Nr. 49 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Samstag, 27. Februar 1926
Der neue Vizekönig für Indien.
Don unserem F. ^.-Berichterstatter.
Nachdnick, auch mit Quellenangabe, verboten. London, Ende Februar 1926.
Är. Edward Woods, einziger überlebender Sohn Lord Halifax', bisheriger Landwirtschafts- Minister im Kabinett Baldwin, neugewählter Vize- könig von Indien, tritt, mit neuen Titeln ausgerüstet, im April sein Amt an. Seine Wahl hatte große Uebcrraschung heroorgerufen. Nicht so sehr wegen seiner Persönlichkeit, als vielmehr wegen der Tatsache, daß man alle Fachleute und Anwärter, die sich ' selbst für diesen Posten in Vorschlag gebracht hatten, fallen liefe, und an ihrer Stelle einen Mann ernannte, der für den Orient bisher durchaus kein besonderes Interesse an den Tag gelegt hat. Das ist ja nun für die Verwaltungstradition der Engländer nichts Neues. Außer Lord Curzon ist eigentlich keiner der Dizekönige der letzten dreißig Jahre Fachmann für Indien gewesen, und man hat eg immer lieber gesehen, daß eine liebenswürdige, repräsentative und gewissenhafte Persönlichkeit auf diesem größten Posten der Krone saß, der nicht der Versuchung ausgesetzt war, aus besserer Sachkenntnis heraus autoritativ zu verfahren. Immerhin bringt der neue Dizekönia einige Eigenschaften mit, die auf die politischen Absichten Englands ein bezeichnendes Licht werfen und es wahrscheinlich machen, daß gewisse Ansichten über die zu ergreifenden Maßnahmen, die bisher nur in der englischen Presse zu lesen waren, demnächst auch von der Regierung Indiens in die Tat umgesetzt werden.
Mr. Edward Wood ist nicht nur ein frommer und sympathischer Mensch, „ohne großen Ehrgeiz", sondern auch einer der ausgezeichnetsten Kenner zweier Probleme, die auch in Indien im Mittelpunkte des Interesses steyen: der Landwirtschaft und des Erziehungswesens. Obgleich er diese beiden Gebiete nur aus England kennt, ist es, da ja vieles in Indien nach englischem Vorbild geschaffen wurde, ihm sicher leicht, gerade auf diesen wichtigen Arbeitsfeldern Ersprießliches zu leisten. Da er sich durch seinen Bericht über Westindien, in dem ähnliche Fragen wie in Indien auf dem 23er- waltungsgebiete zu lösen waren, überdies den Rus eines erfolgreichen Reformers erworben hat, so geht ihm allerdings ein vorzüglicher Ruf voraus. Seine Unkenntnis des Orients schadet ihm in diesem Zusammenhänge nicht, da er gerade durch sie ohne Vorurteil und Voreingenommenheit den Dingen gegenüberzutreten vermag. Was von größter Bedeutung ist, da unter seiner Regierung die wichtigste Frage der indischen Verwaltung, nämlich die V e r - sassungsreform, zu lösen fein wird. Man rechnet also in England damit, daß sein Zusammenarbeiten mit den Nationalisten Indiens ihm entweder besonders leicht fallen wird, oder daß ihm, wenn es sich als unmöglich Herausstellen sollte, seine Kenntnis der Verwaltungspraxis gestatten wird, wenigstens die Maßnahmen zu ergreifen, die mit der Zeit die heutige Macht der Nationalisten untergraben werden.
Denn heute find die Nationalisten in Indien noch keineswegs gesonnen, sich der englischen Oberaufsicht zu fügen. Sie bezeichnen die Verfassung von 1919 (Öen „Government of Jndia Act“) als eine Nichteinlösung der 1917 gegebenen Versprechungen nuf volle Selb st Verwaltung des Landes. Die nationalistische Bewegung, die ja viel älter ist, als man es Im allgemeinen annimmt, ist aber von der extremen Aussasiung, die ihr ursprünglich zu eigen ist, heute schon sehr weit abgekommen. Weder die Swajaristen, noch die Unabhängigen, noch die Liberalen oder gar die Khilajatisten sind heute noch der Ansicht, daß sie unmitteloare und sofortige Befreiung von jeder Art englischer Verwaltung erreichen könnten. Man ist vlelmehr gewillt, sich mit dem Erreichbaren zu begnügen, wenn dies einen Fortschritt auf das letzte Ziel, die völlige Befreiung Indiens, öarfteUt. Nur die t.a k - tischen Unterschiede sind heute wichtig. Wollen die Swarajisten dieses Ziel durch ständige Opposition (Nichtmitarbeit) in Öen Parlamenten der Provinz unö öer Zentrale erreichen, so hoffen dies die Unabhängigen durch Opposition von Fall zu Fall (oer- antworlliche Mitaroeit), die Liberalen durch eine Derfassungsresorm.
