einem Plädoyer Heß! es der SffenKche Ankläger an schärfsten Redewendungen gegen dieses „organisierte Verbrechergezücht" nicht fehlen, wogegen Rakofi und seine Genossen durch empha- üsche Hochrufe auf die Proletarierdiktatur Eindruck zu erwecken fugten. Richt ohne einen flammenden Protest von Henri Barbusse und etlicher deutscher Heißsporne- aus den linksradikalen Reihen der Kunst und Politik wurde über die Hauptangeklogten eine achtjährige Zuchthausstrafe verhängt. 3m Endeffekte zeitigte dieser Tribunenprozeß auf allen Seiten Mißklänge, die man gerade im öffentlichen Interesse besser erspart hätte. Aber eine solche höhere Taktik, politischen Extremen aus dem Weg zu gehen, indem man sie ungeschoren läßt, ist eben der neuungarischen Mentalität: noch immer nicht geläufig. Aus diesem Grunde gelangt sie schwer zu einem ausgleichenden Regime her Mitte.
Indes tritt die Notwendigkeit einer alle Konjunkturgegensätze überwölbenden großen '..Mittelpartei an Stelle der gegenwärtigen rechtsgefärbten, aber weüig gelenken Regierungsmehrheit immer gebietender in den Vordergrund. . Der unentwegt rege Graf De thlen scheint auch beizeiten die Uebsrzeugung gewonnen zu haben, daß eine besonnene Linksschwenkung und eine Konzentrierung der gemäß igten Elemente unter den heutigen Verhältnissen zur Wiedererlangung den parlamentarischen Aktionsfähigkeit unumgänglich nötig sei und ließ durch einen früheren Ainanzminister KallaY auf inoffiziellem Wege die Werbetrommel schlagen. Das Resultat scheint^ einstweilen noch recht fraglich, just wie vor zwei Jahren, als Dethlen der in ein reaktionäres und radikal-demokratisches Lager gespaltenen Hauptstadt einen regierungsfreundlichen MittetTurs auf oktroyieren
tooltte, es aber letzten Endes bei einem loyalen Oberbürgermeister bewenoeu lassen mußte, während die Linksopposition auf das amtliche Manöver mit einem überraschenden Machtvorstoß reagierte. Auch heute löste die Proklamierung einer gouvernementälen Mittelpartei vorerst eifrige Fusionsbestrebungen der verschiedenen öenvo- kratisch gesinnten Fraktionen aus, ohne daß die Regierungsaktion breite Schichten mit sich fort- gerissen hätte.
Und doch würden vor cülem die dringlichen Agenten in wirtschaftspolitischer Hinsicht ein engeres Zusammengehen ütlkrr nüchtern veranlagten Elemeitte erheischen. Die vom Völkerbund verhängte Finanzkontrolle ist seit kurzem zum überwiegenden Teil aufgähoben — der Oberkommissar des Völkerbundes., der Amerikaner Ieremiah Smith, hat Dudcjpest endgültig verlassen. Eine neue Goldwährung, der sogenannte „Pengö". tritt zu Reujahr cm Werte von beiläufig 70 v. H. der Markwährwng in Kraft, und Rotendruckerei sowohl als Äkünzamt befinden sich bereits in voller Tätigkeit. Obwohl sich nun das Finanzwesen schon seit Jahr und Tag völlig stabilisiert und aktiviert hat, obwohl die Insolvenzwelle der jüngsten Monoite in langsamem Abflauen begriffen ist, kann die Wirtschaftslage keineswegs als günstig bezeichnet werden. Gxport- und Absatzstockungen erschweren das Fortkommen der Landwirte, Industriellen urid Kaufleute in gleichem Maße. Hierbei spielt in erster Reihe der Mangel an brauchbaren Handelsverträgen mit den Rachbarstaaten und das dadurch bedingte Zollchaos entscheidend mit.
