Ausgabe 
29.4.1926
 
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Nr. 99 Zweites Blatt

Strukturveränderungen der Weltwirtschaft.

Don Prof. Th. S) o b g « s , Rew-Dork Unioersity.

Die rapide Entwicklung der modernen Verkehrs­mittel und die ungeahnte Steigerung der Schnellig­keit in der Nachri chlenüberlraaung haben die großen, die Wetthandelszentren bisher trennenden Entfernungen überbrückt und die Einheit der Weltwirtschaft vollendet. Diese Vereinheit­lichung ist uns gerade nach dem Weltkriege, der alle die kommerziellen Faden, die die Weltlander vorher verbanden, mit einem Schlage zerriß, so recht vor Augen aeführt worden. Die Entstehung eines mo- dernen Zweiges der Wissenschaft in Form der K o n - junkturbeobachtung ist das praktische Er- gebnie dieser Entwicklung. Durch sie wünschen wir ! eine größere Stabilität in unsere Geschäfte und i in den Deschästigungsstand unserer Industrien zu ' bringen. Durch sie streben wir eine Sicherung un- . serer laufenden Einnahmen aus Ersparnissen und Arbeit an, indem wie eine immer größere Aus- ! schaltung des spekulativen Faktors zu erreichen suchen.

Dill man die Entwicklungstendenzen der mo­dernen Wirtschaft, die heute ganz im Zeichen der Weltwirtschaft siebt, richtia obschätzen, so darf man sich nicht nur an die sich schnell verändernden mitt- schaftllchen Tatsachen, wie etwa Gestaltung des Außenhandels. Entwicklung der Warenpreise, De- schäftigungstand, Daggonftellung usw. halten, son­dern man muß auch die großen, sich langsam voll­ziehenden -Strukturveränderungen der Wirtschaft berücksichtigen. Man muß ferner den politischen Hintergrund beobachten, auf dem sich unser modernes Wirtschaftsleben abspielt unb darf auch nicht die ganze geistige Tinstel- I u n g unserer Zeit aus dem Auge verlieren. Gerade die beiden letztgenannten Faktoren vermögen eine ehr große Einwirkung auf die weltwirtschaftliche Lntwlcklung auszuüben.

Die geistige Einstellung unserer heutigen Welt sieht unter dem Einfluß der ganz besonderen Be­deutung, den der radikol-soLialistische Godanke erlangt hat. Er besitzt zum eisten Male eine wahrhaft internationale Bedeutung. Dieser Gedanke bflt die Welt in zwei Lager gespalten. Auf der einen ß Seite stehen die kapitalistisch eingestelltenIndustrie- roHoncn, auf der anderen Seite eine weitgehend organisierte Radikalbewegung, die ihren Mittelpunkt iii der Dritten Internationale Moskaus hat. Seit der Konsolidierung des Bolschewismus hat die Sowjetregierung versucht, die Arbeitermassen des industriereichen Mittel- und Westeuropas in ihren Dann zu ziehen. Sie hat versucht, Deutschland zu einer neuen Dorpostenlinie des Bolschewismus zu stempeln und hat ähnliche Versuche in Polen und den baltischen Staaten unternommen. Sie hat chließlsch versucht, von Süd Osten her über die Donmiländer den bolschewistischen Gedanken der ßcltreoolution vorzutragen. Bisher hat das west- I lidje Europa diesen bolschewistischen Lockungen stets * widerstanden. Bei den Verhandlungen in Locarno rat es klar zutage, wie sehr Sowjet-Rußlands Politik darauf rechnete, von einer Veruneinigung der europäischen Rationen Vorteile zu-, ziehen.

Rußland nun im Westen erfolglos versucht sich nunmehr nach Osten auszudehnen. Es besitzt ' nuf dieser Seite den ungeheueren strategischen Dor- eil einer fehlenden Deeinslussung von innen her. So »ersucht es, seine asiatischen Rachbarn vom Schwär- ;en Meer bis zum Stillen Ozean in seine Netze zu »erfinden. Das erste Opfer dieser groß angelegten Propaganda war die Türkei, die mit Groß- britonnicn wegen der Mosiul-Oelfelder im Streit regt. Die Türkei fand hier die volle Unterstützung Rußlands. Persien, desien Haltung durch die , Schwierigkeiten in der Dynastiesrage noch ziemlich undurchsichtig ist, scheint auf jeden Fall mit Mos- !ou zu liebäugeln. Auch hier stößt England sowohl in der Erdölfrage wie in der Frage des freien Zu» I ganges nach Indien stets auf russischen Einfluß, und L bolschewistische Diplomatie scheint hier der wirkliche Drahtzieher zu fein. Afghani st an, das sich bis­her stark dem westlichen Einfluß entzog, und sich infolge feiner eigenartigen geographischen Lage auch den Einflüsterungen Rußlands lange widersetzen

