Nr. 48 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Zreitag, 26. Februar 1926
Vie Leipziger Technische Messe Frühjahr (926.
Don Dipl.-Ing. Mangold.
(Nachdruck verboten.)
Auch im deutschen Messewesen hört nun endlich die unselige Zersplitterung auf, welche eine Folge der Inflation war, und die iwch bestehenden Messen passen sich der Lage der Wirtschaft an. Die ganz kleinen Messen sind verschwunden und die mittleren beschränken sich auf die ihnen ouf Grund ihrer Lage zukommenden Aufgaben. Die Leipziger Messe, welche am 28. Februar ihre Pforten wieder öffnet, ist unumstritten die Zentralmesse der deutschen Wirtschaft und Industrie.
Aber auch ihre Bedeutung hat sich gegenüber den Borkriegsverhältnissen völlig geändert. Während sie vor dem Kriege nur eine Mustermesse in erster Linie für Artikel des täglichen und Luxusbedarfes war, ist auf ihr heute auch die Technik messefähig geworden und hat, was Ausdehnung anbelangt, ihre ältere Schwester in der Innenstadt weit überflügelt. Es ist müßig, darüber zu streiten, welche von beiden nun die, wichtigere ist.' Beide, die technische und die Mustermesse, sind für die moderne Wirtschaft notwendig.
Die Technische Messe, welche im Jahre 1917 mitten im Kriege geboren wurde und im Frühjahr 1913 zum erstenmal, in erster Linie Werkzeugmaschinen, bescheiden ausstellte, wanderte schon 1920 aus der Innenstadt heraus nach denl Ausstellungsgelände am Bölkerschlachtdenkmal, wo ihr nun mit tatkräftiger Llnterstühung der deutschen Industrie jene bekannte Entwicklung zuteil wurde. Trotz der schwierigen Wirtschaftslage erscheint sie auch in diesem Frühjahr in erweitertem Llmfonge. Zwei neue Hallen sind hinzu getreten. Es find dies die 155 Meter lange und 44 Meter breite massive Halle 21, gegenüber den Hallen der Baumesse am Eingang Reitzenhainer Straße, und die Halle 18 an der Straße deS 18. Oktober gegenüber der großen Werkzeugmaschinenhalle. Die Gesamthallenfläche der technischen Messe, welche im Jahre 1920 nur 13 000 Quadratmeter betrug und im letzten Frühjahr auf das Zehnfache gestiegen war, ist damit auf rund 150 000 Quadratmeter angewachsen, wozu noch die weiten Flächen des Freigeländes hinzutreten. Leipzig bietet die größte und bisher in solchem Umfange einzig dastehende technische Messeschau der Welt. Auch die Amerikaner haben sie noch nicht übertrumpfen können. Die Bedeutung der Technischen Frühjahrsmesse, welche ja immer schon größer als die der Herbstmesse war, wird in diesem Jahre von besonderer Wichtigkeit für das deutsche Wirtschaftsleben sein, well wir, wenn nicht aller Anschein trügt, vor einer langsamen Aufwärtsbewegung unsererWirt» schaft stehen. Ueberall, nicht nur in Deutschland, sondern auch in ganz Europa, beginnt man die unseligen Kriegs- und die Nachkriegswirkungen zu überwinden und ein neues, den veränderten Derhältnissen angepaßtes Wirtschaftsleben aufzubauen.
Die Wärme messe, welche erstmalig im vorigen Frühjahr erfolgreich stattfand, wird in der erweiterten Form einer Fachausstellung „Brennstoff, Kraft und Wärme" in der neuen Halle 21 zu sinden fein. Hier sind auch die Antriebsmaschinen zu sehen, welche früher in Halle 11 standen. Angegliedert ist ihr ferner die Fachgruppe Gießereitechnik, welche auch im vorigen Jahre schon einen vollen Erfolg aufzuweisen hatte.
So wird die Fachausstellung „Brennstoff, Kraft und Wärme" eine geschlossene Tiebersicht über dieses für die Industrie und Wirtschaft so wichtige Gebiet geben. Der Interessent wird hier die Fortschritte und Neuerungen finden, welche ihn instand sehen, die Wirtschaftlichkeit des eigenen Betriebes zu heben.