Besonders häufig wird nach dieser Richtung die T s ch e ch o s l o w a k e i angegriffen. Man verargt ihr den jüngsten Agrarzollerttwurf, der der ohnehin brachliegenden ungarischen Mühlen- in&uftrie einen wetteren empfindlichen Hieb versetzt, und beschuldigt die Prager Regierung, die nun schon seit öfterem ungarischerseits in Gang gebrachten Verhandlungen über einen auskömmlichen Handelsvertrag durch verschiedene Ausflüchte immer wieder vernichtet zu haben. Zurzeit stehen abermalige Besprechungen über ein provisorisches Wirtschaftsabkommen vor dem Abschluß, aber zugleich ist die ungarische Oeffent- lichkett durch angebliche Massenausweisungen von Ungarn aus der Slowakei und aus Karpathen» rußland nicht wenig irritiert.
Es scheint fein bloßer Zufall, daß sich die Beziehungen Ungarns zu Jugoslawien und Rumänien während der letzten Monate relativ günsttger gestaltet haben. Mit Jugoslawien kam bereits ein zufriedenstellender Handelsvertrag zustande, überdies fand zwischen den bei-
Doppelgänger.
Don Friedrich Freksa.
Als wieder einmal in Darmstadt die Schule der Weisheit tagte, hatten sich unter der Führung des Grafen Kuno Hardenberg ewige welt- läufige Männer abseits von Tagore und Getue der großen Menge geflüchtet. Die vibrierende 2uft der Tagung und der gute „Woi" trieb im Gespräch sonderliche Blüten. Und so erzählte ein Arzt, den ich mit B. bezeichnen will, folgendes:
„Eine Radtour hatte mich auf den Heltweg geführt, jene uralte Heerstraße aus der Römerzeit, die sich durch das Westfälische zieht. Ich suchte einen Ort auf, aus dem meine Vorväter vor vielleicht sechs Generationen nach Roröen ausgewandert waren. Es war ein heißer Tag, an dem das Harz von den Bäumen tröpfelte, und unter den Kiefern ein leichter brandiger Geruch herrschte, ein Tag, der Durst verlieh, so daß ich, als ich den Ort erreicht hatte, froh war, ein kühles Wirtszimmer zu finden. Es fiel mir nicht weiter aus, daß das Mädchen, das mir leichtes Bier und Branntwein vorsetzte; mich vertraut als Herr Dottor begrüßte. Sie mochte wohl dem Fremden das Richtbäuerliche ansehen. Aber wie erstaunte ich, als ein kräftiger blonder Mensch mit der Strickjacke herzutrat und sagte: „Schon wieder find Sie da, Herr Dottor, und haben sich erst vor einer halben Stunde etwas geleistet!" Erstaunt erwiderte ich: „Sie ipren!"
„Mer Herr Doktor B.", sagte er, „machen Sie doch keine Töncheä!"
Woher wußte dieser, vorher nie gesehene Mensch meinen Ramen? Ich forschte: ".Wann haben wir uns gesehen?" Da wollte er sich aus- schütten vor Lachen, toäfjrenb er rief: „Der kleine Schuh Steinhäger isnn Ihnen doch nicht zu Kops gestiegen sein!"
Jetzt stand ich auf, schritt auf den Rlann zu, und schaute dabei von ungefähr auf die zur grell beleuchteten Straße sich öffnenden Tür und gewahrte mein Ebenbild auf mich zuiommer, einen Mann, der genau den gleichen Pfeffer- und salz" farbenen Anzug tote ich trug, mit meinem blonden Kor', meinem kurzgeschnittenen Bart, meiner goldgeränderten Brille auf der Rase. Ein Spiegel n er die Tür geworden, und mein Spiegelbild kam geisterhaft abgelöst auf mich zu.
den Rachbarstaaten ein Austausch der politischen Gefangenen statt, während sich die Bukarester Regierung anschickt, ein für die anderthalb Millionen auf neurumänischem Boden verschlagenen Ungarn erträgliches Minderheitsgesetz zu schaffen. Diese beiden Mitglieder der Kleinen Entente haben jüngstens einen engeren Anschluß an Italien gefunden. Aber auch das offizielle Ungarn macht bei Gelegenheit aus fafzistischen Sympathien fein Hehl und es hat den Anschein, als wenn der werbende Einfluß von Mussolinis Außenpolitik sich über Belgrad und Bukarest
auch auf das Land der heiligen Stefanskrone erstrecken würde. Die Kleine Entente ist seinerzeit von Herrn Benesch nicht zuletzt zur Umklammerung Ungarns ins Leben gerufen worden. Doch gegenwärtig hat sich das Blatt anscheinend gewendet. Dem umzingelten Ungarn ist im süd- europäischen Staatengefüge immerhin der Vorzug sicher, gleichzeitig das Zünglein an der W a g e zu sein. Für die fernere Gestaltung der kontinentalen Geschicke kann es nicht gleichgültig sein, in welcher Weise der ungarische Staat diese Vorzugsstellung auszunuhen weiß.
