britisch« Regierung keinerlei Vermehrung der ständigen Ralsfihe über den Eintritt Deutschlands hinaus zustimmen würde, und daß nur Amerika und Rußland, falls sie es wünschten, einen ständigen Ratssih erhalten könnten. Ein Teil der englischen Presse ist indessen weniger optimistisch. Der diplomatische Korrespondent des „Evcning Standard" sagt, die große Frage sei, ob Spanien bis zum Zusammentritt des Völkerbundsrates seine Drohung, aus dem Völkerbunde auszutreten, wenn nicht Tanger in das spanische Protektorat einverleibt würde, offiziell notifizieren werde. Es sei aber höchst wahrscheinlich daß ein e b e r einkommen hinsichtlich des spanischen Abkommens ohne große Schwierigkeiten zustande kommen werde, so daß Spanien im Völkerbünde bleiben könne.
Belgiens Ratssitz.
Brüssel, 25. Aug. (WB.) Bei einem Presseempfang stellte der Minister des Auswärtigen in Abrede, daß Belgien auf eine Wiederwahl in den Dölkerbundsrat verzichten würde und fügte hinzu: „Der Augenblick wäre schlecht gewählt. um aus dem Rat auszutreten oder um Belgien aus dem Rat austreten zu lassen, während sich Deutschland anschickt, gemäß den Versprechungen aller Unterzeichner des Vertrages von Locarno in den Rat einzutreten. Im Laufe der Unterredungen von L o c a r n o habe er den deutschen Diplomaten Stresemann und Luther den belgischen Standpunkt dargelegt. Diese seien ganz seiner Meinung gewesen und Luther habe noch hinzugesügt, daß er Belgien als Pfeiler des Völkerbundsrates betrachte. Dandervelde erklärte dann: Belgien pflichtet den Beschlüssen des Spezial-Ausschusses bei, der vorigen Juni die Frage prüfte. 3n der Sitzung vom 30. August wird Belgien die Beschlüsse des Spezialausschusses annehmen, ohne jedoch jede Anregung oder jedes Kompromiß a priori anzunehmen, durch n>elchc Polen und Spanien befriedigt werden könnten. Wir werden auch nicht Zusahanträge ablehnen, die den Beschlüssen des Spezial-Ausschusses beigefügt werden könnten, wenn diese Anträge das Wahlrecht der Völkerbundsversammlung nicht beeinträchtigen.
Die deutsche Delegation für Genf
Berlin, 25. Aug. (Wolff.) Kleber die Zu- sammensehung der deutschen Delegation hören die Blätter: 3m Augenblick kann noch nicht gesagt werden, ob Parlamentarier der Delegation angehören werden, doch wird dies durchaus für möglich gehalten. Ein Zusammentritt des Kabinetts vor der Abreise der Delegation für die Studienkommission nach Genf dürfte kaum möglich sein. Fest steht bisher nur, daß Herr von H o e s ch nach Genf geht, während die Entsendung des Ministerialdirektors Dr. Gaus noch nicht sicher ist. Ob Herr v. Hoesch seinen Weg ilber Berlin nimmt, ist wahrscheinlich aber nicht sicher.
Spanien macht keine Schwierigkeiten.
Gens, 26. Aug. (WTV.) Der Präsident der Sludienkommission, der schweizerische Vundesral Motta, ist von spanischer Seite verständigt worden, daß die spanische Regierung in der Frage der ständigen Ratssihe keine Schwierigkeiten machen werde und bereit sei, die Prüfung einer Vermehrung der ständigen Ratssihe über den deutschen Slh hinaus bis nach dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund zu verschieben.
„Die unleugbaren Rechte Polens."
Warschau, 26. Aug. (TU.) Außenminister Zalewski reiste am Mittwoch nach Paris ab. Zalewski erllärte auf dem Bahnhof Pressevertretern: „Ich fahre zur Sihung des Völkerbundes in der Hoffnung, daß die versammelten Staaten die unleugbaren Rechte Polens auf einen Sih im Rat anerkennen werden, sowohl vom Standpunkt seiner geographischen Lage, der Devölkerungszahl Polens, wie auch des Willens Polens zur Mitarbeit am Frieden Europas. Wenn das alles in Genf verstanden werden wird, dann wird der Eintritt Polens in den Dölkerbundsrat als dauern- desMitglied nicht zweifelhaft sein.
Eupen und Malmedy.
