sten Zukunst besonders bemerkenswert erscheinen, welche Voraussetzungen an die aktive Führung des Wirtschaftskrieges geknüpft sind und welche Gebiete als passive Ziele des Wirtschaftskrieges die Aufmerksamkeit der großen Mächte auf sich lenken.
Getreidelombardierung u. landwirtschaftliche Genossenschaften.
Don dem Derband der hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaften wird uns geschrieben:
Die Ernte ist da und damit die Gefahr des Lleberangebots an Getreide und der infolgedessen eintretenden Preissenkung. Zu welcher Katastrophe das führen kann, hat sich mit größter Deutlichkeit im vorigen Jahre erwiesen, wo eine gute Ernte in den ersten Monaten nach ihrer Einbringung aus Kapitaliwt zum großen Teil verschleudert wurde. Eine Wiederholung dieses Dorganges muß in Diesem Jahre unter allen Umständen vermieden werden. Das Mittel dazu bietet die Möglichkeit der Getreidelombar- dierung, die bekanntlich durch die Genossenschaften bis zu 60 Prozent des Wertes erfolgen kann, doch gilt dies nur für gedroschenes Getreide. Den Genossenschaften erwächst die Pflicht, ihre Mitglieder aufzuklären, sie auf diese Möglichkeiten hinzuweisen, sie vor einem übereilten Verkauf ihres Getreides zu warnen. Es würde angesichts der hohen Verschuldung und der großen Zahlungsverpflichtungen der Landwirtschaft im letzten Quartal dieses Jahres nichts verhängnisvoller sein als ein Herabsacken des Getreide- Preises. Die Landwirtschaft würde ein nochmaliges Verschleudern der Ernte nicht mehr aushalten. Für den einzelnen Landwirt ergibt sich daraus die Notwendigkeit, von der angebotenen Hilfe Gebrauch zu machen nicht nur zu eigenem Nutzen, sondern zu dem des gesamten Berufsstandes. Don einem ausreichenden Gebrauch der Devorschussung des Getreides in Verbindung mit der Tätigkeit der Deutschen Getreidehandelsgesellschaft darf erwartet werden, daß eine Preissenkung, wie sie im Vorjahre eintrat, verhütet wird.
Oberhessen.
Landkreis Gießen.
* Klein-Linden, 28. Juli. Man schreibt uns: Der in der Montagnummer des „Gieß. Anz." gebrachte Bericht über die jüngste Gemeinderatssitzung bedarf einer Berichtigung. Die Veranlassung zu der vor Eintritt in die Tagesordnung hervorgerufenen Gcschäftsord- nungsdebatte war nicht ein Versäumnis des Bürgermeisters, sondern die Unkenntnis des betr. Gemeinderatsmitgliedes über die sachliche Behandlung der in Aussicht stehenden neuen Besoldungsregelung. Der von letzterem in einer vorausgegangenen Gemeinderatsfihung mündlich gestellte .Antrag auf Neuregelung der Gemeindebeamtengehälter wurde seinerzeit von dem Bürgermeister dahin beantwortet, daß eine Neuregelung der Besoldung der Gemeindebe- omten im Gange und die betreffenden Dienststellen mit der Aufstellung neuer Nichtlinien für die Desoldungsregelung befaßt seien. Sobald Diese erschienen, werde er dem Gemeinderat Vorlage machen, ohne diese sei eine Behandlung der Besvldungsfrage zwecklos. Diese Erklärung wurde vom Gesamtgemeinderat, auch vom Antragsteller, stillschweigend angenommen, so daß für den Bürgermeister zunächst kein Grund vorlag, die Desoldungsregelung zum Gegenstand der Behandlung in nächster Sitzung zu machen. Es ist ferner unrichtig, daß einstimmig beschlossen sei, eine Neuregelung der Gehälter innerhalb 8 Tagen vorzunehmen, richtig ist vielmehr, daß beschlossen wurde, innerhalb vorgenannter Frist zur Befoldungsfrage Stellung zu nehmen. Bei der vorgenommcnen Abstimmung enthielten sich einige Gemeinderatsmilglieder der Stimmabgabe.
