fein Sohn Reinhard von Solms, Karls V. vertrauter Ratgeber, war sogar des Hessenfürsten und der evangelischen Lehre schärfster und entschiedenster Gegner, „ein truhiger Kaiserlicher und Feind des Evangelii, dazu aller derer, die es lehrten und liebten". (Diehl, Reformationsbuch.) Erst auf dem Sterbebett (1562) lieh er sich das Abendmahl in beiderlei Gestalt reichen, was seine Sohne Trust I. (seit 1557 Mitregent und dem Evangelium zugetan) und Eberhard dem Rachbarfürsten in freudiger Genugtuung melden konnten, so daß die Einführung der Reformation in Lich für dieses Jahr festzusehen ist
Neun Monate gugtelephonie.
In den ersten neun Monaten ihres Bestehens vom Januar bis September wurden auf der Strecke Berlin-Hamburg von der Zugtelephouie 10 593 Aufträge ausgeführt. Den größten Anteil an diesen Aufträgen hatten die Gespräche und Telegramme vom fahrenden Zug aus, von denen 8312 bezw. 1279 ausgeführt wurden: Bestellungen vom Zuge aus sind 177 bearbeitet worden. Der Verkehr zum Zuge ist weit schwächer als der Verkehr vom Zuge aus. Es wurden an Gesprächen zum Zuge im ganzen 744 ausgeführt, Telegramme zum Zuge wurden 47, und Bestellungen zum Zuge nur 4 aufgegeben. Die Gesamtzahl für die einzelnen Monate bewegt sich durchweg in aufsteigender Linie. Im Januar wurden erst insgesamt 663 Aufträge ausgeführt, dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß damals nur ein Zugpaar die Einrichtung der Zug- telephonie hatte, während seit Mai d. I. alle v-Züge auf der Strecke Berlin—Hamburg damit ausgerüstet sind. Bis zum September stieg die Monatszahl aller Aufträge aus 1617.
Nr. 251 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Dienstag, 26. Oktober 1926
Jeitungsschau.
Die „Kölnische Zeitung" knüpft in ihrer sonntäglichen „Umschau und Ausschau" an die soeben beendete sozialistische Werbewoche an und betrachtet dann die Aussichten für eine Verbreiterung der Regierungsbasis durch Anschluß der Sozialdemokratie, wobei sie zu folgenden Schlüssen kommt: „Die Sozialdemokratie möchte zwar den Eintritt der Deutschnationalen in die Regierung verhindern und darum die Frage nach ihrer eignen Regierungsbeteiligung nicht nut einem klaren Rein beantworten, oie fürchtet aber, wenn sie sich regierungswillig zeigt, Die Rückwirkung auf die Massen, in denen sie unerfüllbare Hoffnungen genährt hat, und die nun noch mehr als bisher zu den Kommunisten ab wandern würden. Wenn also in zehn Tagen die Regierung wieder vor den Reichstag tritt, die nut Herrn Marx an der Spitze des alten Kabinetts Luther die schwächste ist, die wir seit langem gehabt haben, so befindet sie sich in einer Lage, die der Zentrumsmann Stegerwald mit folgenden Worten gekennzeichnet hat: „Außenpolitisch liegt ein bestimmter Abschluß vor. Jetzt verlangt die Innenpolitik verstärkt ihr Recht. Eine Minderheitsregie- ning ist in solcher Lage eine Unmöglichkeit. Sie würde ständig im Hinblick auf baldige Wahlen den agitatorischen Anträgen der oppositionellen Mehrheit ausgesetzt sein, womit unausgesetzt die Währung und die Wirtschaft gefährdet würden. Es dürfte also demnächst nur zweierlei geben: entweder in kurzer Zeit Reichstagsauflösung, oder Bildung der Regierung auf breiterer Grundlage. Für eine Reichstagsauflösung fehlt nach Gens die Stimmung und Parole. Das deutsche Volk will in seiner großen Mehrheit Ruhe haben, nachdem es in den letzten zwei Jahren sechsmal $ur Urne gegangen ist. Bleibt also Regierungsverbrelterung. Die - Deutschnationale Dolkspa?1ei ist dazu jederzeit bereit; die Sozialdemokratie schwankt noch, dürfte aber in kürzester Zeit vor eine schwere Entscheidung gestellt werden." Die