WerkZhrsbund Oberhsffen.
Der erste Schritt zur Schaffung einer großzügigen, auf breiter Basis entwickelten Propaganda- und Aufbauorganisation zur Behebung der zahlreichen und gravierenden Verkehrsnöte unserer Provinz ist getan: der De r kehr s- bund Oberhessen, dessen unabweisliche Rot- wendigkeit vor kurzem an dieser Stelle ausführlich erörtert, und dessen Gründung nicht nur von uns auf das Dringendste gefordert wurde, wird in allernächster Zeit Wirklichkeit werden.
Am Samstagnachmittag fand im Restaurant „Hindenburg" eine erste vorberatende Sitzung statt, die eine erfreulich lebhafte Beteiligung aus allen Teilen der Provinz gefunden hatte. Die Versammlung, in der die Provinzialdirektion und die Stadt Gießen, die Kreise der Provinz Oberhessen, eine große Anzahl von Städten, die Badeorte, die Verkehrsvereine, die beiden Industrie- und Handelskammern und der „Gießener Anzeiger" vertreten waren, wurde durch Pro- vinzialdirektor G r a c f eröffnet, der die Erschienenen herzlich willkommen hieß und einleitend ganz kurz auf die Rotwendigkeit eines Zusammenschlusses zwecks Wahrung der oberhessischen Verkehrsinteressen hinwies. im übrigen aber betonte, daß die geplante Organisation keine Spitze gegen beir bestehenden Hessischen Verkehrsverband in Darmstadt bilden solle.
Das erste, informatorische Referat hielt sodann Redakteur B l u m s ch e i n vom „Gießener Anzeiger". Er begann seine Darlegungen mit Worten des Dankes an alle die Stellen, die am Zustandekommen dieses ersten Schrittes mitgearbeitet haben, insbesondere an Oberbürgermeister Keller, Gießen, de'sen weitgehendes Entgegenkommen den äußeren Geschäftsgang außerordentlich erleichtert habe. Was die zu schaffende Organisation selbst angeht, so führte der Redner aus, so soll sie nicht das mindeste mit Politik zu tun haben, ebensowenig aber auch mit irgendwelcher Vereinsmeiersti; vielmehr soll der bisher vermißte Zusammen- schluß von Kreisen, Städten, Landgemeinden, Badeverwaltungen, Derkehrsvereinen ufto. hep- beigefübrt werden zu einer großzügigen Fremden Werbung und zur Behebung der dringenden alten und neuen oberhefsifchen Verkehrsnöte und -sorgen im Eisenbahn-, Kraftpost- und Rundfahrtwesen. An der eminenten Rotwendigkeit eines solchen Zusammenschlusses i.st nicht mehr zu zweifeln: sie wird bewiesen durch den Widerhall, den der Aufruf des „Gießener Anzeigers" in der ganzen Provinz Oberhessen gefunden hat. Der inS Leben zu rufende Bund wird ein sehr umfassendes Arbeitsgebiet vorfinden, das im einzelnen zu gliedern und organisatorisch zu ordnen sein wird. Rur einige, vesonders bremtenbe Fragen sollen heute als Beispiel hervorgehoben werden. Da ist zunächst das sehr schwierige, sehr verzweigte un2> leider nicht mehr neue Eisenbahnproblem. Daß die Besorgnisse und Beschwerden in dieser Richtung nur allzu begründet sind, macht neuerdings ein Blick in den neuen Fahrplanentwurf deutlich. Man denke nur an ben V-Zugverkehr Gießen—Frankfurt. Hier sind überaus starke Einschränkungen vorgesehen: zwischen Gießen und Frankfurt sollen nahezu sämtliche Schnellzüge in Fortfall kommen, im großen und ganzen wird Gießen im Verkehr mit Frankfurt nur noch auf Perfonenzüge und beschleunigte Personenzüge verwiesen. Auch auf den Strecken Gießen—Fulda und Ridda—Schottei, sollen empfindliche Aende- rungert eintreten. Das find nur Beispiele für das, was unserer Provinz geboten wird. Hinzu kommen die alten Fahrplanschmerzen im Hinblick auf den Sonntags- und den Rahverkehr. All diese
