Nr. 226 Drittes Blatt
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Montag, 27. September 1926
Die französisch-italienische Verstimmung.
, Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Rom, September 1926.
Nachdem der französische Botschafter B e s - nard seinen,Urlaub abgekürzt hat und nach Erhalt von Instruktionen durch Poincarö soeben nach Rom auf seinen Posten zurückgekehrt ist, scheint die italienische Regierung die außergewöhnlich heftige Pressekampagne gegen die französische Regierung ab gepfiffen zu haben, um die diplomatische Auseinandersetzungen nicht zu stören. Mit den Unterredungen Grandi-Briand in Genf und der offiziellen Rücksprache des italienischen Botschafters Baron Avezzana mit P o i n c a r 6 ist der italienisch-französische Zwischenfall noch nicht erledigt.
Moralisch ist der italienische Standpunkt durchaus fundiert, formaliter ist die französische Regierung im Vorteil, und der Ausgleich wird durch die scharfen Worte, die Mussolini unmittelbar nach dem Attentat sprach, erschwert: „Es ist notwendig, man einer schuldhaften und Unerhörten Toleranz jenseits der Grenzen ein Ende macht, wenn man auf eine Freundschaft des italienischen Volkes wirklich Gewicht legt: eine Freundschaft, die durch solche Episoden — das Attentat, in Paris vorbereitet — verhängnisvoll kompromittiert werden könnte." Das sind Worte, die durchaus verständlich waren im Munde eines Mannes, er eben einem Attentat glücklich entronnen ist, und der die Zusammenhänge klar erkennt; im Munde eines verantwortlichen Staatsmannes sind sie impulsive Drohungen, die einen an sich begründeten Anspruch formell angreifbar machen, Drohungen, die bedenklich an die unüberlegten Worte des „Marsches über den Brenner hinaus" erinnern.
Wie liegen die Verhältnisse tatsächlich? Das dritte Attentat gegen Mussolini innerhalb noch nicht eines Jahres! Ein politisches Attentat, zweifellos! Der verbrecherische Ausdruck einer unversöhnlichen Feindschaft gegen den Faszis- mus und seinen staatlichen Exponenten. Das erste Attentat Z a n i b o n i im November v. I. war nur im Vorbereitungszustand, als die Polizei Zaniboni verhaften konnte. Es ist damals viel gesprochen und geschrieben worden von einem Aufbauschen, von einer Ausnützung, von unüberlegten Drohungen eines Exaltierten — des früheren sozialistischen Abgeordnten Zaniboni — ad usum internum. Die lange und peinliche Untersuchung, deren Resultat zur Eröffnung des Hauptverfahrens geführt hat — von ehrenhaften und gewissenhaften italienischen Richtern beschlossen — läßt doch tiefergehende Zusammenhänge erkennen und ergibt ganz konkrete Tatsachen, die juristisch die Anklage wegen Hochverrats und Mordversuchs substantiieren. Auch sind Zusammenhänge, die man als Beihilfe ooer Begünstigung charakterisieren kann, zwischen dem Attentäter Zaniboni und dem General a. D. C a p e l l a, einem prominenten Mitglied der italienischen Freimaurerloge und mit dem Großmeister der Loge, Torriginani selbst gegeben. Die völlige Aufklärung dieser Zusammenhänge wird erst der in nächster Zeit beginnende Prozeß bringen.
