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Ur. 225 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Samstag, 25. September 1926

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheflen

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Dr. Friedr. Wiih. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Terl Ernst Blumschein; für den An. zeigenteil i. Dertr. H. Beck, sämtlich in Gießen.

Das Gespräch von Thoiry.

Unweit von Genf, an den Hängen des Iura, liegt das kleine französische Städtchen Thoiry. Dort unterhält Madame Leger ein Hotel, das nach den Schilderungen Genfer Journalisten sich durch nichts von den typischen kleinen französischen Pro- vinzgasthösen unterscheidet. Leicht baufällig und ein bißchen schmuddelig, nicht sehr einladend für ver­wöhnte Touristen oder gar Diplomaten von Ruf. Aber die gute Küche Madame Legers hat Herr Ari­stide Briand von früheren Ausflügen her in guter Erinnerung behalten. Ihr verdankt Thoiry seinen künftigen Platz in der Geschichte, denn als es sich darum drehte, ein verschwiegenes Fleckchen Erde für die Aussprache mit Stresemann ausfindig zu ipachen, fernab von neugierigen Dölkerbundsjourna- listen, wählte Briand das Gasthaus von Thoiry, und dort fand denn auch am Nachmittage des 16. Sep­tember die denkwürdige Zusammenkunft der beiden Außenminister statt, die ein neuer Anstoß für die Bereinigung des deutsch-französischen Verhältnisses werden solll

Was bisher über die sehr eingehenden Bespre­chungen der Minister an die Öffentlichkeit gelangt ist, ist nicht viel. Nur das muß als Leitgedanke fest­gehalten werden, daß Briand sowohl wie Strese­mann eine G e s a m t l ö s u n g der deutsch-französi­schen Frage ins Auge gefaßt haben. Beide Minister haben wenige Tage spater ihrem Kabinett und den Staatschefs Bericht erstattet. Man war einiger­maßen gespannt, welcher Empfang Briand in Paris bereitet würde. Hat doch eine sehr ähnliche politische (Situation nach der Besprechung von Cannes, im Januar 1922, zu einer Desavouierung Briands durch seine Ministerkollegen und zu seinem Sturz durch Poincarö geführt. Jetzt ist Poincarö wiederum Kabinettschef, und man war bcgründetermaßen nicht ohne Sorge, ob das von ihm geleitete Kabinett, in dem die Rechte durch so ausgesprochene Gegner einer Verständigung wie Tardieu, Barthou, Marin und Bokanowski vertreten ist, die Politik seines Außenministers billigen werde. Das offizielle Kom­munique des Ministerrats hat nun zwar die Gefahr eines sofortigen Sturzes beseitigt, aber die Kommen­tare der offiziösen Havasagentur und der dem Mi­nisterpräsidenten nahestehenden Presse besagen zwi­schen den Zeilen deutlich genug, daß die Mitglieder des nationalen Blocks im Kabinett Briands Fahrt ins deutsche Lager nicht allzu begeistert mitnmchen werden. Doch Briands bester Verbündeter ist der Franc. Die Krisis der französischen Währung dauert unvermindert fort, auch wenn im Sturze des Franken eine momentane Pause eingetreten ist. Poincarös rigorose Sparmaßnahmen habey wohl eine zeitweilige Entspannung schaffen können, von einer Stabilisierung des Franken jedoch kann keine Rede sein. Man sträubt sich in Paris mit Händen und Füßen gegen die Ratifizierung des Schulden- abkommens mit Amerika und denkt nun an eine deutsche Hilfsaktion zur Rettung des Franken im Austausch gegen politische Zugeständnisse.

Auch Herr Stresemann hat dem Reichs­präsidenten und dem Kabinett über das Ergebnis von Thoiry Bericht erstattet und einstimmige Bil­ligung seiner Politik gefunden. Zur Weiterfüh­rung der Verhandlungen mit Frankreich ist bereits ein aus den in Betracht kommenden Ressortministern bestehender Ausschuß gebildet worden. Der gute Wille zu einer Verständigung, im Sinne von Thoiry, also zu einer Gesamtlösung zu kommen, ist demnach in Berlin vorhanden. In Paris jedenfalls soweit, als die Perfon Briands in Betracht kommt. Wie lange das Ministerium Poincarö, speziell die Herren des nationalen Blocks, diese Politik mit- machen werden, wird sich dann sofort ergeben müssen, wenn es an die Besprechung der einzelnen Fragen geht.

