Ausgabe 
29.5.1926
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 123 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Samstag, 29. Mai 1926

------- taI! MM I TBMWatT-L-

Ziasko der Abrüstungs-Vorkonferenz?

Don unserem militärpolitischen K.-Mitarbeiter.

Seit 7 Jahren beschäftigt sich der Völker­bund mit dem Problem der allgemeinen Ab- rüstung, getreu dem § 8 seiner Satzungen, in dem sich seine Mitglieder zu dem Grundsatz bekennen, dah die Erhaltung des Friedens eine Herab­setzung der Rüstungen auf das Mindestmaß er­fordere, das mit der nationalen Sicherheit und mit der Erzwingung internationaler Verpflich­tungen vereinbar tft Der Pakt von Locarno, der Europa befrieden und jedem Volk seine nationale Sicherheit gewährleisten soll, ist längst unter­zeichnet. ilnb noch ist das Abrüstungsproblem nicht über da- Stadium ausführlicher theoreti­scher Betrachtungen ohne Folgen für die prak­tische Politik hinausgekommen. Dem gesunden Menschenverstand fehlt das Verständnis dafür, dah wirklichen ehrlichen Abrüstungswillen vorausgesetzt die Aufstellung der Abrüstungs­forderungen und die Festsetzung der Einzelheiten ihrer Durchführung so große Schwierigkeiten be­reiten. so lange Zeit in Anspruch nehmen soll. Unb zwar auS dem einen Grunde, weil Deutsch- lonb doch ein klassisches Beispiel dafür gegeben hat, wie rasch eine gänzliche Abrüstung sich er­reichen läßt. Es kann doch nicht schwer hallen, nach ^diesem Muster auch in allen übrigen Staa­ten Freiwilligenheere mit 12jähriger Dienstzeit einzuführen, auf deren Grundlage die Aufstellung von Millionenheeren nahezu ausgeschlossen ist, die Verschrottung alles Kriegsmaterials mit Aus­nahme veralteter Gewehre und leichter Kanonen anzuordnen und zu überwachen, die Ri<Her- reihung aller Fabriken und Zerstörung aller Maschinen, die der Wiederherstellung von Waffen unb Kriegsgerät dienen, burchzuführen. Wenn für Deutschlands nationale Verteidigung bei seinen nach allen Seiten offenen Grenzen und bei ferner vom Ausland abhängigen Rohstoffver­sorgung auf 65 Einwohner ein Soldat als aus­reichend gilt, so würde dieses Verhältnis ganz gewiß auch für die übrige Welt Frieden und Sicherheit gewährleisten. Die ganzen langwieri­gen Verhandlungen könnten gespart werden, daS ungeheuere Aufgebot an Sachverständigen, diplo­matischen Künsten und Dialektik für bessere Zwecke verwendet werden, wenn ja, wenn wirllich der Wille zur Abrüstung die in Genf versammelten Vertreter der 10 im Völkerbund vertretenen Mächte beseelte.

Das praktische Ergebnis der 1. Verhand­lungswoche ist, wie zu erwarten, völlig unbefrie­digend. Immerhin gaben die Verhandlungen Ge­legenheit, die Stellungnahme der einzelnen Ratio­nen gegenüber dem Abrüstungsproblem und den berühmten 7 Fragen beobachten. England, das Frankreichs Leberlegenheit in der Lust un­mittelbar zu fürchten hat und das gewaltige stanzösische Heer als Instrument zur Wahrung der französischen Vormacht in Europa und Rord- afrika nut Mißbehagen betrachtet, forderte, um den Untergang der Konferenz in uferlosen De­batten zu vermeiden, Begrenzung der Verhand- lungen auf die Verringerung der zu Kriegsbeginn schlagbereiten, bzw. mobilisierten Kräfte und auf die Beschränkung der Lustrüstung Frank­reich hingegen verlangte eine restlose Klärung deS Gesamtproblems in der begründeten Hoff­nung, daß, je werter das Problem auf gerollt wird, desto unüberwindlichere Schwierigkeiten sich auftürmen. Auch will es ohne Seeabrüstung keine Land- und Lustabrüftung zugestehen. Eng­land und die Vereinigten Staaten beharrten demgegenüber auf dem Standpunkt, daß die Ab­rüstung zur Dee schon durch die Konferenz von Washington erledigt sei. Wenn Frankreich dann weiter in sophistischer, objestiver Kritik gegenüber nicht stichhalliger Unterscheidung zwi­schen offensiver und defensiver Rüstung ver­langte, daß jeder Staat für den Ausbau seiner ^Derteidigungsmahnahmen" volle Freiheit be­halten solle, so ist das nichts anderes als die Sabotierung jeder Abrüstung. Es ist doch ein­leuchtend, dah bann jeder Staat alle seine Rüstun­gen als reine Verteidigungsmaßnahmen auffassen und bezeichnen wird.

