Sturm in Zchmalebsck
Roman von Sophie Kloerss. Copyright 1826 by Slug. Scherl G. m. b. H., Berlin.
7. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Nilins! Aber Nilins! Besterl Lerehrtester! Sie spielen ja immer meine Fausse an. Da — da geht mein Atoutkönig hin. O Mann, o Mann — und spielt seit dreißig Jahren."
„Siebenundzmcmzia", sagte Herr Nilius. „An meinem vierzigsten Geburtstag hab' ich erst begonnen. Ja, Ihnen fehlt unser Kantor, verehrter Freund. Der sah es an Ihren Augen, was er spielen sollte. Aber der leichtsinnige junge Mann ist auf der verspäteten Hochzeitsreise."
„Hochzeitsreise?" sagte Fräulein Moorwood, die aussah wie ein aus dem Rahmen gestiegenes Ahnenbild, und obgleich sie gar nicht laut sprach, horchte doch alles auf, „man sollte es nicht so nennen. Es hat einen Beigeschmack von Frivolität."
„Na, na. Die gute Rosen und unser alter, braver Mampert! Frivol."
„Sie lachen natürlich, lieber Rottmann. Sie stehen wie Zeus über allem, was uns anderen Menschenkindern ernst und heilig ist."
„Ja", fiel Adine Schnäpel, die ältere Schwester, eifrig ein. „Sitte und Anstand---wir haben
immer darauf gehalten in Schmalebeck. Und so allein in das Land hinauszufahren. Gleich bis an den Rhein —"
„Sie haben die Madam Reimers bei sich."
„Die schläft ja immer."
„Vielleicht kommen sie als Ehepaar zurück", warf Pastor Jessen dazwischen. Er suchte immer zu vermitteln. Der alte Herr stiftete lieber ein bißchen Wirrwarr.
„Als Ehepaar---" Alle Karten lagen plötz
lich auf den Tischen. Alle Gesichter wandten sich ihm zu. „Hat er Ihnen etwas gesagt, Herr Pastor? —"
„Können Sie sich da anderswo trauen lassen? — Hatten sie wohl Papiere bei sich? —"
„Es wäre das, einzig richtige. Wenn sie schon einmal so weit gegangen sind."
„Tatsächlich. Meine Schwester und ich" — das war wieder die Schnäpel — „wir haben schon zu
einander gesagt, es gehört sich doch nicht, daß sie danach noch im Whistklub--Warum lachen Sie
immer, Rottmann?"
„Lachen? So ernst ist mir. Ja, ich finde, wir müssen alle austreten. Das wollten,Sie doch sagen, Fräulein Adine?"
„Ach, Sie verdrehen wieder alles."
Die Sonne, im Sinken nach Westen, wars lohendes Licht in die Stube. Die blanken Tischplatten funkelten vom Widerschein. Jean Paul Friedrich Richter, der, zierlich in Goldbronze gegossen, auf der Pendule saß, lachte ordentlich. Die Schäfer und Amoretten im Spiegelschrank spähten aufgeregt durch die Scheiben — so lebhaft war es noch nie zugegangen im Whistklub.
„Gegen die Sitte? Jawohl", sagte der alte Herr. „Aber gegen die Sittsamkeit? Nicht mit einem Gedanken."
„Herrlich, noch mit sechzig Jahren so zarte Liebe zu finden", pflichtete Frau von Krog bei. „Uns anderen ist sie früh gestorben." Sie war einmal eine berühmte Schönheit am Kopenhagener Hof gewesen."
Wieder ernst und gewichtig die Stimme der Moorwood. „Der einzelne hat sich der Sitte zu fügen, die immer die Hüterin der Sittsamkeit war."
„Wenn mich Melanie Rosen mitgenommen hätte, ich wäre auch noch an den Rhein gefahren."
Da schrien die Damen alle: „Herr Nilius! Aber Herr Nilius!" und die Herren lachten.
Unten im Garten lauschte Ilse zum Fenster hinauf. „Was die nur heute haben? Sie scheinen ja ganz ihren Whist zu vergessen."
Und dann vergaß sie auch den Lärm droben, denn sie spielten „(Ein, zwei, drei, letztes Paar herbei", und sie lief los mit Georg Grützmann, und der blieb bald genug zurück. Sie aber wurde von Olaf Hammersmid, der so flink war wie ein Jagdhund, um den ganzen großen Rasen gehetzt und bis hinter die Fliederhecke, als sie ausbrechend durch die Pforte in den Nachbargarten flüchten wollte, war er plötzlich vor- ihr, und sie flog geradezu in feine Arme.
Er hielt es nie mit zu langem Besinnen. Blitzschnell war sie umfaßt, aber in der nächsten Sekunde — fein Mund war ihrer Wange schon ziemlich nah, — hatte sie die Hände gegen seine Brust gestemmt, und ihr Kopf warf sich nach hinten.
„Das steht nicht in den Spielregeln, Herr von Hammersmid."
„O Ilse, geliebte, süße Ilse!"
„Soll ich ihn hauen?" fragte Hans und drängte sich durch die Büsche. „Will er dich nicht wieder loslassen?"
