llr. 2Z7 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Zreitag, 26. November (926
Was fagt Polen?
Nachklänge zur oberschlesischcn Wahl. IRachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Don Sarmatic us.
Warschau. 23. Rov. 1926.
Hebbel spricht einmal vorn .Schlaf der Welt", und warnt ironisch davor, daran zu rühren. Die Schöpfer der neuen Starte Europas haben sich Liese Warnung im Ernst zu eigen gemacht. Was ist ihr Bemühen? Die jxelcn sich gegen die Verunstaltung der Dlaatenkorper auf» lehnenden lebendigen Strafte zu betäuben, sie nieder,zuhalten, sie in Dann zu schlagen. Wan solle glauben dahin gehl ihr Streben —. alles sei wunderschön, Europa habe Frieden. Europa habe Ruh. Aber schläft der mübe gequälte Kontinent mm auch wirklich? Rein. Immer wieder wird die Rarkose unterbrochen. Denn immer wieder zeigt sich, die Schmerzen des verstümmelten Kontinents lassen sich durch tcinerlei Morphiumspritzen dauernd betäuben. Und immer wieder schlägt an die Obren der Welt draußen cm unterdrückter Schrei, ein Protestrus gegen angetane DeWalt, ein Schmerzenslaut, dem mißhandelten Organismus abgepreßt.
Von dieser Art war es. was sich vor wenigen Lagen in Oberschl esien abgespielt hat. Hatte man nicht auch dieses Opfer schon schier vergessen? £ag nicht auch dort alles in tiefer Ruhe? Rur Zett, nur Muße, man gewöhnt sich schon! — dies toar die Weisheit ber zuständigen sachkundigen Konzilien. Aber siehe da, man hat sich eben nicht röhnt. Der 14. Rovember sollte es beweisen.
ganz Polnisch-Oberschlesien waren für diesen Lag, zum erstenmal seit der Teilung des Landes und feil der Einverleibung seiner Osthälfte in Polen. „Mc Gemeindevorstände fteu zu wählen. Die polnische Regierung wollte zwar immer nicht so recht ran. Wiederholt- wurde der Termin hin- ausgeschobern 1925 war er gar schon auf einen bestimmten Lag festgesetzt, aber gerade damals war ja die Wirtschaftskrise besonders verschafft und man fürchtete, dies könnte sich im Wahlergebnis äußern. So wurde wieder nichts brauS. Aber jetzt, 1926, schien umgekehrt die Konjunktur ja so günstig wie nie zuvor. Der englische Kohlenstreik hatte den schlesischen Kohlenexport und damit die schlesische Industrie überhaupt belebt, nun. wollte man die Pfeifen schneiden, solange man im Rohre sah. Das Ergebnis, so kann man heute feststellen, hat eigentlich alle .Seile Überrascht. Auch die Führer des ostoberschlesifchen Deutschtums veranschlagten vor der Wahl die Aussichten der deutschen Listen nur auf ein gutes Drittel. Statt beffeii haben He im ganzen Wahlgebiet über 50 vom Hun- dert auf sich vereinigt, in den wichtigsten, politisch regsamsten Bezirken aber, nämlich in den Städten unt> an den Stätten der Industrie, sogar über 60 Prozent.
Die Wirkung, die diese Tatsache auf die öffentliche Meinung in Polen ausübte, drückt das Wort eines Warschauer Publizisten aus. Er sagte, es fei ihm, als habe man ibn mit einem Holzscheit über den Kopf geschl agen. I'oii rechts bis links erhob sich eine Stimme Xr Klage und Anklage, der Anllage, naturgemäß, hauptsächlich jeweils ein2/ politischen Gruppe gegen die andere. Aber es fanden sich doch auch Einsichtige, welche zugaben, Laß dem polnischen Regime als solchem eine ungeheure Absage er» •eilt worden sei. Der sozialistische „Robotnik" suchte, da es sich ja um Kommunalwahlen handelte, diese Absage wenigstens hauptsächlich nur auf die bisherigen lokalen Gemeindeverwaltungen zuzuspitzen und erklärte, diese seien in der Tat elend gewesen. Aber selbst ein so nationalistisches Blatt, wie die „Warszawianka" räumte ein, daß man doch weitergehen müßte. Der Leiter des Blattes, Professor Stronski, stellte fest, daß das niederschmetternde Ergebnis der oberschlesi- schen Wahlen, von außen betrachtet, sich wie ein zweites Plebiszit darstellte. And es würde um so mehr beachtet und in für Polen unerwünschter Weise bewertet werden, da ja nun die Bevöllerimg ihr in vierjähriger Erfahrung begründetes Urteil über das polnische Regime bekundete.
