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Abg. Everling (Dn.): Der Vertreter des! preußischen Finanzministers hat nicht das Gut­achten des jetzt amtierenden Justizministers A m Zehnhoff zitiert, dessen Gutachten feststellt, daß die Kronfideikommißrenten zum großen Teil pri­vatrechtlichen Charakter haben.

Vom Abg. Dr. Pfleger (Bayr. V.) war in­zwischen ein Antrag eingegangen, der im Sinne seiner vorherigen Ausführungen die Renten zur Streitmasse schlagen und die Aufwertungsbestim­mungen im Sinne des Antrags Everling ändern will.'

Abg. o. Lindeiner-Wildau (Dn.) erklärt unter Unruhe der Linken, die Ausführungen des Vertreters des preußischen Finanzministeriums hätten die notwendige Objektivität vermissen lassen, die man von einem Regierungsvertreter verlangen müßte. Es sei eigenartig, wenn ein republikanischer Regierungsvertreter das Gutachten eines könig­lichen Justizministers höher stelle als das eines republikanischen Ministers. (Lachen links.)

Vorsitzender Abg. Dr. Kahl (D. V.) wies den gegen den Regierungsvertreter erhobenen Vorwurf der mangelnden Objektivität zurück.

Abg. v. Richthofen (Dem.): Wir werden dem sozialdemokratischen Anträge zustimmen.

Abg. v. Drhander (Dtschn.): Der preu­ßische Regierungsvertreter hat nicht mitgeteilr, das; bei den Auseinandersehungsverhandlungen von 1920 auch der preußische Finanzminister Dr. Südekum die Meinung deS Iustizministers am Zehnhofs durchaus geteilt hat.

3n der weiteren Aussprache erklärte Abg. Dr. Rosenfeld (Soz.) mit der Zustimmung zu dem sozialdemokratischen Anträge sei die vom Abg. Dr. Wunderlich gewünschte politische Ausbalanzierung noch nicht erreicht. Die Sozial­demokraten müßten sich weitere Forderungen Vor­behalten.

Bei der Abstimmung wurde der sozial­demokratische Antrag mit 16 gegen 9 Stimmen, bei 3 Stimmenthaltungen der Kommunisten, angenommen. Dagegen stimm­ten die Deutschnattonalen und die Abgeordneten Dr. Pfleger (Bahr. Bp.), Alpers (Wirtsch. Bg.) und Dr. Frick (Volk.). Die übrigen An­träge zum § 8 der Fassung der Regierungs­vorlage waren damit gefallen. Die § 9 bis 11 der Regierungsvorlage bestimmen, was aus der Streitmasse dem Lande ohne Entschädigung zuzu­stellen ist (Schlösser von kulturhistorischer Bedeu­tung, Museen, Parkanlagen usw.) und waS aus dem Reichsvermögen der Fürsten gegen Entschädi­gung an das Land abzutreten ist.

Abg. Dr. Everling (Dtschn.) begründet einen Antrag auf Streichung dieser Paragraphen, weil er in ihnen die fchroffeste Betonung der entschädigungslosen Enteignung erblicke.

Abg. Dr. Rosenfeld empfiehlt Anträge seiner Freunde, die entschädigungslose Enteig­nung noch auf weitere als in der Regierungs­vorlage angeführte Gegenstände auszudehnen.

Staatssekretär 2 o e l vom Reichsjustizministe­rium erklärt, die Reichsregierung betrachte die in § 9 bestimmte entschädigungslose Enteignung von Schlössern, Theatern usw. als verfas­sungsmäßig zulässig, weil sie nach dem Wortlaut des Gesetzes vom Lande aus Gründen der Kultur oder der Bollsgesundheit in Anspruch genommen werden.

Der § 9 wurde schließlich unter Ablehnung aller Anträge gegen die Stimmen der drei Kom­munisten bei Stimmenthaltung der Sozialdemo­kraten und Deutschnativnalen angenommen. Der Ausschuß vertagte sich dann auf Freitag.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 24. 3uni, 1 Uhr nachm.

I Der Gesetzentwurf über die vorläufige An­wendung von Wirtschaftsabkommen geht ? an den handelspolitischen Ausschuß. Der Gesetz­entwurf, der das Registerpfandrecht reichsgesetzlich für alle im Bau befindlichen Schiffe einführt, wird in zweiter und dritter Beratung ohne Aussprache angenommen.