Cs war zu erwarten, daß bei der Frage 5 die schärfsten Meinungsverschiedenheiten auf­treten. die Gegensätze sich in ihrem ganzen Ge­wicht enthüllen würden. Da wird die Frage ge­stellt, nach welchen Grundsätzen sich zwischen den

Die deutsche Mittelstadt.

Don Johannes Tralow.

Leber ein Drittel der deutschen Menschen wohnt in den Großstädten, und dennoch kann man nicht sagen, daß sie Deutschland repräsen­tieren, wie etwa Paris Frankreich oder London England. Berlin ist nicht einmal Preußen: denn Hannover, Königsberg, Köln würden mit Recht an die Mission erinnern, die sie als die tatsäch- llchen Hauptstädte ihrer Landstriche erfüllen. Wan könnt« vielleicht sagen. München sei Bayern, wenn den fränkischen Landschaften Rordbaherns nicht Dürnberg den Mittelpunkt bedeutete.

Leber den Glanz der Metropolen werden meist die andern Städte vergessen, deren kullu- relle und wirtschaftliche Bedeutung als Mittel­punkte ihrer Gebiete dennoch ebenso wichtig ist. Die hängt nicht von der Einwohnerzahl ab. Leber der Verehrung der absoluten Zahl werden oft unwägbare Werte übersehen, die sich in der Praxis als höchst wirksam erweisen. Haben wir heute auch kein Weimar mehr, das als kleines Städtchen trotzdem einst das geistige Haupt eines Deutschland war, so wird uns auf Wanderungen durch Deutschland immer wieder llar, wie wenig an sich die Einwohnerzahl einer Stadt für deren Bedeutung besagen will. Leberhaupt ist die willkürlich Ziffer von hunderttausend Einwoh­nern, von der ab sich eine StadtGroßstadt" nennen soll, längst überholt, so gut wie im Mittei­aller Städte von zehn- bis zwanzigtausend Ein­wohner bereits als riesenhaft erschienen. Es ist auch «in großer Lnierschied, ob Städte in 3n- dustriegegenden liegen oder in rein landwirt- schastllchen Gebieten. 3m letzten Fall wird selbst eine Heine Stadt den Mittelpunkt bilden, wäh­rend viel größere 3ndustriestädte kulturell und wirtschaftlich von Zentren außerhalb ihrer Ge­markungen abhängkh sind. Dabei wachsen die Städte im Ruhrgebiet etwa, von denen eine Reihe an Vollszahl Städte wie Frankfurt a. M. übersteigen, immer mehr zu einer einzigen Stadt, einem Stabtlanb zusammen, wobei natürlich viel

