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Samstag, 27. Zebmar 1926

176. Jahrgang

Nr. 49 Erstes Blatt

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhesten

vr»« und Verlag: vrühl'lch« UaioerfilSK-vuch- und Steiitbruderei B. Lange In Siegen. Schriftlettung und Sesch.Mftelle: rchulftrag« 1.

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Briand über Locarno.

Die Locarnodebatte in der französischen Kammer.

Remlniscere!

Es ist einer der tragischsten Züge in der ae- schichilichen Entwicklung des deutschen Volkes, dieses Nichtzusammenfindenkönnen zu einem großen natio­nalen Wollen, wie es sich äußerlich offenbart in dem Fehlen gemeinsamer nationaler Symbole, in dem inneren und äußeren Auseinandergehen in Augen- blickeri gemeinsamen nationalen Erlebens. Seitdem der unglückliche Beschluß der Nationalversammlung uns die stolzen Farben nahm, unter denen unsere Heere vier Jahre lang der Welt Trotz geboten, seit- dem die neue Reichsfahne, ursprünglich gedacht als Symbol großdeutscher Einheit, auch sie anknüpfend an große deutsche Vergangenheit, zum Wahrzeichen einer politischen Richtung herabgewürdigt wurde, seitdem bieten wir der Welt das wenig erhebende Schauspiel einer Nation, die der unselige Streit um die Flagge, das höchste Symbol des Staats, durch eine breite Kluft spaltet. Nicht anders ist es mit den nationalen Feiertagen. Die eine Hälfte des deutschen Volkes begeht den 18. Januar als den Tag der Reichsgründung, die andere feiert mit dem amtlichen Deutschland den 11. August als den Tag der Wei­marer Verfassung. Und nicht einmal zum Gedächt­nis der Helden des Weltkrieges findet sich ganz Deutschland in einem Lager. Sind es sonst die poli­tischen Richtungen, so ist es jetzt der Partikularis- mus der Länder, der sich eines gemeinsamen Ge­denkens unserer Toten in den Weg stellt. Bayern glaubt am Allerseelentage seine Gefallenen besser ehren zu können, die Sachsen schließen sich der Leip­ziger Messe wegen aus. Das übrige Deutschland aber findet sich morgen zusammen im Gedächtnis an unsere gefallenen Helden.

Reminiscere,erinnere dich!" mahnt der kirchliche Name dieses Sonntags. Und ein Tag des Erinnerns sei vor allem dieser Volkstrauertag, ein Tag, an dem, wie am Totensonntag und Aller­seelen, nicht so sehr die Trauer und der persönliche Schmerz um den eigenen Verlust, um das Opfer, das du selbst gebracht hast, vorherrscht, als vielmehr der Stolz auf die Taten unserer Vater, Söhne und Brüder und der entschlossene Wille, ihnen nachzu­leben in Pflichttreue und Aufopferung für Volk und Vaterland. Ein Tag heißen Dankes für die Toten, die mit ihren Leibern die heilige deutsche Erde schützten, ein Tag feierlichen Gelöbnisses, festzuhal­ten, was sie uns erffritten, über ihren Gräbern uns zufammenzufinden zu gemeinsamem Gedenken, aber auch gemeinsamem Opfern, gemeinsamem Arbeiten und Streben im Dienst des Volkes. Und schließlich ein Tag der Mahnung an unsere Jugend, die schnell herauswächst aus dem großen Erleben dieses Krie- ges, das sich uns Melieren unauslöschlich eingrub.

