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Nr. 500 Erster Blatt

176. Zahrgang

Donnerstag, 25. Dezember 1926

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

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5rcmkjnn am Main nass, Vrvtf Md Verlag: vrvhl'sche Unlverfikätr-Vuch. und Stelndruckerei R. Lange in Stehen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe Z.

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ThefredaKtenr

Dr fj-riebr Will) Lange. Verantwortlich tür Dol'.tilt Dr Fr Wilh Dange, für Feuilleton Dr H Ibgnot; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchem, für den An­zeigenteil i.Bertr H.BcL. sämtlich in (Bienen.

Fort mit den Besatzungstruppen.

Die politischen Folgen des Landauer Urteils. - Krisis der Thoiry-Politik.

Germersheim.

Don unserem W. Pl.-Gonderberichterstatter. (Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Landau. Weihnachtswoche 1926.

Quer durch das Reich führt der Weg nach den -westlichen Drenzlanden, über den Rhein. Uniformen cllenißalfacn. 3n allen Farben. Frenche G.iutc mischen sich mit dem einheimischen Dialekt. Tlan fühlt sch in einer anderen Welt. 04 ist französisch besetztes Gebiet. Dahinter liegt daS ^largeblet. Man weih eS. Ader Uxi4 es ist, fühlt man erst hier, wo man sieht und Höri, wie noch heut« Macht und Ge­walt Grenzen verwischen können. Gewiß, cs hat sch vieles gebessert seit den Lagen bed ersten Einmarsches und seit den Leiden der Separa- tisteirunruhen Damals konnte man nicht ruhig üver die Straßen gehen in diesem Landstrich, ohne mehr oder weniger belästigt zu werden. Mail muhte Nerven und eine gute Portion guten Willens haben, wollte man nicht seine Ruhe verlieren. Aber kann man heute ruhig über diese ©traben gehen? Unfer Weg fuhrt nach Ger­mersheim. Wir haben dem groben Prozeß Rouzl« r beigewvhnt. Rouzier? Germersheim? Beide Ramen bedeuten Geschichte, Leidens­geschichte. Wir kennen, weil unser Dorus es verlangt, die Geschichte der Zwischenfälle, die Gegenstand des großen Prozesses sind, wir kennen den Ausschnitt auS der Leidensgeschichte der .sonnigen Pfalz", der sich in diesem Prozeß auf tat Aber auch wenn das nicht so wäre . . .

Wer in diesen Tagen die ehemalige Fe­stung GermerSheim betritt, wird unmöglich jenen Druck von sich abtoeijen können, der sich vom ersten Schritt an aus Herz und Gemüt legt. Wir sehen vom Dahnhof aus im klaren Hellen Wintermorgen den düsteren Dau deS Ludwigs- toreS vor unS liegen. Wir schreiten hallenden Schrittes durch die düsteren Passagen dieies Dauwerles und gleich zur rechten Hand stellen wir fest: Qln dieser Stelle hat der Unterleut­nant Im 311. französischen Infanterie-Regiment, Pierre Rouzier, mit Reitpeitsche und Re­volverschüssen einen jungen Burschen traktiert, der, unbewaffnet, eine drohende Haltung gegen ihn eingenommen habe. Troy Revolver und Reitpeitsche. Französische ©ottaten in wenig sauberer, verwahrloster Uniform und wenig strammer Haltung betrachten unsere Lokal- studicn mit einer Mischung von Hohn und Wut. Man fühlt sich nicht mehr daheim im Vaterland. Wir durchwandern die engen Straßen des kleinen Jestungsstädtchens. Es ist Mittags­zeit und trotzdem fast öde auf allen Wegen. Dlauweißrot gekennzeichnete Fouragiers kut­schieren auf dorn holprigen Pflaster. 3n einer Gaststube erklärt uns die Wirtin mit miß­trauischem Blick, sie habe keinen Kaffee, sondern nur noch Dior. Ein kleines vierjähriges blond­gelocktes Mädel lugt hinter dem Rock der Mutter mit fragenden Augen. Selbst in den jungen Kinderhcr-.en scheint das Mißtrauen gegen Menschen und Menschcnwesen zu keinem. Ein freundliches deutsches Wort zu der Kleinen und die Mutter wird sofort zugänglicher. Wir woll­ten etwas zu essen Haden. Es ist nichts da. Aber die Wirtin schickt sofort zum Fleischer um Wurst und zum Bäcker um Brot. Wir haben in der Woche nichts zu tun und haben Dorrat immer nur für die Sonnabende und Sonntage! Wovon lebt man hier? Die Ver­hältnisse sind katastrophal. Germersheim war ehemals Festung. Außerhalb der Mauern durfte nichts von Bestand errichtet werden. Selbst der Bahnhof und feine Anlagen sind wie nur pro­visorisch gebaut.