Frage Stegerwalds, ob die Sozialdemokratie auf die Gefahr hin, von den Kommunisten geschwächt zu werden, positiv am Aufbau von Staat und Wirtschaft Mitarbeiten will, oder ob sie es vorzieht, unter allen Umständen eine zahlenmäßig starke Partei zu bleiben und die Aufbauarbeit den anderen Parteien ßu überlassen — diese Frage wird sicherlich im Sinn ihres zweiten Teils beantwortet werden, nachdem man zum soundsovielten Male in unerquicklichem Hin und Her mit Bedingungen und. Gegenbedingungen, mit Ausweichen und So-tun-als- od darüber verhandelt haben wird. Bei dieser Voraussage ist keineswegs der eigne Wunsch der Vater des Gedankens; denn jebe*1 auf das Wohl des Staatsganzen bedachte Deutsche müßte es von ganzem Herzen begrüßen, wenn die Sozialdemokratie sich so weit wandeln würde, daß mit ihr eine durch Hinzutritt der Deutschnationalen noch vergrößerte Volksgemeinschaft gebildet werden könnte. Dann erst würde das deutsche Volk mit dem größtmöglichen Maß von Zuversicht die freie und friedliche Auswirkung feiner besten Kräfte jeder Gegnerschaft von außen gegenüber durchsetzen können. Die Doraussicht, daß die Sozialdemokratie eine solche Wandlung nicht vollziehen werde, entspricht jedoch der nüchternen Erkenntnis ihres Wesens und ihrer bisherigen Entwicklung. Die notwendigen Folgerungen daraus zu ziehen, haben aber die im Minderheitskabinett Marx vertretenen Parteien sich bis heute nicht entschließen können und sie möchten ihnen auch noch weiterhin ausweichen. Man hat die Deutschnationalen nicht bei dem auf ihrem Kölner Parteitag gesprochenen Wort genommen und keine Verhandlungsmöglichkeit mit :hnen gesucht. Die Deutsche Volkspartei begnügte sich mit der allzu billigen Selbstverständlichkeit, alle willkommen zu heißen, die zur Mitarbeit bereit seien, und sie will alles weitere „der Entwicklung" überlassen. Das Zentrum macht ganz überflüssige Kundgebungen für den Schutz der Repubuk und läßt auf der einen Seite ebenso ruhig Herrn Stegerwald über die unbedingte Notwendigkeit c'ncr Mehrheitsregierung, wenn nicht mit Links-, dann eben mit Rechtserweiterung, reden, wie auf her andern Seite Herr Wirth sich mit Demokraten und Sozialisten zu einer Republikanischen Union verbünden darf . . "
Dor dem Reichsbärgerrat hat dessen Präsident, der ehemalige Staatsminister v. Loebell, eine Rede gehalten die soeben im „Deutschenfpiegel" (Berlin W 35) veröffentlicht wird.
Der Vortragende knüpfte an die Tatsache an, daß die Sturmflut der Inflation eine Auswirkung der staatlichen und wirtschaftlichen Experimente war, die unter der Herrschaft der Arbeiter- und Soldatenräte eingeleitet und von Regierungen fortgesetzt wurden, die von der Sozialdemokratie ausschlaggebend bestimmt waren. Nachdem dieses großzügige Experiment, wenn auch unbeabsichtigt, den Zusammenbruch von Währung und Wirtschaft herbeigeführt
Diewiedertäufer imLicher Lande
Bon 3. Schneider, Lich.
In seinem Aufsatz „Das Jahr 15 2 6“ in der Reformationsnummer des „Gieß. Anz." vom 21. Oktober spricht Prälat D. Dr. Diehl am Schluß von einer in radikalistisches Fahrwasser geratenen reformatorischen „Bewegung in einzelnen lich'.scheu Orten“. Er meint damit offenbar die übertriebenen Forderungen der Wiedertäufer in Hessen und der Grafschaft Solms, die sich mit dem einfachen liebertritt von der katholischen zur evangelischen Lehre nicht zufriedengeben wollten, sondern eine nochmalige Taufe forderten. Rach Aufzeichnungen, die ich mir in früheren Jahren aus Ferd. Dieffenbach, „Das Großherzvg- tum Hessen", über die Reformation in Hessen machte, will ich im nachfolgenden einiges über diese Bewegung ergänzend Mitteilen.