Zur zweiten Beratung kommt Mim die Vor­lage, durch die das Gesetz über den Verkehr m1t unedlen Metallen auf ein halbes Jahr bis Ende 1926 verlängert werden soll. 3n - gleicher Weise soll das Gesetz über den Ver­kehr mit edlen Metallen und Edelsteinen verlängert werden. Die Verlängerung beider Ge­setze wird in zweiter und dritter Beratung be­schlossen.

Der von der Deutschen Volkspartei einge- brachte Gesetzentwurf über die Erhöhung der Alterspensionen wird auf Antrag des Abg. Gerig (Zentr.) an den Haushaltsaus­schuh zurückverwiesen, nachdem nach längerer Ge­schäftsordnungsdebatte auch Staatssekretär Kempner mit Rücksicht auf die Konsequenzen dieser Vorlage eine nochmalige Ausschußbera- tung für notwendig erklärt hat.

Die zweite Beratung der Rovelle zum Mieterschuhgeseh wird dann fortgesetzt.

Abg. Tremmel (Zentr.) führt aus, die Wohnungszwangswirtschaft könne nicht vollstän­dig beseitigt werden, solange die jetzigen Zu­stände auf dem Bau- und Wohnungsmarkt be­stehen bleiben. Ihre Aufhebung würde unter den jetzigen Umständen nur eine Privatwirtschaft an Stelle der staatlichen bringen. Dem vorliegen­den Gesetz werde die Zentrumspartei mit Rück­sicht auf die Rotlage vieler Hausbesitzer zu­stimmen.

Abg. ßinnefelö (Disch.Dp.) hält die so­fortige Aufhebung des Mieterschuhgesetzes nicht für angängig. Die gewerblichen Räume müßten aus den Zwangsbestimmungen herausgenommen werden. Ein Skandal sei der schwunghafte Handel mit Wohnungen.

Abg. D o m s ch (Dntl.) erklärt, die Deutschnatio­nalen seien gegen eine einschneidende Begünstigung der Hausbesitzer und der Mieter. Das Wohnungs­wesen sei mit der sonstigen Zwangswirtschaft nicht auf eine Stufe zu stellen. Sie könne nicht von heute auf morgen aufgehoben werden, wenn nicht eine schwere Schädigung aller Mieter eintreten solle. Eine weitgehende Lockerung der Wohnungszwangs- wirtschaft sei allerdings zu begrüßen. Der Redner begründet die Anträge seiner Partei auf Heraus­nahme der gewerblichen Räume aus den Mieter­schutzbestimmungen unter bestimmten Voraus­setzungen und aus Erweitern des Kündigungsrechts des Vermieters.

Abg. H ö l l e i n (Komm.) bezeichnet die Vorlage als den Ausdruck kapitalistischer Brutalität. Die Ne­gierung wolle die Aufhebung des Mieterschutzge­setzes oorbereiten, und damit die arbeitenden Volks- massen zur Massenoddachlosigkeit verurteilen.

Nach 4 Uhr wird die Weiterberatung auf Frei­tag 2 Uhr vertagt; außerdem steht auf der Tages­ordnung das zweite Volksentscheidge- s c tz und kleinere Vorlagen.

Preußischer Landtag.

Berlin, 24. Juni, 12 Uhr mittags.

Abg. Kilian (Komm.) verlangt die sofortige Beratung eines kommunistischen Antrags, der das Staatsmmisterium ersucht, sofort eine Hilfsaktion zugunsten der Hochwassergeschädigten in Preußen, besonders aber im Oder- und Elbegebiet einzu- lelten.

Präsident Bartels bemerkt, daß eine große Anzahl von ähnlichen Anträgen verschiedener Par­teien vorliegen, die gemeinsam am Samstag be­raten werden sollen. Da die Kommunisten sich mit dieser Absicht einverstanden erklären, ist die Sache für heute erledigt.

Es folgt die Einzelberatung des Polizeietats.