Das zweite Attentat, das im Gegensatz zum Zaniboni-Attentat zur Ausführung gekommen ist, der Pistolenschuß Der geistig minderwertigen Irländerin G i b s o n auf Mussolini von dem Con- seroatorenpalast auf dem Kapitol, wird ein gerichtliches Nachspiel nicht haben, da die Gibson nach dem übereinstimmenden Gutachten der Psychiater als unzurechnungsfähig erklärt und außer Verfolgung gesetzt worden ist. Daß die Gibson in ihrer Jugend die Greuel Der englischen Gewaltherrschaft in Irland miterlebt hat, daß diese Zeit einen tiefen, nachhaltigen Einfluß auf ihre Entwicklung gehabt hat, daß sie in Rom vielfach in den Quartieren von Trastevere und S. Lorenzo gesehen worden ist, Almosen und Bibelsprüche an die Dortige Bevölkerung, Die Durchweg sozialistisch-kommunistisch gesinnt ist, verteilt, also im Kontakt mit ausgesprochen antifaszistischen Kreisen gestanDen hat, «st sestgestellt. Oo sie nun ein Werkzeug in Der HanD Willensstärkerer geroorDen ist, Die indirekt Die Verantwortung für Das Attentat tragen, ist eine anDere Frage, Die eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat, Die aber in Der Oeffentlichkeit wohl nie aufgeklärt wer-
Den roirD, Da hier auch Diplomatisch« Akttonen einsetzten, um Die Beziehungen zwischen Italien und England nicht zu trüben. Die formelle Zusicherung des englischen Home Office, die Gibson bei Einstellung des Verfahrens als gefährliche Geisteskranke in einer englischen Irrenanstalt zu internieren, mag auch mitbestimmend gewesen sein und zeigt das Entgegenkommen der englischen Regierung, das ihrige zu tun, um die Tat einer englisch-irischen Staatsangehörigen zu sühnen.
Das dritte Attentat, der Bombenwurf nach Dem Auto, in Dem Mussolini regelmäßig sich früh von seiner Sommerwohnung in Villa Tor- lonia nach Dem Palazzo Chigi begibt, läßt Die Zusammenhänge zwischen Attentätern und antifaszisti- schcn Kreisen des In- und Auslandes viel Deutlicher erkennen. Zunächst ist der Attentäter, der 26jährige italienische Anarchist L u c c 11 i geständig, aus Italien wegen seiner politischen Ueberzeugung geflüchtet nach Fr an kreich ausgewandert und mit Der festen Absicht, Das Attentat zu begehen, nach Rom zurückgekehrt zu sein. Nur leugnet er, irgendwelche Gehilfen gehabt zu haben. Wenn auch während der Untersuchung nichts Näheres über Komplizen verlauten wird, um den Gang Der Recherchen nicht zu erschweren, so ist nach dem bisher Bekanntgegebenen mit Sicherheit anzunehmen, daß diese Darstellung durchaus falsch ist, daß er a u ch In Kom — er ist schon am 2.September hier eingetroffen,, nicht wie er zunächst angegeben hatte, am Tage des Attentats — mit Personen in Berührung gekommen ist. Die ihn über die Lebensführung Mussolinis genau informiert haben; vor allem auch Darüber, Daß Mussolini seit wenigen Tagen ein neues Auto ganz anDeren Typs benutzt, und über die genaue Zeit der Ausfahrt aus Villa Torlonia an dem betreffenden Morgen, denn Lucettt selbst hat seinen Standort Dicht bei Porta Pia nicht geändert, konnte also das Auto Mussolinis unter den vielen, Die um Diese Zeit Den Weg von Der Via Nomentana nach Der StaDt hin nehmen, gar nicht rechtzeitig erkennen.
Nun argumentiert Die italienische Presse — unD gibt insofern die öffentliche Meinung wieder: Seit Jahren ist Paris das Zentrum einer aktiven antifaszistischen Agitation; das von landesflüchtigen Italienern herausgegebene Blatt „II Eorriere degli Jtaliani" erscheint in Paris; die auf Den Sturz Der faszistischen Regierung hinarbeitenDe 2(gitation wirb von Den französischen Sozialisten und Komu- nisten wahrscheinlich werktätig, nämlich durch Auflegen einer öffentlichen Subsription als Fonds für Den Eorriere von Der kartellistischen französischen Regierung, minDeftens aber moralisch unterstütz t; ihre FäDen werden durch Die französische Großloge, Deren italienische Filialen Durch Mussolini unterdrückt sind, nach Italien selbst hinübergesponnen; Die Attentate gegen Mussolini sind in dieser Atmosphäre geboren; Italien befände sich Frankreich gegenüber ungefähr in derselben Lage wie Oesterreich Serbien gegenüber, das von jenseits Der Grenzen Die Autorität Der Habsburgischen Monarchie untergraben wollte, eine langjährige Agitation, Die zuletzt zum Attentcüe von Serajewo geführt hat.