Eine Mahnung zur Selbstbesinnung und Läute­rung klingt aus diesemReminiscere!", ein Gebot der Selbstentäußerung und Selbstüberwindung, ein Wille zur sittlichen Tat, zu frohem Bekennen und stolzem Opfern. Pflanzt in die Herzen unserer Ju- gend wieder die Achtung vor der Autorität des Staates und der Familie! Das ist eine schlechte Freiheit, die keine Selbstdisziplin kennt, keine Ehr- furcht zeigt und keine Uederzeugung achtet. Haltet unsere Jugend fern von dem zersetzenden, gewissen- morbcnben Moloch, der sich Politik nennt. Laßt sie abseits von eurem Klassen- und Parteihader. Lehrt sie Pflichten kennen, bevor sie auf Rechte pocht, erzieht sie zu Staatsbürgern, nicht zu Poli­tikern. Und lernt s e l b st wieder mit eurer Jugend den Mensch im Menschen achten, reißt die Gift­pflanze des Hasses und Neides aus eurem Herzen, macht ein Ende dem unseligen Zwist um Doktrinen mid Grundsätze, trage ein jeder in hoher Selbstver- antwortung an seinem Teile bei zur Erhaltung des sozialen Friedens in unserem Volk, und wenden wir alle unsere gesammelte Kraft als einige Nation nach außen, wo in diesen Tagen um Deutschlands Zukunft die Lose fallen.

Ihr sollt nicht Schatten sein, Bäume sollt ihr fein, die über Gräbern blühen und Früchte tragen!" so ruft uns heute am Tage des Erinnerns Walter F l e x zu, der Dichter und Held, der selbst fern auf der einsamen Ostseeinse! den letzten Schlaf tut. Wühlt nicht in altem Leid, fragt nicht, wozu sind unsere Helden gefallen, wenn sie nicht mehr er» streiten konnten als den Torso, der sich heute Deutschland nennt, nicht mehr, als diesen zuckenden, aus tausend Wunden blutenden Körper, der sich mühsam dahinschleppt auf dem Wege des Leidens und der Marter: hadert nicht mit dem Schicksal, an dem eure Gleichgültigkeit gegen den Staat selbst ein gerüttelt Maß Schuld trägt; trauert nicht ver- gangener Gröhe nach, bekennt euch mutig zur Gegenwart, so trübe und duster sie euch anblicken mag, nur eure eigene Kraft kann sie freund­licher gestalten. Seid nicht resignierende Schatten eurer Toten, seid Bäume, die aus der Erinnerung an die gefallenen Lieben Mut und Vertrauen schöpfen, es ihnen gleichzutun im Opfern für das Stück Heimaterde, für das sie ihr Leben gaben. Wenn wir mit diesen Gedanken den Tag des Ge­dächtnisses und der (Erinnerung feiern, dann kann er für unser Volk eine rechte Quelle der Kraft und ider Gnade werden.

Der Volkstrauertag fällt diesmal zusammen mit einem andern Tag ernsten Gedenkens: Vor einem Jahr stand das deutsche Volk an der Bahre seines er­sten Präsidenten Friedrich Ebert hat es nicht leicht aehabt, zu allen Teilen seines Volkes das Verhält­nis zu gewinnen, ohne das der Führer der Nation ein Strohhalm im Winde ist. Daß er sich ehrlich Darum gemüht hat. das Zeugnis wird ihm der Spruch der Geschichte einst nicht versagen. Kaum ein Zweiter war wie er dazu berufen, an der inne­ren Versöhnung unseres Volkes mitzuarbeiten. Wenn morgen die Reichsregierung an seinem Grabe in Heidelberg einen Kranz niederlegt, dann gedenkt mit ihr das deutsche Volk des Mannes, dessen nüch­ternes, besonnenes Handeln im Verein mit den Resten unseres stolzen, alten Heeres Deutschland vor den Schrecken des Bolschewismus bewahrte, dessen öAughelt und Mäßigung alle Glieder unseres Volke?

Paris, 26. Febr. (WTB.) Die Kammer hat in ihrer heutigen Rachmittagssihung die Dis­kussion über die Vertrüge von Locarno fort­gesetzt. Der deutsche Botschafter v. Hoesch wohnte der Sitzung bei.

Als erster Redner suchte der der radikalen Linken angehörende Abg. Marcel P l a i s a n t klarzulegen, daß die Vertrage von Locarno in keiner Weise die Vorteile vernichteten, die der Friedensvertrag in den Artikeln 42 bis 44 fest­lege. Außer dem Friedensvertrag selbst bemerke man eine noch engere Einheit zwischen dem_ Ab­kommen von Locarno und dem Statut des Völler- bundes. Er habe keine Furcht vor dem Auftreten Deutschlands im Völkerbund, selbst wenn es den Versuch machen sollte, das angekündigte Pro­gramm seiner Forderungen auf Grund des Ar­tikels 19 des Völkerbundsstatuts zur Durchfüh­rung zu bringen.