So sagte dieser aus diese, jener auf jene Weise betrübt sein Sprüchlein. An der Tatsache, daß die deutschen Listen einen überwältigenden Erfolg davongetragen haben, bestand bei allem dem für niemand ein Zweifel. Aber die Wojewodschaft Kattowitz glaubte, es ließe sich doch noch etwas retten. Meinte nicht schon Rapoleon HL: gibt dreierlei Lügen:
die einfache Lüge, die konventionelle 2üge und
Oer Bankier-er Kaiser nndpäpste
Von Professor Dr. 3. 0t rieb er*).
Es gibt vielleicht fein zweites Kaufmanns - Haus in der Weltwirtschaftsgeschichte — das Haus Rothschild nicht ausgenommen —, das mit der Kraft seines Geldes so nachdrüEich und so konsequent wie das Fugaersche für seine fürstlichen Geschäftsfreunde emgetreien ist. Ra° mentlich die deutsche und die spanische großePolittk findet bei den Fuggern ihre stärkste finanzielle Stütze. Sinter Anton, dem Rachfolger Jacob Fuggers des Reichen in der Leitung des Wett- Handels Hauses, fällt die Erttscheidung über den Schmalkalbischen Krieg und damit über das Schicksal der ^Reformation wie über manch anderen Kampf der hohen Polittk Europas zum nicht geringen Teil in dem Augsburger Kontor dieses Handelsfürsten. Aber auch schon unter Jacob dem Reichen selbst laufen die goldenen Fäden des habsburgischen polittschen Systems in der Fugger^chen Schreibstube zum Schaltbret, zusam- men. Jacob hat in großzügiger, oft außerordentlich kühner, niemals aber unbesonnener Weile die finanziellen Beziehungen zum Hause Habsburg ausgebaut, die vor ihm bereits sein
*) Diese fesselnde und anschauliche Darstellung entnehmen wir dem soeben erschienenen Werk des Münchener Wirtschastshistorikers „Jacob Fugger, der Reiche. Das Werden und Wirken eines großen Wirtschaftsführers". Der größte Kaufmann des 16. Jahrhunderts, der die damalige Welt, umspannende. mächtige Montaninbustrielle wird hier vor uns lebendig. Preis in Leinenband Mark 6.—. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig- 583
die Statisti k," Mit dreitägiger Verspätung, nachdem die allgemeine Presseeröncrung längst ihren Abschluß gefunden, kam, siche da. auf einmal das Amtliche Tclegraphendureau mit einer prächtig au»Staffierten wahlstatistischen Tabelle heraus, in der man frisch, fröhlich und fromm herausgerechnet hatte, daß die volnischen Listen überhaupt nicht geschlagen worden seien. 3m Gegenteil, der Sieg fei auf polnischer Seite! Das yatte bisher nur merkwürdigerweise niemand bemerkt.
Das war denn selbst für hiesige Verhältnisse etwas „{tarier Tabak". Unb er rief einen unerwarteten Dericyliger auf den Plan. Der war e£7 Korfanty! Dieser macht sich nämlich überhaupt feit einiger Zeil das Vergnügen, den jetzt Regierenden zu beweisen, daß es bedenklich ist, alte Komplizen falt zu stellen, besonders solche, die gar zu viel wissen. Denn sie können unangenehm werden unb, am Ende, die Wahrheit sprechen. Korfaitth tat es bezüglich der so rosig geschminkten amtlichen Wahlstattsttk. indem er in seiner „Rzeczpospkäita" erzählte, wie diese Statistik zustande kam.
„Bei Zusammenzählung der für die deutschen Listen abgegebenen Stimmen wurden nur diejenigen Stimmen berücksichtigt, welche für die Listen des deutschen Wahlblocks und für die Listen der deutschen Sozialdemokratie abgegeben worden waren. Den polnischen Stimmen aber wurden auch diejenigen sämtlichen Stimmen zugezählt, welche für die Listen des Mi etert>er-
'olcher Tatsachen zusammen. Es tomnit eben nur immer wieder auf dasselbe hinaus: Oberschlesien hat sich gegen Polen ausgesprochen.
