen erlegen sei, sind nicht zutreffend. Mit den Erhebungen sind die Gerichtsbehörden des Bezirksamts Germersheim und eine besondere Regicrungskommissivn beschäftigt. Sie werden heute fortgesetzt. Die Sektion der Leiche Müllers, die von den deutschen Gerichtsbehörden vorgenom- men werden sollte, muhte auf Anordnung des Plahkommandanten zunächst unterbleiben. Sie wurde von den französischen Behörden von sich aus vorgenommen. Der Befund hat ergeben, daß der Tod auf Herzschuh zurückzuführen ist. Die aufgefundene Kugel ist ein französisches 6,35» Millimeter-Geschoß. Die Sektion wurde ge­meinschaftlich von deutschen und französischen Aerzten ausgeftihrt. Ferner waren einige französische Gerichtspersonen an­wesend. Bon deutscher Seite ist im Laufe des heu­tigen Tages auch Oberstaatsanwalt n i g von Zweibrücken angekommen, während auf französi­scher Seite verschiedene höhere Offiziere tätig sind.

Der Täter.

Germersheim, 28. Sept. (WTB.) Es hat sich bei der Untersuchung herausgestellt, dah der Täter, der französische Unterleutnant Rou- zier vom 011. Artillerie-Regiment, sich schon bei dem Zusammenstoß mit dem Schuhmacher Holzmann am Ludwigstore in einem Zu - stand der Gereiztheit und Erregung befand, der nach dem jetzigen Stand der Unter­suchung auf Ausschreitungen französischer Be­satzungsangehöriger zurückzuführen ist, die sich etwa zwei Stunden vor der Bluttat ereignet hatten, und an denen auch der französische Unter­leutnant beteiligt war. Ein etwa 17 Jahre alter Germersheimer namens Klein wurde am Sonntagabend gegen 10.30 Uhr von mehreren französischen DesahungSangehörigen auf der Straße in der Rähe des Ludwigstores unter der Anschuldigung, er habe einen französischen Soldaten mißhandelt, in einen Hausgang geschleppt, dort von einem französischen Zivi­listen mit einer Reitpeitsche mißhandelt und

dann einer herbeigerufenen vier Mann starken französischen Streife übergeben. Unter fortge­setzten Stößen mit dem Gewehrkolben auf Kopf und Rücken wurde der junge Mann in eine französische Kaserne gebracht. Rach- bem sich dort herausgestellt hatte, bah die gegen ihn erhobene Anschuldigung jeder Grund­lage entbehrte, wurde der junge Mann gegen 12 Uhr wieder auf freien Fuß gesetzt. Rach einwandfreien Zeugenaussagen ist der fran­zösische Zivilist mit dem Unterleutnant Rouzier identisch, da beide einen dunklen Anzug, eine schwarze Hornbrille und eine Reitpeitsche tru- ?en. Aus dieser ersten Ausschreitung er* lärt sich die Erregung des Leutnants bei dem etwa zwei Stunden später erfolgenden Zusammen­stoß mit dem Schuhmacher Richard Holzmann. Der Mörder hat sich zwar kurze Zeit in Schutz­haft begeben, genießt aber völlige Bewe­gungsfreiheit und ist im Lause des Diens­tags und noch am späten Abend wiederholt in den Straßen von Germersheim gesehen worden, eine Tatsache, welche die schwer geprüfte Bevölkerung der Stadt m i t größter Emp örung erfüllen muh. Obwohl die amtliche Untersuchung und der Seltionsbefund die Schuld des französischen Offiziers zweifels­frei ergeben hat, ist bis jetzt von sranzösischer Seite noch nichts geschehen, den Täter seiner verdienten Strafe zuzusühren. Es ist beobachtet worden, daß gerade Angehörige des Artillerie- Regiments Rr. 311, zu dem Rouzier gehört, ein ganz besonders willkürliches Benehmen an den Tag legen, da der Abtransport des Regi­ments in den nächsten Tagen bevorsteht.

Französische Enllastungsversuche.

Paris, 29. Sept. Havas gibt in einem Tele­gramm aus Mainz über die blutigen Vorfälle in Germersheim an, der französische Offizier sei von Deutschen provoziert und tätlich an- gegriffen worden. Er habe in Notwehr auf seine Angreifer geschossen und dabei einen Deut- scheu getötet und zwei verwundet. Diese Darstellung steht im Gegensatz zu den Aussagen der Zeugen. Es war aber nach den bisherigen Erfahrungen zu er­warten, daß die Franzosen den Versuch machen würden, den Deutschen die Schuld an dem Zwischenfall zuzuschreiben.

Graf Adelmann bei der Rhein- landkommission.

Berlin, 28. Sept. (TU.) Wie die Telcgraphen- Union erfährt, ist Ministerialdirektor Graf A d e l- mann als Vertreter des Neichskommissars für die besetzten Gebiete bei der Interalliierten Nhein­landkommission wegen der blutigen Vorfälle in Ger­mersheim vorstellig geworden.

Neue Schietzerei in Germersheim.

Berlin, 29. Sept. Wie die Morgenblätter aus Germersheim melden, hat sich in der ver­gangenen Nacht ein neuer Zwischenfall ereignet. Ein Brückenwärter erstattete Anzeige, daß aus einem Automobil, das anscheinend von einem Franzosen gesteuert wurde, ein Schuß auf i h n abgegeben" wurde. Auch diese An­gelegenheit, die noch nicht geklärt ist, ist Gegenstand von Untersuchungen seitens der deutschen Behörden.

