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Nr. 175 Zweites Blatt

Der türkische Vulkan.

Don unserem Orientkorrespondenten.

Kairo, im 3uli 1926.

Die Einführung des Meuchelmordes als Argument politischer Auseinandersetzung wird mit Recht verurteilt. Wenn es jedoch einen Wilderungsgrund, einen entlastenden Umstand für einen politischen Mörder gäbe, wäre es der, daß freie Meinungsäußerung und jede Möglich­keit, ein politisches Ideal auf friedlichem Wege zu erreichen, durch eine tontrollose und tyranni­sche Regierung mit Faustgewalt verhindert würde, die Tat ist also sozusagen im Zustande .politischer Notwehr" vollbracht worden ist. Wenn es also einen solchen MilderungSgrund gäbe, die Derschwörer von Smyrna würden ihn für sich in Anspruch nehmen können.

3m Jahre 1924, nach Proklamierung der Republik, besah die. nicht zum wenigsten durch die militärischen, wie diplomatischen Erfolge Mustafa Kemals und seiner Freunde, befreite Türkei zwar ein Parlament, aber keinen Parla­mentarismus. Denn alle Abgeordneten gehörten einer einzigen, streng disziplinierten Partei an, wie dies zur Zeit des Derzweiflungslampfes gegen Griechenland und dessen europäische Alliierte wahrscheinlich auch am besten war. Aber das Parlament war eigentlich nur eine rein kemalistifche Parteiversammlung und gehorchte widerstandslos den diktatorischen Befehlen Mu­stafa Kemals. Bon einer Kontrolle der Regie­rungshandlungen konnte leine Rede sein. Mit dem Friedensschluh traten di« Unterschiede in Weltanschauung und politischer Auffassung wie­der mehr in den Bordergrund und im Rovember 1924 bildete sich im türkischen Parlament «ine neue Partei, welche sich ..Republikanische Fort­schrittspartei" nannte und welcher die hervor­ragendsten Mitkämpfer Mustafa Kemals und Mit­begründer der türkischen Freiheit, die Generale Kiasim Kara Bekir Pascha, Ali Fuad und Refat Pascha, Reuf Bey. der berühmte Kapitän der Hamidie", Bekir Sami Bey, früher Botschafter in Paris und andere der besten Köpfe des Landes angehörten. Die neue Partei, welche sich unter anderem Bekämpfung der Korruption zum Programm machte, trat in Opposition zur Negierung und damit schien ein heilsames Gegen­gewicht gegen die herrschende Varteidiktatur, und «in kontrollierendes Organ gegenüber jeder Art von Mißbrauch der Regierungsgewalt geschaffen. Man konnte von der Geburt eines türkischen Parlamentarismus sprechen.

Nahezu zwei Jahre später, anläßlich des Smyrnaer Attentatsprozesses, frug derBorsitzend« des Gerichts den mitangeklagten General Kia­sim Kara Bekir Pascha, warum dieser, eine Persönlichkeit, deren Verdienste bekannt seien, die sich im Freiheitskriege ausgezeichnet, und die neue Republik mitbegründet hätte, sich dann abgewandt hätte und zur Opposition übergegan­gen sei. Kiasim Kara Bekir Pascha gab folgende interessante Antwort:Zur Zeit des Waffen­stillstandes, als unser Vaterland in Not war, haben wir Hand in Hand gearbeitet unZ> den

