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Samstag, 27. März 1926
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesjen)
Nr. 75 Zweites Blatt
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und
römmigfeit,
geboren. Zur Tat selbst sagte der Staatsanwalt, daß die Tötung vorsätzlich ausgesührt worden sei. Darüber habe die Verhandlung Klarhett gebracht. Eine Affekthandlung komme nicht in Frage. Der Staaisanwalt beantragte, die Angeklagte wegen Mordes zum Tode und zum dauernde Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte zu verurteilen.
Der Verteidiger Prof. Dr. Sinzheim er führte dem Gericht und den Geschworenen die Verantwortlichkeit für das zu fällende Urteil vor Augen. Er glaube, daß die sexualen Wünsche der Angeklagten nicht in Erfüllung gegangen seien, und daß Dr. Seitz sie zurückgewiesen habe. Diese Kränkung und Zurückweisung habe sie in bebende Wut ge-
Gießener Kommunisten vor dem Staats* gerichtshose zum Schutze der Republik.
Das Urteil
im Matsotti-Prozetz.
Wieweit man in Italien von dem Grundsatz unparteilicher Rechtssprechung entfernt ist. hat das gestern schon berichtete Urteil im Mateotti- Prozeh gezeigt. Daß der Prozeß so ausgehen würde, war mit Sicherheit vorauszusehen. Das gesunde Rechtsempfinden des Kulturmenschen kann sich natürlich keineswegs mit dies en mit» Heu Strafen einverstanden erklären, wenn auch der politische Mord anders zu beurteilen ift als der in gewinnsüchtiger Absicht ausgefuhrte gemeine Mord. Mit dem Urteil im Mateottt- Prozeß ist ein Konfliktstoff beteiligt worden, der das politische Leben Italiens stark bewegte. Die letzten Reste der Opposition holten den Mateotti-Mord immer wieder hervor, um dem System Mussolini schwere Vorwürfe zu machen. Eine Zeit schien es so. als ob die Angelegenheit überhaupt nicht zur Aburteilung kommen werde, denn die Behörden haben seit Juni 1924 bis jetzt dazu gebraucht, um die Straftatabzuurteilen. Die italienische Presse, die heute völlig faszistisch ist, findet das Urteil durchaus angemessen. Da es Oppositionsblätter überhaupt nicht mehr gibt, kann auch gegen das Urteil nicht Stellung genommen toer&en. Der Prozeß und das Urteil zeigen aber deutlich, däß man das Italien Mussolinis und seine Einrichtungen nicht mit denen eines anderen Kulturstaates vergleichen kann, denn wohl in keinem europäischen Staate, mit Ausnahme des kommunistischen Rußlands, Ware es möglich gewesen, ein solches Urteil zu fällen.
grünen ..."--
Wie erquickt immer wieder von neuem ein grünender Strauch im Frühling! Man bleibt immer wieder wie vor einem Wunder stehen!
Dieses Grünen kommt aus der Tiefe. Das ist das stille, feine Werk des ganzen Strauches oder
Außenpolitische Umschau
Von Prof. Dr. Otto Hoetzsch, M.d.R.
Gerichtssaal.
Todesurteil im Mordprozetz Flessa.
WSR. Franksurt a. M, 26. März. Der heute Vormittag im Mordprozeß Flessa war mit ter Vernehmung ter Sachverständigen ausgefüllt. f
GerichtSchemiker Dr. Popp äußerte sich ausgiebig über die äußeren Umstände des Schießens der Angeklagten. Gerichtsarzt Geheimrat Dr. Roth erklärte u. a.. die Angeklagte sei nicht geisteskrank und für ihr Tun und Lassen voll verantwortlich. Sie besitze keinen Iittellektsehler und habe ein glänzendes Gedächtnis. Offenbar fei sie aber sehr empfindlich, selbstbewußt, gereizt und geradezu dickköpfig borniert. Der Sachverständige kam zu dem Schluß, daß fein Zweifel daran bestehen könne, daß die Tötung des Arztes Dr. Seih von ihr lange überlegt worden sei. Eine Bewußtseinstrübung habe in ter fraglichen Zeit nicht Vorgelegen. Der dritte Sachverständige Professor Dr. Raecke bekundete, die Frage, ob sich aus den Tatumständen und aus dem Verhalten der Angeklagten nach der Tat Anzeichen von Geisteskrankheit ergeben hätten, müsse verneint werten. Zufammenfassend tarn ter Gutachter zu dem Ergebnis, daß alle Anzeichen einer Geistesgestörtheit bei Begehung der Tat fehlten.
