Ausgabe 
28.1.1926
 
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Nr. 25 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (Äenerai-Ailzeiger für Gberhefsen)

Donnerstag, 28. Januar 1926

Paneuropa.?

Von Dr. F. X. Schwab.

Die nachfolgenden Ausführungen werden im Augenblick um so größerem Interesse begegnen, als Graf E o u d c n h o v c - Kalergi nach seiner Propagandareise für den paneuropaischcn Gedanken in Amerika in Paris eingetroffcn ist. Es soll dort in den nächsten Tagen ein Komitee für diese Idee gegründet werden. D. Red.

Nicht ohne Verwunderung muß man feststellen, daß die Idee eines Paneuropa aus der Sphäre der literarischen und ideologischen Diskussion und Pro- paganda in den Bereich der nüchternen Erwägung durch Männer des praktischen Lebens überzugchcn beginnt. Soll man annchmcn, daß es dem Grasen Coudenhove-Kalergi im Laufe von etwa anderthalb Jahren gelungen ist, mit seiner Agitn tion maßgebende Männer der Wirtschaft und der Politik zu überzeugen, sie baut zu bringen, daß sie einen anfangs als Utopie erscheinenden Plan nun­mehr mit ihren Machtmitteln unterstüßen? Oder hat er nur ausgesprochen, was alle bereits dachten?

Keines von beiden dürfte in Wahrheit der Fall sein. Denn während Coudenhove von politischen Gesichtspunkten ausging und aus ein politisches $iel losstcuern möchte, handelt es sich bei den Ueberlegungen, die gegenwärtig in führenden deut­schen Wirtschoftskreisen angestellt werden und ge­legentlich auch einen zunächst noch unverbindlichen Ausdruck in der Presse finden, um wirtschaft' liche Erwägungen und wirtschaftliche Ziele, die allerdings nicht ohne eine gewisse Mitwirkung der politischen Faktoren realisiert werden können. Kurz gesagt: Für die ideologischen Propagandisten der Paneuropaidee handelt es sich letzten Endes um einen staatlichen Zusammenschluß der europäischen Staaten in einen Bund oder derglei­chen, während die Männer der Praxis an eine Niederlegung d e r Zollschranken zwi schon den europäischen Wirtschaften und, wenn sie sehr weit gehen, an eine gemeinsame Wäh­rungspolitik denken.

Man sage nicht, daß das doch auf dasselbe, wenigstens im Lauf der weiteren Entwicklung, hin­auskommen werde: die Geschichte des Deutschen Zoll­vereins als Vorstufe zum Deutschen Reich bietet gewiß manche Analogien, doch hat stch die Vorstel­lung, daß es in der Geschichte Wiederholungen, wenn auch auf höherer Stufenleiter, gebe, schon zu ost als Irrtum herausgestellt. Und eine nähere Prüfung des Gedankens einer europäischen Zoll­union erweist denn auch, daß einmal ihr Zustande­kommen und ihr Umfang sehr problematisch ist, sodann aber auch, daß selbst im positivsten Falle ihre Weiterentwicklung zu einer Staatenunion mit fragwürdigen Elementen geradezu überlastet isl. Don der Frage der Wünschbarkeit sei dabei vor­läufig überhauvt abgesehen.

ft'onfret gesprochen, sind für beide Formen des Paneuropa-Gedankens, die wirtschaftliche wie die politische, zwei geopolitische Fragen von entschei­dender Bedeutung, über die denn auch schon viel gestritten worden ist: 1. Soll England zu Pan- europa gehören? 2. Soll Rußland zu Paneuropa gehören? Aus ihnen resultiert als dritte Frage: Was ist ein Paneuropa ohne England, was ohne Rußland? Für die politische Betrachtung ergibt sich aus diesen Fragen ein weites, allzu­weites Feld spekulativer Ueberlegungen: ein ein­facheres Bild ergeben sie, wenn man sie auf das Gebiet der Wirtschaft beschränkt.

Da ist zu sagen, daß der Gedanke eines Pan- europa mit Einschluß Englands, und ebenso mit Einschluß Rußlands ein Widerspruch in sich selbst ist. England wie Rußland sind in ihren wirtschaftlichen Interessen mindestens zu drei Vier­teilen asiatische Staaten, dazu Staaten, deren wirtschastliche und politische Interessen einander aufs schärfste entgegengesetzt find, so daß ein Zu­sammenschluß mit beiden durch den in Wahr­heit nicht ein Paneuropa, sondern ein ungeheures Weltreich entstände als vollkommen utopisch an­gesehen werden muß.