Der ttuiturhiftoriker Eduard Aichs

Die folgenden Ausführungen entnehmen wir einer Eonderoeröffentlichung des Ver­lages von.Albert Langen in München, die in Kürze unter dem obigen Titel erscheint. Wer der wissenschaftlichen Forschung neue Gebiete erschließt, wer bei seinen Forschungen neue Wege einfchlagt, gehört in die Reihe der i schöpferischen (Seiftet. Unter ihnen nimmt Eduard chs als Gelehrter einen sehr hohen Rang eüu Er hat als erster in Deutschland eine Ge­schichte der Karilatur geschrieben, ihm danken vnir die erste deutsche Sittengeschichte, er hat erster die künstlerische Bedeutung eines Dau- mier. eines Rowlanüsvn erkannt. Gr hat den i'Lvch nichts zu überbietenden Quellencharakter ; zeitgenössischen Bildes, und vor allem den ö« Äarilatur, für die Kultur- und Sitten- Schichte ausgedeckt. Er hat als erster die frucht- «ve h storifch-rnaterialistische Denk- und Jor- 'chuLgsmechode planmäßig auf die Kultur- und ^chtengeschlchte angewendet. Obgleich er kein Sinologe ist, stammen die ersten Spezialarbeiten uter zwei der wichtigsten Kultur- und Kunst- tetaüer Chinas au« feiner Feder, er hat für Üe neuere europäische Kultur in seinem letzten Buch ein ganz spezifische« Fayencezeitalter nach- petDicfcn usw. Eduard Fuchs geht niemals aus- Getretene Pfade, jedes neue Buch von ihm ist eine Eroberung für die Wissenschaft.

Dieses Eroberertalent rückt Eduard Fuchs in die vorderste Reihe der bahnbrechenden For­scher auf dem Gebiet der deutschen historischen Wissenschaft. Gehören doch die Gntwicklungs- «Schichte der geschlechtlichen Sitten seit dem Ausgange des Mittelalters und die kultur- und simistgeschichtliche Rolle der europäischen Kari- lamr während des gleichen Zeitraum« zu den wichtigsten Materien der ganzen Menschheits- ^schichte, weil die auf diesem Gebiet errungenen lÄenntnisse die unentbehrlichsten Hilfsmittel einer klmmätztgen kulturellen Höherentwicklung sind. Um wie schwere Probleme es sich dabei handelt, triennt man daran, dah Eduard Fuchs bis jetzt seinen ihm ebenbürtigen Rachfolger auf diesen ^vrschung^cbieten gefunden hat, und daß einzig skrupellose, aber geschäflSeifrige Spekulation )ir unb wieder mit peinstch wirkenden Rach- chmungen auf den Plan getreten ist, um da zu krrten, wo Fuchs gepflügt und gesät hatte.

Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Donnerstag, 2°. April 1926

konnte, scheint heute bolschewistischen Einwirkungen stärker unterworfen zu fein, als es den Wesrmächren und besonders dem englischen Foreign Office lieb ist. Das höchste Ziel bolschewistischen Ehrgeizes aber ist das durch Revolution und Bürgerkrieg erschüt- terte China. Roch immer ist Ehina das große Rätsel der Welt: bei ihm muß man stets auf lieber- raschungen gefaßt fein. Es wird vielfach erklärt, daß China nicht bolschewistisch werden könne, trotzdem läßt sich zum mindesten im südlichen Teil des Landes zunehmender bolschewistischer Einfluß feststellen.