Die Baumesse in Halle 1 wird jpie immer im Frühjahr besonders reich beschickt sein. Ihr ist erstmalig eine Ausstellung über Straßenbau angegliedert, welche Material und Maschinen für den Straßenbau zeigen wird. Ergänzt wird diese durch eine Tagung und öffentliche Vorträge der Studiengesellschaft des Automobilstratzenbaues.
Die Einteilung der Hallen 3 bis 5 ist unverändert geblieben. Es sind dies Oefen und Herde, Armaturen für Wasser und Gas, Nahrungsmittelgewerbe, Maschinen für Land- und Hauswirtschaft, Kleingeräte der Elektrotechnik und
Sein oder Nichtsein.
Ein Kriminalroman von der Wasserkante.
Don Moritz Schäfer.
(Schluß.)
Aber als die Jäger bis zur Veranda gekommen waren und Pascha immer noch nicht anschlug, sahen sie sich bedenklich an. Da stimmte etwas nichtl So rasch ihn seine alten Beine trugen, sprang Ohm Otto seinem Begleiter voran und prallte entsetzt zurück.
,Leoerrenz!"
„Wat is los?"
„Da sieh her!"
Bon Westen warf die niedergehende Sonne ihre Strahlen auf das in leisem Rhythmus wogende Meer, und die Reflexe der gelbrot aufblintenben Spiegelwellen streuten Funken über die Veranda. In verdoppeltem Widerschein brach sich das funkelnde Strahlen in den Scheiben der offenstehenden Fenster und der Zimmertür, über deren Schwelle sich ein Saum getrockneten Blutes zog.
Was war hier oorgegangen?
.Loop schnell zum Lotsenamt, Fink!"
„Wat schall ick dor daun?"
„Wat schallt du woll anners bin Lotsenamt, als telefonieren? Rach der Polizei sollst du telefonieren, bat die rutfömmt."
Während Fink, so schnell ihn seine alten Beine trugen, nach Warnemünde hastete, um den Auftrag auszuführen, blieb Hinriks in feinem entweihten Tustulum zurück.
Sehnsüchtig die Ankunft der Beamten erwartend, trat Hinriks auf die Veranda. Der Sonnen- ball war jetzt noch tiefer den Wellen entgegen gesunken und sandte seine funkelnden Grüße wie einen Strauß von Rubinen über Meer und Strand. Myriaden Glimmersplitter im Sande glitzerten wie Diamanten, und über der leise atmenden Riesen- brut der See lag ein phosphoreszierender Glanz. Wo die Brandung in mattem Pulsschlag am Ufer emportandelte, versprühte ein feiner Perlenschaum
Radiowesen, soweit sie im Hause der Glektro- technll nicht mehr untergebracht werden konnten.
Die Fördertechnik ist erfreulicherweise aus Halle 6 herausgenomen und befindet sich jetzt in Halle 11, wo sie mit dem angrenzenden Freigelände zu einer Fachausstellung „Förderwesen" zusammengefaht wird, an deren Aufbau die Gruppe für wirtschaftliches Förderwesen beimAus- schutz für wirtschaftliche Fertigung in Berlin mit» wirkten. An sie schließt sich wiederum eine betriebstechnische Tagung an. Halle 6 wird also ausschließlich Fahrzeuge und Zubehörteile aus der Kraftfahrzeug- und Fahrradindustrie bergen, während Halle 7 außer der schon voriges Jahr in ihr befindlichen Schuh- und Ledermesse noch eine Messe „Jagd, Fischerei und Waldwirtschaft" erhalten wird. Halle 8 ist wieder die des Groh» maschinenbaues, in der besonders Krupp umfangreich ausstellt. Besonders ist auf seine Textilmaschinen hinzuweisen, welche mit neuen Verbesserungen versehen sind.
Die große Werlzeugmaschinenhalle 9 wird wieder voll von den Firmen des deutschen Werkzeugmaschinenbaues belegt sein, welche beabsich
Die Kuppelhalle (Halle 12) wird wieder ganz von dem Eisen- und Stahlwaren-Industrie- und, Sih Elberfeld, belegt werden. Weitere technische und besonders chemische Industriezweige haben, soweit sie nicht in Halle 11 Unter» funft fanden, in Halle 13 ausgestellt.