Es ist zweifellos, daß man wiederum vom deut­schen Volke schwere Opfer materieller Natur verlangt, Opfer, die unter Umständen an die Grund­lagen unserer Währung greifen. Erhalten svll Deutschland dafür Dinge, die ihm zum großen Teil schon als Rückwirkungen des Locarnopaktes und als Voraussetzungen für Deutschlands Eintritt in den Völkerbund versprochen waren. Erfüllt hat sich nicht allzu viel von dem, was man uns im vergangenen Sommer in Aussicht gestellt hatte. Briandsgroße Geste" wandelte sich unter dem Druck seiner Kam­meropposition und der in Paris immer noch mäch­tigen Militärs bald in kleinste Scheidemünze. Nur höchst unwillig wurden tropfenweise dem besetzten Gebiet Erleichterungen gewährt. Um jeden Mann der Besatzungsarmee mußte erbittert gekämpft wer­den. Erst in den Tagen von Genf bequemte sich die Rheinlandkommission, demGeist von Locarno" Rechnung tragend, zur Aufhebung einiger besonders verpönter Ordonnanzen und zur Zurücknahme einer Reihe von Ausweisungsbefehlen.

Wenn man jetzt auf beiden Seiten mit festem Willen einer Gesamtlösung zusteuert, die für das deutsche Volk nicht wiederum eine Reihe bitterster Enttäuschungen. neben schweren finanziellen Opfern bringen soll, so muß man sich in Paris von vornherein klar machen, daß Deutschland sich diesmal nicht mit Abschlagszahlungen zufrie­den geben kann. Man wird diesmal nicht wieder, wie in Locarno, von Deutschland Leistungen er­warten dürfen, ohne f e st e Garantien dafür zu geben, daß man selbst auch seinen übernom­menen Verpflichtung en nachkommen wird. Die Erörterung in großen Teilen der französischen Presse zeigt schon, wohin die Verhandlungs- iaftiE Briands führen soll. Man stellt schon heute mit Vorliebe die Frage einer Mobilisierung der Reichsbahnobligationen in den Vordergrund und schiebt eine Diskussion über die französischen Gegenleistungen vorläufig noch weit von sich. Sm stillen hofft man wohl auf der französischen Rechten, daß über diesem schwierigen Teilproblem

die ganze Verständigungspolitik in die Brüche gehen wird. Lind die gemäßigten Kreise um Briand glauben vielleicht, daß, je mehr sich die Verhandlungen über diese Einzel, rage in die Länge ziehen werden, die Deutschen von ihren Gegenforderungen ablassen könnten. Eine Ge­samtlösung verlangt entschlossenen Willen zur Großzügigkeit auf beiden Seiten. Wenn heute schon von der Presse Poincarös Entwaffnungs­fragen in die Debatte geworfen werden, die bei einer vernünftigen Einstellung der interalliierten Kontrollorgane längst hätten beseitigt sein können, so zeigt diese Taktik keine Spur von Verstän- kngungsbereitschaft. Solange in Frankreich noch maßgebende Kreise auf ihren Schein von Der- sailles pochen undErfüllung" verlangen, solange

wird man auf dem Wege von Thoiry nicht weiter kommen.

Ein deutsch-französischer Ausgleich kann nach den Erfahrungen von Locarno und Genf nur Zug um Zug erfolgen. Wir müssen diesmal feste Garantien in Händen halten, daß die Be­reinigung der mllitärischen und politischen Gegen­sätze und die deutsche Stützungsaktion für den Franken, wie diese auch immer gedacht sein möge, gleichzeitig und in unlöslicher Bin­dung miteinander vor sich gehen. Die Politik von Thoiry bedeutet enge Verkettung in das sranko» slawische Mächtesystem. Sie ist nicht ohne Ge­fahren für unsere Beziehungen zu England, zu Amerika und Rußland. Wir können den in Thoiry eingeschlagenen Weg nur dann entschlossen

weitergehen, wenn wir die Gewißheit haben, daß alle deutsch-französischen Streitfragen restlos beseitigt werden. Das bedeutet Befreiung des noch besetzten Rheinlandes, Rückgabe Eupen» Malmödhs durch Belgien und sofortige Volksabstimmung im Saargebiet. Das bedeutet aber auch eine Bereinigung unseres Verhält­nisses zu Polen und der Tschechoslowakei, also Beseitigung des Korridors, Rückgabe Ost-Ober­schlesiens und die Gewähr eines ausreichenden Minderheitenschutzes in Polen und Böhmen. Es ist eine Politik auf weite Sicht, die in Thoiry eingelettet wurde, die Klarheit über das Ziel und viel Mut, Festigkeit und nüchternen Tal- sachensinn für den Weg dorthin erfordern.

