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Roman von Ernst Klein. Copyright by Carl Duncker. Verlag, Berlin.
Neben dem Toten lag die kleine Uhr aus weißem Marmor, die gleichzeitig mit ihm zu Boden gefallen war. Ihr Glasgehäuse war zersplittert, die Zeiger zerbrochen, und auch die Marmorwände waren zerrissen. Das Innere des Werkes war total Zerfetzt.---
,F)M," knurrte Sir Walter, „Gernot, haben Sie sich die Uhr angesehen?"
,Mein, Sir Walter, ich wollte sie nicht aufhebcn, bevor Sie kamen. Las Valdas wird sie wohl in seinem Sturz mitgerissen haben."
„Meinen Sie?"
Sir Walter ließ seinen Blick von dem Schreibtisch zu dem Toten hin und her gehen. Maß mit ihm Entfernungen und Möglichkeiten. Dann legte er die Uhr genau auf denselbenFleck zurück, von dem er sie aufgehoben hatte.
„Wir werden ja sehen", sagte er und wandte sich zu dem Konstabler, der sich langsam erholte.
„Das ist der Konstabler O'Neill," berichtete Gernot, „der den Fall gemeldet hat."
„So? Bleiben Sie nur sitzen und schütten Sie Ihren Sack aus!"
O'Neill berichtete nun, wie er plötzlich gegen acht Uhr abends einen hochgewachsenen, ziemlich elegant gekleideten Mann beobachtet habe, der sich sehr auffällig benahm. Halb neugierig blieb er stehen und sah, wie der Mann einer Frau nachspioniertc, die in das Haus ging — kurz und ruhig und sachlich gab er eine Darstellung dis zu dem Moment, da er den von ihm Beobachteten in der Kellertür verschwinden sah.
„Zunächst hielt ich die ganze Sache für ein gewöhnliches Eifersuchtsdrama. Ich kenne den Grafen Las Valdos, der hier wohnte, und weiß, daß er öfters Damenbesuck und besonders zu dunklen Abendstunden empfangen hat. Ein Eifersuchtsdrama also — aber das ganze Benehmen des Mannes schien mir doch so, als - ob Unheil im Anzuge wäre. Ich also hinter ihm drein. Er hatte die Souterraintür aufgebrochen, und ich hörte ihn, gerade als ich etntrat, oben eine Tür öffnen. Der Lichtscheins des Zimmers fiel auf die Treppe. Ich eilte hinauf, sprang in das hell erleuchtete Zimmer — sah den Toten dort liegen, ober ich wollte doch begreiflicherweise den Monn und die Frau festnehmen. Ihn erreichte ich auch noch nm Fenster — die Frau entkam, da er sich auf mich warf. Halten
„Augenscheinlich eine Damenwafsc — hier die Initialen (9. B. Von den fünf Kammern ist eine leer, der odjuft ist also aus dieser Waffe abgefeuert worden."
Sir Walter betrachtete das zierliche, kleine Ding. G. B. ? Da konnte er lange suchen. Sein Blick glitt von dem Toten zur Uhr. Blieb auf der Uhr haften —--
„Herr Doktor, würden Sie einmal so freundlich sein, das Geschoß aus der Wunde zu extrahieren?"
Man legte den Toten aus die Chaiselongue, und der Arzt machte sich an die Arbeit. Sir Walter Ryce dagegen begann eine für Inspektor Gernot sehr überraschende Aktion. Er suchte überall aus dem Boden nach, kroch unter den Schreibtisch, stierte in den Fensterecken herum und stürzte sich, je länger die Sucherei dauerte, in um so gotteslästerlicheres Fluchen. Sein Beginnen schien vergeblich, denn als der Arzt mit seiner Arbeit fertig war, erhob er sich.
Eben wollte der Arzt sprechen, als das Telephon, das auf dem Schreibtisch stand, klingelte. Ryce nahm den .Hörer clb und sagte:
„.hier Wohnung des Grafen Las Valdas."
Gernot und die übrigen sahen nun, wie sein Gesicht auf einmal einen überraschten Ausdruck annahm.
„Verzeihen Sie, mein .Herr," sagte er aus französisch, „ich kann Ihren Namen nicht verstehen. 'Jtetn, hier ist nicht der Kammerdiener des Herrn Grafen. Wer ist dort? Wer? holloh — halloh! Verdammt — er hat angehängt!"
Sir Walter dachte einen Moment nach und winkle einem der Detektivs.
„Gehen Sie sofort hinauf ms Ritz und fragen Sie die Telephonistin, wer hier soeben angeläutet hat. Geben Sie mir telephonisch Bescheid, Sie selbst bleiben im Hotel und halten die Augen offen!"
Und zu Gernot gewandt: „Ein etwas mysteriöser Herr aus dem Ritz. Er hat sofort angehängt. Ein Franzose war es, das konnte ich feststellen. Nun, wir werden ja sehen — haben Sie die Kugel, Herr Doktor?"
„hie ist sie."
Sir Walter hielt das Geschoß an den Lauf des kleinen Revolvers.