6p wollte eS die Bestimmung, die den Bau­plan einer Festungsstadt bestimmte. Germersheim konnte sich nicht ausdehnen. Wirtschaftlich an einem ganz günstigen Punkte gelegen, konnte es diese Konjunktur nicht ausnutzen und blieb Festung. Die Stadt hatte in deutschen Heilen rund 3000 Mann Militär und rund ebensoviel Bürger. Die Soldaten rekrutierten sich in Frie­denszeiten meist aus den benachbarten pfälzischen und badischen Gemeinden. Das beLeutete So.nn- tagS Besuch von Müttern, Vätern und "Bräuten ober sonstigen Lieben. Für die Stadt und ihr Gewerbe war damit ein gesunder, regelmäßiger Absatz gesichert. Dazu halte sich auch in Ger­mersheim ein recht lebhafter Warenaustausch, besonders in Land- und Weinwirtschaft, zwischn RechtS und Links des Rheins entwickelt. Ger- mesheim war also doch ein Platz, der seine Bür­ger ernährte.

Der Krieg ging verloren, und die franzö­sische Besatzung zog ein. Mit ihr kam eine gegen­über der damaligen deutschen Währung als gün­stig zu bezeichnende Währung ins Land. Die Offiziere und Mannschaften b?r Besatzungstrup­pen waren kaufkräftige Leute. Germersheim merkte noch nichts von der Schwere der Be­stimmungen des Versailler Vertrages. Das be­drückend« Moment der Besatzung trat zwar auch in aller Schärfe in Erscheinung. Aber wie es dem Menschen geht...: Wenns mir gut geht, kann ich viel ertragen. Unb ein klein wenig war man doch allenthalben durch Krieg und Rach­kriegszeit egoistisch geworden. Dann aber be­gann der Druck stärker zu werden. Der Ruhr-

e i n b r u ch führte zur Verschärfung der Grenz­bestimmungen. Der Besuchertreis aus dem Ba­dischen wurde kleiner und kleiner und blieb zu­letzt ganz weg. Der FranLm marschierte allge­mach denselben Weg wie die deutsche Mark. Der französische Soldat war kein guter Käufer mehr. Das hobenftänbige Gewerbe verödete mehr und mehr. Heute gibt es in Germersheim Ge­schäfte, die an Bruttoeinnahme monatelang ganze zehn Mark pro Woche zu verzeichnen haben. Der französische Soldat fühlt sich in seiner Haut auch nicht mehr wohl unb hat natürlich kein ge­eigneteres Objekt für seine llnzusriebenhe-it und feilte Langeweile finden können, als d i c deu tckche Zivilbevölkerung.