Der Abg. Barthelemy von der demo­kratisch-republikanischen Linken erklärte, er wolle die Abkommen von Locarno nicht so deuten, daß das französische Volk das Gefühl einer trügeri­schen Sicherheit bekomme, denn hierdurch würde man es einschläfern. Das Abkommen von Lo­carno bedeute keine Desavouierung der Ruhr­politik, aber die Stunde der Ruhr gehöre der Vergangenheit an. Er wünsche, daß die Kammer einstimmig die Abkommen von Locarno annehme. Wenn das Werk von Locarno Schiffbruch erleide, so wolle er nicht, bah die Verantwortung dafür Frankreich zufalle. .

Hierauf ergriff

Ministerpräsident Briand.

das Wort. Das Abkommen von Locarno müsse nach seinem wirklichen Geiste beurteilt werden, der nicht ein Geist engherzigen Rationalismus sei, sondern ein europäischer Geist, ein Geist des Friedens. Er wolle niemand täuschen und wenn man ihn frage, ob Locarno allein genüge, um Frankreichs Sicherhei t zu garantieren, so sage er: Rein! Briand erinnert daran, welche unerquickliche Diskussion im Augenblick der Ratifizierung des Friedeirsvenrages von Versailles innerhalb des Kammerausschusses für auswärttge Angelegenheiten über das Thema ftattgefunben hätte, ob die von England und den Vereinigten Staaten gegebenen Garantien im Falle der Gefahr spielen wür­den. Clemenceau habe damals die Hoffnung aus­gesprochen, daß Amerika den Vertrag rati­fizieren werde. Das sei aber nicht erfolgt. Diese Lücke, die in der nicht in die Erscheinung getretenen Garantie des Versailler Vertrages vorhanden sei, habe er auszufüllen versucht. Er bedauere es nicht, den Vorschlag Stresemanns angenommen zu haben, um schließlich zur Kon- fernz von Locarno zu gelangen.

Was das Beste am Abkommen von Locarno sei, sei das, daß es den Völkern das Vertrauen! toiebergebe, und daß es in einer Atmosphäre von mangelnder Klarheit und Bedrohungen einen kleinen leichten Lichtstrahl geschaffen habe, an den sich die Hoffnungen der Völker angeklammert hätten. Die Kriegsverstümmelten und Mütter könnten jetzt ihren Kindern ins Auge sehen in der Hoffnung, daß sie nicht mehr die Opfer der gleichen Kriegsschrecken werden würden. Wenn die Abkommen von Locarno nur das gebracht hätten, dann wäre das schon viel.

lind ich rechne es mir," so rief Briand unter dem lauten Beifall fast der ganzen Kammer aus,zur Ehre an, daß ich es unterzeichnet habe.

Man darf nicht das Vertrauen der Völker in den Frieden stören; denn es ist eine der wesentlichsten Dedingungen für den wahrhaften Frieden."

Wenn in dem Abkommen von Locarno eine Möglichkeit der Verringerung der Verteidigungs­mittel enthalten wäre, würde er feine Ratifizie­rung fordern. Den kleinen Keim von Locarno dürfe man nicht vernichten, sondern man müsse ihn reifen lassen. Er strebe nach der Sonne. Wenn ihn ein schwerer Stiefel vernichte, bann wünsche er, bah bas fein französischer Fuß sei. (Lebhafter Beifall.) 3n Europa muh ber Friede organisiert werben. Die Pulver­fässer, bie man noch finbet, müssen beiseite ge­schafft werden. Der in Locarno unterzeichnete Pakt ist ein Anfang. Deutschland, nach Locarno berufen, ist dorthin gekommen. Man hat dort

zum erstenmal wieder unter der Nationalhymne einte, und der in Zeiten höchster nationaler Not und schwerer innerer Auseinandersetzungen zurückhal­tend und taktvoll das höchste Amt des Reiches ver­waltete. Das wollen auch wir ihm nicht vergessen, die wir im Leben auf dem politischen Kampffeld manch harten Strauß mit ihm auszufechten hatten.

