Nr. 121 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfenl
Donnerslaa, 27. Mai 1926
Großmächte
Den Streitigkeiten über die Zusammensetzung des Dölkerbundsrates liegt in der Hauptsache die schwierige Abgrenzung des Begriffes der „Gros; machte" au- gründe. Da Einstimmigteit darüber zu cherrschen scheint, daß daS Deutsche Reich trotz seiner militärischen Entwaffnung unbedingt als Großmacht zu behandeln ist, so ist offenbar jene Auffassung endgültig preisgegeben, die die Einreihung eines Staates in diese Klasse allein von feinen kriegerischen Machtmitteln abhängig wissen wollte, die ihm eben erleichtern sollten, Schwächere durch Drohungen seinem Willen gefügig zu machen. Aber auch eine rein mechanische Abschätzung seiner Bevölkerung wird tatsächlich nicht als eine geeignete Grundlage für solche Klassifizierungen empfunden: den Gedanken. das 400 Millionen zählende Lhina einzureihen. wird unter den gegenwärtigen Derhält- nissen noch jeder nicht von theoretischen Konstruktionen befangene Richtchinese abweisen. Cs spielen eben historischeZusammenhänge in dieser Frage zweifellos eine bedeutsame Rolle mit.
Der Ausdruck hat überhaupt wohl erst im 19. Iahrhun-dert. in der Periode nach Rapo- leons Riederwerfung, seine allgemeine Anwendung gefunden. Jahrzehntelang ist immer von f ün4 Großmächten die Rede gewesen, mit denen England, Oe st erreich, Preußen Frankreich und Rußland gemeint waren. 5m siebten Jahrzehnt wurde dann allmählich das neu entstandene Königreich Italien als sechste in den Kreis aufgenommen. Dagegen dachte damals noch niemand daran, die Bereinigten Staaten von Nordamerika mitzuzählen: hauptsächlich wohl, weil sie grundsätzlich, in konsequenter Verfolgung ihre Wonroe- Lehre. sich bis Ende des Jahrhunderts jeglicher Einmischung in auheramerikanische Streitfragen enthielten. Heutzutage ist ihre Einbeziehung selbstverständlich geworden, ohne daß ein bestimmtes Datum für deren Beginn bezeichnet werden kann. Dagegen gilt als eine feste Datierung für Japans „Erhebung" zur Großmacht der siegreiche Ausgang seines Krieges gegen Rußland im Jahre 1905: das fand seinen Ausdruck in der Rangerhöhung seiner Gesandtschaften in Tokio zu „Botschaften": obwohl solche amtliche Abstempelung an sich nicht für die Wertung der betreffenden Staaten entscheidend ist, sondern auf konventionellen Rücksichten, wie im Falle Spanien, beruhen kann. Geschichtliche lleberlieferungen wirten besonders auch in dieser Beziehung mit. Spanien z. B. hat zweifellos im 16. und 17. Jahrhundert eine Großmacht ersten Ranges dargestellt: mag auch Posas Aeußerung bei Schiller: „Alle Könige Europas huldigen dem spanischen Rainen", ein klein wenig übertrieben klingen, beiläufig waren die europäischen Machtverhältnifse am Schlüsse des 17. Jahrhunderts so verlagert, daß man damals, wenn der Begriff schon entwickelt gewesen wäre, neun Grohmächle statt der späteren fünf hätte rechnen können, nämlich: den deutschen Kaiser als Herrn der später unter dem Ramen Oesterreich zusammengefaßter Länder (das Kaisertum de« heiligen Römischen Reiches hatte an sich seine Bek^utung eingebützt), dann die acht Staaten England, Frankreich. Holland, Schweden, Spanien, die Türkei, Po - l e n und Venedig. Rußland und Brandenburg hatten vor 1700 noch nicht die gedachte Rangstufe im Rate der Böller erreicht. Rußland wurde im wesentlichen auch noch als rein asiatisches Land betrachtet.
