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Nr. 120 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Mittwoch, 26. Mai 1926

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertag».

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Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

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Preis für 1 mm HSHe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspsennig; für Re« klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Playvorschrift 20° , mehr.

Theftedaktem:

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr. H.THyriot: für den übrigen Teil Ernst Dlumschein: für den An« zeigenteil Hans Füstel, sämtlich in Dietzen

Das Münchener Eisenbahnunglück

Eine neue amtliche Erklärung.

München, 25. Mai. (TU.) 3n einem amt­lichen Bericht der Reichsbahndirektion München heißt es, daß in dem Befinden der Ber- letzten eine wesentliche Aenderung nicht eingetreten ist und dah der Leiter der Gruvpenverwaltung Bayern der Reichsbahn- gesellschast, Staatssekretär von Frank und der Präsident der Aeichsbabndirektion München die Verletzten in den Krankenhäusern besucht haben. Die Herren übermittelten den Derunglückten die Beileidstelegramme der Reichs- und Landes» behörben. Die Aufräumungsarbeiten an der älnsallustelle waren heute nachmittag 3 Tlhr beendet. Der Bahnbetrieb München-Ost - Mühlcndorf wurde um 2 älhr nachmittags wie­der ausgenommen. Das Gleis München-Ost Rosenheim wurde um 4 Tlhr wieder in Betrieb genommen. Beim Gleis RosenheimMünchen- Ost konnte die Inbetriebnahme erst gegen 8 Tlhr abends erfolgen. Gegenüber der Behauptung eines Münchener Blattes, der Unfall sei auf ein übertriebenes Sparen am Personal zurück- zusühren. wird von zuständiger Stelle erklärt, dah von einer übertriebenen Inan­spruchnahme des Lokomotivführers keine Rede sein könne. Der Lokomotivführer habe sich auch selbst nicht auf Tlebermüdung berufen. Anderes Personal als der Lokomotivführer komme nach dem gegenwärtigen Stand der Unter­suchung nicht als schuldig in Frage.

Bürgermeister Scharnagl hat sich heute vormittag an die Unfallstelle begeben und im Anschluß daran die Verletzten in den Kranken­häusern besucht. Die Reichsbahndirektion wird die Kosten der Beerdigung der Opfer der Reichs- bahnlatastrophe übernehmen. Bis zur späten Rachmittagsstunde konnten die Ramen von neun weiteren Getöteten des Eisenbahnunglücks im Ost­bahnhof München sestgestellt werden, welche Mün­chener sind. Die Gesamtzahl der Toten beträgt 2 7. Blättermeldnngen zufolge beläuft sich die Zahl der Verletzten einschließlich derjenigen, die sich nach Anlegung von Rotverbänden nach Hause begeben konnten, auf insgesamt 150. Die genaue Untersuchung des Zusammenstoßes der Züge ist noch nicht beende'. Zum Zeichen der Trauer hat das Stadtratdirektorium für Mittwoch eine Trauersihung anberaumt. Von den 27 Todesopfern der Eisenbahnkatastrophe sind nachmitttags die Ramen fest gestellt worden. Unter den insgesamt 83 verletzten Personen im Krankenhaus befinden sich mir noch zwei, deren Ramen bis zur S tim de noch nicht bekannt sind. Das Beileid Hindenburgs und

der Reichsregierung.

Berlin. 25. Mai (WB.) Der Herr Reichspräsident hat anläßlich des schweren Eisenbahnunglücks im Münchener Ostbahnhof an die Zweigstelle der Reichsbahnverwaltung in München folgendes Telegramm gerichtet:Tief erschüttert durch die Meldung über das große Eisenbahnunglück im Münchener Ostbahnhof bitte ich Sie, den Hinterbliebenen der so traurig ums Leben Gekomnienen den Ausdruck meines herz­lichsten Beileids und den Verletzten meine besten Wünsche für baldige Heilung zu übermitteln, gez. von Hindenburg, Reichspräsident."

