Ausgabe 
24.8.1926
 
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Nr. 197 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Dienstag, 24. August 1926

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Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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MetzeimAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.Tbyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An« zeigenteil i. Dertr. H. Beck, sämtlich in Gießen.

Der Luftverkehr im besetzten Gebiet.

Ko b lenz, 23. Aug. (WTB.) Der Reichs­kommissar für die besetzten rheinischen Ge­biete in Koblenz teilt folgendes mit: Nachdem Deutschland und Frankreich sich durch ein be­sonderes Abkommen gegenseitige Erleich­terungen für den Luftverkehr zuge- standen haben, hat nunmehr die Interalliierte Rhein la ndkommission in Koblenz durch ihre Ordonnanz 309 vom 17. August 1926 das bisherige Verbot für deutsche Flieger, das be­setzte Gebiet zu überfliegen, aufgehoben. Ferner hat sie die bisher für die besetzten Ge­biete suspendierten deutschen Gesetze über die Luftfahrt für die rheinischen Gebiete zu­gelassen. Von jetzt an dürfen deutsche Flieger also über das besetzte Gebiet fliegen. Eie bedürfen jedoch hierzu der vorherigen Genehmigung der Rheinlandkommission. Diele Er­laubnis wird an Luftverkehrsgesellschaften sunt Betrieb von festen Luftlinien durch eine Kollek­tivgenehmigung auf den Ramen der Gesellschaft und mit Gültigkeit für bestimmte Zeit erteilt. Einzelne Flieger müssen um eine auf den Ramen des Fahrers lautende Genehmigung bei der Äheinlandkommission nachsuchen. Dies gilt auch für den sogenannten Segelflug. Hier besteht insofern eine Erleichterung, als die Genehmigung für eine Sportgruppe kollektiv erteilt werden kann. Die Errichtung von Flugplätzen be­darf ebenfalls der vorherigen Genehmigung. Freiballonfahrten sind ohne besondere Erlaubnis gestattet. Die Beförderung von Waf­fen und dergleichen durch Flugzeuge ist verboten. Der Transport und die Beförderung von Bild- gerät muh besonders genehmigt werden. Die militärischen Landungsplätze dürfen nur als Rotlandungsplätze benutzt werden. Die Verordnung 80, durch welche bisher das Ueber- fliegen des besetzten Gebietes für Deutsche ver­boten war, ist aufgehoben. Der Wortlaut der Verordnung 309 wird alsbald im Mitteilungs­blatt des Reichskommissars veröffentlicht werden, das durch alle Postanstalten zu beziehen ist.

Das Arbeitsprogramm des Völkerbundes.

Genf, 23. Aug. (WB.) Der Völkerbundsrat totrb am 2. September in Genf zu seiner 41. Tagung zusammentreten, die während der ganzen Dölrerbundsversammlung dauern wird. Den Vor­sitz wird D e n e s ch - Tschechoslowakei führen. Dem Völkerbundsrat wird in dieser Tagung der Be­richt der von ihm eingesetzten Kommission zur Prüfung der Reorganisation des Völ­kerbundsrates, die bekanntlich am 30. Aug. in Genf zusammentreten wird, vorgelegt werden. Unter den übrigen Punkten der vorläufigen Tagesordnung sind zu erwähnen die Berichte über die Arbeiten der verschiedenen Kommissio­nen, die seit der Juni-Session des Völkerbunds- rates getagt haben.

Der Völkerbundsrat wird ferner Kenntnis nehmen von den Schluhberichten der Völker- b u nd s ob e r kom m i s s a r e in Wien und Budapest, die ihre Tätigkeit gemäfj den in der letzten Session des Rates gefällten Be­schlüssen eingestellt haben. Des weiteren wird sich der Völkerbundsrat mit der Frage der An­siedlung der griechischen und bul­garischen Flüchtlinge beschäftigen, die finanzielle Lage der freien Stadt Danzig prü­fen und über die Maßnahmen beraten, welche die Regierungskommission für das Saar gebiet zur Sicherung der Transport- und Transitfreiheit auf den Eisenbahnen des Saargebietes ins Auge faßt. Auf Ersuchen der Vertreter Grohbritan- niens, Frankreichs und Japans als Unterzeich­ner der Memeler Konvention wird der Völkerbundsrat ebenfalls über eine Denkschrift des Landtages des Memeler Gebietes beraten. Die litauische Regierung wurde eingeladen, die ihr wichtig erscheinenden Bemerkungen in dieser Angelegenheit einzureichen.