Reben dieser revolutionären Ideenwelt mußten wir die Welt der Diplomaten und der inne­ren wie äußeren Politik beobachten. Rach dem Er­folg von Locarno im vorigen Jahre tritt der diolomatische Mißerfolg von Genf um so schärfer in Erscheinung. Das politische Sicherheits- oenttl ist und bleibt vorläufig der Locarnooer. trag und seine Auswirkungen. Er steht wie eine weithin leuchtende Fackel auf dem Wege zur inter­nationalen Verständigung. Trotzdem gibt es auch in der diplomatischen Welt gewisse Gefahrenpunkte. Der italienische Faszismus enthält sicher- lich reichlichen Explosionsstoff. Auch der Balkan bleibt ein Gefahrenherd, da ihn der Locarnooertrag nicht genügend berücksichtigt. Das Bündniszwi- fchen Sowjetrußland und Japan ver­langt schärfste Aufmerksamkeit. In Rordafrika steht das Ergebnis des Feldzuges Frankreichs und Spaniens gegen die Rifkabylen vor der Entschei­dung. In Syrien erheben sich nationalistische Kräfte gegen das französische Mandat. In Indien gährt es, und selbst in Europa ist die Lage nicht ganz sicher. Portugal befindet sich oft in inner- Solitischen Kämpfen. Selbst die Union besitzt in

1 e 5 i l o und in Mittelamerika eine Art dauerndes Dalkanprodlem. In Südamerika besteht eine diplomatische Spannung zwischen Chile und Peru.

So sehr auch die Gedankenwelt der Revolution und die Kunst der Diplomatie die Geschicke unserer Weltwirtschaft zu beeinflußen vermögen, die tieffte Ursache für eine gefährliche Veränderung der wirt- schastlichen Lage liegt eben wieder in wirt­schaftlichen Anlässen. Selbst die revolutionäre Ideenwelt und die Kunst der Diplomatie müssen sich den harten Tatsachen der Wittschaft unterwerfen. In diesen rein wirtschaftlichen Entwicklungstendenzen besteht zunächst ein Gefahrmoment in der Lösung des Problems der Bezahlung der Kriegs- s ch u ft) e n und in der Abwicklung derrevi- vierten Revarationsprogramms. Roch läßt sich keinesfalls übersehen, wie diese schwierigen Fragen der Auseinandersetzung von Sieger und Be­siegtem geklärt werden sollen. Rein industriell ge­sehen, besteht in unserer weltwirtschaftlichen Ent­wicklung eine weitere große Gefahr in dem Kampf der großen Industriestaaten um gewisse Rohmaterialien, deren die moderne In­dustrie notwendig bedarf. Gerade hier ist die Union trotz eigener außerordentlich wertvoller Rohstoffvor­räte doch noch in sehr hohem Maße auf anöere Ge­biete angewiesen. Amerika fühlt zu sehr die Dorherr­schaft Englands in der Dollwirtschaft, während das englische Lancashire dem Grift der amerikanischen Daumwollpflanzer zu entgehen versucht. Die An­strengungen der Vereinigten Staaten, den durch England vorwiegend kontrollierten R o h g u m m i zu ersetzen, sind bekannt. Deutschland wurden im Friedensvertrag reiche Kohlenlager für feine hochentwickelte Eisen- und Stahlindustrie belasten, die Erzvorkommen dagegen genommen. Frankreich dagegen erhielt reiche Erzvorkommen, ohne genügende Kohle zu besitzen.

Zur Lösung dieser Frage bestehen zwei Möglich­keiten. Die erste ist eine Regelungim Völker­bund, d. h. eine Klärung auf politischem Wege. Es ist indessen mehr als zweifelhaft, ob sich mo­derner Wirtschaftsnationalismus bereit finden wird, für die Löfung derartiger Fragen mit seinem Kon­kurrenten sich an einen Tisch zu setzen. Immerhin ist zur Entwicklung des Gedankens der internatio­nalen Handelskammer im Einklang mit dem mo­dernen Wirtschaftssystem als ein wichtiger Faktor- schritt in diesem Sinne zu begrüßen. Aussichtsvoller erscheint mir der Ausgleich der Gegensätze unter den einzelnen Rationen selbst, und .zwar durch eine Fühlungnahme der einzelnen Industrie­zweige untereinander. Hier können große wirftchaft-