Der Reichskanzler Dr. Marx hat an die Gruppenverwaltung Bayern der Deutschen Reichsbahngesellschaft folgendes Telegramm ge­richtet: Die Rachricht von dem furchtbaren Un­glück in München hat mich tief erschüttert. Ich bitte, den Angehörigen der tödlich Verunglückten sowie. den Verletzten die wärmste Anteilnahme der Rcichsregierung auszusprechen.

Der preußische Ministerpräsident Braun hat an den bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Held aus Anlaß des schweren Eisenbahnunglücks ein Beileidstelegramm gerichtet. In Vertretung des bayerischen Ministerpräsidenten hat auch der bayerische Finanz Minister dem General­direktor der Deutschen Reichsbahn in einem Tele­gramm das Beileid der bayerischen Re­gierung ausgesprochen.

Die Krise im englischen Kohlenbergbau.

London, 26. Mai. (WTB. Funkspruch.) Der parlamentarische Berichterstatter desDaily Telegraph" schreibt, in gut unterrichteten Kreisen werde angenommen, daß im Kohlen streik baldigst eine andere Lage zu erwarten sei. Die Regierung werde jede in ihrer Macht lie­gende Unterstützung gewähren, wenn an sie von neuem in einer Weise herangetreten werde, die die Wiedereröffnung der Ver­handlungen rechtfertige. AuchDaily He­rold" befaßt sich mit der Frage, wie der tote Punkt in der Kohlenkrise überwunden werden könne. Das Blatt führt die gestrige Rede Cooks an, der den Premierminister auffordcrte, die Wiederaufnahme dec Arbeit unter den bis- herigen Bedingungen zu veranlassen und fügt hinzu, Cook werde bereit sein, wenn nötig, über Lohnverminderungen nach der Durch­führung der Reuorganisation der Kohlenindustrie zu verhandeln.

London, 25. Mai. (WTB.) Infolge Kohlen- mangels liegen an der Ostküste Schottlands mehr Dampfer still, als es seit Jahren der Fall mar. Zahlreiche Fischüampser laufen holländische Hasen an, um Bunkerkohle zu erhalten.

Die vorbereitende Abrüstungskonferenz.

(Eine Erklärung Bernstorffs. Ein ungarisches Memorandum.

In Genf hat sich PaubBoncour tüchtig Mühe geben müssen, um England für eine Lösung zu ge­winnen, die das Abrüstungsproblem zunächst auf die lange Bank schiebt. Es ist ein Spiel im Kreise, das die Siegerstaaten treiben, ein Spiel, das Hougthon in seinem Bericht. an Eoolidye überlegt als un­ehrlich und hoffnungslos bezeichnet hat. Während Paul-Boncour und Cecil die Formel fanden, um den berüchtigten Artikel 16 des Völkerbundsstatuts wirk­sam zu gestalten, hielt zufällig der französische Prä­sident Doumergue in Metz eine Rede, in der er vollkommene Bürgschaften für die Sicherheit ver­langte. Wie Doumergue diese Bürgschaften versteht, hat er selber gleich ausgeführt, in der Forderung, daß Frankreich stark und wachsam bleiben müsse. Auch Paul-Boncour hat diese Forderung in Genf nicht preisgegeben, im Gegenteil, er hat sie durch die französisch-englische Einigungsformel nur noch unterstrichen.

Diese Formel bedeutet nichts anderes, als daß der Völkerbund, Jo wie er heute ist, den Kriegsfall bestimmt, dem sich alle Mitglieder freiwillig oder unfreiwillig anzuschließen haben. Der vorbereitende Ausschuß für die Abrüstungs­konferenz hat also zur Sache wenig geleistet, was überzeugend aus dem Schluhbericht hervorgeht, den der belgische Vertreter am 25. Mai dem Ausschuß vorlegte. Deutschland hat leider vor­eilig seine Zustimmung erklärt, offenbar deshalb, uyj nicht wieder alsStörenfried" bezeichnet zu werden.

