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Nr. 73 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, 27. März 1926

Theatergememde MeßenÖberhessen.

Wer die Verhältnisse in den kleinen Städten und auf dem Lande kennt und die dortigen/ össentlichen Vorgänge aufmerksam verfolgt, der weih, daß in den Städtchen und Dörfern unserer Provinz das quantitative Matz der geistigen Kost ost recht knapp bemessen ist. Zwar be­mühen sich in manchen Orten Vortragsvereini­gungen Volksbildungsvercine, Pfarrer und Leh­rer, Gesang- und Turnvereine usw. in anerken­nenswerter Weise um die Befriedigung des Ver­langens nach geistiger Nahrung und um deren abwechselungsreiche Gestaltung. Von der Pro­vinzialhauptstadt Gießen aus geschieht in dieser Richtung ebenfalls recht viel. Professoren unserer Landesuniversität, Vortragende von der Liga zum Schuhe der deutschen Kultur und von Bil- dungs- und Fachvereinen usw. lassen es sich nicht verdrießen, hinauszufahren und den ört­lichen Stellen bei der Hebung des Niveaus der Volksbildung behilflich zu sein. Alle diese guten Bestrebungen muß man begrüßen. Aber si»r genügen leider nicht, um dem Wissensdurst und Bildungshunger vollkommen zw entsprechen. Die bisherige volksbildnerische Arbeit erstreckt sich nur aus einen, wenn auch großen, Teil des geistigen Gesamtgcbietes. Lediglich die Städte Alsfeld und Bad-Nauheim nehmen un­ter allen oberhessischen Provinzorten eine Aus­nahmestellung ein, denn dort ist man jetzt schon auf allen Gebieten der Bildungsarbeit tätig. Was den übrigen Orten als eine Hauptsache noch sehlt, ist die hochwertige darstellende Kunst, ein gutes Theater! Die Hessische Landeswanderbühne, die früher in dem einen oder anderen Städtchen ein Gastspiel gab, ist unter dem Druck der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse völlig vom künstlerischen Arbeitsfeld verschwunden; man hat wenigstens seit langer Zeit nichts mehr von ihr gehört. Unö seitdem ist es in puncto Theater draußen in der Provinz stillgeworden. Nicht alle Gemeinden, auch nicht die Städte, sind eben in einer so glücklichen Lage wie Alsfeld, das dank seiner neuen- und großen Festhalle und einer begeistert mit der rührigen auswärtsstrebenden Stadtverwal­tung mitgehenden Bürgerschaft in der Lage war, mit dem Gießener Stadttheater einen Spiel­vertrag abzuschließen, nach dem das Gießener Ensemble allmonatlich ein Gastspiel in Alsfeld gibt; und nicht allen Gemeinden sind die Vor­teile eigen, die Bad-Nauheim als Weltbad aufzuweisen hat. Nebenbei sei hier bemerkt, daß auch die Stadt Marburg auf Grund vertraglicher Abmachungen Gastspiele des Gieße­ner Stadttheaters genießt, die ihre Stätte in den dortigen Stadtsälen haben. Der Mangel an geeigneten Sälen, Bühnen und deren Zu­behör mag in den meisten Städten unserer Provinz wohl der Grund fein, aus dem der Ver­zicht auf Theatergastspiele in der Hauptsache zu erklären ist. Denn es ist nicht jedes Theaters Neigung und Wille, auf einer Tanzsaalbühne mit mehr oder minder primitiven Einrichtungen zu gastieren.

Es wäre falsch, angesichts der großen Schwie­rigkeiten, die sich Theatergastspielen in der Pro­vinz entgegenstellen. den resignierten Standpunkt einzrmehmen, eine Aenderung sei ja nicht mög­lich, man müsse aus den Genuß guter Theaterkost eben verzichten. Eine Möglichkeit, aus der jetzigen Situation der erzwungenen Theaterabstinenz her­auszukommen, sehen wir für unsere Mitbürger der Provinz in einem Abkommen mit der Stadt Gießen zur Gründung einer Theater ge­meinde Gießen-Oberhessen. Eine der­artige Organisation hat man vor einigen Wochen im nordöstlichen Teile Kurhessens geschaffen, wo sich unter der Führung der Stadt Hersfeld dortige Städte und Dörfer zusammengeschlossen haben zwecks monatlich einmaligen Besuchs des Kasseler Staatstheaters. Die gleiche Einrichtung ist von Frankfurt a. M. aus für das dortige nachbarliche Interessengebiet ebenfalls zum Zwecke des gemeinsamen Theaterbesuchs vorgesehen und in der Organisation schon ziemlich weit gekommen. Zn beiden Fällen unterstützt die Reichsvahndirek- tion diese Theatergemeinden in recht weitgehen­dem Maße, denn an derartigen gemeinsamen

