Zreitag, 26. Mär; 1926
chiehener Anzeiger (General-Anzeiger fürOberhesfens
Nr. 72 Zweites Blatt
Die Lex Reinhold.
Mit keinem seiner Minister hat der Reichskanzler so viel zu schaffen, wie mit dem Den- janun seines Kabinettes, dem Finanzmrnister Dr. Reinhold. Er hat ihn zwar selbst gefunden und aus Sachsen, wo Herr Dr. Reinhold bisher die Landesfinanzen betraute, eigenhändig nach Berlin geholt, aber Dr. Luther wird sich den Verlauf wohl auch etwas anders gedacht haben. Herr Reinhold ist sicherlich ein Mann von Temperament und auch ein Mann von Kenntnis. Er hat nur drei Tage gebraucht, um sich in dem Äerchs- ctat zurecht zu finden und hat es dann abgelehnt, sich, wie das sonst Wohl der Brauch ist, von seinen vortragenden Räten seine Etatsrede machen zu lassen. Aber nicht nur das. Er hat in dieser kurzen Frist auch ein eigenes Steuerreform ° Programm z.rechtge- fchnitten, das er gleichzeitig dem Reichstag vorlegte. Sein Vorgänger hat ihm freilich diese Aufgabe recht leicht gemacht. Herr von Schlieben stammte aus der alten Schule Miquels, die ihre höchste Weisheit darin erblickte, möglichst viel Geld zusammen zu scharren und in den verschiedensten Sparkassen zu verbergen. Das war, nachdem auch die Reichskassen 'durch die Inflation ausgepulvert waren, vorübergehend notwendig. Herr von Schlieben hat diese Weisheit aber doch vielleicht übertrieben, weck sie allzulange fortgesetzt dazu führen muhte, zwar die Kassen des Reiches wieder aufzupolstern, dafür aber die Wirtschaft leer zu saugen.
Genug, als Herr von Schlieben ging, hin- 1 erlief) er seinem Rachfolger einen Bestand von über einer Milliarde Goldmark. Damit läht sich verhältnismähig leicht arbeiten. Der neue Minister ist deshalb auch ziemlich grohzügig gewesen mit der Bereitstellung von Mitteln, die alle den einen Zweck vorfolgten, die Wirtschaft wieder ankurbeln. Diesem Zweck hat er auch sein Finanzprogramm unterstem. dessen eigentliche Aufgabe wohl nicht zu sehr eine Senkung der Produktionskosten war. Er griff dabei in erster Linie auf die Umsatz» steuer zurück, die im Laufe der Zeit von ihren, Höchstsätze von 2,5 Prozent auf 1 Prozent gesenkt und jetzt neuerdings auf fast die Hälfte, d. h. vpn 1 Mark auf 60 Pfg. herabgesetzt werden sollte. Damit wollte er gleichzeitig noch die Beseitigung der Luxus st euer verbinden und eine Halbierung der F u s i o n s st e u e r.
Mit diesem Programm hat Herr Dr. Reinhold nicht nur den Reichstag, sondern auch die Regierungsparteien selbst überrascht. Er durfte sich also auch nicht wundern, wenn nun gerade aus den Kreisen, auf die er sich eigentlich stützen muhte, das erste und ziemlich scharfe Wort der Kritik tarn, so bah vorübergehend die Lage für ihn ziemlich kritisch aussah. Aus den Kreisen der Deutschen Volkspartei wurde er daraus aufmerksam gemacht, dah unser gegenwärtiges Steuersystem ziemlich gleichmähig zwischen direkten und indirekten Steuern ausbalanciert ist. dah deshalb die einseitige Herabsetzung der Umsatzsteuer ohne gleichzeitiges Aach- lassen der direkten Steuern unerträglich sei. Der Minister hat sich damit einverstanden erklärt, dah die Umsatzsteuer nur auf 0,75 Prozent herabgesetzt wird, dah dafür aber bei der Vermögenssteuer eine Erleichterung für dre kleinen Vermögen eintritt. Die Halbierung der Fusionssteuer bleibt mit der Mahgabe jedoch, dah die Hälfte des Ertrages den Gemeinden überwiesen wird als Ersah für die durch eine Rentabilisierung und Stillegung der Betriebe vielleicht herbeigeführte Steigerung der Arbeitslosigkeit Auch die Luxussteuer, die ja vielleicht, wenn nicht als direkte, so doch als Besihsteuer angesehen werden kann, soll fallen. Daneben tritt die Beseitigung der W e i n st e u e r, die sich als Ergebnis der letzten Winzerunruhen als notwendig herausgestellt Hot, im Zusammenhang mit der Aufhebung der Sektsteuer. Da aber die Bayern die Weinsteuer nicht aufheben wollten, wenn sie nicht gleichzeitig für ihr Bier etwas besonderes herauswirtschaften konnten, ist die Erhöhung der Diersteuer, die eigentlich am 1. 2h>ril in Kraft treten sollte, bis 1. Januar kom- inenden Jahres hinausgeschoben.