So wird sich der Dölkerbundsrat im Juni mit dem Genfer Schluhbericht beschäftigen. Und wenn im September die Vollversammlung des Völkerbundsrates vielleicht selbst die Tagesord­nung für die Abrüstungskonferenz sestseht, wird das auf Grund des Mai-Berichtes geschehen. Da hat Deutschland zugestimmt, so daß es schwer oder unmöglich sein wird, auf der Abrüstungs­konferenz das Abrüstungsproblem überhaupt auf­zuziehen. Es ist keine Abrüstung, wenn weder die tatsächlichen noch die möglichen Kriegsrüstun- gen geprüft werden, um sie, wenn das notwendig ist, einem einheitlichen Besehlsmechanismus zu unterstellen. Vergeblich hat der deutsche Ver­treter, Graf Bernstorff, darauf hingewiesen, dah die französisch-englische Einigung von Voraus­setzungen ausginge, die dann nicht mehr zuträfen, sofern mit der Abrüstung wirklich ernst gemacht würde.

Es ist doch klar, daß die Herabsetzung der Rüstungen auch den Apparat des Völkerbundes beeinflussen muh, den dieser auf Grund des Artikels 16 des Völkerbundsstatuts aufbieten kann. 3n der Tat ist hier der Kern des Pro­blems zu suchen. Wenn der Völkerbund die Rüstungen unangetastet läßt, dann bleibt ja nichts anderes übrig, als dah nach dem Willen der eigentlichen Drahtzieher verfahren wird. Anders würden die Dinge liegen, wenn zunächst einmal die Abrüstung so durchgeführt wird, wie sie das Völkerbundsstatut und der Versailler Vertrag fordern. Die Formel hierfür liehe sich leicht finden. Es genügt für den Anfang, die all­gemeine* Wehrpflicht abzuschafsen. eine Formel, die unter den heutigen Verhältnissen nur noch auf Frankreich und seine engeren und weiteren Verbündeten Anwendung zu finden braucht. Dar­über sind die Vertreter der Siegerstaaten in Genf hinweggeglitten. Robert Cecil. der zu Be­ginn gegen den Begriff der potentiellen Kriegs­stärke Englands erhob, hat diesen Einspruch schließlich fallen lassen.

Der deutsche Vorschlag, die verfügbaren Kräfte des Völkerbundes so zu gestalten, daß sie den Kräften eines einzelnen Staates unbedingt überlegen sind, enthält sicher brauchbare Ele­mente. Er ist selbst für Frankreich annehmbar, sofern es wirklich nur Bürgschaften für seine Sicherheit will. Pauf-Boncour hat für Frank­reich kerausgeholt, was überhaupt herauszuholen war. Er hat sich gegen die Beschränkung der all­gemeinen Wehrpflicht ausgesprochen, hat auch durchgesetzt, daß die neue Heeresvrganisation Frankreichs, die sich aus die Reserven stützt, unan­getastet bleibt. Dabei ist Paul-Boncour Sozialist, der aber den Sozialismus so versteht, wie er seinem Lande politisch und wirtschaftlich nützt. Weshalb er sogar die anwaltschaftliche Vertte- tung einer geborenen Prinzessin von Mecklenburg übernommen hat. um vom Deutschen Reich auf Grund deS Versailler Vertrages eine Abfindung von vierzehn Millionen Rm. verlangen. Die deut­schen Genossen haben immer Pech, wenn sie einen internationalen Sozialisten aus Frankreich oder England zur Schau stellen. Die sind immer erst Franzosen und Engländer, aber niemals Mar­xisten. die ihr Land militärisch oder politisch ans Messer liefern.