68 mag vielleicht von Interesse sein, auch die älteren Perioden der Weltgeschichte auf die Machtvvchällnisse der in chnen eine Rolle spielenden politischen Gebilde hin in diesem Sinne zu prüfen. Von einem System der „Großmächte" nach modernem Zuschnitte konnten natürlich weder in der Frühzeit der kleinen griechischen Stadtrepubliken die Rede sein, noch damals. als das Imperium romanum die gesamte Wittelmeerwelt umspannte. Allein an deren östlichem Rande hatte sich in dem Par- t h e r r e i ch e ein« Wacht entwickell, die besonders wegen ihrer räumlichen Entfernung bis zu einem gewissen Grade der römischen das Gleichgewicht hielt. China mag vielleicht damals schon an politischer Bedeutung dem Römer- reiche ebenbürtig gewesen sein (an Volksmenge ühcdcaen), aber der mittelländische und der fernöstliche Kulturkreis berührten sich nicht, so daß ein Gegeneinanderstreben nicht in Betracht kam. Während der Jahrhunderte der Völkerwanderung aber behielt das österreichische Reich seine Bedeutung als Großmacht, die ihm
in der Hauptsache bloß von den Persern strittig gemacht wurde, während die auf den Ruinen des westlich entstandenen Sermanenstaates durch ihre Zersplitterung verhindert wurden, denen Erbschaft anzutreten. Allein das Hunnen- reich Attilas, um dessen Hofhaltung in einem Dorfe der Theißebene ja auch die Gesandten Konstantinopels und Persiens herum - schwänzelten, hatte Anspruch auf einen solchen Titel erheben können. Später erlangte dann das Frankenreich im Westen jene Rangstellung. und ziemlich gleichzeitig im Osten das Kalifat von Bagdad, das aber beinahe noch schneller als das Erbe, Karls des Großen durch Zersplitterung geschwächt wurde. Karl und Harun haben bekanntlich durch Austausch von Gesandtschaften gogenseitig ihre Ebenbürtigkeit ärmlich anerkannt: weitsichtiger als ihre Rach- olger. die die religiöse Trennung als eine zureichende Ursache zu grundsätzlicher und dauernder Verfeindung auffaßten. — Der alleinigen westeuropäischen Großmacht des R ö m i - s ch en Reiches deutscher Ration tritt erst int 13. Jahrhundert Frankreich mit annäherndem Gleichgewichte der Kräfte gegenüber: Haupt- sächlich durch die Schlacht bei Bouvinss (1214), in der mit Kaiser Otto IV. zusammen der Herr- scher des französisch-englischen Anjoureiches über- wunden wurde, solango dar mächtigere Rebenbuhler des ,.Grafen von Francien". Dis 1500 hat sich dann allmählich das oben dargestollte System der Großmächte, entwickelt: nur daß damals noch Portugal mitzuzählen war, Schweden und Holland abea noch nicht.
Vie nationale Internationale.
Jeder Gedanke einer großen, alle Völker umspannenden inneren oder äußeren Gemeinschaft hat etwas Packendes und verleiht von Anfang an eine gewisse Macht. Diese Wiickung hat auch die geistige Bewegung des Sozialismus schon früh erkannt und deshalb die Betonung des Gemeinschastsgedankens in dem Wort , Internationale" geradezu zu ihrem zweiten Ramen gemacht. Kaum irgendwo stärker als in Deutschland hat dieses Schlagwort seinen Einfluß auf die Massen geübt, nirgends hat es die Menge so blind gemacht gegen die grundlegenden Llnterschiede in der sozialen Bewegung der einzelnen Staaten und ihren in sich so verschiedenen kulturellen und ökonomischen Voraussetzungen. Wohl haben die sozialistischen Führer diese Unterschiede gesehen. Aber sie waren ihnen jederzeit unbequem, weil sie dem Schematismus widerstrebten, zu welchem die materialistische Geschichtsauffassung notwendig hatte führen müssen. Darum sind diese Unterschiede außerhalb des Sozialismus immer schärfer bemerkt und ernsthafter untersucht worden als von