Abbröckeln

-es englischen Bergarbeiterstreiks

London, 23. Aug. (TU.) 3m Bergbau wird diese Woche beherrscht durch die Arbeits­wiederaufnahme in den Mid land - bezirken und den Anstrengungen der Berg­arbeitergewerkschaft durch Unterstützung der ört­lichen Dergarbeiterverbände der Bewegung, die über das Wochenende bemerkenswerte Ausmaße erreicht hat, Einhalt zu gebieten. Die Propa- gandasahrten Cooks und der anderen Führer durch die Grubenbezirke haben eine wesentliche Beruhigung ausgelöst. Man erwartet, daß heute 50 bis 75 Prozent der Bergarbeiter in einigen der größten Gruben in Rottinghamshire und Derbyshire die Arbeit wieder aufneh­men werden. Allgemein ist man der Auffassung, daß dadurch die Bergarbeiter in Warwickshire und Staffordshire ermutigt werden würden, in größerer Anzahl als bisher, der Sewerkschafts- parole nicht mehr zu folgen. Cs wird für mög­lich gehalten, daß die Bergarbeitergewerkschaft innerhalb der nächsten Tage in den westlichen Gebieten bedeutende Teile ihrer Anhängerschaft verliert. Cook erklärt, daß der Bergarbeiter­unterausschuh am Dienstag tage.. Man solle den Arbeiterführern nur vertrauen und man werde sehen, daß die Sache zu einem guten Ende führen werde.

Der Umsturz in Griechenland.

Durch eine Militärrevolte ist Pangalos und seine Regierung gestürmt worden, nachdem er verschiedene Versuche hierzu im Laufe der letzten Monate mit großer Energie und Rücksichtslosig­keit niedergeschlagen hat. Daß auch er eines Tages auf diese Weise von feiner Höhe fjerab- stürzen würde, war vorauszusehen, denn Grie­chenland ist das typische Land der Militär­revolten und der Aufstände. Rur Portugal mit seinen Revolutionen und Revolutiönchen über­trifft es noch. Seit dem Herbst 1922, als die griechische Armee in Kleinasien ihre entschei­dende Niederlage erlitt, ist Griechenland inner­politisch nicht mehr zur Ruhe gekommen. Rach dem Zusammenbruch der griechischen Kampffront im türkisch-griechischen Krieg meuterten Heer und Marine gegen die Zivilregierung, der die mili- tärischen Führer mangelnde Voraussicht und die Hauptschuld am Zusammenbruch vorwarfen. König Konstantin muhte abdanken und der Minister­präsident ® unarid verblutete mit seinen Mi­nisterkollegen, zum Tode verurteilt, unter den Kugeln ber Revolutionssoldaten. Der nun fol­gende innerpolitische Kampf richtete sich vor allem gegen die Monarchie, und am 25. März 1924 wurde die Republik ausgerufen. Es wechsel­ten jetzt schnell die Kabinette, die alle von der sehr starken Militärpartei abhingen. Die Generale leiteten die Politik, jedoch war eine einheitliche Stellungnahme unter den sich scharf gegenüberstehenden Militärparteien auch nie zu erreichen, so daß sich die einflußreichsten Generale meist feindlich gegenüberstanden.

