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Das lachende Haus.

Roman von Sophie kloerß.

1. Fortsetzung Ruchdruck verboten

Die Frau stand vor einer Katastrophe. Auster dem Zusammenbruch ihres Frauenglücks sah sie auch den ihres Dauses vor sich. Und als sie alles verkauft hatte, was irgend entbehrlich war, als sich in Nach­bar Polematz ein Pächter für Aecker und Weiden gesunden, als sie hassen konnte, sich mit den Kindern durch,zuschlagen, kam die Frage: ..Und ist do nichts, was außer dem Allernotwendigsten noch einen klei­nen Notschilling schasst?" Ja, da waren die Hühner und der Obstgarten und die Rosen aber das alles schaffte nicht recht, und dann war do das Weben. Sie halle es von Frau Kallies, der Lehrersfrau, an langen Winterabenden gelernt. Das feine Kunft- weben von Decken und Kissenplatten und reinem Damast und buntgebordeten Handtüchern, die alte Kunst des Marschlandes, die auf kleinen Handweb stuylen geübt wurde Wenn sie damit verdienen könnte?

Bekannte verfchafsten ihr Hamburger Adressen, Geschäfte und reiche Privatleute wurden ihre Ab­nehmer: sie bekam so viel zu tun, wie sie nur schaffen konnte, und endlich kamen Anfragen, ob sie bisweilen in den kleineren Städten der Herzogtümer Sturze abhalten wollten in der alten, nun wieder neuen Kunst. So konnte sie mit den Kindern ohne große Sorgen leben aber müde wurde sie oft dabei.

Doch die Kinder sollten frohe Menschen werden! Die Kinder sollten aller Lebensnot ein sieghaftes Lachen entgegensetzen! Die Kinder sollten nicht vor der Zeit ihre Schultern unter das Joch beugen.

Margrit Dunsen, die einstmals kleine Mädchen nicht leiden konnte, lebte und webte nur noch im Leben der drei Töchter, und wenn alles dunkel und häßlich, war und die Leute immer Geld forderten, das sie doch nicht halte, und heute Thora an Bräune log, gerade wenn Mutter noch Heide fahren sollte, und nächste Woche Ille bei ihrem Getobe den ganzen Küchenherd mit Geschirr niederriß, und im Frühling der Sanitälsrat sagte:Rose muß in das Kinder- heim auf Sylt, ich verschaff' es Ihnen billig--",

wo doch billig immer noch viel zu teuer war ja, wenn alles und alles wieder über sie kam, daß sie

gar nicht mehr aus und ein wußte, und dann Hörle sie die drei zusammen lachen lachen - lachen wie nur die Bunsenmädchen lachen konn­ten, dann strahlte ihr Herz, und ihre Augen strahlten: ,Lch bin doch eine reiche Frau' Ich bin doch eine gesegnete Frau/

Drei Jahre hatte sie noch dem Tod des Vaters die ewig verdroßene, nörgelnde Mutter im Hause. Die beanspruchte die sonnigsten Stuben, die besten Bissen, tausend kleine Bequemlichkeiten, für die Tochter nur mit viel Arbeit zu beschaffen, und war doch nie zufrieden. Und hielt der Tochter immer vor: Wie du die Kinder verwöhnst! Das hat doch keinen Sinn! Sie sind doch nur Hosbesitzerslöchter. Biel zu leicht machst du ihnen dos Leben. Glaub' mir, sie müssen es mol büßen, daß du sie so verziehst. Und danken tun sie es dir auch nicht."

Traurig, wenn eine Mutter um Dank sorgt. Wenn sie mich liebhaben, ist alles gut. Und wenn sie glücklich werden, ist das mein bester Lohn."

Sie werden nicht glücklich. Du machst sie viel zu anspruchsvoll."

3d)? Die Kinder? Na, wir machen doch wirklich keine Sprünge."

Aber du hältst ihnen den Ernst des Lebens viel zu fern. Und der Unterricht beim Pastor und:t- johanns Erzieherin das ist auch das reine Pläsier für sie."

Margrit Bunsen lachte, lachte gerade so leicht­herzig wie ihr Kleeblatt, und die Frau Justizrat dachte mit schweren Sorten an die Zukunft ihrer Enkelkinder. Es würde fid) rächen, es mußte sich rächen.

Sie erlebte die Roche des Schicksals nicht, denn sie starb, als Thora fünfzehn Jahre alt war und der Mutter die Sorge um die Hauswirtschaft abnehmen konnte. Dann mußte Margrit Bunsen doppelt fleißig zu Kursen fahren, denn die Heranwachsenden Töch­ter kosteten immer mehr, die Jahre waren sorgen- überlastet und das große Hilfsmitttel töchterreicher Famllien der wohlhabende Schwiegersohn, das sah fid) gar nicht aussichtsvoll an.

Und doch sahen die drei Mädchen, als sie er« wachsen waren, alle gut aus.

Thora so stattlich. Die rostroten Zopfe dick wie Taue, die Haut wie Milch und Blut, die Augen von dunkelstem Blau, und wenn auch der Mund groß war und die Nase gänzlich rasselos, man sollte doch

-MBenr;

suchen, wo man solch frisches, frohes Geschöpf zum zweitenmal in der Gegend fanb.

