Ausgabe 
28.6.1926
 
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Nr. M Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

3um neuen Reichsknappschaftsgesetz.

Don Otto Thiel, M. d. R.

Die am 22. d. M. im Reichstag mit der starken Mehrheit von 320 gegen 58 Stimmen bei 8 Stimm­enthaltungen verabschiedete Novelle zum Reichs- knappschastsgesetz (RÄG) hat nicht nur sozialpoli­tische, sondern auch politische Probleme aufgerollt. Sozialpolitisch gesehen, bringt die Novelle gegen­über dem bisherigen Stand weitgehende Aende- rungen und besonders für die Angestellten wesent­liche Verbesserungen. Wichtigste Neuerung ist die reinliche Trennung der knappschastlichen Versiche­rung in Abteilungen für Angestellte und Arbeiter. Bei dem bisherigen Zustand waren die Angestellten in starkem Maße von den Arbeitern abhängig, da sie ihre Vertreter in die Organe der Knappschaft nicht allein wählen konnten. Die Angestelltenvertreter im Vorstand wurden von den vielfach sozialistischen Ar- beitervertrelern in der Hauptversammlung mitge­wählt, woraus sich der merkwürdige Zustand ergab, daß die Arbeiter auf die Wahl einen größeren Ein­fluß hatten als die Angestellten selbst.

Ein weiterer Fortschritt, der in Angestelltenkrei- sen freudig begrüßt wird, ist durch die Zulassung der Ersatzkassen im Rahmen der knappschaftlichen Krankenversicherung zu verzeichnen. Während in der allgemeinen reichsgesetzlichen Krankenversiche­rung die Bedeutung der Berufskrankenkossen längst dadurch anerkannt ist, daß sie als gleichberechtigte Träger der Krankenversicherung neben den allge­meinen Ortskrankenkassen zugelosjen sind, war es bei der Schaffung des RKG. im Jahre 1923 dem sozialistischen Einfluß gelungen, diese Berufskran- kcnkasscn jrür die bergbaulichen Angestellten auszu- scholten. Durch diese Maßnahme waren die Ange­stellten gezwungen, den meistens unter überwiegen­dem Einfluß der sozialdemokratischen Arbeiter stehenden knappschafllichen Krankenkassen anzuge- hören. Den Bemühungen der bürgerlichen Frak­tionen des Reichstags ist es gelungen, diesem Zu­stand ein Ende §u bereiten dadurch, daß auch in der Knappschaftsversicherung in Zukunft die Versiche­rung bei einer Ersatzkasse der Versicherung gleich gilt. Es ist bezeichnend, daß sich gegen diese Bestimmung insbesondere der sozialdemokra­tische Abgeordnete Aufhäuser, der sich gern als alleiniger Vertreter der Angestelltenbelange im Reichstage ausspielt, zur Wehr gesetzt hat. Der Kenner Der Verhältnisse weiß allerdings, daß dies nur in den Rahmen der von sozialdemokratischer Seite vertretenen Sozialpolitik paßt, wonach unter ollen Umständen vermieden werden soll, daß irgend­welche Bcrufskreise ein sozialpolitisches Eigenleben führen, das im Widerspruch zu der nivellierenden Tendenz der Sozialdemokratie steht.

In der knovpschafllichen Pensionsversicherung bedeutet die Beseitigung der sogenannten Doppel- verstcherung für die Angestellten eine fühlbare Er­leichterung. Bisher waren sie gezwungen, nicht nur der Pensionskasse des Reichsknappschaftsvereins, sondern auch der reichsgesetzlichen Angestelltenoer­sicherung anzugehören. Die dadurch bedingte starke Beitragsbelastung der Arbeitgeber und Arbeitneh­mer wurde, zumal bei der heutigen Wirtschaftslage, als besonders drückend empfunden. In Zukunft ge­hören die Angestellten nur noch der Angestellten­pensionskasse des Reichsknappschaftsoereins an. Diese Pensionsoersicherung tritt an die Stelle der reichsgesetzlichen Angestelltenversicherung. Es sind besondere Bestimmungen getroffen für den Heber- gang von der reichsgesetzlichen Angestelltenversiche­rung zum Reichsnappschaftsoerein und umgekehrt.

