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Sturm in Schmalebeck
Roman von Sophie Kloerss.
Copyright 1926 by Aug. Scherl G. m. b. H.. Berlin.
33 ^ortjeöung 'Nachdruck verboten
Dann wieder Dunkelheit und Schweigen, und tiefste Müdigkeit, aber kein Schlaf. Immer neue Bilder tauchten auf vor den erhitzten Augen, erlebte, verträumte Töne aus der gerne bersingend, Rufe — jetzt ein Mövenschrei, Meeresrauschen--Schnee
knirschte unter den Füßen — — nun eine leichte, heitere (stimme: Szüße Ilse. Kleine szüße Ilse--
Nun eine ruhig-ernste: Vielleicht sage ich es Ihnen in einigen Wochen — vielleicht — — nie. .Hanse weiß es. Also, dann mußte sie doch Hanfe fragen. Mußte aufstehen--da wurde ihr schwindelig,
wie sie nur den Kopf hob, und das Fieber begann, sie auf breiten Wogen zu tragen, hob und senkte — nun verdämmerten die lebten Gedanken.
Es war keine große Sache mit dieser Krankheit. Aufregung, viel Unruhe, eine leichte Halsgeschichte, alles zusammen hatte genügt, Ilse Rottmann acht Tage an das Bett zu fesseln. Dankbar nahm sie dte erzwungene Ruhe hin. Nun brauchte sie am andern Morgen nicht in Vaters Zimmer hinunter, als Rabens Stimme drunten laut wurde. Nun tarnen nur die Eltern immer einmal herein zu ihr, und für wenige Minuten Riekchen Jessen, sonst niemand. I Denn Hanse hatte es der Großmutter zur Pflicht gc- , macht, nicht etwa den Großvater anzustecken durch einen leichtsinnigen Krankenbesuch, und den alten Herrn hatte sie im gleichen Sinne bearbeitet. Ilse halte ihren Frieden und konnte sich mit sich selber zurechtfinden.
Auf ihrem kleinen Schreibtisch stand eine zwei Fuß hohe Edeltanne, die war von Raben geschickt worden. Denn die Schmalebecker Gärtner haben ihre wenigen Blumen zur goldenen Hochzeit spenden müssen. Aber der immergrüne Baum wird meiner verehrten kleinen Freundin besser als vergängliche Blumen sagen können, daß ich in aufrichtiger Ergebenheit ihrer gedenke und ihr alles Gute wünsche.
Immer Ihr getreuer Freund
Thomas Raben.
Sie war dankbar, daß er keine schönen Reden machte, sondern sich als Freund gab. Daß er ihr
Zeit ließ, sie nicht mit irgendeinem Zukunftswort beunruhigte, nichts vom Vater erwähnte, alles, was werden mußte, ohne Aufregung herankommen ließ. Die schöne Tanne war eine Wohltat für die Augen in ihrem tiefen Grün, schlicht und stolz. Um der Tanne willen hätte sie ihm schon gut sein können.
Der Doktor hatte strengen Befehl von seiner Frau, nicht mit der Tochter über diese Sache zu reden, eh' sie nicht selber davon beginnen würde. Raben hatte ihm genauen Aufschluß über seine Vermögensverhältnisse gegeben — „Ilse würede es gut haben als meine Fran", hatte aber hinzugefügt, erhöbe wohl dem jungen Mädchen die Entscheidung über den Kops fortgenommen. „Senn icy wußte damals noch nicht sicher, ob ich hoffen dürfte, ob nicht eine augenblickliche Ueberrumpelung — Nun wollte ich es heute zur Entscheidung bringen, — da schwatzte diese aufgeregte Same--"---
„Hm ja, wenn inzwischen Ihre Tochter anderen Sinnes geworden fein sollte, — ich bitte, geben Sie ihr Zeit. Ich kann warten, bis ich meines Glückes sicher bin."
„Wunderlicher Heiliger", sagte nachher Rott- mann zu seiner Hanse.
„Will er sie nun eigentlich oder will er sie nicht? So sehr scheint es ihn nicht zu drängen."
„Also, mein lieber Mann, dräng' du auch nicht. Ilse hat doch wohl fo ein bißchen mit dem Danske ein kleines Sommerspiel gespielt. Sas muß er doch gesehen haben, er hat doch recht klare Augen im Kops. Ergo — — laß die zwei sich miteinander zurechtfinoen, wie sie selber das als das beste ein- sehen. Wir sind ja nicht Jessens, Helene möchte ihrem Riekchen lieber beut als morgen den Kranz auf« fetzen. Sarüber kann ich dich jedenfalls beruhigen, — sehr lieb hat er Ilse. Nicht mit solcher verliebten Regung wie der Herr Baron, sondern so wie ein Mann liebt, der seinen Gefühlen fest und klar gegen- übersteht."
„So genau weißt du Bescheid?"
„Wenn eine ihn kennt, soll ich ihn wohl kennen. Es kann ein großes Glück werden--so eine
Ehe wie die unsere, mein Alter, aber laß ausreifen, was da werden will."
„Sie kluge Hanse. — Und der dumme Ehemann. — Was bekomm' ich, wenn ich mid) unbedingt füge?"