So gibt die Technische Messe dem Besucher einen wertvollen Ueberblick über die Weiterentwicklung im vergangenen Jahre. Wenn sie natürlich auch in erster Linie den Zweck verfolgt, für die Verbreitung und den Absatz der ausgestellten Erzeugnisse zu sorgen, fo geschieht dies doch auf ganz andere Art als bei der Mustermesse. 'Während bei letzterer die unmittelbare Bestellung auf der Messe die Regel ist. entwickelt sich das Geschäft auf der Technischen Messe überwiegend in ganz anderer Weise. Entsprechend der Schwierigkeit der Sache und der Gröhe des Objektes legt der Interessent vor allen Dingen Wert darauf, sich über das Gewünschte zu unterrichten. Nach Rücksprache mit seinen Betriebsleitern und weiteren Rücksprachen an die Firma wird dann die Bestellung erfolgen. Auch wird sehr oft der Fall eintreten, daß der
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tigen, bis zum 20. März die Halle geöffnet zu halten. Lieber die Bedeutung des deutschen Werkzeugmaschinenbaues und seine Anerkennung, die er überall auch im Auslande findet, brauchen wir hier wohl kein Wort zu verlieren. Cs werden ohne Zweifel wieder viele Fortschritte und Neukonstruktionen zu finden fein. In Halle9 befindet sich ferner eine vom Messeamt mit Unterstützung der einzelnen Industrieverbände eingerichtete Auskunstsstelle für alle mit der Technischen Messe zusammenhängenden Fragen.
Gegenüber steht die neue Halle 18, in deren Westflügel auf die Auskunfts- und Beratungsstelle des Vereins Deutscher Maschinenbauanstalten Charlottenburg hinzuweisen ist, auf der an Hand reichen Katalogmaterials erschöpfende Auskunft über die Maschinen- und Apparatebauindustrie gegeben wird. Des weiteren enthält Halle 18 eine unter Mithilfe der Arbeitgebergemeinschaft für Ausland- und Kolonialtechnik aufgebaute Sondergruppe für Ausland- und Kolonialbedarf, welche dem Interessenten wertvolle Aufllärung geben wird, und die in jedem Jahr umfangreichere und beachtenswerte russische Ausstellung (Union der Soz. Sowjet-Republiken) mit ihren Landesprodukten und Rohstvfferzeugnissen, welche zuletzt in Halle 12 untergebracht war. Die hintere Reche der Ausstellungshallen beginnt wieder mit dem Haus der Elektrotechnik (Halle 10), das wie immer wieder ein Sammelpunkt der Besucher fein wird.
In der sich daran anschlleßenden Halle 11 find außer der Fördertechnck und weiteren Industriezweigen noch die Textilmaschinen untergebracht. Gerade die Ausfuhr der Textilmaschinen hat für die deutsche Wirtschaft erhöhtes Interesse, weil während des Krieges sich infolge des Abschlusses von Europa in den überseeischen Rohstoffländern selbst eine gewisse Textilindustrie entwickelt hat, deren Belieferung von Textilmaschinen bisher fast ausschließlich durch die englische Industrie erfolgte. Die deutsche Industrie hat nun hier in Leipzig von der Möglichkeit, den vielen ausländischen Besuchern die Güte und die Leistungsfähigkeit sowie die steten Verbesserungen ihrer Maschinen zu zeigen, in diesem Jahre besonders reichen Gebrauch gemacht.
in allen Prismenfarben. Rosenrote Wölkchen, von leuchtendem Goldrand gesäumt, schwammen langsam am Firmament, ein paar weiße Segel leuchteten aus dem Gefunkel der Wellen.
Und durch den sommerlichen Abendfrieden kam von Rostock her der verlorene Glockenhall von Sankt Peter.
Doch was war das? Irrte dort unten am Strande zwischen den Buchen nicht eine Frau einher? Schien sie nicht niederzusinken, um sich gleich darauf wieder aufzuraften und weiter zu wandern?
Hinriks holte ein Fernglas und blickte nach dem Strande aus. Potz Wetter und Sturm, das war ja Andrea! Und ihr zur Seite der Hund! Da lief er auch schon. Die Angst beflügelte seinen Fuß, er jagte, er stürmte voran. Bis er bei ihr war. Bis er die Zusammensinkende auffing und in seinen Armen bettete. Und stammelnd und abgerissen gab ihm die Aermste, die mit dem Hund, der ihr folgte, zweck- und ziellos am Strande umhergeirrt war, Bericht. Onkel Otto aber verstand. Er begriff alles und hatte nur Worte der Liebe und Güte für die tief erschütterte Frau.
Und dann mußte sie doch noch einmal mit in das Haus, als droben nicht nur die Polizei, sondern auch noch eine Gerichtskommission eintraf.