„Nun, Gernot, sehen Sie einmal! Paßt dieses Stück Blei hier hinein?"
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„Guten Abend, Gentlemen", sagte Sir Walter, als er in das Mordzimmer trat, klemmte das Monokel ein und besah sich zunächst mit einem allgemeinen Rundblick das Ganze. Gernot hatte nichts angerührt. Der Arzt hatte die Untersuchung des Toten so oorgenommen, daß dessen Lage dabei nicht verändert wurde. Obwohl Sir Walter Ryce keinen offiziellen Grad in der Hierarchie von Scotland 2)ard en.-ahm, ordnete sich ihm dennoch bei der Arbeit jeder gern unter. Nicht nur, weil er der Nesse des Chefs war, sondern weil er auch weitaus der tüchtigste, intelligenteste und schlaueste von allen Tüchtigen, Intelligenten und Schlauen war. Sein Spezialgebiet waren die Verbrechen, die in den besseren Ständen begangen wurden. Mit einem schäbigen Raubmörder in Castend gab sich Sir Walter Ryce nicht ab. Sold) arme Teufel waren and) leicht zu fassen. Anders aber, wenn man einem Verbrechen gegenüberstand, das Intelligenz und Bildung geplant und ausgeführt hatten. Da trat der elegante, monokelbewaffnete Sir Walter Ryce in Aktion.
Jetzt stand er da, in feinem tadellosen Frack, den Älapphut hinten im Genick, und studierte die Szene. Mit flüchtigem Blick nur streifte er den Toten selbst. Die Kugel, die der ruhmreichen Laufbahn des Portugiesen ein Ende bereitet hatte, war ihm ins Herz gedrungen — ohne Zweifel war der Tod sofort eingetreten. Las Valdas lag noch so, wie er neben dem Schreibtisch niedergestürzt war, auf dem Rücken, lang ausgestreckt, die Hände zusammengekrampft — weit aufgerissen noch die Augen--
„Er muß furchtbar erschrocken sein," meinte Inspektor Gernot. „Kommt mir vor, als ob ihm der Revolver ganz plötzlich und unvermutet entgegengehalten worden wäre."
„Die meisten Leute pflegen zu erschrecken, wenn sich ihnen ein schußbereiter Revolver vor der Nase präsentiert", sagte Sir Walter. „Uebrigens ein hübscher Kerl! Man kann ihm schon die Weiber- gesasichten zutrauen."
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zu Gnaden, Sir Walter, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, wie mich der Mann zu Boden bekommen hat. Mit seiner Boxkunst war es nicht weit her, er war auch viel zu aufgeregt und außerdem viel schwächer als ich. Wir hatten uns im finsteren Zimmer bei der Arbeit, und so muß er mir wohl mehr aus Zufall eins auf den Schädel gegeben haben, daß ich, wenn ich mich selbst hätte auszählen können, wohl auf zweitausend gekommen wäre. Ich sehe noch immer so schöne bunte Sterne vor mir herumtanzen. Als ich dann zu mir kam, kroch ich auf allen Vieren, denn stehen konnte id) nicht, zum Apparat und erstattete dem Office 62, hem ich unterstehe, die Meldung. Das ist alles, Sir Walter."
„Scheint also eine ziemlich klare Angelegenheit zu sein", sagte dieser und putzte angelegentlich sein Monokel. „Eifersuchtsdrama mit blutigem Ausgang, hm — sagen Sie mal, Konstabler, haben Sie den Mann gekannt?"
,XLs scheint mir so, Sir Walter, id) konnte ihn natürlich in der Dunkelheit und bei dem Regen auf der Straße nicht recht erkennen. Aber einmal kam er in das Laternenlicht, und da fiel mir ein, ick; hätte das Gesicht irgendwo einmal in einer Zeitung gesehen."
„In einer Zeitung? In was iür einer Zeitung? In einer Tageszeitung ober in einer Wochenschrift? Denken Sie einmal nach!"
Mike O'Neill warf auf die Whistyflafche einen sehnsüchtigen Blick, den Sir Walter auch sofort verstand. Er selbst schenkte ihm ein großes Glas zur Auffrischung seiner ramponierten Geisteskräfte ein. O'Neill tat diesen Whisky zu den übrigen, wischte sich, sichtlich gehoben, mit dem breiten Handrücken den Mund ab und berichtete:
„Der Bruder meiner Frau hat einen kleinen Salon oben in Soho. Da gehen wir öfters hin und lesen die Zeitungen. Ich glaube, das war so 'ne dicke illustrierte Zeitschrift — ja, ja, der „Bystan- der", vor etwa sechs bis acht Wochen."
„O'Neill," sagte Sir Waller, „wenn Sie mir den Mann im „Dystander" zeigen, kriegen Sie die ganze Whiskyflasche'."
Einer der Dektektive wurde ins Hauptquartier abgesandt, um die letzten Nummern dieser Zeitschrift zu holen. Gernot aber zeigte Sir Walter den kleinen, silberbeschlagenen Revolver, den man vor der Portiere im Mordzimmer gefunden hatte.
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