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Nr. 226 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Montag, 27. September 1926

Erscheint glich, außer Sonntags und Feiertag».

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Gießener FamilienblLtter Heimat im Bild Die Scholle.

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Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

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Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumfchein; für den An­zeigenteil i. Vertr. H. Deck, sämtlich in Gießen.

Die Rede Poineures.

Ernente Behauptung vonDeutschlands Kriegsschuld.

Paris, 26. Sept. (WTB.) Auf dem Schluß­bankett der Tagung der Kriegsbeschädigten in St. Germain chielt Ministerpräsident P o i n c a r ö eine Ansprache, in der er u. a. ausführte:Als Arbeiter des Sieges und Träger der Erinnerung seid Ihr Kriegsbeschädigten wertvolle Ratgeber für das Volk, das ihr gerettet habt. Die Pflicht jeder Regierung ist es, euch so oft wie möglich aufzufordern, mit ihr zusammenzuarbeiten. Bei der ungeheuren Aufgabe der Wiederherstellung der durch den Krieg heimge« suchten Ration ist der Geist, der euch beseelt, das beste, daß uns Anregung gebende Mittel. Sicherlich liegt eurem gemeinsamen Gefühl nichts Agressives Schrecken des Krieges, als daß ihr nicht treue Die« ner des Friedens wäret. Aber der Friede wird für euch niemals ein Grund fein, auf euren Ruhm zu verzichten oder die Rechte zu verleugnen, die ihr verteidigt habt. In der Stunde, als die Mittel­mächte gegen die Welt eine Kata­strophe ohnegleichen entfesselt haben, seid ihr nicht auf den Gedanken gekommen, für die­sen Angriff alle Deutschen ohne Unterschied ver­antwortlich zu machen. Ihr habt auch nicht allen Offizieren und allen Soldaten der gegnerischen Armee, die in unfern besetzten Dörfern begangenen Barbareien zur Last gelegt. Ihr könnt indessen weder vergessen, daß uns der Krieg erklärt roorben ist, noch, daß er auf unser Gebiet getragen wurde durch die Vergewaltigung eines neutralen Staates, noch, daß er auf Befehl des kaiserlichen General­stabes mit unerbittlicher Grausamkeit geführt wurde. Wenn das neue Deutschland offen gewisse Taten des Deutschlands von gestern des­avouieren würde, wieviel leichter würde es dann für euch sein, die Augen von euren Wunden abzu­lenken und den Urhebern eurer Verletzungen die Hand zu reichen. Auf jeden Fall ist es nicht an euch und nicht an Frankreich, irgendetwas von dem Ver­gangenen zu verleugnen. Ihr fehnt euch nur nach der Ruhe Europas. Ihr verlangt nur die Stabi­lität unserer Grenzen, die Unabhängigkeit unserer diplomatischen Tätigkeit und die Sicher­heit eurer täglichen Arbeit."

Fast jeder der Sätze Poincares, besonders der­jenige betreffend die Kriegsverantwortlichkeit, fand, wie die Agentur Havas feftftellt, lebhaften Beifall.

Reichsmimster Uülz zur imen- und außenpolitifcheu Lage.

' Dresden, 26. Sept. (Wolff.) Auf dem Landesparteitag der Deutschen Demokratischen Partei Sachsens hielt Reichsminister des In­nern Dr. Külz eine Rede, in der er sich zunächst ausführlich iiber die außenpolitische Lage verbreitete. Die Art der Ausnahme Deutschlands in den Völkerbund sei ein schlagender Beweis von der Richtigkeit der Außenpolitik, die durch Verständigung mit den Feinden von gestern den Weg zur Freiheit zu ge­winnen suchte. Ohne eine solche Politik ständen wir auch heute noch dicht bei Versailles und nicht in Eens. Mit der Wiebereinreihung Deutsch­lands in die Mächtelonstellation der Welt und mit der Anerkennung der Deutschen Republik als Großmacht ist zunächst einmal ein ungeheurer moralischer Erfolg erreicht, dessen Bedeutung auch nicht zuletzt darin liege, daß die Be­hauptung von der Alleinschuld Den tschlands am Kriege nicht durch De­klarationen und Deklamationen, sondern durch die Wucht der neuen historischen Tatsachen end­gültig in die Versenkung verschwunden sei, in eie als trübe Erinnerungen an kriegspsycholo- gische Verirrungen