X Allendorf (Lah n), 28. Juli. An vielen Stellen unserer Gemarkung haben die Wassermassen in letzter Zeit erheblichen Schaden verursacht. Durch die Nässe sind die Hackfruchtäcker mit Unkraut derart überwuchert, daß alle Kräfte nötig sind, um es wieder zu entfernen. Hiernach ist der Stand der Kartoffeln sehr verschieden, während Dickwurz und Kraut sich gut entwickelt haben. Das' Wint e r ge t r e ide hat sich vielfach gelagert; die Aehren sind schwer, so daß bei heißem Wetter eine gute Ernte erwartet wird. Die Sommer- frucht zeigt kräftigen Wuchs; auch hier sind
die Aehren gut entwickelt, jedoch führen Wind und Negen Lagerung herbei. Für Obst aller Art ist geringe Aussicht, so daß den Landwirten und der Gemeindekasse eine sonst bedeutende Einnahmequelle fehlt. — Die Neueindeckung der Kreisstraße Wetzla r—G i e tz e n ist in hiesiger Gemarkung von der Landesgrenze bis an den Bahnübergang nach Heuchelheim beendet worden. Die Verwendung von Steinschlag, Teer und Sand ergibt diesmal eine glatte Fahrbahn. Die Derkehrssperre mutz bis zur Festigung der Masse noch bestehen bleiben. — Sobald die Getreideernte beendet ist, erfolgt durch die Feldbereinigungskommission die Neueinteilung sämtlicher Grundstücke. Wie überall in diesen Fällen, so sieht man auch hier der Vollendung im Herbst mit Spannung und gemischten Gefühlen entgegen.
* L o l l a r, 27. Juli. Am 4., 18. und 25. Juli hielt der Veteranen - und Kriegerverein Lollar auf seinem neu hergerichteten Schietzstand ein S ch e i b e n s ch i e tz e n ab, woran auch die Jungmannschaft des Vereins teilnahm; es zeitigte recht gute Schietzergebnisse. Die Beteiligung war an allen drei Sonntagen recht rege. Es nahmen an jedem Sonntag etwa 80 Schützen teil. Besonderen Ansporn bot das mit jedem Schiehtag verbundene Ehrenscheibenschi e- tz e n. Am dritten Sonntag wurde in drei Klassen geschossen, der beste Schütze jeder Klasse erhielt einen Ermunterungspreis in Geld. Das Herbst- a b s ch i e tz e n, womit ein Preisschiehen verbunden wird, soll in den letzten Sonntagen des September stattfinden.
th. L i n d e n st r u t h , 28. Juli. Am Sonntag fand hier die Weihe einer neuen Glocke statt. Für die im Weltkrieg abgelieferte kleinere Glocke, die aus dem Jahre 1668 stammte, wurde eine grötzere beschafft, die mit der noch vorhandenen, aus dem Jahre 1453 stammenden in den Tönen cis-e einen schönen Zusammenklang ergibt. Die neue Glocke wurde von dec Firma Rinker in Sinn geliefert; sie trägt die Inschrift:
„Dem Vaterland wurde die Schwester gegeben.
1917
Statt ihrer erstand ich zu neuem Leben. 1926 Zum Worte Gottes lad ich euch;
Kommt, kommt, es führt zum Himmelreich."
Die Weihe verlief in sehr schöner Weise. Da das kleine Gotteshaus die nach Hunderten zählenden Festgäste nicht zu fassen vermochte, fand die Feier vor der Kirche statt. Sie wurde von unserem Ortsgeistlichen, Pfarrer Mar- guth (Winnerod), vollzogen, der von der Entstehung der Glocken im allgemeinen, sowie von den Erlebnissen unserer alten Glocke Interessantes zu berichten wußte. Die Schule, der Gesangverein, sowie der Pofaunenchor von Bersrod hatten sich bereitwilligst in den Dienst der Feier gestellt. Durch den Mund von Schülern wurde der feiernden Gemeinde die Bedeutung des Geläutes im Leben des einzelnen Menschen als Tauf-, Hoch- zeits- und Grabgeläute, sowie im Gemeindeleben als Morgen-, Mittag-, Abend- und Sonntagsläuten vor die Seele gestellt. Möge auch der bei der Feier ausgesprochene Wunsch, daß das neue Geläute für die Gemeinde ein rechtes Friedensgeläute werde, auf fruchtbaren Boden gefallen sein.