den Sozialisten selbst. Heute, wo gerade der deutsche Sozialismus, in einer immer stärker werdenden inneren Krise begriffen ist. wo die Arbeiterbewegung langsam einer neuen Lösung entgegenzugehen scheint, ist eine klare Aufzeigung zwischen dem deutschen Sozialismus und jenem in den großen Demokratien deS Westens von besonderer Rotwendig- keit. Die muh der Aufmerksamkeit der allerweitesten Kreise begegnen, wenn sie von einer Stelle erfolgt, die der sozialen Frage schon eine Reihe hochbedeutsamer, fachlicher Veröffentlichungen gewidmet hat. Das neue Sonderheft der Süddeutschen Monatshefte »Die Sozialdemokratie in Frankreich und England" vereinigt berufene Kenner und Forscher. August Winni g, der ehemalige Vorsitzende des Deutschen DauarbeiterverbandeS und Verfasser der Schrift »Der Glaube an das Proletariat" weist in seinem Einleitungsaufsah neue Linien zur Deutung der sozialistischen Bewegung, namentlich bezüglich der Beteiligung von bürgerlichen Intellektuellen in den einzelnen. Ländern. Karl Diehl, der berühmte Freiburger Dollswirtschaftler, gibt ein grohgeschautes CntwicklungsbUd des Sozialismus in Frankreich mit seiner Zersplitterung in eine große Anzahl von Parteien, in denen allen brmerkenswerter- weise die marxistischen Ideen niemals eine ausschlaggebende Rolle spielten, ebensowenig wie dort schon seit Beginn der Bewegung im 18. Jahrhundert der Kainps zwischen Kapftal und Arbeit ging, sondern zwischen herrschenden Ständen und politischer Macht des dritten Standes. Ergänzend legt Franz Winkler den Werdegang der französischen Gewerkschaften dar. Die Betrachtung der sozialen Bewegung in England von W. Dieckmann ist für uns Deutsche besonders wertvoll durch die Erkenntnis vom großen politischen Instinkt des ganzen englischen Volkes, einschließlich der Arbiter, für die Lebensnot
wendigkeiten der ganzen Ration. Die dortige
Arbeiterbewegung ist nicht auf einem theore- tifchen System, sondern durchaus und immer aus der Wirklichkeit der Verhältnisse ausgebaut, was sich selbst in den jüngsten großen Streikbewegungen letzten EndcÄ nachweisen läßt. Ein Bild vom auherdeutschen Sozialismus Im Kriege zu entwerfen, ist Erich V o l k m a n n . der Verfasser des Werkes »Der Marxismus und das deutsche Heer im Weltkrieg" wohl berufen. Richt nur im Verlauf des Krieges, sondern schon in den ersten Augusttagen sind in dem scheinbar so gleichmäßigen Llmschwenken aller Sozialisten zur Kriegspolitik ihrer Länder doch tiefgehende Verschiedenheiten zu bemerken. In einem Punkte allerdings finden sich die sozialistischen Parteien aller, auch der neutralen Länder zusammen, in der Verurteilung der deutschen Sozialisten. Es spielen hier Wesensmerkmale der um Jahrtausende länger als Deutschland geistig und kulturell in sich geeinten Westmächle mit, deren Wirksamwerden Fr. Köhler in einer Abhandlung »Westliche Demokratie und westlicher Sozialismus" herauszuarbeiten versucht. Ramentlich unser Bild des geistig politischen Lebens Frankreichs und seiner führenden Männer von JaureS bis Herriot erweitert sich außerordentlich Unentbehrlich sind schließlich die erstmaligen sorgfältigen Gegenüberstellungen der Mitgliederzahlen der deutschen und ausländischen sozialistischen Parteien durch Ernst Drahn und seine Liebersicht der parlamentarischen Erfolge dieser Parteien vor und nach dem Kriege, sowie deo Stärken der internationalen Gewerkschaften. So tritt diese Aussatzreihe der Zeitschrift in die geringe Zahl der bei wirklicher Bedeutung zugleich allgemein verständlichen Dildungsschristen zur geistigen Vorbereitung der kommenden deutschen Entwicklung.
