ben SriebenSnrf „An alle" die Frage gestellt, toami denn Wohl die deutsche Regierung geneigt sein würde, einen Friedensschritt mitzumachen. Auf eine diesbezügliche Anfrage der Reichsregierung äußerte sich der Feldmarschall wie folgt:
„Einer Absendung der beabsichtigten Rote Oesterreich-Llngarns kann ich nicht zuslimmen. Ich halte diesen Schritt für unsere Heere und für unsere Völler für verderblich. Dagegen könnte ich mich mit einer Vermittlung einer neutralen Macht zur Herbeiführung einer Aussprache ohne Aufschub einverstanden erllären. v. Hindenburg."
Also die Oberste Heeresleitung war innerlich schon so weit gekommen, dah sie sich mit der Anrufung einer neutralen Vermittlung „ohne Aufschub" einverstanden erllärte!
Run wurde die österreichisch-ungarische Rote dennoch veröffentlicht, und sie erschien ani 15. September in den Berliner Blättern. Der Eindruck war ungeheuer, denn es war noch nicht bekannt, dah die Lage so ernsthaft geworden war. Obwohl es ein Sonntag war, traten die Parteiführer aus dem Reichstage sofort zusammen und verlangten Aufklärung. Es fand eine Sitzung statt unter dem Vorsitz des Reichskanzlers, in der Oberst v. Winterfeldt über die militärische Lage berichtete. Keineswegs aber wurde zugegeben, dah die Lage aussichtslos sei, sondern im Gegenteil wurde alles aufgeboten, die Parteiführer zu beruhigen. Das zum Erfolge führende Mittel bestand schließlich darin, dah man die Einberufung des Hauptausschusses zusagte, wo weitere Erklärungen abgegeben werden sollten.
Die Sitzung des Hauptausschusses sand statt am 24. September. Graf Hertlingt wollte in einer groß angelegten Rede die ganze Lage llarstellen, fand sich aber enttäuscht, als die Abgeordneten auf die äuhere Politik kaum eingingen. sondern sofort die innere Polittk in Angriff nahmen und hier stark gegen ihn vorgingen. Die Aufklärung über die militärische Lage in dieser Sitzung war ziemlich belanglos.
Am 27. September muhte der Staatssekretär v. Hintze in der Sitzung des Hauptausschusses die Mitteilung vom Zusammenbruch Bulgariens machen. Er versuchte dabei, noch einen gewissen Strahl von Hoffnung aufrechtzuerhalten. Meder für Deutschland noch für Bulgarien sei der Krieg schon endgüllig verloren: selbst die militärische Lage in Bulgarien könne durch Entsendung deutscher und österreichisch-ungarischer Verstärkungen wiederhergestellt werden. Man wisse auch nicht, ob der bulgarische Ministerpräsident Malinost überhaupt die Sobranje hinter sich habe. Diese Trostversuchr machten natürlich wenig Eindruck und der Ausschuh stand unter dem lähmenden Gefühl der Hnglücksbottchaft, die aber nur der Vorläufer war zu der schlimmsten Botschaft, die 7n>ch kam.
Am 29. September verlangte die Oberste Heeresleitung plötzlich die sofortige Herausgabe eines Waffen still st andsange- b o t e s, und zwar binnen 24 Stunden. Als Degrüichung wurde angegeben, die Lage an dec Front sei so, dah jeden Augenblick eine Katastrophe eintreten könne: noch halte die Front, aber es sei nicht die geringste Gewähr für die Dauer des Haltens gegeben. Heber diese ganzen Ereignisse und ihre Wirkungen werden am besten die eigenen Worte der mahgebenden Personen zu- fcmnnengestellt. General Ludendorff schreibt:
„Am 28. September, 6 Hhr nachmittags, ging ich zum Generalfeldmarschall in dessen Zimmer, das eine Treppe tiefer lag. Ich legte ihm meine. ©eZKmfen über ein Friedens- undWaf- fen still st andsangebot vor. Die Lage - könne sich durch die Verhältnisse auf dem Vatikan nur noch verschlechtern, auch wenn wir uns ' an der Westfront hielten. Wir hätten jetzt die eite Aufgabe, ohne Verzug llar und bestimmt zu handeln. Der Generalfeldmarschall horte mich bewegt an. Er antwortete, er habe mir am Abend das gleiche sagen wollen, auch hätte er sich die Lage dauernd durch den 'Kopf gehen lassen und hielte den Schritt für notwendig. Einig waren wir uns auch darüber, dah die Bedingungen des Waffenstlllftandes eine geregelte unb ordnungsmäßige Räumung des besetzten Gebietes und eine Wiederaufnahme der Feindseligkeiten an den Grenzen unseres Landes zulassen mühten. Erstere war ein ungeheures militärisches Zugeständnis. An ein Aufgeben des Ostens dachten wir nicht. Ich glaubte, die Entente würde die Gefahr er
kannt haben, die vom Bolschewismus auch ihr drohte."