Mustafa Kemal Pascha zum Präsidenten gemacht. Damals war er die einzige Macht, die einzige Stütze des Landes. Doch bei jeder Revo­lution drängen sich, weirn das Ziel erreicht ist minderwertige Menschen heran. Nach der Lausanner Konferenz begannen die Meinungs­verschiedenheiten zwischen 3sm«t Pascha und Reuf Dey. Als in der Umgebung des Gasi ge­wissenlose Parasiten auftauchten, war es für seine alten Kameraden unmöglich, die alten Wege mit ihm und 3smet Pascha zu gehen. Obgleich alle Zeitungen schrieben, wir seien fanatischer als die Geistlichen und auf Seiten des Kalifen, haben wir alles geduldig angehört und ich versuchte immer wieder, den Zwiespalt zwischen 3smet Pascha unb Reuf Dey zu überbrücken. Später kamen bie militärischen, wirtschaftlichen und Schulreformen heraus. Es wurde verbreitet, daß wir gegen Re­formen seien. Das war eine Verleumdung. Wir waren nur gegen Art und Form dieserReformen." Diese Erklärung des populären türkischen Gene­rals verrät, daß nicht nur Gründe rein poli­tischer, sondern auch solche persönlicher Natur zur Trennung Mustafa Kemals von seinen alten Kampfgeirossen geführt haben. Tatsächlich behaup­ten die politischen Gegner Kemal Paschas, daß dieser sich seit etwa zwei Jahren in seiner Villa zu Tschankaia bei Angora mit einerTafelrunde" zweifelhafter Clemente umgeben habe, welche durch das Dand gemeinsamer Vergnügungen mit

Der Hund des Aubry.

Die Gestalt der Schauspielerin Karoli re 3age- mann, die als Geliebt« des Herzog Karl August in der Gesellschaft und im Kulturleben von Wei­mars klassischer Zeit eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat, erschien bisher in der ungünsti­gen Beleuchtung chrer Goethe-Gegnerschaft, da sie als einflußreichste Schauspielerin des Wei­marer Theaters notwendig mit dem Intendanten Goethe in Konflikte kommen mußte. Nun stellt sie sich uns in eigenem Licht dar in denEr­innerungen", die im S i b y l l e n - De r l a g zu Dresden, reich kommentiert und durch viele unbekannte Briefe aus ihrem Nachlaß ergänzt, von Prof. Eduard v. Bamberg herausgegeben werden. Ihre Darstellung, die sie in ihren Be­ziehungen zum Herzog von menschlich sympathi­scher Seite zeigt, widerspricht in vielem dem. waS die Goetheforschung bisher angenommen, und hält besonders mit einer scharfen Kritik der Goetheschen Theaterleitung nicht zurück. Auch der viel besprochene Skandal, der zu Goethes Rücktritt führte, erfährt durch sie eine abweichende Schilderung und eine psychologisch vertiefte Er­klärung. Goethes Interesse am Theater hatte seit 1815 immer mehr abgenommen. Karolin« betont in ihren Aufzeichnungen, daß er die OkS- teilung der Rollen und die 'Bestimmung des Re- pertoirs seinen Mitarbeitern überlieh und nur ausnahmsweise in den Sitzungen und Proben erschien. Zu Anfang des Jahres 1817 lieh er seinen Sohn August in die Theaterintendanz eintreten, damit er die Dermittlung im Verkehr mit den Schauspielern übernehme. Er hatte sich also bereits so weit von diesem, ihn einst so sehr beschäftigenden Tätigkeitsgebiet zurückgezogen, daß ein unbedeutender Vorfall genügte, um ihn zum völligen Rücktritt zu veranlassen. Es war dies das Auftreten des Wiener Schauspielers Karsten mit seinem dressierten Pudel in dem StückDer

Gießener Anzeiger sGeneral-Anzeiger für Gberhessen)

Dienstag, 27. Juli 1926

&«m Gasi verbunden, auf diesen einen für die Geschicke des Landes und für ihn selbst unheil- vollsten Einfluß ausgeübt hätten, insbesondere sein Mißtrauen und seine Eifersucht gegen di« alten Mitkämpfer wachgerufen und zu krankhafter Spannung zu steigern verstanden hätten. Die Richtigkett dieser Behauptung und ihrer Details vorausgesetzt, würde dies das historische Bild des türkischen Diktators mit nickst zu tilgenden Flecken versehen.

Wenige Monate nach Gründung der Oppo- sitonspartei brach der Kurdenauf stand aus. Es gelang der Umgebung des mißtrauischen Ke­mal Pascha unschwer, ihn von der wenigstens indirekten Mitschuld der neuen Partei zu über­zeugen. Es wurden die berüchtigtenaußerordent­lichen Unabhängigkeitsgerichte"' eingeführt, die Pressefreiheit praktisch aufgehoben, zahllose Dlut- urteile gefällt und nicht völlig willfährige Re- dcttteure gerichtlich verfolgt. Damit war eine ungesunde Atmosphäre, wie einstmals zur Zeit Abdul Hamids geschaffen und ein höchst gefähr­licher Weg beschritten worden.