hoffentlich recht bald nock andere Aeberbleibfel desGeistes von Uecfaiues mit verschwinden

würden. Der moralische Erfolg müsse selbstver­ständlich von re a l p o l i t i s ch e n Auswirkungen gekrönt werden. Bisher sind wir in der Hauptsache die Gebenden und die den guten Willen zu dauern­dem Frieden und zu europäischer Neuordnung Be­kundenden gewesen. Deutschland hat jetzt einen starken Anspruch auf Gegenleistung. Völkerbundseintritt, Locarnoverträge und Dawes- abfommen verkörpern, als Ganzes gewürdigt, die Voraussetzungen, unter denen nach Artikel 431 des Versailler Diktats ein Rechtsanspruch auf vorzeitige Räumung des besetzten Gebietes gegeben ist. Die deutsche Außenpolitik hat deswegen klare und von niemandem bestreit­bare Ziel vor sich.

Mit der vom Völkerbund garantierten Hoheits­stellung seiner Mitgliedsstaaten vertragen sich die Funktionen der interalliierten Kontrollkommission ebensowenig wie die fernere Besetzung deutschen Landes mit der Unverletzlichkeit des Gebietes der Dölkerbundsstaaten.

Für die interalliierte Kontrollkommission und für fremde Besatzung ist irr einem Deutschland, das mit feinen Feinden von gestern nunmehr in ein und demselben Bunde zufammenge- schlossen ist, kein Kaum mehr.

Ausgleich und Verständigung würden unvoll-- fommen fein, wenn nicht auch an der Saar politisch und wirtschaftlich normale Zustände er­reicht werden formen, und wenn Deutschland nicht bei der erstell sich bietenden Gelegercheit in den Kreis der Mächte zugelassen würde, die an der kolonialen Erschließung der Welt beteiligt find.

Wenn über die politische Verständigung mit Frankreich hinaus noch eine wirtschaftliche

Entente erreichbar ist, so würde das mit Freuden zu begrüßen fein und unter diesem Gesichtspunkt sei auch der Gedanke eines finan­ziellen Entgegenkommens hinsichtlich der dem Treuhänder für die Reparationen übergebenen Eisenbahn Obligationen erörterungs­fähig. Die innerpolitische Entwicklung zeigt eine erfreuliche staatliche Konsolidierung. Die Kampfparole gegen die Republik hat ihre Zugkraft verloren. Wenn man die großen Ta­gungen der letzten Monate überschaut, so klingt aus fast allen Kundgebungen ein, wenn vielleicht auch nicht immer aus dem Herzen kommendes, aber doch verstandesmäßig fundiertes

Bekenntnis ;vm neuen deutschen Staate heraus. Die Dresdner Tagung der Industrie, der Großhanbelstag, ber Deutsche Juristentag, die Be­amten- und Angestelltentagungen zeigen dieses Bild. Die Reichsregierung wirb fortfahren, diese innere Fühlung des brutschen Volkes mit dem Staate zu festigen. Wer sich in den Dienst dieses Gebankeils stellt, ist uns willkommen, gleichviel von welcher Seite er kommt. Wir haben in den letzten Monaten manche Sammlungsrufe gehört, und zwar im Inter­esse bestimmter Parteikonstellationen. Das Zrel ist aber noch höherund weiter zu stecken: Samm­lung aller, die positive Arbeit am Staat und auf ber Grunblage b e s heutigen Staates leisten wollen,ehrliche Gemeinschafts­arbeit aller Parteien am Gegenwartsstaat". Mit Freuden ist dabei zu begrüßen, baß, wie bie Rede Silverbergs unb ihre Aufnahme zeigt, sich auch in ben Kreisen bes Unternehmertums die Er­kenntnis immer mehr durchsetzt, daß eine befriedi­gende innerpolitische Situation nur erreicht werden kann, wenn die in der Sozialdemokratie zusammen- geschlossenen breiten Massen ber orbeitenben Be­völkerung nicht in die Negation gedrängt, sondern

MMW Hei MMMUlfMW.