Eine Aenherung des belgischen Außenministers.
Paris, 25. Aug. (Täl.) Auf die Anfrage eines Abgeordneten wegen der Verhandlungen über Eupen und Malmedy erklärte V a n Verve l d e, daß vor einiger Zeit die deutsche Regierung bei Belgien angefragt habe, ob man nicht die Ansicht einiger Politiker prüfen könne, die Frage der deutschen Markverpflichtungen in Belgien und die Eupen- und Malmedyfrage gleichzeitig zu beraten. Belgien habe erwidert, es sei an den Versailler» Vertrag gebunden und werde ihn nicht brechen. Es seien bisher keine Verhandlungen zwischen den beiden Regierungen geführt worden. Das habe nicht hindern können, daß der eine oder andere belgische oder deutsche Politiken ferne besondere Meinung über die An- gelegercheit habe.
Die Kabinettsbildung in Griechenland.
A t h e n, 25. Aug. Den Parteiführern ist es, entgegen den gestrigen Meldungen, gelungen, eine Verständigung über die Bildung eines Koalitionskabi- netts zu erzielen. General Kondylis bildet jetzt e i n vorläufiges Kabinett, in der Voraussetzung. daß die Wahlen spätestens im Oktober stattfinden. General Kondylis und sämtliche Parteiführer erkannten einstimmig und in offizieller Weise Konduriotis als Präsidenten der Republik an. Das Amtsblatt veröffentlichte daraufhin folgende Botschaft des Präsidenten an das Volk: „Nach der Beseitigung der Diktatur übernehme ich von heute an die Präsidentschaft wieder, zu der mich die 4. Hellenische Nationalversammlung berief." Dieser Schritt wird von der Presse und der öffentlichen Meinung mit Genugtuung als ein geschichtliches Ereignis begrüßt, er sei der beste Beweis für die innere Beruhigung und die Rückkehr zu einem normalen, oer- fasfungsmäßigen Leben.
Der nach Aegina verbannte Diktator Pangal o s wurde in Phaleron vor der Abfahrt nach
Der Lndkamps im englischen Bergbau.
Voü unserem A. ^.-Berichterstatter.
Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten I London, den 24. Aug. 1926.
Die von den Bergarbeitern in der vergangenen Woche mit so großen Hoffnungen eingeleitete Friedensaktion ist an der unnachgiebigen Haltung der Grubenbesitzer gescheitert, eine Tatsache, die angesichts der in der letzten Zeit erheblich ins Wanken geratenen Front der Bergarbeiter unschwer vorauszusehen war. Die Gewerkschaft, noch immer beherrscht von dem radikalen Flügel des Vollzugsausschusses, hatte bereits zu viele Gelegenheiten vorübergehen lassen, als daß sie bei diesem Stadium des Konfliktes, wo sich bereits allenthalben untrügliche Zeichen der Zersetzung innerhalb ihrer Gefolgschaft bemerkbar machten, auf Entgegenkommen hätten rechnen können. Wenngleich die am Donnerstag der vorigen Woche stattgefundene Besprechung zwischen Grubenbesitzern und Bergarbeitern negativ verlaufen ist, so muß sie dennoch wenigstens dem einsichtigen Teil der englischen Bergarbeiterschaft die Augen darüber geöffnet haben, daß die Erlangung eines „ehrenhaften" Friedens eine Angelegenheit ist, auf die die Grubenbesitzer bei diesen! Stand des Konfliktes einen weit größeren Einfluß haben, als ihre eigenen Führer. Diese Erkenntnis wird letzten Endes für das Ende des Streiks und wahrscheinlich auch für die künftige Rolle der Bergarbeitergewerftchaft als Ganzes von entscheidender Bedeutung sein.
Aber auch über die eigentlichen Kriegsziele der Grubenbesitzer besteht nach der letzten Friedensaktion kaum noch ein Zweifel. Evan Williams, der Präsident der Mining Association, erllärte, daß der Verband der Grubenbesitzer von seinen Mitgliedern keine Vollmachten erhalten habe, über ein nationales Abkommen zu verhandeln. Vielmehr legten die einzelnen Grubengesellschaften Wert darauf, mit ihren Leuten bezirksweise Abmachungen je nach Maßgabe der Rentabllität zu treffen. Das heißt aus gut deutsch, daß die Bergwerksbefitzerver- einigung ihre Auflösung vollzogen zu haben vorgibt, wodurch die Verhandlung eines nationalen Abkommens von selbst unmöglich wird, und wodurch gleichzeitig auch die Bergarbei- tergewerkschoft ihre Existenzberechtigung verloren haben würde. Das aber ist genau das, was das Exekutivkomitee vermeiden will.