Bei der Berechnung der Pensionsleistungen ist die Einführung von Lohn- und Gehaltsklassen in feder Beziehung zu begrüßen. Während nach der bisherigen Regelung die Pension noch 25jähriger Dienstzeit mindestens 40 v. H. des Hauerdurch- schnittslohnes bzw. des Durchschnittsgehalts eines revierführenden Steigers betrug, ohne Rücksicht auf die geleisteten Beiträge, ist man jetzt zu dem ver­sicherungstechnisch einzig möglichen Prinzip über­gegangen, wonach sich die Renten den geleisteten Beiträgen anpassen. Durch diele Bestimmung, die mehr der Gerechtigkeit entspricht als die bisherige Regelung, werden manche Auswüchse beseitigt, die auch vom Arbeitnehmerstandpunkt aus nicht zu bil­ligen sind.

Bei den monatelangen Beratungen im Reichs­tage ist die finanzielle Auswirkung der Knapp­schaftsnovelle stark urnkärnpft gewesen. Unstreitig ist eine gewiße Mehrbelastung vorhanden, lieber das Ausmaß gehen die Meinungen stark auseinander. Auf der einen Seite sind Zahlen angegeben worden, die auf eine Steigerung von 100 Millionen Mark kommen, während andererseits von Bergarbeiter- feite sogar eine Lastenminderung errechnet wurde. Demgegenüber hat das Reichsarbeitsministerium (RAM.) in einer Denkschrift zur Auswirkung der

König Ludwig II.

Don Dr. Erich I e n i s ch.

Wo er vorüberschritt, sah man das Königtum schreiten." So ungefähr versuchte ein Franzose den Eindruck Ludwigs II. wiederzugeben. Und auch Bismarck hatte von dem adligen Wesen des baye­rischen Kronprinzen einen bedeutenden Eindruck empfangen. Er war eben mehr als ein Geistes­kranker, und der Zauder seiner Persönlichkeit über- strahlt die Dunkelheit seines Endes: Vielleicht ist Ludwig II. einer der allerletzten Repräsentanten der Königswürde im 19. Jahrhundert gewesen. Er hatte nicht den Ehrgeiz, der erste Diener des Staates zu [ein; er fühlte sich auch nicht als die Personifikation des Staates, denn bei aller Prachtliebe repräsen­tierte er nie. Er strebte nach einem Leben in Schön­heit und herrlicher Fülle, nach einem Leden in könig­licher Höhe und Weite jenseits alles Politischen. Er wollte König sein, König in dem Sinne, in dem in der Vergangenheit orientalischer Staaten diese Idee verstanden wurde.

In sich und um sich besaß er nicht die Kräfte, die chm Helsen konnten, dieses Ideal zu verwirk­lichen. Seine Zeit war solcher Würde des Herrschers notwendig feindlich. Und in sich trug er die schwere Last bedrohter Gesundheit. So blieb7 ihm kein Weg, als im Traum sein unzeitgemäßes Wunschbild zu gestalten: Er entwich dem Zwang des Wirklichen und entgleiste in die Romantik. Die Pracht seiner Bauten, ihre phantastische Schönheit war nur ein Mantel seiner Einsamkeit; sie war nicht gewirkt aus den Mächten des Daseins, sie war geboren aus der Sehnsucht nach einem unerreichbar herrlichen Leben.

Den zwölfjährigen Knaben hatte die Erzählung von Wagners Lohengrin aufs tieffte erregt. Hier öffnete sich ihm der Blick auf die schimmernde Zouberschönheit äs» Schwanenrttters, der nun für

Knappschaftsnovelle Stellung genommen. Unter der Voraussetzung, daß sich diese von amtlicher Seile errechneten Zahlen in der Praxis als richtia erwei- fein sollten, werden in der knap'pschaftlichen Kranken­versicherung 18 Millionen Mark mehr erforderlich, hauptsächlich durch die gesetzliche Einführung der Familienkrankenpslege, die die Bergarbeiter früher vor dem Inkrafttreten des RKG. bereits hatten und deren Wiedereinführung von keiner Seite im Reichstage beanstandet wurde. In der Pensionsver­sicherung kommt die Berechnung des RAM. zu einem reinen Mehrbedarf von rund 4 Millionen Mark.