Richt besser steht es mit dem Gedanken einer europäischen Zollunion mit Einschluß eines ein­zelnen von diesen beiden rivalisierenden Im­perien. Auch so entsteht auf alle Fälle das Bild eines Bundes, dessen Lebenskraft zu einem erheb­lichen, ja überwiegenden Teil außerhalb Eu­ropas liegt, und der sich auf Gedeih und Verderb mit einem Partner belastet, dessen weltpolitische Ziele, Schwächen und Konflikte das Ganze binnen kurzem lähmen ober sprengen müßten. Außer dem würde jeder Schritt, ja jede Propaganda auf dem Weg 511 diesem Ziel eine Stellungnahme in dem latenten Konflikt EnglandRußland bedeuten, die Deutschland in seiner jetzigen Situation nach Kräften vermeiden müßte. Gar nicht zu sprechen übrigens von dem utovistischen Eharäkler des Ge- dankens, eine dieser beiden Mächte für eine solche europäische Union überhaupt gewinnen zu können.

Bleibt also die Frage nach der Lebensfähigkeit eines auf das eigentliche Europa beschränkten Wirts chastsbündnisses, Die Möglichkeit des Zustandekommens einmal vorausgesetzt. Es mühte mindestens umsassen: Deutschland, Frank- reich, Holland, Belgien, die österreichischen Rach- folgeftonten, die Schweiz, Italien, Spanien. Mit anderen Worten, ein Gebiet, dessen wirtschaftliches Rückgrat die Industrie mit einem belgisch scan zösisch rheinischen und einem schlesisch-böhmischen Zentrum wäre, dem sich als drittes noch Oberitalien anschließt. Ein Gebiet also, für das eine in ihm selbst liegende landwirtschaftliche Ernäh- rungvbasis von genügender Breite, bei heu­tigen Prvduktions- und Eigentumsverhältnissen in der Landwirtschaft, nicht gegeben wäre. Ein Gebiet ferner, das mindestens für Baumwolle, Wolle, Kupfer, Gummi, Mineralöle um nur das Wichtigste zu nennen durchaus auf Zufuhr von außerhalb angewiesen wäre. Ganz ab­gesehen von den staatssinanziellen Verpflichtungen, die die größten unb wichtigsten Staaten dieses Ge­bietes, Deullchland, Frankreich, Italien, gegenüber dem Ausland haben unb (nach der unvermeidlichen sranzöfischen Stabilisierung und Schuldenregelung) haben werden, wäre das Gesamtgebiet schon für die Ernährung seiner Bevölkerung unb für die Be­schaffung von Rohstoffen auf Die Bezahlung durch Exporxe angewiesen.

' Das aber heißt, daß die europäische Zollunion nur als lebensfähig gedacht werden kann, wenn sie als Gesamtkörper sich die Eroberung über seeischer Märkte in Asien, Südamerika, Afrika zum Ziel macht, ober etwa sich dem Wie­de r a u f b 0 u der russischen Wirtschaft widmet, ober vielmehr alle diese Richtungen wirb schaftlicher Aktivität kombiniert. Zugegeben, daß auf diese Weise Erfolge erzielt werden können, wenn nämlich die miteinander tonhirricrcnbcn Industrien dieses europäischen Wirtschaftskörpers sich über gememsames Vorgehen, über eine ratio­nelle Konzentration ihrer Betriebe unb ihrer Ab­satzorganisationen einigen. Aber je mehr man auf solchem Wege Erfolge erzielt, desto mehr wird man aus den entschlossenen Widerstand der älteren und in sich schon einheitlicheren Wirtschastsmächte, des britischen Empire unb der Vereinigten Staaten, unb der jungen Industrien in Uebersee, in Indien, China, Japan, Südamerika stoßen.

Es wird heute vielfach so argumentiert: Arne r i k a wünscht sein Geld in Europa onzulegen, um sich von dem Druck ungenützter Goldinilliarden zu entlasten. Aber Amerika kann unb will sich in die kleinen innereuropäischen Streitigkeiten nicht hin eindenken. Unb es verlangt stabile, vertrauenswür­dige Zustände, in die es seine Dollars hineingeben kann, ohne sich um seine Nachtruhe Sorgen zu machen. Eine europäische Wirtschafts oder min­destens Zollunion, überhauvt eine möglichst weil gehende Befriedung unb Zusammenfassung Euro­pas würde den Amerikanern den Partner zum ge­meinsamen Geschäft stellen, den er braucht und den er sich wünscht.