Die französische Regierung Dagegen verschanzt sich formell hinter Das A s y l r e ch t und Die französische Pressefreiheit, stellt auch in den Vordergrund Die Tatsache, Daß beiDe Attentäter, Zaniboni und ßueetti, Italiener seien, Daß es Sache Der italienischen Sicherheitspolizei wäre, das Ueber- schreiten Der Grenze Durch italienische Umstürzler zu verhinDern unD ein Attentat auf italienischem Bo- Den zu verhinDern — unD geht zur Offensive über, inDem sie in Rom vorstellig roirD gegen Die Angriffe Der italienischen Presse. Die BeschwerDen, die der Botschaftsrat Roger in Vertretung des beurlaubten Botschafters Besnard in Rom vorgebracht hat, sind, wie versichert wird, nicht angenommen worden. Die Fassung des französischen Kommuniques über die Unterredung Avezzana—Poincare läßt erkennen, daß" es sich um eine eigentliche Demarche gehandelt hat, Denn selbst in Der französischen Fassung roirD Der italienische Vorwurf einer „moralischen Verantwortung" Der französischen Regierung, wie sie Die öffentliche, Meinung in Italien auffasse, aufrecht erhalten. Das Kommunique Der Agenzia Stefani über Die Rücksprache BesnarDs mit Mussolini ist ganz inhaltslos: man ist sich über die Opportunität einig gewordey, alle Ursachen zu einer Trübung Der bestehenDen herzlichen
Das große Würfelspiel.
(Markina Wilemar.)
Roman von Franz Laoer Kappus.
(Nachdruck verboten.) I.
vor Dem Potsdamer Platz stauten sich Automo- Mte, Straßenbahnen und Menschen.
Lily Wilemar reichte ihrer Schwester Die Hand.
„Du Darfst Das nicht so tragisch nehmen, Martina. Gewiß, es ist ein Unglück. Aber sollen wir «ms Deshalb Den Kopf abreißen?"
Marttna antwortete nicht. Kurz nickte sie Lily zu und bog in Die Linkstrahe ein. Rasch schritt sie Durch Den Trubel Der Mittagsstunde. Die Luft war warm und voll Benzingeruch. Wie im Sommer brannte die Sonne auf Die vielen Menschen nieDer.
Das kleine Lokal, in Dem Benno täglich frühstückte, war überfüllt. Martina zwängte sich durch Die Tischreihen: er war noch nicht Da. Ob sie nicht lieber Draußen warten sollte? Alle Diese sremDen Menschen beDrücften sie. Kein Wort würde sie hier herausbringen können, so Leib an Leib mit Den hastig essenDen Männern, so Dicht an Den müD und abgehetzt DreinblitfenDen MäDchen unD Frauen.
In Der Nähe Des Büfetts erhob sich ein beleibter Herr von seinem Tischchen. Der Kellner machte eine einladende Handbewegung.
Martina setzte sich, bestellte Tee, Brötchen und Butter.
Mit den Augen beim Eingang, .blieb sie regungslos. Jetzt war man einmal Da, Dachte sie, jetzt gab es keinen Vorwand mehr. Man mußte alle Kräfte zufammennemhen. Man mußte sagen, was zu sagen war. Man muhte tapfer sein.
Langsam ließ Martina ein Würfelchen Zucker nach Dem anderen in Den gelben Tee fallen. Immer trüber wurDe Der GrunD Des Glases, träge fliegen vereinzelte Bläschen hoch. Bis Der Löffel dazwischen- fuhr und das Ganze Durcheinanderwirbelte, daß in Der Mitte ein tiefer Trichter entstand.
„Martina!"
Benno von Kreuth stand da und lachte über das ganze Gesicht.
„(Eine Ewigkeit warte ich schon auf dich", fprach Martina gepreßt. „Ich dachte, daß du pünktlich um eins —"
„Pünktlich um eins — wie Du Dir das vorstellst! JeDen Tag ist Das so: immer haben es Die Herrschaften am bringenDften, wenn einem Der Magen knurrt. Dabei ist es Doch gleichgültig, ob so ein bummer Frachtbrief vormittags ober nachmittags ausgestellt ist. Ueberhaupt —" Benno winkte ben Kellner heran. „Wie gewöhnlich."