Das wären im wesentlichen die Grundzuge des neuen Kompromisses, auf das sich die Re
gierungsparteien selbst verständigt haben. Ob der Weg, der hier eingeschlagen ist, überhaupt der richtige ist. ob es nicht bessere Methoden gab, der Wirtschaft zu helfen, darüber kann man zweifelhaft sein. Sicherlich wird der Betrag von 275 Millionen, der auch jetzt noch aus der Er- mähigung der Steuern sich ergibt, in den Händen der Wirtschaft bleiben. Die Frage war aber doch, ob nicht durch eine Herabsetzung der unerträglichen Reallasten in den einzelnen Staaten sehr viel mehr zu erreichen war. Aachdem die Dinge aber einmal soweit gediehen waren, lieh sich darauf nicht mehr zurückgreifen. Die Verhandlung mit den Ländern über die Realsteuern werden sich ziemlich umständlich gestalten. Und auch der Versuch der Deutschen Volkspartei, einen Teil der Ilmsatzsteuer den Ländern zur Verfügung zu stellen, damit sie ihre Reallasten erniedrigen, war deshalb nicht gangbar, weil keine Garantien möglich waren, dah die Länder zwar das Geld nehmen, aber trotzdem die Realsteuern auf ihrer alten Höhe belassen. Diese. Frage muh im Zusammenhang mit der Aeuregelung des Finanzausgleichs gründlich besprochen werden. Man kcurn ihre Lösung nur finden in der Form, dah die Höchstgrenze der Rea^lsteuer gesetzlich festgelegt wird.
Auch ein anderer Versuch, die Hauszinssteuer zu ermähigen und insoweit zu beseitigen, als sie nicht zu Reubauten, sondern zu allgemeinen Staatszwecken herangezvgen wird, muhte neu aufgegeben werden. Ebenso hat man darauf verzichten müssen, eine Erniedrigung der Besteuerung der mittleren Einkommen durchzusetzen. Auch das ist eine Frage, die Wohl erst im Zusammenhang mck dem Finanzausgleich spruchreif werden wird. Immerhin ist der Kompromiß, so wie er heute aussieht, gegenüber den ursprünglichen Vorschlägen Dr. Reinholds ein Fortschritt. Die Sozialdem okraten behaupten ngtürlich von ihrem Standpunkt aus fei es eine Verschlechterung, während die Deutsch- national een von den Verbesserungen unbefriedigt find. Es besteht aber immerhin die Möglichkeit, dah die beiden Parteien ihren Widerstand aufgeben und sich mit den Regierungsparteien zu einer gemeinsamen Front zusammenfinden. Das wäre jedenfalls d i e b e st e Lösung, um dem Steuerstreit aus dem Kamps der politischen Meimmg herauszuhelfen.
Die Schwierigkeiten des deutsch-englischen Handels.
Von Dr. Fritz Runkel, Bensberg-Köln.
Durch die Erklärungen des Reichswirtschaftsministers über die Spannungen in den deutsch-englischen Handelsbeziehungen erhalten die nachfolgenden Ausführungen besondere Aktualität. D. Red.