Hierauf folgten die Plädoyers. Aus Antrag des Verteidigers wurde die Angeklagte während derselben abgeführt.
Erster Staatsanwalt Florett erklärte, die Angeklagte besitze eine außerordentliche Energie, mit der sie in ihrem Beruf viel Gutes hätte leisten können. Diese Energie habe sie aber in den Dienst des Hasses gestellt. Das Motiv zur Tat sei erotische Begehrlichkeit gewesen. Auf dem Boden der Eitelkeit, gepaart mit Eifersucht, sei die Rachsucht entstanden und habe daraus den Vernichtungswillen
bracht. Der Verteidiger erklärte, er sei rechtlich der Uederzeugung, daß Die Tat nicht mit Uebcrlegung und nicht mit Vorsatz ausgeführt wurde. Es bleibe höchstens der Tatbestand der fahrlässigen Tötung und deshalb sei die Angeklagte zu bestrafen.
Das Gericht verurteilte die Angeklagte Wilhelmine Flessa wegen Mordes zum Tode und dauerndem Ehrverlust. Während der Urteilsbegründung wurde die Angeklagte ausfällig und behauptete, daß sich alle Männer gegen sie verschworen hätten, was schon bei der Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter angefangen hätte. Für den Rest der Urteilsbegründung wurde die An- geklagte aus dem Saale entfernt.
Baumes. Von den letzten Wurzeln in der Tiefe an beginnt das Werk. Es ist ein Pulsen durch das Ganze hin, ein Treiben und sehnsüchtiges Sich- Heben. Und alles geschieht in der Stille, nichts ist da von äußerem Tumult. Es ist immer wieder das alte, geheimnisvolle Wirken aus dem inneren Drange. Und dann das stille Trinken von Sonne und Himmelslicht und das Empfangen des segnenden Regens. — Es gibt kaum ein schöneres Bild für die echte Frömmigkeit: Aus der Tiefe, ganz in der Stille, und freudiges, sehnsuchtsvolles Empor ins Licht des Himmels. Nichts von prunkender Gebärde, alles heitere Natur und Natürlichkeit!
„Mein Herze soll dir grünen!" Das ist echte, deutsche Frömmigkeit, die da weiß: Nicht auf den Buchstaben kommt es an, nicht auf diese und jene Form, sondern auf das tiefe, lebenswillige und himmelsehnende Herz, auf seine Entfaltung aus heiligen Gründen, auf seine Freiheit von innen her, auf die herrliche Freiwilligkeit, anzubeten und Gott zu dienen!
Diese deutsche Frömmigkeit weiß aus dem Geiste und der Wahrheit fromm zu sein.
Diese Frömmigkeit bleibi dann auch nicht in der reinen Andacht haften, sondern, wenn sie diese echt und tief empfand, dann kommt ganz von selbst die Wirkung aus dieser Andacht, und die ist bann Gutsein, Tapfersein, ist Vertrauen, ist schönes, beglückendes Fröhlichsein, und als schönste Wirkung: immer wieder Liebe geben.
Das ist die echte schöpferische Frömmigkeit, deren wir so sehr bedürfen! Die niemals schwankende, die sich selbst immer treue, dle wurzelstarke und wahrhaft machtvolle!
Schöpferische Frömmigkeit!
Zu ihr will uns der Palmsonntag helfen, wenn mir ihn recht verstehen, und das ©unter des Früh
worden! _.«.