Doch die neuen Wege auf neuem Lande sind es nicht allein, die Hauptbedeutung von Eduard Fuchs liegt darin, daß er in seinen For­schungen den eingeschlagenen Weg immer bis ans Ende, bis an das gesteckte Ziel geht, und das scharfsinnig, geistreich und sehr oft ver­blüffend tief in seinen Erkenntnissen und stets mit unerbittlicher Logik. Er macht nicht die ge­ringsten Konzessionen, er denkt niemals an ein Ilmbiegen. Abbiegen oder Haltmachen, tvenn fein logisches Ergebnis für herrschende Lehrmeinun­gen oder gesellschaftliche Machte unsympathisch wird. 3n diesem Sinne ist er eine unerbittliche Kämpfernatur, er ist wie der Fahnenträger einer neuen Zeit, der nie rückwärts, nie zur Seite und immer nur vorwärts schaut. Eduard Fuchs hat die Kraft, den Dingen den Schleier vom Gesicht -u reihen, und den Mut, dies mitleidslos zu tim und klar auszusprechen, was da ist. Aber er tut dies nie aus zynischem Behagen am Entlarven peinlicher Dinge. Das geht aus jeder Seite seiner Bücher hervor, hier weht immer die reinste Luft ....

Fuchs hat als erster die Karikatur plan- mähig in den Rahmen der Kunst eingeglledert und durch seine Forschungen unb Demonstra­tionen bewiesen, dah in der Karikatur ebensogut die Gipfel der Kunst erllommen werden können wie in der sogenannten ernsten Kunst. Er hat den unwiderleglichen Beweis hierfür in erster Linie durch den ftetigen Hinweis auf einen der bedeutendsten Karilaturiften aller Zeiten, Ho- nore Daumier, geführt. Fuchs hat über dieses Genie nicht nur geschrieben, er hat in seinen kulturgeschichtlichen Büchern Hunderte von Blät­tern Daumiers gezeigt, er hat den Zeichner und Karikaturisten Daumier in vier großen Bänden der deutschen Oeffentlichkeit bekannt gemacht. Unb fo ist er fcenn auch seit langem al« der größte Saumierienner Deutschlands anerkannt. Seine Kennerschaft erstreckt sich aber in gleicher Weise auf das ganze Gebiet der Karikatur, und Dau­mier ist keineswegs der einzigeKarikaturist", zu dessen wachsendem Rachruhm er erheblich bei- getragen hat.

Bicht geringer aber ist der zweite große Dienst, den Fuchs der Kunstgeschichtsforschung, der Kunstbetrachtung und der Kunstanalyse ba- burch erwiesen hat, daß er als erster, aber ebenso ^h wie systemcttisch, die historisch-materialistische Denk- und Forschungsmethode genau so in der

liche Organisationen durch sachliche Besprechungen versuchen, wichtige Fragen zu klären, wie die hohe Diplomatie dies durch politische Konferenzen an- strebt.

Niederländisch-Indien.

Don unserem ^..-Korrespondenten.

Amsterdam, 25. April.

Anläßlich der Behandlung des Haushaltsplanes für Riederländisch-Indien in der Zweiten holländi­schen Kammer war das Interesse der Oeffentlichkeit in der letzten Zeit in der Hauptsache kolonialen Fragen zugewandt. In Beantwortung einer kommunisti- sck)en Großen Anfrage bezüglich der Unter­drückung der kommunistischen Propa­ganda in Riederländisch-Indien zeigteder gute Dr. Koningsberger" (rote der neue Kolonialminifter, dem man in den Kolonien die für sie immer not­wendige Energie nicht zutraut, von der kolonialen Presse geringschätzig genannt wurde), daß erHaare auf den Zähnen" hat und keiueswegs gewillt ist, aus Riederländisch-Indien eine Domäne des Boi- schewismus werden zu lasten. Die von dem indischen Generalgouverneur gegen die zunehmenden kom- munistischen Umtriebe, die teilweise einen sehr guten Nährboden in den nationalistischen und autonomisti- schen Elementen unter den (Eingeborenen finden, ge­troffenen Maßnahmen wurden daher von ihm, wie übrigens auch von den Rednern der meisten Par­teien nicht nur gebilligt, sondern auch noch eine Der- schärfung dieses Vorgehens der Regierung in Aus- ficht gestellt, falls dies notwendig werden sollte.

