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Nr. M Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 24.3uH1926

Die Aera der Diktaturen.

Don Dr. Paul Rohrbach.

In Italien regiert Mussolini, in der Türkei Kemal Pascha, in Spanien Primo de Rivera, in Polen Pilsudski. in Griechen- lonb Panga los. in Ruhland Stalin als Haupt verwalt er des Leninschen Erbes. Diese Diktaturen sind politisch. Eine kleine und be­fristete Finanzdiktatur hat eben derKönigvon Belgien von seinem Parlament übertragen bekommen, und an dem Versuch, eine grohe auf- zurichten, ist Caillaux in Frankreich vor ein paar Tagen gescheitert. Man kann beinahe von einer Diktaturepidemie sprechen aber es ist dabei charakteristisch, dah beinahe überall ent­weder ein zunehmender Widerstand sich erhebt, oder dah die Diktatur von Anfang an auf schwankendem Boden gebaut werden muhte, lln- angesochlen bis auf seine Rasenspihe ist vorläufig nur Herr Mussolini, und so viel man äußerlich sehen kann, sind es auch die Sowjetgewaltigen in Moskau. Ihr Kollege Kemal Pascha dagegen wäre beinahe ein Opfer der ihm zugedachten Bomben geworden, und auch gegen Ptimo de Rivera hat es ein Komplott gegeben.

Es ist eine^ interessante Frage, weshalb Mussolini der Fafzist und Stalin der Bolschewist sich am^ besten unter allen Diktatoren halten. Die Gründe sind bei beiden verschieden, wenn auch das Ergebnis dasselbe ist. Italie n steht heute im Vergleich zu seinen Rachbarn wirt­schaftlich günstig da. Zwar kann die Lira auch nicht als gefestigt angesehen werden, aber das ist für die italienische Cxportindustrie, wie man weih, kein Schade. Italien kann exportieren, Italien kann seiner Industrie auch im Innern gute Beschäftigung geben durch den Ausbau der Wasserkräfte, mit denen es gleichzeitig seine Zahlungsbilanz verbessert, es braucht weniger Kohlen vom Ausland zu kaufen, und Italien erhält endlich einen erheblichen Zufluh von Geld aus dem Auslande, weil die italienischen Ar­beiter in Frankreich angeblich fast eine halbe Million ihre Ersparnisse nach Hause schicken. Man schätzt diesen Zufluß auf über eine Milliarde Lire im Jahre, und ohne Zweifel ist er ein wichtiges Moment für die relativ günstige ita­lienische Wirtschaftslage. Die Arbeiterschaft ist beschäftigt, die Industrie verdient, die Banken und das Großkapital haben leinen Grund zur Beschwerde. Daraus erklärt sich die im Augen­blick unzweifelhaft starke Position Mussolinis. Sic würde ins Schwanken kommen, sobald die Wirtschaftslage sich verschlechtert. Bei den Moskauer Diktatoren dagegen liegt der kri­tische Punkt für die Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft beim Bauern. Der Bauer ist heute der eigentliche Machthaber in Rußland, denn er produziert das Getreide und damit beherrscht er den einzig soliden Faktor der sowjetrussischen Wirtschaft. Daher mußte auch die Sowjet- diktotur auf dem Kongreß in Moskau zu Weih­nachten 1925 sichtbar vor ihm kapitulieren.

