Nr. 99 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 29. April 1926
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Landtagsferien.
Abfchlust der (Statsverhandlungen.
(Don unserer Darmstädter Redaktion.)
Darmstadt, 26. April.
Wer die letzten Sitzungen des Hessischen Landtags besucht hat, dein wird nicht entgangen fein, daß in der Stimmung sich eine bemerkenswerte Veränderung vollzogen hat. Die Koa- litionsparteien, die noch vor ' wenigen Wochen sehr selbstbewußt austraten. sind sehr nervös geworden. Aeuherlich zeigte sich dies während der Verhandlungen, wenn ein Redner der Rechtsparteien sprach, in gereizten Zwischenrufen. Die Ursache für diese Wandlung ist in den verschiedenen Erklärungen der Oppositionsparteien zu suchen, in denen ein Volksbegehren mit dem Ziel auf Landtagsauflösung an- gekündigt wird. Zwar war schon in den Reden zu Deginn der Etalsberatungen angedeutet worden, der Landtag müsse aufgelöst werden, weil er nicht mehr die Stimmung des Volkes widerspiegele, aber auf den Danken der Koalitionsparteien nahm man derartige Erklärungen nicht ernst und witzelt« darüber. Als jedoch in der letzten Zeit die Oppositionsparteien ihren Willen nachdrücklicher und in unzweideutiger Weise kundtaten, als es sogar zu einem Zusammenschluß der Parteien der Opposition kam, blieb die Wirkung nicht aus. War bisher bei den Koalitionsparteien wenig Reigung vorhanden, auf die Gedankengänge der Opposition einzugehen, so lernten H« jetzt schnell um; sie brachten nun auch Anträge auf Abbau oder andere Ersparungs- anträge ein. Charakteristisch für die Stimmung bet den Koalttionsparteien ist ihr Antrag auf Abänderung des Ministerpensions- aesetzeS, die man seither nicht hatte wecken tonnen; nun aber hofft die Koalition offenbar, der Opposition in dem zu erwartenden Wahlkampf ein Agitationsmittel aus der Hand za nehmen. Unleugbar eine Wirkung der Kritik der Rechtsparteien an dem Regierungssystem und an dem Staatshaushalt. Wenn auch nahezu alle Anträge der Opposition abgelehnt worden sind, hier wirb doch ein Erfolg offenbar, es zeigt sich, dah der parlamentarische Kampf nicht vergeblich geführt worden ist.
Die Verhandlungen während der letzten Tage im Landtag drehten sich vornehmlich um die Landwirtschaftstammer; Es ist merkwürdig. dah gerade diese Einrichtung der Selbstverwaltung, die kaum einen Zusammenhang mit der allgemeinen Staatsverwaltung hat lder Staat gibt nur einen Zuschuh), stets die Gemüter im Hause erhitzt. Man sollte eigentlich erwarten, dah die Kammer, die auf Grund eines sehr freien Wahlrechtes gewählt ist, auch als eine Körperschaft gewertet wird, in der sich die WillenSmeinung der Landwirte kundgibt; statt dessen klingt aus der Kritik sehr viel Hebel- wollen gegen die Landwirtschaft an sich heraus, was sehr bedauerlich ist. Zum größten Teil ist diese Kritik unsachlich und von parteipolitischen Gesichtspunkten ausgehend. Immerhin vermochten diese Debatten eine große Zahl von Zuhörern auf den Tribünen festzuhalten, während das Interesse an den Erörterungen über das Arbeitsloscnproblem bald abflaute; es mochte wohl bei den Zuhörern die Erkenntnis gekommen sein, daß der Hessische Landtag nicht das Forum ist, von dem wirkliche Entscheidungen in dieser wichtigen Frage zu erwarten sind, sondern daß der Reichstag allein zuständig ist Die Aussprache über den I u st i z e t a t wurde vornehmlich von Juristen bestritten, sie fand im Hause nur wenig das Ohr der anderen Abgeordneten. Die Fälle der sogenannten Klassenjustiz, überhaupt^die Kritik an richterlichen Entscheidungen, ehedem ein dankbares Feld für Angriffe gegen die Justizverwaltung, zogen in diesem Jahr nicht recht. Er ist bemerkenswert, daß sich die Redner der Koalitivnsparteien in der Kritik an Richtern zu überbieten suchten; dabei ist jedoch nicht zu vergessen, daß an der Spitze des Justizministeriums ein Vertreter der Koalition steht. Den Rednern der Oppositionsparteien blieb es in erster Linie Vorbehalten, für die Unabhängigkeit der Richter einzutreten und die Kritik an den Urteilen abzuwehren. Der Justizminister und sein Vertreter sprachen vor fast leeren Danken; ganz bis zum Schluß harrten
Das lachende Haus.
