Hr. 276 Drittes Blatt
Die Umgestaltung des Landpoftwesens. Don einem Mitarbeiter für Postangelegenheiten wird uns geschrieben:
-Zahlreiche Acußerungcn der Presse und Stimmen aus der Landbevölkerung lassen erkennen. daß über die beabsichtigte Umgestaltung des Landpo st wesens vielfach falsche Annahmen verbreitet sind.
Aach dem in Rr. 31 der .Deutschen Verkehrs- zertung" vom 31. Juli 1926 enthaltenen Auszug aus der Denkschrift des Rttchspostministettums ist das einzige Leitmotiv, das die oberste Post- behörde veranlaßte, in ihren Arbeitsplan für die nächsten Jahre ll a. auch die Umgestaltung des Landpostwesens aufzunehmen, in der Tatsache zu erblicken, daß das Landpostwesen In feiner jetzigen Gestalt den Ansprüchen der Landbevölkerung nicht mehr gerecht wird. Es ist der begreifliche Wunsch der Landbewohner, dah die der Post zur Beförderung übergebenen Gegenstände schneller zugestellt und dah die Auflieferungsmöglich- feiten ve rmehrt und verbessert werden. Die (Srfülhmg dieser berechtigten Wünsche ist nur möglich. I. durch die Verwendung von schnellfahrenden Kraftwagen, die die Driessendungen, Zeitungen und Pakete von größeren an der Eisenbahn gelegenen Postairstälten (Landzustellämter) nach den Landorlen verbringen, und 2. durch die Dermehrung der Postanstalten, von denen aus die Sendungen abgetragen und bei denen Postsendungen jeder Art aufgdiefert werden können.
Das Landpostwesen wurde seit Gründung des Deutschen Reiches bis zum Ausbruch des Weltkriege« DaucmD verbessert durch Einrichtung von Poftagenturen, Posthilfsstellen, Vermehrung der Larrdb rief träger, die zum Teil mit Fuhrwerken ausgerüstet wurden, Einführung der zwei- maligen Zustellung nach fast allen Landorten usw. Heute muh aber gesagt werden, dah die Einrichtungen vor dem Kriege in vielen Orten über das Bedürfnis hinausgingen. Der Abbau eines Teils dieser Einrichtungen, die hohe Zuschüsse erforderten und daher mit einer wirtschaftlichen Betriebsführung nicht zu vereinbaren waren, lieh sich nicht umgehen, da jetzt die Deutsche Reichspost als selbständiges Wirtschaftsunternehmen ihre Finanzpolitik so einrichten muh, dah die Einnahmen zur Deckung der laufenden Betriebsausgaben auSreichen. Die bedeutsamste dieser unum« aänglichen Einschränkungen bestand in der Abschaffung der zweiten Landzuftel- l u n g. Hierdurch wurde den Bewohnern derjenigen Orte, in denen sich keine Postanstalt befindet, auch die Möglichkeit der werktäglich zweimaligen Absendung ihrer Postsachen genommen. Gegen d'erse Einschränkung wurde von feiten der Landbewohner in den letzten Jahren am meisten Klage geführt. Sine weitere bedauerliche Folge der Einschränkungen war die vermehrte Zusammenlegung mehrerer Ortschaften zu einem Landzustellbezirk, so daß jetzt viele Landbewohner die Postsendungen spät, manchmal erst in den Rachmittags stunden empfangen. Aach vielen Orten mit ftarfeun ZeitungS- unh Paket verkehr ist der Landzusteller oft so schwer belastet, dah er nur die leichten Pakete mitnehmen kann, während die Pakete im Gewichte von über 5 Kilogramm (auf die sich die Zustellpflicht der Post nicht erstreckt) von den Empfängern bei der Zustellpvstanstalt abgeholt werden müssen.