Solche Stimmen kommen auch aus Amerika selbst, und es wird schon etwas daran fein. Aber wahrscheinlich doch nur für den Augenblick, für die Konjunktur der nächsten paar Jahre, und im Einblick auf die Vermeidung weiterer europäischer Kriege. Hieran freilich ist Amerika auf lange hin­aus lebhaft interessiert: je mehr es durch Verträge, wie z. B. mit den deutschen Reedereien, dem Ver­trag der Ufa usw., sich am deutschen Wirtschafts­leben interessiert, je mehr es Geld in die Sanie­rung der französischen und neuerdings der polni­schen Valuta hineinsteckt, je mehr es schließlich in die Wirtschaft der Dalkanländer und Kleinasiens einbringt, desto mehr ist es auch baran interessiert, daß wenigstens in diesen fiänbern ber Triebe gewahrt bleibt. Ganz anbers aber, wenn die europäischen Wirtschaftsgebiete sich aus eigener Kraft zu einem Ganzen zusammenschließen unb mit der Aktivität, die das gemeinsame Lebensinter- esse gebietet, unb mit der gesammelten Energie, die aus der Zusammenfassung resultieren würbe, sich auf ble gleichen Märkte werfen würden, deren eigenste Beherrschung sich zu gleicher Zeit immer mehr als das Lebensbedürfnis Amerikas heraus- stellen wird. ,

Das Argument Amerika wird sich also auf die Darier unvermeidlich als das Herausstellen, was es ist: als eine verfehlte Spekulation einmal auf amerikanische Augenblicksstimmungen, sodann auf die pro-amerikanische Stimmung, die augen­blicklich in Deutschland herrscht. Viel weniger noch als die Vereinigten Staaten wirb aber England einen solchen europäischen Wirtschaftszusammen- schluß auf die Dauer begrüßen, es sei denn, daß ferne Industrie dabei weitgehend berücksichtigt wird, unb so eine Doppelstellung erhält, in ber sie bequem zwischen ben durch Präferenzzölle geschützten Do­minions unb ben kontinentaleuropäischen Märkten unb Interessen lavieren könnte.

Mit biesen kritischen Einwänden, deren Dar- l stellung durchaus feinen Anspruch aus Vollständig

keil erhebt, soll nun freilich nicht gesagt sein, daß die Propaganda für Beseitigung Der inner-euro­päischen Zollschranken nicht ihr Gutes hätte. Rur wäre es wahrscheinlich besser, wenn man sich ent­schließen könnte, offen zu sprechen unb mit aller Klarheit auf bie konkrete Frage hinzuweisen, näm­lich aus die Möglichkeit eines engeren deutsch französischen Wirtschasts- b ü n d n i s s e s , bas das Rückgrat jedes europäisch- kontinentalen Zusannnenschlusses wäre. Akut im strengen Sinne des Wortes ist diese Frage aller­dings noch nicht; sie wirb es erst werden, wenn in Frankrei chbie Stabilisierung der Währung be­gonnen und sich soweit uuegewirrt haben wirb, daß auch dort em materiell begründetes Bedürfnis nach einer breiteren unb gesicherteren Basis hat entstehen können.

Sieht man von allen politischen unb psycho logischen Hemmungen ab, so ist ja tatsächlich nicht zu leugnen, baß etwa unter dem Gesichtspunkte des wirtschaftlich rechnenden Ingenieurs betrach- tet eine enge Zusammenarbeit der deutschen mit der französischen Produktion für beide Volkswirt- slhaften ungeheure Ersparnisse bringen könnte. Ebenso fidjer ist aber auch, daß ein solcher Zusam­menschluß eine starke werbende Kraft aus die klei­neren Wirtschaften des balkanisierten Europa aus- üben unb, wenn nötig, ihnen gegenüber auch sehr wirksame Druckmittel zugunsten einer Verstäub!- gung einsetzen tonnte. Unb (0 mag immerhin biefer ganz konkrete Gebernke fd)on jetzt, zur pjychologi- schen Vorbereitung für bie erst noch bevorstehende Situation, mit Nutzen propagiert werden.