Man vernahm sie an Ort und Stelle, aber es waren humane, verständnisvolle Beamte, die mit dankenswerter Zurühattung ihre Aussagen zu Protokoll nahmen.
Während die Beamten im Auto nach Rostock zurückkehrten, brachte Hinriks seine Schutzbefohlene im Dampfer nach der Warnowstadt. „Die Fahrt auf dem Wasser beruhigt, Kind", sagte er. „Sieh, jetzt ist die alte liebe Sonne hinter den Wolken verschwunden, und sie tut man so, als müßt' sie gar nicht was Wiederkommen heißt. Aber, morgen früh is sie wieder da und lacht uns dumme Menschenkinder aus, daß wir uns immer so viel unnutze Sorgen machen!" . t ,
Und es ward eine stille, friedvolle Fahrt durch das dunkle Gewässer, über das jetzt der Mond seine Silberbrücken zog und em ferner Rebel feine Spinnwebschleier spann. Andrea saß Hand in
Besucher erst auf der Messe selbst auf eine Maschine hingewiesen werden wird, welche er in seinem Betrieb vorteilhaft verwenden kann.
Wie überhaupt die Technische Messe nicht eine reine Verkaufsmejse, sondern auch als eine Technische Ausstellung anzusehen ist, auf welcher der Fachmann in sonst nie gegebener, vorzüglicher Weife seine Kenntnisse nutzbringend erweitern kann, Limgekehrt kann nämlich auch sehr gut der Fall eintreten, daß ein Besucher, durch etwas Aehnliches angeregt, der ausstellenden Firma Vorschläge machen kann, wie eine neue, in seinem Betrieb gut verwendbare Maschine gebaut werden soll. Missteller und Besucher arbeiten hier Hand in Hand und befruchten sich gegenseitig. Aus diesem Grunde ist es dringend erwünscht, daß nicht nur die Direktoren, sondern auch die technischen Angestellten und zukünftigen Techniker, welche sich noch tn der Ausbildung befinden, in möglichst großer Zahl die Technische Messe besuchen. Der Erfolg wird unserer ganzen Volkswirtschaft zugute kommen.
Deutschlands Eintritt in den Völkerbund.
Von unserem Genfer Sonderberichterstatter F. v. La Tr o b e.
Genf, Ende Februar 1926.
Fast will es ben Anschein haben, als würde Deutschlands Eintritt in den Völkerbund die Mächtegruppierung des Versailler Friedens gefährden. Ein erbitterter Kampf hat auf der ganzen Linie um die Vermehrung der ständigen und nichtständigen Ratssitze eingesetzt, um Deutschlands drohenden Einfluß auf die zukünftige europäische Politik noch vor seinem Eintritt zu lähmen. Diese politischen Ansprüche soll der Völkerbund gutheißen, bevor ihm Deutschland angehört und sie durch sein Veto verhindern könnte. So sehen wir denn die diplomatischen Kämpfe, die während der letzten 5 Jahre von den alliierten und den ihnen befreundeten Staaten um den politischen Einfluß im Völkerbunde hinter den Kulissen ausgefochten wurden, vor die Oeffentlichkeit 11. J _ ।. _ . J —
Hand mit dem treuen alten Freund am Steuerbord, und es ward ihr ganz ruhig und leicht zumute bei dem einförmigen Wellenschlag und dem einlullenden Stimmungszauber der Sommernacht.
Aber als bann bie elektrische Klingel durch das Haus ihres Gatten schrillte, und Andrea gleich darauf an der Seite ihres väterlichen Beschützers die Treppe hinanschritt, da befiel sie doch wieder die herzzerreißende Angst. Würde Thomas den Freund höher bewerten als sein Weib? Würde er weiter beharren im Dämmer seiner Vorurteile, oder würde diese Stunde fähig fein, ein dauerndes Band des gegenseitigen Verstehens, des unerschütterlichen Vertrauens zwischen den Gatten zu weben?
Run standen sie sich gegenüber. Keines sprach eine Silbe. Sie sahen sich nur in die Augen, und die ftume Sprache der Herzen wurde verständlicher als alle Worte.