Rüstungen, die jedem Land zugebilligt werden könnten, ein Veryä.inis Herstellen ließe unter besonderer Berücksichtigung von Einwohnerzahl. Hilfsquellen, geographischer Lage. Au-d<i-nung und Art der e<cocrbinbungen. Dichte und De- schafsenheil des Eisenbahnnetzes, Verletzbarkeit der Grenzen usw. Hierbei versuchte Frankreich den Dachweis zu erbringen, daß die Wehrmacht eines Staates nicht in erster Linie von der Stärke und Bewaffnung der Armee, sondern mehr noch von der DevöllerungLzal'l der industriellen unb wirtschaftlichen Leistungs'ähigleit unb den an­deren eben erwähnten Rerenfaktoren abhänge: unb bah ein Staat, um seine Lnterlegenheit auf biesem Gebiet auszugleichen, bas Recht haben muffe, eine stärkere Wehrmacht unter den Waffen zu halten. Diese Beweisführung er­scheint auf den ersten Anblick schlagend: bei gründlicher Betrachtung der ganzen Frage er­weist sie sich als (Bluff. Die Erzeugung von Waffen und Kriegsgerät kann nicht von heute auf morgen geschehen, da die Herstellung der zur Fabrikation von Wafsen und Munition er­forderlichen Spezialmaschinen allein schon Mo­

führung ist noch mehr als vor dem Weltlrieg die rascheste Herbeiführung einer Entscheidung. Wie soll nun einem Staat gegenüber, der über eine starke, schlagbereite mit den modernsten Kriegsmitteln ausgerüstc.e Wehrmacht verfügt, ein anderer, weniger geruiteter Staat seine über­legene Industrie zum Einsatz bringen? Kurz nach Kriegsbeginn ist das überlegene Heer in der Luft und auf der Erde tief in Feindesland ein­geb tun gen. durch rastlos wiederholte Bomben- und Gasangriffe aus der Luft wird der feind­liche Kriegswille gelähmt unb bet Krieg ist längst entschieden, ehedie überlegene Industrie" auch nur einen einzigen Gewehrlauf geliefert hat. So also verhallen sich in WiiÄichkeit militärische Leberlegenheit und industrielle Ueberlegenljcit eines Volkes zueinander!

So unrichtig also Boncours Beweisführung ist. so verständlich ist sie vom Standpunll eines Frankreich aus. das seine Vormachtstellung in Europa nicht aufgeben will.

Auch der alle Kamps zwischen der fran­zösischen Formel ..Erst Sicherheit, dann Ab­rüstung", unb ber ber übrigen Welt ..Sicherheit

Der dritte Schuß

Spannend geschriebener Kriminal­roman von Ole Stefani beginnt

in der Nummer vom l.Jum

nate bauert Die Fertigung von Läufen, Ge­schützrohren, Kanonen mit Hilfe biefer Ma­schinen nimmt viele weitere Monate in Anspruch, bekanntlich bauert die Herstellung eines Geschütz­rohres neun Monate! Die Umstellung der gesamten Industrie eines Landes auf den Krieg ist natürlich noch langwieriger als die einer einzelnen Fabrik ober eines Gewerbezweiges; ohne jahrelange wirtschaftliche Mobilmachungs­vorbereitungen unb ohne daß die Inbustrie eines Landes tatsächlich schon im Frieden Kriegs­material herstellt, also die dafür erforderlichen Maschinen, Facharbeiter, Konstruktionsbureaus, Techniker unb Ingenieure unb die bei Versuchen gemachten Erfahrungen besitzt, ist Lmstellung eines Staates auf ben Krieg heute nicht mehr möglich. Wenn die Industrie und Wirtschaft eines friedlichen Landes ohne starke Armee so­fort bei Kriegsbeginn eine so ausschlaggebende Bedeutung für den Sieg hätte, wozu hätte dann Frankreich ein Gesetz über die allgemeine Or­ganisation der Ration für die Kriegszeit her­ausgegeben, durch das im tiefsten Frieden alle materiellen unb intellektuellen Hilfskräfte bes Landes für ben Krieg mobil gemacht werden, auf dessen rasche Entscheidung alles zugeschnitten ist? Wozu gewahrt dann Frankreich jetzt schon seiner Industrie so reiche Subventionen, soweit diese für Herstellung von Kriegsmaterial in Frage kommt? Wozu dann die Ronnierung aller Transport- und Rachrichtenmittel, ber großen Mehrzahl aller kriegswichtigen Erzeugnisse nach dem Gesichtspunkte ber militärischen Verwen­dungsmöglichkeit? Wozu die gesetzlich festgelegte Bereitstellung aller für die Kriegführung not­wendigen. im eigenen Lande nicht zu erreichenden Rohstoffe? Ferner ist zu bedenken, daß eine leistungsfähige Rüstungsindustrie, der wirkliche militärische Bedeutung beizumessen ist. nur im engen Zusammenwirken mit einem Heer ent­stehen und leben kann, das sie schon im Frieden mit Aufgaben und Lieferungsaufträgen versieht. Endlich trifft es heute, jedenfalls für kontinen­tale Völker nicht mehr zu, was im Weltkrieg noch für England gegolten hat: daß ein Volk mit einer mächtigen Industrie und großen wirt­schaftlichen Hilfsquellen sich jahrelang Zeit lassen kann, um seine Kriegsrüstung auf die volle Höhe zu bringen. Leitsatz der heutigen Krieg-