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Trotz gegenteiliger Versicherungen ist es dem Kenner der Verhältnisse zweifellos, daß seit der Vertreibung des letzten Kalifen der größte Tell des türkischen Volkes nicht mehr mit Mustafa Kemal geht. Die bekannten dilettantischen, oft selbst kindischenReformen", wie zum Beispiel der Hütezwang, dem Türken wesensfremde und überdies zwecklos und unsittlich erscheinende Neuerungen brachten es mit sich, daß nur die Furcht vor Polizei und Dlutgericht den türki­schen Untertanen noch den Mund verschließt. Allerdings kam es zum Kurdenaufstand, zu den Revolten gegen den Hütezwang in Oberanatoften usw. Diese Kette von Unruhen zeigte völligen Mangel an Organisation und bewies dadurch mehr als alles andere die Echtheit der öffent­lichen Meinung. Mustafa Kemals neue Freunde aberentdeckten" und wollten entdecken großzügige Verschwörungen. So reihte sich in der Türkei ein Derschwörerprozeß an den andern. Von Anfang an wurde versucht, die Oppositions­partei in diese Prozesse mit zu verwickeln. Trotz­dem dies nicht einwandfrei gelang, wurde schon im Vorjahre diese Partei kurzerhand aufgelöst. Heute ist das Land der Willkür einer von einer kleinen Gruppe gehandhabten Parteidiktatur wehrlos ausgeliefert. Sie8 und die unter der Oberfläche vulkanähnlich brodelnde Volksstim- mung ließen tatsächlich in einigen Köpfen den Plan zu einem Attentat auf den Diktator reifen. Der Plan wurde entdeckt und es bot sich den Leutenum Mustafa Kemal" eine neue Gelegen­heit, mit den großes Ansehen genießenden alten Kampfgenossen des Gasi abzurechnen, eine Ge­legenheit, die sie sich nicht entgehen ließen. Das ist die Bedeutung des Attentatsprozesses von Smyrna.

Die Geschichte lehrt, daß es nur ein Mittel gibt, Konspirationen ihre Gefährlichkeit zu neh­men einerseits eine strenge Verfolgung jeder mit Mord und Waffengewalt operierenden inner» politischen Tätigkeit, andererseits aber die Mög­lichkeit einer loyalen politischen Betätigung im Rahmen eines weitherzigen, die freie Meinungs­äußerung gewährleistenden Gesetzes. Lind kein besseres Mittel gibt es, Verschwörer zu züchten, als die Herrschaft der Gewalt, welche glaubt, des Sicherheitsventiles dieser politischen Freiheiten entbehren zu können.

Das DramaMustafa Kemals Glück und Ende" nimmt seinen naturnotwendigen Verlauf.

Znkunstseiüwicklung der deutschen Elektrizitätswirtschaft.

Immer deutlicher zeichnen sich in der deut­schen Elektrizitätswirtschaft zwei große Haupt­gesichtspunkte ab: Die Notwendigkeit der Heran­bringung der wichtigsten Verbraucher­reviere an die günstigsten Erzeugungs­stellen, sowie die Herausbildung ganz großer Elektrizitätsversorgungsgebiete.

Da die Erzeugung und der Verbrauch an Elektrizität in Deutschland viel geringer als in anderen Ländern ist, bietet die Elektrizitäts­versorgung gerade in Deutschland außerordent­liche Entwicklungsmöglichkeiten. Zweck einer vor- ausschauenden Elektrizitätspolitik ist «s nun, schon jetzt für die künftige Entwickluiig die Grundlage zu schaffen. Bisher begnügte sich die deutsche Elektrizitätswirtschaft mit einer Konzentrierung

Hund des Aubry". Da Goethe das Gesuch Karstens um öin Gastspiel abschlug, wandte dieser sich an die damals bereits zur Frau von Heygen­dorfs erhobene Iagemann, die das Gesuch an den Grohherzog weitergab.Ich habe nichts anderes getan," sagt sie in ihrer Schilderung, als was ich in solchen Fällen zu tun ge­wohnt war, und den Großherzog benachrichtigt. Es ist mir nicht in den Sinn gekommen, den Pudel für einen denkenden Schauspieler zu er­klären, noch sein Auftreten für eine Entweihung des Weimarischen Theaters zu halten, das genug Stücke zur bloßen Unterhaltung gab.