Beim Kemalismus in der Türkei liegen aus der einen Seite entscheidende Verdienste um die nationale Llnabhängigkeit und territoriale Rettung des Türkentums vor, auf der anderen aber ein höchst despotisches, alle freie Meinungs­äußerung unterdrückendes Regiment. Daraus ent­stand schon im vorigen Jahre der Versuch zur Bildung einer parlamentarischen Opposition in Angora, die aber keine wirkliche Bewegungsfrei­heit hat. und aus der Tatsache einer Opposition bildete sich der Altentatsplan von Smyrna. Richt nur unter den Angeklagten, sondern auch unter reu Verurteilten waren bedeutende Ramen, und dos Haupt der Verschwörer starb mit den Wor­ten:Rur zu. einem Leben ohne Freiheit ist der Tod vorzuziehen!" Man darf sich nicht darüber täuschen, daß in der Türkei alles auf Kemal Paschas Person gestellt ist. Fällt Kemal, so droht das Chaos. Seine ungeheure Energie drückt alle diejenigen Elemente mit Gewalt nieder, die teils aus äleberzeugung andere Wege gehen wol­len. teils selber den Ehrgeiz nach der Macht besitzen oder zwar im Augenblick überrannt, jedoch keineswegs mit der radikalen Modernisierung und der zum Teil furchtbaren Härte der Diktatur versöhnt sind.

Eigentümlich erscheint das spanische Sei­tenstück zu der Verschwörung der Antikemaltsten. Ms der General Primo de Rrvera die Zügel der Diktatur ergriff, tat er es mit der Parole: Los von dem korrupten und unfruchtbaren Par­lamentarismus! Er begann sozusagen mit einem Appell von dem parlamentarischen an dasan­ständige" Spanien und nun wollten ihm gerade die vornehmsten Vertreter der bürger­lichen Intelligenz und des Militärs den Stuhl vor die Tür sehen. Sie wurden gefaßt, aber es ist bezeichnend für die Lage, dah die Regierung nicht wagte, eine öffentliche Verhandlung durchzu­führen. Einige Personen brachte man hinter Schloß und Riegel, andere wurden bloß in ihren Häusern interniert, und als der General nach Paris kam. pfiffen ihn Zehntausende von politi­schen Flüchtlingen aus Spanien mit ihren fran­zösischen Freunden aus, wo er sich zeigte. Der moralische Kredit der Diktatur in Spanien ist dahin.

In Polen fing der Marschall Pilsudski mit großen Worten an. Er berief alle führenden Politiker zusammen und hielt ihnen eine Kapu­zinerpredigt voll der stärksten Ausdrücke:Diebe. Lumpen. Betrüger dulde ich nicht, usw." Es verging aber nur kurze Zeit, und schon zeigte sich, daß Pilsudski seinen Frieden mit den alten Parteien machen mußte. Heute erhebt die polnische Sozialdemokratie die ihn bis zur Revolution zu den Ihrigen zählte, in ihrer ganzen Presse die Anklage. Pilsudski wolle als verzweifeltes Aus­kunftsmittel den Krieg (NB. gegen Rußland mit Hilfe eines Aufstandes in der Ufraine), und fie behauptet, daß Kriegsvorbereitungen durch Ver­teilung der einzelnen Maßnahmen auf verschie­dene 'Ministerien maskiert werden.

In Griechenland sucht der General Pangalos schon eine ganze Weile nach einem Ministerpräsidenten, denn er hat gemerkt, dah sein ursprüngliches Ziel, die militärische Re­organisation und die Revanche gegenüber den Türken, mit dem englisch-türkischen Abkommen über Mossul zerflossen ist. Man könnte auch Portugal anführen, wo die Diktatoren in Kleinformat wechseln wie die Gänge beim Mit­tagessen. Auch in der Tschechoslowakei geht etwas vor. Die plötzliche 'Beurlaubung des noch sehr jugendlichen Generals Gajda, des Chefs des Generalstabs in Prag, hat alle möglichen Ge­rüchte entstehen lassen. Die nationalistischen

rechtsgerichteten Parteien unter den Tschechen haben schon das Stichwort vom nationalen Mär­tyrer ausgegeben, und es ist schwerlich ein Zu­fall, dah Gajdas Beseitigung mit dem lärmenden Auftreten einer tschechischen Faszistenpartei zu­sammenfiel, die eine Kopie der italienischen ist.