Roman von Sophie Kloerß.
5. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
§rau Mararit war uneins mit ihren Töchtern. Natürlich war das leidige Geld schuld, das immer zu früh zu Ende ging.
Nun hatte Mutter Kallies eines Neffen wegen angefragt — sie war mit den halben Herzogtümern verwandt —, der eine geschichtliche Doktorarbeit in Ruhe vollenden wollte. Wo konnte er das besser als im lachenden Haus? Das Giebelzimmer vorn heraus stand leer, und Ansprüche stellte Iven Lornsen nicht. Er war ein Syltcr Kind, gewesener Marineoffizier, als Leutnant auf der „Blücher" mit seinem Schiff gesunken, von den Engländern aufgefischt und über drei Jahre in Gefangenschaft gehalten. Darauf hatte er Geschichte und Literatur studiert, sich während des Studiums mit kleinen Arbeiten für Tageszeitungen und Prioatftunden in Hamburg durchgefristet und wollte nun — sobald der Doktor gebaut war — als Journalist aus einen Redaktionsschemel steigen.
Große Sprünge schien er nach diesem Bericht nicht machen zu können, aber Margrit Bunsen sagte sich, 25 Mark monatlich wären immerhin 25 Mark, und den Kaffee morgens würde di« große Familienkanne wohl nicht allzusehr spüren.
„Aber wer soll denn bei ihm reinmachen?" fragte Thora. „Du kannst das nicht, Mutter, und wir tun es nicht. Das wär' doch wirklich nicht paffend. Und überhaupt solchen Jüngling zu bedienen —"
„Die Piepenstehl übernimmt es. Er gibt ihr drei Mark im Monat. Ihr habt gar nichts mit ihm zu tun."
„Und bann — der Mensch dort und sieht alles, was im Haufe geschieht. Wir sind so gar nicht daran gewöhnt, unseren Stimmen Zwang anzutun."
„So werdet ihr es lernen. Euch äußerst gesund." „Er wird als gewesener Offizier sehr anspruchsvoll jein."
„Frau Kallies sagt, er stelle gar keine Ansprüche".
„Und als Philologe wird er pädagogisch wirken wollen", meinte Ille. ,Lch kann mir Netteres denken."
„Er wird einsehen, daß bei euch Hopsen und Malz verloren ist, und sich gar nicht um euch kümmern."
nur noch 6 Abgeordnete aus. Am- Samstag Lim es nicht mehr zu Debatten, die endlosen Abstimmungen erregten nur verhältnismäßig selten allgemeines Interesse. Durch einen Zwi'p arui des Kommunisten Dr. Greiner, daß die Diäten gerettet seien, wurde inan z. D. aufmerksam, daß ein Antrag auf Herabsetzung der Tagegelder der Landtagsabgeordneten abgelehnt wurde. Fast immer find nur die Ausschußanträge angenommen worden, die zugleich auch in den meisten Fällen die Anträge der Koalition waren Damit versielen die Einsparungsanträge der Rechtsparteien ohne weiteres der Ablehnung. Wurde wirklich einmal über einen Antrag der Oppositivn abgeftinimt, so wurde er abgelehnt. Dieses Schicksal halte u. a. ein von den Rechtsparteien eingebrachter, sehr bemerkenswerter Antrag: n5)er Landtag beschließt, die Regierung zu ersuchen, die Verordnung, die S o n d ergeb ä u d e st e u e r für die Erhebung im Jahre 1926 betreffend, vom 10. März 1926, aufzuheben". Erwähnt fei noch, daß dem Antrag der Deutsch- nationalen auf Förderung der Lahn- fanalifierung bei Gießen zugestinnnt wurde. Von den 40 000 Mark, die für den Flugverkehr betoilligt wurden, sind 10 000 Mark für die Linie bestimmt, die Gießen berührt. Angenommen wurde ferner ein Defchluß, wonach die Aufhebung von 6 kleinen Amtsgerichten und einer Strafkammer vorbereitet werden soll. Die Ersparungsan- träge der KoalitionsParteien beziehen sich meistens auf die Dewilligung bestimmter Stellen auf den Inhaber, kommen also für den gegenwärtigen Staatshaushalt so gut wie gar nicht in Detracht. Daß die Mehrheit des Landtags einen Antrag, der Erleichterungen für die Auflösung des Landtags bezweckt, abgelehnt hat, ist bei seiner gegenwärtigen Zusammensetzung nicht weiter verwunderlich.