Sie betont, daß es allerdings zwischen Karl August und Goethe in bezug auf Hunde keinen größeren Gegensatz gab:Goethe erklärte bie Hundeliebe des Menschen aus der servilen Qlatur des Tieres, litt in seinem Hause weder Huiid noch Katze und schloß sie ebenso vom Theater aus. Dagegen erfreute sich der Grohherzog an den geistigen Fähigkeiten (vulgo Instinkt) der Hunde, hatte immer eine Menge um sich und gestaltete ihnen die größten Freiheiten, so daß sogar fern großer Wasserhund meinen kleinen Jolly ungestraft totbeiften durfte. Kein Wunder, daß ihn auch die mimischen Fähigketten inter­essierten." Als Goethe in der nächsten Inten­danzsitzung den Befehl des Herzogs zur Auf­führung des Stückes erfuhr, erklärte er:Schon unsere Statuten bestimmen, daß kein Hund auf dem Theater erscheinen darf." Er reiste dann nach Jena und gab eine vorläufige Mitteilung über seinen Rücktritt, der das formelle Ent- lassungsgesuch an den Großherzog nachfolgte. Unterdessen warDer Hund des Aubry" am 12. April 1817 mit viel Beifall gegeben worden. Karl August gewährte die Entlassung in freund­lichster Weise und befreite Goethe von allen Unannehmlichkeiten seiner Stellung, bat ihn aber um seine weitere geistige Einwirkung und Anteil­nahme. Die Harmonie zwischen Goethe und dem Herzog war bald wieder her gestelltDer Groh-

der Elcktrizitätserzeugung auf Braun- und Stein­kohlengruben, die zu den Hauptabsaygebieten eine günstige Lage hatten. Mit dieser Methode wird man aber in Zukunft nicht mehr aus- kommen können. In Fürsorge für den kommen­den Bedarf müssen auch andere Energie- guellen erschlossen werden: Wetter ist möglichst gleichmäßiger Verbrauch und damit auch gün­stiger Spihenausgleich zu schaffen: schließlich ist es noch notwendig, den bisher mit Kohle ge­wonnenen Strom im Preise konkurrenzfähig zu halten mit den teilweise viel niedrigeren Er­zeugungskosten anderer Energiequellen.

Diese drei Forderungen sind nicht einfach zu lösen, zumal für so große Etromvcrsorgungsge- biete wie z. D. der rheinisch-westfälisch«. Hier hat man jedoch in bet letzten Zeit eine Losung gefunden, die auch für andere Ge­biete unter Umständen vorbildlich werden fanjt Die Grundidee besteht darin, das große rheinisch-westfälische Stromversor­gungsgebiet an den Wasserüber- schuß der Alpen heranzubringen. die sich wie ähnliche Vorgänge in Frankreich, in Italien und Oesterreich zeigen anscheinend immer mehr zu der großen Elektrokraft­quelle Mitteleuropas entwickeln. Diesem Zweck soll eine 220 000 Volt-Leitung dienen, bie vom Kölner Revier nach Süddeutschlanb gehl: sie ist schon bis Mannheim gebieten; ihrer Weiterführung unb ihrem Anschluß an die Was­serkraftreservoire Voralbergs, Bayerns und der Schweiz steht nichts mehr im Wege. Der auf dieser Leitung nach Rheinland unb Westfalen lommenbe Strom soll aber nicht nur bem un­mittelbaren Bedarf des eigentlichen Verbrauchers dienen, sondern er soll vornehmlich auch unter geschickter Ausnutzung der Wasserkräfte der Eifel während der Nachtzeit Kraftquellen schaffen, die tagsüber als Elektrizität dem gesteigerten Tages­bedarf zugeführt werden sollen. 3m Endergebnis käme man also dahin, daß in Zukunft die Elek­trizitätsversorgung Rheinlands und Westfalens direkt oder indirekt in der Hauptsache mit Wasser ström vor sich ginge, während der Braun- unb Steinkohlenstrom vornehmlich zum Spihenausgleich herangezogen würde.