Inzwischen allerdings schreitet die gegenseitige internationale Durchdringung der einzelnen Volkswirtschaften im Welt­maßstab vorwärts. Der Zuslrom amerikanischen Kapitals nackt Europa und gerade and) speziell nach Deutschland scheint vorläufig nod) nicht aufzuhören, obwohl nidjts existiert, was einem Paneuropa and) nur ähnlich sieht. Internationale Normungen, inter­nationale Schiedsgerichtsverträge, internationale Kartelle entstehen. Die Internationale Handels- kammer, feit kurzem mit einer deutschen Gruppe als Mitglied, wird ihre Arbeit fortsetzen unb aus­bauen, ber Völkerbund wirb eine Weltwirtschasts-- lonferenz vorbereiten und abhalten. Man mag dies alles mit vielen Gründen recht skeptisch betraten, aber cs ist eine Entwicklung, die sich durchsetzt, unb in der es für Deutschland nur gilt, seinen Platz zu behaupten und seine Interessen zu wah° r e n. Jedenfalls aber sind hier Fakten unb nicht nur eine Propaganda, Fakten, die zunächst eine raschere Entwicklung aufweisen als Pancurooa, unb die darum den Gedanken nahelegen, daß Der propagierte europäische Zusammenschluß vermut- tid), wenn überhaupt, dann nur im Rahmen dieser weltwirtschaftlichen Verständigungsversuche reali­sierbar fein wird.

Unb bas ist gut so. Denn aus diese Weise wirb die Wirkungsmöglichkeit ber politischen Ideologen eingeschränkt, die hier, wie immer, über ble Reali­täten elegant Hinweggleiten unb beispielshalber kühn auf dieBereinigten Staaten von (Europa" direkt losgehen wollen. Wenn das Beispiel ber deut- K Einigung hiersür eins lehrt, so ist es das, bar

Ziele in dieser schlechtesten aller Welten ni.11 einmal nicht ohne Krieg zu erreichen fhr, unb wenn gerade zahlreiche Pazifisten sic'i ben Schkadstruf Paneuropa zu eigen gemacht hab-»n, so beweisen sie damit nichts anderes als ihre po.iilKc Unbildung. Nun, es wirb wohl kein Volk so ba(D Lust Haden, um Paneurropa Krieg zu führen. Die Propaganda für eine wirtschaftliche Verständigung ber wichtigsten kontinentalen Länder aber würbe vermutlich besser unter einer anderen Parole ge­führt werden als unter dem sehr mißverständlichen Schlagwort Paneuropa.

Kundgebung des Akademischen Turnbundes A. T. B.

QU an sehre bl uns: Zu Weimar tagte der A. T.B. (Akabemischer T irnbund), der Verband nichtsarbentragerber akademischer Tnrnverbin- dunge i, der 4t Korporationen an den Hochschulen Deut'ch'andZ und Deutsch-Oesterreichs aufweist, unb ?war hielt der A t°Hereenbund zuerst im ..Kolouielhcim" e n? Vertre erversammlung ab, die aus allen Teilen Deutschlands und Oesterreich- stark beschickt war. Die Thüringische Staatsre- gierurg vertrat au d m Feftkomme s Ct'cr'Srat Dr. H e r s u r t h, die Qta' t Weimar Ober'iürger- nielfter Dr. Mueller. Für die vaterländischen Verbände und Vereine toi een erschienen Gene- rallk von Wurmb und Generalmajor von Kessinger, der letzte Verteidiger von Kiaut- schon. Auch bie Deutsche Turnerschast und die Sportverbände nahmen als Gaste teil. Man­ches g te deutsche Wort wurde auf dem Kom­mers gesprochen. Doll Qlncrlennur.g wurde her- vorgehoben wie gerade die Thüringische Re­gierung sich start für die Pflege der Leibes­übungen einsehe. An der Landesunivers^ität

Jena sei Pflege der Leibesübungen bc.n Stu­denten zur P,licht gemacht worden Für Zu­lassung zu einem Gramen sei der schriftliche Vach- weis erforderlich, daß der Kandidat Leibes­übungen betrieben habe. W gen Verdienste in dieser Hinsicht habe die Thüringische Staats­regierung kürzlich der QILibemUdien Turnver­bindungG 0 t h a n i a - I e n a" die Staats­medaille verliehen. Staatsri. t Dr. Her - f u 111) unleZt ich in seinen von hoher nationale: Begeisterung getragenen Ausführungen, wie die Landesregierung bewußt auf Fi rderun z ber Lei­be Übungen hinarbeite, wie ftc d r n d e Gru b läge für den nationalen Wiederaufbau unseres deutschen Vaterlandes und Volkes sehe.