Kürzlich sind einige offizielle Aeußerunaen der englischen Regierung über die Anwendung des Industrie-Schutzzollgesetzes auf einigen Sondergeb,eten bekanntgegeben worden. So hieß es, dah man nicht beabsichtige, die britische Leinenindustrie, die von sich aus eine Unterstellung unter das Schutzgesetz beantragt hatte, mit einem Zollschutz zu umgeben. Dagegen sollen die Verhandlungen für die Strumpf - und Wtrkwarenindu- strie demnächst beginnen. Dasselbe ist bezüglich, lederner .Handtaschen zu erwarten. Weiter ist schon die Entwicklung bezüglich der Packpapierindustrie gediehen, die aller Voraus- sich nach einen Zollschutz erhalten wird. Eine ganze Reihe von Waren ist bereits durch neue Verordnungen geschützt worden, so vor allem Seide und Kunstseide, Spitzen und Stickereien aller Art, Stoffhandschuhe, Messerschmiedewaren, Gasgluhlicht st rümpfe, M u'si k waren und Uhren. Es wird zwar von englischer Seite darauf hingewiesen, daß die meisten dieser Waren im gesamten englischen Außenhandel keine allzu große Rolle spielen, aber das System des Zollschutzes an sich drückt sich hier doch recht deutlich aus, und man sieht auch, daß eine immer größere Zahl von Industrien Anträge um Ausnahme in den Zollschutz an die Regierung richtet. Dabei ist das einzuschlagende Verfahren ziemlich einfach. In England genügt es für einen Industriezweig, daß er auf einen „ ungewohn -
lichen Wettbewerb" hinweist, um die Einsetzung eines U n t e r s n ch u n g s a u s s ch u s s e s in die Wege zu leiten. Dieser Ausschuß kann, wenn ihm das Beweismaterial der beantragenden Jndu- dustrie ausreicht, dem Parlament Schutzmaßnahmen Vorschlägen. Für Deutschland ist besonders bemerkenswert, daß als „ungewöhnlicher Wettbewerb ». a. das Vorliegen niedrigerer Löhne und einer längeren Arbeitzeit in der betreffenden Industrie des konkurrierenden Auslandes angesehen werden, und daß es an Hand solcher Beweismöglichkeiten nicht allzu schwer erscheint, darzutun, daß Deutschland über wirksame Wettbewerbsvorteile verfüge.
Die somit jedenfalls zutage liegenden Erschwerungen des deutsch-englischen Handels treffen Deutschland um so härter, uls, wie die neueste Aufstellung des englischen Handelsamtes für das Jahr 1925 erkennen läßt, die Ausfuhr Deutschlands nach England gegenüber 1924 zwar eine gewisse Belebung erfahren hat, aber doch gegenüber der Vorkriegszeit noch einen sehr niedrigen Stand aufweist. Im Jahre 1913 betrug die Warenein fuhr aus Deutschland 10,46 v.H. der gesamten englischen Einfuhr, während sie sich im Jahre 1925 auf nur 3,76 v. H. stellte. Es liegt nahe, hier einen Vergleich mit den englisch-amerikanischen Handelsbeziehungen anzustellen. Die Vereinigten Staaten hatten im Jahre 1913 einen Anteil von 18 v. H. an der englischen Einfuhr, und im Jahre 1925 hatten sie 19 v. H. erreicht, wenn sie auch inzwischen von ihrem Höchststände (29 vom Hundert im Jahre 1920) wieder herabgestiegen sind. Es kann uns auch über die wirkliche Lage nicht hinwegtäuschen, wenn von englischer Seite darauf hingewiesen wird, daß die Ä u s f u h r Großbritanniens nach Deutschland in den Bewegungen von 1924 auf 1925 eine viel geringere Zunahme zeige als der Handel in der umgekehrten Richtung. Als Zahlen bringt die oben erwähnte Handelsstatistik folgende: 1924: Einfuhr Englands aus Deutschland 37 Millionen Pfund Sterling, 1925: 48 Millionen Pfund Sterling: 1924: Ausfuhr Englands nach Deutschland 42,5 Millionen Pfund Sterling, 1925 44,5 Millionen Pfund Sterling. Wenn man aber diesen Zahlen gegenüberstellt, daß die Einfuhr Englands ans Deutschland im Jahre 1913 80,5 Millionen Pfund Sterling und seine Ausfuhr nach Deutschland 50,5 Millionen Pfund Sterling betrug, so wird man die augenblickliche, für Deutschland so ungünstige Situation mit einem Blick erkennen. Man darf auch den Gesichtspunkt nicht außer acht lassen, daß sich die allgemeine Preislage gegenüber der Vorkriegszeit ganz erheblich gehoben hat, so daß der Rückgang des deutsch-englischen Handelsverkehrs, zumal der deutsche Einfuhren nach England, noch viel schärfer in die Erscheinung tritt.