„Ueberhaupt?" fragte Martina.
Doch Benno überhörte Die Frage. Zärtlich sah er Das MäDchen an. Mit Dem kleinen Finger Der Rechten streichelte er ihr HanDgelenk.
„Die Ueberraschung ist dir gelungen. Ganz perplex war ich im ersten Augenblick. Konnte gar nicht glauben, daß^du es bist. Jh» speist doch um zwei, und Du — unD Dieses Lokal: wie gefällt Dir Die Räuberhöhle übrigens? UnD: wie bist Du auf Die Idee gekommen? Warst bei Wertheim, nicht wahr?"
Martina schüttelte Den Kopf.
„Ich muß mit Dir sprechen, Benno."
„Oh!" KerzengeraDe richtete er sich auf. „Ist etwas vorgefallen?" fragte er ernst. Sein junges, hübsches Antlitz faltete sich.
Marttna nickte. Jetzt war Der Moment da. Auf unD nieder schwankten die Tische ringsum.
„Ist es ganz ausgeschlossen," fragte Martina nach einer Weile, „Daß Du bei Der ,Awag' bleibst? Wirst du bestimmt abgebaut?"
Benno tat, als verstünde er sie nicht.
„Zum ersten Oktober, mit vier anderen zusammen; das wissen wir Doch längst." Er schob sein Bierglas beiseite unD beugte sich vor. „Oder wissen wir es nicht, Malckina?" BefremDet starrte er sie an.
„Ist Doch alles genau besprochen worden: am ersten Januar trete ich bei Papa ein, unD im Februar heiraten wir. Ich verstehe Dich nicht, Martina. So war es ja abgemacht. UnD jetzt, auf einmal —"
Leise sagte Martina:
„Es ist alles zusammengebrochen."
„Was ist zusammengebrochen? Das Geschäft am EnDe?"
„Ja, Das Geschäft, Benno."
„Das Geschäft deines Vaters?"
„Das Geschäft meines Vaters."
Der junge Mensch blähte Die Bäcken, zog sie roieDer ein, spitzte Die Lippen unD fand fein Wort. Auch Martina schwieg.
Nebenan hämmerte ein UngeDulDiger an seinem (Bios. „Zahlen! Zahlen!" Neue Gäste Drängten herein. Beim Eingang heulte ein unsichtbarer Hund
Freundschaft beider N-Honen möglichst zu entfernen.
Das bedeutet eine Schlappe, Die sich Mussolini Durch seine oben zitierten, unvorsichtigen Worte zu- gezogen hat. Daß Die italienische Regierung mit schärferen Mitteln gegen umstürzlerische Elemente vorgehen roirD (es finb über 300 Verhaftungen von Kommunisten unD Anarchisten erfolgt, auch Die Des berüchtigten Anarchisten Malatesta; die Einführung Dpr ToDesstrafe wegen Attentats auf Das Leben des Königs, Der Königin, Des Kronprinzen, Des Minister- präfiDenten roirD Der Ministerrat beschließen unD Die Kammer genehmigen). Das sinD interne italienische Angelegenheiten. Im internationalen Verkehr roirD nichts erfolgen. Eines aber bleibt, unD Das ist Durchaus verstänDlich, eine tiefgehenDe Verstimmung zwischen Dem faszistischen Italien und dem kartel- Ilstischen Frankreich. Mai« kann sogar weiter gehen: wenn Italien heute in der Lage wäre, alle Konse
quenzen aus einer polittichen Demarche zu ziehen, hätten die Vorstellungen Avezzanas Die Form eines Ultimatums angenommen. Eine so tiefgehende und ganz allgemeine Erbitterung, Denn auch Die nicht ausgesprochen faszistischen Kreise machen Der französischen Regierung denselben Vorpurf, kann nicht ohne Rückwirkung auf Die europäische große Politik bleiben, so sehr auch Mussolini hier Realpolitiker ist. Daß Die Pariser Anttfaszisten ihre Agitation fortsetzen werden, steht außer Zweifel. Welche Wirkungen ein weiteres Attentat haben könnte, ist gar nicht abzusehen. UnD insofern bekommt ein Attentat gegen Mussolini, ganz abgesehen von Dem Abscheu, den jeder anständige Mensch, auch Der Gegner, vor einem Derartigen Verbrechen empfindet, eine europäische BeDeutung, vor Deren Tragweite Die einzelnen Regierungen sich nicht blinD stellen sollten. Serajewo Docet!