Kreis Friedberg.
00 Aus dem mittleren Niddatal, 28. Juli. Die Roggen - und Gerstenernte hat nun begonnen, TIeberall sieht man in den Feldern die Getreidehaufen. Teilweise wird die^ Frucht gleich eingefahren und gedroschen, denn manche notwendige Ausgabe wurde auf die Erntezeit verschoben. Weizen und Hafer werden auch schon gelb, so daß die Ernte keine Unterbrechung erleiden wird. Lagerfrucht gibt es hier wenig, denn unsere Gegend wurde von schweren Wettern verschont. Allgemein verspricht dir Ernte einen guten Ertrag; der Hafer, der auch etwas mehr lagert als andere Fruchtarten, scheint eine sehr gute Ernte zu liefern Die Wiesen haben infolge der Feuchtigkeit sofort wieder an- gesght und stehen im üppigsten Wachstum. Nach der guten Heuernte besteht j^tzt auch Hoffnung auf einen guten Ertrag an Grummet. — Die Frühkartoffeln liefern, wie zu erwarten war, eine gute Ernte, die sich in den niedrigen Preisen für Frühkartoffeln auswirkt.
Kreis Bübingen.
]:[ Gelnhaar. 28. Juli. In dem hiesigen Steinbruch verunglückte heute morgen
ein junger Arbeiter dadurch, datz ein schwerer Hammer eines anderen Arbeiters vom Stiele ab- flog und ihn am Hinterkopf traf. Der sofort herbei» gerufene Arzt vernähte die klaffende Wunde und legte den ersten Verband an.
Kreis Schotten.
=.= Aus dem Kreise Schotten, 28. Juli. An verschiedene Gemeinden der Kreise Schotten und Lauterbach, die sich die Pflege und Unterhaltung der verbesserten Hutweiden besonders angelegen sein ließen und die dort eingerichteten Gemeindeviehweiden in zufriedenstellendem Zustand erhalten haben, wurden aus einem im Staatsvoranschlag für 1925 bereitgestellten Betrag Belohnungen verausgabt im Gesamtbeträge von 800 Mk. So erhielten Oberseemen 150, Hartmannshain 150, furt 50, Nösberts 50, Grebenhain 100 und Crainfeld 300 Mk.
6 Schotten, 28. Juli. Aus dem G e - mein de rat: Die Steuerausschlag s'ätze für 1 92 6 werden festgesetzt auf 12 Pf. für je 100 Mark Steuerwert und Gebäude, 24 Pf. des land- und forstwirtschaftlichen Grundbesitzes, 40 Pf. vom landwirtschaftlichen und gewerblichen Betriebs- und Anlagekapital, 40 Pf. auf je 1 Mark des gewerblichen Ertragssteuersolls, 25 Pf. Sondersteuer vom bebauten Grundbesitz. Die Steuerziele werden verteilt auf die Zeit vom 1.9.26 bis 1.7.27. — In dem durch die Stadt fliehenden Stadtbach, der als bequeme Ablagerungsstätte von Anrat benutzt wird, haben sich Zustände herausgebildet, die der Abhilfe dringend bedürfen. Der Gemeinderot beschloß daher, daß das Da ch b e t t im S t a mv f- beton hergestellt und teilweise z u g e - legt wird. Zunächst wird ein Teil vom Pfarrhof bis zur Brücke neu hergestellt. — Der Sportplatz auf dem Bockzahl wird erweitert, mehrere 100 Kubikmeter Erde und Fels werden abgetragen und planiert. Mit den am Platz interessierten Vereinen erfolgt noch nähere Vereinbarung. — Der Turn- und Gesangverein plant die Erweiterung und den Ausbau seiner Turnhalle. Der jetzige Turnhof soll überbaut, die Wirtschaftsräume, Garderobe usw. aus dem jetzigen Festsaal, herausgenommen und der Saal dadurch vergrößert werden. Ein reiner Turnsaal, der nur für das Turnen eingerichtet wird und ständig dem Vereins- und Schulturnen zur Verfügung steht, soll im Turnhof gebaut werden. Durch die seitherige öftere Verwendung des Turnsaals als Festsaal war der Turnbetrieb öfters gehindert. Der Gemeinderat steht dem neuen Projekt sehr sympathisch gegenüber und will es nach Kräften unterstützen. Ein besonderer Zeichens aal für die gewerbliche Fortbildungsschule soll, jedoch nicht, wie vom Turnverein vorgesehen war, in dem neuen Turnhallenumbau eingerichtet werden, sondern die Stadt läßt einen solchen Saal in ihrem eigenen Schulgebäude Herrichten.