Abrüstungsdedatte m der yölkrbuiidsverjaurmlung.

China als Kläger vor dem Völkerbund.

Genf, 24. Sept. (TU.) Zu Beginn der heutig,, Sitzung der Vollversammlung gab der chinesische Vertreter T s ch u dann im Namen seiner Regierung die Erklärung ab, daß am 8. Juli, am 2. August und am 29. August mehrere englische Schiffe den Pangtse in voller Fahrt durchquert hätten, kleinere Dampfer und Boote der Einheimischen wären durch die englischen Schiffe gerammt wor­den. Mehr als 100 Passagiere, Offiziere und Sol­daten hätten den Tod gefunden. Als die chinesischen Behörden Soldaten an Bord der eng­lischen Schiffe gesandt hätten, sei ein englischer Kreuzer, der sich in der Nähe befand, erschienen. Er habe die Dorfbewohner zu beiden Seiten des Flusses bedroht und seine Kanonen auf sie gerichtet. Die chinesischen Behörden seien verpflichtet gewesen, die englischen Schiffe zurückzuhalten und hätten hiervon dem englischen Konsul in Kanton Mitteilung gemacht. Bevor die Angelegenheit hätte geregelt werden können, habe sich leider

ein noch viel schlimmerer Zwischenfall ereignet. Ein englisches Kanonenboot habe am 5. September das Feuer a i?f Gen­darmen der Stadt Wanshien eröffnet. Mehr als hundert von ihnen seien getötet worden. Etwas später hätte ein anderer eng­lischer Kreuzer mit schwerer Artillerie die Stadt erneut beschossen. Mehr als tausend Häuser seien zerstört und Tausende von Einwohnern durch das Bombar­dement getötet worden. Den chinesischen Truppen sei es schwer gefallen, sich zu verteidigen. Die chinesische Regierung habe sofort versucht, die Angelegenheit auf friedliche Weise zu regeln. In dieser außerordentlich ernsten Lage, die ge­eignet gewesen sei, den internationalen Frieden im fernen Orient ernsthaft zu bedrohen, habe die chinesische Delegation den Auftrag erhalten, diese Hatsachen zur Kenntnis der Vollversammlung zu bringen.

Schon während der Rede des chinesischen Delegierten hatte sich

Lord Robert Cecil

zum Wort gemeldet. Er bestieg sofort die Tribüne und erklärte:Mit lebhaftem Erstaunen habe ich die Erklärung angehört, die der chinesische Dele­gierte von dieser Tribüne glaubte machen zu müssen. Weder meine Regierung, noch ich selbst waren davon vorher unterrichtet,^ daß von chinesischer Seite hier eine solche Erklärung abgegeben würde. Ich bedaure es aufrichtig, ich Erin nicht in der Lage, auf Einzelheiten hier einzugehen, doch kenne ich die Tatsachen genau genug, um unverzüglich erklären zu können, daß meine Regierung mit der von der chinesischen Delegation hier abgegebenen Erllärung nicht üb er ein stimmt. Die Anschauung der britt- schen Regierung ist völlig verschieden von derjenigen, die hier von chinesischer Seite vor- getragen ist. Zurzeit finden in China Ver­handlungen statt, und ich hoffe, daß sie zu einem freundschaftlichen Ergebnis führen wer­den, doch glaube ich nicht, daß die Erklärung, die von der chinesischen Delegatton hier abgegeben wurde, die friedliche Losung der Streitfrage er­leichtern wird.

Fortsetzung

der AbrüstungsDebatte.

Hierauf wird die Debatte über die Arbeiten der vorbereitenden Kommission für die 2lbrü- stungskonferenz fortgesetzt. Lord Robert Cecil erklärt, daß er mit den Anschauungen Paul Bon- cours in der Abrüstungsfrage übereinstimme. Man habe stets gesagt, daß die Abrüstung einer der wichtigsten Lebensfragen des Völkerbundes sei. In den Vereinigten Staaten behaupte man sogar, daß es sich hierbei um den Grundstein des Völkerbundes handele. Man mühte daher in dieser Frage zu einem guten Ende gelangen, denn solange die Bewaffnung der Welt fort» bestehe, drohe jeden Augenblick ein Angriff. Die Aufrechterhaltung bewaffneter Armeen bedeute eine schwere finanzielle Last für jedes Land und bedrohe außerdem die kulturelle Entwicklung. So­lange die Regierungen an die Opferwilligkeit der Bevölkerungen für einen Krieg appellierten und den Kriegsdienst als eine Pflicht darstellten, der man sich aus Liebe zum Vaterlands nicht entziehen dürfe, könne man feine Resultate in der Frage der Abrüstung erzielen.