Die Gesamtlage hat sich politisch also doch erheblich verändert. Von der Methode der „passiven Resistenz", die Gandhi auf der Höhe seines Ruhmes durchzusetzen vermochte, ist man beinahe dazu ge- Die tolle Herzogin.
Roman von E r n st Klein.
' Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.
3. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
3. Kapitel.
Der Fellah sperrte, ganz benommen von solcher Kühnheit, Mund und Augen auf.
„Mußjeh, Directeur nix da", stotterte er.
„Oh, er wird schon da sein, wenn du Halunke ihn nur finden willst."
Und James Wood lächelte liebenswürdig, unwiderstehlich. Ader in seiner Stimme, in feinem Blick war etwas, was den Diener mit einem Male über» zeugte.
„Will Mußjeh einen Moment warten?
„Einen Moment ja, aber nicht länger."
Gleich darauf stand ein dicker, älterer Mann vor ihm. Unverfälschter Levantiner. Smoking, zwei haselnußgroße Brillanten in der Hemdbrust, eine schwarze Zigarre zwischen den wulstigen Lippen. Negerblut, trotz aller Eleganz in ihm — das bezeugte das Geldliche seines Augapfels---. Ge
samteindruck: Schurke vom allerfernften Mittelmeer- wasser I
„Der Diener meldet mir," begann der Mann, „öer Herr wünsche mich zu sprechen."
„Sind Sie der Direktor dieses entzückenden Lokales?"
„Ich habe die Ehre, mein Herri"
„So? Nun, dann führen Sie mich in irgendeinen Raum, in dem wir ungestört unter vier Augen miteinander sprechen können."
Der Herr Direktor rührte sich nicht. Schob nur feine dicke Importe aus dem linken in den rechten Mundwinkel.
„Ich bedauere, dem Herrn mitteilen zu müssen, daß es nicht zu den Prinzipien des Hauses gehört, verlorenes Geld zurückzugeben. Wir sind nicht die Bank von Monte Carlo."
„Ach, wirklich nicht?"
James Wood steckte die Hände in die Hosentaschen unö lachte "Öen Levantiner berausforöernö an.
„Ich bitte um Verzeihung," sagte er, „ich bin Pressiert--"
„Dann beeilen Sie sich und führen Sie mich in
kommen, daß man sich mit den Engländern an eine Regierungsbank setzt. Allerdings will man sich dafür, daß man das tut, auch entsprechend bezahlen lassen, drängt also vor allem auf Abschaffung des verhaßten Systems der „Doppelregierung". Gelingt es den Engländern aber, die Inder zu wirklicher Mitarbeit an der Verwaltung des Landes zu gewinnen, so ist die Beruhigung der politischen Atmosphäre zu erwarten, die ihre Herrschaft vorläufig sichert. Nur bann können sie auch ohne Gefahr in eine Aenderung des heutigen Systems einwilligen, das durch Ausnahmeparagraphen. durch die absolute Verfügung über Finanz und Militär alle Macht in die Hand der englischen Gouverneure legt. Es gehört eben guter Wille auf beiden Seiten dazu, wenn die Verwaltungsmaschine reibungslos arbeiten soll.