Daß der hetzerische Geist deS , siegreichen" Frankreich, der noch heute den wirllichen Frie­denswillen der Mehrheit auch des französischen Volkes zu sabotieren sucht. das ©einige getan bat, ist ohne weiteres flat. Es macht sich viel­leicht gerade heute anläßlich des Rouzier- Prozesses in krasser Form bemerkbar, waS die­ser nimmertote Chauvinismus der Hei­mat s i e g e r für eine Gefahr für einen wirk­lichen Frieden ist. Jedenfalls kann man diesen Prozeß und seinen Hauptalteur, den Unter­leutnant Rouzier, nicht betrachten oder behan­deln, ohne dabei diese geistige Unterlage des heutigen Frankreich im Auge zu haben. Für diesen jungen Flegel, übrigens mit b?m Glicht eines Duckmäusers, war der Deutsche eben der

.Boche", der minderwertige Mensch, den zu schikanieren und zu provozieren nationale Ausgabe sein mußte. Rouzier, der 24jährige Unterleutnant ohne eigentliche dienstliche "Bc- schäftigung, schikanierte und provo­zierte. Er hatte Revolver und Reitpeitsche. Daß die deutsche Zivilbevölkerung außer ihrem guten Willen, Besatzung und Befahungslasten zu erdulden, unbewaffnet war. war ihr eigenes Pech Als man auch in Germersheim ein wenig deutsche VergangenhUt ehren wollte und e i n Fest z u Ehren der tapferen Kämpfer veranstaltete, mußte jener sich überflüssig Füh­lende die Gelegenheit benutzen, um den .Boches" beuubringen, daß solche Menschen keine natio­nale Vergangenheit haben dürfen. Mit der Reitpeitsche am Handgelenk treibt et sich durch das Fcstgctümmcl und rempelt die Leute an. Bei Schlägereien ist et stets der Erste. Sein Regiment wird marschfertig gemacht, um in die Heimat zurückzugehen. Der junge Bursche glaubte, diesen Streich der Regierung, die sich nach Lo­carno und Genf umorientiert hatte damit quit­tieren zu müssen, daß er sich schwor, seineliebe" Garnisonstadt Germersheim nicht zu verlassen, ohne Blut haben fließen zu taffen. So streicht er am Vorabend des Abmarsches seines Re­giments durch die Straßen, bereits in Zivil. Reitpeitsche und Revolver in Bereitschaft, und übt sich zunächst an einem sogar noch unschuldig verhafteten siebzehnjährigen Jungen, dem er.

Dr. Luthers Heimkehr.

Der Reichskanzler über die Eindrücke seiner Amerikareise.

Bremerhaven, 22. Dez. (Wolff.) Der frühere Reichskanzler Dr. Luther traf heute in den ersten Morgenstunden mit dem Lloyddampser .Serra Ventana" in Bremer­haven ein. Da das Schiff die Quarantäne passie­ren mußte, fand die Begrüßung erst heute mor­gen kurz vor der Abfahrt des Lloydzuges nach Bremen statt. Dazu waren außer den Kindern Dr. LutherS u. a. Generaldirektor des Dord- deutschen Lloyd, Geheimrat 6 ti m m in g, Reichs­kanzler a. D. Geheimrat Cuno sowie eine An­zahl von Pressevertretern erschienen. In der Unterhaltung mit diesen lehnte es Dr. Luther auf das entschiedenste ab. sich zu der derzeitigen deutschen Regierungskrise zu äußern. Um so leb­hafter und eingehender erzählte er aber von den Eindrücken, die er in Südamerika emp­fangen habe. In vielen Staaten fei er a l s Ehrengast begrüßt und behandelt toorLen. Don irgendwelcher Animosität bekam der frühere deutsche Reichskanzler auch nicht das geringste zu spüren. Er wurde vielmehr überall von der Bevölkerung und den Deutschen aus das herz­lichste ausgenommen. Von d.r Treue und Anhänglichkeit, die die t-eilweise schon feit Jahr­zehnten in Südamerika lebenden Deuts ch.e n ihrer alten Heimat gegenüber auch heute noch bewahren, sprach Dr. Luther mit wärmster An­erkennung.