Was für Friedrich Ebert nach Lage der Dinge eine übermenschliche Aufgabe war, die innere Be­friedung Deutschlands, das ist feinem Nachfolger Hindenburg, dank feiner Persönlichkeit und dank dem unermeßlichen Vertrauen, das alle Teile des deutschen Volkes ihm entgegenbrachten, fast mühelos gelungen. Der Kampf um die Perfön. lichkeit des Staatsoberhauptes ist zu Ende, der Kampf um den Staat selbst in dem Augenblick ver­stummt, in dem sich der erste Feldherr des alten Staates treu und pflichtbewußt in den Dienst der Gegenwart stellte, weil ihm der Inhalt mehr galt als die Form, fein Volk mehr als der Staat. Auch er wird heute den Blick mit uns zurückwenden zu den Gräbern feiner Mitkämpfer in taufend

mit ihm gemeinsam die europäische Sprache ge­sprochen. Das ist eine neue Sprache, bie jeder jetzt lernen muh. Er müsse jetzt daran erinnern, wie er zum ersten Male mit (5trefe mann in einem Schweizer Gasthofe zusammengetroffen sei.

Glauben Sie," so rief Briand aus,daß in diesem Augenblick nichts in mir vorgegangen ist? Wir haben, Strefemann und ich, die neue Sprache gesprochen. Wird das deutsche Volk das verstehen? Ich glaube es, denn das deutsche Volk ist ein großes Volk. Das deutsche Volk und das französische Volk haben sich im Laufe der Jahrhunderte oft auf den Schlachtfeldern getroffen und die pessimistifchsten Voraussagen sind übertroffen worden. Nicht kleine Heere, sondern ganze -Nationen haben sich Jahre hindurch zerfleischt. Ja, man rufe aus: D i e Sie­ger! Sie haben gewiß ein großes Prestige und eine größere moralische Kraft erlangt, aber wo sind denn die Völker, die einem derartigen physio­logischen und finanziellen Ruin widerstehen könn­ten, und wenn das Unglück geschehen sollte, daß mangels Einverständnisfes diese Völker sich noch einmal gegenüberstehen würden, was wird bann überhaupt übrig bleiben?

Die Völker würden von nun an in die Not­wendigkeit verseht, zu diskutieren, ehe sie sich schlagen.

Das bedeutet aber nicht, daß keine Vor­sichtsmaßnahmen gegen den sch le ch - ten Willen getroffen worden seien. Der Ver­trag von Versailles hätte diskutiert werden kön­nen, denn er sei die Folge eines Krieges unö eines Sieges gewesen, und man hätte sagen können, daß man ihn aufgezwungen habe und die Hoffnung haben könne, ihn zu zerschinettem. Fetzt aber seien die Grenzen anerkannt und die Verpflichtungen des Vertrages ebenfalls. Gewiß werde man den Wunsch haben, daraus Ruhen zu ziehen. Das sei ganz natürlich. Qlber die französischen Interessen seien gegen jeden Deeinträchtigungsversuch gesichert. Frank­reich sei von Freunden umgeben. Man erkläre auch, die Atmosphäre des Völkerbundes würbe vergiftet werden. Warum denn? Innerhalb des Völkerbundes gebe es eine Tradition, und man könne sicher fein, daß, wenn Deutschland sie brechen wollte, es nicht gerade in eine gute Lage käme. Frankreich wisse, welche Rotte Deutschland in der Welt spielen müsse. Was bas Gleichgewicht darstelle, sei eben, daß es ver­schiedenartige Völker mit einem ihnen eigenen Genie gebe.

Keines davon könne zum Verschwinden ge­bracht werden.