Theaterfahrten der Bevölkerung hat ja auch die Reichsbahn ein erhebliches Interesse.

Nach unseren Ueberlequngen dürste der Ausbau einer Theatergemeinde Gießen-Oberhessen in folgen­der Weise wohl zu ermöglichen sein: Der Zusam­menschluß würde umfassen: die Stadt Gießen, als Hauptstühe unseres Stadttheaters, einerseits, und die von den täglichen spätabendlichen Rückfahrmög­lichkeiten ab Gießen ausgeschlossenen Städte Lau­bach, Nidda. Schotten, Büdingen, Ortenberg, Ge­dern in südlicher Richtung, Lauterbach (evtl. Trieb­wagen!) nach Osten hin anderseits. Die zwischen diesen atäbten gelegenen Dörfer könnten, ja müßten in dieses Arrangement einbezogen werden. Wollte man die Abmachung auf die nahegelegenen Städte Hungen, Lich, Grünberg und die benachbarten Dörfer ausdehnen, so würde das für beide Teile kein Schaden sein. Für die Mitgliedsorte der Theater­gemeinde märe monatlich ein- oder zweimal, selbst­verständlich ganz nach Wunsch, an einem für die Stadt Gießen spielfreien Tage eine Fremdenvor­stellung zu geben, die wohl am Nachmittag beginen und zeitig am Abend beendet sein müßte, damit die Besucher aus der Provinz nicht allzu spät wieder daheim ankämen. Natürlich müßte für diese Frem- denvorstellungen schon im Hinblick auf die Eisen- bahnfahrkosten ein ermäßigter Eintrittspreis gelten, wie es auch in Frankfurt a. M. vorgesehen ist. Auf den Berkaus von Einzelkarten könnte eine solche Abmachung aber selbstverständlich nicht ge­stützt werden, hiersür wären feste, für die ganze Spielzeit geltende Abonnements von den Besuchern zu übernehmen, weil die Ingangsetzung einer solchen Unternehmung eben zu kostspielig ist, als daß man sie den Zufälligkeiten eines wechselnden Einzel- tarlenverkaufs überlassen könnte. Mit der Reichs- bahndirektion wäre eine Vereinbarung zu treffen, die den Mitgliedern der Theatergemeinde für die Eisenbahnfahrten zu den Fremdenvorstellungen eine fühlbare Fahrpreisermäßigung einräumte, ferner wäre dafür zu sorgen, daß nicht nur eine günstige Herfahrt-, sondern auch eine gute Heimfahrtverbin­dung sichergestellt würde. Da es sich bei der Organi­sation einer solchen Unternehmung um eine An­gelegenheit des kulturellen Lebens der beteiligten Orte, also um eine Sache zum Besten der Allge­meinheit handelte, wäre es wohl angebracht, daß die Bürgermeistereien in den Provinzorten selbst als Vertragschließende und als Organisatoren für ihre Orte auftreten würden. Sollten sie dazu aus irgend­welchen Gründen nicht in der Lage fein und ein Verkehrs- oder Volksbildungsverein die Sache in die Hand nehmen, so würden wir es für richtig halten, wenn die Bürgermeistereien zum mindesten mora­lisch für die Förderung und Festigung der Unter­nehmung sich einsetzteu. Sie würden auf diese Weise ein Stück Kulturarbeit leisten.