Abg. Metzenthin (D. V.) wiederholt seine schon in der Generaldebatte gestellte Frage, ob bei den Haussuchungen nicht erhebliche Verstöße gegen die Strafprozeßverordnung vorgekommen und ob die Schuldigen bestraft worden seien. Sollte die Staatsregierung heute wieder diese Frage nicht be­antworten, so müsse daraus geschlossen werden, daß tatsächlich schwere Verstöße vorlägen. (Sehr wahr! rechts.)

Abg. Borgt (Dn.) erklärt, es müsse geradezu als eine Herausforderung rechts gerichteter Ver­bände angesehen werden, daß in Köln abermals Haussuchungen bei Jndustrieführern vorgenommen worden seien. (Hu-Hu-Rufe links.)

Abg. M a n t k e (Ztr.) macht einzelne Vorschläge für die Ausbildung von Polizeibeamten, besonders auch für die Polizeischulen.

Ministerialdirettc-r Dr. A b e g g betont, daß er verpflichtet sei, die Würde der Regierung zu wahren. Der Abgeordnete Metzenthin habe seine seinerzeitigen Ausführungen im Hauptaus­schuß für lächerlich erklärt, und er habe keinerlei Veranlassung, auf eine von derselben Seite noch einmal gestellte Frage zu antworten. (Große Anruhe rechts lebhafte Zurufe!)

Abg. Metzenthin (D. Vp.): Die Aus­kunft, die der Herr Vertreter des Ministeriums soeben gegeben hat, ist sebr originell insofern als sich noch niemals, seit ich im Hause bin, ein Ministerialdirektor von einer unbequemen Ant­wort entfernt hat. Ich habe nur die Erklärung des Herrn Abegg zurückgewiesen, daß es sich bei dem Vorgehen der Polizei um die Sicherheit des Staates gehandelt habe. Eine klare Antwort auf die Frage, ob sich die Polizei bei ihrem Vorgehen rein technisch an die für sie geltenden Gesetzesbestimmungen gehalten habe, habe ich nicht bekommen.

Ministerialdirektor A b e g g erklärt unter großem Lärm der Rechten: Ich habe ausdrück­lich gesagt, daß ich es ablehnen muß, auf eine derart gestellte Frage eine Antwort zu erteilen, nachdem die von mir gegebene Antwort bereits einmal in einer derartigen Weise entgegenge­nommen worden ist. (Große Anruhe rechts und Rufe: Anerhört!) Auf die Frage des Abgeord­neten Borgt (Dn.) wird eine schriftliche Ant­wort des Ministeriums heute noch herausgehen. (Große Anruhe rechts RufeAbtreten!")

Abg. D i l b e r g (Dn.) erklärt, feine Partei habe nach den Ausführungen des Herrn Abegg nicht das Vertrauen zu der Regierung.

In der weiteren Aussprache wendet sich der Kommunist Kasper scharf dagegen, daß für die Provinzwohnung des Vizepräsidenten Friedens­burg 16 000 Mark ausgegeben worden seien. Abg. Borgt (Dn.) schließt sich dem an. Abg. Bartels (Komm.) erklärt die grundsätzliche Ab­lehnung seiner Fraktion, Aufwendungen für be­sondere Dienstleistungen der Polizei zu bewilligen.

Abg. Dr. Leidig legt namens der Deutschen Volkspartei Verwahrung gegen die Aeußerung Abeggs ein, daß erdie Würde der Regierung zu wahren habe". Die Regierungskommissare seien zwecks sachlicher Aufklärung in das Haus gesandt, nicht aber zu persönlichen Auseinandersetzungen mit Mitgliedern des Hauses. (Sehr richtig! rechts.)

Abg. Marckwald dankt unter stürmischem Gelächter der Rechten dem Ministerialdirektor für die Wahrung der Würde der Staatsregierung. Damit ist die zweite Beratung des Polizeihaushalts erledigt.

Es folgen nun die Abstimmungen, wobei der Polizeietat nach den Beschlüssen des Haupt- ausschusses Annahme findet. Weiter verabschiedet das Haus in zweiter und dritter Beratung den sozialdemokratischen Initiativgesetzentwurf, be­treffend die Abänderung des Schutzvolizei- beamtengesetzes vom 16. 8. 22. In nament­licher Abstimmung wird ein deutschvolkspartci- licher Antrag, bei Reuschasfung des Schuhpolizei- beamtengeseheS den Polizeioffizieren größeren Schutz gegen Entlassungen aus politischen Grün­den zu gewähren, mit 197 gegen 147 Stimmen bei zwei Enthaltungen a b g e l e h n t .