Der Anabaptismus ist gewiß als ein krankhafter Auswuchs anzusehen, der sich im Gefolge der Reformation an vielen Orten bemerkbar machte und auch die Grafschaft Solms ergriffen hatte. Trotz des toleranten Charakters des Grafen Philipp von Solms wurde energisch gegen die Irrlehren dieser Sekte eingrschritten. Die Maßregeln aber, die man im Solmsischen gegen die Wiedertäufer cmwand:e, sind „gerade dadurch kulturhistorisch von Bedeutung, daß sich hier der humane Einfluß des hessischen Landgrafen Philipp Des Großmütigen geltend machte.“ In der Grafschaft Solms wurde daher eine bedeutend mildere Praxis geübt, als in den übrigen Teilen des Reiches (z. B Münster. Westfalen). Das Edikt Kaiser Karls V., kraft dessen die „Wiedertäufer mit Feuer und Schwert zum Tode gebracht" werden sollten, war zwar durch den bedeutsamen Reichstagsabschied zu Speier (15261 dahin ge
holte, zog sich die Sozialdemokratie von der Teilnahme an der Reichsregierung zurück, um von der bequemen Bank der Opposition aus teils unwillig duldend teils offen widersprechend die Neuordnung des wirtschaftlichen und staatlichen Lebens zu beobachten. In den Länderregierungen hielt sie sich dagegen um so zäher fest, um unter dem Schlagwort „Durchsetzung der Verwaltung mit Republikanern" in immer größerem Umfange Parteifreunde in öffentlichen Aerntern unterzubringen. Der Wiederaufbau unserer Währung wurde ausschließlich von den bürgerlichen Kreisen durchgeführt. Wir müssen uns bewußt werden, daß die Voraussetzung für jede gesunde Volkswirtschaft die Abkehr vom sozialistischen Wohlfahrtsstaat und Aufrichtung des bürgerlichen Rechtsstaates ist. Eine derartige Politik aber würde für die Sozialdemokratie eine völlige Verleugnung ihrer bisherigen Grundsätze bedeuten, die von ihr — wie ihre Stellungnahme beispielsweise im Volksentscheid gezeigt hat — in absehbarer Zeit nicht erwartet werden kann . . . Die bürgerliche Gemeinschaftsarbeit ist bisher daran gescheitert, daß das Bürgertum sich nicht in genügendem Umfange der gemeinschaftlichen Grundauffassung bewußt geworden ist. Durch eine allmähliche Assimilierung der auseinander strebenden Auffassungen und Interessen wird das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Wille zu gemeinschaftlicher Arbeit erzeugt. Eine bürgerliche Arbeitsgemeinschaft ist notwendig und erreich-
nicht noch schwieriger ist, das französische Volk von der Unrichtigkeit einer Meinung, die sich in seinem Kopf festgesetzt hat, zu überzeugen .
Bei dem in Thoirn in Aussicht genommenen großen politischem Geschäft befindet sich Deutschland insofern in fühlbarem Nachteil, als jedes Kind die Bedeutung der Konzession erkennen kann, die von Frankreich erwartet wird, nämlich der Räumung von Rhein und Saar, während zum Der- ständnis der deutschen Konzession, nämlich der Einwilligung zur transferfreien Begebung eines Teils der deutschen Eisenbahnobligationen, ein nicht häufig anzutreffendes Maß von Vertrautheit mit komplizierten finanziellen Dingen unerläßlich ist. Wenn man in Frankreich, um den Wert der deutschen Konzession in den Augen des laienhaften Publikums herabzusetzen, unsere Wirtschaftslage als blühend barftelU, übersieht man die erschreckliche Tatsache, daß wir noch immer ein Arbeitslosenheer von li Millionen Menschen in unseren Grenzen beherbergen Man scheint sich auch in Frankreich durchaus nicht darüber klar zu fein, daß Deutschland in der Vergangenheit seine Dawes- Verpflichtungen nur dank dem unablässigen Hereinströmen amerikanischer Anleihen auf den deutschen Kapitalmarkt, d. h. zu deutsch: mit gepumptem Geld, hat bezahlen können und daß die Gewähr, daß dieser Anleihestrom auch in Zukunft fließen wird, — selbst vorausgesetzt, wir seien zur Tragung der stetig anwachsenden Zinsenlast fähig — um so
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bar in den Parlamenten der Selbstverwal- t u n g. In diesen kann es nur zwei grundsätzliche Auffassungen geben, einerseits die staatsbärger l i ch e, die die Selbstverwaltung möglichst einfach und billig gestalten will und alle nicht in ihr eigentliches Arbeitsgebiet fallenden Aufgaben der prioatwirtschaftlicyen Initiative wieder zuführen und zu allen kulturellen Fragen von der christlichdeutschen Weltanschauung aus Stellung nehmen will: andererseits die s o z i a l i st i s ch e , die danach trachtet, möglichst alle Betätigungsgebiete und alle wirtschaftlichen Unternehmungen, soweit sie nicht verstaatlicht sind, zu verstadtlichen, und die sich in Kulturfragen nach frei religiös kosmopolitischen Grundsätzen richtet. Der Reichsbürgerrat anerkennt die Notwendigkeit der Parteien, hält aber die parteipolitische Durchsetzung unseres gesamten öffentlichen Lebens für eine Gefahr.