Eine Einrichtung, wie wir sie hier iir großen Umrissen skizziert zum Prüfen und zur Verwirk­lichung empfehlen (man könnte sie in gegebenen Fällen auch auf Schülervorstellungen unter Füh­rung und Aufsicht der Lehrerschaft ausdehnen), wäre natürlich auch vorn Gießener Standpunkt aus begrüßenswert. llnfer Stadttheater muh an­gesichts der vielfach völlig neugestalteten Ver­hältnisse darauf bedacht fein, nicht nur künstlerisch einen weiten Wirkungskreis zu haben an dem teilzuhaben jedermann in der Provinz bisher schon oftenstand, wenn er abends mit der Bahn nur hätte nach Hause kommen formen, sondern auch, gleich zahllosen anderen Theatern im ganzen Reiche, geschäftlich sich neue Felder zu er­schließen. Dos zu verschweigen oder zu leugnen, hätte keinen Sinn, denn es ist zur Genüge be­kannt, bah auch die Theater, selbst die subven- tionierten, heutzutage einen sehr schweren wirt­schaftlichen Kampf zu führen haben. Wir sind der Ansicht, dah hier die Interessen und Bedürfnisse der Stadt Giehen und der Provinz Oberhessen auf eine Linie zu bringen sind, und wir hoffen, daß unser Vorschlag bei den zuständigen Stellen in Giehen und draußen in Stadt und Land eine Aufnahme findet, aus der Schaffensfreude zu diesem Werk und endlich die gute Tat erstehen kann. Wenn man in gemeinsamer Arbeit berufener Personen während der Sommermonate diese Theatergemeinde aus dem Bereiche der Gedaicken in die Welt der Tat verseht, wird es möglich sein, schon vom nächsten Herbst ab als Frucht des ver­einten Strebens Fremdenvorstellungen in den Spielplan unseres Stadttheaters einzufügen.

Oberhessen.

Landkreis Gicftcn

£ Wieseck, 26. März. Zu einer schlichten, aber weit über den Alltag sich erhebenden Schl uh sei er gestaltete sich der letzte Vor­tragsabend in diesem Winterhalbjahr der hie­sigen Volkshochschule. Die Volkshochschule Wiefeck ist wohl die einzige Vereinigung dieser Art, die, soweit sie bas flache Land betrifft, sich über alle Nöle und Schwierigkeiten, Partei­zerklüftungen und Meinungsverschiedenheiten hin­weg am Leben erhalten hat. ilnö alle An­zeichen sprechen dafür, dah diese Einrichtung noch lange erhalten bleibt. Die Zahl der Hörer betrug im letzten Winterhalbjahr 90, so daß die Sitzgelegenheiten in dem zur Verfügung stehen­den Schulsaal vermehrt werden mutzten. Alle Vorlesungsabende hatten einen sehr guten Be­such oufzuweisen; es hat sich nunmehr ein fester Stamm Volkshochschulonhänger herangebildet. Das Hauptthema in diesem Winter war ein ge­schichtlicher Rückblick über den Bauernkrieg, der vor 400 Jahren seine furchtbaren Schrecken über Deutschland verbreitete. Mit seiner Vortrags­kunst verstand es der Leiter der Volkshochschule, Rektor Dr. Rein, die aufmertfamen Hören zu fesseln. In regelmäßigen Abständen waren mit Lichtbildern ergänzte Reisebeschreibungen ein- geschoben. Man lernte dabei Nürnberg und seine mittelalterliche Kunst kennen, bekam einen Be­griff von der Pracht der oberbayerischen Kö­nigsschlösser, unternahm eine Reise in dos noch weniger bekannte Kongogebiet und begleitete Sven Hedin auf seinen gefahrvollen Reisen quer durch Innerasien. Ein sehr interessanter Vortrag über Aegypten machte es für viele begreiflich, weshalb England dieses alte Kulturland wohl nie mehr aus der Hand geben wird. Ein Blick in das Wunderland Indien beschloß diesen Teil der Vorlesungen. Unterstützt wurden diese Vor­träge durch eine große Reihe sehr guter Licht­bilder, die von der Spitzenorganisation der Volkshochschulen, der Gesellschaft für Volksbil­dung, zur Verfügung gestellt wurden. Zum! Hauptthema, dem Bauernkrieg, stellte die Uni­versität Giehen eine Reihe sehr guter Lichtbilder. In seinem Schluhwort dankte Dr. Rein den Hörern für ihr treues Ausharren und schlost seine tiefgehenden Betrachtungen mit dem Wunsch: Auf Wiedersehen im nächsten Jahr." Mit herz­lichen Worten dankte Lehrer Burk dem Leiter der Volkshochschule für seine uneigennützige Tätigkeit, die in selbstlosester Weise geleistet wurde. Ein formvollendeter GedichtvortragDas Elend" beschloß den akademischen Teil der Feier^ dem sich eine Stunde gemütlichen Beisammen­seins anschloß. Das nächste Ziel der Volks­hochschule ist nunmehr die Anschaffung eines modernsten Lichtbildapparates; ein namhafter Grundstock konnte aus dem Heberschuß der Se­mesterbeiträge gebildet werden. Aus der Rückert- stiftung werden in nächster Zeit eine Reihe wert­voller Bücher überwiesen und somit der Beginn gemacht, einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen. Für das kulturelle Leben unserer Gemeinde hat die Volkshochschule noch eine grohe Aufgabe zu erfüllen; schon heute ist sie der Mittelpunkt aller geistig Regsamen.