Längst ist die Lage der sozialistischen Mächte in Deutschland nicht mehr fest und sicher und eindeutig. Friedrich Lenz, der bekannte Gießener Dollswirtschaftler, kennzeichnet sie in seiner Schlußbetrachtung des Heftes also: »In die Ohnmacht und in die Armut ihres Vaterlandes hineingezwungen, tells der zweiten Internationale aus der Siegersefte und allen Dawesplänen des westlichen Finanzkapftals sich analeichend, teils von den drohenden Lockungen des oolschewisierten Moskau halb bezwungen — so steht die ehemals einige und international-revolutionär führende Sozialdemokratie unserer Heimat vor uns. Kein Phrasennebel und kein Lageskampf um innerdeutsche Parlamentsmacht täuscht darüber fort." Diese Schrift mag dazu beitragen, dem deutschen Volk und vor allem dem deutschen Arbeiter vor Augen zu führen, wie ein Volksteil auch im Gefolge einer internationalen Idee sich doch nicht ohne Schaden über die nationalen, d. h. die wahrhaft lebensbedingten Belange eines Volkes Hinwegsetzen kann, und wie gerade dis Ursprungsländer der sozialen Bewegung bewußt und unbewußt nach dieser Erkenntnis handeln. Daß jene Rationen und mit ihnen ihre sozia- listischen Massen mit ihrer nationalen Internationale besser gefahren sind bis auf den heutigen Sag, müßte das nicht gerade den deutschen Ar- befter schmerzlich aber nachdrücklich die jüngste deutsche Geschichte lehren?
Die Erschließung der deutschen Archive.
Die neuesten Bände der Akten- publikation des Auswärtigen Amts.
DDG. Wie amtlich mitgeteilt wird, steht die Drucklegung einer neuen Bändereihe der Aktenpublikation der Deutschen Reichsregierung „Die große Politik derEuropäischen Kabinette 1870— 1914“ vor der Beendigung. Die neue Gruppe umfaßt vier Bände und bildet die vorletzte Abteilung der fünften und letzten Reihe der Gefamtpublikation. Die neuen Bände, die innerhalb des Gesamtwertes die Bandnummern 30 bis 33 tragen, werden durch die Deutsche D e r l a g s g e s e l l s ch a f t für Politik und Geschichte in Berlin zu Pfingsten an den Buchhandel ausgeliefert werden. Sie umfassen das Dokumentenmaterial des Auswärtigen Amtes aus den Jahren 1911 bis 1912, schließen sich an das im Dezember vorigen Jahres erschienene erste Drittel der fünften Reihe an und führen den gleichen Titel wie dieses: „W eltpolitische Komplikatione n". Mit der jetzt erscheinenden neuen Gruppe tritt das große deutsche Aktenwerk nunmehr unmittelbar in die Zeil vor dem Welllriege ein, d. h. in die verhängnisvolle Periode der großen Verwicklungen und Mißverständnisse, die den Weltkrieg vorbereiteten. Das Dokumentenmaterial der Bände 30 bis 33 entstammt den letzten Jahren
vor dem großen Kriege und gewinnt so unmittelbarste pock.ijche Tagcsbcdeu.ung. Damit lut di« Publikation als Ganzes einen entscheidenden Schritt auf ihr eigenstes Ziel, die Aussxllung der llrla. en tes Weul.ieges. u. Für die Beendigung des ganzen Weriee-, das in der politisch- historischen Weltliteratur kein Gegenstück Hal, steht jetzt endgültig dex folgende Plan fest: Es erscheinen einjchueßlich der jetzt der Oeffent- lichkeit zu übergebenden Gruppe noch im ganzen acht Bände, die ihres Umfanges wegen in 13 Teile zerlegt werden müssen. Davon entfallen acht Teile auf die Schlußgruppe, die im Früh- I »erbst des Jahres erscheinen soll. Insgesamt wird die Große Aktenpublikation 37 Bände in 52 selbständig gebundenen Tei.en umfassen. Der Titel der Schlußgruppe steht noch nicht fest. Mik dieser letzten Gruppe, deren sämtliche Teile sich schon in der Drucklegung befinden, wird sich der Anschluß der Großen Ak.enpub.llation an die im Jahre 1919 unter dem Titel „Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914" von der Deutschen Reichsregierung bei ter Deutschen Der- lagsgesellschast sür Politik und Geschichte her- ausgegebenen Urfuntcnfammlung über die kritischen Julitage 1914 vollz ehen. Damit wird dann noch im Herbst des Jahres 1926 die mit dem großen Aktenwerk vom Auswärtigen Amte geplante breitere Grundlage für die Klarstellung der Ursachen des Weltkrieges von deutscher Seite geschaffen sein.