Allgemein ergab sich, sowohl aus der Kammer­debatte wie aus den Presseerörterungen, daß der finanzielle Zu st and der Kolonien, der in diesem Jahre trotz größerer Aufwendungen für soziale und verkehrstechnische Zwecke einen wesent­lichen Haushaltsüberschuß aufweift, dank der ener- gischen Sparsamkeitspolitik des augenblicklichen Generalgouvemeurs Dr. Fock heute wieder als gut zu bezeichnen fei, und daß auch die wirtschaftlichen Verhältniste, wenigstens foweit sie die europäischen

Kunstgeschichte angewenbet hat, wie er es in der Kulturgeschichte tut ilnb bah damit der Kunst­geschichte neue Wege gewiesen werden, ist vvn vielen llugen Leuten bereits vor zwanzig Jahren anerkannt worben. 2m 2ahre 1905 erklärte z. D. der bekannte Münchener Kunsthistoriker Prof. Dr. Karl Boll, als Sachverständiger über die wissenschaftliche Bedeutung eines Werkes von Eduard Fuchs befragt:Das Werk ist das eines Outsiders. Darum kann man als strenger Fach­gelehrter mit zahlreichen kunstgeschichtlichen Ur­teilen des Verfassers nicht einverstanden sein. Aber die Werke von Outsiders sind es öfters gewesen, die in der Kunstgeschichte die neuen Wege gewiesen haben, und zu diesen Werken ge­hört unbedingt das von Fuchs." Freilich domi­niert heute in der Hauptsache noch die in ihrem Wesen so unfruchtbare ideologische Kunstbetrach. hing. Wenn man aber doch in den letzten Jahren auch in der Kunstgeschichte immer häufiger der Denkmethode des historischen Materialismus be­gegnet, so ist bas in starken Wahe auf bas Wir­ken von Fuchs zurückzuführen. Man erkennt dies auch baran, bah man sehr ost den von ihm ge­prägten Formeln begegnet." Dazu kommen noch seine in den letzten Jahren unternommenen, gleichfalls bahnbrechenden Forschungen auf dem Gebiete der Kunstpsychologie ....

Dramen aus der Steinzeit.

Die Wissenschaft des Altertumsforschers gift dem Laien als nüchtern unb uninteressant. Unb doch erhellen die Funde oft blitzähnlich das Leben feit undenklichen Zeiten vergangener Menschen. Ein solcher Fall wird uns von dem französischen Ge­lehrten Mansuh berichtet, ber Ausgrabungen in Inbochina vornimmt Bisher kannte man dort Reste deö vorgeschichtlichen Menschen nur au« ber letzten Periode der neueren Steinzeit besonders in Pho- bingyah (Tonkin) und Svmrongssn (Eambodja) Erst neuerdings fanden sich Lagerstätten aus dem Anfang dieser Kuliurzone bei Kevphay (Rordtonkin), und die Knochenreste, die bort ausgegraben wurden, erinnern seltsamerweise mit ihren Langschädeln an die europäische Raste von Eromagnon und die ame­rikanische von Lagoa fanla. Run hat aber Mansuh in den Felsen von Donc Buoc, ebenfalls im nörb- lichen Tonkin. in einer Höhle zwei Skelette gefunden, deren extreme Schädellänge nur bei einer Menschen­raste twrfommt, den Melanesiern ober Papua« Diese

Kulturen anlange, als durchaus befriedigend ange­sehen werden können. Sehr geteilter Meiung ist man jedoch bezüglich derÜagederEingebore- nenbevölkerung. Der Regierung wurde hier von den Rednern der Linksparteien ber Kammer mehrfach der Dorwurf gemacht, daß sic über all den anderen Maßnahmen den Wohlstand der Qrtngebore» ncn aus dem Auge verloren habe.

Durch ein Schreiben der Amsterdamer Handels- kammcr an den indischen Generalcwuvemeur wurde die Frage der Herstellung einer ftänbigen Luft- Verbindung zwischen dem Mutterlande und den Kolonien von neuem aufgerollt. Bereits vor län- gerer Zest war die holländische Königliche Luftfahrt- gesellschaft mit einem derartigen Antrag an die Nie­derländisch-Indische Regierung herangctreten. Da pc aber zu seiner Verwirklichung, ähnlich wie im Muttcrlande, beträchtliche finanzielle Unterstützung von der Indischen Regierung veftongte, konnte letz- tere sich zu einem Eingehen auf diesen Ptcm nicht entschließen. Die jetzt angekündigten Pläne der eng- lisch en Lufftahrtgesellschaften, die die Herstellung einer Verbindung zwischen Australien und Vorder- inbien auf dem Wege über Riederländifch^ndien beabsichtigten, haben aber die Befürchtung ouftom- men lasten, daß die Interessen der holländischen nationalen Luftfahrt hierdurch ins Hintertreffen geraten könnten.