Im übrigen warten wir ab, wie der Völkerbund die Krise übersteht. Sie hat sein innerstes Wesen bloßgestellt. Es mag sein, daß die 9 b*e e bes Völkerbund damit noch nicht erledigt ist, aber als unmöglich hat sich seine Organisation heraus- gestellt. Die ist eben nicht ein Völkerbund, sondern in raffinierter Ueberlegung von vornherein nur eine Verschleierung für die Herrschaft einer Mächtegruppe, des von Frankreich geführten Mächteringes, die eine angebliche Weltorganisation des Friedens und des Rechtes einseitig als Instrument zum Nutzen der Europasieger aufrecht erhalten will. Dagegen revoltiert Deutschland, das, wenn das so bleibt, eben
der Stadt.
Diele werden es durchaus ehrlich gemeint haben, und ihr Herz fühlte gewiß etwas wie von frommer Zuneigung und Ehrfurcht gegenüber dem, der so still und bescheiden seinen Weg zog. Andere wieder wären gewiß mehr gepackt gewesen, wenn der „König der Juden" strahlend und echt königlich em- hergezogen wäre. Es fehlte für sie ter äußere An- triev zu einer Hochstimmung des anbetenben Gemütes. Jerusalem stand jedenfalls unter dem Banne eines großen Augenblicks, und Frömmigkeit wogte diirch Die Herzen. Aber es war doch im Grunde jene Frömmigkeit, Die durch den Rausch der Menge hervorgerufen wird, die mit dem hohen Augenblick verebbt, die auch die äußerlichen Dinge, wie Palmenschwingen, Sang und Klang, feftlii ** ° ähnliches braucht. Es ist jene Art von „ wie wir sie in jedem Zeitalter finden, wie sie auch >n unserer Zeit noch zu finden ist.
Wie wundervoll schlicht und herzlich wahr spricht mm die echte Frömmigkeit: „Mein Herze soll dir
Pulverhäuschei' von Dem Frankfurter Genossen Herr mit der Pistole in der Hand dahin informiert worden sein, daß es sich um ein faszistisches Munitionslager handle, das ausgehoben werden müsse; wer sich dem entgegenstelle, werde über den Hausen geschossen. Sie sind bann mit dem Auto bis Bad- Nauheim mitgefahren und von Dort mit gefüllten Rucksäcken nach Gießen gefahren. Bon Dem nach Frankfurt verbrachten Pulver ist nichts aufzusinden gewesen.
In Gießen befaßten sich nun die Angeklagten Hartmann, Krausmüller, Schneider und Grün intenjiD mit der Herstellung von' Handgranaten. Die Anfertigungsart ift von dem Genossen Berti alias Herr genau erläutert Worten. Etwa acht Tage lang wurde eifrig gearbeitet, zunächst in der Wohnung des Hartmann. Es sind mindestens 107 Handgranaten hergestellt worden, die zusammen mit 26 Dynamitpatronen in Blechdosen verpackt vorübergehend im Garten des Angeklagten Dell und später im Walte vergraben worden sind. Hier wurden sie später von der Polizei gefunden. Die Handgranaten fallen ganz zweifellos unter das Sprengstoff- geseh. Sie sind überaus gefährlich, ganz besonders in geschlossenen Räumen. Das verwendete Pulver ist zweifellos dadurch zum Sprengstoff im Sinne des Gesetzes geworden, daß es nicht nur mit sogengmrtem Blättchen- pulver, sondern auch mit Sprengstoff vermischt worden ist. Es ist festgestellt worden, daß Krausmüller und Hartmann in Frankfurt gewesen sind und von Herr ein kleines Säckckeir mit Sprengstoff bekommen haben. Weiterhin hat der Zeuge Eller bekundet, daß der Angeklagte Ieschke an den Angeklagten Grün Dynamit- Patronen