Heber Gliederung und Inhalt der in Kürze bei der Deutschen Verlagsgefellschaft für Politik und Geschichte in Berlin W 8 erscheinenden neuen Abteilung des Aklenwerkes der Deutschen Reichsregierung: „Die Große Politik der Europäischen Kabinette" werden von zuständiger Stelle die folgenden Mitteilungen gemacht: Die neuen Bände der zweiten Abteilung der fünften Reihe, betitelt „Weltpolitische Komplikationen", führen in der Gesamtfvlge die Rummern 30, 31, 32 und 33. Des starken Umfanges wegen zerfällt der 30. Band in zwei selbständig gebundene Teile, so daß die neue Abteilung in Wirklichkeit fünf Bände umfaßt. Mit Abschluß dieser Abteilung liegen dann im ganzen 33 Bände in 44 Teilen vor. Diese vier neuen Bände umschließen einen Swffkreis. dessen Bedeutung schon in den Titelbezeichnungen zum Ausdruck kommt. Der Inhalt des 30. Bandes ist „Der Italienisch-Türkische Krieg 1911 bis 1912“. Von ungeheurer Wichtigkeit und geradezu dramatischer Spannung ist der 31. Band „Das Scheitern der Haldane- Mission und ihre Rückwirkung auf die Tripelentente 1911 bis 1912“. Band 32 heißt „Die
Mächte und Ostasien 1909 bis 1914“ und
Band 33 „Der erste Ballankrieg". Der l-'tzte Band endet mit den Dokumenten über den
Serbisch-Oesterreichischen Konflikt und die Gefahr eines Russisch-Oesterreichischen Konflikts und geht bis Dezember 1912. Mit der Schilderung des Fortgangs der Balkanwirren wird der erste Band der Schlußreihe beginnen. Di« vier Bände umfassen 1702 Dokumente, in 34 Kapiteln gruppiert, auf 2115 Seiten. Rein zahlenmäßig stellt sich mit dem Schluß der vorletzten Reihe der Aktenvublikation die ungeheure Arbeit der Herausgeber und des Unternehmens folgendermaßen dar: die obengenannten 33 Bände in 38 Teilen enthalten 262 Kapitel und auf 17 820 Druckseiten 12 500 Dokumente. Das gewaltige Material wird in allen Einzelheiten und übersichtlicher Gruppierung dem Urteil der Welt unterbreitet. ___________
Oberhessen.
Landkreis Gießen
• Lollar, 26. Mai. Einer Ditte von interessierter Seite Rechnung tragend, sei berichtet, daß es in der Mitteilung vom 14. Mai über den Vortrag des Lehrers P l o ch beim hiesigen Elt erna bend statt Frakturschriftzeichen rich- ttg Antiqua heißen muh.
!—I Saubringen, 26. Mai. Gestern fand hier die erste diesjährig« Grasversteige- rung statt. In Anbetracht der schlechten Kleeaussichten fand sich eine staatliche Anzahl Steigerer ein. Für die Böschungsstücke an der Lumda, die 50 auf 4 bis 5 Meter groß versteigert wurden, erzielte die Gemeinde 8 bis 12 Mark, Preise, die das Zwei- bis Dreifache der vorjährigen erreichten, obwohl damals das Gras besser stand.
XAllendorfa. d. Lahn, 26. Mai. In letzter Zeit sind hier zwei Sägewerke in Betrieb gekommen, wodurch Arbeitslose Beschäftigung finden konnten. — Gegenwärtig werden durch die Feldbereinigungsge s e l l s ch a f t in dem
Paul Gerhardt.
Zu seinem 250. Todestag.
Bon Wolfgang Eberhard Schütz.