Der schwachen Regierung Michalokopu- l 0 s machte am 25. 3unt v. 3s. der General Pangalos ein Ende, indem er sie einfach zum Rücktritt aufforderte. Die Garnison Saloniki und der größte Teil der Marine schloß sich ihm an. Damit blieb dem Kabinett nichts anderes übrig als zurückzutreten. Staatspräsident war damals K 0 n d u r i 0 t i s. der jetzt wieder seinen frühe­ren Posten einnehmen soll, nachdem ihn Panga­los davon vertrieben hatte. Auch der neue Mi­nisterpräsident, der Hauptführer der Militär­revolte gegen Pangalos, Kondhlis, gehörte dem Kabinett, das damals von Pangalos ge­stürzt wurde, als 3nnenminifter an. Die Haupt­führer der Ilmsturzbewegung gegen Pangalos finb mithin die Anhänger und Mitglieder des letzten verfaffungsmähigen Zivilkabrnetts, wie es vor dem Staatsstreich Pangalos' bestand.

Die neue Regierung hat bereits erklärt, daß sie die alten verfassungsmäßigen Zustände im Lande wieder Herstellen will, und daß sie mit allen diktatorischen Regierungsmethoden Panga­los brechen wird. Der letzte Umschwung in Grie­chenland bedeutet mithin eine Rückkehr zum Parlamentarismus, der anscheinend wie­der mehr Anhänger in Griechenland gewoirnen hat, nachdem man über ein 3ahr die Gewaltherr­schaft Pangalos' ertragen hat. Der griechische Diktator hat seine Macht rücksichtslos ausgebeutet und mit all seinen Gegnern aufgeräumt, die entweder fliehen oder in die Gefängnisse wandern muhten. Die Pressefreiheit wurde völlig unter­drückt, und auch sonst war niemand seines Lebens sicher. Als er sich im Frühjahr ds. 3s. zum Präsidenten wählen lieh, erflärte er, daß er die verfassungsmäßigen Rechte des Volkes achten und bald Reuwahlen vornehmen lassen werde. Richts davon wurde jedoch verwirklicht. Zunächst glaubte man. daß Pangalos durch ener­gische Maßnahmen die Währung stabilisieren und die wirtschaftlichen Verhältnisse bessern werde. Das Heer und die Marine hofften auf eine Ver­besserung der Verpflegung und der Besoldung, da diese unter den früheren Regierungen sehr schlecht waren und oft zur AnzusriedenhÄt unter den Truppen Anlaß gegeben hatten. Man toartete zunächst einige Zeit, und als man sah, daß auch Pangalos es nicht schaffte, lieh die Begeisterung! für ihn immer mehr nach. Man sagte sich, daß es bann schon besser fei, wieder eine parlamen­tarische Regierung zu schaffen, unter der man doch! gemütlicher leben konnte, als unter der Diktatur. Mit dem letzten Militärputsch scheint die Diktatur in Griechenland wieder einmal ab­gewirtschaftet zu haben.

Die Lage in Athen.

London, 23. Aug. (WTB.) Wie aus Athen gemeldet wird, Haden der Sturz des Generals Pan­galos und des von ihm geschaffenen Regims zusam­men mit den Aeußerungen des Generals Kondylis die Börse günstig beeinflußt. Das Pfund fiel an der Börse heute vormittag um etwa siebzehn Punkte und zeigte Bestrebungen, noch weiter zu fallen. Die Zeitungen nehmen die wiedergewonnene Pressefreiheit wahr, um mehr als 300 mehr oder weniger irreguläre Verträge betreffend die Ver­gebung von Arbeiten im öffentlichen Interesse an bestimmte Unternehmungen aufzuzählen. Durch die einzuleitenden Untersuchungen würde es sich er­geben, daß es sich um einen wahren Skandal han­dele. 3n einer offiziellen Erklärung der Agentur d'Athönes heißt es: Gestern abend brandmarkte in einer großartigen Kundgebung das Athener Volk die abscheuliche Tyrannei und faste einen Be­schluß, der eine verdiente Strafe gegen die­jenigen fordert, die die heiligen Rechte des Volkes vergewaltigten. General Kondylis betonte in

einer Rede, fein Ziel fei die vollständige Wieder­herstellung der bürgerlichen Freihei­ten und die Rückkehr des Landes zu einem nor­malen Zustand. In Saloniki und anderen Städten haben Volksversammlungen ähnliche Beschlüsse ge- faßt.