Andererseits ist die heutige Stellung der indischen Nationalisten keineswegs eine ihrer wahren Kraft entsprechende. Durch die eigentümliche Tatsache, daß in Indien das Schulwesen keine Basis in weit- qreifenben Volksschulen, hingegen eine übermäßige Anzahl von Universitäten hat, sinb nämlich in In- bien bie (3 e b i l b e t e n sozusagen im Besitze eines Monopols. Sind doch von 316 Millionen Menschen Indiens nur 22,5 imstande, zu lesen und zu schreiben, während von diesen wieder etwa 2 Millionen im europäischen Sinne studierte Leute sind. Da natürlich der Staat gar nicht die Fähigkeit besitzt, soviel Leute in feinen Dienst aufzunehmen, andererseits aber auch vielfach Gesetze den Indern die Verwaltungsposten versperren, so ist dieser Zustand eine Gefahr für das Land. Er stößt nicht nur viele an und für sich brauchbare Elemente unnötig vor den Kops, sondern ermöglicht es diesen noch obendrein, einen unheimlichen Einfluß auf die unwissenden und fremdenfeinblichen Massen bes Volkes auszuüben. Man kann gerabezu behaupten, daß bie Stärke der Swarajisten auf diesem besonderen gesell
schaftlichen Umstande beruht, und daß eine größere Verbreitung der Bildung ihnen möglicherweise sogar schaden würde.
Diese Bildungsverhältnisse haben ihre Parallele in dem Verhältnis von Stadt und Land. Ist die Stadt besonders aktiv am politischen Leben beteiligt, so ist umgekehrt das Land fast überall tot. Es ist dem Kleinbauern ober Pächter eben ganz gleichgültig, wer regiert, wenn für ihn nicht das minbefte getan wird. Er ist es gewohnt, baß jede Regierung ihn brückt, unb feinen Lebensstandarb durch Steuern unb Erpressungen noch weiter mindert, ober ihm, wenn er sich gegen die Ausbeutung durch seinen Vorpächter auftehnt, Unrecht gibt. In Indien leben, wie es neuere Untersuchungen zeigen, 230 Millionen Menschen auf dem Lande — und an der Elendsgrenze. Was es politisch heißt, diese Bevölkerung von dem Joche eines mittelalterlichen Bodenrechtes zu befreien, das vermag man sich kaum vorzustellen. Nur ist diese Aufgabe leichter, als man gemeinhin annimmt; es genügen zu ihrer Lösung gesetzgeberische Maßnahmen, die die Bauernbefreiung zum Ziel haben. Und man hofft in England, daß diese Leute sich bann für bie Regierung erklären werden . . .
Also Schulreformen, Bauernbefreiung, versöhnliche Haltung gegenüber den Nationalisten, das bedeutet voraussichtlich die Ernennung Woods. Natürlich kann es sein, daß man, um dieses Programm, das ja seiner Natur nach erst in einem Menschenalter Früchte zu tragen vermag, durchzu- führen, auch weitere Verwaltungsmaßregeln, etwa die Einführung der vielbeschriebenen Provinzautonomie ergreifen wird, damit die politische Position des Vizekönigs gestärkt wird. Jedenfalls ist die Stellung Englands in Indien heute noch nicht erschüttert, wenn es auch sicher ist, daß^die Verwaltungsbefugnisse der Inder unter dem neuen Vizekönig erweitert werden.
Eine lohnende Hausindustrie.
Das Stricken im mittleren Kreise Biedenkopf.
Wenn wir das Wort Hausindustrie hören, so denken wir allgemein an die Weber im Riesengebirge, an die Holzschnitzer im Thüringer Wald u. a., unb stellen uns barunter Menschen vor, bie trotz mühsamer Arbeit nur ein kärgliches Einkommen haben unb in sehr kümmerlichen Verhältnissen leben. Auch unter den ein Wandergewerbe treibenden Leuten, im Volksmund kurz „Hausierer" genannt, stellt man sich gewöhnlich mit wenig Gütern gesegnete Menschen vor. Unb wo bie Hausindustrie und das Wandergewerbe die einzige Einkommensquelle einer Familie sind, dürften die Einkommens- Verhältnisse nicht allzu rosig sein. Anders gestaltet sich die Sache, wenn Hausindustrie und Wandergewerbe im Nebenberuf ausgeübt werden, wie es z. B. im mittleren Kreis Biedenkopf geschieht, wo in den größeren Orten, die abseits von der Bahn liegen, vielfach eine sehr regsame Bevölkerung wohnt. Fast zu jedem Haus gehören dort ein paar Aecker und Wiesen, im Stall stehen ein bis zwei Kühe, ein ober zwei Schweine werden gemästet; in ganz kleinen Betrieben sind statt der Kühe zwei bis drei Ziegen im Stall, so daß Milch und Butter und ein größerer ober kleinerer Teil der Feldsrüchte, wie Korn, Kartoffeln unb Gemüse in eigener Wirtschaft gewonnen werben, was immerhin von Vorteil ist. Die ganze Haus-, Garten-, Stall- und Feldarbeit, die Erziehung der Kinder ruhen fast allein auf den Schultern der Frau, die deshalb kein beneidenswertes Los hat. Hier und da wird sie in ihrer schweren Arbeit von älteren Angehörigen etwas unterstützt. Denn der Arbeitsort des Familienvaters sowie der erwachsenen Söhne ist fast durchweg auswärts, und zwar in solcher Ferne, daß Hin- und Rückfahrt in einem Tag sich nicht ermöglichen lassen, und deshalb bie Männer meistens eine Woche, manchmal aber auch mehrere Wochen ausbleiben. Die Arbeitsstätten liegen allgemein in den Jndustrieorten Westfalens, wo die Leute zum größten Teil als Bauarbeiter — Maurer, Dachdecker usw. — beschäftigt sind unb demgemäß im Winter keine Beschäftigung haben. Aber sich auf bie faule Haut zu legen, das duldet ihr Geschäftsgeist nicht. Darum packen sie im Herbst den „Strumpf- s a ck" unb ziehen los in bie Welt.