Ille mit ihren schwarzen Haaren und der buben­haften Figur glich ihr in keiner Weise. Sie war Zwar ebenso energisch wie die Schwester, sie hatte dazu eine geradezu glänzende Meinung von fid) selber, sie hatte in Gang und Haltung etwas von einem hellenischen Knaben, aber sie hatte was die meisten Männer erschreckt ein ganz gottloses Mundwerk. Der netteste junge Mann wurde non ihr in drei Minuten so heillos zerpflückt, daß er als Be­werber für die Schwestern nie in Frage kommen konnte. Sie lachte ihn einfach tot, ehe er noch den tleinsten Schritt in eins der Herzen hineingetan hatte.

Rose, die sie Mucki riefen, war viel stiller, viel feiner, aber im Grunde doch echtes Bunsenblul. Mucki hatte der Vater sie genannt, weil er behaup­tete. das kleine Dingchcn hätte etwas von einem weißen, erstaunten Osterhasen an sich. Und bann war der Name geblieben. Vielleicht hatte Rose mit den lichten Haaren und den weichen Gliedern den größten Reiz für die Männer, aber sie kümmerten fid; nicht darum. Noch stand sie ganz im Bann der Schwestern, noch waren ihr Thoras Liebe und Jlles Beifall mehr als alle männliche Bewunderung.

Es muß gesagt werden, baß die Auswahl männ licher Schönheit und Dewerdungsfähigkeit auch nicht groß war in der Gegend. Immerhin Thora, die nun zweiundzwanzig war, hatte bod) schon drei richtige Bewerber gehabt.

Der erste war Kristian Polematz. den Ille wegen seiner biden Gestalt und seines langen Pserdegesichts ..das Schaukelpferd" nannte. Er war der Sohn des Pächters, und sie kannten sich natür­lich von kleinauf. Durch die Mutter ließ er an­fragen. Margrit riet ihm gleich ab, aber er wollte nicht hören. Der Hof fiel bald aus der Pacht, er hätte sich gern als Herr hii eingesetzt. Thora war als Zugabe auch nicht zu verachten. Als er einen Korb bekam, nahm er das nicht tragisch. Beharrlichkeit hat schon manchen zum Ziel geführt. Landleute sind an Geduld gewöhnt.

Der zweite war der Kandidat Levermann, der sich ein ganzes Jahr lang bemühte, die spröde Thora zu erweichen, sie aber nur immer mehr gegen sich erhärtete, bis er seine Neigung Ille zu-

wandtc. was bei den Schwestern ungehemmte Jubel« stürme hervorries. So tarn er auch nicht zum Ziel.

Der dritte Bewerber hieß Hinrich Mönk und war Erster Offizier aus derÜhuringia". Thora lernte ihn bei einem Besuch in Hamburg kennen. Aber er war gar zu klein und trbtig. Gewiß war er ein ganz samoser Kerl, wenn er breitbeinig auf den Schilfsplanken stand, die Winde ihm um die Ohren beulten unb er feine ausgestülpte Nase in bas Wetter stemmte, aber es fehlte ihm alles, was ein Mädchen« herz schneller schlagen läßt. Unb bann hatte die schlimme Ille nach ber ersten Begegnung gesagt Nase'? Der Mann hat bod) keine Nase, ber hat eine Regentraufe"

So etroa-s genügt.

,Hütet euch." sagte Frau Margrit Bunsen bis­weilen,ihr lacht und ökelt so lange, bis ihr alles Glück weggelacht habt. Und einmal kommt die Stunde, wo es end) reut."

Reut uns nicht", antwortete das Kleeblatt. Wenn wir sd;on unsere selige Freiheit aufgeben sollen, wollen wir wissen, warum und wozu. Du kannst leicht reden, kleine Mama. Du hast unseren Vater geheiratet. Wenn du uns solchen Mann vor« setzen kannst, wie unseren Vater, wollen wir auch andere Gesichter madjen."

Es war auch mit eurem Vater nicht alles Jubel und Seligkeit", sagte die Mutter leise. Die Töchter lachten.

So mußte sie die Mädchen gehen lasten, wie dce selber wollten, und mit jedem Jahr geriet sie mehr unter die Herrschaft ihrer Kinder Erst hatte sie sich den Eltern fügen müssen, dann dem selbstherrlichen Manne, nun schwangen die lebensfrohen Kinder das Zepter.

Und im Grunde unb bas war ihre Schulb fanb sie es ganz bequem, sich schieben zu lasten.

Das alte Haus lag feit zweihunbert Jahren bort an ber Landstraße, und ebenso lange hatte der Hof seinen NamenKiekvondiek"; denn die Elbe war in früherer Zeit hart unter der Bodenwelle, auf ber sich das Wohnhaus erhob, vorübergeströmt. Im Lauf der Jahre hatten die immer neu hinausgescho- benen Buhnen so viel Land angeschlickt, daß der Strom jetzt ein paar hundert Meter entfernt war.

(Fortsetzung folgt.)

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