Vergebliche Mühe, diesen Schrei ersticken zu wollen. Er war zu laut unb er ist weithin gehört worden. Aber was weiter? Bestehen beim irgendwelche Aussichten, bah die Wunde nun auch geheilt, daß das verletzte Recht wie- b c r b < r g c ft c 111 wurde? Was hilft es. daß bereits 1924 Mac Donald den „Fehler" ein- gestand, den man in Oberschlesien begangen habe. Do ist die ernsttiche Bereitwilligkeit, ihn nun auch zu verbessern? Aufs neue werden ja jetzt die Kurpfuscher von allen Seilen berbei- eilen und den unruhigen Kranken, Europa, zu morphinisieren versuchen. Ohne Bedenken, daß sie im Grunde seine Leiden nur verlängern. Gewiß, damit ist zu rechnen. Aber schließlich wirb die große rettende Operation doch unvermeidlich werden. Unb dem 14. Rovember kommt schon heute eine ungewöhnliche Bedeutung deswegen zu. weil er so nachdrücklich, wie noch nie zuvor geschehen, hieran erinnert hat.
Der Fremdenverkehr der Schweiz.
Von unserem Spczialkorrespondenien E. P.-L.
~ Ueberall in Deutschland wird über die schlechte Saifon geklagt! Zu den Gründen dieser bedauerlichen Verhältnisse gehört natürlich auch die Abwanderung vieler Deutschen nach dem Ausland zum Genuß ihrer Sommerserien. Hier kommt die
Der Frosch mit der Maske
Roman von Edgar Wallace, wird von heute an im Gießener Anzeiger veröffentlicht. Wer unsere Zeitung vom 1. Dezember an halten will, erhalt die Nummern bis Ende November täglich kostenlos ins Haus gebracht. Bestellungen nehmen entgegen in Gießen die Geschäftsstelle des Gießener Anzeigers und die Trägerinnen, auswärts 275 örtliche Dertriebsstellen und die Poft.
Handes abgegeben würben, für eine Organisation also, die tatsächlich deutsch ist unb deren Kattowiher Führer Marcol jedermann als Deutschenführer kennt. Ferner sind die Listen des Mittel st andsverbandes schlechtweg den polnischen Listen zugezählt worden, obgleich es sich hierbei um eine national gemischte Organisation handelt. Direkt humoristisch aber ist es, daß auch die für die Liste des Separatisten Kustos abgegebenen Stimmen, ja, schließlich unb endlich sogar die kommunistischen Stimmen zu den polnischen gerechnet worden sind."
Auch sonst liefert Kocfanth einiges zur Beleuchtung des Wahlresultats. Hatte da der Wojewode Grazynski, um den Eindruck der polnischen Wahlniederlage abzuschwächen, u. a.. in einem Interview behauptet, die deutschen Beamten in den oberschlesischen Industriewerten hätten einen moralischen Terror gegenüber der Polnischen Arbeiterschaft ausgeübt. Terror gegenüber einer geheimen Wahl! Unb deutscher Terror im polnischen Oberschlesien!! Wo die Deutschen selbst ihres Lebens nicht sicher sind. Auch das war selbst einem Korf an th zu dumm. Unb er verweist auf folgende Beispiele. Das staatliche Stickstoffwerk E h o r z o w: völlig polo- nifiert, alle Beamten Polnisch, Staatsmittel zur national kulturellen Propaganda in reichem Maße zur Verfügung! Dennoch wurden in Ehorzow 70 Prozent der Stimmen für die deutschen Listen abgegeben. Aehnlich geschah es in anbei;en, nachweislich rein polnischen Werken lBielschowih, Knurow usw.), ja selbst die polnischen Eisenbahner haben zu einem hohen Prozentsatz für bie deutschen Listen gestimmt. In der Tat, aller stgttsttsche Schwindel unb alle offiziösen Ausreden brechen angesichts
Schweiz in erster Linie immer noch in Betracht. Aber man täuscht sich doch über den Andrang deutscher Staatsangehöriger in der Nachkriegszeit. Es sind darüber genaue statistische Angaben vorhanden. 1913 machte das deutsche Fremdenpublikum der Schweiz 28,4 Prozent der Hotelgäste aus. 192-1 waren es 18,14 Prozent, 1925 immerhin 22,47 Pro. zent. Diese Zahl ist im vergangenen Sommer, soweit man schon urteilen kann, nicht erreicht worden. Es kommen also zweifellos seit dem Kriege weniger, nicht mehr Kurgäste in die Schweiz. (Engländer 1 Prozent, Amerikaner 8 Prozent und Franzosen 4 Prozent.) Der Sommer 1926 wurde allgemein von öen schweizerischen Hoteliers als knapp mittelgut be zeichnet.