Alles strickt. — Die Reife mit dem „Sfrumpffad“.
Wie aus alten Chroniken heroorgeht, ist der Strumpfhanbel, besser gesagt der Handel mit
gestrickten Wollsachen, sowie die Haus- industrie im Stricken im mittleren Kreis Biedenkopf, der Gegend etwa nördlich und westlich von Gladenbach, über hundert Jahre alt. In Holzhausen bei Gladenbach befanden sich früher zwei große Schafherden, Hausnamen erinnern heute noch daran (Gasteschäfer u. a.). Die Wolle der Schafe wurde im Dorf gewaschen, gekämmt, gesponnen unb gestrickt, gestrickt natürlich- ausschließlich mit ber Hand. Der Strick st rümpf war ber ftänbige Begleiter ber Frau; ob sie ein Stünbchen äbenbs zu Hause saß ober tagsüber aufs Felb ober über Lanb ging, immer hatte sie ben Stritfftrumpf in ber Hanb unb den Wollknaul unter dem Arm. Neben ben Frauen strickten aber auch bie Kinber, unb soweit sie dazu Zeit hatten — bie Männer. Wie mancher Alle kann heute noch stricken unb tut’s auch zum Zeitvertreib manchmal noch. Von Hartenrod wird gesagt, daß dort vornehmlich Jacken ge- strickt wurden. So trugen z. B. die Frankfurter Brauereifuhrleute meist im Hinterland gestrickte Westen (Kamisol), und jede Brauerei hatte darin ihre eigene Farbe. Wie tarnen aber vor hundert Jahren die Jacken unb Strümpfe aus bem Hinter- lanb nach Frankfurt? Ja, wie man's eben in der alten Zeit machte: Geradeso, wie man zu Fuß nach Marburg oder Gießen ging, wie der Arbeiter in der Nacht von Sonntag auf Montag zu Fuß nach Siegen ober noch weiter zur Arbeitsstätte wanderte, wie der Drescher im Spätherbst ober Winter nach ber Wetterau, dem Maingau ober Rheinhesten pilgerte, um bei ben Bauern sich burch Drescyen ein paar Taler sauer zu oerbienen, so zog der Strumpfhändler mit dem vollen Strumpfsack auf dem Rücken, den derben Stock in ber Hand, nach Süben, denn Frankfurt, Mainz unb Worms waren von jeher die Hauptstützpunkte ber Holzhäuser Strumpfhänd- ler. Es kam auch vor, baß, wenn bie mitgenommene Ware nach kurzer Zeit verkauft und mittlerweile zu Haufe wieder genügend Ware fertiggestellt war, ein Fuhrmann mit einem Leiterwagen, vollgepackt mit Wollwaren, nach den drei genannten Städten fuhr, um dort in ben Quartieren der Strumpfhänbler bie Waren abzuladen. Holzhausen, ber Hauptort dieses Industriezweiges im Hinterland, hatte damals etwa 500 bis 600 Einwohner, die sich aus etwa 160 Familien zusammen setzten. Da damals etwa 40 Händler von Holzhausen weggingen, kam
ein Zimmer, wo wir ungestört miteinander sprechen können."
„Ich muß lebhaft bedauern--"
James Wood lachte abermals. Dem Levantiner ward unbehaglich zu Stute. Er blickte zu James Wood, ber einen vollen Kopf größer war, auf unb nahm bie Zigarre aus bem Mund«.