Die Qleta der kleinen nur auf ein besonderes, mehr oder weniger eng begrenztes Kommunal­gebiet sich erstreckenden Elektrowerte, die ledig­lich auf Kohle als Betriebsstoff angewiesen sind, dürfte vorbei sein angesichts des Riesenumfanges der noch bevorstehenden Ausgaben, von denen eine hier kurz skizziert wurde. Anders liegt die Sach« indessen hinsichtlich der Werke, für die die ausgebaute Wasserkraft an natürlichen Wasser­läufen ober Seen als Antriebskraft in Betracht kommt. Die Zukunft wird hiernach in den meisten Fällen wohl den Unternehmungen gehören, bei denen privatwirtschaftliche Initiative und indu­strieller Weitblick, die immer wieder neue An­regung in den täglich sich ändernden Vorgängen des Wirtschaftslebens schöpfen, ihre Ergänzung finden in der sorgsam abwägenden, vorsichtig handelnden Vertretung allgemein öffentlicher Interessen.

Die notleidende Bienenzucht.

Kurz vor den Ferien des Reichstages hatte der volksparteiliche Reichstagsabgeordnete Hepp mit einer Anzahl Abgeordneten anderer Parteien einen Antrag eingemacht, der in An­betracht der Notlage der deutschen Bienenzucht eine Befreiung des zur Fütterung verwandten Zuckers von der Steuer vorsieht. Da der Reichstag in den nächsten Mo­naten nicht in der Lage ist, diesen Antrag zu behandeln, andererseits aber die Notlage der Bienenzucht ganz außerordentlich groß ist und irgendwelche abwartende Haltung nicht zuläht, hat Herr Hepp an den Reichsfinanz­minister eine Eingabe gerichtet, sofort die in dem erwähnten Antrag geforderten Maßnahmen zu treffen.

Zur Begründung hat er über die Lage der Bienenzucht folgendes mitgeteill: Die Zahl der Bienenvölker im Deutschen Reich beträgt nach der Feststellung bei der Zählung im Jahre 1925 1 534 089 Stück. Irn Jahre 1912 betrug Sie Zahl 2299546 Stück, also ein Rückgang von ca. 1/. des Bestandes. Es besteht die außerordentlich große Gefahr, daß zum Nachteil der Vollsernäh- rung, für die der gehaltreiche Bienenhonig ein wichtiges Nahrungsmittel darstellt, der Bestand der Bienenvölker gerade in diesem Jahre mit Bezug auf bie besonders ungünstigen Witterungs-

Herzog," so schließt die Iagemann ihre Dar­stellung,glaubte die Intendanz wieder aus lebensfähigen Fuß gestellt zu haben und wurde nicht wenig betroffen, als sich Goethe entschloß, ihr Valet zu fachen. Die möglichsten Konzessionen, die seiner Theatermüdigkeit gemacht waren, ver­mochten ihr nicht aufzuhelfen, er verleugnete feine früheren Repertoire-Grundsätze und zürnte prin­zipiell über Eintagserscheinungen. Gab es jeman­den, der seiner Ansicht widersprach, daß eins Kunstanstalt beständig nach dem Höchsten streben müsse? Hatte er aber dem Theater nicht zu- gestanden, daß es auf Llnt er Haltung und Neuig­keit Rücksicht zu nehmen habe? Nur dadurch, daß er den Dudenprinzipalen in dieser Taktik folgte, war es ihm möglich geworden, den Fortschritt der weimarischen Schule durchzusetzen, und leicht wäre der Nachweis, daß er eine Unmenge Stücke gegeben hat, die den Hund des Aubry nicht übertrafen. Aber damals besaß er Elastizttät und frischen Jugend mut, hatte Ziele vor Augen und ging in der Aufgabe auf, während er durch die beständigen Reibungen und unablässigen Kämpfe allgemach mürbe getoorben war und sich auf das Altenteil zurückgezogen hatte, das es im Leben eines Theaterdirektors schlechterdings nicht geben darf. Statt des früheren tätigen Mttarbei- tens schrieb er jetzt Akten und Reglements, und seine letzten Inszenierungen nach jahrelanger Untätigkeit erbrachten in ihrer formalen Er­starrung den Beweis, daß er den Zusammenhang mit der Schauspielkunst verloren hatte. Während das Publikum nach Bekanntgabe des grohherzog- lichen Reskripts, das unbeabsichtigt wie eine Maßregelung wirkte, für Goethe Partei ergriff, stand der gesamte Hof auf des Groß Herzogs Seite, natürlich ohne bie Hochachtung für den Dichter und Weisen zu vergessen, die dieser ebenso wenig außer Acht lieh. Er war sogar geneigt, Goethes Widerspruch nicht als Auf- lehnung gegen seinen Willen, sondern als Prin- zipienreiterei zu betrachten, wie das Atter sie