Es war am Morgen des 16. Oktober 1813, als General Port mit feinen Offizieren beim Frühstück saß. Da wurde ihm der Befehl Blüchers überbracht, unverzüglich zum Kampf gegen den Feind aufzu- brechen. Der General erhebt sich. Mit den Worten: „Den Anfang, Mitt' und Ende, ach Herr, zum besten wende“, leerte fein Glas und setzte es still auf den Tisch. In solch feierlich-ernster Stimmung gingen die Preußen in die Schlacht von Möckern, die für das gute Ende der Leipziger Bölkerschlacht entscheidend wurde.
Der Liedoers, den General York sprach, stammt von Paul Gerhardt, dem größten Kirchenlieder- dichter neben Luther. Kaum ein protestantisches Kind gibt es, das nicht fein Lied gelernt hat: „Befiel du deine Wege.“ Seine Lieder gehören zum Schönsten, was das protestantische Gesangbuch ent» hält; viele von ihnen sind sogar übergegangen in den Besitz der kacholischen Konfession.
Es ist eigentümlich, daß wir von dem großen Liederdichter des 30jährigen Krieges so wenig wißen. Geboren am 12. März 1607 zu Gräfenhainichen, einem Städtchen zwischen Wittenberg und Halle gelegen — der Later war der 2. Bürgermeister daselbst — verbringt Paul Gerhardt seine Schützest zu Grimma auf der Fürstenjchule. 1628 wird er zu Wittenberg immatrikuliert. Erst 1642 taucht wieder sein Name auf, als er ein Gelegenheitsgedicht bei der Promotion seines Freundes Wehrenberg verfaßt: 1651 tritt er sein erstes Pfarramt in Mittenwalde an. Was er die ganzen 23 Jahre getan hat, wo er gewesen ist, ist unbekannt. Nur das eine wißen wir, daß er 1643 nach Berlin geht als Hauslehrer im Hause seines späteren Schwiegervaters, des Kainmergerichtsadookaten Berthold, und
daß er einer größeren Oeffentlichkeit erst 1647 be> könnt wird. In diesem Jahre veröffentlichte der damalige Kanwr an der St. Nikolaikirche zu Berlin, Johann Crüger, in seiner Praxis pietatis melica 18 Lieder Paul Gerhardts, von (Trüget vertont. Die schönsten Lieder der Gerhardtschen Dichtung finden sich schon in diesem Liederbuch: die Passionslieder ,-Tin Lämmlein geht“, „O Welt, sieh hier dein Leben“, das Osterlied „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“, das Morgenlied „Wach' auf, mein Herz, und suche Freud'“, das Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“. 1657 wird Gerhardt dritter Diakon zu St. Nikolai in Berlin. Schweres häusliches Leid bedrückte den Dichter: drei Kinder starben ihm, zuletzt 1668 die Frau. Ein einziger Sohn blieb ihm am Leben: seine Schwägerin führte ihm die Haushaltung. Neues Leid kam über ihn durch den Erlaß des Kurfürsten, daß die Lutheraner sich aller Lehrstreitigkeiten mit den Reformierten enthalten sollten, und umgekehrt. Paul Gerhardt vermochte aus Ge° wissensyründen den Revers, den der Kurfürst von den Geifllichen verlangte, nicht zu unterschreiben: es kommt 1666 zu seiner Amtsentsetzung. Zwei Jahre später nimmt er das Pfarramt in Lübben an: am 27. Mai 1676 stirbt er daselbst.
Gerhardts Liederdichtung merkt man an, daß sie von der Dichtkunst seiner Zeit viel gelernt hat. Opitz und vor allem dessen Schüler Buchner in Wittenberg werden seine Lehrer in der Technik des Ders- baues. Bis hinein in die Wahl der Bilder und Gleichnisse, ja der Gedanken erstreckt sich ihr Einfluß. Selbst die Schattenseiten der damaligen Dichtkunst verleugnen sich nicht in Gerhardts Gedichten. Er predigt manchmal, wo er gestalten sollte. Er wiederholt sich und wird breit: er wird auch gelegentlich trivial. Kurz, er ist sehr ungleich in seiner Poesie. Und doch eins hebt ihn hinaus über die Dichtung seiner Zeit: Nie ist bei ihm das Religiöse zum bloßen Spiel geworden. Immer ist es echtes Leben, das er zum Ausdruck bringt. Und immer wieder
hört man aus seiner religiösen Dichtung einen eignen Ton heraus.