Es muh daher als bedeutender Kulturfortschritt bezeichnet und von der Landbevölkerung insbesondere begrübt werden, toeim es der Post- verwaltung gelingt, den Ärafttoagcn für die Verbesserung der Po st Verhältnisse auf dem Lande nutzbar zu machen. Wie in der Mitteilung des „(Siebener Anzeigers" Ar. 26? vom 13. Aov. bereits gesagt war, sind werktäglich zwei Krastrundfahrten vorgesehen. Mit diesen Fahrten wird die Post den an dem Kraftwayenkurs gelegenen Orten überbracht, und gleichzeitig werden öie aufgelieferten Gegenstände mitgenommen. Hierbei ist natürlich er- forderlich, dah in allen Ortschaften, die von dem Kraftwagen berührt werden, eine Poststelle eingerichtet wird, die die Postladunaen mit dem Kraftwagenführer austauscht, die Abtragung der angekommenen Sendungen besorgt und bei der auch Postsendungen jeder Art aufgeliefert und abgcholt werden können. Der Dienstbetrieb dieser Poststellen wird demjenigen der bestehenden Postagenturen ähnlich werden. Abgelegene Einzel- wohnstätten (Gutshöse, Mühlen, Forsthäuser
Das große Würfelspiel.
(Markina öilemar.)
Roman von Franz Lauer Kappus.
(Schluß.)
„Wenn es das Schicksal gut mit uns meint, sehen wir einander niemals wieder." Hoch wuchs er. „Niemals."
Der Zug war vollgepfropft. Stunde um Stunde jafj Martina zwischen fremden Menschen eingeklemmt. Die Begegnung auf dem Potsdamer Bahnhof ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Was es doch für seltsame Käuze gab! Die ganze Welt lag frei vor Heddenhausen: doch sie, ausgerechnet sie sollte es sein. War das nicht merkwürdig?
Aber dann tat sich das liebe, heimliche Zimmer in Harzburg auf. Weit standen die Fenster offen. Dunkel und feierlich stiegen die Fichten den Hang hinan. Ewige Stille wehte zu den allen Möbeln herein. Bertraut waren alle diese Dinge auf einmal: der schwere Schrank mit der schadhaften Politur, das behäbig ausladende Bett in der Mitte, die viereckige Uhr inmitten längst verblaßter, goldener Schnörkel. Unerwartet breitete Feiettagsstim- mung ihre weichen, leuchtenden Flügel.
Martina war freier, selbständiger Mensch geworden. Seit die Mutter und die Schwester aogereift waren, wurde es immer weiter um sie. Mit selbstverständlicher Sicherheit traf sie ihre Entscheidungen. Die Wohnung auf dem Kurfurstendamm Kitte einen Käufer gefunden. Schon verhandelte Martina mit mehreren Hausverwaltern. Irgendwo, nicht allzu weit vom Krankenhaus, wollte sie sich ihr eigenes Heim schäften: Zwei oder drei Zimmer mit allem, was dazu gehörte. Zug um Zug gestaltete ihre Einbildungskraft die Räume aus, während sie Wälder und Wiesen durchstreifte. So lebhaft und warm wirkten diese Bilder, daß kein Gedanke an die weitere Zukunft aufkam. Die Gegenwart war schön: das genügte. Und alles hatte Teil an der schönen Gegenwart: zu einer harmonischen Einheit formten
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Donnerstag, 25. November 1926
usw.) werden von dem Kraftwagen nicht berührt werden. Diese sowie die Ortschaften, die nicht an der Kraftfahrstraste liegen, werden vielmehr, wie bisher, von den Zustellern gegangen werden. Um die Schnelligkeit der Kraftwagen bei den Rundfahrten möglichst wenig zu beeinträchtigen, sollen nur diejenigen, an derKursstrahe gelegenen Einzelwohnstätten die Postsendungen von dem Kraftfahrer unmittelbar empfangen, nach denen die Zusteller von den Poststellen aus un- verhältnismäbig wette Wege zurücklegen müßten Die Zustellung bei den künftigen Poststellen wird von den Inhabern oder deren Privatbediensteten ausgeführt werden. Die hier und da geäuberten Bedenken gegen die Ucbertragung des Zustelldienstes an die Poststelleninhaber sind gegenstandslos: denn die Erfahrung bei vielen Postagenturen, bei denen der Zustettdienst von Privatbediensteten ausgeführt wird, hat gelehrt, daß das Vertrauen zur Post nicht nachgelassen hat und daß auch von den Privatbediensteteir das Postgeheimni s gewahrt wird.