Welcher Grad dec Bewaffnung

I kann nun jeder Ration zugestanden toerben, da- I mit sie ihre nationalen Interessen verteidigen

kann? Das ist eine politische Frage, die an die Wurzel der Existenz eines jeden Staats greift. Riemand wird leugnen, daß ihre Beantwortung ungeheure Schwierigkeiten bietet. Ich zweifle aber nicht daran, daß sie zu lösen ist, wenn die Volker verstehen, d. hierin eine der wichtigsten Aufgaben für sie besteht, von der der Frieden der Welt abhängt. Alle Welt ist für Abrüstung, ober meistens für die Abrüstung des Aachbarn. Jeder Delegierte in der Entwaff­nungskommission wird sagen: Ich bin für die Entwaffnung und meine Regierung ist es auch und sie ist bereit, alle vernünftigen Mittel zu ergreifen, um zu ihr zu gelangen. Dann bliebe noch immer das Problem der Zahlen. Ich bin überzeugt, daß die Konferenz mißlingen wird, wenn sie nicht gerade dieses Problem vorbereitet hat. Die zukünftige Abrüstungskonferenz wird von uns viel Mut und viel Klugheit verlangen, aber dazu ist es notwendig, daß die Regierungen die öffentliche Meinung ihrer Län­der hinter sich haben. Rachdem Lord Cecil geendet, £am, der deutsche Standpunkt zur Abrüstungsfrage in einer schriftlich formulierten Erklärung zum Ausdruck, die der

Sfaafsfefretär von Schubert

verlas. Deutschland betrachte die Abrüstung als die größte Aufgabe des Völkerbundes, durch deren Erfüllung dieser nicht nur seine eigene Stellung stärken, sondern auch im Interesse der gesamten Menschheit arbeiten würde, lieber das Ziel seien sich gewiß alle einig, aber es sei gesagt worden, daß auch eine internationale Konvention über die Ver­minderung der Rüstungen schon ein großer Fort­schritt wäre, auch wenn sie sich nur auf die S e ft» legung d e s gegenwärtigen Zustandes beschränken würde. Auch Deutschland halte das stufenweise Vorgehen für unvermeidlich, sehe aber in der Festlegung des gegenwärtigen Zustandes kei­nen wirklichen Fortschritt, sondern sei der Meinung, daß die vorbereitenden Arbeiten zur Verminderung der zu großen Verschie­denheiten führen müssen, die zwischen den Rüstungen der Dölkerbundsmitglieder bestehen, um dadurch den Bund zur Erfüllung seiner Aufgaben geeigneter zu machen. Die empfindliche Frage ver­lange zweifellos Rücksicht auf die gegenwärtigen Tatsachen, aber nur eine volle Loyalität und der Wunsch einer gegenseitigen Verständigung, von dem

die gegenwärtige Versammlung so glücklich beseelt sei, werde den Weg ebnen können, der zu dem ge­meinsam verfolgten Ideal führe. Die von der Kom­mission oorgeschlagene Resolution in der Frage der Abrüstung wurde angenommen. Dje Vollversamm­lung genehmigte dann den Bericht der Fünften Kommission über Kinderschutz, der Zweiten Kommis­sion über den finanziellen Wiederaufbau Oesterreichs und Ungarns und schließlich den Bericht über die Arbeiten der Finanzkommission. Die nächste Voll­sitzung des Völkerbundes findet am Samstag statt.

Aankrsich und die AdrMmg.

Klagen desTernps".