Die ernste Sorge derjenigen Kreise, die jede Mehrbelastung für den sich in einer Krisis befinden­den Bergbau glauben ablehnen zu müssen, ist ver­ständlich. Demgegenüber steht aber die dringende Notwendigkeit, den unter besonders erschwerten Umständen arbeitenden Bergleuten eine anständige Versorgung bei Krankheit, Unfall ober Invalidität zu sichern und ihnen die Sorge um das Wohlergehen ihrer Familie abzunehmen. Daß die Sozialversiche­rung der Bergleute in einigen Fällen auch zu Ueberspannungen geführt hat, soll unumwunden zu­gegeben werden. In dieser Hinsicht aber sind durch die jetzt verabschiedete Novelle soziale Ueberfteige« rungen beim Zusammentreffen mehrerer Renten be­seitigt worden.

Biel umstritten ist endlich die geänderte Sitzver­teilung in den Organen der Knappschaft gewesen. Während bisher für Arbeitgeber und Arbeitnehmer Parität bestand, werden in Zukunft die Arbeitneh­mer % und die Arbeitgeber Z der Verwaltungsrechte haben. Selbstverständlich ist damit auch die bisherige Halbierung, der Beiträge beseitigt. Die Arbeitneh­mer sind also gezwungen, in Zukunft § der Bei­träge zur Kranken- und Pensionsoersicherung zu zahlen. In Arbeitgebcrkreisen hat diese Einengung ihrer Berwaltungsrechte vielfach Unwillen erregt, obwohl auch dort Stimmen laut wurden, die, unter der Boraussetzung der alleinigen Aufbringung der Mittel durch die Versicherten, keine Bedenken haben würden, im Laufe der Entwicklung allmählich dazu überzugehen, die Verwaltung der Sozialoersiche­rungsträger ganz den Bersicherten, zu deren Wohl diese Einrichtungen geschaffen wurden, zu über­lassen. Dieses Problem wird sicher später mich in der übrigen Sozialversicherung akut werden.

Die K eine Entente und Deutschland.

Die Agonie der Kleinen Entente ist noch nach jeder Konferenz ihrer Außenminister, mit Recht, sestgestellt worden. Dieser unnatürliche Mächte- verband kann nicht leben und nicht sterben. Er kann nicht leben, weil die Gefahr einer den Trianoner Fricdensvertrag zerfetzenden Restauration des letzten gekrönten Königs von Ungarn, die die Tschecho­slowakei, Jugoslawien und Rumänien in einen Ab­wehrbund zusammengeführt hat, nicht mehr besteht, andere Jnteressenidentitäten aber bis heute nicht ge­funden werden konnten; und er kann nicht ster­ben, weil sein Schöpfer (Dr. Benesch) auf dem Scheine einer durch Stimulantien genährten Exi­stenz des Bundes besteht, llebrigens: Um jeden der genannten Staaten türmen sich Gefahren auf, denen wenigstens das Phantom einer Allianz gegenüber« gestellt werden soll.

In diesem Jahre traten die Minister der Kleinen Entente nun schon zum zweiten Male zu ihrerall­jährlichen" Konferenz zusammen; im September soll eine dritte in Genf, im nächsten Frühjahre wieder eine in Prag folgen. Ein so reges Bedürfnis nach mündlicher Aussprache kann Ausdruck einer beson­deren Intimität oder einer ungewöhnlichen Häu­fung von Schwierigkeiten sein. Die Vorgeschichte und der Verlaus der eben zu Ende gegangenen Deldeser Konferenz besagen, daß die alten Gegen­sätze zwischen den Ententegenossen, die sich aus ihrer verschiedenen Einstellung zu Ungarn, Polen, Bul­garien, Rußland und Italien ergeben, noch immer nicht behoben sind und zu ihnen das stachlige Pro­blem des Wiedereintrittes Deutschlands in die seuro- päische Politik getreten ist.