„.Wenn ber Herr barauf besteht," murmelte er. „Ich bitte, mir zu folgen."
Er ging durch das Cafe unb trat in den Gang ber reservierten Salons. Mehrere von ihnen waren besetzt. Lachen hörte man hinter ben Türen, Gläser- tlirren. In einem ber letzten Zimmer keifte eine bissige, ordinäre Frauenstimme---
In das letzte öer Kabinette trat ber Direktor ein, brehte bas Licht an unb lub seinen ungebetenen Gast ein, auf ber weichen Chaiselongue Platz zu nehmen. Prächtig ber Raum, ganz orientalisch, mit Kissen, Teppichen, Decken überlaben — lauschig, verführerisch --.—
James Woob sah sich uni und nickte dem anderen mit herablassendem Wohlwollen zu.
„Ich gratuliere, Sie verstehen Ihr Geschäft, mein Lieber!"
Doch der Direktor war nicht in ber Laune, sich für so ehrliche Komplimente empfänglich zu zeigen.
„Was steht bem Herrn al jo zu Diensten?" stieß er zwischen den Golbzähnen seines Gebisses hervor.
„Finden Sie nicht," meinte James Woob, „daß wir ein bißchen trocken dafitzen? Zudem muß ich Ihnen gestehen, daß ich noch nicht diniert habe unb es baher sehr freubig begrüßen würde, wenn Sie mir ein kleines Diner offerierten. Ich glaube, Ihre Küche ist gewiß ebenso tadellos wie alles andere, was man hier an Genüssen bietet."
„Wollen Sie mir nicht endlich sagen, mein Herr---?"
„Aber selbstverständlich. Ich hatte vorhin bas Pech — oder soll ich nicht lieber sagen Glück? — einen Ship unter ben Tisch fallen zu lassen. Es war mein letzter, wohlgemerkt, Herr Direktor, mein letzter---"
Der bicke Mann machte eine Bewegung.
„Bitte, lassen Sie mich aussprechen! Wie gesagt, bieser elenbe, kleine Bettelship war mein letzter. Sie werben baher begreifen, baß ich alles baran setzte, um ihn wiederzubekommen. Ich habe ihn nicht ge» funben, aber als ich unter bem Tische ----"
Der Herrn Direktor olivenfarbene Haut würbe bei diesen Worten um einige Nuancen dunkler, feine Haltung dagegen um ebenso viel freundlicher, aufmerksamer. Den letzten Ship zu verlieren! Natürlich sehr — sehr unangenehm!
„Man wird bem Herrn ben Ship an ber Kasse sofort zurückzahlen!" versicherte er. „Ich nehme an, es waren fünf Pfunb."
James Woob lächelte unb schüttelte ben Kopf.
„Ich bitte um Verzeihung/ beeilte sich ber Hausherr zu korrigieren, „fünf Pfunb! Wie konnte ich so irren! Ein Kavalier, wie Sie, mein Herr, spielt boch nicht um solche Lappalien! Es war natürlich ein Ship zu zwanzig Pfunb, nicht wahr?"
James Woob lächelte unb schüttelte ben Kopf.
„Mon dieu, wo habe ich nur meine Gedanken! Ich werde sofort Auftrag geben, Ihnen, mein Herr, Ihren Hundert-Pfund-Ship zurückgeben zu lassen. Wenn Sie die Güte haben wollen, mit mir mit» zukommen---"
Er war ganz bon homme, überfliefjenb vor Liebenswürdigkeit. Doch James Wood schien nicht die geringste Neigung zu Haden, seiner Einladung Folge zu leisten. Behaglich streckte er sich auf den schwellenden Kissen der Ottomane.
„Id) fürchte, wir verstehen uns nicht ganz, Herr Direktor , lächelte er. „Im übrigen war dieser letzte meiner Chips nicht mehr wert als fünf Schilling. Sie sehen also, es gibt Fälle, in denen auch Kavaliere wie ich um derartige Lappalien spielen. Ich denke jedoch, wenn wir uns verständigt haben, werde 'ch der Notwendigkeit überhaupt enthoben sein, auch nur einen Sou zu setzen, besonders an einem so interessanten Tische wie dem Ihrigen, eher Monsieur le directeur!*'
Die Olivenfarbe war jetzt dunkelgrün. Die wulstigen Negerlippen des Monsieur le directeur verzogen sich zu einem Grinsen, das die Worte des Gastes als feines Lächeln begleiten sollte. Es wurde aber nur ein giftiges Zähnefletschen daraus. Und die Goldzähne glänzten gar nicht mehr so selbstbewußt wie vorher. Matt waren sie unb kläglich.