Leider hat die deutsche Vertretung erst un­mittelbar vor Toresschluß ihre Vorschläge her- ausgebracht. Sonst hätte auch dem ..Sozialisten" Paul-Boncour kein Mundspitzen geholfen: er hätte pfeifen müssen. Da Deutschland dem Dölkerbunds­rat nur als ..moralischer Schatten" angehört, be­steht keine Möglichkeit, die Vorschläge weiter zu verfolgen. Aber um so größer ist die Gefahr, daß. wie auch der Schllrhbericht zeigt, der Völker­bundsrat Gelegenheit erhält, das in Gens vor­gebrachte Material mit der Pfeilrichtung gegen Deutschland auszunutzen

Merkwürdig, wie tatkräftig sich Paul- Doncour für die Mrfsicht übet die Heereshaus- halte einsetzte, weil erfahrungsgemäß die Kosten der Berufsheere höher sind, als die von Heeren, die ihre ganze Kraft in den leicht zu mobili­

sierenden Reserven zusammenfassen. 5>ie Kosten dieser Reserven sind gering, ermöglichen aber trotzdem die Entwicklung einer Kriegsstärke, der der Völkerbund im entscheidenden Fall nichts entgegenwerfen könnte. Wenn Rußland Polen einmal angreift oder umgekehrt, wird Frank­reich. auf überlegene Kräfte gestützt, sich das Durchmarschrecht erzwingen. Dec Völkerbund kann unter den gegenwärtigen militärischen Machwerhältnissen selbst dann nichts tun, wenn er Polen für den Angreifer erklärt. Deshalb ist es wichtig, deshalb ist es eine Frage auf Leben und Tod für den Völkerbund, dah seine gesamten Machtmittel denen des einzelnen Staa­tes überlegen sind. Es ist das kein undenkbarer Fall, gan^ abgesehen davon, daß die Politik undenkbare Fälle nicht kennt. Dieser Fall liegt vielmehr durchaus im Bereich der Möglichkeit, wie er auch gegeben ist, wenn sich einmal die Reibungsflächen im nahen Osten und Rord- uafrika entzünden sollten mit ihren unvermeid­lichen Rückwirkungen für Europa.

Der Bericht

des Redaktionskomitees.

Genf, 25. Mai. (WB.) Der Bericht des Redaktionskomitees, dem der Wortlaut der heuti­gen Erklärung des Grafen Bernstorfs und die Denkschrift der jugoslawischen Regierung über das Aorüstungsproblem als Anlagen bei­gegeben sind, enthält ohne verbindenden Text im wesentlichen die in den letzten Tagen bekannt gewordenen Beschlüsse über die Ar beits tei- Lung, ferner die beiden von Lord Cecil und de Brouqueres eingebrachten Anträge gegen den chemischen Krieg bzw. über die Kontrolle der Abrüstungsindustrien und des Rüstungsstandes und schließlich den zwischen Paul B o n c o u r und Ceci l zustande gekommenen Vergleichs­antrag, durchs den der Völkerbundsrat ersucht wird, Methoden zur rascheren und wirksameren militärischen unb wirtschaftlichen Hilfeleistung ge­mäß Artikel 16 feststellen zu lassen. 3n diesem Zusammenhang wird auch der ebenfalls bereits bekannt gegebene belgische Antrag aufgeführt, der die Aufstellung eines realen Systems von militärischen und wirtschaftlichen Hilfeleistungen! anftrebt Außerdem enthält der Bericht im Aus­zug den Vorbehalt der deutschen Dele­gation und besagt über die Stellungnahme der Delegation der Vereinigten Staaten, daß diese Delegation jede auf Abrüstung gerichtete Be­strebung unterstützen will, daß sie jedoch selbst­verständlich in keiner Hinsicht durch diese De­batten gebunden werden könnte, an denen teil- zunehmen ihr nicht zustand. Diese Bemerkung, so hÄßt es in dem Bericht, bezieht sich haupt­sächlich auf gewisse Punkte der Anträge über die Kontrolle der Rüstungsindustrien und über die an den Rat überwiesenen Fragen. Zu dem Abschnitt 2 und 3 des Fragebogens, welche die Abrüstung selbst betreffen, erklärt der Ausschuß,

daß eine Einschränkung der gesamten, eventuell möglichen Kriegsrüstung eines Landes im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich ist, dagegen stellt der Ausschuß die Möglichkeit fest, die Friedens st ärke des Landheeres, der Flotte und der Cuffffreiffräfte bei einzelnen Staaten und auch jene Kräfte einzuschränken, die sofort ohne vorherige Mobilisierung eingesetzt und zur Anwendung ge­bracht werden können.