Oberhesfen.

LMtokrcts ^testen.

X Klein-Linden, 27. Jan. Der überaus starke Kraftfahrzeug- unb 5 u b r - Werksverkehr in unserem Orte bringt nicht selten ble Straßenpassanten in große Gefahr. An der gefährlichsten Stelle, der Abzweigung ber Wetzlarer von ber Franlsurter Straße, ist bei der |d>arfcn Kurve ein Ausweichen vor schnell fahrenden Kraftwagen vfl kaum möglich. Eine Polizeiverordnung, die eine Crinähtgung der Fahrgeschwindigkeit beim D urch- fahren d e r W e tz I g r e r S t r ,, c; > .; cibt, erscheint dringend nötig, ehe Unglüd.'f i'.l' c li­ttet en. - Am Samstagabend hielt b.v b e,r.e Kriegerverein im Saale ber Wirt sch i t ... Burg" seinen bieSjähr gen Fnmilienabend ab. D. r 1. Vorsitzende, Herr Schimmel, hielt die Be­grüßungsansprache. Als Gast nahm der Bezirks- vorsteh-r derHassia", Pros. Krämer aus Gießen, an der Feier teil. Konzertstücke und Vor- träge ernsten und heiteren Inhalts, sowie ber gemeinsame Gesang vaterländischer Lieder berei­teten den Anwesenden einige genußreiche Stun­den. Eine besondere Ehrung wurde bei dieser Gelegenheit mehreren Vereinsmitgliedern zuteil: es erhielten Polizeidiener 3 u n g und Gemeinde-' rechnet Germer süt 40jährige Mltgliedschast und Tätigkeit in derHassia" Ehrendiplome, die Herren L. Vlehmann. Phil. Weigel und Phil. Langsdorf Auszeichnungen für 25jäh- rige Mitgliedschaft. Mit Worten der Anerken­nung erfolgte die Ucbcrgnbe der Auszeichnungen durch den Vezirksvorstoher K r ä m e r. Dieser h eil anschließend noch einen sehr beifällig auf genom­menen Vortrag. Besonders erwähnenswert ist. daß in dem Programm kein'Tanz aufgenom­men war, da er in dieser schweren Zeit als über­flüssig angesehen wurde.

* Lollar, 27. Jan. Am Sonntag hielt ber Veteranen unb K >ieger v er e i n L 0 l - lärm seinen» Vereinslokal seine diesjährige G e n e r a l v c r f n n» m 111 n g ab, in ber ber alte Vor- stanb, bis aus einen Wechsel, wiederaewählt wurde. Die Kameraden Heinrich Fuchs HL, Christoph Fuchs, Friedrich Schön II. und Iohs. Simon wurden anläßlich ihrer ölljährlgen Zugehörigkeit zum Verein durch die Generalversammlung zu Ehren­

mitgliedern erhonnt.

Vg. Gr 0 hen - Vuseck. 27. Ian. In der ' gestrigen össentlichen Sitzung beschästiate sich der Gemeinderat mit der Frage, welcher Daum für den ab Oftcrn d. I. stattsindenden Haus­wirt s ch a s t s ku r f e s ber Mädchens 0 r t- bildungs schule ber geeignetste sei. Vach- dem man den anwesenden Rektor ber Schule ge­hört hatte, einigte man sich rasch auf ben zur Zeit freistehenden Schulsaal an ber Oberpforte, wo auch bie öffentlichen Sitzungen bes (Semembe- raieS ftattfinbem Die Mittel für Anschaffungen ivaren bereits in einer früheren Sitzung bewil­ligt worben. An bcin Llnterricht werben sich auch noch bie Mädchen verschiedener benachbarter Orte beteiligen. Ein Teil der Kosten wirb von biesen getragen werben. Auch bas Kriegerbenk- m a l stanb wieder einmal aus ber Tagesordnung. Eg sollen erneut Pläne eingereicht werben.