& Schotten. 28. Juli. Wie man hört, beabsichtigt die Reichsbahnverwaltung, wieder einen gemischten Zug, Personen- und Güterzug, vermutlich das zweite Zugpaar, fahren zu lassen. Die Bevöllerung hat lange auf die Abschaffung dieses Mißstandes gekämpft, sie wird jetzt diesen Rückschritt, der eine unverantwortliche Belästigung des Publikums mit sich bringt, nicht geduldig hinnehmen und sich mit allen Mitteln für die Beibehaltung der jetzigen Bahnverbindung, die ja auch nicht ideal, aber doch immerhin erträglich ist, einsehen. — Am Sonntag stattete der Turn- und Gesangverein Schotten den Nachbarvereinen der Stadt L a u b a ch einen Besuch ab. Nach einer Besichtigung der Stadt fand im Saal des „Solmer Hofes" ein gemütliches Beisammensein statt. Die Gesangsabteilung des Schottener Vereins trug zahlreiche ansprechende Chöre unter Leitung ihres bewährten Dirigenten S ü s s e l vor. Die von den beiden Bürgermeistern der Städte und den Vereinsvorsitzenden gehaltenen Ansprachen betonten das herzliche Einvernehmen. das zwischen Laubach und Schotten stets bestehen soll.
ld. S ch o t t e n, 28. Juli. Die ausgiebigen Regenfälle der letzten Zeit haben einen vorzüglichen Ansatz des Grummetgrases gezeitigt, so daß die besten Aussichten auf eine gute Drummeternte vorhanden sind. Dadurch wird es der Vogelsberger Landwirtschaft ermöglicht. das zahlreiche Jungvieh, das wegen
der niedrigen Kälberpreise zur Aufzucht aufge- stellt wurde, durch den Winter zu bringen.
□ L a u b a ch, 28. Juli. Am Sonntag begingen die im Jahre 1876 geborenen Bewohner unserer Stadt eine gemeinsame Feier ihres Geburtstages. Am Vormittag fand Kirchgang statt, worauf 25 Fünfziger, 15 Damen, 10 Herren, (einige fehlten hierbei) photographiert wurden. Am Abend war gesellige Unterhaltung im festlich geschmückten Saale des ..Solmser Hofs". Vielen Beifall fand ein flott gespieltes Theaterstück und ein sinniges musikalisches Singspiel. Einen weiteren Teil der Abendunterhaltung bildete ein munterer Tanz. Diese Feier ist die erste derartige, die hier stattgefunden hat. — Auch unser stilles Tal ist neuerdings von einem Schwindlerpaar heimgesucht worden. Dor einigen Wochen kam ein junger Mann mit seiner „Tante" zu einer Dame, die hier eine Pension ftir Sommerfrischler hält, bestellte Quartier und bat, zum folgenden Nachmittag „einen guten Kaffee" zu besorgen, da sie sich vorher einmal die Nachbarstadt Hungen ansehen wollten. Die Herrschaften lamen jedoch nicht am Nachmittag, sondern mieteten sich bei einem hiesigen Geschäftsmann ein. Hier liehen sic es sich wohl sein. Mit der <^rau des Hauses machten die Sommerfrischler sogar einen Ausflug auf den HoherSdskopf, wo es ihnen ungemein gefiel. Als es an das Bezahlen ging, hatte der fremde Herr in der Eile vergessen, seine Geldtasche einzustecken. Die Laubacher Vermieterin übernahm es, in zuvorkommender Weise, die Wirtsrechnung zu begleichen. Ewige Tage später teilte der fremde Herr dem hiesigen Geschäftsmann mit, er habe ewe besonders günstige Gelegenheit, sich an einem Ausverkauf zu beteiligen, sei aber leider zur Zeit nicht genügend bei Kasse. Er zählte die Summe von 12 000 Mk. in bar auf und sagte er brauche insgesamt 14 