vom eigenen Gesicht verloren geht, bis aus dem Fluß der Dinge das Reue und Kommende er­wächst. Ebenso liegt es in Oberschlesien. 3m Grunde sind Deuthen-Gleiwitz, Hindenburg unb Kattowih eine Stadt, unb ber Lnsinn der neuen Grenzen wird Har, wenn man sich überlegt, daß Kattowih polnisch ist. 3n diesen Fällen bindet die Kohle notgedrungen alles zur Einheit, und die Entwicklung wird über die hartnäckigsten hi­storischen Eifersüchteleien hinweggehen. Hier kann man auch von Heinen Städten nicht mehr reden: denn im Zusammenschluß sind es die künftigen Riesenstädte Europas.

Ganz anders ist es, wo nicht die Boden­schätze, nicht 3nbuftriebebingungen, sondern die Landwirtschaft als solche und ihre natürliche Fruchtbarkeit herrscht. 3n diesen Gegenden er­weisen sich außer wirtschaftlichen und kulturellen Rotwendigkeiten auch gerade die historischen Bin­dungen als überaus stark. Die ehemalige kleine Residenz bleibt Mittelpunkt, auch wenn durch ben modernen Verkehr die nächste größere Stadt unschwer zu erreichen ist die Gedanken, das Erleben vorangegangener Generationen sind zu sehr mit ihren Mauern, Schlössern, Kunst- und Dildungsinstlluten verhaftet, daß sich nicht auch das Gefühl ber Lebenden unwillkürlich auf sie einstellt unb bannt gleichzeitig bie Stadt wirt­schaftlich durchblutet. Das geschieht auch dort, wo diese Städte nicht Sitze von Provinzial­regierungen geworden sind, wie das ehemals kurtrierische Koblenz, wie Schleswig oder neuer­dings Oppeln. Wo von dem Glanz reich5- freiheitlicher oder hanseatischer Herrlichkeit mehr haften geblieben ist, als der Statistiker oft glau­ben möchte, verhält es sich ähnlich. Wie sie da» llegen unter ber Pracht ihrer gotischen Backstein­kirchen: der Stadtstaat Lübeck, bie freien Städte Mecklenburgs. Wismar unb Rostock, dessen gol­dener Greif den Ankommenden in der Hafenstadt Warnemünde so gut landesherrlich begrüßt wie der llibische Adler, die Hamburger Türme oder der Bremer Schlüssel in Travemünde. Cuxhaven oder Bremerhaven. Die Heinen Ostseestädte ha­ben einen well größeren Einfluß auf große Ge-

durch Abrüstung" wurde weitergeführt. Rach dem bisherigen Verlauf ist fein Zweifel mehr, daß bie Konferenz sich wieder vertagen wird, ohne einen wesentlichen Schritt vorwärts ge­kommen zu sein. Rur, weil Frankreich allen Verträgen zum Trotz mit jedem Mittel seine ungeheuere mililärische Leberlegenheit aufrecht erhallen will, bie ihrerseits ganz allein durch die überlegene Macht, bie sie darstellt, den europäischen Frieden gefährdet!