* Mainzlar, 26. März. Dieser Tage hielt Dr. Schwalm (Lollar) im Zweigverein L u m d a t a I" des V. H. E. in dec Wirtschaft Mül­ler in Mainzlar einen interessanten medizini­schen Vortrag. Ausgehend von einem kurzen geschichtlichen Ueberbüd über Herkommen und Ver­breitung verschiedener Krankheiten entwarf er ein anschauliches und für den Laien sehr verständliches Bild über Dau und Funktion des Stützgerüstes, der Verdauungs- und Blutkreislauforgane. Zum Schluß gab er noch einige wissenswerte Aufschlüsse über In­fektionskrankheiten und ihre Erreger. Reicher Beifall lohnte dem Redner.

t Grünberg, 26. März. Der für den 25. d. Mts. vorgesehene, infolge der Maul- und Klauenseuche aber abgesagte Viehmarkt findet irunmehr, nachdem die Seuche erloschen ist, am Mittwoch, 31. März, statt. Bei der jüng­sten schriftlichen Holzversteigerungin Fich­tenbauholz aus den Waldungen des staatlichen Forstamtes Grünberg haben die Firmem Haas & Co.-Grünberg, Aff lll.-Queckborn und Funk- Beuern den Zuschlag erhalten. Landwirt­

schaftliche Lichtbildervorträge hielt Dr. Selz er von der hiesigen Landwirtschaft­lichen Winterschule dieser Tage in Weiters- b a in, Beltershain und Lehnheim über öie Bedeutung und Anwendung des Kalles. Die Vorträge begegneten überall lebhaftem Interesse.

6 Trais-Horloff, 26. März. Im Saale des Gastwirts Hahn Hierselbst fand unter dem Vorsitz des Bürgermeisters R u d l o f eine Eltern- und B ü r g e r v e r s a m m l u n g statt, die sich nach einem Vortrage von Lehrer Welter- Nonnenroth gegen den Abbau an der Volksschule aussprach. Cs wurde einstimmig folgende Entschließung angenommen: Die in großer Zahl versammeltem Bürger und Bürgerinnen von Trais-Horloff erheben schärfsten Protest gegen den geplanten Volksschulabbau, da hierdurch die ohnehin schon sehr mangelhafte Bildungsmöglichkeit auf dem Lande noch weiter eingeschränkt wird, und stehen Seite pn Seite mit Gemeinderat und Schulvorstand, die einstimmig in einer früher gefaßten Entschließung das gleiche forderten."

kreis Friedberg.

ss. Friedberg, 25. März. Heute sind 50 Jahre verflossen, seitdem der hiesige praktische Arzt Geh. Sanitätsrat Dr. Becker in Gießen die Doktorwürde erlangte. Noch in demselben Jahre ließ sich der Genannte in hiesiger Stadt als praktischer Arzt nieder, und versieht noch heute, trotz seines vorgeschrittenen Alters, mit voller geistiger und körperlicher Frische seine ausgedehnte Praxis. Durch seine Lerusstreue, seine vorzüglichen Charak­tereigenschaften und feine Teilnahme an allen öffentlichen Angelegenheiten genießt er in allen Kreisen der Bevölkerung die allgemeinste Ver­ehrung. Der ärztliche Kreisverein veranstaltete seinem verehrten Mitglieds in engerem Kreise eine Feier, bei welcher Dr. Dalquen von Heldcn- bergen namens des Vereins, Dr. R o m p f namens der Stadt Friedberg, Ministerialrat Dr. S p a m o r von Darmstadt im Namen des Ministeriums, Ab­teilung für öffentliche Gesundheitspflege, Glück­wünsche überbrachte. Kreisarzt Dr. Nebel über­reichte mit marinen Worten das erneuerte Doktordiplom. Der Kreisverein überreichte dem Jubilar ein wertvolles wissenschaftliches Werk, ebenso der Verein Friedberger Aerzte ein Pracht­werk. Zahlreiche Glückwünsche und Blumenspenden gaben einen Beweis für die Wertschätzung des Ge­feierten.