Genf, 25. Sept. (TH.) Aus der Auf­stellung der heutigen Tagesordnung der Voll­versammlung des Völkerbundes, die insgesamt 14 Punkte aufweist, war bereits zu ersehen, daß die Vollversammlung heute abend ihre Arbeiten beenden würde und daß die Befürchtung, sie werde noch 'nächste Woche tagen, unbegründet war. Vor Eintritt in die Tagesordnung gab der Vorsitzende Rintschitsch bekannt, daß jeder Redner vor feiner Meldung zum Wort dem Prä­sidenten von dem Inhalt seiner Ausführungen Kenntnis zu geben habe. Die Anordnung be­zieht sich anscheinend auf den ch inesis ch-eng- tischen Zwischenfall vom Freitagabend. Als erster Punkt der Tagesordnung wird die Frage des Schiedsgerichtes, der Sicher­heit und der Abrüstung behandelt. Der serbische Delegierte Markowitsch beantragt die Prinzipien der Locarno-Abkommen der Voll­versammlung als Grundlage der auswärtigen Politik aller, Staaten zu empfehlen. Die Reso­lution Markowitsch wird angenommen.

Heber die Auslegung der Einleitung der Artikel 3 und 4 des Dölkerbundpaktes erstattete der französische Delegierte Professor Bar­th e l e m y einen umfangreichen Bericht. Die von ihm vorgelegte Resolution weist folgende Richtlinien für die Tätigkeit des Völker­bundes auf: Die Vollversammlung müsse darauf achten, daß der Völkerbund sich nicht von der hohen Aufgabe, den Weltfrieden vorzubereiten, durch andere wichtige-> tigkeit ablenken lasse, da es seine wichtigste Pflicht wäre, die gemeinsame Arbeit der Völker im Geist des friedlichen Fortschrittes zu för­dern. Der Völkerbund dürfe sich daher nur mit Aufgaben befassen, die mit diesem Ziel über* einstimmten und dazu beitrügen, die Befriedung der Welt herbeizuführen. Mit der Uebertoa- chung dieser Richtlinien sei der Völkerbundsrat zu betrauen. Von dem tschechischen Außenminister D e n e s ch wurde der Antrag gestellt, die Fort* sehung der Diskussion auf die nächste Tagung des Völkerbundes zu verschieben, damit den Organen des Völkerbundes Zeit gegeben würde, sich mit den einzelnen, zur Debatte stehenden Fragen zu beschäftigen. Lord Robert Cecil bemerkte, es wäre seiner Auffassung nach nicht richtig, die Aufgaben des Völkerbundes abzu­grenzen, da sie sowohl der politischen Lage nach, wie auch in den Zeitumständen sich verän­dern könnten. Cs unterliege keiner Frage, daß der Aufbau Oesterreichs und Hngarns, die Flüchtlingsfrage und zahlreiche andere Tätig­keitsgebiete des Völkerbundes durchaus inter­nationalen Charakter trügen. Er stimme der französischen Ausfassung zu, daß der Völkerbund durch seine Betätigung die Souveränität der einzelnen Staaten nicht beschränken dürfe. Mit der von Benesch vorgeschlagenen Vertagung der Diskussionum ein Jahr fei er einverstanden. Diskussion und Resolution wurden dann auf die Herbsttagung 1927 vertagt. Heber die Ar­beiten ber sechsten Kommission, betreffend die Mandatsfragen, berichtete der Belgier de Broucker e.