Aber bann mußte sie boch reden, und was sie in scheuer Scham und aus Schonung für Mühlseld verschwieg, das erriet gleichwohl der Gatte, dem bie Heiligkeit des Augenblicks die Sinne schärfte. Und in heiß aufwallender Liebe, in Demut und Dankbarkeit riß er fein Weib an bie Brust. Der Kapitän aber schmunzelte still vor sich hin. Wie schon einmal, als Wallot mit Margot zusammentraf, sagte er in Gebauten zu sich selbst: „Ohm Otto, es scheint, bu bist hier überflüssig!"
Das war aber biesmal ein Irrtum. Als er sich still zurückziehen wollte, schlug die an diesem denkwürdigen Tage schwerbeschäftigte elektrische Klingel schon wieder an.
Andrea zuckte heftig zusammen und umschlang mit krampfhaften Druck die Rechte ihres Gallen. „Mein Gott, Thomas, was wird das schon wieder fein?"
„Mut, mein liebes Kind," erwiderte er und gab ihren Händedruck kraftvoll zurück, „was auch kommen mag — wir hallen zusammen! Diese Stunde hat uns zusammengeführt für alle Ewigkeit!"
„Wozu denn immer nur Unheil wittern," mengte sich Ohm Otto mit gerunzelter Stirn ein, ,Lhr seid übernervös, Kinnings, ba<* kann irh v"r^eh'n, aber Bangbüxen sollt Ihr deshalb boch mäji wer-
gezerrt und mit ungewöhnlicher Schärfe ausgetragen.
Von besonderem Interesse sind hierbei die Vorgänge in England, wo die gesamte Presse mit einer seltenen Einmütigkeit sich gegen die französischen Intrigen wendet, während die Regierung bie größte Zurückhaltung bewahrt. Ob eine persönliche Bindung Sir Austen Chamberlains Frankreich gegenüber vorliegt ober ob anbere Motive bie englische Regierung beeinflussen, läßt sich zur Zeit nicht übersehen. Doch gewinnt es ben Anschein, als wolle bie englische Regierung bas Dbium einer Ablehnung der französischen Wünsche nicht tragen und, wie bereits bei der Ablehnung des Genfer Protokolls, die in Paris sehr schmerzlich empfunden wurde, die Ver- antroorhmg ben Dominions zu schieben, bie in ber europäischen Politik außer Schußweite sind.
Als Symbol ber Versailler Mächtegruppierung galt bisher der Völkerbundsrat, dem neben Schweden und Spanien ausschließlich Deutschlands ehemalige Feinde angehören. Da auch Spanien dank ber sranzosenfreundlichen Politik seines Pariser Botschafters Quinones be Leon es mit ber Mehrheit hält, so ist ber schwebische Einfluß im Rate nur gering unb nach Brantings lobe, ber persönlich ein ;roßes Ansehen genoß, zurückgegangen. Da alle Be- chlüsse bes Rates einstimmig gefaßt werben müssen, o verfügt Schweden allerdings über das Mittel des absoluten Veto. Doch wäre es für ben schwebifchen Vertreter eine recht mißliche Angelegenheit, es in ber Praxis anzuwenben. Die Erfahrung lehrt gleichzeitig, daß bisher kein einziger Staat zu diesem Mittel gegriffen hat, denn er würde sich dabei in eine politische Isolierung begeben, die von den nachteiligsten Folgen für seine internationalen Beziehun- gen sein könnte. Durch Deutschlands Eintritt wäre nun diese einseitige politische Einstellung des Rates aufs schwerste bedroht. Gleichzeitig würde sich der englisch-französische Gegensatz durch Deutschlands Ernennung zum ständigen Ratsmitglied verschärfen. Denn England und Deutschland würden in vielen Fragen gemeinsam vorgehen unb bei Schweden unb vermutlich auch Japan Unterstützung finben. Der Kampf um bie Ratssitze zeigt bereits jetzt zum ersten Male diese Konstellation: England, Schweden und Japan bekämpfen gemein sam bie Erweiterung bes Rates.
So erscheint es denn nicht verwunderlich, wenn die französische Diplomatie den Wünschen Polens, Spaniens unb Brasiliens ein williges Ohr leiht. Denn Frankreich muß burch Aufnahme weiterer ihn, befreundeter und von ihm abhängiger Staaten in ben Rat feinen Einfluß zu stärken und, wenn möglich, das Prinzip der Einstimmigkeit der Ratsbeschlüsse zu durchbrechen suchen. Die von der französischen Presse ausgestreckten Fühler haben bereits ben Beweis erbracht, baß bas zweite Ziel zur Zeit nicht erreichbar ist. Es wird daher von ber französischen Regierung auf einen geeigneteren Zeit punkt hinausgeschoben werben unb gleichzeitig mit oerboppelter Energie an ber Vermehrung ber Ratssitze gearbeitet.