Wenn es gelingt, die Postverhältnisse des flachen Landes so, wie vorgesehen, umzugestalten, so wird der Auhen für die Landbevölkerung außer ordentlich groß fein. Die bedeutendsten Vorteile bestehen in der schnelleren Zustellung, der restlosen und rechtzeitigen Zu- und Abfuhr sämtlicher Pakete, der üeberbringung und Ablieferung von Geldbeträgen in jeder Höhe und ui der Schaffung einer zw eiten Absendungsgelegenheit. Den Landbewohnern wird es funftig möglich sein, die Antwort auf einen vormittags erhaltenen Dries noch am gleichen Tage abzusenden. Ferner wird es von vielen Heeres-, Arters- und Invaliden- rentenembfängern in den Landorten mit Freuden begrüßt werden, wenn sie künftig nicht mehr die oft wetten Wege zur jetzigen Zustell- Postanstalt zurücklegen brauchen, sondern ihre Bezüge bei der Po st st eile ihres Wohnortes in Empfang nehmen können.
3n den 80 geschlossenen Gemeindebeziicken im Kreise Gießen bestehen nur sechs Postämter und 19 Postagenturen, bei denen Postsendungen jeder Art auf geliefert und in Empfang genommen werden können.
Die vorgesehene Benutzung des Kraftwagens zur Postversorgung des flachen Landes in Verbindung mit der Einrichtung von Poststellen in vielen Orten, die eine Postanstalt jetzt nicht besitzen, derenDedürfnisse für diePvstbenutzung dann aber in gleicher Weise wie in den Orten mit Postämtern und Postagenturen befriedigt werden können, wird sich zweifellos als bedeutender Fortschritt in den ländlichen Derkehrseinrichtungen auswirken.
Die Marburger BNndenstudien- anstalt.
sch. Marburg, 24. Aov. 3m 3ahre 1916 wurde in einer Sitzung am 25. Aovember von Reichs-, Staats- und Prvvinzialbehörden, der ilnü>erfität und der Stadt Marburg unter Mitwirkung von Männern der Wissenschaft, der Jndustne und des Handels die Hochschulbücherei, Studienanstalt und Beratungsstelle für blinde Studierende e. D. unter dem Vorsitz Sr. Exzellenz Dr. Egon von Bremen, Ministerialdirektor ttn preußischen Kultusministerium, gegründet. 3n den Rach- krlegsjahren und während der schweren wirtschaftlichen Krise 1920—26 führte den Vorsitz Ministerialdirektor Dr. Ritter vom Reichsarbeitsministerium Berlin, unter dem sich die Marburger Blinden st udienan st alt zu einer einzigartigen Stätte der Blindenfürsorge entwickelte und den Charakter einer reichswichtigen und gemeinnützigen Wohlfahrtseinrichtung erhielt. Das sinter nehmen verfolgt £>en Zweck, blinde Akademiker in das Hochschulstudium einzu führen, höhere Schüler durch Ablegung der Reifeprüfung auf das Studium oder einen kaufmännischen Beruf vorzübereilen. Während sich die Anstalt in den ersten Satyr en ihres Bestehens besonders den Kriegsblinden ttriömeie, hat sie nach und nach auch die Forderung der Zivilblinden in ihren Aufgabenkrers übernommen. Von den etwa 200 unmittelbar Betreuten (80 Kriegsblinde, 120 Zivilblinde) sind etwa 25 Proz. in öffentlichen ober privaten Stellungen, 50 Proz. im Vorbereitungsdienst als Gerichtsreferendare, Studienreferendare, Hllfsprediger und Volontäre, während 25 Proz. studieren ober die höhere
sich Empfindungen, Gedanken und jenes seltsame Drängen den Körper hinauf und hinab, das jetzt immer öfter wiederkam und süße Schauer durch die Glieder trieb.