Die Deutschen, denen es sehr schwer falle, sich über die Lage in Deutschland zu inform eren, feien tece ftert reeeesen, zum erstenmal von eirem deutschen Manne persönlich zu hören, was seit Kriegsende in Deutschland vorgegangen fei. Auf **»' Frage, wie sich der Flaggenerlaß im Ausland auswirke, erklärte Dr. Luther, daß Überall, wo er hingekommen fei. die schwarz- weiß - rote Flagge mit der Gösch vor­herrschend gewesen fei. Dr. Luther betonte noch besonders, daß der Zusammenschluß al­ler Deutschen der eigentliche Zweck fein cd Besuches gewesen sei. Die Kriegsschuldstage sei von den ausländischen Regierungen ihm gegen­über nie berührt worden. Den Äussuhrmög.ich- feiten der deutschen Industrie nach Südamerika glaubt Dr. Luther ein durchaus günstiges Ho­roskop stellen zu können. Das gilt insbesondere von den Erwartungen, die der deutsche Flug­zeugbau an den Aufenthalt Dr. Luthers in Südamerika knüpkte. Die Relle von der Küste nach der kolumbianischen Hauptstadt sowie das Schlußstück der ganzen Re.se, der Weg von Buenos Aires nach Dio de Janeiro, wurde m t deutschen Flugzeugenzurückgelegt.ii.- sich in jeder Beziehung tadellos bewährt haben.

Heute mittag fand zu Ehren Dr. Luthers eine Begrüß ung durch den Bremer Se - n a t statt, an dec auch zahlre iche Vertreter von Handel und Schiffahrt teilnahmen. Der Präsi­dent des Senates, Bürgermeister Dr. Donandt. begrüßte Dr. Luther. Als Repräsentant und als Vorbild deutscher Tüchtigkeit und Kraft fei er in Südamerika mit großen Ehren empfangen worden. D.e Reife des verehrten Gastes werde in Südamerika für Deut chlands wirtschaftliche und politische Entwicklung von größter Bedeu­tung sein.

Dr. Luther dankte herzllch für den gastlichen Empfang um) führte u. a. aus: In Bremen gilt das alte Wort' Navi gare ncccsse est, vivere non est necessc! Dieses Navigare est ist mir stärker als je zum Bewußtsein gekommen, und ich glaube, es geht mit der deutschen See­

fahrt selbst für den schlichten und einfachen Be­obachter so tatkräftig und wirkungsvoll voran, daß man die neuesten Entschlüsse deS Dorb- deutschen Lloyd, die von festem Vertrauen in die Zukunft zeugen, völlig in sich aufzunehmen vermag. Aber Seefahrt ist es ja nicht allein, und hier möchte ich dem alten Bremer Spruch zwar nicht widersprechen, ihm aber eine weitere Ausdeutung geben: Zum Nav.gare gehört vi­vere und zwar das über See. Unsere See­fahrt wird dadurch getragen, daß die deutsche Wirtschaft feste Anknüpfungspunkte gesucht und gefunden hat. Wenn meine Reise einen allgemeinen Zwack i.i bescheidenen Grenzen gehabt hat. so mag es der sein, d<O bei allen Gelegenheiten, die mir auf dieser Reise geboten waren, sich die fremden Regierungen, wie auch in weitem Ausmaße andere Kreise der Staaten Südameri.'as in deutlicher Weise z u freundschaftlichen Beziehungen z u Deutschland bekannt haben. Auch alle Menschen unseres Blutes da drüben sollen wieder die Verbindung mit der Heimat finden, älnsere deutschen Volks- und Dlutgeno.'sen da drüben sind ja auch die Werber für die deutsche Wirt­schaft. Ich habe in vielen Unternehmungen ganz überwiegend deutsche Maschinen ge­sehen und ich habe gesehen, wie unsere deutsche Industrie drüben arbeitet, um von neuem den Boden zu finden, den sie einstmals hatte, um damit dem deutschen Daterlande und der deut­schen Wirtschaft neue Lebenämöalichleiten zu geben. So glaube ich. daß das Navigare auch von vivere über See abhängt und dieses Leben über See wird ja von altersher übermittelt und gefördert durch unsere großen Städte an der Wasserkante. Unter dem Damen, die man am häufigsten drüben hört. Hingt hell der Dame Bremen. Ich bitte Sie, mit mir zu trinken auf Seefahrt und Bremen.