Die Führer der Koalitionsparteien und die Regierung wollen dem hessischen Volke glauben machen, daß alles, was im Landtag geschieht, durch das hessische Volk veranlaßt sei und seinem Willen entspreche; diese Meinung dürste gerade nach den letzten Verhandlungen in weitesten Kreisen geschwunden sein. Ramentlich in Bezug auf die Finanz- und Steuerpolitik haben sich die Anschauungen weiter Kreise von denen der Regierenden und der regierenden Parteien weit entfernt. Das Volksbegehren, das demnächst ins Leben tritt, wird dies zahlenmäßig noch deutlicher als es der Landtag vermochte, offenbaren.
Stadtkinder auf dem Lande.
(Aus Erfahrungen).
Bon Pfarrer Wilhelm Kornmann, Ulrichstein.
Nicht vom Besuch eines einzelnen Stadtkindes etwa bei Berwandten oder Bekannten auf dem Lande, auch wenn er einmal wochenlang dauert, fei hier die Rede, sondern von der Erholungsfür- sorge, die man wirklich erholungsbedürftigen Stadtkindern einige Monate lang auf dem Lande zuteil werden läßt. Und zwar soll dabei weniger die Unterbringung in besonderen Heimen ins Auge gefaßt werden, obwohl sie — z. B. auch nach dem Urteil des Fachmannes der Frankfurter „Wegscheide", Rektor Jaspert, — zweifellos das Ideale darstellt. Hier sei nur kurz gesagt, daß man den Geist eines Heimes kennt ober bestimmen Fann; den Geist der Familien aber kennen wir zu wenig ober gar nicht.
Es gab eine Zeit, da konnte man in Deutschland von einem wahren Wettbewerb in der Erholungsfürsorge von Stadtkindern auf dem Lande reden; besonders gemeint sind hier jene „wilden Transporte", die von solchen, die sich volkstümlich machen wollten (so scheint es uns wenigstens), „organisiert" wurden, und einfach Hunderte von Stadtkindern in geschlossenen Bahn-Transporten in Landgegenden leiteten, in der Annahme, die Kinder dort „schon unterbringen" zu können. Die Folge davon war natürlich ein tolles Durcheinander; nichts klappt nun einmal ohne rechte Vorbereitung, — so auch nicht die Unterbringung von Stadtkindern auf dem Londe.
Vielleicht ist die Frage der Erholungsfürsorge von Stadtkindern auf dem Lande heute nicht mehr so akut? Gewiß: die Kriegswirkungen lassen allmählich nach; aber wir leiden, gerade in urtferen großen
Rose, die sich lange passiv verhalten, sagte nachdenklich: „Und die vordere Giebelstube soll er haben? Das ist das Schlimmste. Da hört er uns in unserem Zimmer."
„Der große Boden liegt dazwischen. Zu schreien braucht ihr nicht."
„Wie sieht er denn aus?"
„Sehr nett Frau Kallies zeigte mir ein Bild. Blond und reell."
„Reell! — Schreckliche Empfehlung für einen Jüngling! Und wann kommt dies männliche Glück in unser Haus?"
„Ende dieser ober Anfang nächster Woche. Wenn er ba ist, wirb er sich schon melben."
Sie murrten heimlich, aber sie setzten doch bas Giebelzimmer unter Wasser, und die Piepenstehl mußte die Betten sonnen, und Ille stellte nach einigem Ueberlegen sogar drei Töpfe Narzissen und Tulpen auf das Fensterbrett, denn sie konnte sich ein Leben ohne Blumen nicht denken.