Außenpolitisch steht nach wie vor die Debatte über Thoiry an erster Stelle. Auch Blätter der Linken erkennen das Auftauchen ernster Schwierigkeiten, die namentlid) auch auf ideellem Gebiet liegen. So schreibt die „Germania", das Berliner Zentrumsblatt: „Die Aufgabe, die zu lösen ist, besteht doch im wesentlichen darin, die Wahnidee einer deutschen Bedrohung aus den Köpfen des französischen Volkes zu verscheuchen. Eduard VII., oer ein kluger Mann war, hat einmal gegenüber Wilhelm II. geäußert, nichts sei schwieriger, als einem Deutschen eine neue Idee beizubringen oder einen Engländer vor einer Idee, die er einmal im Kopfe hat, abzubringen. Wir sind nicht sicher, ob cs
geringer ist, als nach Durchführung der Transaktion von Thoiry, nach Ratifizierung des französisch-ame- rikanischen Schuldenabkommens, nach Sanierung des französischen Franken und nach Begebung der deutschen Eisenbahnobligationen, auch Frankreich und die anderen romanischen Staaten auf dem amerikanischen Anleihemarkt als Kapitalsucher erscheinen und dadurch Deutschlands Anleihemöglichkeiten empfindlich verengern werden. — In Frankreich hatte man sich anscheinend zunächst eingebildet, im Fall der Mobilisierung der deutschen Eisenbahnobliga- tionen um die Ratifizierung des Bärenger-Mellon- 2(bFommens herumkommen zu können. Inzwischen greift in Frankreich die Erkenntnis um sich, daß dies ein Irrtum war, daß die Ratifizierung des genannten Abkommens in jedem Falle unvermeidbar sein wird. Jetzt scheint man sich in dem anderen Irrglauben zu wiegen, daß im Falle dieser Ratifizierung die Mobilisierung der deutschen Obligationen für Frankreich wertlos sein werde, daß es sich jedenfalls für Frankreich nicht lohne, in der Form der Räumung von Saar und Rhein Gegenleistungen gegen diese Mobilisierung zu machen. Denn, so scheint man in Frankreich anzimehnien, nach Ratifizierung des Berenger-Mellon-Abkom- mens könne man die zur Stabilisierung des französischen Franken und zur Sanierung der französischen Finanzen notwendigen Kredite auf dem Weltmärkte, insbesondere auf den angelsächsischen Märkten, ohne Schwierigkeit, jedenfalls, ohne politische Konzessionen erlangen. Indes diese Auffassung Übersicht den springenden Punkt. Die Fähigkeit
Frankreichs, nach Inkrafttreten des Schuldcnabkom- mens die nötigen Kredite zu erlangen, soll gewiß nicht bestritten werden. Wenn das verarmte Deutschland solche Kredite erhalten konnte, kann auch das reiche Frankreich sie erhalten. Ein großer Irrtum ist es nur, zu glauben, daß Frankreich sie ohne sehr reale Unterlagen, ohne Garantien, die den von Deutschland auf Grund des Dawes-Planes gegebenen Garantien nicht völlig unähnlich sehen werden, erhalten könnte. (Garantien solcher Art, die mit einer gewissen ausländischen Kontrolle über Zweige der französischen Verwaltung unbedingt verknüpft wären, zu stellen, wäre aber für den stolzen Siegerstaat Frankreich überaus demütigend. Der tiefste Sinn des Gedankens von Thoiry besteht gerade darin, daß Deutschland den Franzosen die Stellung solcher Garantien abnehmen würde. Das deutsche Reichsbahnsystem würde nach diesem Plan gewissermaßen die Sicherheit für die Sta- bilisierungs- und Sanierungsanleihen, die Frankreich auf dem Weltmarkt aufnchmen würde. Sollte eine solche Transaktion wirklich für Frankreich wertlos fein?"