Fragen, die hier nur wahllos und beispielshalber genannt sind, fordern gemeinsame Arbeit. Hinzu kommen die Zukunftsfragen: der Redner erinnert nur an das Projekt einer zweiten Ouerbaljn durch öen Vogelsberg von Alsfeld über Groß- Felda nach Schotten. Hier liegen noch sehr bedeutende Möglichkeiten zur Hebung des Verkehrs nicht nur, sondern zugleich auch zur Besserung der wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung, ganz abgesehen von der werbenden Kraft, die von einer planvollen, zielsicheren Verkehrserschließung ausgehen kann und muh. Ebenso viel Aufmerksamkeit ersordcrt das Kraftpostwefen. Dieses muß noch mehr als bisher ausgebaut werden. In diesem Zusammenhang ist u. a. auch dahin zu streben, daß für die Kurgäste Rundfahrten nicht nur in den Taunus, sondern auch durch Oberhessen, insbesondere durch den Vogelsberg veranstaltet werden, damit diese Fremden nicht nur die Schönheiten des Taunus, sondern auch die des Vogelsberges und der oberhessischen Städtchen kennen lernen, selbst dorthin gehen zur Äachkur und schließlich in kommenden Jahren hier wieder Einkehr halten und andere Reiselustige darauf aufmerksam machen. Das Wirtschaftsleben der Städte und Ausflugsorte Oberhessens kann davon nur Vorteile haben. Als drittes Ware auf rege Fremdenwerbung hinzu- wirken. Wer die großen deutschen Zeitungen verfolgt, wird mit Bedauern immer wieder feit» stellen müssen, daß das Land Oberhessen, daß insbesondere der Vogelsberg mit seinen vielen landschaftlichen Schönheiten im Reiche wenig oder gar nicht bekannt zu sein scheint. Hier ist noch eine rührige, fruchtbringende Arbeit zu leisten, und zwar gemeinsame Arbeit auf breitester, umfassender Grundlage. Vereinzeltes Vorgehen würde die Kräfte zersplittern und wenig Erfolg bringen. Eine Arbeit übrigens, die heute nur angedeutet werden kann. Heute sollen nur die Vorbereitungen zur Gründung des Bundes getroffen werden. Zum Zwecke einer gedeihlicheren Arbeitsteilung schlägt der Redner die (spätere) Schaffung von Ausschüssen vor, zunächst etwa einen Eisenbahn-Ausschuß, einen Kraftposten- Ausschuh und einen Werbe-Ausschuß. Alle willigen Kräfte mühten zur Arbeit im Interesse unserer Provinz mobil gemacht werden und in tatfrohem Schaffen gemeinsam vorgehen. Dann werde auch der Erfolg schließlich nicht ausbleiben.
Provinzialdirektor Graes dankte dem Referenten für seine Darlegungen und eröffnete dann die Aussprache. Als erster Diskussionsredner sprach der Präsident der Handelskammer Friedberg, Kommerzienrat Langsdorf: er wies ebenfalls auf die schweren Derkehrsmangel in Oberhessen eindringlich hin und berichtete über die bisher leider erfolglos gebliebenen Bemühungen bei der Reichsbahndirektion in Frankfurt a. M. Die Einstellungen unb Zusammenlegungen von v-Zügen nehmen uns die besten Verbindungen weg. Der Präsident der Handelskammer Gießen, Kommerzienrat Schirmer, bedauerte lebhaft, daß ihm bis heute noch kein Fahrplanentwurf von der Reichsbahn gugegangen sei, obwohl in aller Kürze eine Handelskammerversammlung angesetzt sei, die sich ganz speziell mit Fahrplanfragen zu befassen gedenkt. In kurzen Worten betonte sodann Regierungsrat Weber- Schotten die Dringlichkeit der baldigen Schaffung der geplanten Interessenorganifation. Als Vertreter oev Stadt Bad-Rauheim unterstrich Beigeordneter Kling- Dad-Rauheim die überaus lebhafte Anteilnahme, die Rauheim, der „Diamant Oberhessens", am künftigen Verkehrsbund nehme. Es fei höchste Zett, sich gegen die Deiseitedrückung in Verkehrsdingen zur Wehr
In diesem Augenblick, meine Herren, glaubte ich selbst, verrückt zu sein. Es war mir, als ob die Sehnren meiner Knie durchgeschnitten wären. Ich verlor den Atem und sank zurück auf die Bank, so daß der mich stützende Wirt ausries: „Aber, H-rr Doktor, was ist Ihnen?" Er wandte sich nach irgendetwas um und gewahrte in demselben Augenblick mein Abbild, das gerade die zwei Stufen zur Türe herauf geschritten kam.