Der Uebergang Englands zum Schutzzoll war an sich schon eine große Ueberraschung für die ganze Wirtschaftswelt. Man hatte England ja stets als das klassische Land des Freihandels betrachtet und sah sich nun auf einmal vor einer ganz neuen Lage, die im Hinblick auf ein Land, das mit der ganzen Welt in großen Ausmaßen Handel trieb, erst recht bedeutungsvoll erscheinen mußte. Einer Würdigung der Gründe, die England zu diesem Richtungswechsel veranlaßt haben, konnte sich das Ausland natürlich nicht entziehen. Es war vor allem die inzwischen chronisch gewordene Arbeitslosigkeit in der englischen Industrie, die die Schutzzollbefürworter in iyren Bestrebungen stärkte. Diese Arbeitslosigkeit hat zwar in der jüngsten Zeit um ein Geringes nachgelassen, sie besteht aber in großen Zügen nach wie vor fort, ganz im Einklang mit der Geschäftslage, wie sie sich im großen und ganzen allenthalven in dem Industrieländern zeigt, und wie sie ja auch in den anderen Staaten zur Auslösung einer allgemeinen Hochschutzzollbewegung geführt hat, einer Bewegung, der sich auch die agrarischen Länder angeschlossen haben, weil sie der Meinung sind, daß sie einen großen Teil der früher vom Ausland eingeführten Waren bei sich selbst erzeugen können. Aber wie sehr man auch die Schutzzollneigungen vom englischen Standpunkt aus verstehen kann, so verhängnisvoll erscheinen sie, wenn man sie vvm Gesichtspunkt der deutschen W irisch a f t s i n t e r e f f e n aus betrachtet. Deutschland ist ja schon wegen seiner Wiedergut- machungsverpflicht ungen geradezu gezwungen, seinem Außenhandel einen möglichst breiten Umfang zu geben, und es kommt hinzu, daß sich ein Deutschland, welches sich gegen Ende 1924 dazu
verstanden hatte, mit England einen reinen Meistbegünstigungsvertrag abzufchlie- ßcn, durch die neueste Entwicklung der englischen Handelspolitik überaus stark enttäuscht sieht, einer Politik, die sich jedenfalls mit dem Geist des genannten Vertrages nicht in Einklang bringen läßt.
Es wird auch auf englischer Seite von allen einsichtigen Wirtschaftsführern unumwunden zugegeben, daß Deutschland und England in ihrem Handel so stark aufeinander angewiesen sind, wie das in höherem Grade von anderen Handelsbeziehungen kaum gesagt werden kann. Es erübrigt sich wohl, hier die Gründe für eine solche offenkundige Lage im einzelnen zu wiederholen. Auch in England sieht man mit völliger Klarheit, daß die Erschwerungen der Einfuhr aus Deutschland mit einer entsprechenden Behinderung des Absatzes englischer Waren auf dem deutschen Markt- verbunden sein müssen. Im Augenblick wird man sich ja nichr dazu verstehen können, die praktischen Folgerungen aus einer solchen Einsicht zu ziehen. Aber vielleicht darf man, wenigstens für eine nicht allzu ferne Zukunft, gewisse Hoffnungen an die internationalen Bestrebungen zur Aufhebung von E i n- n n d Ausfuhrverboten knüpfen, wie sie zuletzt im September 1924 hervortraten. Bekanntlich beschäftigt sich die Satzung des Völkerbundes aud) mit einer internationalen gerechten Regelung des Handels, und aus dieser Anregung heraus haben sich im Jahre 1923 31 Staaten im Genfer Abkommen über d i e Z o 11 f ö r m 1 i d) E e i t e n verpflichtet, die bei ihnen vorhandenen Ein- und Ausfuhrbeschränkungen, sobald es die Umstände gestatten, nach Möglichkeit einzuschränken. Das war vielleicht zunächst nur die Bekundung