000 Mk. Auch zeigte er Briefe von einem Gerichtsvollzieher aus Kassel vor, der jenes Warenlager (Leinen) mit Beschlag belegte. Der Laubacher Geschäftsmann, der gerade die fehlende Summe bereit hatte (er hatte kurz vorher Geld eingenommen), streckte bereitwillig 1 600 Mark vor. Darauf reiste die „Tante" selbst nach Kassel, um den Ankauf auszuführen, wofür sie noch einen Schließkorb entlieh. Als die „Tante" ausblieb, wurde der Neffe unruhig und beschloß, ihr nachzureisen. Er gab an, starkes Kopfweh zu haben. Der Laubacher Pensionsherr empfahl ihm Bewegung w frischer Luft und lieh ihm hierzu sein neues Adlerrad. Der fremde Herr nahm dankbar an — und ward nicht mehr gesehen. Man hat festgestellt, daß es sich um einen Hochst a p l e r aus Lorch am Rhein handelt, einen früheren Taglöhner, der seit 1924 im „Fahndungsblatt" steht. Die „Tante" soll aus Thüringen stammen. Der Schaden, den der hiesige Geschäftsmann erlitten hat, beläuft sich auf insgesamt 2100 Mark. — Am 16. Juli fand Forster Neuß aus Wetterfeld, der zur Zeit die Stelle des hiesigen Gemeindeförsters bekleidet, in der sog. „Steinbach", 3 Kilometer östlich unserer Stadt, am Oberlauf der Wetter (der Stätte eines um 1400 ausgegangenen ©or- les), die Aeberreste eines kleinen Gummiballons. Es hing eine Karte bei, tvonach der Ballon bereits im Mai d. I. vorn „Sport Secretary" des Tennisklubs von S u t t o n in Surreh abgesandt war, mit der Bitte um Mitteilung durch den Finder und unter dem Versprechen eines Preises. Förster Neuß füllte das Kärtchen als Zurücksender aus und sandte es zurück nach Sutton (F/, Stunden westlich von Croydon), ist jedoch noch ohne Antwort.
-L Ober-Lais, 28. Juli. Am Sonntag stattete der Gesangverein „Liederkranz" von Gedern dem hiesigen Gesangverein „Liederfreund" einen Besuch ab. Die Gederner Sänger erschienen etwa 60 Mann stark. Im Saale des Gastwirts Theiß konnte sich bald ein „S ä n g e r st r e i t“ im kleinen friedlichst ent- spinnen, nachdem der Dirigent des hiesigen Vereins, Lehrer Strößinger, die Gäste begrüßt und der Präsident des Gederner Vereins, Schreinermeister Henkel, den Dank für die freundliche Begrüßung ausgesprochen hatte. Daß beide Vereine über gute Stimmen verfügen und gut geschult sind, bewiesen die vorgetragenen Chore. Auch ein Quartett des Gederner Vereins brachte einige schöne Lieder zu Gehör. Rur zu schnell verging die Zeit und mahnte zum Aufbruch, der gegen 7 2hr erfolgte nach nochmaligen Dankes-
Die Krummhölzer.
Roman aus den bayerischen Bergen. Don Michael Wagner.
17. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Es war ein böser Blick, der chn hier aus Tonis Augen traf. Ein ganz kurzes trockenes Auflachen begleitete ihn.
„Bloß mir laßt meine Ruah, gel!"
Zeno faßte den Bruder scharf ins Auge.
„Wir wollen hoffen, daß 's net nötig is!"
Marianne hatte sich still an Vater llrachers Seite gesetzt. Mit weicher, leiser Stimme sprach sie tröstend auf den ganz gebrochenen, sonst so starken Mann ein. Aus seiner mächtigen Brust drangen stöhnende Laute.
„Mei armer Bua!" flüsterte er immer wieder vor sich hin. „Mei armer Bua! —"
Mariannens Zusprache aber wirkte Wunder. Er faßte sich und richtete sich wieder auf.