„Nichts. Hättest du dich nicht gefügt, hättest du einen Strafkuß bekommen. — Laß mich los, alter Mann. Hör' mal, draußen rufen sie nach mir." —
Der Morgen nach diesem unruhigen Tage ließ auch in anderen Häusern die Bewohner nicht zur Ruhe kommen. In der Post war den ganzen Tag ein Kommen und Gehen. Jeder fragte nach neuen Nachrichten aus Kopenhagen und Kiel, und die solidesten Leute saßen und machten einen stundenlangen Frühschoppen, um nur nichts zu versäumen. Es gingen Extraposten durch, von Altona zur Eider, Postillione und Reisende wurden ausgequetsckst bis zum letzten. Und wußten doch selber nicht mehr, als daß der König wirklich tot sei, und daß kein Mensch sagen könnte, was nun käme.
Im Pastorat saß Johannes Jessen nach schlafloser Nacht früh am Schreibtisch und grübelte immer über .bas eine: „Wie erfahr' ich es? Frag' ich sie? Und wenn sie leugnet? — Das wäre schlimm. — Und wenn sie nicht leugnet? Lieber (Bott, das wäre noch schlimmer." Er lauschte auf jeden Schritt draußen und hoffte immer, seine Frau solle von selber hereinkommen, daß er nicht nach ihr rufen müßte, und zitterte vor ihrem Eintritt, wenn ein Schritt sich der Tür näherte. Dabei hatte er nicht acht auf die Straße und bemerkte Herrn Nilius nid)t, der an das Haus kam. Erft als der kleine Herr in die Stube trat, fuhr er aus.
Herr Nilius hatte die weihe Tolle auf der Stirn ehr sorgsam zurechtgebürstet, hatte die weiße Hals- >inde so glatt und sorgfältig geschlungen wie nur e, und doch war etwas an ihm, etwas, was gegen eine gewöhnliche steife Würde verstieß.
„Störe ich nid)t so früh, lieber Jessen? Ich mußte herein in die Stadt, und da wollte ich nicht zögern--Ja, ich glaube, jetzt weiß ich, wer die
Briefe geschrieben hat."
Unter den Füßen des Predigers begann der Fußboden zu schwanken.
„Es ist mir in dieser Nacht gekommen. — Was halten Sie von Träumen?"
„Was ich von Träumen--Ich weiß nicht,
wie Sie das meinen. Träume sind Schäume, weiter nichts."
„Man soll es nickst so von der Hand weisen. Bisweilen kommt uns in einem Traum eine Erkenntnis, der wir wachend umsonst nachjagten. Hm, ja.
Und mir kam es eben--Wissen Sie, die Schrei
berin, das ist Lydia Moorwood."
„Wer? Das alte Fräulein Moorwood? Das ist doch nicht möglich."
„Lieber Jessen, alte Leute werden wunderlich. Und sie ist 78 Jahre. Und sie hat immer sehr auf gute Sitten gehalten. Und wissen Sie nicht, wie sie über die Reise ges Kantors geredet hat? Und Sie
nehmen Sie es mir nicht übet — hätten nach ihrer Meinung oft die Zügel der Gemeinde viel schärfer anziehen müssen. Und gestern hört' ich, wie sie Fräulein Schnäbel erzählte, sie hätte in ihrem Brot einmal zwei Schwaben gefunden. Es mag sein, daß diese Mitteilung meinen Traum beeinflußt hat. Da sah ich sie sitzen und diese Briefe schreiben. Es wird schon so fein."
„Aber sie selber kam doch mit einem Brief in den Whistklub."
„Weiß ich, weiß ich. Da wollte sie von vornherein den Verdacht von sich ablenken."
Jessen sah vor sich hin. Konnte das fein? Wer gab ihm Klarheit. Es wäre Erlösung gewesen, jeden- falls war es etwas wie Hoffnung. „Ich muß Ihnen sagen, Herr Nilius, man hat mich sogar bei meinem Vorgesetzten in Altona verleumdet. Mein Leben an- gezweifelt, meine eheliche Treue —. Ja, der Propst sagte es mir gestern. Ich war wie sos. den Kopf geschlagen."
„Unerhört, einfach unerhört. Man muß energisch einschreiten, die Sache darf nicht weitergehen."
„Es sollen schon einige der Kaufleute, die auch angegriffen find, beschlossen haben, an das Gericht zu gehen."
„Das muffen wir verhindern. Um jeden Preis. Die alte Same darf nicht vor das Gekäst kommen. Sie hat es sicher nur getan, weil sie glaubte, über unsere Stadt und ihre Tugend wachen zu müssen. Sie fühlt sich als das Schmalebecker Gewissen. Ti^ kickst, sehr töricht, aber aus ihrer ganzen Art zu begreifen. Heute will ich meinem lieben Freund Rott- mann noch nicht damit kommen, er muß sich von gestern erholen, aber morgen rede ich mit Ihm. Er wird es am ersten aus ihr herausfragen können. Auf ihn hat sie immer viel gegeben. — Sv, ich will Sie nicht aufhalten, Sie haben zu tun, und ich muß in das Kontor. Mein Georg in seiner Bräutigams- seligkcit ist entschieden nicht zu brauchen.. Adieu, lieber Jessen." '■"ft-m/na folatJ
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