Unter der Drohung eines Verfalls oder einer Auslösung ihrer Gewerkschaft haben die Führer der Bergarbeiter infolgedessen noch einmal alle ihre Getreuen zu einem letzten verzweifelten, aber hoffnungslosen Widerstand um sich geschart, und zwar zu nichts geringerem als — . um mit den Worten Eooks zu sprechen — zu einem Feldzug für die Auflösung des Parlamentes. Aber zweifellos wird es nicht sehr lange dauern, bis sich Cook und seine Genossen von dieser Illusion befreit haben, denn in den Grubenbezirken beginnt man in wachsendem Maße, die Ruhlosigkeit weiterer Opfer einzu- sehen, und die Arbeitswilligkeit wächst von Tag zu Tag. Schon sind Rottinghamshire und Derbyshire dem Beispiel der Bezirke Warwickshrre und Leicestershire gefolgt, wo bereits wieder, wenn auch nur mit einem Teil, so doch einem sür die Verhältnisse erheblichen Teil der Belegschaft gearbeitet wird, und auch an anderen Stellen beginnt es zu „krümeln".
Aber die 'Furcht der Dergarbeiterführer vor dem Eingeständnis ihrer Riederlage ist offenbar größer als ihre Einsicht, und so wütet denn der Endkampf zur Zeit mit einer Hartnäckigkeit und Verbissenheit, wie niemals zuvor. Es ist ein gigantischer, aber unsichtbarer Kampf von rund einer Mission Bergarbeiter mit zwei bis drei Millionen Angehörigen gegen den Hunger. Es ist ein stiller Kamps, von dem man hier yr London nur wenig oder nichts sieht, wenn man von dem veränderten Aussehen der Zeitungen
absieht, die sich kaum mit etwas anderem beschäftigen als mit dem nachlassenden oder sich versteifenden Widerstand der Bergarbeiter — je nach Partei und Richtung.
Es ist ein unblutiger Krieg von Engländern gegen Engländer — ein Ding, von dem die englische Geschichte nur wenige Beispiele aufweisen kann. Man bekämpft sich gegenseitig mit den gleichen moralischen Waffen, mit denen in der Vergangenheit so manches andere Volk bekämpft worden ist. Stumm und verbissen, wie der Tommy im Schlamme von Flandern. Man bezichtigt sich gegenseitig der Lügenhaftigkeit, und jeder beschuldigt den anderen, sich „unfairer" Waffen zu bedienen. Hand in Hand hiermit geht das Buhlen um die Gunst der öffentlichen Meinung. Die Bergarbeiter appellieren an die Ritterlichkeit der Bevölkerung, indem sie auf die Rot unter den Frauen und Kindern in den Grubenbezirken Hinweisen, die stellenweise offenbar recht groß ist.
Aeberhaupt spielt das sentimentale Moment eine immer größere Rolle, und die notleidenden Frauen und Kinder stehen bei der Propagandaarbeit der Bergarbeiterführer in erster Linie. Wie während des Krieges, als bei jeder deutschen Beschießung mindestens ein „Baby" getötet wurde, womit keineswegs gesagt sein soll, daß der Hunger nicht schon lange tatsächlich an die Türen der Bergarbeiterfamilien angellopft hat. Aber die Propaganda der Gegenseite hat so gründliche Arbeit geleistet, daß jetzt in London kein Mensch mehr eine richtige Vorstellung hat, wie es in den Grubenbezirken eigentlich aussieht. M ist indessen nicht von der Hand zu weisen, daß eine große Anzahl von Lohnempfängern, die von der Hand in den Mund gelebt haben, nicht hundertundsechzehn Tage lang streiken können, ohne Rot zu leiden. Kurzum, es ist ein Kampf auf Biegen oder Brechen, der nicht am grünen Tisch, sondern letzten Endes in den Hütten der Bergarbeiter entschieden werden wird.
Ob es den Führern der Bergarbeiter gelingen wird, dem Zurückfluten der Arbeiter, das in den nächsten Tagen zweifellos noch stärker werden wird, Einhalt zu gebieten, muh noch sehr bezweifelt werden, und wenn sie sich nicht sehr bald auf ihre Führerpflichten befirmen und sich der Macht der Tatsachen beugen, dann werden sie sich eines Tages ohne Anhänger sehen.