verkauft hat, ter er von dem Zeugen und dessen jetzt in Amerika weilenden Cousin sich verschafft hatte; außerdem hat auch Schmidt ein Kästchen mit Sprengst"" an Hartmann gegeben. Die weitere Füllung der Handgranaten bestand aus Rägeln und Ei^en- splittem, die von dem Angeklagten Bell geliefert worden sind. Er hat dies zwar bestritten, aber auf Grund der Angaben des Angeklagten Hartmann ist die Tatsache als erwiesen anzusehen. Hartmann, der auch den Angeklagten Bell, ter als einziger von allen Angeklagten nicht geständig ist, belastet, hat einen durchaus glaubwürdigen Eindruck gemacht. Er hat von Anfang an alles zugegeben. Allerdings hat der ärztliche Dach^erstäniige diesen Anaeklagien als einen Psychopathen er Härt, bei dem sich im Affekt Wahrnehmungen und Schlußfolgerungen verwischen. Aber es kann keine Rede davon sein, daß Hartmann seine Angaben hier im Affekt gemacht hat. Dem Ieschke fällt außer dcnv schon Erwähnten unbefugter Waffenbesitz zur Last. Einmal hat er dem Zeugen Dierau eine Pistole zum Kauf angeboten. Die Belastung des Angeklagten Velke, der sich vorübergehend auch nut der Herstellung von Handgranaten befaßt hat, stützt sich auf die Aussagen ter Zeugen Men- ches und Kraft und des Angeklagten Hartmann. Die Aussagen des Meuch es allein! würden nicht ausreichend fein, aber der ein«» wandfreie und Aaubwürdige Zeuge Kraft hat bekundet, daß Velke tatsächlich einen Rucksack mit Pulver in seiner Wohnung hatte. Der Angeklagte Volk soll Blechdosen zur Handgranatenfabrikation gesammelt haben. Er hat dies bestritten. D.. Beschuldigung hat ihm auch nicht nachgewiesen werden können. DcÄhalb ist Die Anklage gegen ihn fallen g elassen worden.
Sonderbericht des „Gießener Anzeigers".
(Rachdruck verboten.)
Das Urteil.
js. Leipzig, 26. März. Der Vorsitzende des Staatsgerichtshofs zum Schuhe der Republik, Reichsgerichtsrat Lorenz, oertünbet heute mittag gegen 2 ilhr folgendes Urteil:
Die Angeklagten Kraus m ü Her, Hartmann, Schneiderund Grün werden wegen je eines Verbrechens nach § 7 Ziffer 4 und 5 des Republikschuhgesehes in Tateinheit mit Vorbereitung zum Hochverrat und eines Verbrechens nach 8 7 des Sprengstoffgefehes, Hartmann außerdem wegen schweren Diebstahls, zu j e z w e i Jahren 6 Monaten Zuchthaus und 300 Mark Geldstrafe verurteilt.
Der Angeklagte Ieschke wird wegen Verbrechens gegen § 7 Ziffer 4 des Republikschutz- gesehes in Tateinheit mit Vergehen gegen die Verordnung über den Waffenbesitz und Beihilfe zum Sprengstoff verbrechen nach § 7 des Gesetzes zu 9 Monaten Gefängnis und 100 Mk. Geldstrafe, der Angeklagte Schmidt wegen derselben Verbrechen in Tateinheit mit Vorbereitung zum Hochverrat zu 1 Jahr 4 Monaten Gefängnis und 100 Mark Geldstrafe verurteilt. Gegen Den Angeklagten Velke ist wegen ter gleichen Vergehen und Verbrechen auf 1 Jahr 6 Monate Gefängnis und 100 Mark Geldstrafe erkannt. Sämtliche Geldstrafen, sowie bei Krausmüller, Hartmann. Schneider, Grün und Schmidt je 10 Monate und bei Ieschke und Velke je 14 Tage der Strafe gelten durch die Unter- suchungshaft als verbüßt. Das Verfahren gegen die Angeklagten Kaiser, Lepper, Volk und Dell wird auf Gründ des Gesetzes über Öie Straffreiheit vom 17. August 1925 eingestellt.