In dem Maße, wie die großen Siegermächte, die die Mitglieder der Kleinen Entente stets als Mitläufer oder Sturmböcke, nie aber als eigen­willige Staatsindividualitäten behandelt haben, Deutschland zur Mitarbeit an der Lösung der großen europäischen (und wohl bald auch der außereuro­päischen) Fragen heranziehen, in dem Maße, wie lene großen Mächte die Befriedung der Welt in Ab­kommen mit Deutschland suchen und Deutsch­land feine politische Handlungsfähigkeit wieder­erlangt, schrumpft nicht nur die mehr eingebildete als anerkannte Bedeutung der kleinen Nutznießer von Versailles zusammen, sondern wird auch ihre aufdringliche Politik, besonders von den West- Mächten, als störend und lästig empfunden.

immer sein Wunschbild wurde. Mit fünfzehn Jahren sah er die Aufführung desLohengrin". Sie ent­schied über sein Schicksal. Wagner wurde der Leiter seines Ledens: Man gab ihm die revolutionären Schriften Wagners, um seine Begeisterung für ihn abzukühlen. Sie vertieften feinen Enthusiasmus nur. Als Wagner in seiner Not sich an die Nation wandte und jenen Aufruf veröffentlichte, der resignierend mit den Worten schließt:Wird sich dieser Fürst finden?", gelobte der junge Prinz, daß er dieser Fürst fein werde. Er wollte der Welt zeigen, wie das Genie zu ehren sei. Ueberraschcnd schnell gab ihm das Schicksal Gelegenheit, sein Gelübde zu erfüllen: Achtzehnjährig kam er am 18. Mai 1864 auf den Thron, und wenige Wochen später war Wagner der mächtigste Mann in seinem Königreiche.

Nun kam einer jener großen, in feiner Möglich­keit fast überirdisch schönen Augenblicke, die in der Geschichte selten sind: Der Künstler und der König verbinden sich im Rausche tiefer Freundschaft. Ludwig schreibt:Unbewußt waren Sie die einzige Quelle meiner Freuden, von meinem zarten Jünglingsalter an, der mir wie keiner zum Herzen sprach, mein bester Lehrer und Erzieher." Und Wagner sagt nach der ersten Begegnung: .feilte wurde ich zu ihm ge­führt. Er ist leider so schön und geistvoll, seelenooll und herrlich, daß ich fürchte, sein Leben müße wie ein flüchtiger Göttertraum in dieser Welt zerrinnen. Er liebt mich mit der Innigkeit und Glut der ersten Liebe: er kennt und weiß alles von mir und versteht wich wie meine Seele . . . Denken Sie, wie er­griffen ich bin. Mein Glück ist so groß, daß ich ganz zerschmettert davon bin . . ." Und später, als der Rausch des Glückes schon vorüber ist, schreibt er doch wieder:Gestern, wo wir die Vollendung und Auf­führung meiner Nibelungen festsetzten, war ich doch °.?r. Erstaunen über bas Wunder des himmlischen königlichen Jünglings so ergriffen, daß ich nahe daran war, vor ihm hinzusinken und ihn anzu-

Jetzt wäre für die Kleine Entente die Verwirk­lichung des Gedankens vonnöten, den Dr. Benesch dem Bunde von Haus aus zugrunde legen wollte: Zusammenfassung einer größeren Anzahl von Klein­staaten zu einem festen völkerrechtlichen Verbände, der die Stärke einer Großmacht hätte.

Aber ach, dieser Gedanke war und ist nicht zu realisieren! Es gibt keine GroßmachtKleine En­tente", die nur aus den auf der mitteleuropäischen Erde verstreuten Splittern Tschechoslowakei, Jugo­slawien und Rumänien bestehen könnte. Nur ein Donau- oder ein Balkanbund stellte eine solche Macht dar. Der natürliche geographische Bereich eines Donaubundes umfaßte das Gebiet der alten österreichisch-ungarischen Monarchie, dazu auch noch das Vorkriegs-Serbien und -Rumänien; zu einem Balkanbunde gehörten Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien und Griechenland, zu denen die Tschecho­slowakei nur in das Verhältnis treten könnte, in dem heute Italien zur Kleinen Entente steht. Daß weder Oesterreich noch Ungarn für einen solchen Donaubund zu haben ist, bedarf keiner weiteren Ausführung. Und die Geschichte hat bewiesen, daß die inneren Gegensätze zwischen den Balkanstaaten höchstens Vereinbarungen über die Beraubung eines Dritten gestatten, aber schon Abkommen über die Teilung der Beute ausschließen oder doch un­wirksam machen.