Die Streiklage.
London, 25. Aug. (WB.) Der Exekutivausschuß des Dergarbeiterverbandes beschäftigte sich den ganzen Tag mit der Erörterung der Lage auf den Kohlenwerken, um eine Grundlage für die Lösung des Konfliktes zu finden. Am Rachmittag bat der Sekretär des Verbandes Cook den Arbeits Minister und den Oberinspektor für das Dergbauwesen um eine Unterredung. Der Minister des Innern mobilisiert in London und in anderen Orten Polizeiabtei- lungen, um gegen die Einschüchterungsversuche der weiter Strebenden einzuschreiten. Er ist fest entschlossen, den Arbeitswilligen Sicherheit zu schaffen. Die Gerüchte über Zusammenstöße bei den Zechen sind oft stark übertrieben, doch ist die Lage ernst. Es ist durchaus nicht geplant, andere Kräfte als die der Polizei herbeizuziehen.
Rach Berichten der Polizei in Mansfield stellten die Streikenden heute keine Streik- posten auf. Die Zahl der Arbeitswilligen hat sich erhöht. So stieg z. B. die Zahl der Arbeiter in den fünf der Company Bolsover gehörigen Gruben seit gestern von 1450 auf 2441 Arbeiter. Drei weitere Bergwerke des Reviers sind wieder in Betrieb genommen worden. In Tredigar (Wales), wo in der vergangenen Rächt ernste älnruhen stattgefunden haben, ist die Ordnung wieder hergestellt worden.
Aegina von Pressevertretern interviewt. Die Frage, ob er eine eingehende Untersuchung der gegen ihn erhobenen Beschuldigungen, er habe Unterschleife begangen, wünsche, bejahte Pangalos. Er habe sich gefreut, zu erfahren, daß die Revolutionssiihrer beabsichtigten, die Untersuchung einem Iustizausschuh unter dem Vorsitz des Präsidenten des Kafsationsgerichts Zimilon anzuvertrauen. Rur Strolche und Zeitungen, so fuhr Pangalos fort, reden von Veruntreuungen. Jedermann weih, welches Vermögen ich hatte, bevor ich Präsident wurde, und was ich heute habe. Der größte Teil meines Vermögens ist Landbesitz, der meiner Frau gehört.
Reuter meldet, die Stimmung gegen Pangalos sei sehr stark. Keinerlei Anzeichen von Sympathie für ihn seien irgendwo zu entdecken
Neue Todesurteile in der Türkei.
Köln, 25. Aug. Wie die „Köln. Ztg." aus Konstantinopel meldet, hat das Gericht in Angora den früheren Finanzminister D f ch a w i d , den früheren Kultusminister N a s i m , den Abgeordneten H i l m i und den Generalsekretär der Iungtürkifchen Partei, Nail, zum Tode durch den Strang oer- urteilt.
Mandschurische Justiz.
London, 26. Aug. (W. T. D. Funkspruch.) Wie „Daily Mail" aus Tollo berichtet, hat die von uns schon gemeldete Hinrichtung von 14 chinesischen Bankiers in Mulden auf Befehl Tschangtsolins wegen angeblicher Währungsspekulation in allen Bevölkerungsklassen Schrecken erregt und zur fast vollständigen E i n- ft e 11 u n g des Geschäftslebens in der Mandschurei geführt. Ein Korrespondent berichtet, daß 5 Bankiers am Donnerstag durch Schüsse in den Hinterkopf getötet worden seien, um die Gesichter für die nachträgliche Schaustellung der Leichen kenntlich zu erhalten. Arn Rach- mittag seien weitere 9 Bankiers an den ausgestellten Leichen vorbei zu ihrer eigenen Hinrichtung geführt worden
Kunst und Wissenschaft-
Die Berner Kirchentagung.