Londoner Brief.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Von unserem W. o. K.-Mitarbeiter.

London, 28. Mai.

London ist in dieser Woche zum Hauptquartier der internationalen parlamentarischen Handels- konferenz geworden. Parlamentarier aus aller Herren Länder, darunter auch Vertreter der gro­ßen deutschen Parteien, find dazu eingetroffen, und gestern hat im Oberhause die feierliche Eröffnungs­sitzung stattgefunden. Als Verhandlungsgegenstände finden wir die Kohlenfrage, den internationalen Kapitalumlauf, europäische See- und Binnenschiff­fahrtsfragen, Konkurs- und Wechfelrecht sowie eine ganze Reihe von anderen Problemen auf der Tagesordnung. Was dabei an praktischen Ergeb­nissen herauskommen wird, ist naturgemäß eine offene Frage. In den Kreisen der Teilnehmer ist man in dieser Hinsicht recht skeptisch. Um so höher aber steht der Wert der persönlichen Beziehunaen, die, wie man hofft, sich aus dem Zusammensein ergeben werden. So ist es denn kein Zufall, daß die eigentlichen Verhandlungen etwas im Hinter- gründe verschwinden, und daß eine große Anzahl von offiziellen Empfängen und Festlichkeiten, dar­unter eine Einladung des englischen Königs in den Buckinghampalaft, im Vordergründe dieser Tagung stehen. Die englische Regierung hat alle Register offizieller Gastfreiheit gezogen und den Teilneh­mern steht eine sehr interessante und abwechslungs- reiche Woche bevor.

Das Interesse der englischen Oeffentlichkeit wird aber begreiflicherweise auch heute noch viel mehr durch die K o h l e n k r i s i s in Anspruch genommen. Der Premierminister Baldwin hat ein Ultimatum an die Bergarbeiter und Grubenbesitzer gerichtet.

biete, als man nach ihrer Einwohnerzahl an­nehmen könnte, unb übertreffen darin sehr viele 3nbustriestäbte, die sich nach dem Recht ber Zahl ben bebeutenben Großstädten zurechnen dürfen. Greifswald unb Rostock haben unter ihnen Uni­versitäten: aber es gibt auch in Deutschland Heine Städte, von denen man sagen kann: sie sind Universität. Auch sie sind ebenso viele gei­stige Mittelpunkte, an denen Deutschland so reich ist im Gegensatz zu Frankreich, das nur seine Sorbonne kennt, unb England, bas sich im Grunbe mit Oxford und Cambridge begnügt.

Ihnen an die Seite zu stellen sind die Land­städte. mag ihnen auch wissenschaftliches Aus­wirken versagt sein, und mögen sie sich mit Gym­nasium und Amtsgericht begnügen. Auch sie sind geistige, gesellige unb wirtschaftliche Mittelpunkte, meist frühere Garnisonen, aber mehr als nur das, sie sind die natürliche Ergänzung des flachen Landes, das sie an den Markttagen mit blühen­dem Leben erfüllt, und dem sie wirtschaftliche unb kulturelle Vermittler sink). Sie sinb auch ber Sih einer Presse, bie in ihrer Gesamtheit an Be­deutung ber Grohstabtpresse bie Wage hält: denn sie treibt alles, was bie Rationen be­wegt, bis in bie feinsten Verästelungen vor.

Man muß ihre Kirchen unb Rathäuser ge­sehen haben, im Rorden bie schönen Dackstein- bauten, die zum Süden hin mehr vom Sandstein und feinem Ersatzmaterial, vorwiegend in den Formen des Barock, abgelöst werden, um zu verstehen, was fie ber Vergangenheit waren muß auf einem Runbgang durch ihre Straßen bas gut erhallene Bürgerhaus älterer Zellen, bie zahlreichen Reubauten ber Gegenwart sehen, sich durch einen Blick in die Auslagen über­zeugen. welch mannigfaltige Bedürfnisse hier be­friedigt werden, um auch zu begreifen, was sie bet Gegenwart unb Zukunft bedeuten.