Der Treuhänberskanbal in Amerika.

Lcharfc Angriffe Lcnators Borahs.

Washington. 22. Dez. (WB) Im Se- nat erhob SenatorBorat; gegen die Verwal­tung des beschlagnahmten Eigentums durch die Amtsstelle des Treuhänders während der ver­gangenen acht Jahre den Vorwurf des Dieb­stahls, der Veruntreuung und des Leichtsinns. Aus die Frage, ob er die Ab­sicht habe, in der Untersuchung des Falles fortzufahren, erklärte er. er sei dazu bereit, wenn der Senat die Ausgaben bewillige. Boray äußerte ferner noch, er zweifele nicht daran, daß Millionen von Dollars von denen, die mit der Verantwortlichkeit für den Schutz des Privateigentums betraut waren, unter­schlagen ober in ungesetzlicher Weise genom­men worden feien. Er erklärte ferner, zu seiner Verblüffung habe er herausgesundcn. daß alle Opfer dieser Vorgänge bei der Rückerstattung deS Eigentums genötigt worden feien. Quit­tungen über den vollen Betrag auszu- stellen und so die Treuhandstelle von jedem Mißbrauch der Amtsgewalt oder der Dach- läffigkeit in der Verwaltung zu entlasten. Denn es sich Herausstellen sollte, daß das be­treffende Eigentum nicht mehr zurückgegeben oder daß das Unrecht wieder gutzemacht wcrden könne, fo fei er nicht besonders begeistert für eine Fortsetzung der Untersuchung.

inmitten einer Patrouille von mehreren bewaff­neten Soldaten, einen brutalen Hieb mit cee Reitpeitsche über den Schädel gab. Er. der außer­dem noch einen Revolver in der Tasche trug, schlug einen wehrlosen Jungen, der dem noch gefangen zwischen Gewehren und Ba,o- netten auf dem Wege zum unverdienten Ge­fängnis war. dahin geschickt auf die sinnlose Beschuldigung eines sinnlos betrunkenen Solda­ten zweiter Klasse, dem ein anderer doch einmal einen gehörigen Denk,ett?l gegeben hatte.

Jetzt ist sein Blut i.i der gewünschten Tempe­ratur. Er durchzieht die kleine Stadt von einem Ende zum anderen und schießt an drei Stel­len drei Menschen nieder. Einer-davon bleibt, ins Herz getroffen, tot liegen. Ein zweiter liegt noch heute, wahrscheinlich schwerem und dauerndem Siechtum oersallen, in einer Klinik. Der franzöfische Staatsanwalt schiebt diesem Barschen als rettenden Strohhalm die Möglichkeit derver­lorenen Kaltblütigkeit" zu, trotzdem er selbst in der Klageschrift zugeben muß, daß Rouzier in kei­nem der drei Blutfälle in auch nur irgendeiner '2lrl von Notwehr gehandelt hat. Aber diese Zwiefpältig- keit trifft ja gerade den Kernpunkt des ganzen Pro­blems beutsch-französifcher Beziehungen. Nirgends vorher trat dieser Zwiespalt der innerpolitischen Stimmung in Frankreich klarer zutage, als im Rouzier-Prozeß. Der Staatsanwalt, ein republika­nischer Offizier, steht vor einem Fünser-Gerichi aus Offizieren, von denen die meisten jenen Kreisen angehören, die den Geist von Versailles gesund unb den von Locarno, Dens unb T ho irr, lächerlich unb schlapp nennen. Um wieviel mehr wäre der Begriff der deutsch.französifchcn Verständigung in Deutsch­land Allgemeingut, wenn eben dieser krasse Chau­vinismus der französischen Generäle nicht existierte? Dieser Staatsanwalt steht zwi­schen zwei Strömungen. Er steht zwischen dem Frankreich des PoincarL von 191-1 unb 1923 unb dem Frankreich Brianbs von 1925 und 1926. Was soll er tun? Dieser Rouzier ist ein Offizier, ein schlechter, wie - er selbst zugeben muh unb zugibt (sogar der alte Oberst, der den Prozeß leitet, weiß unb sagt bas), aber er i ft Offizier, der eines lumpigen Boches" wegen (fo sagen seine chauoi- nistischen Kameraden) verurteilt werden soll?! Dann lieber Freispruch und die Deutschen samt unb sonders verdonnert! Ein französischer Offizier, besten mit Unwillen und Scham gezeichnetes Gesicht mir bei den Verhandlungen im Rouzier Prozeß auffiel, ließ mir eine Nummer der französischen Zeitschrift Armöe et Democratie* zukommen, die in einem Artikel vom November d. I. einen dem Inhalt nach schon bekannten Gedanken aussprach. Sie klagt über denRitter von der Reitpeitsche", der mit vielen gleichgesinnten Offizieren der Rheinarmee die Absichten der Regierung fabotiert.