Die seit 1924 in die Entwicklung der schweizerischen Fremdenindustrie gesetzten großen Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Man träumte von Ueberschreitung der Vorkriegszahlen um ein Vielfaches, und heute glaubt man nicht mehr, daß sie je wieder erreicht werden! Erst schien die deutsche Inflation daran schuld zu sein. Heute ist sie behoben, und die Hotelpreise der Schweiz (8 bis 12 Franken in mittleren Hotels, 6 bis, 9 Franken in der Vor- und Nach saison) sind keinesfalls hoher als die Preise in Deutschland. Dann sah man die Hemmnisse des Fremdenstroms in den Paßschwierigkeiten. Nun haben die deutschen Finanzämter schon 1925 auf ihren Sichtvermerk verzichtet, und Ende Januar ist auch das ftonfulatsoifum der Schweiz im Verkehr mit Deutschland aufgehoben. Ein gültiger Paß genügt. Die Zollrevision findet in Basel und Schaffhausen im Zuge stat. Sie könnte nidjt leichter und kulanter sein. Es fahren billige deutsche Ferienzüge nach der Schweiz, und es gibt vom Mai bis November beschleunigte Personenzuge mit 4. Klasse im Verkehr Frankfurt—Basel. Die deutschen v-Wagen fahren wieder von Hamburg, Berlin und Dortmund
nach Ehur, Geni und Mailand über den Gotthard. Der ganze Verkehr wickelt sich also wieder friedensmäßig normal ab. aber — der deutsche Fremden ström nach der Schwei; hält sich doch in engen Grenzen.
Die Gründe liegen also tiefer. Die^deutjche Geldknappheit erklärt wobt zureichend die Sachlage. Viele Leute bleiben zuhause oder verleben als gute Patrioten ihre Ferien in der Heimat. Größer als man glaubt ist trog brr politischen Verstimmung noch der Zug nach Italien. Weniger aus Sympathie für italienische Verhältnisse, noch aus germanischer Begeisterung für das Land, wo die Zitronen blühen, als ganz einfach in der Absicht der Ausnutzung der Valuta. In dieser Beziehung mögen manche Leute enttäuscht gewesen sein. Der Gewinn ist wegen der vielen 'Nebenausgaben und Stempelsteuern und der stark an den Goldstandard angepaßten Preise viel geringer, als z. B. in Frankreich. und auf keinen Fall höher als 20 Prozent, zumal wenn man die lange Reise in Betracht zieht. Mögen Diele Deutsche über beit Brenner sahren, die Mehrzahl pflegt doch den Gotthard zu benutzen. Die billigere unb fast ebenso schöne S i m p l o n - st recke über Bern—Lötschberg—Vrig (Basel—Iselle Grenze 313 Km., Basel—Ehiasso Grenze 387 Km.!) wird verhältnismäßig wenig benutzt. Man weiß auch nicht in Deutschland, dc.ß es in der Schweiz wieder 45tägige Nundreijehefte mit 20 Prozent Rabatt für alle Züge gib:, unb daß auch das internationale Mtägige Rundreisebefi im Verkehr mit der Schweiz, Italien, Frankreich, Holland, England, Belgien, Dänemark, Tschechoslowakei und Saargebiet wieder besteh!. Sie sind bei den deutschen Agenturen nicht erhältlich. >
Im Frühjahr spürte man in der Schweiz erst eine starke Zurückhaltung des Durchgangsverkehrs nach Italien, der aber etwas später wieder mit ganzer Kraft einsetzte und die übliche Verdoppelung und Verdreifachung der Gotthardzügc nötig machte. Viele dieser Reisenden nach dem Süden halten fiel) in Lugano ober Locarno auf unb fahren überhaupt nicht weiter. Um bie Osterzeit z. B. pflegt mau m biefen Städten einige Wochen lang die verfügbaren Privatquartiere in Anspruch nehmen, da die Hotels übersetzt sind. Lugano zumal, bas mit Montreux und Luzern das stärkste Frembcnkontingent Deutschlands aufweist, ist im Frühling und Herbst sehr beliebt, da von dort aus sowohl der Eomersee mit Bellagio, als die Borromäischcn Inseln des Lago Maggiore in einem Tage besucht werden können unb für arei Tage gültige Grenzkarten nach Italien in jedem Hotel billig und schnell zu haben sind.