„Ja, hau' nur, Hansel!" Aber ehe der kleine Bruder sich ganz herangemacht, lag ihr Arm schon sittsam in dem des Blonden, und Hans sah ihnen verdutzt nach. Große Leute waren immer komisch.
„Kommt ihr endlich wieder?" scholl es ihnen entgegen. Und Ilse sah neben der wartenden Jugend ihre Mutter und Frau Helene, und Frau Helene hatte ordentlich heitere Augen, und der verdrossene Zug um den Mund war gar nicht mehr zu sehen. Sie stand bei Georg Grützmann, der langsam ohne seine Dame zurückgetrottelt war, und redete auf ihn ein. „Wir sahen die neuen Wagen, Herr Grützmann. Gestern kamen sie hier vorbei. Ich sag' zu meinem Mann — er saß am Schreibtisch, — die Prediger sitzen ja ewig am Schreibtisch und über den Büchern, freuen Sie sich, daß Sie feiner geworden sind , sie hatte sich verheddert, — suchte den Faden, — ja so, die Wagen. „Und mit einemmal draußen solch Gerumpel, — ich ging an das Fenster, da kamen sie vorbei. Und gleich drei. Die müssen Ihrem Herrn Onkel ein schönes Stück Geld gekostet haben."
„Onkel hat sie vom Wagenbauer Frerichs in Hamburg. Jeder kostet hundertundsieben Taler, ja. Aber fest sind sie. Da können zwanzig Zentner drauf verladen werden." Wenn es auf das Geschäft ging, wußte er ganz gut Bescheid. „Mit der Eisenbahn, die sie nun von Hamburg aus bauen wollen, das war Onkel zu riskant. Und er sagt, wenn das was wird — bis dahin haben sich die Bierwagen längst rentiert."
„Sie schicken Ihr Bier bis nach Hamburg, nicht wahr?"
„Ja, und nach Kiel und Schleswig und Lübeck. Wir wollen jetzt noch ein neues Brauhaus bauen lassen. Onkel sagt, Schmakebecker Bier bekommt Weltruf."
Helene lächelte ihn so freundlich an, daß er ganz auftaute. Die meisten Menschen hatten keine Geduld, wenn er vom Geschäft erzählte. „Wie interessant Sie das auseinanderfetzen können, Herr Grützmann. Aber ich muß nun wieder zu meiner Cousine, wir wollen oben den Tisch für das Abend
brot richten. Die Jugend ißt ja wohl hier unten im Garten? — Sie müssen das mal meiner Friederike erzählen, die hat so viel Sinn für diese Dinge. Die praktischen Fragen des Lebens liegen uns Frauen doch immer am nächsten."
Niekchens Gesicht wurde dunkel. Mußte die Mutter immer hineintappen in Dinge, die ihr selber heilig waren? Wenn sie das wollte---es wäre
ja nicht so schwer gewesen, den schwerfälligen Georg zum Tischherrn zu erhalten. Nur ein Wort zu Ilse, nur ein Blick — die verstand so leicht, dann wäre das geschehen. Aber was ihr nicht entgegengetragen wurde, das wollte Riekchen Jessen nicht. Liebe — bas muß sein wie ein Wunder. Das darf nicht mit Kniffen und Listen gewonnen werden. Und wenn sie alle sagten, er sei dick und langweilig und schwer- fällig — sie hatte ihn eben lieb. Sie hatte einmal gesehen, wie er im Winter vor dem Stift, in dem die alten Leute wohnten, Mutter Siemers aufgehoben hatte, die da ausgeglitten war, und hatte der alten Person den Schnee vom Rock gestäubt und ihr die Krücke wieder in die Hand gedrückt und dabei wohl noch etwas anderes; denn als er sich davonmachte, murmelte er von „Kaffee und heißer Suppe", und die Alte rief Gottes Segen hinter ihm her. Riekchen, die im Dunkel Hinte,»- hex Pumpe stand und keinen Mucks von sich gab, hatte er nicht bemerkt. Und gut war mehr als schön und amüsant. Und wenn Ilse ihn nahm — der trug sie auf Händen. Aber Ilse hatte keine Augen für iyn, und nun war noch der Baron von Hammersmid da, der ihr gar nicht von der Seite ging. Aber diese eleganten dänischen Herren — vorne fix und hinten nix, sagte Madam Eggers von ihnen.
Mutter Eggers war nicht weit. Sie half bei folgen Gelegenheiten in den Häusern. Rührte die Mayonnaise, schnitt Heringssalat, spülte Tassen, hatte Augen und Ohren überall und sorgte, daß sie ihrem Fiete immer einen guten Happen mitbrachte. Heute war es besonders nötig. Fiete war aus der Arbeite- stunde gekommen und hatte sein Abendbrot nicht gehabt. In der Unruhe des Nachmittags war er vergessen worden. Und der dösige Bengel, könnt' er sich nicht melden? Was sagte er?: „Wenn der alte Herr mit Griechisch und Lateinisch gibt, das ist schon viel mehr, als daß ich die Gören arbeiten lass'. Ich werd' auch so noch satt werden."
(Fortsetzung folgt.)
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