Am folgenden Tage, dem 29. September, erschien Graf H erkling im Großen Hauptquartier um) wurde von dem \ drt anwesenden Staatssekretär v. Hintze insormtert. Sein Sohn schreibt darüber:
(Mein Vater) „kam mit sehr ernstem Ausdruck zu mir ins Zimmer und sagte: Das ist ja ganz furchtbar, die Oberste Heeresleitung verlangt. dah sobald als irgendmöglich ein Friedensangebot bei der Entente gemacht wird. Hintze hat mit seinem Pessimismus recht behalten."
Richt minder überwälttgt von der plötzlichen Wendung war auch der K a i s e r . der am selben Tage in Spa eintraf. Sein militärischer Begleiter, Major Riemann, der ihm täglich über die Lage vorzutragen hatte, schreibt:
„Im Begriff, mich in der Operationsabtei- lung zu orrientteren, traf ich gegen 9 Hfjr früh auf der Treppe im Hotel Britan- nique General von Bartenwerffer. „Der Würfel ist gefallen, wir werden unseren Feinden Waffen st ill st and und Frieden anbieten." — „Waffenstillstand?" Ich glaubte mich verhört zu haben. — „Ja, Waffenstillstand! Hnsere Lage verträgt kein längeres Hinhalten. Der Feldmarschall und General Ludendorff sind unabhängig voneinander zur Heberzeugung gekommen, dah keine Stunde mehr verloren werden darf." — Der General eilte hinweg: er war zum Ersten Generalquartiermeister beschieden."
In Berlin machte die Rachricht ebenfalls den gewaltigsten Eindruck.
Der Vizekanzler v. Payer schreibt:
„Dagegen wirkte das Waffenstillstandsverlangen der Obersten Heeresleitung als eine He berraschung entsetzlichster Art. Riemand konnte sich der Befürchtung entschlagen, ^daß diese militärische Dankerotterklärung jeder etwa noch vorhandenen Friedensbereitschaft unserer Gegner den Garaus machen müsse, ja dah wir uns damit schon in nicht mehr gutzumachender Art in die Hand unserer Gegner geben."
Der Abgeordnete Erzberger schreibt:
„Diese Mitteilungen (des Auswärtigen Amtes) machten einen geradezu niederschmetternden Eindruck. Trotzdem die Parteiführer verpflichtet wurden, zunächst in den Fraktionen nichts mitzuteilen, sickerten doch die schlimmsten Gerüchte durch."
Der Abgeordnete Stresemann sagte:
„Wir alle sind seit dem Tage des bulgarischen Zusammenbruches jäh und plötzlich über den Ernst der Situation unterrichtet worden."
Der Abgeordnete Scheidemann schreibt über einen großen Eindruck der Rachricht nichts. Offenbar hatte man in diesem Lager schon längst erkannt, wie die Dinge lagen.