Die Stellungnahme des sozialdemokratischen „Vorwärts" kommt im folgenden zu ähnlichen Ergebnissen: „Nun besteht in Frankreich in vielen Kreisen, besonders auch auf der Linken, gegen die Anerkennung des französisch-amerikanlschen Schuldenabkommens eine starke Abneigung. Früher sprach man in Deutschland von der Entente als dem „Shylock mit seinem Schein", jetzt braucht man in Frankreich dieses Bild für Amerika. In Amerika laufen aber zwei Strömungen zusammen, die auf die Anerkennung des Abkommens bestehen, eine rcinkapitalistische, die erklärt: „Schulden sind Schulden", und eine pazifistische, die sich auf den Standpunkt stellt, ein Entgegenkommen an Frankreich sei solange nicht am Platze, solange Frankreich sein Geld an militärische Rüstungen verschwende. So zeigt sich, daß das Problem, wie es in Thoiry ge- stellt wurde, kein deutsch-französisches mehr, sondern ein Weltproblem ist. Nimmt man dazu, daß die Politik der Verständigung sowohl in Frankreich wie in Deutschland selbst fanatische Widersacher hat, die bemüht sind, jedes Hindernis, das sich auf dem Wege auftut, durch ihre Arbeit noch besonders verstärken, dann begreift man die Fülle der Schwierigkeiten, die der angestrebten Losung entgegenstehen, man begreift auch, daß ein Optimismus, der von heute auf morgen, abschließende Ergebnisse erwartet, durchaus nicht am Psatze ist. Unter diesen Um- fänden scheint uns eine deutsch-französische Debatte Darüber, wer das „größere Opfer" bringt, Frankreich, indem es das Rheinland räumt, oder Deutschland, wenn es seine El enbahnobliaationen mobilisiert, zum mindesten ver ruht. Sie ist aber nicht nur verfrüht, sondern auch d e Gesichtspunkte, von denen sic ausgeht, sind sehr einseitig. Es ist unsinnig, die Dinge so darzustellen, als ob Frankreich ein ungeheures „Opfer" brächte, wenn es das Rheinland ein paar Jahre früher verließe, als es nach strengster Auslegung des Friedensvertrages ohnehin muß. Und es wäre unverantwortlich, wenn Deutschland sich finanziell und wirtschafllich ruinierte, bloß um den Prestigeerfolg einer etwas rascheren Räumung zu erzielen. Tatsächlich hat ja auch Frankreich ein starkes eigenes Interesse, baldmöglichst die Besatzung verschwinden zu lassen, die heute nur noch eine finanzielle und moralische Belastung darstellt, ohne sonst irgendeinen ersichtlichen Zweck zu haben. Auf der anderen Seite hat aber auch Deutschland ein starkes eigenes Interesse an der Stabilisierung des französischen Franken, weil sie dem französischen Dumping ein Ende bereitet und für fruchtbare wirtschaftliche Beziehungen erst die rechte Grundlage schafft. Man sollte sich also in den Erörterungen, die neben den Verhandlungen von Thoiry einherlaufen, nicht allzusehr auf die Opfertheorie versteifen. Das scheint uns ein Fehler von beiden Seiten, besonders aber auch von der französischen. Denn schließlich steht die Sache doch nicht |o, daß Deutschland für jeden Tag früher, an dem die Räumung erfolgt, jeden geforderten Preis zu zahlen genötigt wäre. Wünschenswert wäre ein stärkeres Heroortreten des Grundgedankens, daß man sich selber Hilst, indem man dem anderen hilft. Die Folge wäre, daß die Verhandlungen auf beiden Seiten mit mehr Noblesse, mehr Weitherzigkeit und nteniger Krämergeist geführt werden könnten, als es Der Fall ist, wenn man zwei aneinander doch gar nicht meßbare Großen wie Besatzung und finanzielle Hilfeleisttmg nach Zenti-und Milligrammen gegeneinander abzuwägen sucht. Ein Festhalten an dem Grundgedanken einer weitgehenden Interessensolidarität, die eben in dem gesuchten Ausgleich zum Ausdruck kommen soll, ist um so notwendiger, als ja der Weg zum Ziel ohnehin noch weit genug und genug mit Hindernissen gepflastert ist."