Rächster Gegenstand der Tagesordnung ist die zweite Beratung deS Haushalts der allgemeinen Finanzverwaltung.

Berichterstatter Abg. Dr. Wremer (D. Dp.) betont, man müsse gegenwärtig noch mit einem Fehlbetrag von 632 Millionen für den Etat 26 rechnen, der bis zur dritten Lesung des Etats behoben werden soll. Die Finanzlage Preußens sei ernst und bei den kommenden Verhandlungen über den Reichsfinanzausgleich muffe das Reich gebührende Rücksicht auch auf die finanziellen Interessen Preußens nehmen.

Hierauf vertagt das Haus die Weiterbera­tung auf Freitag 11 Ahr.

Zum Volksentscheid in Hessen erläßt der Hessische Wirtschafts - und Ord- nungsblock (Hess. Landbund, Deutsche Volks­partei, Deutschnat. Volkspartei) folgende Kund­gebung an das hessische Volk:

Unserer Aufforderung, durch Auflösung des Hessischen Landtags und Befragung des Volkes die von den linksradikalen Kräften der hessischen Re­gierung verschuldete Mißwirtschaft unmöglich zu machen, ist das hessische Volk in einem über unser Erwarten weit hinausgehenden Umfang gefolgt. Wir wissen genau, daß zahllose Wähler, insbesondere viele, die im Beamtenverhältnis oder wirtschaftlicher Abhängigkeit gegenüber staatlichen Machthabern sich befinden, nur aus Furcht vor den zu erwartenden Vergeltungsmaßnahmen, sich nicht durch Einzeich­nung in die Listen an der Bewegung beteiligen konnten. Aber auch sie zählen wir zu den Mit­kämpfern für eine bessere Verwaltung, g e - sünder? Steuerpolitik und für eine sau­bere Personalpolitik im hessischen Staat.

Wir danken allen, die durch Einzeichnung ihres Ramens sich mannhaft für unsere Sache und gegen den herrschenden Parteiklüngel be­kannt haben. Mißwirtschaft, verfehlte Steuerpolitik, parteipolitische Ein­flüsse in Verwaltung und Stcllenbesetzung sind der Arsprung unserer Bewegung. Gegen die

Wirkungen dieser Entartung vernünftiger Staats­politik wendet sich unser Kampf. Gesunde Steuerpolitik, Reinlichkeit in Ver­waltung und Sparsamkeit in allen Zweigen des öffentlichen Dienstes sind unsere Ziele.

Das Ergebnis des Volksbegehrens war ein gewaltiges Bekenntnis der weitesten Kreise un­seres Volkes gegen das jetzige System und füa unseren Kampf. Der nächste Schritt wird die Volksentscheidung sein, nachdem die Linksparteien es abgelehnt haben, freiwillig dem hessischen Volke durch Verfassungsänderung die Kosten einer Volksabstimmung zu ersparen und den Weg zur Abgabe des Stimmzettels frei zu machen.

Haltet euch bereit, bis der Augenblick kommt, wo eine machtvolle Kundgebung des hessischen Volkes durch Volksabstimmung die Auslösung des Landtags erzwingt. Der Kampf geht weiter, bis das Ziel erreicht ist.

Aus dem Hessischen Landtag.

Im Hessischen Landtag hat der Sozialist Storck folgende Anfragen gestellt:

1. Ist der Regierung bekannt, daß im Bahnhof Reinheim von Groß-Bieberau abgesandte und nach Stuttgart adressierte Waffen in großer Menge ge­funden wurden?

2. Ist cs richtig, daß der Absender der Waffen der bekannte Führer des Jungdeutschen Ordens, Landwirt Heldmann in Groß-Bieberau, ist?

3. Sind die Waffen Eigentum des Jungdeutschen Ordens?

4. Hat die Regierung Vorsorge getroffen, daß weitere Waffenlager in Hessen sich nicht mehr befinden?

Minister des Innern v. Brentano hat diese Fragen folgendermaßen beantwortet:

Zu 1. Der Regierung ist bekannt, daß im Bahn­hof Reinheim eine von Groß-Bieberau nach Stutt­gart adressierte Sendung einer größeren Anzahl von Waffen gefunden wurde.