Später schloß sich Manina den Menschen an Die laute oder derbe Fröhlichkeit der vielen Sommergäste störte sie nicht. Immer fanden sich welche, mit denen man ganze ober halbe Tage verbringen konnte. Gemeinsam stieg man zur Ruine Harzburg hinauf, inmitten beflißener Herren wanderte man zum Molkenhaus oder zu den Rabenklippen, mit den Kindern tollte man über weiche, saftig grüne Wiesenmatten. Bald war Martina Mittelpunkt eines kleinen Kreises, der sie niemals misten wollte. Die Augen der Männer leuchteten auf, wenn sie erschien. Werbende Worte fielen in abendlich stillen Gärten. Heiße Sippen konnten sich beim Abschied von ihrer Hand nicht trennen. Lockend wehmütige Studentenlieder erklangen des Nachts vor ihren Fenstern.
Es war ein Juli, wie Martina noch keinen erlebt hatte.
Doch der Tag tarn, an dem ihr plötzlich Doktor Morell gegenüberftanD. Unbegreiflich wirklich war er aus Dem Pottal bes Hotels nächst ber Burgruine getreten. Fassungslos starrte Martina ihn an.
„Doktor Morell!"
Er lächelte verhalten.
„Warum nicht? Es ist kein befonberer Umweg, wenn man von Kastel zurück nach Berlin will*
„Sie waren in Kastel, Doktor Morell?"
Das Antlitz Morells spannte sich.
„23erhanblungen", sagte er kurz. Dann trat er ein wenig zurück unb betrachtete Martina aufmert- fam. „Ganz braun sind Sie geworden." Seine grauen Augen streiften die Gruppe, in der Martina sich befunden hatte. „Nette Leute hier?" Er zögerte. „Sie sollen sich meineüjalben nicht stören lassen."
Wie ein Glöcklein lachte Martina.
„Das wäre nicht übel." Mit der Hand winkte sie ihrer Gesellschaft Abschied. „Kommen Sie doch." Schon nach wenigen Minuten bog sie mit Morell in den Wald ab. „Mein Prioatweg", erklätte sie.
Der Offizier half ihn zur Flucht, aber die Schwester bekam er nie zu Gesicht, und es stellte sich
bis 1. 3uni 1948 bei Einräumung eines Rücktrittsrechts auf die Dauer von fünf Jahren anbot. Durch die bereits erfolgte Begebung ist allerdings das Angebot gegenstandslos geworden.
* Auf legung deutscher Goldpfandbriefe im Ausland. Einer Londoner Meb°
heraus, daß in dem Koffer nut einige Lumpen
lagen. Aun hatte der Abbe abenteuerliche Schick- | düng zufolge wird in London eine 19 Millionen
Wirtschaft.
WSR. Die Frankfurter 15-Millionen anleihe begeben. Die F iranzdeputation der Stadt Frankfurt a. M. Hal einen Teilbetrag von 15 Millionen Mark der neuen 7proz. Frankfurter Stadtanleihe von 50 Millionen an das von der Preußischen Staatsbank und bem Banb- fjaufe Mendelssohn & Co. geführte Konsortium begeben, dem u. a. die Firmen Speyer-Ellissein unb Jakob S. H. Stern in Frankfurt a. M, die Kommerz- unb Privatbank in Berlin unb dis Sübdeutfche Distontvgesettschast in Mannheim angeboren. Das Konsortium zahlt für die Anleihe einen älebevnahmelurs von 92,30 Proz. In letzter Stunde war übrigens noch ein viertes Angebot eingegangen, das von einem der Süddeutschen Handels-Syndikat G.m. b. H. in Mannheim nahestehenden Konsortium ausging, welches die lieber- nähme der Anleihe zu 7 Proz. bei 93'/t Proz. Auszahlung auf die Zeit vom 1. Dezember 1926
„Keinem Menschen habe ich den Weg noch verraten. Nun? Was für Verhandlungen waren das in Kastel?" Plötzlich fühlte sich Martina beunruhigt.
„Das Land-Krankenhaus hat kein Glück mit meinem Nachfolger." Morell bückte sich nach einem schimmernden Insekt. „Der Gute säuft ein wenig."
„Und da sollen Sie —"
„Wenn ich will. Die Aerztekammer bat nichts mehr gegen mich einzuwenden." Morell schaute auf. „Ich weiß nur noch nicht, ob ich will." Sonderbar gepreßt klang seine Stimme.