mildert worden, „daß diejenigen, welche nach empfangenem Unterricht widerrufen und sich einer Buße unterwerfen, begnadigt werden mögen, daß aber Friedensbrecher, Häupter und Berbreiter der Wiedertaufe, auch solche, d e darauf beharren oder darin zurückfallen, ohne Gnade gerichtet werden sollen", aber man beachtete diese scharfen Grundsätze in dcn solmsischen Landen nicht, weil Philipp der Großmütige von Hessen auch hier im Einverständnis mit dem ihm befreundeten 36 Jahre älteren Grafen Philipp von Solms die Behandlung der Wiedertäufer leitete. Zu schwereren Maßregeln als zur Landesverweisung ist es hier nicht gekommen. Die B.sitationsordnung will den lutherischen Grundsätzen entsprechend, „des Glaubens wegen keinen mit gutem Gewissen zum Tode verurteilen, denn der Glaube stehe in keines Menschen Hand, sondern sei ein reines Geschenk Gottes“, Belehrung und Ermahnung seien allein der Weg, die Irrenden zu bekehren. Erst nach fortgesetzter Renitenz durfte zum letzten Mittel der Landesverweisung gegr'ffen werden, und Philipv von Solms hat zu seinem Leidwesen von diesem Mittel Gebrauch machen müssen: „er hat der Wiedertäufer Gift, das etliche Dörfer be- schmeißt hatte, zurückgetrieben und die Winkel- Prediger fangen lassen.“
Die Hauptvertreter der hessischen Wiedertäufer, deren Wirksamkeit sich auch in der Grafschaft ' Solms bemerkbar machte, waren Peter Lasch, Jörg Schnabel, Ludwig Schnabel u. a. Ms schließliches Ergebnis der vielfachen Untersuchungen und Verhöre ist festzustellen, daß sich die Eiferer mit der Kirche aussöhnten und ihre Glaubensanfichten in einer Bekenntnisschrist niederlegten. auf die hin mit den widerspenstigsten Läufern 'Verhandlungen gepflogen wurden. Dies merkwürdige Aktenstück wurde am vierten Tage nach Rikolai 1538 übergeben und führt den Titel:
„Bekenntnis und Antwort etlicher Fragestücke oder Artikel der gefangenen Täufer im Lande Hessen"; es enthält einen vollständigen Katechismus der Wiedertäuferei. Zur Ehre der hessischen Wiedertäufer muh gesagt werden, daß sie den Unfug und die Irrlehren ihrer Glaubensgenossen zu Münster (Westfalen) feierlich ablehnten und in dem Aktenstück mihbllligten und verwarfen. Es heißt darin: „Weiter die Münsterischen Händel als ein Reich Christi hier auf Erden mit weltlicher Pracht und Herrfchung, mit dem Königreich und allen Gottlosen auszurotten, item die Che mit vielen Weibern, halten wir für schädlichen Irrtum und älnverstand, desgleichen auch die irrig sind, die gar keine Obrigkeit haben und bekennen wollen zur Rache der äLebeltat und Beschütz der Wohltat, die doch Gottes Wille geordnet hat und nötig ist. Dies aber sagen wir von der Ordnung des Amts und Mißbrauch der Personen.“ Mit den politischen und sozialen Irrlehren der sächsischen und holländischen Wiedertäufer haben die hessischen also nichts gemein, sie sind harmlose Schwärmer, die infolge des religiösen älebereifers ihrer Zeit mit der weltlichen Obrigkeit in Widersprüche gerieten. Lieber den Ausgang der Llntersuchung ist nichts Genaueres bekannt, da die Akten im Solmser Archiv nicht vollständig sind. Strenge Strafen, wie sie der seit zehn Jahren evangelische Landgraf Philipp der Großmütige und Philipp von Solms in Verbindung mit des letzteren Reffen, dem Bischof von Münster (Sohn der Katharina von Solms) 1535 über Johann von Lehden unp seine Helfershelfer verhängten, scheinen hier nicht angewandt worden zu sein. Trotz seiner Freundschaft mit dem für die evangelische Sache feung begeisterten höfischen Landgrafen konnte sich Philipp von Solms nicht für Einführung der neuen Lehre in seinem Ländchen entschließen und