Der „schwarze Tag" Ludendorffs.
Don D. Dr. Dr. I. D. Dr ed t, o. Professor des öffentlichen Rechts an der Universität Marburg. M.d.R.')
Am 8. August 1918 war der »schwarze Tag", der mit einem Male eine gänzlich neue Lage erkennen ließ, und der auch bei der Obersten Heeresleitung in feiner Bedeutung klar erkannt wurde?* **) ***)) 3m Anschluß an diese Ereignisse fand der Kronrat vorn 14. August statt, über den ein Protokoll vorhanden ist, dessen hier in Betracht kommende Stellen lauten: (Der Staatssekretär v. Hintze sagt): „Der Chef des Generalstabes des Feldheeres hat die kriegerische Situation dahin Definiert, daß wir den Kriegswille n unserer Feinde durch kriegerische Handlungen nicht mehr zu brechen hoffen Dürfen, und daß unsere Kriegführung sich als Ziel setzen muß, durch eine strategische Defensive den Kriegswillen des Feindes mählich zu lähmen. Die polittsche Leitung beuge sich vor diesem Ausspruche der größten Feldherren, die dieser Krieg hervorgebracht habe, und ziehe daraus die politische Konsequenz, daß wir politisch außerstande sein würden, den Kriegswillen des Gegners zu brechen, unb daß wir daher gezwungen seien, dieser Kriegslage in der Führung unserer Politik hinfort Rechnung zu tragen.“ Zum Schlüsse des Protokolls heißt es: „Generalfeldmarschall von Hindenburg führt aus, daß es gelingen werde, auf französischem Boden stehen zu bleiben und dadurch schließlich den Feinden unseren Willen aufzuzwingen." Diese Stelle hatte ursprünglich gelautet: „Generalfeldmarschall v. Hindenburg hofft, daß es dennoch gelingen werde . . .“ Die nachträgliche Aenderung ist von der Hand des Generals Ludendorff.
Die Wandlung in diesem Protokoll ist bemerkenswert. Staatssekretär v. Hintze hatte zuerst ausgcführt. daß die Zeit für unsere Feinde arbeite. wenigstens nach deren Ansicht; dann hatte er Bezug genommen auf nicht protokollierte Aeußerungen des Feldmarschalls, die offensichtlich den Verzicht aus Den rein militärischen Sieg aussprachen."*) Die letzten Worte des Feldmarschalls Hangen Demgegenüber schon wieder nach
’) Mit Erlaubnis des Reichstages und der Deutschen Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte bringen wir aus dem soeben erschienenen neuen Bande Der großen amtlichen Publikation des Deutschen Reichstages ..Das Werk des Untersuchungsausschusses der Verfassunggebenden Deutschen Rationalversammlung und des Deutschen Reichstages 1919—1926“ einen besonders wichtigen Abschnitt dieses Buches, das auf die Vorgeschichte des deutschen Zusammenbruches viele neue Schlaglichter wirft, zum Abdruck.
**) Ludendorff S. 547: „Der 8. August ist der schwarze Tag des deutschen Heeres in der Geschichte dieses Krieges." Hindenburg überschreibt das diesbezügliche Kapitel: „3n Die Verteidigung geworfen."
***) Groener schreibt: Auch der schwarze Tag des 8. August brachte noch nicht die volle Er- kenntttts, daß die Entwicklung der Lage rapide Dem Ende zuführte. 3n dem Ringen zwischen
Sieg, der allerdings durch Ermattung des Feindes errungen werden sollte. Die Aenderungen von der Hand des Generals Ludeirdorfs machten aus dieser Hoffnung.eine bestimmte Zuversicht.