Weniger als andere bie Schwei; besuchend Nationen hat bas deutsche Volk seine Reisegewohnheiten geändert. Die allgemeine Nachkriegsersahrung der Schweizer Hotellerie geht nämlich dahin, daß die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste, die übrigens stets nach Hotelnächten gezählt wird, stark zurückgegangen ist. Das Reisepublikum ist dank den vervollkommneten und verbilligten Transportmitteln viel mobiler geworden. Es besucht viel mehr Orte, aber jeden kurz! Engländer und Amerikaner reisen sehr viel in Gruppen, mit vorgezeichnetem Reise- plan. und in Gesellschaftsautos. Einzelne Hotels werden diesen Reiseagenturen geradezu monatweise vermietet. Die so beliebten Tagesausflüge in den offenen Cars Alpins haben zur Folge, daß die für heiß geltenden Orte, wie Montreux unb Lugano, nun auch Sommerfaijon haben, und baß viele Gebirgsorte veröden, da sie für das ausflugsfrnidige Publikum nicht zentral genug gelegen find. Ferner stellt man allgemein fest, daß die Kauflust der Fremden bedenklich nachgelassen hat. Zumal die Gruppenreisenden beschränken ihre Nebenausgaben aufs äußerste.
Aus diese veränderten Verhältnisse muß sich die ochweiz einstellen, um vom Verlust der Bahnen durch den Autoverkehr gar nicht zu reden. Man sieht: Auch dieses gelobte Land des Friedens und des Wohlstandes ist nicht auf Rosen gebettet!
Der Berufsverbrecher.
Durch die große Berliner PolizeiaussteUung unb noch mehr burch die schweren Kriminalfälle der letzten Zeit ist in der breiten Oeffentlichkeit das stets große Interesse für kriminelle Dinge besonders angeregt worden. Das ist bedauerlich, soweit cs nur einen neuen Sinnenkitzel für die von Aufregung zu Aufregung taumelnde Menschheit bildet, erfreulich jedoch, wenn es sich auf die ernsten Fragen der kriminalistischen Wissenschaft und des Strafrechts richtet. Die leider oft ganz einseitige, gefühlsmäßig oder gar erst politisch beeinflußte Stellungnahme der Oesscntlichkeit zur Justiz läßt es dringend erwünscht erscheinen, daß man sich in weitesten Kreisen der Bevölkerung mit den Fragen des Strafrechts und der gerade jetzt eben zur Debatte stehenden Strafrechtsreform an Hand erster jcichwissenschafti
älterer Druöer Ellrich angetnüpft hatte. Wo immer bie Habsburger während des letzten Die- tels des 15. und im Verlaufe des ersten Viertels des 16. Jahrhunderts durch Unterhandlungen oder in Kriegszügen ihrer werdenden Großmacht Raum zu verschaffen suchten, da trat ihnen die Fuggerfche Geldkrast in glänzende? Sekundanz helfend zur Seite. Ob es sich um die Zurückdrängung der Herzöge von Bayern von ihren klug eingeleiteten Absichten auf Tirol handelte oder um die 'Bekämpfung des Aufstandes in der Grafschaft Flandern, ob die Habsburger die Waffen der Diplomatie und des Krieges gegen KarlVIII. und Franzt, von Frankreich oder gegen Venedig oder gegen die Türken trugen. überall stützten sie sich aus Fuggersches Geld und auf den fast unerschöpflichen Kredit Jacobs des Reichen. Mit Hilfe der umsakfenden Organisation des Fuggerscheu Wechselverkehrs überwies der große Kaufmann den Söldnerführern unb Diplomaten Maximilians I. englische Subsidien von Antwerpen nach Süddeutschland ober Italien. Aus bemselben Wege würben die reichen Hilfsmittel, über bie Karl V. in Spanien verfügte, rasch unb sicher auf bem Punkt der Erde konzentriert, wo sie zur Erreichung politischer oder milttärischer Zwecke den Habsburgern dienlich waren.