Schweigend gingen die beiden weiter. Immer dichter rückten die braunroten Fichtenstämme aneinander. Kühle stieg aus dem feuchten Boden. Dunkelgrünes Moos breitete samtene Teppiche. Emsige Käser turnten spielerisch über Steine und Wurzelwerk. Irgendwo schoß ein Baummarder verspätet in sein Nest.
Endlich konnte Mattina wieder sprechen.
„Ich verstehe die Zusammenhänge nicht, Doktor Morell", sagte sie rasch und drängend. „Auf einmal wollen Sie wieder fort von Berlin?"
„Nicht auf einmal, Fräulein Mattina. Sie wissen ja, wie lange ich mich schon mit dem Gedanken trage."
Blindenschule in Marburg besuchen. D.e wissen- schafllicheDlindenbücherei verfügt über etwa 300 Bände, die von etwa 80 Lesern des In- und Auslandes in Anspruch genommen werden. Der Bücherei ist ein Verlag in Schwarz- und Punkt druck, sowie eine eigene Buchbinderei angegliedert. Das Studienheim bietet 7 Studierenden Wohnung, etwa 15 bis 20 Verpflegung. Durch das Archiv unb die Beratungsstelle werden Tausende von Blinden in Berufe-. Fürsorge- unb Bil- DungSfragcn beraten und gefördert. In einer mechanischen M:ttuchswettstatte werden blin - dentechnische Hilfsmittel ausgearbeitet und verbessert. Seit 1918 wurden Realgymnasial- kurse für blinde Schüler eingerichtet, die der Dlin- benbÜbung neue Wege bahnen. Zu Beginn dieses Jahres wurde mit Hilfe öftentticher Mittel die Anstalt durch ben Ankauf zweier Häuser mit Park unb Gemüsegatten wesentlich erweitert. Das eine Haus ist als Dlindenschüler heim mit 22 Betten, das andere als höhere Blindenschule unb als Bücherei eingerichtet worden. Sett 1926 hat Geh. Reg.-Rat K e r s ch e n- steiner, Ministerialrat unb Abteilungsdirigent im Arbeitsministerium. Berlin, den Vorsitz der Anstatt überrommen. Der Vorstand hofft, bah der Marburger Blindenstudienanstatt. deren E rrichtungen sich ein Jahrzehnt hindurch bewähr! haben, «auch in Zukunft von allen Seiten das größte Interesse und Verständnis entgegengebracht wird.
Marttna atmete schwer.
«Eben deshalb. Da hätten Sie doch ebenfogut nach München geben können. In München liegen Die Dinge sogar günstiger für Sie."
Immer langsamer setzte Morell die Schtttte.
„München hat sich leider zerschlagen."
Ein Sprung klirrte durch Martinas Bewußtsein. Leider! hallte es in ihr wieder.
„Verschiedene Instanzen haben beim Allgemeinen Krankenhaus dreinzureden", fetzte Morell fort. „Und nicht allen Instanzen war ich genehm. Die Bayern bleiben gerne unter sich."
Plötzlich fing Mattina zu laufen an.
„Dort! zeigte sie in bu» Richtung, wo Helle Sonne durch die Bäume strömte. Drohend waren die Fichten auf einmal geneigt. Jetzt unb jetzt konnten sie ineinanderstürzen.
fak. Er fuhr auf verschiedenen Kaperschiffen unb wurde der Seelsorger der Seeräuber, mit denen er auf dem besten Fuße stand. Das hinderte aber nicht, daß er im Jahre 1710 der Geistliche der Gattin des Bruders des Königs, der bekannten Liselotte, wurde Die pfälzische Prinzessin, deren urwüchsiges Qiaiurell aus ihren prächtigen Btte- fen so deutlich hervortritt. verstand sich mit ihrem Beichtvater vortrefflich. Cie pflegte zu sagen: ..Ich habe einen Kaplan, der die Mess« in einer Viertelstunde liest. Daö ist ganz nach meinem Geschmack." Prinzessin und Abbe waren von einander entzückt, und Ionin erhielt hohe Ehren, tr>uu\ Ritter des St. Lazarus-Ordens und Kommandeur der königlichen Orden von Rolre- Dame-du-Carmel. Aber dieses Leben bei Hofe behagte ihn nicht. Er gin-i wieder ausS Meer und wurde apostolischer Missionar. Seit 1720 verschwindet er aus der Geschichte, und man weift nicht, wann und wo er gestorben ist.