„Was — was meint ber Herr —?" stammelte ihr Besitzer.
„Wie ist's zunächst einmal mit bem Diner?" fragte James Wood. „Ich alaiidc, jr?t .. ..;i gen mich besser verständlich machen zu können. Ein leerer Magen erzeugt zu leicht bittere und ungerecht«
auf jedes 4. Haus ein Strumpfhändler. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts flaute die Sache bann etwas ab, es gingen damals nur noch etwa zwanzig Händler fort. Da aber in ben Familien weiter fleißig gestrickt wurde, so lieferte man die Fertigwaren an Händler in Biedenkopf, Gladenbach, Gießen oder Laasphe ab. Wenn damals für das Paar Strümpfe zu stricken 20 Pf. unb die Jacke zu stricken 2 Mark bezahlt würben, so kann inan von großen Einnahmen dabei nicht reden, obwohl bie Stricknabeln Tag unb Nacht klapperten; denn das Handstricken ging eben doch langsam.
Die erste Strickmaschine.
Anders wurde die Sache, als die e r ft e S t r i ck- maschine Ende der 90er Jahre nach Holzhausen tarn. Ihr folgte noch eine ganze Anzahl anderer, so daß ihre Zahl vor dem Krieg bis auf etwa 30 stieg. Während man früher nur Die selbsterarbeitete Wolle verstrickte, ging man nun zur Fabrikwolle über, die Schafherden verschwanden allmählich aus dem Landschaftsbild, und die Spinnräder wurden beiseite gestellt. Da das Stricken auf der Strickmaschine sich nicht von heute auf morgen erlernen läßt, besonders das Stricken von feineren Sachen, so schickte einer der Händler seine Tochter nach Reutlingen, der bedeutendsten Stadt der süddeutschen Texilindustrie, um dort das Stricken gründlich zu erlernen. So taucht nun neben ber handgestrickten die erste maschinengestrickte Ware auf.
Kriegsindustrie.
Die Strickerei ging nun so fort, bis der Krieg ausbrach. Da wurde bald die ganze Wolle beschlagnahmt, Und sowohl die Strickmaschinen als auch die Stricknadeln mit einem Schlag stillgelegt. Was nun? Man mußte versuchen, zu Wolle zu kommen; und es gelang auch. Man schloß sich zusammen, einer übernahm die Organisation, und man strickte nun fürs Heer. Der Händler kaufte die Wolle gegen Bezugschein unb verteilte sie nach dem Ge- wicht unter bie Stricker des Dorfes, bie bann das- felbe Gewicht an Socken roieber an ihn abzuliefern hatten. Er hatte bann die Socken paarweise zu bin« ben, je 10 Paar zu Ballen zu verschnüren unb biefe in Kisten verpackt an ben Heereslieferanten abzu« senben. Es war jebenfaUs keine Kleinigkeit, so 3000 ober 5000 Paar Socken vorschriftsmäßig zum 23er» fanb zu bringen. Mittlerweile war aber die Wolle zu Kriegsware, b. h. so grob unb schlecht geworben, baß man sie auf ben Maschinen nicht mehr verarbeiten konnte, unb bie Stricknabeln mußten nun wieber hervorgeholt werden. Don Holzhausen aus verbreitete sid) bann bas Handstricken für Heeresbedcvs auf bie umliegenben Orte, besonders die Orte des oberen Perftals Pottenhorn, Steinperf und Eisenhausen, wo fast in jedem Haus Socken gestrickt wurden. Holzhausen blieb weiterhin der Ausgangsort der Wolle und der Sammelplatz der fertigen Ware. Wenn auch für das Paar Socken zu stricken nur etwa 25 Pf. bezahlt wurden, so kam durch ben Fleiß ber Frauen doch allerhand Geld in die betreffenden Dörfer. Welchen Umfang die Strickerei annahm, ist daraus zu ersehen, daß bie Wolle immer mit großen Erntewagen vom Bahnhof ober ber Spinnerei geholt werden mußte. Nach etwa zwei Jahren ging bann bie Sache an ben Kriegswirk- unb Strickverband und bie Kriegswirtschaftsgesellschast über. Die Wolle wurde von bem Verband geliefert unb ging als Fertigware an den Heereslieferanten weiter, so baß bie Wolle Eigentum ber Kriegswirtschaftsstelle blieb unb nicht mehr bezahlt zu werden brauchte. Welcher Art die Socken in ber letzten Kriegszeit waren, weiß jeder Kriegsteilnehmer, ihre schlechte Beschaffenheit lag aber nicht am Stricken, sondern an der Wolle.