De Drouckere weist daraus hin, daß niemand den Versuch gemacht hätte, die Kompetenz der Mandatskommission einzuschränken. Frithjof Ransen bedauerte die Atmosphäre der Hast, mit der die sechste Kommission sich mit der Man­datsfrage hätte beschäftigen müssen. Es sei wün- schenswert, daß in Zukunft diesem wichtigen Problem mehr Zeit gewidmet würde. In die­sem Jahre wären die Verhandlungen der sechsten Kommission besonders wichtig gewesen, da e3 sich vor allem um die Frage der Kompetenzen der Mandatskommission gehandelt hätte. Die

Dölkerbundsvcrsammlung genehmigte dann ohne Aussprache noch eine Reihe weiterer Kommis­sionsberichte, darunter zwei Berichte über, die Unterbringung armenischer und russischer Flücht­linge, worüber im Auftrage des fünften Der- sammlungsausschusses der deutsche Delegierte Dr. Breitscheid Bericht erstattete. In der hier­zu angenommenen Resolution ist u. a. die Bei­behaltung des Berliner Bureaus für das Flücht­lingswerk beschlossen worden. In einer Entschlie­ßung über die rückständigen Jahresbei­träge wird China aufgefordert, wirksame Garantien für die nachträgliche Zahlung seiner rückständigen drei Jahresbeiträge zu geben. Rur bei der Behandlung des Haushaltsplanes für das Jahr 1927 sprachen der norwegische Delegierte H a m b r o und der schwedische Dele­gierte Baron Würtemberg ihr Bedauern über die Heberstürzung aus, mit der die Ver­sammlung die einzelnen Beratungsgegenstände er­ledigen mühte. Hierauf wurde das Budget für 1927, das nach einigen Abstrichen in Höhe von rund 100 000 Goldfranken mit rund 24,5 Mil­lionen Goldfranken abschlieht, einstimmig ange­nommen und die 7. ordentliche Völkerbundsver­sammlung von ihrem Präsidenten R i n t s ch i t s ch mit einer kurzen Ansprache geschlossen.

Deutschland mderVöiker- dundsbureaukratte.

Nur wenige Stellen frei.

Der deutsche Mitglicdsbcitrag.

Berlin, 25. Sept. (TU.) lieber bie deutschen Stellen im Sekretariat des Völkerbundes berichtet dasBerl. log bl.", daß man bereits im vergan­genen Winter Deutschland den Posten eines U n - tergeneralsekretärs, sieben Beamtenstellen der Klasse A und eine Stelle der Klasse B zugesagt hatte. Das ist wenig, wenn man bedeckt, daß im Generalsekretariat mehr als 130 Ecktzländer und 98 Franzosen sitzen. Es muß deshalb verlangt werden, daß künftighin bei freiwerdenden Stellen Deutschland in er st er Linie berücksich- t ig t wird. Bisher sind von den zugesagten sieben Beamtenstellen in Gruppe A nur zwei besetzt wor­den, eine in der Hygiene-Abteilung mit dem Arzt Dr. Olsen, und eine andere in der Abrüstungsab- teilung mit dem Kapitänleutnant Nolte. Die Stelle des Untergeneralsekretärs, die Deutschland versprochen wurde, wird mit einem Herrn der deutschen Diplomatie besetzt werden. Als Kandidaten hierfür gelten der jetzige Reichspresfe- chef Dr. K i e p, der Botschaftsrat an der deutscljen Botschaft beim Vatikan v. Brentano, der Bot­schaftsrat an der Londoner Botschaft Dufour- F e r o n c e und der Gesandte in Warschau Ulrich Rauscher. Am aussichtsreichsten von den Kandi­daturen sei die von Dr. Kiep, jedoch wäre Dr. Kiep in seiner jetzigen Stellung schwer zu ersetzen. Zur Presseabteilung des Völkerbundssekretariats würde wahrscheinlich der jetzige Pariser Vertreter derGer­mania" und derKölnischen Volkszeitung", Dr. Psafferott, berufen werden.