*
lieber Den Verlaus des letzten Verhand- lungstages ist noch zu berichten:
js. Leipzig, 25. März. Gegen Den heute zur Vernehmung kommenden letzten Zeugen Maler Ludwig Schardt aus Gießen hat auch ein Verfahren wegen Hochverrats geschwebt, er ist jedoch amnestiert worden. Im Oktober/November 1923 ist Der Zeuge militärischer Leiter Des Unterbezirks ae» wesen. Er bekundet, daß ein gewisser Noack bei einer Versammlung im November Die Verteilung Der illegalen Aemter in Der KPD. vorgenommen habe. Von Frankfurt seien mehrfach „Befehle" zur Waffenanschaffung gekommen. Den Betrag Des zu diesem Zwecke überfanbten Geldes kann Der Zeuge nicht mehr angeben, jeDenfalls habe es Der Angeklagte SchmiDt als Damaliger „Wumbo" erhalten. Im großen unD ganzen kann sich Dieser Zeuge aus verschiedene seiner in der Voruntersuchung gemachten Aussagen heute nicht mehr besinnen; insbesondere, daß er einmal bei Dem Angeklagten SchmiDt einen Rucksack mit Schwarzpuloer gesehen habe, von Dem sich später herausstellte, Daß es Sprengstoff gewesen ist. Eine gewisse Rolle spielen gefälschte Berichte, Die dieser Zeuge nach Frankfurt an die Parteileitung geschickt hat, weshalb ihm der Angeklagte Bell Vorwürfe gemacht hat. Auch Der Angeklagte Velke habe gegen Diesen Zeugen gehetzt. so Daß sein Ausschluß aus Der Partei durch den Frankfurter „Berti" (Herr) erfolgte.
Hierauf erhält der
Vertreter der Reichsanwaltschast, Staatsanwalt- schaftsrat Eichler,
Das Wort zu feinem Plädoyer. Zufammenfassend führte er aus, daß Die Anklage auf die Bildung Der HunDertschaften im September/Oktober 1923 kein Gewicht lege. Dagegen beanspruche Der Pulver - diebstahl unD Die Damit zusammenhängenDe HanDgranatenfabrikation größtes Interesse. Die am PulverDiebstahl in Butzbach beteiligten Angeklagten Hartmann, Kaiser und Lepper sinD geftänDig, Doch wollen sie erst am
Die ParlarnentsverhanDlungen in Paris Berkin unD London haben Die Genfer Politik unD Kampfe, Die Sicherheitserörterung, Die Europa, gerate eineinhalb Jahre ununterbrochen beschäftigt hat, zu einem geroiffen Abschluß geführt Großartig ist er nirgenDe, unD kein beteiligter Staatsmann kann stolz auf Diesen Ausgang fein, der, statt Europa Das Sicherheitsproblem zu losen, den Völkerbund schwer erschüttert hat und Europa tn vollkommener Unsicherheit läßt. Der Rückblick im einzelnen hat heute keinen besonderen Wert. Was ist nun vorhanden auf diesem Trümmerfeld, das der 17. Marz in Genf geschaffen hat? Gewiß ist ganz schon, daß nach allgemeinem Urteil Der Welt DeutsäsianD an diesem Ausgang nicht schuld ist, sondern Brasilien und der, der hinter ihm stand, und (nicht zu vergessen), die Hinterhältigkeit von Chamberlain und Briand, die Deutschland über das Ohr hauen wollten. Nur ift mit dieser Feststellung realpolitisch wenig geschasst. Auch das ist ganz schon, daß, wie der Havas-Kornmentar sagte, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Frankreich, Deutschland und England sich ergeben hat, genauer gesagt heißt das, Die Zusammenarbeit der beteiligten Minister in den Drei Staaten, Die alle zusammen einen schweren Mißerfolg erlitten. Die sich in Dem Kommunique vom 16. März eine Art Sicherheitspakt für Die eigene Stellung schufen und nun natürlich aus diesem Grunde in den nächsten Monaten zusammen- arbeiten werden. Das ist nicht ohne Nutzen für Deutschland, es muß vor allem in Der Richtung Deutsch-franzosiscl)er Annäherung ausgenutzt werden.
Die beiDen großen Schwächestellen Der europäischen Politik sind Die innere Krise in Frankreich, Die von einem Regierungswechsel zum andern immer mehr nach rechts führt unD Damit auch auf Die Außenpolitik umgeftaltenD einwirr, und Die ganz unberechenbare Politik Italiens, Mussolinis, Die eines schonen Tages irgendwo einen großen Konflikt herbeiführen kann. Danach wird sich Die weitere Entwicklung Der englischen Politik richten, die immerhin zu einem Personen- unD System- wechsel führen kann, nicht heute und morgen, aber In absehbarer Zeit. Dieser ist mietet abhängig von NorDarnerika. Der Bericht bes Botschafter^ Hougthon, der m die Presse gegeben worben ift, entbleit mit seiner Kritik am Völkerbunb eine ernste Warnung an Europa unb vor allem an Frankreich als ben Störenfrieb bes europäischen Friedens. Noch liegt barin nicht bie Abkehr Norbame- rifas von Europa, aber bie Ankllnbigung, baß biefe kommen kann, zum a 11 e r g r ö ß t e n S ch a b e n für Guropa selbst, bas ohne Unterstützung bureb Norbamerika zu Wieberaufbau und Beruhigung sicherlich nicht kommen wird.