Zu 2. Der Absender der Waffen ist der Landwirt Heinrich Heldmann in Groß-Bieberau, der nach seiner Angabe in der ersten Nachkriegszeit dem Jungdeutschen Orden angehörte, seitdem und zur Zeit aber weder mit dem Jungdeutschen Orden noch mit anderen Organisationen etwas zu tun haben will.

Zu 3. Nein, die Waffen find nicht Eigentum des Jungdeutfchen Ordens.

Zu 4. Ja, die Regierung hat die geeigneten Maßnahmen getroffen.

Aus ßöev Welt.

Unruhen in Delhi.

In Delhi kam es anläßlich eines mufelmani- schen Festes zu Anruhen. Britisches Militär hält die Hauptstraßen mit Pantzerautomobilen beseht und Kavallerie patrouilliert durch die Stadt, die fest in den Händen der Behörden ist. Bei den Krawallen wurde ein Hindu vor einer Moschee erdolcht und 43 Personen verletzt, dar­unter ein Polizeibeamter, 14 Hindus und 28 Mohammedaner. Die Behörden untersagten An­sammlungen von mehr als 5 Personen. Die mili­tärischen Vorkehrungen zur Aufrechterhaltung der Ordnung bleiben in Kraft.

Blutiger Zusammenstoß bei Mekka.

Wie aus Kairo berichtet wird, ist es Bet Mekka zu einem sehr blutigen Zusammenstoß, zwischen Wahabiten und ägyptischen Truppen gekommen. 25 Wahabiten sollen getötet worden sein.

Die Pest in Astrachan.

Im Gouvernement Astrachan sind hundert Fälle von L u n g e n p e st, die von Feldmäusen auf die Menschen übertragen wird, registriert worden. Das Gesundheitskommisfariat hat sofort dorthin eine spezielle Kommission von Aerzten zur Bekämpfung der Seuche entsandt. Von den hundert Befallenen sind 40 Personen ge­worben.

Hochwasser überall.

Das Hochwasser des Rheins ist seit gestern in Mannheim um 20 Zentimeter, das des Neckars um 25 Zentimeter gestiegen. Der Rhein ist aus den Ufern getreten und hat bei Mannheim die Anlagen überschwemmt. Der auf den Feldern angerichtete Schaden ist bedeutend.

Im Laufe des gestrigen Tages und der ver- gangenen Nacht ist ein erneutes Anwachsen der Oder zu verzeichnen gewesen, es wurde ein Stand von 4,65 Meter erreicht. Aus Crossen wird gemeldet, daß die Oder bei einem Pegelstand von 4,37 Meter zum Stillstand gekommen ist. Zahlreiche Häuser mußten geräumt werden. Bei Vietz rechnet man schon mit dem Bruch des vom Wasser hart be­drängten Dammes. Die Küstriner Pioniere sind zur Hilfeleistung eingesetzt.

In Altmark und Priegnitz gehen täglich schwere Gewitter mit wolkenbruchartigen Regengüssen nie­der und machen die Folgen der Hochwasserkata- strophe unübersehbar. Die Stepenitz hat die Ufer kilometerweise überschwemmt und gegen 10 000 Morgen Roggen-, Kartoffel- und Heuernte ver­nichtet. Bei Dargarbt ertrank ein Wanderbursche in der Löcknitz, bei Seedorf der Besitzer Wendt.

Mil Pferd und Wagen im Rhein ertrunken.

Aus Emmerich wird gemeldet: Ein Tag­löhner fuhr mit seinem Fuhrwerk zum Fahr­damm über einen Weg, der vom Hochwasser überflutet ist. Offenbar des Weges unkundig, kam er von ihm ab und stürzte mit Wagen und Pferd in den hochgehenden alten Rhein. Mann und Pferd gingen sofort in den Fluten unter. Rettungsversuche waren vergeblich. Man konnte nur noch die Leiche des Fuhrmannes und später auch das Fuhrwerk bergen.

Bootsunglück auf der Ruhr.