Am Samstag war Herr Lornsen noch nicht da. Nun, man konnte cs abwarten.
Am Sonntag, bald nach dem Mittagessen, kam Heider Steffen auf den Hof. Er war befann genug im Hause, um eine Kaffeeinladung über den halben Tag auszudehnen. — Hinten aus der sogenannten Terrasse — einem hölzernen Vorbau am Hause — deckte Ille den Tisch. Thora buk Waffeln in der Küche, und Mucki träumte irgendwo im sonnen- warmen Garten. Frau Margrit hielt Siesta. Niemand sah ihn, als er auf den Hof kam, außer der kleinen Dina; die beachtete ihn aber nicht, denn sie war in wilder Begeisterung hinter den Hühnern her, die sie über den ganzen Hof jagte. Der Hahn mit seinem schillernden Schwanz hatte es ihrem Jagdeifer angetan, und als er sich auf das Scheunenbach rettete, fiel sie — sich jäh wendend — über die Enten her, die behaglich am Brunnen lagen. Schnatternd stoben sie hoch, schrien gewaltig und watschetten davon. Schon hatte Dina eine dicke weiße am Flügel, da griff Heider zu, riß den jiefenben Köter fort von feinem Opfer unb schleppte ihn in bas Haus. Dina blaffte und jaulte, als würde sie umgebracht. Thora stürzte aus der Küche unb Ille von der Terrasse her zur Diele.
„Um bes Himmels willen, was ist los?"
„Dieser kleine Unhold war zwischen den Enten. Es hätte fast einen unfreiwilligen Braten gegeben."
Siäbten, so unter ‘21 rbeitsmangcl und Erwerbslosig- kti:, daß mir die Frage in einem oebouerhd)en Maße immer noch akut genug erscheint. Dabei sei nun oorausgeichickt. daß der, der heute etwa ins Auge faßen sollte, fein Kind von der Erholungsiurjorge aus aufs Land lenden zu laffen, das wirklich nur tun sollte, wenn das Kind tatfächlich bedürftig ist. Etwas anderes scheint unter den heutigen Verhältnissen einfach nicht vertretbar.
Vielleicht sollte man Kinder, die auf das Land kommen, erst einmal etwas „i n ft r u i e r e n". Denn wir Erwachsenen wenigstens sollten uns doch sagen, daß nun, in diesem Stadtkind lyib in den Lanb- verhättnissen, sich zwei Welten gegenüberstehen; wer sich das nicht klarmacht, den kostet es Lehrgeld. Viel- leicht ist so ein Kind ein bißchen verwöhnt, oder anspruchsvoll: es denkt etwa an gutes Essen, langes Schlafen gelegentlich, wenig oder keine Arbeit, viel Spazierengehen. Die Bauernfamilie aber, die so ein „armes und braves" Kind aufnimmt, kann natürlich ein fremdes Kind, das eine Zeitlang zu ihr tritt, nicht anders behandeln, als die eigenen Kinder, die sich in ihr finden. Sie wirb also immer danach streben, das Stadttind als Arbeitskraft auszunutzen (ohne den üblen Beigeschmack, bitte), — das Kind aber ist ja der E r h o l u n p wegen auf dem Lande! Dort geht man aber spazieren nur am Sonntagnachmittag; wer zu anderer Zeil da herumspaziert, von dem wird leicht gesagt, er sei „naut notz".
Ein Kind, das krank ist, gehört nach meiner Meinung also unbedingt in ein H e i m. Auch ein Kind mit zarten, Nerven sollte man lieber nicht in einer Familie unterbringen, wenn man sie nicht sehr genau kennt. Andererseits soll man aber auch, wenn eine Bauernfamilie sich ein Mädchen zur Er- holungsfürsorge gewünscht hat, t einen Knaben hinschicken. — Ist das Kind eine Zeitlang an Ort unb Stelle, bann kommt bic Gefahr des Heimwehs. Die Städte des rheinisch-westfälischen Industriegebietes, die Kinder zur Erholung entsandten, haben deshalb immer Begleiter beiderlei Geschlechts dabei gehabt, d>e während des ganzen Erholungsaufenthaltes sich um die Kinder bekümmerten, ba die Kinder alle zusammen nah beieinander, in benachbarten Orten, untergebracht wurden, war das gut durchführbar und hat sich natürlich sehr bewährt. So eine Begleiterin kann schon einmal dem Heimweh eines Kindes etwas abhelfen; dazu hilft ja auch das, daß ein solches Kind Freundinnen oder wenigstens Bekannte in der Nähe hat, so daß sie bas Gefühl ber Einsamkeit auch roieber verwinden kann. Solche Verstimmungen vergehen dann bald wieder, wenn es nicht gerade krankhaftes Heimweh ist, was ja auch gelegentlich zu bemerken ist. Im letzteren Fall hilft natürlich nur Heimreise.