Gegen alle diese Föderationspläne rein ge­dankliche Konstruktionen ist auch noch einzuwen- den: Wer sollte den einen, wer den anderen Bund führen? Gehen wir, um in der Mentalität der kleinen Sieger" zu bleiben, über den eventuellen Anspruch Oesterreichs, Ungarns und Bulgariens, immer oder gelegentlich die Präsidialmacht vor- zustellen, hinweg. Bestehen bleibt dann die Frage, ob sich einer der drei Staaten der heutigen Kleinen Entente der Führung eines anderen von ihnen unterwürfe. Das ist ausgeschlossen. Der Führer müßte, wie die Dinge heute liegen, in jeder Frage stets den vitalen Interessen mindestens eines von ihnen zuwiderhandeln. Dabei stellt keiner von den Dreien den andern gegenüber eine merklich überlegene Macht bar, die das Beisammenbleiben gegebenenfalls erzwingen könnte. Nehmen wir aber an, daß man sich schließlich und endlich doch auf Prag oder Bukarest oder Belgrad einigte: Einmal schon wollte Benesch Führer spielen und eine mittel­europäische Frage, den Zwist zwischen Oesterreich und Ungarn wegen des Burgenlandes, regeln; Italien schlug ihm auf die Hand, daß er sie beschämt und grollend zurückziehen mußte. Das würde jetzt erst recht geschehen. Heute beansprucht Italien mehr denn je die politische Führung imösterreichisch- ungarischen Raum" und auf dem Balkan. Gegen Mussolini wagen die Herren Benesch, Nintschitsch und Mitilineu nicht aufzumucken (wie ihre Schluß­betrachtungen zur Veldeser Entrevue verraten). Wenn aber Italien von seiner stolzen Höhe herab- glitte? So wäre es morgen Frankreich ober Eng­land, übermorgen vielleicht Deutschland, das sich für den gedachten Raum interessierte. Die Beziehun­gen zwischen den großen Mächten, nicht die Wünsche der kleinen werden fürderhin die Zukunft von Wien und Budapest, von Sofia und Achen, ja selbst von Prag, Bukarest und Belgrad bestimmen.

Die Herren von der Kleinen Entente haben wohl in der Geschichte nachgeblättert und gefunden, daß dereinst hundertjährige Arbeit im Interesse der deutschen Sache Preußen, hundertjähriges Wir­ken an der Scheide des Orients und Okzidents Oesterreich den Anspruch auf Führung verlieh. Die Tschechoslowakei, Jugoslawien und Groß-Rumänien verdanken aber ihre sehr kurze Existenz einem Ge- waltstreich und haben vis heute nicht eine inter­national bedeutungsvolle Kulturaufgabe gelöst. (Mi- noritätenschutz!)

Zu Veldes vereinigt, begnügten sich daher Be- nesch, Nintschitsch und Mitilineu, sich ihre angesichts der politischen Umgruppierung in Europa schwin­dende Bedeutung einzugestehen und über den Turnus zu zanken, in dem jeder von ihnen den nichtständign Völkerbundesratssitz innehaben soll.

Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund warf aber auch insofern seinen Schatten auf die Konferenz der Kleinen Entente voraus, als sie eine gemeinsame Front gegenüber dem Völkerbundes­mitglied der Zukunft zu finden trachten mußten. Erinnert man sich, wie verschieden (aber durch­schnittlich unfreundlich) die Mitglieder der Kleinen Entente gegenüber dem ohnmächtigen Deutschland empfanden und handelten, dann erscheint einem die am Schlüsse der Entrevue formulierte freundliche Beurteilung des deutsch-russischen Vertrages und der zu gewärtigenden Mitarbeit Deutschlands in Genf als die unfreiwillige Anerkennung der Tatsache, daß fortab mit Deutschland zu rechnen ist. Angesichts der gründlich veränderten Konstellation versagte sogar das Talent Beneschs in der Erfindung von For­meln. Was an den Gestaden des Veldeser Sees über den deutsch-russischen Vertrag und das deutsche Gesuch um Aufnahme in den Völkerbund gesagt

beten." Im engsten Kreise nannte Wagner den edlen JünglingParzifal".