Die Konservative Partei erhielt ger nentere Rachrichten dadurch, dah der aus dem Großen Hauptquartier kommende Major Frhr. v. d e m B u s s ch e am 30. September den Abgeordneten Rösicke, Graf Carmer und Dr. Hahn einen Dortrag über die militärische Lage hielt. Der Eindruck war hier geradezu katastrophal. Es ist allerdings später bestritten worden, daß Herr v. Hehdebrand fassungslos durch die Korridore des Reichstags geirrt sei mit den Worten: „Wir sind belogenund betrogen worden." Daß aber gerade Herr v. Hehdebrand aufs tiefste berührt sein mußte, ergibt sich aus einer Aufzeichnung des Kronprinzen Wilhelm:
„Mit Herrn v. Hehdebrand hatte ich im Juli 1918 ein Gespräch über die Lage und die Kriegsziele, und ich war dabei betroffen, über den Optimismus, mit dem er auch zu diesem Zeitpunkte noch in die Zukunft blickte. Er war geradezu erschüttert, als ich ihm die nackte Wahrheit enthüllte, als ich ihm sagte, daß wir schon seit langer Zeit an der Westfront einen Verzweiflungskampf mit ermüdeten, erschöpften Truppen gegen eine riesige Hebermacht führten. Als ich ihm dann genaue Zahlen als Hnterlagen für meine Ausführungen nannte, ihm unsere bitter traurige Ersahlage darlegte, schien er die nackte Wirklichkeit, wie sie sich da vor ihm auftat, kaum fassen zu können. Mein Chef hat ihm im Anschluß an meine Aufklärung die Angaben bestätigt und noch weiter ergänzt. — Herr v. Hehdebrand sagte mir darauf, nach dem, was er jetzt erfahren habe, müsse et bekennen. dah er bisher eine völlig falsche Auffassung von unserer Lage gehabt
habe: man habe ihn und feine Partei in Berlin völlig unrichtig orientiert.“
Am 2. Oktober hielt Major v. dem Dussche denselben wörtlich ausgearbeiteten Vortrag, den er am 30. September vor den konservativen Abgeordneten gehalten hatte, vor Vertretern aller Parteien, den Abgeordneten Gras Westarp, Fthrn. v. Gamp, Stresemann. Gröber. Seyda. Fischbeck, Ebert, Haase. Hier wurde dem gesamten Reichstage die glatte Wahrheit übermittelt. Der Eindruck war auch hier natürlich überwältigend. Durch den polnischen Abgeordneten wurde der Inhalt des Vortrages über Stockholm sofort der Entente übermittelt; ob er hier aber etwas wesentlich Reues brachte, bleibe dahingestellt.
Der Vollständigkeit halber muh hier auch erwähnt werden, was General Luden dorff übet die Wirkung dieses Vortrages schreibt:
„Ich war von der Wirkung des Vortrages des Majors Frhrn. v. dem Dussche so überrascht, daß ich ihn nach seiner Rückkehr nochmals befragte, ob er anderes gesagt habe, als wir besprochen hatten. Er gab mir die Riederschrift seiner Aeuherungen, an die er sich wörtlich ge* halten hatte. Diese Aufzeichnung liegt beim Schreiben dieser Zeilen vor mir. Ob die Art des Vortrags des Majors Frhrn. v. dem Dussche, der stets ernste Eindruck seiner Persönlichkeit die Wirkung feiner Worte auf die Zuhörer vertieft hat, weih ich nicht, es wäre menschlich er- llärlich. Auch Major Frhr. v. dem Dussche merkte den Abgeordneten die starke Rervener- schütterung an."
Das Heberraschende liegt .hier wohl nur darin, daß General Ludendorff es für möglich hält, man könne solche Mitteilungen entgegennehmen, ohne eine Rervenerschütterung merken zu lassen.
Amtsgericht Gießen.
* Gieße n. 21. Sept, Vor vierzehn Tagen wurde ein junges Mädchen wegen Deleidigung einer gegenüber wohnenden jungen Frau zu 2 Geldstrafen von je 40 Mark verurteilt. Heute waren die Rollen vertauscht, und die Frau war wegen mehrerer Beleidigungen des Mädchens verklagt. Das Gericht nahm in allen drei Fällen die Beleidigungen, die zweimal in herabsetzenden, verächtlichen Aeußerungen und einmal in dem Herausstrecken der Zunge bestanden für erwiesen an, konnte jedoch nur in den beiden ersten Fällen eine Verurteilung eintreten lassen, da in dem dritten Fall der Strafantrag zu spät gestellt worden war. Die Frau wurde deshalb mit Rücksicht darauf, daß die beleidigenden Aeußerungen nicht so schwerwiegend waren, zu zwei Geldstrafen von je 25 Mart verurteilt, während in dem dritten Falle das Verfahren eingestellt werden mußte. Die Kosten des Verfahrens wurden demgemäß zu 2/3 der Verurteilten unb zu 1/3 der Privatklägerin zur Last gelegt.