.. Aus dem Cun» bat al, 27. 3a.-. Erst jetzt läßt sich ein Ueberblick gewinnen über den Schaden an der Wintersaat während der trockenen Kälteperiode etwa von Ansang bis Mitte 3amiar. Damals trat nach der unnatürlichen warmen Witterung plötzlich starker Frost ein. ohne daß die Fluren durch eine Schneedecke geschützt waren. Diese Tage erMien ben Landwirt mit größter Besorgnis. Obwohl die Winterfrucht damals einen selten schöne»» Stand zeigte, muß er nun zu seinem Leidwesen sest stellen, nachdem der Boden »nieder so weit aufgetaut ist, daß die junge Scrat sehr gelitten hat. Don besonders großem Schaden

kann man in vereinzelten Gemarkungsteileu spreche»», wo das Hochwasser der Lumda auch auf die Ackerfluren übergegriffen hat. Auf den Feldern, von denen das Wasser keinen Abfuß finde»» konnte, dürfte bas gesamte Wtnter- g e t r e i d e ausgewlnler t sein.

Gießener Stadttheater.

Buchbinder und Jarno: Die Försterei,riftcl".

Die Operette von derFörsterchristel" ist nun schon 18 3ahre alt. Das Libretto des Duda- pesters Bernhard Buchbinder erschien in» Jahre 1908 unb ist wohl das Einzige aus seiner sehr umsänglichen, dramatischen Probukt»on ab­gesehen vielleicht vomaHufifantenmäbelwas Krieg und Vachkriegszeit rüstig überdauert hat, und was auch noch manches Jahr cm immer wieder gern gespieltes Repertoirestück bleiben wird. 3edensalls ist es kaum Zufall, daß man s»ch jetzt, in den Tagen derHeimlichen Brautfahrt und der berühmten Dessauerin Anneliese (bie es inzwischen schon zu einemzweiten Teil" gebracht hat) auf das Rolokojahrhunbert besinnt, »veil man erkannte, einen wie binkbaren Rahmen es abgibt, gerabc für das leichte heitere Spiel mit oder ohne Mufik. Lind bie Musik von Georg 3a;no ist nur geeignet, solche Ginbrücke einer von tragischen Erschütterungen unbeschwerten Gabe zu verdichten. Gerade vielleicht, weil sie nichtneu" ist, nicht modern um jeden Preis, weil sie auf die exzentrischen Argumentationen der Jazzband verzichtet (ebenso wie bas Buch noch nichts ahnt von Revueefsekten, von Girls, von großaufgemachten Tanzeinlagen und ebenso prunwollen, wie durchsichtigen To letten). Weil sie zum guten, alten, wohl unsterblichen Wiener Walzer zurückgreift, ber so oft totgefagt würbe unb so oft seine fröhliche Auferstehung gefeiert Hat. unb ber in ber stellenweise fast breit, stets

aber gefällig, melobisch unb sauber instrumen­tierten Partitur die charakteristische Grundlage bildet, die musikalische Lösung gewlsser- maher» aus jeder dramatisch ober lyrisch gesteigerten Situation. Der weiche, öster­reichische Klangcharakter der Musil ist ebenso ausgeprägt und finnfällig,, wie der weiche (und manchmal leidc-r auch arg fentimcnta(e) G undton des Librettos. B'ibe übrigen^ haben ihre stärksten Wirkungen in kurzen Partien des weitaus besten Mittelaltes, too man ein paar Mal wirklich so etwas vorn Hauch des unvergänglichen, graziös- amouröien Jahrhunderts wir befinden u»is anno dornini 1764. ein 3c»hr nach dem Hubertus­burger Frieden in der Szene verspürt. Hier eben empfindet man auch bie nicht allzu ergiebige Handlung am einbringlichsten aus ihre Llmwelt unb Zeitgebundenheit hin betont unb heraus- modelliert zu gewissen Höhepunkten, soweit man im Rahmen einer Operettenhanblung bavon spre­ch cm kann. . . Ist es notig, auf die alte Geschichte näher einzugehen, die merkwürdigen Einzel­heiten eines fürstlichen Abenteuers, des kurzen Walzertramns und Wiener Hofglücks der Fvrster- christel zu erzählen? Die bittersüße Liebesgeschichte ist bekannt genug: sie fbinnt sich an im Wiener OEatb, wo ber gute Kaiser Josef, in ber schlichten Verkleidung eines einfachen Jägersmannes, wie weiland der große Kalif Harun al Raschid von Bagdad, dem naturwüchsigen Kind aus dem Volke zum erstenmal begegnet. Ein seiner altöster­reichischer Zug habsburgischer Leutsel»gke»t (kaum näher zu beschreiben) umspielt das Abenteuer in der Hosszene des zweiten Alles, der die sorgfältig vorbereitete, theatralisch geschickt inszemerts Demaskierung bringt und wirksam aus­