Habe denn Frankreich nicht ein ziemlich großes moralisches Plus, und sei sein Heroismus nicht unvergleichlich? Aber Deutschland habe auch gezeigt, daß es auf den Schlachtfeldern ein wacke­res Volk, des Heroismus fähig sei. Rein, das alles dürfe nicht fortgesetzt werden. Die Völker sollten wiederum prächtige Fabriken und wunder­bare Produktionszentren aufbauen, und alle 25 bis 30 Jahre solle ein Krieg kommen, der alles vernichte? Das Blut solle wiederum in Strömen fließen? Rein, nein und abermals nein! 3n diesem Geiste habe ich das Abkommen von Lo­carno unterzeichnet, und ich habe geglaubt, daß diese meine Tat eines guten Franzosen nicht un­würdig ist. Ich habe Vertrauen gehabt in den Frieden, in bie moralische Kraft Frankreichs, daß es gemeinschaftlich mit den anderen Völkern den Frieden organisieren könne. Wir stehen -vor der Morgenröte einer neuen Zeit. Europa kann -nicht in jenem Wirrsal bleiben, in dem es heute lebt. Das vertragen weder seine politischen, noch seine wirtschaftlichen Sntereffen. Wenn zwei wackere Menschen aneinander geraten sind, kom­men sie nicht nach einer Diskussion wieder zu einem Ergebnis? Glaubt man denn, daß man den sozialen Frieden haben kann, ohne daß man nach dem Mittel sucht, die Rationen Europas untereinander auszuföhnen. Frankreich, das stets in der Vorhut des Fortschrittes marschiert ist, soll sich jetzt in die Falten seines Sieges ein» hüllen mit mürrischen, finsteren Augen und trü­ben Blicken? Ein solches Frankreich niemals! Frankreich bleibt immer das, was es gewesen ist, heute, morgen und übermorgen!

Der größte Teil der Abgeordneten erhebt sich von den Sitzen und bringt Briand, als er die Rednertribüne verläßt, fteljenb lebhafte Ova­tionen dar.

Schlachten, und die Erinnerung an ihr Heldentum und ihren Opfertod wird ihm und uns^neuen Mut und neue Kraft geben zum Ausharren, Streben und Arbeiten für Volk und Vaterland.

Vom Reichspräsidenten.

Reichspräsident von Hindenburg besuchte heute nachmittag die Vorführungen des Reit- und Fahrturniers in der neuen Autohatte am Kaiserdamm. Der Präsident wurde bei seinem Erscheinen vom Publikum stürmisch begrüßt. Den Vorführungen wohnten auch die beiden Töchter des Reichspräsidenten und sein Enkelttnd, sowie Reichswehrminister Dr. Gehler, Generaloberst v. Seeckt und der Generalinspektor der Kavallerie, General von Poseck, bei.

Reichspräsident v. Hindenburg fährt am 2. März nach Leipzig zum Besuch der dortigen Messe und des Reichsgerichts.

Volkstrauertag.

Eine Kundgebung der Reichsregierung 3n stiller Trauer gedenkt das deutsche Volk am morgigen Tage seiner Brüder, die in dem größten aller Kriege ihr Leben gaben für die Verteidigung der Heimat.

Für uns sind sie In den Tod gegangen. An den Gräbern unserer Gefallenen, die sich für uns alle opferten, sott die Zwietracht schweigen. Mahnend steht vor uns das deutsche Leid, das heilige Opfer der im Kriege Gebliebenen, die star­ben, damit Deutschland lebe.

Aus dem Leid wuchs immer des deutschen Volkes höchste Straft wenn morgen die Flaggen halbmast wehen, wenn große Scharen sich zu würdigen Gedächtnisfeiern still vereinen, soll der Lnschluß in uns sich festigen, im Glauben an Deutschland das wort zu verwirk­lichen:Rimmer wird das Reich zerstöret wenn ihr einig seid und treu!"

Vertin, 27. Februar 1926.

Der Reichspräsident, gez.: von Hindenburg. Die Reichsrcg'rerung. gez.: Dr. Luther.

Der Sturm gegen Chamberlain.