Aus Essen wird gemeldet: Gestern abend ken­terte in der starken Strömung der Ruhr bei der Heisinger Fähre ein mit drei Personen besetztes Paddelboot. Zwei der Insassen, ein junger Mann und ein junges Mädchen ertranken, während sich der dritte Insasse retten konnte.

WcLLervoraussage.

Zeitweise noch stärker bewölkt, vielfach auf- heiternd, westliche hiS nördliche Winde, nachts kühl, Steigung zu lokalen Schauern, sonst trocken.

Da von Westen her weitere Druckzunahme erfolgt, so schreitet die Aufbesserung der Wetter­lage fort. Jedoch muß, da die Zufuhr nördlicher bis westlicher Winde zunächst anhält und die tägliche Erwärmung stärker wird, weiter mit dem Auftreten von lokalen Schauern gerechnet werden.

Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 13,3, Minimum 6,8 Grad CelsiuS. Riederschläge 1,5 Millimeter. Heutige Morgentemperatur 12,5 Grad Celsius.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 25. Juni 1926.

Die Schlaflosigkeit.

Don Sanitätsrat Dr. Hanauer, Frankfurt a. M.

Die Schlaflosigkeit zählt zu den häufigsten und quälendsten Aebeln. Wenn der Kranke über Schlaflosigkeit klagt, so ist das allerdings nicht wörtlich zu nehmen, denn in der Regel handelt es sich nicht um vollständige Schlaflosigkeit, son­dern es ist meist der verkürzte und wenig er­quickende Schlaf, manchmal auch ein oberfläch­licher, häufig unterbrochener, der den Kranken quält. Oft glaubt er dauernd wachgelegen zu sein, während er in Wirklichkeit zeitweise ge­schlummert hat, öfters aber wieder aufgewacht ist.

Die wichtigste Arsache der Schlaflosigkeit sind fortwirkende Erregungen, die durch geistige Arbeit und lebhafte Gemütsbewegungen bedingt sind.

Weitere Arsachen der Schlaflosigkeit sind zu starke Mahlzeiten vor dem Zubettgehen oder zu geringe Rahrungsaufnahme, Darmträgheit, Ge­nuß von starkem Kaffee oder Tee in später Abendstunde, Tabakmihbrauch. störende Licht- und Gehörseindrücke u. a. In physiologischer Bezie­hung ist zu beachten, daß bis zum Eintritt des Schlafes eine gewisse Blutleere des Gehirns notwendig ist. Das Blut flieht bekanntlich den Organen in vermehrter Menge zu, die es zu ihrer Arbeit brauchen; in besonders sinnfälliger Weise ist dies bei der Verdauung der Fall, das Blut wird hier dem Gehirn entzogen, unö so erklärt sich das Gefühl der Müdigkeit und Schläfrigkeit nach dem Essen. Amgekehrt kann bei Aeberfüllung des Gehirns mit Blut ein richtiger Schlaf nicht zustandekommen.

Zur Verhütung der chronischen Schlaflosigkeit ist körperliche und geistige Hygiene notwendig, wechselnd zwischen Arbeit, Rahrungsaufnahme und Ruhe, Gewöhnung an Ordnung und Regel­mäßigkeit im Aufstehen und Zubettgehen, rich­tige Gestaltung des Schlafzimmers, Abhaltung aller störenden und ungewohnten Sinnesreize, vor allem der störenden Geräusche, Ausschaltung aller Lichtquellen, Durchwärmung des Bettes und Schlafzimmers in kalter Jahreszeit. Auch die Körperlage im Bett ist von Bedeutung; da das Liegen mit erhöhtem Oberkörper den Dlut- abfluß begünstigt, so ist diese der Tieflage des Kopfes vorzuziehen. Verkehrt ist es, mit ge­spannter Aufmerksamkeit dem Eintritt des Schlafes entgegenzusehen. Man soll den Schlaf erwarten, indem man sich ganz der Ermüdung überläßt.