ss. Friedberg, 26. März. Der erste Punkt der Tagesordnung der gestrigen Stadtverord­net e n s i tz u n g betraf die Herrichtung der seitherigen Seminarschule zu Wohnungen. Mit dem Lehrerseminar ver­schwindet auch die Seminarschule. Die frei- merdenden Räume sollen zu Wohnungen umgebaut werden. Der Kostenaufwand beläuft sich auf etwa 9300 Mk.; das noch vorhandene Schulinventar will die Stadt vom Staate zu entsprechendem Preise übernehmen. Das der Stadt gehörige Burg- Pfarrhaus, das jetzt von dem neuen Stadt­pfarrer Gengnagel bezogen werden soll, bedarf einer gründlichen Reparatur. Der Voranschlag be­läuft sich auf 12 000 Mk. Es sollen vorerst die un­bedingt nötigen Arbeiten ausgeführt werden. Die Gebührensätze für Begräbnisse wurden herabgesetzt, und zwar für Erwachsene von 50 auf 45 Mk., für Kinder über 14 Jahre von 30 auf 25 Mk., für Kinder unter 14 Jahren von 20 auf 15 Mk. Die vor einigen Jahren eingerichtete Oberrealschule hat sich so stark entwickelt, daß die Unterprima entweder getrennt werden muß oder eine Anzahl Schüler zurückgewiesen werden müssen. Bei Trennung der Klasse muß noch eine neue Lehr­kraft angestellt werden. Es wurde einstimmig be­schlossen, die Kosten für eine weitere Stelle zu be­willigen. Die große Esche vor dem Burg­tor, für deren Erhaltung sich die Versammlung in der letzten Sitzung aussprach, ist nun doch gefällt worden, da sich der Bauausschuß einstimmig für Entfernung aussprach und die Mehrheit der Stadt-

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Das Theater der Eskimos.

Von Friedrich Sieburg.

Spät noch entläßt uns die letzte Fichte am großen Dörensee. Still hält sie ihr ^istallenes Leben in die ungeheure Kälte, die lautlos von den schiefen Sternbildern stürzt. Im trockenen Wasserbett klirrt Kiesel wie Stahl. Weihe Schnee­dünen geben säuselnd dem Wind ihr blitzendes Korn mit. Im kalten Fieber zuckt die Nacht.

Der Frenide blickt traurig sein verglimmendes Feuer an, zerstreute Kohlen fressen schwarz den Schnee weg. Die Hunde' zappeln freundlich brummend im Geschirr. Ihr schöner Pelzkragen steht gesträubt. Spitze Schnäuzchen, munter er­gebene Augen, liebe Tiere. S)ier, wo sich die Erde verweigert, wo der Himmel sich kalt ver­schließt, wo die gigantische Eisplatte des Sees nachts wie von Schüssen dröhnt, wo der nie ruhende Nordwest wie eine stählerne Faust gegen die Nase schlägt, hier packt der Fremde mit steifen Fingern die Last seines unsinnigen Da­seins in haarige Säcke: einen Kodak 12x15, eine Winchester Büchse mit 9 Millimeter Kugel­lauf, eine Schreibmaschine, winzig klein, aber immerhin eine Schreibmaschine mit dreiunddreihig Tasten und vier Schalthebeln, ein Zeißglas, Meh- apparate, Kram und dann das gute Essen.

Vom großen Börensee bis zur Coronation- Bai mit Seitenwind, das heißt drei Wochen. Mit Nächten. Das heißt einundzwanzigmaliger Bau einer Schneehütte. Aber dann ist Sommer nahe. Und das Schiff wird da sein. Und die Männer.