Faszistische Ausschreitungen in SüMtroL

Berlin, 29. Sept. (WTB. Funkspruch.) Rach einer Meldung desvorwärts" haben am Sonntag­abend 800 (Jafjiften aus Mittelitalien in der Südtiroler Stadt Sterling schwere Ausschreitungen verübt. Sie zechten in den Wirtshäusern die ganze Nacht hindurch, ohne die Zeche zu bezahlen, beschädigten die Einrichtungen und mißhandelten auf den Straßen die Ein­wohner.

Der englisch-chinesische Konflikt.

Erklärungen Baldwins im Unterlrans.

London, 28. Sept. (TU.) Der Premierminister teilte im Unterhause mit, daß eines der beiden von den Chinesen auf dem Pangtse ergriffenen Schiffe zurückgegeben worden sei, während sich das andere aus dem Wege nach Jchang be­finde. Der britische Konsul in Jchang sei instruiert worden, das Zustandekommen eines Abkom­mens über alle noch ausstehenden Punkte im Zu­sammenhang mif den Wanghsien-Zwischenfällen zu beschleunigen. Die Regierung sei der Auf­fassung, daß die Flottenverftärkungen, die sich zur Zeit aus dem Wege nach China befänden, zusammen mit den dort stationierten Streitkräften ausreichend sein wurden für einen angemes­senen Schutz der britischen Untertanen und der bri­tischen Interessen. Die Aktion habe keinerlei Lan­dung britischer Streitkräfte erforderlich gemacht. Auch seien keine militärischen oder Luftflottenver- [tärtungen nach China entsandt worden. Mehr als >e würde in Hongkong eine Agitation betrieben, deren Ziel die Zerstörung des britischen Handels sei. Die Organisation des Boykotts sei

so intensiv, daß die britische Regierung gezwungen gewesen sei, wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um dieser Art von Piratentum entgegenzutreten. Eng­land beabsichtige nicht, an einer Intervention der fremden Mächte in China keilzunehmen. Die Regie­rung sei der Ansicht, daß die einzelnen Nationen am besten jede ihre eigenen Maßnahmen treffen, um den Schutz ihrer Staatsangehörigen in China sicherzustellen.

Verlängerung des Ausnahme­zustandes in Encland.

London, 29. Sspt. (Täl.) Im älnterhaus beantragte der Innenminister Sir I o y n s o n Hicks die Verlängerung des Aus­nahmezustandes um einen weiteren Monat. Er führte zur Begründung u. a. aus, dah im abgelaufenen Monat unter den Bestimmungen der Ausnahmegesetze 309 Fälle zu behandeln ge- rvesen seien. Rund 100 000 Bergarbeiter hätten hie Arbeit wieder ausgenommen und 60 000 Leute seien mit Rotstandsarbeiten beschäftigt. M a c - d o n a l d erklärte hierzu, die Zahl 309 sei im Vergleich zu der Million Streikenden lächerlich und keineswegs eine Begründung für die aber­malige Verlängerung des Ausnahmezustandes. Der Bergbaumi üster erklärte, daß der Beginn der kalten Jahreszeit die Schwierigkeit der Situation nicht unwesentlich vermehre und daß man mit einer Preiserhöhung rechnen müsse. Ob ein Eingreifen der Regierung in Gestalt einer Preiskontrolle nötig sei, fei noch ungewiß. Die Sondersitzung schloß mit der Annahme i des Regierungsantrages auf Ver­längerung des Ausnahmezustandes mit 196 gegen 99 Stemmern In später Stunde sprach man in unterrichteten Kreisen von der Möglichkeit, daß

die Delegiertenkonferenz am Mittwoch eine er­neute Generalabstimmung in sämtlichen (Bergbau- distrikten für die nächste Woche beschlossen werden, um über die Annahme oder Ablehnung der letzten Daldwinschen Vorschläge eine Entscheidung her- beizusühren.

Wiederaufnahme der französisch -russischen Schuldenverhandlungen?

Paris, 28. Sept. (TU.) In gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verlautet, daß der Präsi­dent der französischen Delegation für die fran- zösisch-russ.schen Schuldcnverhandl. ngen. S n tor de M on z ie, sich vor kurzem nach M o s ka u begeben hatte, um gemeinsam mit dem fran­zösischen Botschafter in Moskau, Herbett e, die älnterhandlungen mit den russischen Finanz­sachverständigen und den Mitgliedern der Sow ei- regicrung das Terrain für die Wiederaufnahme der französisch-russischen Konferenz vorzubereitcn. Die ilirterbanMungen werden sich hauptsächlich auf die Frage der russischen Vorkriegs­schulden beziehen für deren Regelung man rus ischerseits weiterhin als unumgängliche Vor­bedingung die Gewährung von Krediten verlangt, und zwar nach dem bisherigen Stande der Verhandlungen 75 Millionen Dollar in bar und 150 Millionen Dollar in Warenlreditew Die Darkredite würden in drei Jahresraten zu 15, 25 und 35 Millionen zu gewahren sein, ebenso die Warenkredite im Ausmaß von5, 50 und 65 Millionen Dollar. Die Rückzahlung würde für die Warenkredite in fünf Ialren und für die Darkredite in drei Jahren nach ihrem Empfang begonnen werden.