Aber noch ein zweites Ziel verfolgt die französische Regierung mit ber Vermehrung der Ratssitze: Deutschland wurde, wie erinnerlich, von den Ratsstaaten völlige Gleichberechtigung bei seiner Aufnahme zugesagt. Bisher dienten England und Frankreich als Vorbild dessen, was Deutschland zu erwarten unb zu verlangen hat. Falls nun beispielsweise Polen einen ständigen Ratssitz erhielte, so würde es nicht schwer fallen, die deutschen Ansprüche bei ber Besetzung ber Sekretariatsposten und in den Kommissionen mit dem Hinweis auf Polen herabzuschrauben.
Im Dölkerbundssekretariat werden die diplomatischen Kämpfe, die ber deutsche Aufnahmeantrag entfachte, mit gespannter Aufmerksamkeit und auch mit Mißbehagen verfolgt. Obgleich das Sekretariat laut Völkerbundssatzung nur ausführendes Organ ist, fällt feine Stimme doch oft entscheidend ins Gewicht. Auch dieses Mal hat Sir Drumond es sich nicht nehmen lassen, feine Anschauungen in London und Paris zu Gehör zu bringen und im Gegensatz zu seinen englischen Kollegen im Sekretariat in einem ausführlichen Memorandum die Notwendigkeit einer Vermehrung der Ratssitze betont. Vermutlich beabsichtigte er damit den deutschen Einfluß im Rat und Sekretariat, ber ihm unbequem werden könnte, zu paralisieren. Bei seinem Berliner Aufenthalt ist allerdings, in der Oeffentlichkeit von diesem Memorandum nicht mehr bie Rebe gewesen. Unter ben französischen Beamten des Sekretariats herrscht, wie zu erwarten war, bie einheitliche Anschauung, baß der Rat unter allen Umständen erweitert werden müsse und es ist nicht uninteressant, festzustellen, daß man damit bereits wie mit einer feststehenden Tatsache rechnet.
den! Wißt Ihr, was man Euch nun als Gutenachtgruß bringen wird? Eine schöne Empfehlung von Frau Sonn’ und morgen körn' sie wieder!"
Ella erschien: „Ein Telegramm!"
In Hast riß Lorenzen das Blatt auseinander. Ein Blick auf den Text, und ein Jubelruf drängte sich auf die Lippen des Vielgeprüften. Mit zittern- der Hand reichte er Andrea die Depesche. Und sie las, und über ihre Schütter las fein altes liebes runzliches Gesicht den Gruß der Frau Sonne mit, wie sie wahr und wahrhaftig versprach, morgen wiederzukommen. Das glückverheißende Blatt hatte folgenden Inhalt:
„Berlin, Langensche Klinik. Operation vollkommen geglückt. Wenn keine Komplikationen eintreten, wird Margot in zwei bis drei Wochen sehen können."
„Na ja," schmunzelte Onkel Hinriks, „man tau — jetzt haben wir nichts mehr vor ihr zu verstecken!"
Und Lorenzen setzte mit einem glücklichen Blick auf sein wiedergewonnenes Weib hinzu: „Komplikationen gibt es nicht mehr! Von dieser Worte haben wir heute genug gehabt! Das wird das Schicksal gefälligst bebentenr
Drei Menschen hielten sich innig umschlungen. Drüben an der Tür trat ein Schürzenzipfel in Aktion.
„Ella, alte Heulsuse," rief Hinriks, „freust bu bich benn mit uns?"
Laut hinaus trompetete das lebenbe Jnventa- rium, unb es war eine Mischung von Glück ifflb Wehmut.
„Ella!" rief nun auch Lorenzen das vertraute Hausmöbel an, „richte mal gleich ein Zimmer für Onkel Otto!" Dem Kapitän aber legte er feine Hand auf bie Schulter unb sagte strahlend: ,Hin° rifs, bu Prachtkerl, nicht wahr, bu wohnst jetzt bei uns?"
Unb es geschah, baß unwillkürlich alles „ja" sagte unb alles „bu" sagte. Denn bie Herzen stossen über in dieser heiligen Stunde, in ber Frau Sonne versprochen hatte, morgen wieberzukommen!
— Ende. —