eines guten Willens. Die Bewegung zeigte aber einen weiteren Fortschritt darin, daß man im September 1924 das Wirtschaftskomitee des Völkerbundsrates veranlaßt hat, einen Entwurf z u einer z w i s ch e n st a a t l i ch e n Vereinbarung auszuarbeiten, demzufolge die sich anschließenden Staaten innerhalb sechs Monaten alle Ein- und Ausfuhrverbote und -befchränkungen auf- heben und neue in Zukunft nicht mehr. erlassen sollen. In der Zwisd)enzeit wären die Verbote und Beschränkungen auf ein Mindestmaß zurückzuführen. Wenn man auch auf eine glatte Annahme eines solchen Entwurfes in absehbarer Zeit kaum hoffen darf, so wird man doch wohl damit rechnen können, daß die im Anschluß zu einem solchen Entwurf zu erwartenden internationalen Besprechungen immerhin dazu beitragen werden, einen allmählichen Abbau der zahllosen Zollschranken und der anderen Handelshemmungen in die Wege zu leiten, wenn auch aus naheliegenden Gründen in diesem Entwurf von der Tarifpolitik und etwaigen Zöllen, die einen Ersatz für Einfuhrverbote bilden könnten, zunächst nicht gesprochen worden ist.
vor dem Ende der chinesischen Bürgerkrieges.
Wie vorauszusehen war, sind die Truppen des Generals Feng entscheidend geschlagen worden. Litschlingling hat Tientsin eingenommen und treibt die Truppen der sogenannten Rationalarmee vor sich her. Tschangtsolin steht vor Peking. Ob General Feng vor den Toren Pekings noch einmal versuchen wird, sich seinen Gegnern entgegenzustellen, scheint sehr fraglich, denn auch seine Truppen befinden sich nach den dauernden Rückzügen der letzten Wochen in völliger Auflösung, worunter naturgemäß die Bevölkerung am meisten leidet. Aus den sich auflösenden und meuternden Truppen haben sich große Banden gebildet, die plündernd und brennend das Land verwüsten. Tschangtsolin hat jedoch bereits in der Provinz Tschili mit großer Energie die Ordnung wieder hergestellt. Wie das geschieht, wissen wir bereits aus früheren chinesischen Bürgerkriegen. Es kommt nickt darauf an, ob Tausende von Plünderern und Meuterern kurzerhand erschossen werden. Auch mit den gefangenen Führern geht der Sieger nicht sehr glimpflich um, läht ihnen den Kops abschlagen und diesen durch die Straßen der eroberten Stadt tragen.
Tschangtsolin scheint diesmal entschlossen zu sein, gründlich mit den Anhängern S o w j et- ruh l a n d s und mit den chinesischen Kommu-
Die tolle Herzogin.
Roman von Ernst Klein.
Copyright by Earl Sünder, Verlag, Berlin.
26. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Ihre Gefühle in allen Ehren, Frau Herzogin, aber Sie haben aud) noch höhere Rücksichten zu respektieren! Ist dieser Mann dort auf dem Berkeley Square wert, daß Ihr ehrwürdiger Vater auch nur eine Minute der Unruhe und Sorge seinetwegen zu- bringt?"
Sie dachte an den heutigen Morgen. Ja — ja, tausendmal ja — Harald hatte recht. Sie nickte — sprechen konnte sie nicht in diesem Moment.
„Ich bin froh," fuhr er fort, „daß Sie sich überzeugen lassen. Gehen Sie jetzt zu Bett und trachten Sie vor allem, sich zu beruhigen! Wir muffen ab- roärten, was die Polizei unternimmt. Auf welche Spuren sie kommt--"
Spuren — Spuren“?
Sie wurde noch bleicher als sic schon war.
„Ich habe meinen Revolver dort fallen lassen —' stammelte sie. .
„Und ich meinen Hut! Das ist nun einmal nicht zu ändern. Trägt der Revolver irgendwelche Kennzeichen?" ., fll t..