Die Verhaftung des Diktators.

Ein mißglückter Fluchtversuch.

Athen, 23. Aug. (TU.) Der auf der Insel Spetsai, wo er zum Sommerurlaub weilte, ver­haftete Diktator Pangalos wurde zu­nächst, nachdem er vergeblich versucht hatte, in einem Flugzeug zu entkommen, an Bord des Kreu­zersPergamon" gebracht, der sofort in See ging. Es gelang jedoch Palangos, den Kommandan­ten des Kriegsschiffes auf feine Seite zu brin­gen, worauf mehrere Kreuzer und Flugzeuge die Verfolgung desPergamon" ausnahmen. Rach mehrstüydiger Verfolgung wurde diePergamon" erreicht und nach vergeblicher Aufforderung, sich zu ergeben, beschossen. Rach kurzem Gefecht gelang es derPergamon", ihre Fahrt fortzusetzen bis der schnelle und mit starken Geschützen versehene Kreuzer Leon" sie abermals stellte. Jetzt erst sah der Kom­mandant die Vergeblichkeit der Flucht ein und e r - gab s i ch. Pangalos wurde verhaftet und an Bord des Kreuzersöeon" gebracht, der in der Nacht in Keratfini eingetrofjen ist.

Als das Automobil, in dem Pangalos nach Athen zurückbefördert wurde, das Flüchtlings- viertel durchfuhr, versuchte die Menge den ehe­maligen Diktator zu lynche n. Es gelang den Be­gleitmannschaften nur mit Mühe, den ehemaligen Diktator zu schützen und den Weg freizumachen. Der Frau des Generals ist es ebenfalls nicht gelungen, ins Ausland zu entkommen.

General Kondylis erklärte Pressevertretern, daß gegen alle für den Sturz der früheren Regierung Verantwortlichen, also auch gegen Pangalos, unverzüglich ein Gerichtsverfahren einge­leitet werden würde. Eine besondere Kommission werde die Verentwortlichkett des Generals Panga­los und seiner Minister zu untersuchen haben. Die Verhafteten befinden sich im Minlsterpräsidium, wo sie scharf bewacht werden. Pangalos wird mit den ehemaligen Ministern Tavoularis, Tantalidis und anderen wegen gemeiner Verbrechen von dem Obersten Gerichtshof abgeurteilt werden.

Pariser Pressestimmen.

Paris, 23. Aug. ($11.) lieber den Staats­streich in Griechenland schreibt derGaulois": Griechenland sei mit der Abdankung des monarchi­schen Regimes in einer dauernden revo­lutionären Bewegung. Zum Unglück für Griechenland hätten seine neuen Herren weder die Autorität eines Monarchen, noch die Fähigkeiten eines Mussolmi. Pangalos habe allerdings durch energische Maßnahmen bte Aufmerksamkeit Eu­ropas erweckt. Er habe schließlich durch Zwangs­maßnahmen die Unterdrückung der Pressefreiheit und durch die Beseitigung seiner politischen Geg­ner den Unwillen des Volkes gegen sich erregt P er tina x schreibt, der griechische Diktator er­leide Schiffbruch, weil er geschwankt habe, ein großes Spiel zu machen. Er habe zwar die Verfassung aufgehoben, die Nationalversamm­lung vertagt und die Wahlen zum Senat und zur Verfassung auf unbestimmte Zeit aufgeschoben, aber diese Reihe von Maßnahmen sei von Kompromißversuchen häufig unter­brochen worden. So habe Pangalos noch ver­sucht, die Anhänger Venizelos mit seinem Re­gime auszusöhnen, ebenso wie die früheren Roya­listen. Vor kurzem noch habe er die Minister­präsidentschaft einem eifrigen Anhänger von Venizelos angeboten.