Das rasche Aufblühen bet wenigen wirk­lichen Großstädte beruht auf besonders günstigen wirtschaftlichen Voraussetzungen und tft eine nicht aufzuhallende Entwicklungsfolge der modernen Weltwirtschaft. Die Klein- und Mittelstadt

Darin droht er ihnen an, daß alle bisherigen Zu­sagen der Regierung als nicht gemacht anzusehen waren, wenn es bis Ende dieses Monats nidit zu Verhandlungen kommt. Zwar weiß man, daß die Regierung notwendigerweise nicht alle Brücken hinter sich abbrechen kann, aber soviel steht dach immerhin fest, daß man solange keinen Finger rühren wird, bis die Bergarbeiter und Gruben­besitzer ihre Starrköpfigkeit aufgegeben haben. Wie lange der Erweichungsprozeß währen wird, ist gar nicht abzusehen. Daß aber der Kohlenbergbau, besonders die Arbeiter, feinen Hungerstreik durch­fuhren können, liegt auf der Hand. Sind die Geld­mittel erschöpft, wird atich die Einsicht wiederkehren.

Das Parlament befindet sich noch in den Ferien, aber früher als sonst kommt die Politik nach den Pfingstserien wieder in (lang. Da ist zu­nächst der unbefriedigende Abschluß der Ausschuß­verhandlungen im Völkerbunde. Wegen des Gene­ralstreiks sind die Genfer Ereignisse fnft unbemerkt vorübergegangen. ''Hier in politii en Kreisen macht man aus der großen Ungufriebenheit fein Hehl. In den nächsten Wochen werden überdies Kolo­nialfragen wieder akut werde: , ganz abgesehen von der sehr komplizierten Lage, die in Aegyp - ten durch den überwältigenden Erfolg der Partei Zaglul Paschas entstanden ist. Es muß nämlich die letzte Hand an die Vorbereitungen der im Oktober zusammentretenden Reichskonferenz gelegt werden.

Reichsbankprasident Dr. Schacht ist in London eingetroffen. Der Generalagent für Reparationszah­lungen, Parker Gilbert ist schon seit einigen Tagen hier. Wie verlautet, soll wegen Gewährung weiterer Kredite und einer Reihe von Einzelfragen, die mit den Reparationen zusammenhängen, ver­handelt werden. Die Nachricht der ..Times , wonach eine Revision des Dawesplanes erörtert werden soll, wird aber als Erfindung bezeichnet.

Der Wahlsieg Vverescus.

Wie zu erwarten war, haben bie Parla­mentswahlen in Rumänien, bie am vergangenen Dienstag ftattfanben, einen über­legenen Sieg ber Regierungspartei erbracht. Die Regierung Averescu. die sch ursprünglich nur auf eine Minderheit stützte, hat bamit ihre Stellung gefestigt. Rach den bisher vorliegenden Resultaten aus 67 von 71 Wahl­kreisen vermochte, wie bereits mitgeteilt wurde, die Regierungsliste etwa 60 Proz. der Wähler auf sich zu vereinigen. Da nach dem neuen Wahlgesetz 70 Proz. aller Mandate auf bie Partei fallen, die 40 Proz. aller Stimmen auf sich vereinigt, wird die Partei Averescus etwa 300 von den 384 Sitzen im Parlament einnehmen können. Möglich war dieser Wahlsieg vor allen Dingen dadurch, dah auf der Liste der Regie­rung auch die Dertteter der deutschen und der magyarischen Minderheiten kandidierten. Außerdem kam es AvereScu zustatten, daß jene Minister die von der Rativnalpartei zu ihm übergeh: et en sind, bie sogenannte Goldisch- Gruppe, ihre Anhänger zur eigentlichen Rational- partei zusammenfahte. Lnd bas Ansehen bes Kultusministers Golbisch ist in Siebenbürgen unb im Banat sehr groß, so dah daraus natür­lich Averescu ein besonderer Stimmenzuwachs ermöglicht wurde. Diese geschickten Wahlopera­tionen und Bündnisse haben es der Regierungs­partei ermöglicht, die Lücken in Bessarabien, wo die Kleinbauern ihre Hochburg Haven, und in Allreich auszufüllen.