Die Mussolini redet.
Mussolini, der soeben wieder glücklich ein Attentat überstanden hat. übt seine Macht über die Menge hauptsächlich durch seine außerordentliche Redebegabung aus. Bei einer seiner letzten großen Ansprachen vom 'Balkon deS Eyigi-Palastes an der Piazza Colonna in Rom hat ihn der amerikanische Journalist Robert H. Davis aus nächster Rahe beobachtet und gibt eine lebendige Beschreibung seiner oratorischen Leistung: „Sofort, wenn er vor der Menge erscheint. führt er den saszistischen Gruß aus. der im Aufheben des rechten Arms mit ausgestreckter Handfläche besteht. Seinen Kopf hält er hoch, und das mächtige Kinn, das mit den statt gezeichneten Kiefern dos bezeichnendste Merimal seines runden, breiten Schädels darstellt, steht wie beseelt vor. Wenn man von unten hinauf* sieht, erblickt man diese bewegliche Kinnlade und gelegentlich den Blick seiner schwarzen Qlugen. Bisweilen lehnt er sich über das Geländer und donnert mit aller Kraft. Dann ist er ganz Auge. Die Haltung ist königlich, aber feine Stimme ist die des Voltes, unb die Ausdrücke, die er wählt, sind einfach und verständlich. Alle Gebärden führt er mit der rechten Hand und dem rechten Arm aus: mit diesem hämmert er auf der Brüstung, stößt vorwärts, schiebt Dingo fort, die er nicht beachten will, und befiehlt. Stets ist seine Hand ein erstaunliches Werkzeug des Ausdrucks, mag sie offen fein, geschlossen, mit einem oder allen Fingern gestikulierend. Bald packt er mit dieser Hand die Sähe und ballt sie zusammen, bald trennt er sie und verteilt sie. Beim Ende einer Periode, wenn der Applaus einseht, tritt er zurück und fährt mit der 'Hand wie dankend duvch die Lust. Das Ende feiner Rede beginnt, wenn die rechte Manschette aus seinem Aermcl herauszukriechen ansängt. Je lebhafter er wird, je heftmer er redet, desto deutlicher akzentuiert die Manschette die Sätze, unb wenn er schließt, bann schießt der rechte Arm Mussolinis, dessen Vater ein Grobschmied war. in voller Länge aus dem schwarzen Aermel heraus. Während der ohrenbetäubende Beifall ihn umbraust, müht er sich, die Manschette wieder dahin zurückzubringen, von wo sie heraus- kam ...“
Buntes Allerlei.
Die Riesenkraft der Ameise.
Wenn die Kinnbacken des Menschen im Verhältnis ebenso viel Kraft besäßen wie die eiltet Ameise, so würde er imstande fein, mit seinen Zähnen ein Gewicht von 275 Tonnen in die Hohe zu heben. Man hat berechnet, daß eine Feldameise in ihren Kinirbacken ein Gewicht halten kann, das 3000mal so schwer ist als sie selbst. Besäße der Mensch — natürlich immer vergleichsweise — die Körperkräfte dieses winzigen Insekts, so könnte er zwei der größten modernen Lokonwtiven auf feinen Rücken heben und mit ihnen davomnarschieren. Da die Größe der Ameise etwa 1/4 Zoll beträgt, diese Tiere aber 20 Fuß hohe Pyramiden errichten können, so beweisen sie damit eine Stärke, die ihnen ermöglicht, ein Bauwerk auszuführen, das 960mal so groß ist wie ihre eigene Hohe. Die Ameise besitzt überhaupt erstaunliche Eigenschaften. So gibt es eine amerikanische Art, die Atta-Ameise, Die Pilze zu ihrem eigenen Gebrauch züchtet; ein bestimmter Teil ihres Restes ist der Aufzucht dieser Dahrung Vorbehalten. Die Ameisen bringen „Pilzsamen" von den Pflanzen, die über Der Erde wachsen, in ihre Rester und benehmen sich bei dieser Zucht so geschickt, wie es kein Mensch besser könnte.