Verhältnisse einen weiteren starken Rückgang erfährt. Es ist fest gestellt, daß bisher, abgesehen von ganz geringen Ausnahmen, überhaupt kein Honig geerntet werden konnte. Um bie Bienenvölker zu erhalten, wird seit Monaten N o t f u t t e r in Form von Zuckerlösung ge­reicht. Da in den Bienenstöcken jeglicher Futter­vorrat fehlt, in Anbetracht des andauernd schlech­ten Wetters auch Einbringung von Futter durch die Bienenvölker nicht zu erwarten ist, sind zum Zweck der Erhaltung der vorhandenen Bestände durch die Bienenzüchter ganz außerordentlich hohe Aufwendungen bereits gemacht worden Nach sachverständiger Berechnung ist unter den jetzigen Verhältnissen für ein Bienenvolk ein Zuck er bedarf in Höhe von 40 Pfund erforderlich. Für den Bienen­bestand des Reiches, mit zirka l.ä Millionen Bienen- Völker angenommen, bedeutet dieses einen Bedarf von zirka 300 000 Doppelzentner. Der Stcucrnadj- laß hierfür wäre eine Belastung für das Reich, die jedoch gleichzeitig der Rettung der deutschen Bienenzucht dienen würde. In diesem Zusam­menhänge sei auch gleichzeitig auf die Bedeutung der Bienenzucht für Obst-, Samen- und Gemüsebau hingewiesen. Da in der Tat die Angelegenheit mit außerordentlicher Dringlichkeit zu behandeln ist, so wäre es zu begrüßen, wenn der Herr Reichsfinanz­minister sofort die erbetenen Maßnahmen veran­lassen würde.

Landvolktag in Lich.

D Lich, 26. Juli. Am gestrigen Sonntag hatte Lich einen großen Tag. Der Hessische ßanbjugcnbbunb veranstaltete seinen Land volktag, der eine große vaterländische und heimatliche Kundgebung wurde und auf die Bewohner der näheren und weiteren Umgebung eine gewaltig« Anziehungskraft ausübte. Aus nah und fern kamen sie zu Tausenden, teils mit der Bahn, teils auf schön geschmückten Wa­gen herbei, um ihrer vaterländischen Gesinnung und dem Gefühl der Zusammengehörigkeit des Landvolkes Ausdruck zu geben. Die Feststadt hatte es an nichts fehlen lassen, den Gästen einen würdigen Empfang und angenehmen Aufenthalt zu bereiten. Die Hauptstraßen der Stadt bildeten ein einziges Flaggenmeer, aus dem die alten Reichsfarben, die hessischen Farben und die Far­ben des Sicher Fürstenhauses besonders hervor- leuchteten. Die Häuser waren mit Girlanden und Wimpeln prächtig geschmückt.

Groh war schon der Andrang zum Empfanzöabend am Samstag.

In stattlichem Zuge zog die Festgemeinde von der Landwirtschaftlichen Schule aus nach der Festhalle, wo unter den Klängen des Fridericus Rex-Marsches und unter lebhaftem Beifall der Einmarsch der Fahnen und Danner erfolgte.