In Rußland wieder sieht man mit Genugtuung die Voraussage sich bestätigen, die man Der Locarnopolitik gegenüber aussprach. Desgleichen aber fühlt man eine gewisse Beklemmung, wenn Polen wirklich in den Völkerbund heremkommt, was im Herbst ja sicher ist, wenn Polen also als Großmacht betrachtet würde und Polen sich als Exponent einer antibolschewistischen Politik Englands würde benutzen lassen. Das nun wieder legt Der deutschen Regierung zwingend nahe, jetzt an die Arbeit zu gehen, an die Arbeit nämlich, Den L o - carnooertrag, Der weiter besteht unb gilt, zu ergänzen durch einen entsprechenben Vertrag mit Rußlanb, wie wir bas längst gefortert haben. Wenn man schon einmal bas System ter Locarnoverträge aufrecht erhält, so kann sein Nachteil in Der Mächtegruppierung für Deutschlanb nur ausgeglichen werben, wenn es Dies System Durch einen entsprechenben Vertrag mit Rußlanb ergänzt. Unb wenn babei von selber'bie Erinnerung kommt an Bismarck, an den Bismarckschen Rückversicherungsvertrag unb alles bamit ZufammenhangenDe, so ist das etft recht ein Zeichen dafür, daß man mit solchen Erwägungen auf dem rechten Wege ist. Nun - < •• 1. ... V-« cc w M ui aah Sin in nnn
nicht als gleichberechtigte Großmacht in dielen Bund eintreten würde. Dagegen revoltieren die süd- amerikanischen Staaten, was ter tiefste Grund des brasilianischen Widerspruchs ja war. Dagegen revoltierte China. Dagegen revoltiert Rußland, und nicht zu vergessen, Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, deren Abneigung gegen Genf durch diese Vorgänge natürlich gesteigert worden ist. Die Sommermonate werden zeigen, ob im Völkerbund Wille und Fähigkeit ist, aus Der Erkenntnis dieser schweren Konstruktionsfehler heraus eine Umorganisation anzufassen, für Die eben dann freilich Die bisher herrschenden Mächte auf ihre Vormachtstellung verzichten mühten.
Wir haben nichts Dagegen, Daß sich Deutschland praktisch an Diesen AuseinanDersetzungen beteiligt, wie es sich auch an Der Abrüstungs- und Weltwirt- ichaitskonferenz beteiligen wirD. Aber kein Unbe- angener kann bestreiten, daß em Deutschland, das ich Daran beteiligt, seinem Interesse bester Dienen könnte, wenn es formell ganz frei wäre, wenn es nicht Durch seine Vertretung in Genf und Durch seinen Reichstag sich so gebunden hätte, wie es der
lings, in das er mitten hinein gestellt ist! „Mein Herze soll Dir grünen . .
Uraufführungen
im Hessischen Landesthealer.