Gerichtssaal.
Die Unterschlagungen bei der Frankfurter Erwerbsbefchränktenzentrakc.
WEN. F r an ksurt a. SD?., 25. Sept. Das Schöffengericht beschäftigte sich in seiner heutigen Sitzung mit den Unterschlagungen b e i der Erwerbsbeschränktenzentrale, die in der Presse und im Frankfurter Stadtparlament bereits Gegenstand lebhafter Auseinandersetzungen waren. Der Angeklagte, der 43jährige Kaufmann Wilhelm Rein, gab an, seit 1922 in der Schreibstube der Erwerbsbeschränktenzentrale beschäftigt gewesen zu sein und dann 1924 eine An- Anstellung erhalten zu haben. Mit den Unter- flagungen begann r 1924, als er in der Lohnbuchhalterei beschäftigt war, wo die Löhne von 900 Erwerbsbeschränkten zu berechnen waren. Er ändert dort die Summen der Einzellisten, die er so auf die Sammelliste übertrug. Diese wurde zu der Stadthauptkasse geschickt, und der Bote lieferte das Geld an ihn ab. Rein zog das Zuviel ab und steckte cs in die eigne Tasche. Die Endsumme der Listen wurden nicht kontrolliert, doch hätte ein Nachaddieren sofort den Fehler aufgedeckt. Nach Abschluß der Listen verdeckte Rein seine Machenschaften durch Rasuren. Der Angeklagte gab an, von November 1924 bis 1926 ungefähr 1 5 0 0 0 Mark unterschlagen zu haben. Auch des Diebstahls machte er sich schuldig, da er aus einer Kaffe für Schulkinder- spei fung 150 Mark entnahm. Auch dort
wurde keine Revision vorgenommen. Rätselhaft war nur, wo der Angeklagte das Geld hinschaffte, da er und seine vielköpfige Familie in Ginnheim in bescheidenen Verhältnissen lebten. Das Gericht verurteilte den Angeklagten, der geständig war, wegen schwerer Urkundenfälschung mit Betrug und wegen Diebstahl zu lj Jahren Gefängnis unter Anrechnung vvn 2 Monaten Untersuchungshaft.
Amtsgericht Wetzlar.
ß Einem Arbeiter aus Friedberg war wegen Betrugs ein amtsrichterlicher Strafbefehl über zwei Monate Gefängnis zugegangen, wogegen er Einspruch einlegte. Der Sachverhalt ist folgender: Der Angeklagte soll angeblich mehrere Landwirte in Dornholzhausen durch Vorspiegelung falscher Tatsachen geschädigt haben, indem er angab, er sammele für die durch Überschwemmung Geschädigten. Das Gericht gelangte zur Verwerfung des Einspruchs, da der Angeklagte im Termin nicht erschienen mar.
Ein Arbeiter aus Naunheim war im Juni in Garbenheim anläßlich eines Festes mit mehreren Burschen in Konflikt gekommen, wobrller sich eines Gegenstandes zum Schlagen bedienke.^Deshalb, sowie wegen Verübung groben Unfugs waren ihm durch gerichtlichen Strafbefehl 3 0 Mark G eld - ft^rafe, Hilfsweise 6 Tage Haft, zudiktiert worden. Sein hiergegen eingelegter Einspruch hatte den Erfolg, daß er f r e i g e f p r 0 ch e n wurde.
Gegen einen Händler aus Wetzlar, der ohne die vorgeschriebene Erlaubnis den Handel mit Altmetall ausübte, war durch gerichtlichen Strafbefehl an Stelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von 14 Tagen auf 7 0 Mark Geldstrafe erkannt worden. Hiergegen erhob er Einspruch und erzielte F re i s p r u ch.
Vorbildliche Einrichtung zur Jugendpflege.