Die ganze Häufung der Diktaturen ist nicht Zufall. Sie ist ein Beweis dafür, dah die Zer­rüttung. die von den sogenannten Friedens­schlüssen nach dem Weltkrieg ihren Ausgang nahm, mit den Mitteln der herkömmlichen politi­schen Routine nicht gemeistert werden kann. Auch die Diktatoren schaffen aber die Sache nicht, und manche können umgekehrt zu einer neuen Gefahr für den Frieden werden. Auf diese Weise ist keine Bereinigung möglich. Sie kann nur ge­schehen. wenn bei dem Grundübel eingesetzt wird, d. h. wenn eine Revision der ver­brecherischen Friedensschlüsse erfolgt.

Panafrika und wir.

Don Wolfgang Weber.

Ter zähe Widerstand Abd el Krims, der Sieg der ägyptischen Freiheitspartei, die Haltung der Buren bei der Flaggen­frage - das alles sind Anzeichen einer afrikanischen Selbständigkeitsbewegung. Rur wenn wir die Ereignisse genau verfolgen, werden wir in der Lage fein, im Falle eines Mandats dieser entsprechend entge­genarbeiten zu können. Die Beobachtungen unseres Mitarbeiters in Afrika zeigen, wie weit die Bewegung im Innern vorgeschrit­ten ist.

Afrika hat feine Struktur verändert. Wenn ein ostafrilanischer Regerhäuptling halbnackt in seinem Auto herumfährt, wenn ein anderer im Sudan nach seinen Maskentänzen am Radio­apparat die Pariser Oper hört, wenn in Gegen­den. die vor 25 Jahren auf der Karte noch weiß waren, als erster Europäer ein Steuer­beamter auftaucht, so ist damit mehr als das äußere Gesicht Afrikas verändert. In Südafrika, in den Minen Südwests, an den Staudämmen des Sudan und den vielen hundert anderen Stel­len, an denen sich der industrielle Geist die schwar­zen Massen nutzbar macht, taucht das neue afri­kanische Gespenst auf: s chwa rzer Kommu­nismus. Wenige Monate Arbeit und aus dem ungelenkten, in eine karikaturhaft wirkende euro­päische Kleidung gesteckten, einst so stolzenWil­den" hat sich der selbstbewußte Afrikaner ge­bildet. Er betrachtet sich als den berufenen und überlegenen Feind der wenigen Weißen und hetzt die anderen Eingeborenen gegen diese auf. Die Autorität a priori, die der Handvoll Weihen riesige Gebiete zu beherrschen half, ist gebrochen und damit ist auch die Mauer gefallen, die früher den Schwarzen die Augen vor den Weißen schloß. Das ganze intensive, ungebrochene Inter­esse des Regers richtet sich dem weihen Erdteil zu. er macht sich heute mit den modernen Waffen vertraut und ist morgen vielleicht schon befähigt, in die Weltpolitik einzugreifen.

Ein geistiges Zentrum der panafrikanischen Bewegungen liegt in Amerika. Dort hat sich unter den Regern, die bekanntlich vor 300 Jahren als Sklaven dorthin verschleppt wurden, trotz aller Unterdrückung eine Intelligenzklasse herausge­bildet. Heute hat Rordamerika nicht weniger als 18 Reger-älniversitäten, die durch die wohlhaben­den Schwarzen finanziert werden. Wie bei allen unterdrückten Rassen finden wir auch bei den amerikanischen Regern einen bewundernswerten Zusammenhalt und eine schrankenlose Opferfreu­digkeit, wenn es darum geht, für eine nationale Idee zu handeln.

Darauf baut Markus G a r v e h seine Pläne. Sein Lebenswerk ist es, denafrikanischen Brü­dern" zur Freiheit zu verhelfen. Er berief einen Regerkvngreh in Reuhork ein und hatte beispiel­losen Erfolg. Zahllose Agenten durchzogen Afrika und gewannen Anhänger, solange, bis die ameri­kanische Regierung Garvey wegenUrkunden­fälschung" ins Gefängnis setzte. Aber sein Geist in Afrika lebt und sein Rame ist das Schlagwort in den Regerndörfern. Mit dem Regerprofessor Thales an der Universität in Kapstadt hat er seinen ersten Rachfolger gefunden und es ist gar nicht abzusehen, welche Bedeutung seine Tä­tigkeit für die Zukunft Afrikas haben wird.