Zu den am Donnerstag beginnenden Verhandlungen über die Fortsetzung des StocHol- mer Kirchenwerkes sind 380 Vertreter auS 24 Ländern cingetroffen, darunter fast alle von der Stockholmer Tagung her bekannten Führer, an ihrer Spitze Erzbischof Dr. Soderblom (Upsala). Am Dienstag tagte das Exekutiv
komitee der Konferenz, ferner Kommissionen für Geschichtslehrbücher, für die Zusammenarbeit mit der Jugend und der Arbeiterschaft. Zu dem Hauptgegenstand der Konferenz, der Errichtung eines christlich-sozialen Forschungsinstituts, hat eine unter dem Vorsitz des Berliner Theologieprofessor Titius stehende Kommission Vorschläge ausgearbeitet. Auf der Tagesordnung der Konferenz steht bekanntlich auch die Stellungnahme zu einer deutschen Erklärung in der Frage der Kriegs- verantwortlichkeit.
Die Katastrophe von Leiferde.
Eine anonyme Selbstbezichtigung.
Hannover, 25. Aug. (TU.) Bei der Staatsanwaltschaft Hildesheim ist ein Schreiben eingegangen, dessen Verfasser sich selbst beschuldigt, die Entgleisung des O-Zuges herbeigeführt zu haben. Der Brief ist in den verschiedensten Schriftarten ausgeführt. Der Schreiber erklärt, er sei ein im Di s° ziplinarweg wegen einer ganz geringfügigen Verfehlung entlassener Beamter, der durch die Entlassung verbittert aus Haß und'Rache die Tat begangen habe. „Meine Entlassung war eine Roheit. Ich hätte Milde verdient. Roheiten sühne ich durch Roheiten: müssen auch Unschuldige leiden, ich habe auch unschuldig gelitten. Den schuldigen Minister wird einst meine Rache treffen, qualvoll soll er sterben. Man hat mein Leben vernichtet, ich will tausend Menschen vernichten: 21 sind es erst. Nächste Attentate bei Berlin. Ulto r.“ Wie weit dieser Brief für die Untersuchung ernstlich in Betracht kommt, wird sich erst Herausstellen müssen. Die Staatsanwaltschaft steht dem Schreiben einigermaßen skeptisch gegenüber.
Aus aller Wett.
Kindertragödie in den Alpen.
Zwei Mädchen aus dein Dorfe St. Mar- celin in den französischen Voralpen wurden seit zwei Wochen vermißt. Run wurde das vierjährige Mädchen in völlig entkräftetem Zustande auf gefunden. Das ältere Mädchen war in eine Schlucht hinabgestürzt und hatte sich die Wirbelsäule gebrochen. Die Vierjährige hatte sich nicht mehr nach Hause gefunden und die ganze Zeit ohne Hilfe und Rahrung verbracht. Das Kind dürfte kaum mit dem Leben davonkommen.
Autounfall des Reichsschahininisters a. D. Albert.
Aus einer Geschäftsreise nach Nürnberg verunglückte in der Nähe von Erlangen der Reichsschatz- I
Der Anzeigenkundschaft des Gießener Anzeigers zur Kenntnisnahme.
Der für den Anzeigenteil seit kurzem verantwortlich zeichnende Kaufmann H. Iüstel ist von einer Beurlaubung nicht zurückgekehrt. Die Untersuchung ergab, daß er 10000 Mark unterschlagen hatte und mit einem Scheckbuch flüchtig ging. Anzeige wurde erstattet und das Scheckbuch gesperrt.
Verlag des Gießener Anzeigers.
Minister a. D. Albert infolge Reifenschadens mit feinem Auto. Er kam mit leichteren Knochenbrüchen davon, während feine Sekretärin getötet wurde. Schweres Drandunglück in einem badischen Dorfe.
3n der Rächt zum Dienstag brach in dem Dorfe Di11war bei Tauberbischofsheim in einer Scheune ein Brand aus, der große Ausdehnung annahm. Cs standen nach kurzer Zeit vier Wohngebäude mit dem angrenzenden Wirtschaftsgebäude in Flammen und brannten bis auf den Grund nieder. Große Erntevorräte sind durch das Feuer vernichtet worden, lieber die Gntstehmrg des Brandes ist noch nichts bekannt.
Die Waldbrände in der Gironde.
Die gestern berichteten Waldbrände in der Gegend von Bordeaux konnten durch die Bemühungen der aus Militär und Gendarmerie bestehenden Rettungsmannschaften so erfolgreich bekämpft werden, daß nur drei Gemeinden von den betroffenen acht ernste Verwüstungen unter ihren dichten Waldbeständen zu beklagen haben. Die Waldbrände in der Gegend von Toulon sind vollkommen gelöscht.
Die englischen Manöver.