<> Riederklee n, 25. Sept. Die hiesigen Vereine (Turnverein, Kriegcrverein. Gesangverein, Radfahrerverein, sowie hie kirchlichen Manner-, Jünglings-, Frauen- und Jungfrauen- vereine) haben sich zusammengetan und den Entschluß gefaßt, ein Jugendheim zu bauen und in Verbindung damit einen Turn- und Spielplatz einzurichten. Dieser Schritt wird allseitig, besonders auch von feiten der Behörde, begrüßt, zumal in der hiesigen Gemeinde kein geeigneter Raum vorhanden ist. in dem Jugendpflege praktisch betrieben werden könnte. Das Jugendheim soll an der Provinzialftraßr Wetzlar—Butzbach in unmittelbarer Rähe des Forsthauses errichtet werden. Das Gelände, auf dem bereits jetzt provisorisch ein Turn- und Spielplatz eingerichtet ist, wurde von der Gemeinde in dankenswerter Weise kostenlos zur Versügung gestellt. Auch das erforderliche Bauholz will die Gemeinde aus ihren Waldungen unentgeltlich liefern. Die Erd- und Bauarbeiten sollen vvn Mitgliedern des Vereins unentgeltlich geleistet werden. Trotzdem verbleibt von den auf über 30 000 Mk. veranschlagten Baukosten noch ein erheblicher Teil ungedeckt, zu dem die Vereine vom Staate eine Beihilfe beantragt haben. Die restliche Summe wollen die Vereine durch Aufnahme einer Anleihe decken. Wie immer in derartigen Fällen, so erfordert auch hier die Durch- ftihruna eines solch großen Projektes große finanzielle Opfer von allen Beteiligten. Die Vereine und die Gemeinde sind nicht in der Lage, diese Opfer allein zu bringen, letztere um so weniger, als sie nur kurze Zeit den Bau einer Wasserleitung hinter sich hat, für den sie selbst große Summen Geldes hat aufbringen müssen. Es wäre daher im Interesse der Jugendpflege sehr erwünscht, wenn dem von den Vereinen gestellten Anträge auf Bewilligung einer namhaften staatlichen Beihilfe stattgegeben würde.
Rundfunk-Programm
des Frankfurter Senders.
(Aus der „Radio-Arnschau".)
Dienstag, 28. September:
4.30 bis 5.45 Uhr: Konzert des Hausorchesters: Wunschnachmittag. 5.45 bis 6.05 Uhr: Die Lese- stunde. 7.45 bis 8.15 Uhr: Funkhochschule Frankfurt: „Die Romankunst Marcel Proufts", Vortrag von Prof. Dr. Schultz. 8.30 Uhr: Uebertragung von Berlin: Orchesterkonzert. Anschließend: Neue Schall- platten.
Sturm in Schmalebeck
Roman von Sophie Kloerss.
Copyright 1926 by Aug. Scherl G.m. b.H., Berlin.
32. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Und Madam Eggers ärgerte sich, daß sie nur Zuschauer war und daß ihr Fiete zwar bei der Aufführung hatte helfen dürfen, aber dann mit allerlei jungen Handwerkern und Ladenjungen — ehemaligen Konfirmanden des alten Herrn im Vorzimmer die Tafel gedeckt fand, statt drinnen zwischen der Familie zu sitzen. „Wo er doch — und hat sich alle Tage mit den Göhren abärgern müssen. — Wie die wieder aufgeputzt sind. Weiße Spitzen für die Mädchen und der Jung' in braunem Samt und hat en Spitzenkragen um. Und wenn ich reden wollt —"
Die Mamsell gab ihr einen Stups, denn der Doktor sah sich um, er hatte die letzten Worte verstanden. Aber Madam Eggers hatte Wein getnm- ken, all die verschiedenen Neigen, die aus dem Saal kamen, halle Mamsell zu einem kräftigen Punsch zusammengegossen, und nun ging es mit ihr durch.
„Soll ich nicht sagen dürfen, was ich selber gesehen hab'? Draußen auf dem Weg nach Eichtal, ja« wohl, da war es. Da kam ich mit dem Müllerwagen, und da ging sie, ja die junge Mamsell da vorne --die mein' ich," sie nickte Ilse zu, „und hatte einen Galan bei sich, und sie waren sich einig, 0 ja, sehr einig--"
»Wissen Sie eigentlich, was Sie da reden, Madam Eggers?" Die Stimme des Doktors fragte in einem Ton — nicht laut, aber so drohend — Madam Eggers wurde plötzlich nüchtern. Und sah, wie alle ringsum sie anftarrten, und sah Ilses blaß gewordenes Gesicht und schwankte zwischen ihrem inneren Aerger und der großen Schwanebecker Furcht vor Detlev Rotllnann. Sie verstummte gänzlich.