„I dank' dir für bei Zuasprach', Mariandl!" sagte er zu der Schwiegertochter und drückte ihr dankbar die Hand. Dann wandte er sich an die Brüder.
„Was red's ihr da aus mitanand?! Halt's doch fried'!" Er machte eine Pause. „In dem Schreiben steht was drin, daß oans nach München kommen sollt —
„Dos werd' i schon erledigen, i hab' sowieso in die nächsten Tag' in der Stadt drin was z' tun'" gab ihm Toni kurz angebunden Bescheid. „Unterdes könnt's ihr an richtigen Seelengottesdienst bestellen — zahlen tua i!"
„Is recht!" erwiderte der Vater.
Da stutzte der Tom seine fleischigen Hände auf die Tischplatte und stand auf. Brutal, breit und schwer hob sich seine Schlächtersigur in der Dämmerung des Salettls, wie ein düsterer Klotz vom hellen Hintergrund des durch das Blattwerk schimmernden Äbendyimmels.
„Weil 's sich g'rad so schickt —oan für allemal — Herr am Hof bin i!" Toni hieb dazu bekräftigend mit der Faust auf den Tisch. „Und als solcher hab' bloß i was z' reden und sonst gar niemand! Heut' net und in aller Zukunft net! Da braucht 's koa
Dreinreden und koa Warnung — verstanden! — Mehr brauch i wohl net z'sagen!"
„'s langt — hast recht!" erwiderte Zeno männlich ruhig,^doch voller Bitterkeit über das Unwürdige der Szene. „Aber i schreib mich Uracher so guat wie du, Toni! Und der Krummholzerhof is meine Hoamat so gut wie deine!"
Da fuhr der Uracher auf. Groß und steil auf» gerichtet, als gelte es, nöchmals seine ganze Kraft zu zeigen, stand er zwischen den Brüdern.
„Und all dös muaß heut' g'sagt werden! G'rad zu der Stund'? Soll sich zum Kummer a no d' Feindschaft schlagen?! Herrgott — Buam! Und wenn i hundertmal im Austrag bin — merkt's euch: i bin a no da!"
Peinliches Schweigen folgte auf die väterliche Zurechtweisung.
„Vater! — Du —" wollte darauf Zeno in begütigendem Tone einwenden. 2(6er Uracher schnitt ihm die Rede ab.
„Laß guat sein, Zeno!" Er wies nach dem Hause, von dem durchs abendliche Dämmer trüb roter Schein hinter den Stubenfenstern aufglomm. „Gehn wir 'nein, — d' Wally hat die Kerzen schon ang'steckt!"
Damit trat er aus dem Salettl ins Freie hinaus und ging hoch und stark, aber schweren Schrittes, als hätte er eine Last zu tragen, unter den alten Obstbäumen hin, dem Hause zu.
Schweigend folgten ihm die anderen ...
In der großen Stube waren bereits alle versammelt, die zum Krummholzerhof gehörten. Auf dem Tische stand zwischen schwer silbernen alten Leuchtern mit brennenden Kerzen ein holzgeschnitztes Kruzifix. Als Uracher mit den Seinen eintrat, verstummte sofort das Flüstern. In manchem Auge standen die Tränen ehrlicher Teilnahme.
Einen Augenblick schaute sich der Bauer im Kreise seiner Leute um. Langsam und schwer sprach er bann:
„Also nachher, Leut' — für’n Veri sei arme Seel!
Hierauf ging er zu einem der Stühle, kniete auf öen Stubenboden nieder, stützte die Ellenbogen auf Öen ötufjl und legte das Gesicht in die schwieligen Hande. Es war, als hätte ihn die Bürde der ihm auferlegten Prüfung nun doch daniedergedrückt.
Wortlos folgten die anderen feinem Beispiele und ließen sich an der Wandbank und vor den Stühlen ebenfalls auf die Knie nieder. Nur Zeno lehnte sitzend auf der Bank und streckte sein hölzernes Bein steif in die Stube. Neben ihm kniete Marianne, den schönen Kops tief gesenkt. In ihrem vollen Blondhaar spielte wie rotgoldene Glut der Schein der Kerzenlichter.