nutzt. Dieses (leider nur kurze) in halb­

lauten und stummen Szenen beschlossene Duett gehört unserem Gefühl nach zum besten Ver­dienst der Operette. Ist wertvoller jedenfalls, als der Zigeunermummenfchanz, das rahmende Beiwerk unb bie etwas gewaltsam intonierte Geschichte vom' ungarischen Deserteur, ber be­gnadigt wirb unb am Ende boch bie Förster­christel (die nicht reckt aus unb ein weiß mit ihrem Gefühl) zur Frau bekommt. Unb wertvoller vor allem, als der kurze Schlußakt, der Llnv^mekd- liches bringt, bas gulbürgerliche Enbe des Kalser- traumd unb der es muß heraus in einer tränenseligen Sentimentalität erstickt unb ver­wässert. Wie ein hakbunterbrückter Schluchzer ausAlt-Heidelberg" klingt der »ufammengerahte Abschied des Kaisers Josef, ber sich los reißt und hinausläust wie ber Karl-Heinz von seiner Käthi.... Paul Westermeyer hatte die Spielleitung: eine Arbeit, an ble ohne Zweifel Fleiß unb Mühe gewendet war: eine Reihe hübscher und stimmungsvoller Momente, befon- bers im Mittelakt. Gerade wo es am leisesten unb gedämpftesten zuging. Verschiedene forciert luftige ober situationslomifch gemeinte -"Uancen hätten einige Milderung und einigen Schliff wohl vertragen (Vebenbei: bie österreichischen Gardisten sahen ziemlich preußifch aus, wie Pots­damer Grenadiere . .) Musitalisch war die Neu­einstudierung unter Kapellmeister Ress (bis auf ein paar unbedeutende Einzelheiten) sauber unb wohlbiszipliniert, bei flott genommenem Tempo: auch Chöre unb Tänze fügten sich korrekt ins Ensemble ... Die Försterchristel hatte Else Simons: blond und rosig anzusckauen, resolut, handfest und mundfertig, ber bäuer­

liche Rokokotyp Des süßen Mädels, mit einem gesunden und unverbildeten Dpiel- temperament: gesanglich am herzlichsten und eindringlichsten im Moderato. (Gin paar unge­bändigte Uebertreibungen und konventionelle Zu­geständnisse in benbrastischen" Momenten ber Rolle werden sich zwanglos abschleifen.) Ka ser Josef war Julius De Wald (a. G. aus Frank­furt): anfangs ein wenig verhalten und farblos. Feiii unb gütig aber in ben mittleren Szenen, wo er fast mehr aus der Rolle zu holen schien, als sie hergibt. Sehr gut auch die Maske. Freilich bie ausbrechenben Sentiments zum Schluß ver­mochte er auch nicht zu überfpirldii (Dirgletchen ist darstellerisch überhaupt nur mit Takt und Reserve zu mildern.) Den heißblütigen, tschardas- beschwingten Földessy, ber zuletzt die gute Partie macht, die er gar nicht verdient, brachte 0 t e i n » brecher vor allem gesanglich sehr srisch. Friedel Gierfl a stellte eine rassige Zigeunern; sie Der- sägt über einen Hellen, schlanken Sopran und eine geschmeidige, bühnenmäßige F gur. Gut in Geste und Haltung der Obe-rslhosmeister (Karl Patschiy a.G.), aber sprachlich ost zu marnr ert. Auch W e st e r m e Y e r als Peter Walperl tolrftc in ben Mitteln seiner Pointen ein wenig billig. Den Gesangspart stimmte er stark auf den volks­tümlichen Wiener Couplctton. Zwei routinierte hösische Damenchargen boten Anita Franz (a. G ) unb Marie P a l i k. Staudenmeyer end- lick (Franksurter Opernhaus) brachte betulich und mit väterlicher Würde ben Förster Hans Lange aus bie Beine. Das Haus war vorzüglich be­seht und sparte nicht mit Beisall. Dr. Th.