„Das ist doch fein Grund zur Aufregung", sagte Thomas Raben, und nun wandten sich ihm alle Blicke zu. „Das war doch der Abend, wo Sie, Herr Doktor, Ilse und mich auf der Schmale abfingen, als wir wie die Kinder über das Eis glitschten. Sie wissen, ich mußte damals am anderen Morgen zu einer dringenden Sache nach Kiel, und da versprach Ilse mir zu warten, bis ich heute kommen würde.
Und morgen früh hätte ich um eine Unterredung gebeten, wenn mir Mam Eggers nicht eben etwas zuvor gekommen wäre." Er hatte beim Sprechen, wie selbstverständlich, Ilses Hand durch seinen Arm gezogen, und drückte ihre vor Erregung eisigen Finger beruhigend mit den seinen.
„Darf ich kommen?"
Doktor Rottmann fühlte, das war nicht so, wie man ihn glauben machen wollte, doch hier vor aller Welt war fein Ort zur Aussprache. So sagte er: „Sie dürfen jederzeit kommen", nahm Rabens Hand und wandte sich dann zu seiner Hanse. „Komm, wir wollen doch auch einen Walzer tanzen, wo die Eltern mit so gutem Beispiel vorangehen."
»Und wir?" fragte Raben und sah Ilse an, die er einige Schritte von der Tür fort und in eine Saalnische gezogen. „Darf ich auch um einen Tanz bitten?"
»Herr Rechtsanwalt — ich — ich kann jetzt nicht tanzen."
„Dann setzen wir uns still hier in eine Ecke, hier beachtet uns niemand."
„Sie dürfen morgen nicht kommen. — Ach, bitte, nicht. — Sie wollen mir helfen — ja, ich hab' alles begriffen. Aber ich sage es heute Abend noch meinem Vater, und dann —
„Warum ist er nicht hier?" fragte Raben. „Wenn er es ehrlich gemeint hätte, hätten Sie nicht diese traurigen Augen."
„Er hat es ehrlich gemeint, da an dem Abend. Oh denken Sie, ich wäre sonst mit ihm gegangen? — Ader nun sind seine Eltern gegen mich, und die Zeit, und daß er Däne ist und id) Holsteinerin, und ---Diese Nacht hab ich es ihm geschrieben, daß er auf mich keine Rücksicht zu nehmen braucht." Sie schluckte kurz und trocken, sie wollte es nicht wieder in die Augen steigen lassen.
„So ungefähr habe ich mir die Sache gedacht. Nun müssen Sie tapfer sein, und müssen mir erhüben, für einige Wochen dein Namen nach als ihr Verlobter zu gelten, bis---Morgen fahre ich
>a wieder, und bann werde ich nicht kommen, und die Zeit wird lösen, was Ihnen eben aufgezwungen muröe. Oder hätte ich besser getan nicht dazwischen - zutreten? Aber ich habe bereits Schmalebecks Zungen kennen und fürchten gelernt, und ich glaube, eine qe- lofte Verlobung — ich verspreche Ihnen, daß 'ich
durchaus als der Schuldige dastehen werde — ist besser als ein hämisches Geschwätz/
»Das kann ich nicht von Ihnen annehmen.. Dazu habe ich fein Recht."
„Vielleicht doch", sagte Thomas Raben langsam.
„Ich versteh' Sie nicht. Wie meinen Sie bas?"
„Vielleicht sage ich es Ihnen einmal--in
einigen Wochen. Vielleicht nie. Aber ich glaube, Ihre Mutter wird es verstehen."
Riekchen kam durch den Saal. „O Ilse, ist es wahr? Es läuft wie ^ine Welle durch den Saal. Du auch? Oh, wie glücklich bin ich."