Für England und Frankreich be­deutet Gefährdung der afrikanischen Kolonien Erschütterung ihrer europäischen Stellung. Eng­land sucht die Krisis durch rigorose Trennung zwischen Schwarz und Weih hcrauszüschieben. In den kritischen Ländern, besonders in Kenya und ilganöa verwendet es bedeutende Mittel auf die Errichtung von Regerreservaten und Eingebore­nenpflanzungen. in denen weder Inder noch Europäer geduldet werden und in denen den Schwarzen ihre alte Kultur und ihre Harmlosig­keit erhalten bleiben soll.

Was England unter allen Umständen zu ver­hindern sucht, erhebt Frankreich in West- afrifa zum System. Cs will die Kluft zwischen Schwarz und Weiß Überbrüden. Der Schwarze, der eine Französin heiratet, wird französischer Bürger: wenn er das Kreuz der Ehrenlegion oder eine andere Auszeichnung erhält, eben­falls. In der französischen Kammer sitzt ein Reger. Mit allen Mitteln strebt man eine innige Rafsenverrnischung an und trägt dadurch die afrikanische Gefahr unmittelbar nach Europa herein.

Zwei Faktoren bestimmen den Weg der Be­wegung : Religion und Rasse. Die Aus­breitung des Islam hat im siebenten Jahrhundert angefangen und ist noch ständig im Wachsen. Heute hat das rein islamitische Rordafrika An­schluß an das ebenfalls von der Küste her mohammedanische Südafrika bekommen, und zwar durch die Ausbreitung der ostafrikanischen Inder. Für England bedeuten sie eine größere Gefahr wie ihre in Indien selbst lebenden Stammes- verwandten, denn während dort die Gegensätze zwischen Hindu und Mohammedaner jeder Selb­ständigkeitsbewegung die Spitze abbrechen, han­delt es sich hier ausschließlich um Islarniten. Der Geist Mohammeds reiht die Schranken der Ra­tionen nieder, und wenn es darauf ankäme, so würde er selbst die der Rassen überbrücken kön­nen. Man ist sich hier vollkommen im klaren, daß im Falle der Entscheidung die Inder in Ost- afrika nicht auf der Seite der Weihen, sondern mit den Regern kämpfen würden.

Aus Erkenntnis dieser Gefahr heraus ist vielleicht das Gesetz der Dienstpflicht aller Wei­hen von sechzehn bis sechzig Jahre entstanden, das die englische Regierung jetzt beschlossen hat

und das in den nächsten Monaten in Kraft treten wird. Richt ohne Grund erstreckt sich diese Verordnung gerade auf Kenya, wo der Prozent­satz der Inder wie der mohammedanischen Reger der größte ist.

Eine unmittelbare Katastrophe für die Weißen ist durch den Islam nicht zu befürchten, dazu ist das nationale und das religiöse Moment zu streng getrennt. Rur wenn es einmal eine Ge­legenheit geben wird, gegen die Europäer zu kämpfen, dann wird es der Islam fein, der seine Gläubigen zu einem einheitlichen Machtmittel vereinigt.