Von Da an beherrschte der Gedanke des „strategischen Abwehrsiegs" die Lage, allerdings in verschiedener Auffassung. Staatssekretär v. Hintze, der gerade am 14. August ausgeführt hatte, daß die deutschen Reserven und Bestände sich immer mehr dem Ende näherten, während Die Kräfte des Feindes ständig zu- nähmen, glaubte nicht daran, daß der Feind durch Ermattung zum Zusammenbruch zu zwingen sei. Er unternahm daher auf eigene Verantwortung Schritte zur Anbahnung des Friedens. Er konnte aber unmöglich noch Erfolg haben, denn nach dem 8. August herrschte auch bei den Feinden kein Zweifel mehr über d i e militärische Lage. Gras Hert- li n g hat sich auch jetzt noch völlig verlassen aus die zuversichtlichen Worte des Feldmarschalls und allen Ernstes noch an einen Sieg geglaubt.
3n den letzten Augusttagen unternahm Die österreich-ungarische Regierung ihre eigenmächtigen Friedensschritte, die in dieser Gestalt nur den völligen Zusammenbruch der Monarchie erkenntlich machen konnten. Hiermit war auch der Staatssekretär v. Hintze nicht einverstanden. Daß man aber Anfang September wiederum Informationen der Obersten Heeresleitung erhielt, die keineswegs nach Zusammenbruch aussahen, geht hervor aus folgenden Auszeichnungen des jungen Gras en Hertli ng:
„Run hatte der aus einem kurzen Urlaub auf dem Umtoege über Avesnes zurückgekehrte Oberst v. Winterfeldt meinem Vater die Mitteilung gebracht, daß die Oberste Heeresleitung für Die nächsten Tage mit neuen u»D ausgedehnten Kämpfen an Der Westfront rechne; daß es derselben den Anschein mache, als wolle die Entente mit allen Mitteln die militärische Entscheidung des Weltkrieges herbeiführen, und daß man mit guter Zuversicht Dem Entscheidungs- kampfe entgegensetze."
Am 8. September reifte Staatssekretär von Hintze zusammen mit Oberst v. Winterfeldt nach Dpa. Letzterer hatte vom Grafen Hertling den Auftrag, sich möglichst nahe an die Front zu begeben" und ihm seine Eindrücke mitzuteilen. Oberst v. Winterfeldt berichtete daraufhin:
„Die Lage an der Front sei zufriedenstellend, die Stimmung der Truppe ausgezeichnet. Jedenfalls stehe er nicht unter Dem Eindruck, daß man an eine ernste Lage zu denken habe."
Es tarn aber eine indirekte Beurteilung Der Lage aus Dem Großen Hauptquartier, Die eigentlich deutlich genug war. Kaiser Karl hatte gegenüber den deutschen Bedenken in bezug auf Wille und Erkenntnis hoffte man auf die Schwäche des Feindes, anstatt mit seiner Stärke zu rechnen und ^Darauf den Rückzugsplan aufzubauen. Es wäre besser gewesen, dem Staatsmanne frühzeitig mit Dürren Worten zu sagen: „Der Krieg ist verloren, sieh zu, wie du Frieden machst."
auf. Mit knochigen Fingern reichte eine Greisin Ansichtskarten herum. „Fünf Pfenniche, fünf Pfenniche."
Fassungslos schüttelte Benno Den Kopf.
„Wie ich Das begreifen soll —"
Martina lächelte ins Leere.
„Es ist alles ganz einfach. Die Firma Wilemar kann nicht weiter. Zahlungsstockungen, kein Kredit. Wenn es gut geht, kommt Die Geschäftsaufsicht. Sonst Der Konkurs." Mit Daumen unD Zeigefinger strich sie Die Tischkante entlang. „Ganz einfach." Plötzlich fühlte sie sich entspannt. Die Dinge ringsum verloren Ecken unD Kanten. Alle, war ein weiches Gewoge. Süßliches Klingen füllte Den Raum.
„So über Nacht?" sprach Benno endlich. „Gestern alles wie immer: Reichtum, Luxus, Autos — unD heute Das! Gestern ein glänzenDes Geschäft — und jetzt —" Er griff sich an Die Stirne.
„Ganz einfach", wieDerholte Marttna unD nickte mit großen, blauen Augen.
„Dein Vater — er mußte Doch gewußt haben, wie es steht! Hat er nie eine AnDeutung gemacht? Auch in Den letzten Tagen nicht? Das war Doch unverantwortlich."