Nach einem von Frl. Lina Fey- Lich ein­drucksvoll vorgetragenen Festprolog ergriff der 1. Vorsitzende des Hessischen Landjugendbundes, Robert Schmidt- Steinheim, das Wort zur Begrüßung der Gäste. In markigen Worten sprach er von der Siebe zum Vaterland und zu der Heimat und zu dem heimatlichen Mutter­boden, er pries die Einheit aller Volksgenossen als das erstrebenswerteste Ziel, die Einheit müsse über allem anderen stehen und Klassenkampf und Klafsengeist unter sich begraben. Deine Worte fanden reichen Beifall.

Bürgermeister Völker begrüßte die Der- fammlung und insbesondere die auswärtigen Gäste namens der Festftadt. Er sprach seinen Dank dafür aus. daß man Sich als Festort ge­wählt hab«, und fand anerkennende Worte für die deutsche Sandwirtschaft.

Seit Höhepunkt der Tagung bildete bie Weihe des neuen Ba nners der Ju­gendgruppe Sich. Die Weiherede hielt Dr. Rohberg - Giehen. der auf die hohe Bedeu­tung der Landjugendbunbidee hinwies. Der Ju­gend gelte seine Mahnung zum Zusammenschluh und zum Zusammenhalt, denn was der Senz nicht säte, das könne der Sommer nicht reifen. Für den Bauernstand gebe es nur eine Parole: Deutschland! Das Hoch des Redners galt dem deutschen Vaterland. Das Danner zeigt die Far­ben grün und gold, grün als die Farbe her Natur, gold als bie Farbe der reifenben Aehre. Es trägt den Spruch:Gut beutsch allewege" unb «zeigt als wichtigste Embleme den Dunb- schuh unb bie alten Farben schwarz-weih-rot.

Anschließenb an bie Weihereb« würbe von Fr. B a n b i s, Giehen, ber Fahnenschwur von Ernst Moritz Arnbt vorgetragen. Es sprachen auherbem noch Tierarzt Dr. Walter, Sich.

liebt: überhaupt ließ er sich von seinem großen Freunde gern überzeugen, nur bas stolze Lieber- sehen seiner unschuldigen Wünsche nahm er übel. Dieser war vielmehr ausgesprochener Despot, wie er bei verschiedensten Gelegenheiten deutlich be­wies . . . Der Abgang Goethes vom Theater war m einem Alter, das den aufregenden An­strengungen nicht mehr gewachsen war, eine sehr natürliche Sache; sobald der Vorhang gefallen war, hatte der Hund seine Rolle ausgespielt, das unvergängliche Verdienst des Dichters um das Theater bleibt bestehen, solange ein solches existiert." 296

Eine nachdenkliche Geschichte.

Eine Geschichte, die, wenn sie nicht wahr, doch gut erfunden ist, wird in ber Pariser Zei­tungComoedia" erzählt. Ein ehrsamer Hand­werker war wohlhabend geworden und wollte sich modem einrichten. Da man ihm sagte, daß ein reicher Mann heutzutage auch eine Gemälde­galerie besitzen müsse, so tat er sich bei den modernsten Kunsthändlern um, besichtigte einge­hend die Dilder, bedankte sich und ging fort, ohne zu kaufen. Er erwarb vielmehr Leinwand und Farben und wandte sich dann an seinen achtjährigen Enkel, indem er ihn ermunterte, mit den Farben auf der Leinewand hinzumalen, was er sehe und was ihm einfiele. Er gab ihm auch einige bunte Dilder zum Kopieren. Das Kind beschmierte sich erst tüchtig mit den Oel- farben, beschmutzte Tische unb Möbel, machte sich bann aber an bie Arbeit und brachte ein Dutzend schrecklicher Pinseleien zustande. Der Großvater war durchaus nicht enttäuscht. Auf bie entrüste­ten Rufe ber Seinen erwiderte er:Ich habe schon Schlimmeres gelehen!" Er ließ bie Klecksereien prachtvoll rahmen, hielt den Kleinen bazu an, wacker weiter zu malen, und schuf sich so auf billige Weife eine Galerie moderner Kunst. Ein Amerikaner soll ihm schon 100 000 Franken geboten haben!