Atjeh, das Unruhengebiet an der Westküste Sumatras, wohin jetzt wieder neue Truppenoerstär- fungen von Java entsandt werden müssen, bildet weiterhin das Sorgenkind der Regierung unb der Ocfentlichkeit. Zur Charakterisierung ber bortieen Bevölkerung unb ber allgemeinen Schwierigkeiten, denen man sich hier gegenüberftebt, sei hier nur die bemerkenswerte Tatsache angeführt, daß die Hol­länder seinerzeit in einem nur fünfjährigen Fest- raum (18251830) ohne besonders überlegene Be­waffnung Millionen von Javanern zur Anerken­nung ihrer Herrschaft zu zwingen wußten, während für die Unterwerfung von nur ebensoviel Hundert- tausend Atjehleuten 40 Jahre nötig waren trotz der besseren Qualität der Truppen und einer weit überlegenen Bewaffnung.

besiedeln zwar einen gewaltigen Teil ber Erdober­fläche, doch bevorzugen sie ausschließlich die Insel­welt, niemals stnben sie sich im Innern eines Fest- lanbes. Der Fund in jener Höhle, die etwa ICO km von bet heutigen Küste entfernt liegt, erklärt sich aber, wenn man berücksichtigt, daß bas Rieber­land junge« Anschwemmungsgebiet eines Fluhbel- taS ist, unb die Felsen einst eine Steilküste bildeten. Und nun vermögen wir uns im Geiste vorzustellen, wie einst ein Boot, vom Sturm verschlagen, an diele weit entlegene Küste getrieben, hier an den Klippen zerschellt, wie nur zwei der Insassen sich an Land retten, um hier elend zugrunde zu gehen. Das Inland, unzugänglich, geheimnisvoll, gesahr- brohend, vermag ihnen keine Hilfsmittel zu bieten. Alle Habseligkeiien unb Geräte sind im Schiffbruch verloren gegangen, sie können kein neues Boot bauen, sich Weber burch 3agb noch durch Fischfang nähren, so suchen sie Zuflucht in einer Strandhöhle, bis Hunger und Verzweiflung ihr Leben enden.

Eine ähnliche Tragödie erzählt uns ber Eng- länder Turville Petre, ber für baS britische Archäo­logische Institut Ausgrabungen in Galiläa Dor» nimmt. In bem Tale eines zumWestranb des Chucir (See Genezareth) fließenden Baches fand er etwa 1500 m über der Mündung in 40 m Höhe eine grobe Höhlenöffnung. 3m Innern zeigten sich Reste alter geschichtlichen Kulturen, darunter Lager der neueren Steinzeit, schließlich rohe Steinbrocken. Rach- dem auch diese weggeräumt waren, fand sich etwas Seltsames: Reste eines Menschen, Schädel, Rippen, Fingerglieder. Der Schädel gehört unzweifelhaft einem Menschen der Reandertalraffe. Er ist von einem Felsblock zerdrückt unb zwar kann dies nach dem Befund nur zu Lebzeiten geschehen sein. Die Reste liegen eingebettet in die übliche Schicht von Küchenabfällen. Was ist hier geschehen? Friedlich sitzt bet Höhlenbewohner bei seinem Feuer, mit ber Zubereitung seiner Rahrung beschäftigt. Plötzlich, ohne Warnung, stürzt die Decke ber Höhle ein, den Insassen zerschmetternd. Entsetzt fliehen die Mitglie- ber ber Familie, bie vielleicht vor ber Höhle saßen, bie unheimlich geworbene Stätte, die nun auf lange Zeiträume unbewohnt bleibt, bis neue Menschen kamen, die nicht« von den Reandertalem wußten unb ahnungslos über dem Grab ihres Dorbewohner« hausten.

So gestaltet sich au« jenen dürftigen Resten uralter Vergangenheit ein Bild menschlichen Lebens, voller Leid unb Rot, wie - das unsrige. Es war kein Paradies, in bem ber Urmensch lebte.

Aus der Aufwertungs-Praxis.

Der Beginn der Verzinsung von Auswertungshypotheken.