Was die Bekämpfung der Schlaflosigkeit an­belangt, so ist von dem gewohnheitsmäßigen Ge­brauch von Schlafmitteln aufs ernstlichste zu war­nen. Eine Heilung der Schlaflosigkeit wird durch Schlafmittel überhaupt nicht herbeigeführt. Die Beseitigung der Schlaflosigkeit muß durch allge­meine Maßnahmen erfolgen. Manchmal tut ein Ortswechsel, ein Aufenthalt im Gebirge oder an der See zur Beseitigung der Schlaflosigkeit gute Dienste. Bei hochgradiger Reizbarkeit. und Erregbarkeit ist ein beruhigendes Klima ange­bracht, z. B. Riederungs- und mittleres Gebirgs­klima. Es wird ferner allgemeine Massage am Abend und Kopfmassage empfohlen, desgleichen Widerstandsgymnastik.

Diel und mit Erfolg gebraucht werden Was- seranwendungen. Zu den toirffamften Mitteln gehört die feuchte Ganzpackung von 3/4- bis einstündiger Dauer, die feuchte Leibbinde, Kühl- kappe am Kops, seuchtwarme Wadenwickel, Prieß- nitzumschläge um den Leib, Feuchte Amschläge um den Racken, Anterscheneelgusse, kurze kalte oder warme Fußbäder, feuchte Strümpfe, über welche trockene gezogen werden auch Sih- und Halb- bäder werden empfohlen.

Keine Auswanderung nach Chile

Der Deutsche Ansiedler", herausqegeben von Pastor Wedekind - Elberfeld, schreibt in seiner Chile-Rummer (Mai-Juni 1926) folgende beach­tenswerte Winke für Auswanderungslustige nach Chile:

Ist heute deutschen Auswande­rern die Ausreise nach Chilezu emp­fehlen?

Chile hat ohne Frage Einwanderer nötig. Aber mittellosen Deutschen wird es nur in seltenen Ausnahmesällen gelingen, unterzukommen. Die Aufnahmefähigkeit des Landes ist beschränkt. Das anspruchsvolle und unzufriedene Verhalten vieler deutscher Abenteurer nach dem Kriege hat den Deutschen als Arbeiter in Chile unbeliebt ge­macht. Man hört selbst von deutschfreundlichen Chilenen:Ich nehme nie wieder einen Deut­schen an.

Tüchtige Handwerker finden noch am leichtesten eine Lebensstellung; aber auch sie müssen etwas Geld mitbringen, schon um nicht in Rot zu geraten, solange sie noch keine Arbeit ge­funden haben. Auch müssen sie so schnell als möglich die spanische Landessprache erlernen. Kaufmännische Angestellte und Akademiker haben wenig Aussicht auf Anstellung. Alle Berufe sind in Chile überfüllt, an Kaufleuten ist kein Mangel.

Landwirte dürfen nicht darauf rechnen, freies Land oder Llnterstützung von der Regie­rung zu erhalten. Der mittellose Landarbeiter steht sich in Deutschland besser als in Chile. Der Landwirt, der in Chile Kolonist werden will, muh wenigstens 5000 Goldmark besitzen, um ein Stück Land zu kaufen oder als Pächter kulti­viertes Land zu übernehmen, um es später zu erwerben. Die Verkehrs- und Absatzschwierig­keiten fallen erschwerend ins Gewicht. Der an­spruchslose, arbeitsfreudige, gesunde Deutsche kann aber auch heute noch in Chile voran­kommen, wenn es ihm am nötigen Anfangs­kapital nicht fehlt. Er soll dann aber darauf achten, sich unter deutschen Volksgenossen und Glaubensbrüdem niederzulassen! Dann wird er dort bald heimisch werden

Die politische Lage in Chile, die zur Zett einigermaßen kompliziert ist und Gefahren in sich birgt, sollte beachtet werden. Der deutsche Aus­wanderer, der sich Südamerika zuwendet, muß aber auch bedenken, daß er sich etwa die Halste der Reisezeit und Reisekosten erspart, trenn er nach Südbrasilien oder 'J(orDargentlnien geht, wo sich ihm etwa dieselben Aussichten bieten.

Bornotizen.

Tageskalender für Freit aa. Verein Oberhessisches Damenheim, 5Vr älhr nach­mittags, Lukassaal (Liebigstr. 56): Mitglieder­versammlung. V. H. C.: Monatsversammlung bei Hopfeld. Ramiro-Thectter, 81 4 Tlhr, Kath. Vereinshaus.

Gleibergverein. Nächsten Samstag auf der Burg Gleiberg Generalversammlung. (S. Anzeige.)

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