Eine aktivere Rolle spielen die 'Bewegungen, die unmittelbar mit der Eigenart einzelner afri­kanischer Rassen Zusammenhängen. Der Aus­gangspunkt sind die H a m i t c n, das eigentliche kriegerische Volk Afrikas. Hamijen sind die un­besiegten Bewohner der Sahara, derenKolo­nisierung" nur auf dem Papier steht. Hamiten haben sich ferner in Abessinien bereits selbständig gemacht und Hamitenblut fließt in den Adem der Riskabylen, deren Unterliegen nur Sache eines Rechenexempels war, die aber in dem fünfjährigen Kampfe eine beispiellose Wider­standsfähigkeit bewiesen haben. Und es ist viel­leicht kein Zufall, dah an demselben Tage, an dem Abd el Krim seine Freiheitsfahne niederlegen mußte. Zaghlul Pascha in Aegypten sie aufnahm. Sein Wahlsieg war gleichfalls nichts anderes als ein Sieg der hamitischen Rasse.

Ganz ähnlich manifestiert die Stellung, die sich die Duren in der letzten Zeit erobert haben, die Ueberlegenheit der Bodenständigen über die Landesfremden. Die gewaltige Demon­stration in Pretoria am 10. Oktober 1925 bei der Enthüllung des Denkmals von Ohm Krüger hat bewiesen, daß der Geist des Präsidenten heute lebendiger ist denn je und daß der Versuch, die Kapländer zu anglisieren, mißlungen ist. Die Buren treiben eine außerordentlich kluge Politik: ihrer heutigen Schwäche vollkommen bewußt, halten sie sich zurück, beschränken sich auf eine Zentralisation ihrer Rasse um Pretoria und steigern die Bedeutung ihres Landtages von Jahr zu Jahr. Sein letzter Triumph über die eng­lische Verwaltung war seine Haltung bei der Flaggenfrage, die den Union Jack und die eng­lischen Farben entfernen will.

Die Gefahr, die in der Entwicklung der afrika­nischen Rasse besteht, wollen wir freilich auch nicht überschätzen. Da die Bewegung nie gleichzeitig, sondern an hundert Stellen zu hundert verschie­denen Zeitpunkten ausbrechen wird, so würde sie militärisch überhaupt keine allzugrohen Aufgaben stellen, wenn nicht gleichzeitig damit auch eine wirtschaftliche Erstarkung verbunden wäre. So­bald einmal der Außenhandel nicht mehr das Monopol des Mutterstaates ist und in die Hände der Eingeborenen übergeht, so wie heute bereits in die der Araber und Inder, verwandelt sich die politische Orientierung Europas in eine wirt­schaftliche und die vollkommene Autonomie Afri­kas ist erreicht. Denn wenn es sich eines Tages um eine Machtprobe handeln sollt'., hätte Afrika die beiden Mittel in der Hand, die heute China erfolgreich angewandt hat: Boykott und Auskauf aller Europäer.

Daß wir Deutsche bei diesen Gescheh­nissen augenblicklich unbeteiligt sind und wegen des Mangels einer politischen Absicht von allen Rassen gern gesehen werden, das kann uns über den Verlust unserer Kolonien nicht hinweg­täuschen. Unsere Landsleute stehen in Afrika heute vor ganz anderen Schwierigkeiten wie früher. Kein Staat deckt ihnen den Rücken und sie leiden an Mangel an Kapital, das für die heutige afrikanische Kolonisation noch unbedingt erforderlich ist.

Auf diese mangelhafte Art der Kolonisation können wir aber heute nicht verzichten. Afrika ist für ein Land mit hochentwickelter Industrie und Uebervölkerung unentbehrlich geworden. Die Be­deutung der afrikanischen Rohstoffe auf dem Welt­markt ist in ständigem Steigen begriffen. Pro­dukte, die früher ganz im Hintergrund waren, wie beispielsweise Persianerfette und Hanf, haben ihre Produktton verdrei- bis verfünffacht. Das ägyptische Daumwollgebiet erfährt durch dieStau- dämme und die anderen Bewässerungsanlagen eine erhebliche Erweiterung nach dem Sudan: der afrikanische Kaffee hat fich so verbessert, dah sich fein Anteil am Weltmarkt feit dem Kriege verdoppelt hat. Gerade Europa, das sich von dem amerikanischen Markt freizumachen sucht, befimrt sich in diesen Jahren auf Afrika. Dabei ist es nicht nur Rohstoffbasis, sondern durch die jetzt allgemein erfolgte Umstellung auf Maschinen auch Absatzgebiet für unsere Industrie geworden.