Durch seine häufigen Unterhandlungen mit den Finanzagenten der Krone, mit den kaiserlichen Räten und durch häufige Besuche der Habsburger und anderer hochgestellter Persönlichkeiten in Augsburg wurde Jacob Fugger in die geheimsten Fragen der Polittk cingecoeiht. Das ganz Europa umspannende System seiner Faktoreien, der ausgezeichnete Rachrichtendiensl, den er organisierte, und dessen sich nicht selten die höchsten Gewalten mit Ruhen bedienten, die Roblefse seiner Geschenke, die manchen verschwiegenen Mund öffnete gewährten Jacob Fugger jene sichere Kennt
nis ber treibenden Faktoren in der europäischen Politik seiner Zeit, die ihn Maßnahmen oon erstaunlicher Voraussicht künftiger Machtverteilung treffen ließ. Es war keine nichtssagende Schmeichelei, sondern entsprach den Tatsachen, wenn der Rat der Stadt Rürnderg —> dem Jacob zeitlebens manchen Dienst erwies — im Jahre 1519 schrieb: Er zweifle nicht daran, daß Jacob Fugger über jene ganz seltene Kennb-- nis der politischen Weltlage verfüge, die es ihm ermögliche, die Aussichten Karls I. von Spanien bei der deutschen Königswahl mit Sicherheit abzuschähen.
Doch erst nach dem Tode Maximilians, erst in den finanzpolitischen Kämpfen und Geschäften, die mit der Wahl Karls V. ziisammenhingen, ist Jacob Fugger zu jener europäischen Gröhe heran- gewachsen, die ihn zum erilärten Führer seiner Standesgenossen machte. Seit Jacob sich in klarer Erkenntnis der politischen Lage, mit vollem Bewußtsein der daraus folgenden geschäftlichen Konsequenzen, fast gewallsam, möchte man sagen, zum ersten Bankier auch Karls V. gemacht hatte, »»ar seine Führerstellung in der europäischen Haute financc nicht mehr zweifelhaft. Vergeblich hatte Bartholomäus Welser, der tüchtigste Kopf dieser nach den Fuggern bedeutendsten deutschen Kaufmannsfamili e, seine ausgezeichneten spanischen Verbindungen — über die Jacob Fugger nicht in dem Matze verfügte — benutzen wollen, um mit den Habsburgern auf einen Schlag im großen Stil in Geschä ftsverbindung, zu kommen, um Jacob Fugger die einzigartige Stellung zu nehmen, die er unter Maximilian I. eingenommen hatte. Vergeblich hatten auch die in Spanien tätigen, italienischen, ins besonder« die genuesischen Bankiers versucht, über die Wahlgeschäfte mit dem präsumptiven deutschen König die Brücke in die Finanzgebarung des Helligen römischen Reiches deutscher Ration zu fragen
Iacov Fugger war allen derartigen Absichten der Konkurrenz zuvorgekommeii. Unter den staunenden Augen der Bankierwelt Europas hatte er sich fester als je bei ben Habsburgern in den Sattel gesetzt. Außerordentlich war sein Ansehen unter der internationalen Kaufmannschaft seitdem noch immer gewachsen. Es war nicht übertrieben. wenn der Augsburger Chronist Clemens Sender in stolzer Bewunderung für den Mann, dein er auch persönlich nahe stand, in die Worte ausbrach: Jacob Fugger und seiner Brüder Söhne Rainen sind in allen Königreichen unb Landen, auch in der Heidenschaft bekannt gewesen. Kaiser, Könige, Fürsten unZ> Herren haben zu ihm ihre Bot'chaft geschickt. Der Papst hak ihn als feinen lieben So ha berüht und umfangen. Die Kardinäle sind vor ihm aufgestanden. Alle Kaufleute der Welt haben ihn einen erlauchten: Mann genannt und die Heiden sich ob ihm verwundert. Er ist eine Zierde des ganzen deutschen Landes geweseii.
In dem letzteii Jahrfünft seines Lebens steht der geschäftlicheRuf Jacob Fuggers einz g da. Sein Kredit kannte kaum noch Grenzen. Schon zu seinen Lebzeiten begimtt die Legende seine Person und seinen Reichtuni mit ihrem Gerank zu umgeben. Bei Luther treffen wir auf die ersten Spuren. Auch bei dem Reformator, der aus sozialen u>id religiösen Motiven Jacob Fugger; feindlich gegenüberstand, bricht doch gelegentlich eine stolze Freude darüber durch, datz dieser mächtigste Kaufmann seiner Zett ein Deutschen war. In einem feiner Tischgespräche legte er dem Papst die Worte an die Kardinale von Frankreich und England in den Mund: Ob ihre Könige auch vermöchten, brei Tonnen Goldes in einer Stunde zu erlegen. Sie sagten. Rein. Da sprach der Papst: Das vermag ein Burger von Augsburg zu tun.