„Mein Vater hat ihn mir geschenkt, als ich Mädchen war. Er trägt die Initialen G. B."
„Es gibt viele Menschen, die G. B. heißen! Id) denke auch nicht, daß sie aus meinem Hute viel Weisheit schöpfen werden. Es ist ein Borfalinohut wie taufend andere und nicht einmal gezeichnet; in Hannes habe ich ihn getauft. Wir brauchen uns also dieser beiden Gegenstände wegen nicht zu ängstigen. Und sollte doch — was ich ganz und gar für ausgeschlossen halte — die Polizei auf uns aufmerksam werden, nun--"
Er zuckte die Achseln. Doch sie verstand ihn vollkommen.
„Nie, Harald", rief sie, und mit einem Male war alle ihre alte Kraft und Entschlossenheit in ihr, „werde nie zugeben, daß Sie meine -tat auf sich nehmen! Nie! Ich sehe ein, daß Sie recht haben, wenn Sie mir raten, mit Rücksicht auf meinen Vater und meinen Namen zu schweigen, aber ebenso ge
bietet es mir meine Ehre, nicht zu schweigen, wenn es die Tat zu verantworten gilt."
Gelassen trat er wieder an die Tür und in seine abweisende Haltung zurück.
„Darüber wollen wir nachdenken, wenn die Notwendigkeit dazu da ist, Frau Herzogin", sagte er.
Es klopfte. Mutter Sinne trat ein.
„Kindchen, Grace ist am Telephon", meldete sie.
„Grace?"
Gloria wollte das Zimmer rafdj verlassen, doch Harald hielt sie an der Tür zurück.
„Frau Herzogin, bitte meiner--Lady Grace
nichts davon zu sagen, daß ich in London bin." Und als sie ihn überrascht anblickte, fügte er hinzu: „Ich bin mir noch nicht schlüssig--"
Dunkles Rot der Scham stieg ihr ins Gesicht. Sie glaubte den Grund seiner Unschlüssigkeit zu verstehen —
Sie stand am Telephon. Von der anderen Seite kam die Stimme der Schwester, kaum vernehmbar in ihrem Zittern--
„Ich — halte es nickst mehr aus, Gloria. Warft du dort?"
Gloria selbst konnte kaum sprechen.
„Hast du die Briefe?"
Die Briefe--die Briefe! Sie klammerte fick)
an den Tisch, auf dem der Apparat stand — das Zimmer drehte sich um sie--Die Briefe! Die
Briefe--! In ihrer Seelenangst hatte sie die
Briefe ganz und gar vergessen--! Die Polizei
würde sie finden, wenn sie die Wohnung durchsuchte —!
Die Briefe — die Briefe!
„Ich habe sie nicht", röchelte sie endlich.
Ein Aufschrei Graces--
„Komm morgen sofort herein", sagte Gloria. „Ich kann am Telephon nicht so sprechen--"
„Um Gottes willen, — was ist da passiert? Er wollte dir doch die Briefe geben! Ich werde ja verrückt!"
Da lachte Gloria auf, wild, verzweifelt, namenlos erbittert
„Ich bin es fchon!" gab sie zurück. „Deinetwegen! | Ich erwyrie dich morgen so früh wie möglich."
Und ohne Grace Zeit zur Antwort zu geben, hing sie den Hörer an. Der Zorn über die Schwester wütete in ihr.
Sie kam in den kleinen Salon zurück. Mutter Sinne wartete hier allein, damit beschäftigt, Holz in den Kamin nachzulegen.
„Wo ist Lord Neville?"
„Er ist fortgegangen."
„Hat er etwas gesagt?"
„Nichts, Kindchen. Willst du nun wirklich zu Bett gehen? Ich habe in deinem Zimmer Feuer machen lassen--"
Gloria hörte sie nicht.
Die Briefe — die Briefe! llnö — und--sie
preßte die Hände auf die Brust, um den Schrei der Verzweiflung zu unterdrücken, der jäh in ihr empor wollte--
Der Vertrag! Wer hatte ihn? Was waren schließ lid) die Briefe ? Mackste Grace ernten, was sie gesät! Aber der Vertrag--! Wer hatte ihn gestohlen?