Der deutsche Beitrag für bas Dölkerbunds- bubget für 1926 ist nunmehr endgültig festgesetzt worden. Deutschland wird danach dieselbe Annuität zahlen wie Frankreich, d. h. 76 800 Psund. Der diplo­matische Korrespondent desDaily Telegraph" be­merkt dazu, Deutschland würde eine höhere Annuität als Frankreich zu zahlen gehabt haben, wenn dieses nicht Einspruch erhoben hätte mit der Begründung, daß das französische Pre- stige Schaden erleiden könne, wenn bas Deutsche Reich als auf einem höherem Niveau als Frankreich stehend eingeschätzt werden würbe.

in verantwortlicher erhalten werden.

Staatsbezahung

Botschafter Schurman über Deutschland.

Reutzork, 25. Sept. (TH.) Der amerika­nische Botschafter in Berlin Schurman gab nach seiner Ankunft in Amerika folgende Erklärungen: Deutschland fei augenblicklich der Führer zum europäischen Frieden. D'.e Friedens- aussichten seien niemals so günstig gewesen, tote jetzt. Deutschland gebe allen, die ihm früher feindlich gegenüber gestanden hätten, ein gutes Beispiel, was ihm hoch angerechnet to erben müsse. Deutschlands guter Wille stehe, wie seine Säten beweisen, völlig außer Zweifel. Der beste Beweis seien die prompten Reparationszah­lungen Deutschlands. Als Anertennung dafür gilt, daß Deutschland als gleichberechtigtes Mitglied in den Völkerbund aufgenommen wurde. Wirtschaftlich und finanziell erstarke Deutschland immer mehr. Die republikanische Staatsform sei nunmehr fest begründet, und es seien weder von rechts noch links Putsche zu befürchten. Reichs­präsident v. Hindenburg sei in allen Volks­teilen äußerst beliebt und daher sei er die stärkste Stühe des Staates. Deutschlands Beziehungen zu Amerika seien die allerbesten.

Reichsfincrnzm Nister

Dr. Rernhow in Spanien.

Madrid, 26. Sept. (TU.) Reichsfinanzminister Dr. Reinhold ist am Samstagnachmittag vom König in San Sebastian in Audienz empfangen worden. Vorher hatte er Besprechungen mit dem Außenminister I a n g u a s, der zu Ehren des deut­schen Gastes ein Frühstück veranstaltete.

(Eine programmiere Hergts. Die Dcutschnationalen zur Mittarbeit bereit.

Hof, 26. Sept. (TH.) Auf dem Landes- Parteitag der deutschnattonalen Volkspartei in Bayern hielt Staatsminister a. D. Hergt, M. d. R., eine programmatische Rede, in der er sich besonders mit der Dölkerbundsta- gung in Genf beschäftigte. Er erkannte da­bei an, daß Stresemann eine kluge und packende Cintrittsrede gehalten habe, wies aber darauf hm, daß die Behauptung Stresemanns von einem Erfolg in Genf durchaus nicht zutrcffe. Die Gleichberechtigung, die angeblich in Genf erzielt worden sei, bedeute für Deutschland nur ein Vegetieren unter fremder Kontrolle. Die Militärkontrolle besteht weiter und wird in Zukunft wegen der vaterländischen Verbände erst recht bestehen. Diese Verbände aber seien eine Rottvendigkeit für ein teiederer- stehendes Volk. Briand habe von einer end­gültigen Verständigung mit Deutschland ge­sprochen. Frankreich besitze alles, was es brauche, um Deutschland niederzuhalten. Mit einem Deutschland in völliger Ohnmacht wolle Frank­reich Frieden schließen. Das deutsche Volk muß geweckt werden, um zu begreifen, was hiervon in Wirklichkeit zu erwarten und zu halten sei. Die Gesamtlösung, die Stresemann bringen trolle, hätten die Deutschnationalen von Anfang an verlangt, aber nicht eine Gesamtlösung auf solcher Basis, wie sie Stresemann int Auge habe. Man tue so, als ob wir heute alles mit Geld abmachen könnten. Aber wie könne auf der einen Seite eine Revision des Dawespaltes ver­langt werden und auf der anderen Seite mit vollen Geldsäckeln ausgewertet werden. Wenn erst einmal die Obligationen hinausgingen in die Welt, dann seien wir Schuldner der gan­zen Welt.