Toni aber zog sich in die dämmerige Ecke hinter dem unförmigen Ofen zurück, als hätte er mit all den anderen da nichts gemeinsam und füge sich nur widerwillig dem Zwange des Hergebrachten.
Eine vielhundertköpfige Gemeinde betender Gläubiger im Prunk und Lichterglanze eines großen Domes könnte kein Bild von packenderer Wucht und Seltsamkeit abgeben, als diese Schar rauher Bergler im flackernden Kerzenschein zu Füßen des Kruzifixes ...
„Im Namen Gottes Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes ..." hob Wally an zu beten, inbrünstig, voll echter Andacht. Laut fiel der Ehor der anderen ein, geführt von Vater Urachers dröhnender Stimme ...
Bis zum letzten Vers:
„Der du für uns bist gekreuziget worden!"
Da schwieg diese starke Stimme. Und beim letzten: „... Herr, laß ihn ruhen in Frieden, Amen!" zitterte die ganze Riesengestalt dieses Mannes, der ein Menschenalter lang stark und aufrecht gewesen war, in wildem Schluchzen ...
Eines nach dem andern, vom Großknecht bis zum Roßbuden, von der Hauserin bis zur letzten Stalldirne, gab dem Uracheroater dann die Hand. Darauf gingen sie stumm hinaus. Als letzter der borete alte Gori, weinend wie ein Kind ...
„Guat Nacht beinanb!" sagte jetzt auch der Toni kurz angebunden, und murmelte dazu etwas, das klang wie: „Kommt's gut 'nunter!" Mit lautem Knall fiel die Tür hinter ihm ins Schloß ...
Am Hofgatter draußen verabschiedeten sich Zer.o und Marianne vom Vater, der ihnen bis hierher das Geleite gegeben.
„In Gott's Nam' — er hat's so haben wollen!" war sein letztes Wort.
Dann schieden sie mit einem langen, stummen Händedruck.
*
| Zeno und Marianne stiegen durch die Pracht ! und den wonnesamen Frieden einer milden Maiennacht zu Tal.
Weber den beiden Menschen funkelten viel» tausendfach die Sterne, und das wundersame Licht des Mondes verklärte in unsagbarer Feierlichkeit bas nächtliche Bergland und ihren stillen Weg ...
VII.
Der erste Bergsommer neigte sich seinem Ende zu, seit Zeno als rühriger junger Meister und Nach» folger des sei. Fürleger im Schnitzerhäusl am Marktplatz mit seiner Marianne faß.
Unter ihren Augen hatte das schmucke Gärtlein das erste märzlich-zarte Sprießen und Knospen, lenzfrohes Blühen und des Sommers volle Reife gezeigt und mar nun daran, sich mit den leuchtenden Farben des Herbstes ein neues Prunkkleib an- zulegen ...
Auch im Krummholzerhof hoch oben auf feiner herrischen, sonnenreichen Höhe hatten sich mancherlei Wandlungen ergeben.
Seit der alte Uracher das Regiment an Toni übergeben hatte, wehte um den stattlichen alten Hof einlaßheischend der Geist der neuen Zeit. Und er erhielt Einlaß und nahm Besitz von Haus und Hof. —
Toni nannte sich Gutsbesitzer, seit der Hof in seiner Faust war. Gutsbesitzer und — Großhändler, eigentlich Groß-Geschäftemacher. Als solcher war Toni ein besonders gelehriger und würdiger Vertreter der neuen Zeit. Er handelte vornehmlich mit Holz aller Art und Menge, weil ihm diese Ware buchstäblich am nächsten gelegen und durfte sich Kollege so manchen durchtriebenen Schiebers nennen.
Wie oftmals die Bergnebel durch die Täler streichen und mit gespenstischer, lautloser Beweglichkeit in alle Gräben, Kare und Schluchten kriechen, so kam auch der Geist der neuen Zeit ins hinterste Bergdorf und weckte den üblen Geschäftssinn mesensverwandter Zeitgenossen. Das war die Zeit, da es iM deutschen Vaterkande schier mehr Händler als Käufer gab. Allerlei Unternehmungen und Geschäfte wurden aufgemacht, die wohl das Licht des Tages zu scheuen hatten — aber den meisten Gewinn abwarfen ...
(Fortsetzung folgt.)