Bemerkenswert ist bei dem Wahlergebnis, dah die Liberalen, die Partei D r a t i a n u s. nur etwa 9 Prozent aller Stimmen erhielt, während sie bei den vorigen Wahlen, allerdings unter Anwendung des heftigsten Terrors, die überwiegende Mehrheit zu erringen vermochte. Der erhebliche Rückgang, der sich schon bei den Gemeindewahlen bemerkbar gemacht hatte, dürfte auch daraus zurückzuführen sein, daß sie im Wahlkampf keine scharfe Gegnerschaft gegen Ave­rescu bekundeten. Der Bestand der Regierung Averescu wird in der Hauptsache wohl davon abhängen, ob es ihm gelingt, die Finanz- schwierigkeiten des Landes zu beheben und vor allen Dingen eine größere Ausländsanleihe zu betommen. Die Außenpolitik wird keine Aen- derung erfahren. Averescu wird vielleicht ver­suchen, innerhalb der Kleinen Entente eine grö­ßere Rolle zu spielen und sie vor allen Dingen zu einer Ruhlandpolitik zu veranlassen, die den rumänischen Wünschen entspricht. Dazu wird er

wächst langsam und befriedigt ebensosehr die wirtschaftlichen wie seelischen Bedürfnisse.

Wer nur die Großstadt sah kennt Deutsch­land nicht.

Frankfurter Theater.

Tilla D urie u x gastiert mit ihrem eigenen Ensemble im Reuen Theater. Leider war das Haus nicht so besetzt, wie es diese Künstlerin verdient, denn sie ist wirklich eine der großen Menschengestalterinnen. Dario R i k o d e m i s SchauspielDer Schatten" bietet ihr die Rolle der großen seelischen Entladungen. 3m ersten Akt ist es die übermächtig aufzuckende Freude der seit sechs Jahren Gelähmten, da sie neue Kraft in den Gliedern spürt. 3m zweiten Akt ist es der Schmerz, bie Verzweiflung der ins innerste getroffenen Frau, die im Augenblick ihrer wiederkehrenden Gesundheit inne wird, daß sie ihren über alles geliebten Mann an eine andere verloren hat. (Während ber letzten brei 3ahre ihrer Krankheit hat ihr Gatte in ihrer besten Freundin eine Geliebte gefunden, nun steht deren Kind zwischen Mann und Frau.) 3m dritten 2llt strömt das ganze Leid der Frau in erschütternde Resignation. Sie wurde durch ihre Krankheit der Schatten im Glück ihres Mannes, nun will fie, in den Krankenstuhl zurückkehrend, sein guter Schatten werden, der Schatten, in dem er sich in stillen Stunden von der Glut deS Lebens ausruhen soll. Alle Empörung unb Ver­zweiflung weicht der resignierenden Liebe. Tilla Duneux spielt nicht diese Frau, nein, sie erlebt sie und wird zum hinreißenden Kunsterlebnis. In ihr schwingt Freude, Schmerz und Resignation, diese Schwingungen erfüllen den Raum, ergreifen Besitz von den Hörenden und bannen so restlos, dah es Zell braucht, ehe sich die Hände zum Applaus regen können. Reben ihr, aber ihr entfernt, standen Ernst Stahl-Aachbaur. Otto Schmäle, Ernst K a r ch o w und Marte Mathias, sie bildeten einen künstlerisch guten Hintergrund und Rahmen zu der erschütternden Darstellungskunst der Durieux. Die Künstlerin wird ihr Gastspiel inFeodora" tmbHedda Gabler" fortsetzen. L W.