»Wir möchten Sie bitten, Fräulein Jessen, den guten Leuten zu sagen, daß wir im Augenblick noch nicht Gratulationen in Empfang nehmen möchten. Sehen Sie, ich stehe in allerhand geschäftlichen Unternehmungen, die es mir unmöglich machen, länger hier in Schmalebeck zu bleiben. Durch die Indiskretion der guten Eggers ist unser Einverständnis etwas zu früh an den Tag gekommen. Ich hoffe, im März spätestens für längere ,3eit herüberkommen zu können. Dann wollen wir alles nachholen, wozu im Augenblick keine Zeit ist. Und nun, bitte, sagen Sie doch Frau Doktor, daß ich meine liebe Ilse heimbringen will. Sie hat heftige Kopfschmerzen, sehnt sich nach Ruhe und möchte hier den vielen Fragen entgehen. Ich glaube, das können Sie ihr nachfüksten."
Riekchen konnte alles begreifen und nachfühlen, roas ihre geliebte Ilse betraf. Sie ging selber mit ihr auf den Flur, packte sie in den Mantel und küßte sie zärtlich. „Solche Kopfschmerzen hast du Armes? Ja, ich hab' mich schon den ganzen Tag gewundert, wie still du warst und wie blaß du aussahst. Morgen komm' ich herum, dann wird dir wohl besser fein."
Ilse zwang sich zu einem Lächeln, nahm Rabens Arm und ging mit ihm fort aus dem Trubel des Tages. Wie sie unter den mondklaren Himmel traten, erkannten sie drüben jenseits^des Platzes zwei vermummte Gestalten, die die Treppe des Doktorhauses hinaufstiegen. Das Jubelpaar hatte sich auch heimlich davongemacht, müde und satt all der Feier.
„Sie sind gut", sagte das Mädchen wieder. „Wie klug haben Sie das erraten, was mir in dieser Stunde am besten war. Ich allein hätte gar nicht > den Mut gehabt, fortzugehen."
„Es war nicht die Klughest, die mich das erraten ließ, Ihr Gesicht war leicht zu lesen."
„Ja? War es? Aber Riekchen schien es doch nicht lesen zu können, und Riekchen hat mich so lieb."
Es kam keine Antwort. Raden öffnete die schwere Haustür, und als sie ihm die Hand zum Abschied reichte, hob er die an den Mund und küßte sie leise. Dann fiel die Tür zu, Ilse stand im dämmerigen Flur, wo nur ein Oellämpchen brannte, sah die altoertrauten Wände an, horchte auf die große Stille des schlafenden Hauses, als sprächen da geheime Stimmen zu ihr, faßte sich mit der Hand an den Kopf und sagte vor sich hin: „Er schmerzt wirklich, als wenn er platzen soll."
Als sie oben im eigenen Zimmerchen stand, und die Kerze unruhige Schatten auf die Wand malte, fragte sie wieder: „Bin ich das eigentlich noch? Gestern die Braut des einen, und heute die Braut des anderen, und niemals eines Frau?"
Dann schüttelte sie der Frost, denn der Ofen war kalt, und draußen sang der Nordwind um die Mauern.
Sie legte sich und hörte durch die verdämmernden Gedanken einen leichten schnellen Schritt die Treppe heraufkommen. „Hanse." Ach, der Name war wie Ruhe und Erlösung. Nun ging die Tür, nun stand Hanse in hellem Festkleid, ein Licht in der Hand, neben ihrem Bette.
»Ich bin eben drüben fortgelaufen, ich muß wieder zurück. Ich konnte dich in dieser Stunde nicht allein lassen." Sie nahm das Mädchen, sich auf den Bettrand setzend, wie ein Kind in ihre Arme. „Mein Mädel, mein Liebes. Nein, red' gar nicht. Ich kann mir alles allein zusammenreimen. Morgen kannst du sprechen, wenn du willst. Heute sollst du nur stillliegen und versuchen zu schlafen."
„Ich bin todmüde, Hanse. Ich schlief die letzte Nacht nicht. Und nun dieser ruhelose Tag--jch
kann nicht mehr denken. Alles wirbelt mn mir."
„Deine Backen glühen, du hast Fieber. Wart', ich hol' dir noch etwas aus Vaters Apotheke." Sie lief und kam mit einem'Pulver, und hätschelte ihr großes Sorgenkind, drückte es in die Kissen und flüsterte: „Ich muß ja wieder hinüber. Schlaf nun gut, mein Liebes. Gute Nacht."
(Fortsetzung folgt.)
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