Soll man hier etwas über Eltern-Besuche sagen? Es schadet vielleicht nichts, wenn man es einmal offen ausspricht, baß bie Eltern am besten tun, wenn sie währenb solcher Erholungszeit, auch wenn sie eine monatelange Abwsenheit ihres Kinbes mit sich bringt, bas Kind nicht besuchen; ist bas Kinb in einem Heim untergebracht, bann gilt biefe Forde- rung nicht. Ist bas Kind aber in einer Familie untergebracht, bann sei warm empfohlen, ihr zu entsprechen. Merkwürbig, wie viele Eltern bas Reisegelb aufbringen, um so weite Strecken zu fahren, baß sie ihre Kinder besuchen können!
Meistens hinterlassen diese Besucher bei den Familien, die davon „betroffen" werden, unangenehme Eindrücke; vielleicht erfolgt der Besuch der Eltern oder — so ist es ja meistens — des einen Elternteils nicht ohne Nebenabsichten, die man gelegentlich durchblicken läßt. Vielleicht ist aber etwas im Wesen der Eltern, was den Bauersmann ab« stößt, ober was ihm mißfällt, — so trübt sich leicht burch die Schuld ber Eltern ein vorher ungetrübtes Verhältnis.
Eine Frage liegt mir hier besonders am Herzen, gerade deshalb, weil sie im Streit der Inges« Meinungen leicht zu kurz kommt: das ist die Frage der Konfession. Sie ist bei der Unterbringung in Familien einfach wesentlich. Man kann sie nicht ignorieren wollen! Wohl ist die kirchliche Sitte ja heute teilweise ftarf erschüttert; aber es gibt denn doch, gerade in Oberhessen, — soll man sagen: noch? — so viele Orte, in denen der regelmäßige sonntägliche Kirchgang gute Sitte ist, baß man bie Frage ber Konfession nicht einfach übersehen kann; bas würbe sich rächen, wie es so unb so oft schon geschehen ist. Es schabet keinem Stabtkind etwas, wenn es einmal mit solcher Sitte in lebenbige Berührung kommt; immerhin: zwei Welten! — Wenn
„Ich sag' es ja," schrie Ille, „nichts wie Dummheiten gibt das Ding an! Aber Thora —"
Thora griff schon hin und nahm den Hund in die Arme. „Komm, kleine Dina. Hat der böse Mann dich stranguliert? Was kannst du dafür, daß du jagen mußt? — Sagen Sie vielleicht nicht?"
Sie blitzte Heider zornig an.
„Nicht auf verbotenem Terrain."
„Das machen Sie dem Hund einmal begreiflich! Ueberhaupt — Sie haben ihn mir geschenkt "
„Darum suche ich auch das Unheil zu verhüten, das er anrichten möchte. — Aber im Ernst, Fräulein Thora, junge Hunde müssen zur rechten Zeit mal einen Jagdhieb haben. Sonst verwildern sie."
„Ich hab' mir ein Buch aus Hamburg kommen lassen über die Erziehung von Schäferhunden. Da steht, sie dürften nie — aber auch nie — einen Schlag bekommen."
„Na, wenn Sie bei der Methode mit der Dina auskommen — viel Glück. Ich wollte, ich hätte sie Ihnen nicht gegeben. Jagt sie Hühner, so jagt sie auch Wild, und jeder Jäger, wenn er einen wildernden Hund trifft, schießt ihn ohne weiteres nieder."
Thora wurde unsicher. „Ich werde aufpassen. Sie wird schon mit Gutem zu lenken sein."