Die britische Presse sordert seinen

Rücktritt. Die Haltung des Kabinetts

London, 27. Febr. (TA.) Die Wochen­schriftenRation",Spectator",Rew StateS- man" undSatmHay Review" sind einig in der scharfen Verurteilung der Polittk Chamberlains. Wesentlich neu ist in der heutigen Stellungnahme der genannten Organe die Bemerkung, daß sich nunmehr der Sturm ausdrücklich gegen die Person und die persönliche Verantwortung Cham­berlains richte. DerRew ©tateSman geht in dieser Hinsicht am weitesten. Er fordert den Rücktritt Chamberlains und schreibt:In den letzten Wochen haben wir Chamberlain mehr Kre­dit gegeben, als er verdiente. Wir haben nicht daran gedacht, daß er irgendeine andere Politik angesichts des Versuchs, das Werk von Locarno zu zerstören, treiben könnte. Run aber weiß man, daß er nicht nur die Ratskandidaturen Brasiliens, Polens und Spaniens unterstützt, sondern daß er sich sogar Briand gegenüber in diesem Sinne verpflichtet hat. Wenn das so ist, dann gibt es für ihn keinen anderen ehrenvollen Ausweg, als den Rücktritt.

Er hat einen groben, ja einen fast unglaub­lichen Fehler begangen, ber nicht vergeben werden kann. Sachlich wird nicht viel Scha­den entstehen, da Schweden gegen diese Politik Widerstand leisten wird. Es Ware aber beschämend für England, wenn es Schweden überlassen bliebe, den Völkerbund zu retten.

Wie kann man jemals wieder Chamberlain- Ar teil vertrauen? Das gesamte Ergebnis der gan­zen Krise muß letzten Endes das englische An­sehen und die englischen Interessen schädigen. Wenn die Gesichtspunkte Chamberlain-Briand triumphieren gegen die klar ausgedrückte öffent­liche Meinung Englands, dann würde Groß­britannien in Zukunft nur noch eine Rull in den Angelegenheiten Großbritanniens barfteilen und lediglich ein Anhängsel Frankreich« sein. Chamberlain hat somit England ernsthaft diskreditiert und Chamberlain muß deshalb gehen." DerS t a r" fordert, daß außer Cham­berlain auch der Staatssekretär des Innern und der Erste Lord der Admiralität zurücktreten.

DerManchester Guardian" bezeichnet die Absicht, Spanien bei den neuen Kandi­daten für den Dölkerbundsrat außer Deutschland zunächst in den Vordergrund zu ftelten, als ein neues Manöver. Man nehme an, daß Deutschland einer Zulassung Spaniens weniger Wider st and entgegen'ehen würde, als Polens, denn Spanien wäre im Kriege neutral geblieben und biete auch im übrigen weniger Reibungs­flächen. Auch der englischen öffentlichen Mei­nung versuche man dieses Kompromiß schmackhaft zu machen. Das alles aber ist, sagt der ,Manche­ster Guardian", weiter nichts als der ur­sprüngliche Plan in neuer Form. Man hoffe auf das Rachlassen der Spannung, toenn Polen feine Ansprüche zurückzöge, um dann die polnische Kandidatur hintenherum noch einmal vorzubringen.

DieDaily Mai 1" schreibt, die Frage des Völkerbundsrates sei auch vom Kabinett erörtert worden.

Es könne mit Bestimmtheit erklärt werden, daß Ehamberlain ohne Rücksicht darauf, wie seine persönliche Ansicht über diese Fragen lauten sollte (unb es fei bekannt, daß sie im Gegensatz zu ber seiner übrigen Kollegen sleheß nach Gens gehen werbe mit klaren Anwei­sungen des 'Kabinetts, wonach es im gegen­wärtigen kritischen Moment wesentlich sei, bah ben Wünschen Deutschlanbs volle Beachtung geschenkt werbe, wenn nicht das in Locarno unb Conbon vollbrachie^Werk zerstört werden solle.

Das Blatt schreibt weiter, im internationalen Konzert mehrten sich die Stimmen gegen die polnische Kandidatur. Reben China, verlange jetzt auch Persien einen ständigen Sih, falls