Paul Gerhardt kann die Kritik vertragen. In seinen Gedichten (120 Lieder) lebt echte Poesie. Seine Sprache ist von Anschauung gesättigt. Seine Sicherheit, allen Wandlungen des religiösen Lebens Ausdruck zu geben, überrascht. Bewegt, von starker Handlung erfüllt, ist sein Sommerlied: „Geh' aus, mein Herz, und suche Freud'!“ Und wie stählern und gepanzert schreitet der Vers dahin:
„Unverzagt und ohne Grauen, soll ein Christ, wo er ist, stets sich lassen schauen.
Wollt' ihn auch Der Tod aufreiben, soll der Mut dennoch gut und sein stille bleiben.
Aber das alles erklärt noch nicht Paul Gerhardts Bedeutung im Protestantismus. Das ist seine Bedeutung, daß er den religiösen Besitz für die Seligkeit der Seele in der Gewißheit der Vergebung und des Friedens mit Gott, für die Kraft der Ueberwindung alles Leids im Gottvertrauen wunderbar treffsicher zum Ausdruck bringt, daß er diesen Besitz im Gott- oertrauen wunderbar treffsicher zum Ausdruck bringt, daß er diesen Besitz geradezu dem protestantischen Kirchenoolk erst entdeckt und ihm weitergibt. Mag Luther Paul Gerhardt übertreffen an Reichtum und Tiefe, mögen auch Gerhardt in feinen Passions- liedern und anderen Liedern wefentliche evangelische Klänge fehlen, er bleibt darum mit seinem frohen Gottvertrauen, seiner ernsten Sündenerkenntnis, mit seiner Iefusliebe der große Träger kirchlichen und religiösen Empfindens des Protestantismus: der Tröster der Betrübten, der Rufer zu Gott. Unzählige haben sich aufgerichtet an seinen Liedern: nicht nur konfessionell gebundene Menschen, sondern auch andere. Denn in seinen schlichtesten Liedern kommt auch das allgemein Menschliche zu einem wahrhaft ergreifenden und erhebenden Ausdruck.
Hier spricht der Mensch zum Menschen, der leiderprobte, zum Frieden gekommene Mensch zum anderen.
Frankfurter Oper.
Seit Professor Klemens Krauß das Repertoire der Frankfurter Oper bestimmt, hat sich vieles zum Vorteil gewandelt. Auch die Operette erfährt eine Reubelebung nach künstlerischen Gesich'.spunkten, wobei auf den Bestand an älteren Werken zurückgegriffen wird, in denen sich wesentlich andere musikalische Grundsätze offenbaren, als in der heutigen Schlager- und Revue-Operette Als Feiertag^gabe brachte Intendant Krauß eine Reueinstudierung deS „O p e r n b a l l e s" von R. Heuberger. Dieses Werk war vor etwa 25 Jahren eine Reform- operet.e. und es präsentiert sich nach so langer Zeit als ein musikalisch hochstehendes, künstlerisch behandeltes, in feinem vornehmen Charakter und seiner graziösen Beschaffenheit ungemein ansprechendes Kunstwerk, das so ziemlich alles in Schatten stellt, was das letzte Jahrzehnt an Operettenneuheiten gebracht hat.
Das Sujet unterscheidet sich nicht Diel von der alten Schablone. Aber die Musik. Heuberger war ein Musiker von Geschmack und ausgezeichnetem Können. ein Komponist von Erfindungsreichtum und künstlerischer Gestaltungsfähigkeit, und so blühte auch jetzt wieder unter der feurigen Leitung von Krauß und der humorvoll-witzigen Regie Wallersteins, glänzend unterstützt du ich Maler Sieverts schöne Bühnenbilder und eine hervorragende Wiedergabe aller Partien eine Part.tur in rhythmischer Anmut und mufi* kalischer Heiterkeit auf, die mit Recht dem Schicksal unverdienter Dergessenheil entrissen wurde.
L W.