Dieser Grundsatz soll jedoch die Voraussetzung für eine Einschränkung der Rüstungen, wie in bezug auf die potentielle Rüstungsmöglichkeit usw.. nicht präjudizieren.

Rach einer Anmerkung des Berichts wurde in diesem Zusammenhang im Redaktionskomitee u. a. angeregt: Verringerung der großen Friedenseinheiten, ihrer militärischen Stärke und ihres Rüstungsmaterials, ferner Herabsetzung der sofort mobilifierbaren Mannschaften, Verkürz una der militä­rischen Dienstzeit und Verringerung des Kriegsmaterials. Schließlich wurde auch noch die Frage aufgeworfen, ob durch die Herabsetzung oder Einschränkung der Aus­gaben für d i e Landesverteidigung eine Einschränkung der bewaffneten Macht durch­geführt werden lärm.

Der deutsche Vorbehalt.

Graf Bernstorffs Erklärungen.

Genf, 25. Mai. (WB.) Zu dem gestern von Paul 'Boncour und Lord Cecil im Re- daktionskomitee gemeinsam eingebrachten Antrag, durch den dem Völkerbundsrat empfohlen wird, die Methoden und technischen Maßnahmen prüfen zu lassen, mittels deren die Hilfeleistung für einen angegriffenen Staat rasch ins Werk gesetzt werden könne, hat Graf Bernstorfs heute vormittag im Redaktionskomitee folgende Er­klärungen abgegeben: Das Redaktionskomitee hat beschlossen, die Fragen Va und Vb andenVöl- kerbundsrat zu verweisen, da eine Schwierigkeit bestand, diese Gegenstände innerhalb eines Organes zu behandeln, dem Vertreter von Ländern angehören, die nicht Mitglied des Völ­kerbundes sind. Ich bin diesem Beschluß gerne beigetreten, der nicht nur von mir, son­dern auch von allen übrigen Mitgliedern als gute Lösung der innerhalb der Kouumsfton auf*

tretenen Verschiedenheiten betrachtet worden ist. Immerhin konnte so der Gegenstand dec an den Rat verwiesenen Fragen in der Kommission nicht erschöpfend erörtert werden. Bei der Aus - nähme st elung Deutschlands, welches nach dem sehr glücklichen Wort des Vertreters Frankreichs im Rat moralisch Mitglied des Völkerbundes geworden ist. hat mein Land andererseits noch nicht die Möglichkeit, im Rat das Wort zu ergreifen.

Ich möchte folgende Erklärung abgeben: Ich möchte keineswegs die Rotwendigkeit in Zweifel ziehen, die Methoden und technischen Wege zu bestimmen, auf denen die Hilfeleistung für einen angegriffenen Staat rasch ins Werk gesetzt werden kann. Ich bin jedoch den Ansicht, daß es praktischer wäre, für die Lösung des Problems einen anderen A«u sgangs- punkt zu wählen. Die vorgeschlagene Prüfung der Methoden, nach denen die Hilfeleistung für einen angegriffenen Staat rasch ins Werk gesetzt werden soll, dürfte meiner Ansicht nach nicht den gegentoärtigen Stand der Rüstungen zur Grund­lage haben, der wie wir alle hoffen nur ein vorübergehender ist, und der durch die Ar­beiten gerade unserer Konferenz vereinbart und endgülttg festgestellt werden soll.

Die in Rede stehenden Untersuchungen wer­den vielmehr von einem Stand der Wrüstung auszugehen haben, wie er sich als Endergebnis unserer Arbeit darstellen wird.

Diese Abrüstung wird so einzurichten sein, daß die Kraft keines einzigen Staates den im Völ­kerbund verfügbaren Kräften gleichkommen darf. Jeder Staat wird soviel Rüstungen ausrecht er­halten müssen, daß die vereinigten Kräfte der Mitglieder des Völkerbundes die Ausführung der Beschlüsse desselben gewährleisten.