Der Fremde denkt: dann wird die Steppe blühn. Und die Heere der Lachse rücken den Strom hinaus. Und in die blau spiegelnden Pfützen der riefelnden Tundra sentt das Renn­tier feinen breiten Huf. Und sehnt sich nach einer mageren Fichte, um sein werdendes, plum­pes Geweih daran zu reiben. Aber die letzte Fichte entlieh uns spät noch am großen Bören­see.

Eskimos wissen viel zu erzählen. Manche haben Kunde von der Sippe Erichs des Roten, die vor neunhundert Jahren weit von hier an der Ostküste landete. Manche hörten von Amund- sen, der die Nordwestpassage zu Schift bezwang. Einige sahen Knud Rasmussen, der fast ein

Sohn ihrer Stämme ist. Dieser hat mit Geistern gesprochen, jener mit dein Renntier. Alles schiebt sich zusammen. Wenig Raum ist da, wenig Zett. Kommt man zu ihren Hütten, so reichen sie Krüge voll Tran, auch rohen Lachs, wenn es die Jahreszeit ist, und immer Fleisch. Dies stopfen sie in den Mund, lachend, atemlos, und schneiden, was heraushängt, mit dem Messer ab. Das ist gefährlich für Nase und Lippen und will gelernt sein.

War der Sommer gut, war die Jagd reich­lich, sind Bündel da von getrocknetem Fleisch und viel Pelze und genug Tran, und gar Sirup und Tabak von den Weihen, so ist oft abends die Freude groß. And der Fremde, dem in der stickigen Heißluft, im beizenden Rauch der Hütte der Schweiß den Rücken hinunterläuft, wünscht ein Schauspiel zu sehen. Welch eine europäische Idee! Hier hat kein Gott je auf der Erde ge­wandelt, dessen Gestalt und Geschichte fortleben könnte in Wort und Schau. Nie haben sich hier die Menschen je zu qner Anrufung vereinigt, so daß schließlich der Geist unter sie getreten wäre. Wer wüßte sich hier an einen Altar zu erinnern, auf dem die Flamme brannte, um den sich Men­schen versammelt hätten zu einer wechselnden Rede, zu Gesängen. Hier wirken nur zwei Dinge: Die Nahrung und die Natur. Da gibt es Er­zählungen von Männern, die groß waren auf der Jagd und beim Fang. Und da gibt es Geister: im Licht, im Wasser, im Wind.

Dennoch ist einiges zu tun für den Fremden, der ein Festliches um sich wünscht.

Da holt denn einer die Trommel vor, schwingt sie in der linken Hand und tupft mit dem Daumen der rechten leicht und schnurrend gegen ihre glänzend braune Haut. Welch ein schöner Ton, tief, dunkel und warm nachhallend. Man denkt, der Schnee müsse draußen schmelzen, wenn viele solche braunen, guten Töne brummen. Aber der Herr der Trommel bleibt nicht so fried­lich, schneller stoßen die Finger gegen die Haut, nun braucht er die Faust, nun fängt er das Echo ab, nun dreht er den Oberkörper und beginnt zu rufen, zu fingen. Der Fremde kann es nicht verstehen, es sind zu viel fremde Worte, der Takt wird auch schneller, stürmischer wiegt sich der Körper, alles rollt an ihm, die Arme

tanzen wie Schlangen, der Kopf rollt wie eine Kugel, die Augen rollen. Nur die Beine blei­ben unbeweglich im Sih. Die anderen gleiten langsam hinein. Es ist nur ein Stöhnen, das schwer und golden in den Kehlen auf- und ab- steigt. Ein klingendes Weinen, gemischt aus un­endlichen Skalen.