Der König erlitt bittere Enttäuschungen. Wagner sah in ihm nur das Werkzeug, um seine großartigen Theaterpläne durchzuführen. Ludwig tat alles für ihn, was in feiner Macht stand. Er war bereit, auf den Bau feiner Prioatschlöffer zu verzichten, um Sempers Plan für ein Wagner-Festspielhaus mit einer Prachtstraße und einer neuen Brücke über die 2sar zur Ausführung zu bringen. Wagner geriet durch die rücksichtslose Vertretung seiner Theater- interessen mit hohen politischen Beamten in einen Konflikt, der zu seinem Sturze führte. Der König hatte es fühlen müssen, wie wenig seine Liebe Wagner galt, wie er immer nur an sein Theater dachte. Auf eine scheue und zarte Art tut er ihm seinen Schmerz kund. Wagner klagte ihm über äußere Hindernisse, und er antwortete:Oh, ich glaube Ihnen, begreife wohl, daß Augenblicke des Unmuts gegen das Menschengeschlecht bei Ihnen ein­treten, doch wollen wir bedenken (nicht wahr, mein Geliebter?), daß es doch viele edle Menschen gibt, für welche zu leben und zu schaffen es wahre Freude ist . . ."

Man kann diese Freundschaft, diese Liebe zu Wagner nicht mit medizinischen Begriffen analy­sieren. Zu viel echte Menschlichkeit, zu viel seeliscye Reinheit äußert sich in ihr und hebt sie über alles Krankhafte hinaus. Und die Schönheit dieser Seele bringt auch noch durch die Schleier geistiger Um­nachtung, die sie später verhüllen. Wir kennen jetzt die Aufzeichnungen des kranken Königs, wir ersehen aus ihnen sein maßloses Majestätsbewußtsein, sein irres Sichoersetzen an den Hof Ludwigs XIV. Aber mir sehen in ihnen auch immer wieder den Willen rege, feiner krankhaften Neigungen Herr zu werden. Selbst in der Umnachtung des Wahnsinns sucht er noch nach der Reinheit, der Schönheit auch die Herr­lichkeit, in die er sich als Kind geträumt hat.

Montag, 28. Juni 1926

wurde, ist dem Sprachschatze Briands und Chamber­lains entlehnt worden. Der französische und der eng- lische Staatsmann sprachen aber, als sic das deutsch, russische Abkommen als loyal und korrekt anerkann­ten, nicht darüber, wie sie i h re Beziehungen zu Rußland einrichten wollten. Es fehlte also wohl ein Vorbild für die Behandlung der Frage RußlandKleine Entente"? Jedenfalls ge. langten Benesch, Nintschitsch und Mitilineu nur zu der wiederholten so dürftigen Feststellung, daß jedes Mitglied der Kleinen Entente in seiner Politik gegenüber Rußland nach wie vor freie Hand habe.

Wir leben noch zu sehr In Not und Elend, als daß wir leicht die Zeichen einer freundlicheren Zu funft wahrnähmen. Ein solches Zeichen erschien über dem Firmamente von Veldes: Die Kleine En­tente diktiert nicht mehr, als Exekutivorgan der großen Sieger", Mitteleuropa das Gesetz, sondern ie empfängt das Gesetz von den Großen, und diese ind nicht mehr starr in Sieger und Besiegte ge chieden.

Der Rechenfehler eines Poincars, der Europas Bevölkerung in Herren und Knechte geschieden sehen wollte, mußte an dem Tage offenbar werden, da auch der Franken zu weichen begann. Nun müssen sichsogar" die Herren in Prag, Bukarest und Bel­grad zuAbschreibungen" verstehen.

Das Leben Abd el Krims in der Gefangenschaft.

(Don unserem Pariser W. S.-Korrespondenten.)

Französische und spanische Zeitungen ver« öffentlichen lange Schilderungen über das Leben Abd el Krims, der von den Franzosen außer­ordentlich streng in der ihm angewiesenen Villa bewacht wird, bis sich die französische und die spanische Regierung endgültig über den zukünfti­gen Aufenthaltsort Abd el Krims entschieden haben werden.