Ich habe hier nicht den besonders gearteten Fall meines Landes im Auge. Meine Ausfüh­rungen betreffen vielmehr die zahlreichen europäischen Staaten, die bereits ihre Rüstungen in einigem Umfang herabgesetzt haben. Wenn diese Staaten in der Lage fein sollen, einen anderen Staat, der von einem im Besitz überlegener Machtmittel befindlichen Staat angegriffen wird, wirksame Hilfe zu bringen, so ist es selbstverständlich, daß ihre vereinigten Rüstungen der Kraft eines jeden evtl. Angreifers überlegen fein müssen. Deshalb wird nach meiner Meinung die Prüfung der Fragen Va und Vb nur dann ein befriedigendes Ergebnis haben, wenn von dem Stande einet in sich ausgeglichenen allgemeinen Abrüstung ausgegangen wird.

Paul Boncour erwiderte, daß die in dieser Erklärung Bernstorffs enthaltenen Thesen in den letzten Jahren wiederholt von Frankreich im Völkerbund vertreten worden seien, und dah es zweifellos zweckmäßig wäre, schon heute nach diesen Gedankengängen vorzugehen. Er glaube jedoch, daß man sich bei der heutigen Sachlage darauf beschränken müsse, eine vorläufige Lösung zu suchen, indem man provisorische Methoden ausarbeite, um die Durchführung der Hilfeleistungen aus Artikel 16 sicher zu stellen.

Sin ungarisches Memorandum.

Genf, 26. Mai. (TU.) Die Vollsitzung der vor­bereitenden Abrüstungskommission, die am Diens­tagnachmittag um 6 Uhr unter dem Vorsitz des Pa­riser holländischen Gesandten Laudon zusammen­trat, nahm einen wesentlich anderen Verlauf als all­gemein erwartet worden war. Zunächst verlas der belgische Delegierte Brouquöres den Schlußbe­richt über die Arbeiten der Redaktionskommission. Hierauf wurde von den Delegierten der Kleinen En­tente, die in der Redaktionskommission nicht ver­treten waren, auf verschiedene textliche Unklarheiten und auf die Differenz zwischen der fran­zösischen und der englischen Auffaf- s u n g hingewiesen. Allgemein wurde bemerkt, daß eine gewisse Mißstimmung bei diesen Delegier­ten über ihren Ausschluß von den Arbeiten der Re­daktionskommission zum Ausdruck kam.

Der Vertreter Griechenlands gab darauf eine Erklärung ab, in der er betonte, daß Grie­chenland einen besonderen Wert auf regionale Verträge lege und eine besondere Festlegung auf Grund des Artikels 16 der Völicrbundssahung verlange in anbetracht der Tatsache, daß einige Staaten Richtmitglieder der Vollversammlung seien. Allgemein wurde dieser Hinweis als eine Anspielung auf die Türkei empfunden. Große Er­regung löste die Erklärung des ungarischen Vertreters aus. der mitteilte, dah gestern ein umfangreiches Memorandum über die Ab­rüstung seines Landes von ihm eingereicht worden sei, das auf die gegenwärtige Lage Ungarn^ eingehe. Lord Robert Gecil bean­tragte. dieses Memorandum an die beiden Unter» kLmmissionen zu verweisen. (Sine lebhafte Debatte entstand hierüber mit den Vertretern der Kleinen Entente, die verlangten, daß das ungarische Memorandum in einer Vollsitzung der Ab- rüstungskommission behandelt werde.

Der Präsident mutzte darauf dem Drängen der Vertreter der Kleinen ©ntente nachgeben u. eine neue Vollsitzung für Mittwoch vormittag anfeil en, auf der die Diskussion über den Sc^lah- bericht fortgesetzt werden soll. Ferner berief er eine Vollsitzung auch auf Mittwoch nachmittag, in der das ungarische Memorandum behandelt werden soll. Oyic das Vorgehen der Kleinen