Der heutige Stand: Feste Kundschaft zur Nieste.
Nad) dem Krieg kam dann ein kleiner Stillstand unb nach ber Inflation ein Rückschlag. Dann erst setzte ber Hanbel etwas lebhafter ein, unb heute gehen wieder etwa 80 Händler nach auswärts, und über 100 Strickmaschinen sind für sie in Holzhausen in Tätigkeit. In den meisten Häusern finden wir eine Maschine, in manchen aber auch drei, vier unb mehr, so baß bei einzelnen Familien bas Stricken fast zum Haupt» erwerb wirb. An ben Maschinen arbeiten gewöhnlich Mäbchen unb jüngere Frauen. Aeltere Frauen besorgen das Zusam'mennähen, unb die größeren Kinder spulen das Garn. Neben Strümpfen werden jetzt Unterhosen, die besonders von Straßenbahnwagenführern gekauft werden, Jacken, Schlüpfer, Westen, ganze Kleider u. a. gestrickt; in neuerer Zeit auch Kleidungsstücke aus Wolle mit Seide gemischt, Gefühle. Und die möchte idj bei der Unterhaltung mit Ihnen, eher Monsieur le directeur, gerne aus- geschaltet wissen."
In ben Äugen des Levantiners flimmerte für einen Augenblick aus der Tiefe feiner Gaunerseele heraus ein verräterisches Licht.
„Sofort werde ich eines bestellen. Der Herr wird zufrieden fein. Und der Wein? Ich habe einen vorzüglichen Chadlis. Auch mein Johannisberger Auslese kann sich sehen lassen--"
„Hm — man könnte ja beides versuchen." „Wie Sie befehlen, mein Herr!"
Aber so kurz das Aufleuchten jenes Lichtes gewesen mar, James Wood hatte es gesehen. Er liefe ben Levantiner halb zur Tür hinaus, bann rief er ihn zurück.
„Einen Moment, teurer Freunb! Ich kann nicht verlangen, daß Sie sich selbst bemühen. Nein, nein, wirklich nicht! Bitte, bleiben Sie boch! Behalten Sie ruhig hier Platz!"
„Aber, mein Herr, es ist mir ein Vergnügen —" „Kann ich mir benfen. Sehen Sie, um die Atmosphäre gleich von vornherein zu klären, nehmen Sie gefälligst zur Kenntnis, daß ick ein befparater Kerl bin, einen gelabenen Browning in ber Tasche habe unb mir nicht die geringsten Skrupel daraus mache, ejnen solchen Halunken wie Sie, teurer Freund, über den Hausen zu schießen. Ich hatte die Absicht, mich, wenn ich meinen letzten Ship ehrlich verloren hätte, hier in einem dieser entzückenden Cabinets d'amour umzubringen. Aver nun, da das Schicksal so wohlwollend war, mir Ihre werte Bekanntschaft zu oennitteln, habe ich nicht die geringste Lust, mich durch eine Pastete, bie mit Strychnin gefüllt ist, um meine Zukunft bringen zu lasten, ober mir für alle Ewigkeit den Magen an einem Tournebos zu Derberben, das mit Arsenik gewürzt ist. Wir verstehen uns, nicht wahr? Unb wenn Sie jetzt gütigst läuten wollen, werben wir uns gleich noch bester verstehen. Bitte?"
Interessant, naturwissenschaftlich interessant die Farbenspiegelungen, die des Levantiners Haut während der Unterhaltung aufwies. Fachgelehrte hätten an ihm nützliche Studien über das menschliche Pig- ment und feine Eigenschaften anstellen können. Aus - mar.öelte sich seine Gesichtsfarbe jetzt
in fahles Grau. Die Angst troch in feine Augen.
(Fortsetzung folgt.)