DerTemps" schreibt: Wenn die Diktatoren gegen jede Vernunft und gegen jedes Recht die Gewalt in ein Regierungsshftem zu bringen sich anschickten, hätten sie schließlich gegen sich die Koalition sämtlicher nationalen Rankünen. Das sei in Griechenland der Fall gewesen. Die Armee habe Pangalos zum Diktator erhoben, die Armee habe ihn wieder gestürzt. Sein Sturz sei um so tiefer, je schneller fein Ausstieg erfolgt sei. Rie- mand könne gegenwärtig sagen, welches das Regime von morgen sein werde. Es sei aber höchste Zeit, daß das griechische Volk sich auf- raffe und sich bemühe, seiner politischen Or° ganifation solide und dauerhafte Grundlagen zu geben.

DasJournal des Debats" erklärt, nichts stehe auf schwächeren Füßen als eine Diktatur, die sich einzig und allein auf das Heer stütze. Die Militaranarchie fei d i e gefähr­lichste Form der Unordnung. Die grie­chischen Politiker seien wegen ihrer Unfähigkeit und ihrer Streitigkeiten zum großen Teil an den Mißständen in Griechenland schuld. Pagalos hätte an die demnächstige Wiedereinführung eines normalen Regimes denken müssen. Er habe aber leider für seinen eigenen Gewinn und für den einer kleinen Airzahl Anhänger ge­arbeitet, deren Gefangener er bisweilen gewesen zu sein scheine. Er habe kein Programm gehabt. Die Tatsache, daß General Condylis den früheren Präsidenten der Republik zurückgerusen habe, erlaube die Hoffnung, daß er die Absicht habe, rasch zur verfassungsmäßigen Legalität zurückzukehren. Griechenland werde sich nur dann wieder erheben, wenn es aus der Aera des Pronunciamenw herauskomme.

Der Katholikentag zum Reichsschulgesetz.

B r c s I a u , 23. Aug. (WTB.) Reichskanzler Dr. Marx wies in einer Versammlung der katholischen Schulorganisationen auf die Notwendigkeit hin, das in der Verfassung geforderte Reichsschulgesetz zu schaffen, um eine Grundlage für Ordnung und Frieden im Schulwesen zu erhalten. Das Ziel und die Grundforderung sei die ganz eindeutige und klare Anerkennung der Gewissensfreiheit und des Elternrechtes. Auf dieser Grundlage müsse eine Verständigung und friedliche Lösung der Schul­frage erreicht werden, dann erhalte von selbst die Bekenntnisschule freie Bahn.

Die Schulorganisation nahm dann einstimmig eine Entschließung an, in der die Erwartung aus­gesprochen wird, daß die Reichsregierung alsbald den angekündigten neuen Entwurf zum Reichsschul- gesetz den parlamentarischen Körperschaften vorlegt, und betont wird, daß dieses sich auf den Grundsätzen der Gewissensfreiheit und des Elternrechts aufbauen müsse. Der Bekenntnisschule müsse vollständige Gleichberechtigung mit jeder anderen «chulart und volle Entwicklungsfreiheit in allen deutschen Ländern gewährleistet werden. Der katholische Reli­gionsunterricht sei in Uebereinftimmung mit den Grundsätzen der katholischen Kirche in ihrem Auftrag und unter ihrer Leitung zu erteilen. In weiteren einstimmig angenommenen Entschließun­gen wird verlangt, daß der Religionsunterricht a u ch in den Lehrplan der Berufsschule ein­gegliedert und unverzüglich alle Hemmungen beseitigt werden, an denen bisher die Ausgestaltung des Religionsunterrichtes in der Berufsschule schei­terte. In einer anderen Entschließung werden alle Organe der Schulverwaltung in Reich, Ländern und Gemeinden ersucht, durch ausreichende Mittel den stellenlosen Lehrernachwuchs geistig und beruflich leistungsfähig zu erhalten. Außerdem wurde eine Entschließung angenommen, worin zum Schutze der Jugend und zum Wohle des Dolles die als­baldige Verabschiedung des dem Reichstage vor­liegenden Gesetzes zur Bewahrung der Jugend vor Schund und Schmutz gefordert wird. Im Lichtspielwesen müsse künftig mehr als bisher den großen christlichen Volksorganisa­tionen die Möglichkeit zu fruchtbringender Mitarbeit gewährt werden.