Wer besaß ihn jetzt--?
Ihre Tat umsonst--
„Kindchen! Gloria--!" Eiligst lief die alte
Frau herbei — zu spät —
Zum erstenmal in ihrem Leben war Lord Burn- hams Tochter, die tolle Herzogin, in Ohnmacht gefallen.
17. Kapitel.
„Zum Teufel!" sagte Sir Walter Ryce, aus der Tiefe feiner Seele heraus. „Ob der Mensch sich auch einmal einen ungestörten, vergnügten Abend gönnen kann! Verfluchter Kerl, ausgerechnet jetzt muß sich dieser Las Valdas umbringen lassen! Wenn er nicht schon tot wäre, bei meiyem Onkel und beim Teufel, was auf eins herauskommt — ich hätte gute Lust, ihn für feine unerhörte Rücksichtslosigkeit selber kalt zu machen. Verdammt, und Sie dazu, Blake, Sie alte Trauerunke!"
Blake, der Kriminal-Sergeant, der Sir Walter aus Princes Restaurant herausgeholt hatte, grinste mit innigem Verständnis zu diesem Erguß einer blumenreichen Sprache, in der Sir Walter feinem Herzen Luft machte. Aus einem feinen Restaurant und — Blake kannte den Neffen feines hohen Chefs — an der Seite einer sicher überaus entzückenden jungen Dame weggeholt zu werden, um sich in die
mysteriösen Freuden eines Mordes zu stürzen, war mehr, als ein mit normaler Geduld begabter Mensch zu ertragen verpflichtet war. Selbst wenn er im geheimen Dienste Seiner Majestät stand.
Sir Walter Ryce, Neffe und vertrauter Mitarbeiter des Generals Sir Arthur Ryce, des Chefs der Londoner Polizei, hatte sich gerade mit Minnie Knox, dem ebenso bezaubernden wie vielversprechenden Star des Palladium zum Souper niedergelassen, als Blake den Kopf zur Tür herein- steckte und ihn durch den Kellner in die Lobby bitten ließ. Hier brachte er pflickstschuldigst seine Meldung an den Many. Mit der bereits geschilderten Wirkung.
„Als Seine Exzellenz Bericht von dem Morde erhielt," ergänzte er diese Meldung, „sprach er sofort die Ansicht aus, daß dies mit Rücksicht auf die gesellschaftliche Stellung des Ermordeten ein Fall für Sie wäre, Sir Walter, und beauftragte Inspektor Gernot, Sie suchen zu lassen."
„Die Pest über die Rücksicht, die Pest über die gesellschaftliche Stellung, die Pest über den Ermordeten, die Pest über Inspektor Gernot, über Seine Ex — — —",sang Sir Walter, voller Inbrunst, ging ins Restaurant zurück, setzte der schönen Minnie Lage der Dinge auseinander, bezahlte das Souper, das er nur bestellt und nicht gegessen hatte, lud Minnie in ein Taxi, sich selbst und Blake in ein anderes und fuhr mit ihm nach Berkeley Square 26.
Hier wartete bereits Inspektor Gernot mit dem Polizeiarzt sowie mehreren Kriminalbeamten auf chn. In einem Fauteuil lehnte der Konstabler, der nach Neville ins Haus gedrungen war und mit ihm den Boxmatch ausgefochten hatte. Der Schlag, der diesen beendete, mußte wahrlich "überaus stark gewesen sein, denn der Mann, der wirklich selbst für Londoner Polizeiverhältnisse nicht klein und schwächlich geraten war, konnte noch immer nicht gerade aus den Augen sehen. Wäre sein Schädel nicht irisch gewesen — wer weiß, ob er nicht als zweites Opfer der Tragödie auf dem Schauplatz geblieben wäre. Nun hockte er da. Stärkte sich an dem Whisky, den ihm der Arzt von Zeit zu Zeit ein» flöhte — viel zu wenig nach der Meinung des wackeren O'Neill in Anbetracht des Hiebes, den ev in Ausübung feines Berufs hatte einstecken müssen, (Fortsetzung folgt.)