„Ganz allein hat er es getragen. Allein bis heute."
Benno überlegte, Den Kopf gesenkt. Jäh blickte er Dann auf.
„Vielleicht siehst Du zu schwarz, Martina. Vielleicht seht ihr alle zu schwarz Vielleicht ist es gar nicht so schlimm."
„Viel schlimmer, Benno."
„Also flipp unD klar gesprochen —"
„Fertig", sagte Martina. „Ganz fertig."
„Toll, toll!" lachte Benno heiser. „Uno weiter?" LauernD strichen seine Augen um Das MäDchen. „UnD Du unD id)?;'
Martina fing seinen Blick ab unD hielt ihn fest.
„Deshalb bin ich ja gekommen."
„Um mir zu sagen, Daß es aus sein soll, aus sein muß? Natürlich, wie Denn auch nicht: Der Herr Habenichts und Das Fräulein Habenichts — wie könnte es anDers fein! Also frisch reinen Tisch gemacht, Du rechts, ich links: Das wolltest Du mir Doch sagen, Martina?"
' „Nicht so", flehte Martina. „Ob es ausgeschlossen ist. Daß Du bei Der ,2lroag‘ bleibff, wollte ich Dich fragen."
„Ganz ausgeschlossen." Benno rieb ein Streichholz nn und löschte es aus. Die Brauen zusammen
geschoben, beobachtete er, wie Das Holz im Aschbecher sich krümmte unD verglomm. Rote Flecke saßen auf seinen Jochbeinen. Plötzlich warf er Den Leib herum. „So einfach, wie Du Dir Das vielleicht Denkst, ist Die Geschichte nicht. Ich lasse mich nicht fortschicken. Ich gebe Dich nicht her."
„Gott sei Dank", lispelte sie. „Und auch ich, auch ich —" Sie konnte nicht vollenDen.
„Es bleibt, wie es ist?"
„Ja, Benno."
Der junge Mann ijölbte Den Brustkasten vor, Daß Die Nähte seines Rockes knackten. Ein Laut Der Erleichterung sprang über seine Lippen. WieDer sah er Martina an. Seine Dunklen Augen leuchteten. „Du, mein Mädel, Du."
Auf Dem weißen Tischtuch flocht Martina Die Finger ineinanDer. Die Sorge von früher kroch heran. Man hatte roieDer festen BoDen unter Den Füßen, aber Das war auch alles. RunDherum lag ungewisse Nacht.
„Es roirD ein Kampf sein, Benno," sagte sie zag. „Ich nehme ihn auf, Martina. Um Deinetwillen, mit taufenD FreuDen." UnD er lächelte siegesgewiß.
Aber Martina sprach:
„In Drei Wochen wirft Du stellungslos. Weißt Du, was Das heißt?"
„Man roirD sich Durchschlagen — mit Den Fäusten, wenn es fein muh."
„Ich weiß, was es heißt: stellungslos. Seit heute früh weiß ich es. Noch immer sehe ich Die Gesichter vor mir —"
„Welche Gesichter?" fragte Benno überrascht.
„Die von heute morgen." Martina senkte Die Stirne unD erzählte rasch, ohne aufzublicken: „JrgenDwo in Der StaDt war es. Vor einem großen QebäuDe ftanDen HunDerte von Männern, jeher eine Zeitung in her HanD: Der .Arbeitsmarkt' hieß das Blatt. Was waren Das für Mienen, was für Augen, was für Blicke, hie sich in Den halbfeuchten Druck bohrten! Wie feinD(elig belauerte Der eine Den anDeren, wie zuckten Diese armen, zerrissenen Hände, wie duckten sich diese jämmerlichen Gestalten! Keiner sprach ein Wort — und doch: wie ein wilder Schrei brach es aus allen: Brot, Brot, Brot!" Martina machte eine Pause. „War ich taub und blind bis heute? Sicher habe ich solche Gruppen schon öfter gesehen — und doch: erst seit ein paar Stunden weiß ich, daß es so etwas gibt." UnD sie seufzte. „Es wird schwer fein, Benno. Sehr schwer."
(Fortsetzung folgt.)