So positiv die allgemeinen Aussichten für uns in Deutschland sind, so sehr wir beginnen, dort neben der wirtschaftlichen auch eine kulturelle Rolle zu spielen, so dürfen wir uns doch nicht darüber täuschen, daß wirtschaftliche Deziehungen keinen politischen Besitz ersehen tonnen. Die Existenz von Kolonien mag zeitlich begrenzt sein, und vielleicht gibt es in einem oder wenigen Jahrzehnten nur noch Chartered-Gesellschaften nach dem Muster von Portugiesisch-Ost, oder die Europäer haben überhaupt keine Rolle mehr zu spielen. Heute haben wir ihre Zurückgabe aber mit 'aller Entschiedenheit zu fordern und vor allem gleichzeitig auf der Wiedererlangung einer ungekürzten nationalen Freiheit zu bestehen, die sich auf dem geschloffenen Machtwitten der Ration aufbaut.

DomoberhesfischenArbeitsmarkt

? Ridda, 23. Juli. Die von dem Himmelsbachschen Sägewerk auf Zeit eingestellten Arbeitskräfte werden jetzt, wo wieder normaler Geschäftsgang einseht, nach und nach entlassen. Auch die infolge großer befristeter Aufträge seither eingelegte zweite Schicht wird in aller Kürze wieder verschwinden und der üblichen einschichtigen Ar­beitsweise Platz machen. Die von der Entlassung Betroffenen sind zum großen Teil Arbeits­lose aus stilkgelegten Betrieben, die gern die Gelegenheit wahrnahmen, wenigstens für einige Monate Arbeit zu haben. Die Staffelsche Papierfabrik steht jetzt schon über ein halbes Jahr still. Dem Ver­nehmen nach sind cs nicht allein wirtschaftliche Gründe, die die Stillegung bedingen, sondern privatrechtliche 2Iu3einanberret)ungen innerhalb der Firma sollen dabei gleichfalls eine wichtige Rolle spielen. Vorerst sind noch keine Anzeichen vorhanden, die auf eine baldige Wiederaufnahme des Fabrikbetriebes schließen lasten.

Verkehrsbund Gberheffen.