Eine doppelte Wache verhindert jeglichen Zutritt zu dem Hause. Wachtposten sind wei­terem Umkreise aufgesteltt, um jeden Verkehr mit der Außenwelt zu verhindern. Die Haustür ist fest verschlossen, dahinter liegt eine starke lln- teroffizierswache Tag und Rächt. Eingeborene Diener können nur bis zu diesem Posten vor­dringen, aber nicht weiter. Das Haus, in dem Abd el Krim bewacht wird, ist im spanisch- maurischen Stil gebaut und umgeben von einem großen Garten. Das Haus besteht aus drei großen und sechs kleineren Räumen. Dort wohnt Abd el Krim zusammen mit seinem Bruder Mohammed, seinem Vertrauensmann Doujilar und dem Caid Haddou. Die Männer wohnen in einem großen Zimmer der ersten Etage, die Frauen und Kinder in 2 Zimmern des Parterres. Abd el Krim hat nur zwei Frauen und drei Kinder bei sich, und zwar zwei Knaben und ein Mädchen. Seine dritte Frau wohnt wegen der Raumbeschränkung mit seinem Onkel Abd es Lern zusammen, der ein besonderes kleines Haus ab­seits bewohnt. Die Tage der Gefangenen ver­gehen in der größten Eintönigkett. Abd el Krim steht sehr früh auf und trinkt dann eine Tasse Milch. Daraus macht er lange Spazier­gänge in den Gärten. Wird die Sonne zu heiß, kehrt er ins Haus zurück und spielt mit seinen Begleitern »Ronda", ein spanisches Kartenspiel. Mittags bringen die Diener des Paschas von Fez der Wache das für Abd el Krim bestimmte Essen, das auf seinen besonderen Wunsch nur aus Gemüsen besteht. Der Rachmittag vergeht mit langen Besprechungen beim Tee. Niemand weih, was die (befangenen sich hierbei untereinander erzählen, aber sie scheinen sich sehr gut mitein­ander zu vertragen. Oft sieht man auch Haddou allein und fast ständig mit der Zigarette im Mund. Am Abend bringen die Diener des Paschas erneut das Essen. Dann stellt sich auch hin und wieder ein Offizier der Wache ein, um mit den Gefangenen ein wenig zu plaudern.

Abd el Krim scheint sich mit seinem Schicksal vollständig abgefunden zu haben. ,

Aus dem Amtsverkiinvigungsblatt.

* Das Amtsverkündigungsblatt Rr. 51 vom 25. 3uni enthält: Maul» und Klauen­seuche in Queckborn, Ettingshausen, Saasen und Grohen-Linden. Taubstummen- und Blindcn- beschäftigungsanstalt. Hauptversammlung des Kreis-Obst- und Gartenbauvereins Gießen. Ausbezahlung der Vergütung für den nebenamt­lichen technischen Unterricht in der Fortbildungs­schule. Aufnahme der taubstummen und blin­den Kinder in die für ihre Erziehung bestimmten staatlichen Anstalten. Aushändigung der Reichsverfassung an die zur Entlassung kommen­den Schüler. Landesjugendtag 1926. Stra­ßensperren. Dienstnachrichten.

Und auch die Katastrophe am Starnberger See hat nicht den Glanz von der Gestalt dieses Königs nehmen können. Seltsam: Wir wissen heute, daß der König krank war, ihm gehört unser Bedauern, jenes Bedauern, das wir Lear verehrungsvoll zollen. Aber im Volke hat Ludwig II. nie aufgehört, vergöttert zu werden. Die ewigen Züge seines Wesens treten in der mythenbildenden Phantasie hervor, und so bewahrt sie nicht das Bild des Kranken, sondern das Bild des Königs.

Der gefährliche Händedruck.

Der Professor der Bakteriologie an der Uni­versität von Drttisch-Columbia H. W. Hill hat seine Studien einer bisher wenig beachteten Form der Uebertragung von Krankheiten gewidmet, nämlich dem Händedruck. Er erklärt diese so all­gemein übliche und besonders in den angel­sächsischen Ländern mit Leidenschaft geübte Art der Begrüßung für außerordentlich gefährlich. Bei zahlreichen Versuchen des Handschüttelns, bei denen die eine Hand mit verschiedenen Bak­terien infiziert war. wurde in jedem Fall eine ^Übertragung der Bakterien auf die andere Hand festgestellt. Dies war bei allen Arten der Fall, nicht nur bei dem kräftigen Händedruck, sondern auch bei dem losen Berühren der Hände. Be­sonders stark war die Uebertragung, wenn die infizierte Hand trocken war und sehr fest zupackte. Troy dieser besorgniserregenden Behauptungen braucht aber der Händedruck nun nicht verbarmt Zu werden, denn die Hand ist ja glücklicherweise nicht immer mit gefährlichen Krankheitserregern bedeckt, und Infektionskrankheiten können ja auch schon übertragen werden, wenn man sich mit der infizierten Person nur in demselben Zimmer befinbet