§ 28 des Aufwertunaegefetzes bestimmt:

Abf. 1.Der Aufwertungsbclrag ist bis zum 1. Januar 1925 unverzinslich. Rückstän­dige Zinsen gelten als erlassen. Bom 1. Ja­nuar 1925 ab beträgt der Zinssatz 1,2 vom Hundert, vom l. Iuli 1925 ab 2,5 vom Hun­dert, vom 1. Januar 1926 ab 3 vom Hun­dert unb vom 1. Januar 1928 ab 5 vom Hunbert. Insoweit dem Eigentümer des be­lasteten Grundstücks ober dem persönlichen Schuldner über den 1. Januar 1932 hinaus Stundung bewilligt ist, erhöht sich der Zinssatz um einen Betrag, den die Reichs- regicrung unter Berücksichtigung der allge­meinen Wirtschaftslage bestimmt.

Abf. 2. Wird die Hypothek infolge Auf- roertung kraft Rückwirkung wieder eingetra­gen, so beginnt die Verzinsung erst mit dem Beginne des auf die Wieoereinttagung fol- genben Kalendervierteljahres."

Ist also die Hypothek noch nicht ge­löscht, so beginnt der Zinsenlauf am 1. Januar 1925, jedoch im Falle der Abtretung (§ 17) nur für den früheren Gläubiger (so Mügel, Komm. z. Durchs. D. O., S. 303: Lehmann Boeseoeck, S. 201: Radler, Jur. Rbsch. 1925, S. 1132; Ouassowski, <5.276, der annimmt, daß die Zinsen bis auf weiteres nicht zu entrichten seien, und daß die Zinsen erst nach Ab- schluß des Aufwertungsverfahrens gemäß § 16 fällig würden, dann aber rückwärts für die Zeit feit 1. Januar 1925).

Die Frage, wann der Zinfenlauf beginnt, wenn bie Hypothek gelöscht ift, gehött zu den bestrittensten des ganzen Aufwettungsrechts.

Wenn man ben Abf. 2 bes § 28 liest, so sollte man meinen, daß er die Frage bahingebond beant­worte, daß bei Hypotheken, bie infolge Aufwertung

kraft Rückwirkung wieder eingetragen werden, die Verzinsung erst mit dem Beginne des auf die Wiedereintragung folgenden Kalendervierteljahres beginne. Gegen diese Auftastung wird folgendes geltend gemacht: § 28, Abs. 1, gebe die Regel, Abs.2 enthalte eine Ausnahme, die wegen dieser Eigen­schaft nicht ausdehnend ausgelegt werden könne. Die Ausnahme gelte daher lediglich der Verzinsung der Hypothek, nicht auch derjenigen der persön­lichen Forderung. Deren Verzinsung folge viel­mehr der Regel des Abf. 1. Der Abf. 2 sage nicht: so beginnt die Verzinsung des Auswertungs- betrage, wie Abs. 1. Er sagt nur: jo befltnnl die Verzinsung, ohne ausdrücklich zu sagen, wessen Verzinsung. Die Ergänzung müffe daher aus dem Wortlaut und dem Sinne des Vordersatzes entnom­men werden. Dieser svreche aber lediallch von der Hypothek. Deshalb müffe aufgelegt werden: so beginnt deren (ober ihre) Verzinsung. (So Meyer, D. Steuerzeit. 1925, 6.855, Michaelis, 6. 116, Radler, Jur. Rdsch. 1925, S. 1131. Gegen teillge Ansicht, also dahingehend, daß § 28, Abs. 2, auch für bie persönliche Forderung gelte: Abraham S. 2Ö0, Ouassowski 6. 276, Echlegelberger- Harmening S. 183, Mügel, D. gef. Aufw. R., S. 334. Da Fälle Vorkommen, in denen die Hypothek nicht wieder eingetragen werden kann, weil dem Eigen­tümer des mit der Hypothek belastet gewesenen Grundstücks der öffentliche Glaube des Grund­buchs zur Seite steht, fo ist nach Abraham für den Beginn des Zinsenlaufs der persönlichen For- derung der Zeitpunkt maßgebend, an welchem diese sestgestellt wird, nach Ouassowski maßgebend bie Rechtskraft der Enftcheidung: nach Schiegel­berger beginnt die Verzinsung der persönlichen Forderung mit dem Ablauf des Kalendervieriel- jabres, in welchem die Wiebereintragung der ge­löschten Hypochek zuläffig gewesen wäre.)

Bestritten ist ferner, ob bei Abs.2 unter Auf- wertung traft Rückwirkung auch der Fall des Bor­