Das ist die geistige Grundlage der bedauer­lichen Germersheimer Vvriälle. Das ist der Druck, der sich aut einen legt, wenn man durch die Straßen dieses Städtchens wandert. Im Rouzier-Prozeß führte man als Krvn eugen Prostituierte inS Tressen, um jung« Burschen, die vielleicht von natürlicher Derbheit, niemals bösartig sind, alsnct onalistische Äom Iot cur., als Angehörige einer ..streitsücht.gen Bande" hinzustellen. Zwietracht unter sich und die Bevölkerung. Mißtrauen aber auch vor allem zwischen die einzelnen Glieder der Bevölkerung haben die französischen Besahungstruppen ge­tragen. In einer anderen Germershein e. Wirt­schaft (einer von den 34, die ehemals Frohsinn und Freude gesehen haben unb die heute nur noch stundenweise notdürftig existieren, exislic.en müssen, da sie nicht leben und nicht sterben können), biederte sich ein Mann an uns an. der auf die Frage, wie das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Besatzung jetzt nach den Zwischenfällen sei, gleich zurücktroch und von dem wir später hörten, daß er Geschäfte mit den Desatzungsbehörden mache und durchaus gefähr­lich fei. Er habe schon verschiedenen deutschen Tümern daS Geben zur Hölle gemacht, indem er bei den Franzosen den Angeber gemacht hatte. Unb oft hätten die gering­fügigsten Dinge zu Freiheitsberaubung unb an­deren empfind.ichen Strafen ge ührt. So s.cht es in dieserfröhlichen Pfalz" von > ehedem aus. So vegetiert man in Germersheim, dessen e nft starke Mauern heute in Trümmern liegen und noch immer ein Bild der ödesten Verlassenheit für jeden Besucher bilden.

Die Empörung im Rheinland.

Koblenz. 22. Dez. TU.) Das Landauer Kriegsgerichtsurteil hat im besetzten Rheinland einen geradezu mederschcnettern"'en Eindruck ge­macht. Man glaubt allgemein, das Urteil als Beweis dafür sehen zu mif en, daß die Bevölke­rung der Rheinlande immer noch trotz Loearns und ThoUch derWillkürderBesatzunge- behörden ausgesetzt ist und daß noch keinerlei Anzeichen dafür bestehen, daß auch bei den Desatzungsbehörden der Geist von C-carr.o endlich eing«ogen ist. In Kreisen rheinischer Doii.iker wird daher auf das energischste betont, daß die Dinge, fo wie sie zur Zeil laufen, nicht weitergeyen können und daß die Verspre­chungen der Alliierten auf Abänderung der Ver­hältnisse im besetzten Gebiet von den Aassüh- rungSorganen nicht eingehaltrn merben. Man er­wartet daher auf das bestimmteste, d^h sich dis