„Die?" meinte Ille. „Die bat sieben Teufel im Leibe. „Na, du kannst sie ja unserem Pädagogen zur Erziehung überweisen. Vielleicht kennt der die rechte Methode, ohne Jagdhieb auszukommen."
„Was für einem Pädagogen? Ist das wieder ein Spitzname, Fräulein Ille?"
„Nein, das ist blutiger Emst. Unsere Mutter hat einen Philologen ins Haus genommen — oben im Giebelzimmer soll er wohnen —, der wird uns bilden und erziehen. Weil sie selber nicht mehr mit uns fertig werden kann. Thora, deine Waffeln brennen an."
Thora stob in die Küche, und Heider Steffen stieg gemessenen Schrittes hinter chr her.
„Ach, bitte, wollen Sie nicht lieber Ille draußen Gesellschaft leisten? Oder Mucki suchen? Die steckt irgendwo in den Fliederbüschen."
„Danke, ich sitze sehr gern ein bißchen auf der Herdecke."
„So, dann erzählen Sie mir wenigstens, was es Neues gibt. Wie lange haben Sie gestern bei Grön Maibowle getrunken?"
cm Kind aus einer stark ober ganz entkirchlichten Familie m eine gute, fromme Familie hineingerät, so ist das recht gut; kommt ober ein Kind aus Ge- meinjchaftskreijcn in eine Familie, die noch nicht einmal das Tischgebet kennt, dann erscheint das bedenklich und führt -- Erfahrungen bestätigen das — u. Konflikten Diese beiden ertremen Fälle mögen hier genügen, um darzutun, daß die Frage der Konfession und Religion wesentlich ist.
Vielleicht darf auch noch ein Wort über das sexuelle Leben gesagt werden. Aus dem Lande ist da vieles natürlicher, urwüchsiger, als in der Stadt; was mit dem Vieh vorgeht und vom Kind gesehen wird, das kann ihm leicht auch zur Gefahr werden: zur Verrohung oder zu Schlimmerem fuhren. Am besten wird da, wenn der Fall eintritt, etwas mit ruhiger, fachlicher Klärung zu machen sein, ohne irgendwie Neugierde zu erregen oder irgend etwas aufzurühren, was in dem Kinde noch ruht.
Ein wesentliches Bedenken gegen die Verbringung von Kindern auf das Land überhaupt sei gestreift: das ist die Zerreißung des Sch ul Zusammenhanges. Dieses Bedenken erfctycint mir von großem Gewicht; das Kind, das eine Zeit- lang in Erholung lebt, wird wahrscheinlich immer Schwierigkeiten haben, wenn es in feine alte Schul klasse zurückkommt. Immerhin darf hier einmal dankbar festgestellt werden, daß oft von Stadtkin hern auf dem Lande. — der Schreiber dieser Zeilen hat es selber erfahren dürfen. — ein geradezu heft achtender Einfluß auf den Schulunterricht auf dem Lande zu beobachten ist. Einmal fallen die Stadtkinder auf durch ihre guten Antworten, — dann aber hat man den Eindruck, daß die ganze Klasie sozusagen von einem neuen Geist ergriffen ist.
Und nun einiges ganz unmittelbar Praktisches. Da kommt ein Stadtkind in eine Familie auf dem Lande hinein; es wird freudig aufgenonb men unb gut behandelt. Sagt es aber etwa „gute Nacht", wenn es zu Bett geht, oder „guten Morgen", wenn es aus feinem Stübchen kommt? Das gab es wohl daheim in der Familie, wo so kein herzliches Zusammenleben ist. nicht? Nun. so sollte es doch hier, in der Aufnahme-Familie fein, wo guter Familiensinn noch eine Stätte hat! Das ist nicht nur eine Kleinigkeit. Das hat symbolische Bedeutung! — Und dann: bitte Ordnung im Stüb eßen hatten! Keine unnötige Arbeit verursachen! Waschwasser und dergleichen kann man selber holen; da braucht man niemand „danke schön" zu sagen. Auch das Kutturinstrument, das sich im Nacht- schränkchen befindet, „darf" man selber entleeren. Wer diese kleinen Arbeiten selbst tut, der wird bald lernen, dann auch bei anderen Arbeiten, beim Heu- machen etwa, mit anzugreifen, — man lebt sich dann leichter ein, und die Brücke zu der Aufnahmefamilie ist schnell geschlagen und tragfähig!