Dec Beichtvater der Seeräuber.
Das Leben eines merkwürdigen Gottesmannes wird uns durch ein soeben erschienenes französisches Buch enthüllt, das den Titel führt „Der Beichtvater der Seeräuber: der 2ll>be Jouin (1672 bis 1720)“ und von dem Historiker Etienne Dupont verfaßt ist. Die wechselvollen Lebens- schicksale dieses Geistlichen kennzeichnen am besten einige Kapitelüberschriften, wie z. B.: „Seminarist, Priester, Mattneseelsorger und Schmuggler, Schiffskapitän und Beichtvater der Seeräuber Direktor der Handelsgesellschaft mit den spanischen Kolonien, Heiratsvermittler, Kaplan von Madame, der Schwiegertochter des Königs, Geistlicher des Regenten, Apostolischer Missionar.“ Roel Jouin, der Held dieses abenteuerlichen Lebensromans, wurde als Sohn eines Zimmermanns in Saint-Malo geboren; er wurde Geistlicher, und sein unruhiges Temperament zog ihn auf die See, wo er einen Posten als Mattneseelsorger auf einem Schiff fand. Auf einem Fahrzeug der „Gesellschaft für Westindien" kam er nach den spanischen Kolonien und sammelte hier Schätze, die er bei der Rückkehr nach Frankreich Den Beamten zu verheimlichen suchte. Dabei wurde er gefaßt und in Der Zitadelle von Port-Louis eingesperrt. Die Geschichte seiner Befreiung klingt wie aus einer Operette. Er versprach einem Offizier Der Festung, daß er ihn mit feiner Schwester verheiraten toerDc, die sehr reich sei, wenn er ihm zur Freiheit verhelfe. Das Gerücht ging, daß Der Abbe an einem sichern Ort einen Koffer mit 200 000 Piastern verberge.
Eine breite Lichtung öffnete sich. Ginster und Walddistelsträucher säumten die Ränder. Hohes Gras zitterte schlankhalmia in der sichten Wärme.
Also nicht ihrethalben war Morell in Berlin geblieben?
Mit gefenttem Kops stand Martina still. „Die Bayern sind fdjop einmal so", lächelte sie und spürte, wie ihr Leiv erstarrte. Alle Sommer wellten in einer Sekunde. Wie eine Wüste breitete sich die Welt, endlos und hoffnungslos.
Als sie das Antlitz wieder hob, begegnete sie den Augen Morells. Mit oersammeller Kraft hielt er ihren Blick fest. Dann sagte er ruhig und klar: „Nun soll ich also nach Kassel. Zwei Tage habe ich Bedenkzeit. Ich konnte mich nicht entscheiden, bevor ich mit Ihnen nicht gesprochen habe/
„Was habe ich damit zu tun?" Martina fühlte, wie die Lüge ihr alles Blut in die Wangen trieb.
„Ebensoviel wie ich."
„Und wenn Sie nach München gegangen wären? Bor einem Monat, vor zwei Monaten? Hatten Sie da auch vorher mit mir gesprochen?"
Nur kurz überlegte Morell. „Wahrscheinlich." Gleich darauf lächelte er still. „Sie wissen ja, Martina: es Dauert eine Weile, bis man mit sich selbst in Reine kommt. Erinnern Sie sich an die Nebengeräusche des Herzens. Nicht alles ist echt und tief, was Da an Stimmungen vorüberzieht." Sein Antlitz würbe roieDer ernst. „Doch jetzt weiß ich Bescheid."
Marttna taumelte.
„Und auch Sie müssen mir lagen, ob Sie so weit sind. Darum bin ich hierher gekommen. Klarhett soll zwischen uns sein." Morell schöpfte tief Atem. „Bersin oder Kassel ist Dann nur noch eine untergeordnete Frage."
Aber Martina schwieg, beide Fäuste an Den Mund gevreßt.
„Sie gaben mir Angst vor der Lieb« gemacht", stammelte sie Dann. „Mut gehört dazu, Mut, Kraft und Geduld —" Tränen brachen aus ihren Augen.
„Ach, die unglückseligen Wotte!" rief Morell befreit und nahm Mattina fest tn die Arme.