Die Einfuhr italienischer Theaterkunst in Deutsch- lanD mutet seltsam an, zumal zu einer Zeit, in Der Die italienische Politik alles anDere als Deutsch- freunDlid) ist. Jetzt hat das Hessische Landes- t h e a t e r versucht, Das Deutsche Publikum mit Den neuesten Schöpfungen Der italienischen Oper vertraut zu machen. Es waren Dazu Drei kleine, einaktige Opern unD ein Ballett gewählt warten. Der Komponist Der Opern, G. Francesco M a l i p i e r o, zählt zu den bekanntesten und bebeutenbften neuen Komponisten Italiens, wie das Publikum Durch Vor- notizen unterrichtet rourDe; Demgemäß war Die Spannung groß, weil man einen musikalischen Neutöner erwartete. Der Spannung folgte jeDodj eine Enttäuschung. Schon Der Text unD bie bühnenmäßige Gestaltung ber Opernwerke vermochten kaum em tieferes Interesse zu erwecken. Ihnen lagen stark bearbeitete Golbonisch,^^omöbien zugrunde. Die Titel der Drei Sd)öpfil£en lauten: „Das Kaffeehaus", „Herr Totero Brontolon" unD „Die zänkischen Weiber von Chioggia"; sie schildern venetia- nische Zustände unb sinb als Intrigenstücke auf» aufgebaut. Unserem deutschen Empfinden liegt ihre Handlung sehr fern; auf ter einen Seite haftet ihr etwas allzu Naives und Typisches in den Charakteren an, unb auf ber anberen sind bie Bühnen- Vorgänge burch bas Intrigenspiel so verwickelt, baß man ihnen nicht zu folgen vermag. Hinzu kommt noch, baß bie breiter angelegten Golbonischen Ko- möbien förmlich in bas Prokrustesbett ter Einakter hineingepreßt ift. Das erste ter Stücke stellt sich als
ehe man aber über bie Erwägungen, bie ia von ehr vielen Deutschen geteilt werden, auch entschlaf - en hinaus unb fange man bie biplomatische Arbeit n bie,er Richtung mit Rußlanb an, parallel nut ber Fertigstellung bes 300-Millionen-Kredites. Es ist m der heiklen Situation, in die sich bie beutsche Politik in Gens hereinmanovriert hat, jetzt höchste Zett ge-
ein kleiner Eifersuchtsroman bar, Der von einem Kaffeehaus feinen Ausgang nimmt. Das zweite könnte Der „bestrafte Geizhals" heißen, unb bas Dritte ist weiter nichts als eine Prügelei von Weibern aus Der Fischerstabt Chioggia bei Venedig. Es war wenigstens amüsant, wie sie sich Die Haare aus- rauften unD sich mit Fischen bewarfen. Allen Werken fehlte jedoch ein seelischer Gehalt, unb bas läßt ein deutsches Publikum unbefriedigt. Aber auch musikalisch boten sie nichts eigentlich Fesselndes, lieber einen stark naturalistischen ober stark veristi- scheu Stil sind sie nicht hinausgekommen. Es hat wenig Wert, Diese Musik auf ihre BestanDteile zu untersuchen: für bk bieutsche musikalische Entwicklung bebeutet sie nichts, Denn sie würde eher Den Fortschritt aufhalten als ihn begünstigen. Eine weitaus stärkere Leistung war bas Ballett „Das venezianische Kloster" von Alfrebo Casella. Hier war wirklich eine eigene musikalische Erfinbung, wenn auch nicht gerade von großer Eigenart unb Bedeutung. Der erste Akt dieser Kloster- und Liebesgeschichte war entschieden sehr wirkungsvoll, aber dann trat eine Erfindungsarmut im Weiterführen der Handlung hervor, die auch die Musik nicht verdecken konnte. Es stellten sich Längen ein, unb ber Spannung folgte ein sichtliches Erlahmen bes Interesses. Entsprach ber Abenb somik nicht ben Er- Wartungen, so zeigte sich Die Bühnenkunst als solche von Der vorteilhaftesten Seite. Die Regie, bie Inten« Dant Legal übernommen hatte, war eine ausge» zeichnete Leistung, ebenso ftanb bie Dirigentenkunst von Josef Rosen stock auf voller Höhe und die Bühnenbilder von Lothar Schenck von Trapv konnten sich dieser Kunst ebenbürtig zur Seite stellen. Die Darsteller zeigten sich ihren oft recht anspruchsvollen Aufgaben vollauf gewachsen. Ihnen galten in erster Linie Die Beifallsspenten. S D.
„Mein herze soll dir grünen..."
Gedanken zum Palmsonntage.
Von Reinhold Braun.
Der Palmsonntag damals in Jerusalem, als Jesus einzog, war voll vom Rhythmus der be- geifterten Menge. Es war alles eitel rooaente Freude, war ein Branden von Rausch und Klang unb geschwungenen Palmen in den engen Gassen