Kompromiß in Mexiko.

Vor der Beilegung des Kulturkampfes.

Mexiko, 23. Aug. (Wolff.) 3n dem vom Episkopat über die mit dem Präsidenten Calles geführten Verhandlungen veröffentlichten Kom- munigue heißt es: Die Feinde der Religion warfen dem katholischen Episkopat vor, daß es die Katholiken gegen die Behörden aufreize, daß es die Tättgkeit der Regierung hindere und den ausländischen Einfluß zu dem Zwecke geltend zu machen suche, die das Land beunruhigende teU- giöse Frage durch eine 3ntervention zu regeln. Hm solchen ungerechtfertigten Darstellungen den Boden zu entziehen, haben der Erzbischof R u i z und Bischof Diaz den Präsidenten Calles ausgesucht und haben chm gegenüber Einspruch gegen solche Vorwürfe erhoben. Die Unterredung mit dem Präsidenten verlief völ­lig zufriedenstellend. Durch diesen Mei­nungsaustausch wurde Klarheit über verschiedene Punkte der Entwicklung der Lage geschaffen. Die Dertteter des Episkopats brachten noch einmal zum Ausdruck, daß sie alle gesetzlichen Mittel an­wenden wollen, um ein verfassungsmäßi­ges Amendement zu den den katho­lischen Glauben berührenden Arti- keln und Vorschriften zu erreichen. Der Präsident brachte den Vertretern des Episkopats gegenüber zum Ausdruck, daß ec bereits in der Presse erklärte, die Registrierung der Priester verfolge rein administrative Zwecke.

Die Regierung habe nicht die Absicht, sich in das Dogma ober sonstige die Religion be­treffenden Angelegenheiten einzumischen.

Mit dieser Erklärung nehmen wir an, daß das von uns seinerzeit vorgeschlagene Verfah­ren erfüllt wird. Der Wideraufnahme des Got­tesdienstes stehen Hinderungsgründe nicht mehr im Wege. Zugleich erwarten wir die endgültige Wiederherstellung der Freiheit, die nach unserer Meinung durch verschiedene gesetzliche Vorschrif­ten verletzt ist.

3n der Oeffentlichkeit ist man jetzt überzeugt, daß es sich nunmehr nur noch um die Frage der Ausarbeitung von Einzelheiten handelt und daß die Aufhebung des Boykotts und die Wiederauf nähme des Gottesdien­stes sowie die Rückkehr zum normalen religiösen und wirtschaftlichen Leben nicht auf sich warten lassen werde. Zu dieser lleberzeugung ist man dadurch gelangt, daß man glaubt, Präsident Cal­les und die von ihm empfangenen Prälaten wären niemals einander von Angesicht zu An­gesicht in so freundschaftlicher W. >? gegenüber­getreten, wenn nicht vorher Sicherheit en dafür geschaffen toären, daß ein Hebercintommen möglich ist. Vertreter der Finanzwelt haben der Regierung gegenüber erklärt, daß durch die Lage dec mexikanische Kredit in b:r ganzen Welt bedroht werde. Eleichzeittg gab das mexi­kanische Volk auf verschiedene Art und Weise deutlich zu erkennen, daß es mit der Lage nicht einverstanden sei. So wurde der Regierung so­wohl wie der Kirche der Ernst der Lage zu ver­stehen gegeben, so tour' 2. wie man annimmt,

der jetzt offenbar erreichte Kompromiß in erheblichem Maße vorbereitet.

Ein besonderer Ausschuß von zehn Erz­bischöfen und Bischöfen aus verschiedenen Teilen