Der Fremde schließt die Augen: Dies ist magischer als je eine eleusinische Tempelnacht. Eis, Schnee und Nacht und zuckendes Nord­licht geben keine Farben her und keine Gestalt. Der Schrei allein erhebt sich aus der bildlosen Welt. Er sitzt in diesem Schrei, der brünstiger als durch tausend Orgeln steigt, eingehüllt, ein- gesargt. Er fühlt in feinen Eingeweiden. in seinem Brustkorb die tönende Resonanz, seine Organe vibrieren, das kitzelt in der Kehle. Die Stimmbänder zittern und schwingen. Auch in ihm entsteht der Schrei. Da hilft nichts. Im Auf quellen dieses sonoren ToneS versinkt chm alles, Heimat, Heimkehr, Bild und Zahl. Schon ist sein Mund gefüllt mit dem ersten Ton, da bricht die Trommel ab. Er blickt auf. Die Trommel rollt am Boden. Alle sind vornüber gesunken, keuchend, von Schweiß beftromt. Die Stille ist groß. Ec beugt sich vor, hebt den hängenden Kopf des Herren der Trommel mit beiden Händen und schaut ihm fast gierig ins Auge. Er sieht gerade noch den brechenden Blick. Im Auge geht em Mond unter. Es ist der Blick der Liebe, die sich erfüllt.

Am anderen Tage sieht der Fremde dennoch ein Schauspiel. Die Sonne blitzt auf dem blauen Schnee, der Wind ist fast still geworden, ruhiger Hüttenrauch steht in der Luft. Er ist dabei, seine Schlitten zu packen. Er wird noch zu vielen Wohnplätzen kommen. Aber zuiy Abschied verkaufen sie ihm nicht nur Fleisch gegen Tabak, sondern sie spielen auch ihr einziges Schauspiel: den Streit. Zwei Eskimos treten einander gegenüber und_ beschimpfen sich. Sie umtanzen einander, sie äffen sich nach, sie er­zählen schändliche Geschichten voneinander, die sehr kurz und von malenden Gebärden begleitet sind. Es ist nur ein Spiel, ein Turnier mit der seinsten Waffe, der Lächerlichkeit. Die übrigen sitzen im Kreis herum und sind sehr ernst. Es ist offenbar keine so einfache Sache, seinen

Gegner mit Worten und Fratzen zu erledigen. Die ganze Fülle von verächtlichen Gesten strömt aus geschwungenen Armen, aus spielenden Fin­gern, aus hüpfenden Schritten. Da ertönt das erste Gelächter aus dem Kreis und so hat denn der andere seine erste Wunde empfangen. Und mit dem Wachsen des Gelächters schwillt der tanzende Spott des einen zu Sprüngen» zu Schreien, doch nie zu einem Stoß oder Hieb. Der andere wird schwächer in seiner Wehr, die gräßliche Fratze, die er jetzt schneidet, sieht fast wie Weinen aus. Seine Schultern zucken, seine Mundwinkel fallen krampfartig nach unten. Der andere umtanzt ihn nun auf allen Vieren. Sein vergehender Gegner wirft die Arme vors Gesicht, der Fremde wird von Mitleid ergriffen. Er will aufstehen, um zu helfen. Doch die anderen winken ihm, das Spiel nicht zu stören. Der eine ist nun aufs Knie gesunken, fein Kopf hängt welk, seine Hände hat er bettelnd geöffnet. Aber der höhnische Sieger umtanzt ihn noch. Die Knie hochgeworfen, den Kopf im Nacken, die Fäuste triumphierend nach vorne stoßend. Da erst legt sich der Besiegte leise hin in den zerwühlten Schnee, schweigend, und bedeckt sich sanft feine Augen. Das Spiel ist aus.

Später, nachts, sieht der Fremde die Sterne. Einzige Götterbilder hier. Sie können aus keine Szene treten. Für sie wird kein Opferstein errichtet. Ss sei denn: die Welt. Aber dann würden die Zuschauer fehlen, die nach dem ge­waltigen Kreisgang der Gestalten beifällig mur­meln könnten, um dann heiter und schmatzend zurückzukehren zu ihrem Kruge voll Tran.

Eines Tages wird der Fremde fein Schiff erreichen in der Coronation-Dai. Er wird andere Eskimos besuchen, weit westlich des Mackenzie­flusses, sogar vielleicht bei Kap Barrow. Dort wird er sie singen und tanzen sehen, indes das Beringmeer und das Beaufortmeer chr Eis krachend ineinander drän gen. Dann wird er Mas­ken sehen, bunte Masken, die sie beim Tanzen vor ihre Gesichter halten. Den Mond der Liebe kann er dann nicht mehr in ihren Augen unter­tauchen sehen. Doch wird er schöne Schreie hören, Schreie zu einem Gott. Aber vielleicht ist das schon der Große Geist. Oder der Indianergott Atapai.