Paris, 24. Sept. (Sil.) DerTcmps" beschäftigt sich unter dem TitelSicherheit u n d A b r ü ft u n g mit den Genfer Besprechun­gen und betont, daß man sich von der ins Auge Gefaßten Abrüstungskonferenz nicht ei n e b o Li­orn m e n e und endgültige Lösung des Problems versprechen solle. Man scheint auf ver­schiedenen Seiten zu befürchten, so schreibt das Blatt, daß die Kontrolle zu keinem Ergebnis führen werde. Dies wäre jedoch nur eine Frage der Organisation, wobei man allerdings zu» geben müsse, daß die internationalen Abmachun­gen zwecklos wären, wenn man nicht über die Möglichkeit verfügen könnte, nachzuprüfen, ob die Unterzeichner des Vertrages tatsächlich gewissenhaft ihre Verpflichtungen ein» hielten. Es müsse jedoch jeder Staat selbst angeben, was er als Minimum für seine Sicher­heit nötig erachte und es müßte daher die Be­sprechung solcher Fragen nicht nur von allge­meinen Gesichtspunkten aus behandelt werden. Die gegenwärtig günstige Atmosphäre mühte für diese Verhandlungen ausgenutzt werden. Es sei daher schwer zu verstehen, daß die Mächte, die nicht aufhörten, den Kontinentalstaate« die Ab­rüstung zu empfehlen, indem sie dieselben als mili­taristisch und imperialistisch bezeichneten, sich auf keine entscheidenden Schritte ein« lassen und alles in Frage stellen wollon. Die von dem amerikanischen Delegierten in der vor­bereitenden Abrüstungskommission angenommene Haltung und die des englischen Delegierten seien in dieser Hinsicht in ganz besonderem Maße ent­scheidend.

Stresemanns Bericht.

Das Kabinett billigt die Politik von Thoiry.

B e r l i n, 24. Sept (TU. Drahtmeldung.) Amt­lich wird milgeleill: 3n der heutigen, unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Dr. Marx abgehaltenen Sitzung des Reichskabinetts erstattete der Reichsminister des Aeußern, Dr. Stresemann, Bericht über die Tätigkeit der deutscheti Delegation aus der Völkerbundsverfammlung in Genf. Das Kabinett stimmte der Haltung der deut­schen Vertreter zu und sprach dem Reichs- außenminister Dr. Stresemann sowie den übrigen Mitgliedern der deutschen Delegation für die geleistete Arbeit seinen Dank aus. Anschließend berichtete Dr. Stresemann über den Inhalt seiner Verhandlungen mit dem französischen Außen­minister Briand zur Frage des deutsch- franzöfischen Ausgleichs. Das Kabinett billigte e i n ft i m ni i g und grundsätzlich die Verhandlungen, zu deren Wetterführung ein aus den in Betracht kommenden Ressort­ministern bestehender Ausschuß gebildet wurde, der dem Kabinett Bericht erstatten soll.

2vie die Tel.-Anion weiter vernimmt, wird dieser interministerielle Ausschuß bestehen aus dem Reichsauhenminister, dem Reichs- finanzminister und dem R e l ch s w iri­sch a s t s m i n i st e r. Die Reichsregierung ist somit dem Beispiel des französischen Kabinetts ge­folgt, das gleichfalls Einzelverhandlungen durch die verschiedenen Ressorts vorgesehen hat. Das scan- zösische Kommunique wird als eine grundsätzliche Zustimmung zu den Verhandlungen gewertet, in

demselben Sinne, wie sie heute durch das Reichs­kabinett erfolgt ist. Die Weiterbehandlung der in Thoiry aufgeworfenen Fragen ist somit auf den diplomatischen Verhandlungsweg ver- rolcfen. Der französische Geschäftsträ­ger in Berlin ist von dem heu-igen Beschluß des Reichskabinetts in Kenntnis gesetzt worden. Eine (Einberufung des Auswärtigen Ausschusses des Reichstages kommt nach An­sicht der Regierung erst bann in Frage, wenn die ge­samte Delegation aus Genf zuruckgekehrt ist und sich das Ergebnis der Genfer Verhandlungen als Ge­samtheit überblicken läßt. Die Regierung ist ferner der Ansicht, daß sich die Besetzung der deut­schen Delegation durch Parlamentarier ein Gedanke, der auch in westlichen Ländern ver­wirklicht ist ausgezeichnet bewährt hat. Die Reichsregierung ist gewillt, diesen Weg bei den künftigen Verhandlungen im Völkerbund weiter zu beschreiten. Die Regierung legt besonderen Wert aus die Feststellung, daß sich die deutsche Delegation bei allen wichtigen Entscheidungen in CX,ni stets in voller Einmütigkeit befunden hat.

Auch Belgien

wünscht Verhandlungen.

Brüssel, 24. Sept. (TU.) Die belgische Re­gierung steht den deutsch-französischen Verhandlun­gen nicht mißgünstig gegenüber, wünscht aber, daß gleichzeitig auch d e u 11 ch - b e 1 g i s ch e Verhandlungen geführt werden. In Brüsseler Kreisen spricht man schon von einer bevorstehenden