Und zum Schluß: ein Wort vom Vergessen. Hat es deinem Kinde, lieber Vater und liebe Mutter, die ihr dies lest, gut gefallen da, wo es war, — bitte dann sorgt doch dafür, daß der erste Brief eures Kindes seit seiner Heimkehr nicht gerade unmittelbar vor den neuen Ferien geschrieben wird! Kinder vergessen ja so leicht; hier aber könnte es doch manchen enttäuschen, der wartet, unb manchen schönen Faben abreißen laffen.
Daß Stabtfinber in der Erholung auf dem Lande willkommen sind, unb baß es gar manchen gibt, ber sich um ihr Ergehen kümmert, bes zum Zeugnis biefe Zeilen.
Die Erholungsreise der „Heringsdorfer".
Anfang dieser Woche wurde eine Anzahl er» holungsbebürftiger Kinder von Gießen aus nach dem Ostfeebad Heringsdorf zur Kräftigung geschickt. Ein Vater schickt uns nun die nachstehende anschauliche Schilderung über den Antritt der großen Reise durch die kleinen Trabanten:
„Es ist späte Abendstunde. Ich sitze mit meiner Zwölfjährigen im Wartesaal bes Bahnhofs Gießen. Wir sind von auswärts gekommen und haben noch Zeit. Aber bald noch 10 Uhr gibt es Leben. Kleine und größere Trupps von Kindern kommen. Zum Teil in bunten Mützen, das sind bie von den höheren Schulen, zum großen Teil ohne die bunte Kopfbedeckung, die Kinder aus den Volksfchulklaffen. Eltern geleiten sie, Freunde unb ältere Geschwister sink» babei. Geschäftig gehen braune Schwestern durch
„Wir gingen früh nach Hause."
„Ja, früh am Morgen. Wir hörten Sie den Weg heraufkommen. Das Schaukelpferd fang den Rodensteiner und verirrte sich immer in den Versen. Und Sie wollten ihm zurechthelfen —"
„Bitte, das war der Tierarzt. Ich habe solche Versuche längst als hoffnungslos aufgegeben. Das Schaukelpferd ist hartmäulig. Hat es einmal die Zügel des Gesanges durchgehend zwischen die Zähne genommen, fo kann fein Mensch es steuern."
„Sie machen sich", sagte Thora und sah ihn zufrieden an. „Sie haben von uns gelernt, die Dinge nett und richtig auszudrücken."
„Bei solcher Lehrmeisterin! — Sie sollten mich als Schüler für Lebenszeit annehmen."
Du lieber Himmel, was fiel dem Menschen ein. War das ein Antrag? So mir nichts, dir nichts, beim Waffelbacken am Herd? Thora beschloß, zu tun, als verstände sie nicht.
„Halten Sie mich für eine Gouvernante? Höflich sind Sie nicht, das muß ich sagen, und überhaupt hab' ich einstweilen mit der Dina wirklich genug zu tun."
Heider Steffen ließ sich nicht einfchüchtern. Es war noch nicht aller Tage Abend. Und ein solches Mädchen zu umwerben ist besserer Spaß, als sich gegen die Sentimentalen oder Dreisten zu wehren, fcie sich jedem Mann an den Hals werfen möchten. Er griff in die Waffelschüssel unb hotte sich die besten heraus. „Backen können Sie, Fräulein Thora."
„Das ist felbstoerständlich. Ich weiß nicht, warum die meisten Menschen von den Hausfrauenkünsten immer so viel Wesens machen. Was jedes Dienstmädchen lernen kann, das wird unsereins doch wohl auch können. Aber weil wir Schwestern nicht große Worte darüber verlieren, sondern lieber mal was anderes hören und reden, heißt es von ufls, wir wären mäßige Hausfrauen."
„Meine Tante sagt das nie."
„Frau von Brockdorf sieht auch mehr als andere. Wie geht es Ihrem Onkel? Er sah neuttch schlecht aus. So entsetzlich weiß, als hätte er gar kein Mut mehr."
„Es ist immer das gleiche. Es kann noch lange so bleiben, es kann — wenn bas Herz einmal versagt — einmal schnell vorüber sein."
(Fortsetzung folgt.)