Im wirtschaftlichen Ringen unserer Zeit kommt der Vcrkchrswerbung eine weit größere Bedeutung als früher zu. Zahlreiche Städte haben das klar erkannt unß die entsprechenden Folgerungen daraus gezogen. Derkehrsvereine oder Dertchrsämter wurden gegründet bzw. den neuzeitlichen Anforderungen entsprechend auf- und ausgebaui Auf die verschiedenartigste Weise wurde angestrebt, möglichst sehr viele zahlungs­kräftige Fremde herbeizuführen, damit durch deren Kaufkraft das heimische Wirtschaftsleben eine Verstärkung gewinnen konnte. Die großen Städte hatten bei dem Wettbewerb um den Fremdenbesuch bisher naturgemäß den größten Erfolg, und sie werden hierbei auch künftighin in dec Regel stets das Ucbergewicht über die mittleren und kleineren Städte haben. Den großen Städten kommen dabei vortreffliche Eisen­bahnverbindungen zugute, die eine sehr wesent­liche Vorbedingung für den Fremdenverkehr sind. Mittlere und kleinere Städte sind in dieser Be­ziehung meist viel schlechter, oft sogar sehr übel dran. Auf diesem Gebiete Wandel zu schaffen, ist denn auch eine besondere, ständige und mühe­volle Anstrengung der Verkehrsvercine oder Stadtverwaltungen derart benachteillgter Plätze. Zu den im Eisenbahnverkehrswesen recht un­günstig gestellten Gemeinwesen gehören auch un­sere oberhessischen Städte. Die Pro­vinzialhauptstadt Gießen hat ja dank ihrer verkehrsgeographisch günstigen Lage immer noch einigermaßen befriedigende Verkehrsverbindungen, obgleich auch hier allerlei zu wünschen übrig bleibt; wir haben uns in dieser Hinsicht schon oft ausgesprochen. Sehr übel sieht es dagegen mit den Eisenbahnverhältnissen der Provinzstädte, abgesehen von Bad-Rauheim und vielleicht auch Friedberg, aus. Für die kleinen Städte ist der jetzige Fahrplan viel zu weitmaschig. Besonders schlimm ist es aber mit dem Sonn- und Feier­tagsverkehr auf der Reichsbahn. Bleiben schon im Werktagsfahrplan allerlei Bedürfnisse der Städte und des Landes unerfüllt, so sind die Mängel in der Zugfolge an Sonn- und Feier­tagen noch weit schlimmer. Die Reichsdahn- verwaltting war bisher nicht dazu zu be­wegen, eine Milderung des Verkehrsübelstandes durch erleichterte Gestellung von Sonderzug- verbindungen herbeizuführen. Wir erinnern hier nur 'an die lebhaften und doch vergeblichen Be­mühungen der Stadtverwaltung und des Ver­kehrsvereins von Schotten um regelmäßigen di­rekten Sonntagszugverkehr von Frankfurt a. M. nach Schotten, und wir weisen ferner darauf hin, wie zeitraubend es ist, von Gießen aus an Sonntagen etwa den hohen Vogelsberg in der Gegend von Hartmannshain, oder die Gegend von Homberg a.d. Ohm zu erreichen, und wie wenig Rücksicht die Bahn daraus nimmt, daß der Ausflügler im Sommer doch möglichst bis um die achte oder neunte Abendstunde draußen in Feld und Wald bleiben und bann eine gün­stige Heimfahrtmöglichkeit haben möchte. Kein Wunder, daß unter alt diesen Umständen der Fremdenverkehr im Vogelsberg und in den Städten unserer Provinz bei toeitem nicht so rege ist, wie man es im Interesse des Wirt­schaftslebens der Städte und des Landes wünschen muh, kein Wunder auch, dah nicht nur draußen im Reich, sondern sogar fdjon in Frankfurt viele den Vogelsberg und feine Schönheiten nicht kennen, ja mitunter von der Existenz des Vogels­berges überhaupt nichts wissen. Mit Recht wurde am Mittwoch auf der Tagung des hessi­schen Verkehrsverbandes in Bad-Rauheim von dem Regierungsrat Dr. Roesener, Darmstadt, festgestellt,dah Oberhessen beim Ausbau des Verkehrs start vernachlässigt worden sei".

Diese Lage her Dinge muß zu der Ucberlegung fuhren, wie Abhilfe erreicht werden kann. Bisher haben die Städte ihre Wunsche von Fall zu Fall bei der Reichsbahndirektion Frankfurt geltend ge­macht, leider meist ohne jeden Erfolg. Der Hes­sische Verkehrsverband mit dem Sitz in Darmstadt hat sich bis jetzt ebenfalls nur recht wenig für Ober­hessen bemüht: er hat zwar zu Anfang des Jahres eine Denkschrift an die Reichsbahndirektion Frank­furt geschickt, in der die Mängel des oberhessischen Eisenbahnverkehrswesens klar herausgestellt wur­den, und er hat jetzt in Bad-Rauheim hinsichtlich der oberhessischen Hauptstrecken Forderungen er­hoben. die berechtigt, aber keineswegs neu sind, denn diese Gedanken wurden wir wollen einmal so unbescheiden sein, von uns selbst zu sprechen schon lange vor dem Verkehrsverband imGießener Anzeiger wiederholt ausgedrückt und z. B. auch von der Industrie- und Handelskammer in Gießen zum Teil mit in rege Bearbeitung genommen. Wir

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