Die großen Manöver der englischen Arm«, die in der Rähe des Truppenübungsplatzes Aldershot stattfanden, wurden nach den Operationsplänen der Schlacht von Tannenberg ausgeftlhrt.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, beit 26. August 1926.
Alte Bekannte aus der Jugendzeit.
Mir gerade gegenüber, in der Straßenbahn, sitzt ein älterer Mann und hält einen Tops voll blühender Fuchsien im Arm. Zum Geschenk? Zur Tröstung?
Die freundlichen Blumen erinnern mich an meine Kindheit. Denn damals war die Fuchsie „modern"! Meine Mutter war sehr arm. Aber ihre Blumen am Fenster — Azalien und Fuchsien — prangten dennoch in reichster Blütenfülle! Merkwürdig, Blüten und Knospen wurden immer zahlreicher, je mehr sich daheim die wirtschaftliche Lage verschlechterte. Im Unglück wird es still in der Stube — Trost brachten die Blumen, blühende Fuchsien!
Während mein altes Mütterchen nebenan den Trost aus geistlichen Liedern des Gesangbuches schöpft, stand ich als Knabe am Fenster und konnte es nicht erwarten, bis die Blütenknospen der Fuchsien sich öffneten. Wie oft habe ich sie damals zwischen den Fingern gedrückt, damit sie aufplatzten, weil es bann lo lustig knallte, wie Knallbonbons!
Der Mann gegenüber hält seine Schützlinge krampfhaft im Arm fest, und ich betrachte gern ihre graziösen Blütenglocken. Sind es nicht kurze Röckchen, aus denen viele Beinchen hervorgucken? Lustig steht oben an der Blüte bet Knauf als Köpfchen. Es folgt ringsherum ein Kranz purpurner Blüten, Deckblättchen, gleich einem schützenden Mäntelchen, worüber das bunte ober reinweihe Ballettröckchen sitzt, aus dem die Staubgefäße wie schlanke Füßchen zierlich im Winde pendeln.
Die Fuchsie war lange Jahre unmodern. Erst in dieser Zeit der kurzen Rocke und Bubiköpfe feiert sie ihre Auferstehung aus der Tiefe der schwülen Treibhäuser. Wie fremd schaut sie heut die Welt!
Liebes Gegenüber, halte deine Fuchsienglöckchen fest und läute mit ihnen den Frieden der Seelen im heutigen Hader der Menschen ein! Fuchsien sind wieder modern. Mögen sie weiter im Dunkel her trüben Zeiten wie dereinst die Fenster erhellen und Sorgen verscheuchen! Br.
Gießener Wochenmarktpreise.
Es kosteten auf dem heutigen Wvchenmarkt das Pfund: Butter 180 bis 200 Pfennig, Matte 30 bis 40, Käse (10 Stüa) 60 bis 80, Wirsing 10 bis 15, Weißkraut 8 bis 10, Rotkraut 20, gelbe Rüben 10, rote Rüben 10, Spinat 25, Romischkohl 10, Dohnen (grüne) 8 bis 20, (gelbe) 25, älnter-Kohlrabi 6, Erbsen 25 bis 30, Tomaten 20 bis 40, Zwiebeln 15, Meerettich 80 Rhabarber 15, Pilze 30, Kartoffeln 5, Frühäpfel 12 bis 20, Falläpfel 8 bis 10, Dirnen 12 bis 25. Zwetschen 20 bis 25, Mirabellen 30 bis 40 Preiselbeeren 60, junge Hahnen 90 bis 10O, Suppenhühner 100 bis 120; das Stück: Eier 13 bis 14, Blumenkohl 40 bis 120, Salat 5 bis 10, Salatgurken 10 bis 40, Einmachgurken 2 bis 5, Endivien 15, Ober-Kohlrabi 5 bis 10, Rettich 10 bis 20, Sellerie 30 bis 45 Pfennig.
Bornotizen.
— Tageskalender für Donnerstag. Westdeutscher Spielverband: 61/« Tlhr Waldsport- plah, Fußballmannschaft des Linienschiffes „Hessen" gegen V. f. B. Gießen. — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Die Wiskottens". — Astoria- Lichtspiele. „Das Schmugglerschiff".
Wettervoraussage.
Rach kühler Rächt zeitweises Aufklaren, meist trocken.
Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 252 Grad Celsius, Minimum 13,8 Grad Celsius. Heutige Morgentemperatur 16,7 Grad Celsius.