Diese Kritik, so betonte der Redner weiter, dürfe aber nicht zum Selbstzweck werden. Sie müsse ein Ende haben wenn gegebene Tat­sachen geschaffen seien. Das sei jetzt der Fall. Mit besonderer Betonung erfrört? Hcrgt, ein Pakt mit dem Auslande sei nicht grundsätzlich abzulehnen. Die Deutschnationalen feien durch­aus bereit, eine friedliche Verständigung mitzu­machen aber unter der Bedingung, daß d i e deutschen Lebensinteressen erhal­ten, daß die deutsche Würde gewahrt bleibe. Die Deutschnationalen erklärten sich nicht nur zur positiven Mitarbeit in den Regierungs- geschäften bereit, sondern sie verlangten sogar mit vollem Recht diese Mitarbeit. Sie machen den anderen Parteien keine Angebote, erklären sich nur bereit, überall dort mitzu­arbeiten, wo ihre großen Ziele im Auge ge­halten würden. Die Deutschnationalen wollten im Sinne der Vorschläge Jarres Mit­arbeiten an der großen Gemeinschaft der wirl- lichen staatserhaltenden Parteien.

Tanger.

Vor einer spanisch-italienischen ^lotLendemiM.rftratiott.

London, 27. Sept. 1WTB. Junkjpruch.) Der ücreefponbenf desDaily Ehronicle" in Tanger will erfahren haben, baß am nächsten Mittwoch eine spanisch-italienische Flotten- kundgebung vor Tanger veranstaltet wer­ben solle, an ber zwei große italienische Kriegs- schifv und ein spanisches Kriegsschiff ieiinehinen würden. Damit solle, wie man annehme, Eindruck bei den (Eingeborenen ebenso wie bei Frankreich unb Erfand fjcccorgerufen u.nb betont werden, daß 3 t a l i r n die spanischen Ansprüche aus Tanger n n i e c st ü h e. 3n Londoner diplomatischen Krei­sen würden durch die Handlungen Ecinnerungca an Agadir hcroorgerufen (Entsendung des brutschen KanonenbootsPanther" im 3uli 1911 zum Schulze der durch das Einrücken der Franzosen in Fez bedrohten deutschen Interessen). Richt nur Frankreich, sondern auch Großbritannicn fei an irgendwelchen Versuchen, eine Neuverteilung marokkanischen Küstengebiets vorzu­nehmen, interessiert.

Der Plan einer britisch- römischen Entente.

Die Zusammenkunft Chamberlain - Mnssorrni.Der (Acgenzug z» Thoiry.

London, 25. Sept. (WTB.) Der Bericht­erstatter dcsDaily Telegraph" in Rom schreibt, die Zusammenkunft zwischen Chamberlain und Mussolini werde anicheinend von sehr toeiten Kreisen in Rom lebhaft gewünscht. Der Plan, der Chamberlain unterbreitet werden soll, sehe den Abschluß eines Vertrages der Freund­schaft und gegenseitiger freundschaftlicher H.tter- stützung in allen das Mi11elmeer und öii allgemeine europäische Politik be° treffenden Fragen zwischen Großbritamien und Italien vor. Ein solcher Vertrag würde eine größere Reichweite haben und viel tiefere Inter­essen berühren als die anderen bisher zwischen Italien und seinen unmittelbaren Rachbarn obge- sch.ossenen Freundfchaftsverträge. Die Arteendung des Locarnopaktes und seine weitere in den Besprechungen zwischen Stresemann und Briand vorgeschlagene Entwicklung sei dazu an­getan, die europäische Lage vollständig umzu­gestalten. Wenn die Besprechungen von Thoiryzu einem wirksamen Einvernehmen | zwischen Deutschland und Frankreich