„Wer ist nun der Doktor?" schrie der Wirt. In diesem Augenblick waren drei Menschen ratlos.
Die Geschichte klärte sich sehr eigentümlich, wissenschaftlich vielleicht höchst interefsant, auf: Ein anderer Zweig des Geschlechtes war in der Gegend sitzengeblieben, und, Spiel des Zufalls oder der achtundvierzig Keimchromosone, mein Verwandter aus so und so viel Graden: sah mir so ähnlich, als wollte er einen persönlichen Leibzeugen für die Mendelschen Erbtheorien erbringen."
„Das wissen die Chinesen schon lange!" tönte die Stimme des Sinologen dazwischen. „Sie sagen: acht Ahnen habe ich, der Rennte bin ich!"
Ich berühre diese kleine Geschichte aus dem Seben, um dem Leser klar zu machen, was für eine magische, sonderbare Ungeheuerlichkeit einem Menschen sein Doppelgänger Darstellt. Bei Doktor B. wurde diese Ungeheuerlichkeit noch versöhnt, weil er gewissermaßen einen Vetter siebten, achten Grades gefunden hatte. Er verzieh dem anderen die absolute Aehnlichkeit, weil er ja doch die Entschuldigung des eigenen Blutes fand. Aber wie niederschmetternd und erniedrigend wirrt die Erscheinung eines anöereit, der einem gleich sieht, wenn er einem am Hellen Mittag auf der Tauenhienstrahe, der Iungfernstiege, der Zeil, am Gürzenich, in der Ludwigstrahe oder der Grimmaschen Straße begegnet!
Uralte Sagen und Mären werden im Menschen wach, wie etwa der Fremde in dec eigenen ähnlichen Gestalt die Frau oder die Geliebte betört hat, oder vielleicht auch viel böser im modernen Sinne, das Vertrauen des eigenen Bankkassierers erschlich. In der Tat, der Doppelgänger erscheint dem Betreffenden als em Abgesandter der Hölle, bestimmt, den eigenen Sinn, die eigene Vernunft zu narren. Und in diesem schweren Sinne der eigenen verletzten Persönlich- fcit haben die Romantiker den Dovpesgänger aufgefaßt. Ein tiefes Zeugnis für die Gefühlsver
wirrung. die er anrichten kann, sind E. T. A. Hoffnianns „Elixiere des Teufels".
Wer einen Doppelgänger sieht, wird unbewußt von jenem Eittsetzen besaiten, seine Per- sönlichteit habe sich gespalten und ein entronnener Teil ginge als eigenes Wesen für sich in der Welt herum. Ueberall in den Auszeichnungen genialer und darum in den Rerveu erregbarer Menschen, finden wir Bekenntnisse der Art, daß sie sich selbst in Schrecken oder Ahnung doppelt gesehen hätten. So auch bei Goethe, da er im Jahre 1771 von seinem traurigen Abschiede von Friederike von Brion berichtet, als er sich selbst zu Pferde in einem bisher nicht getragenen hechtgrauen Kleid mit Gold begegnete, ein Kleid, in dem er nach 2ahren später wirklich noch einmal nach Sesen- heim ritt.
Es gibt vernünftige Erklärungen auch für die goethische Halluzination. Wir wollen sie uns ersparen, weil wir nur die große Erschütterung zum Bewußtsein bringen möchten, die immer der Doppelgänger bei dem Betroffenen hervorruft. Aber tote jede Tragik auch ihre einige Komik findet, so ist es auch mit dem Doppelgängertum, wenn cs berühmte Leute betrifft. Diese Doppelgänger aus niederen Sphären scheinen Satyrbilder der Ratur zu sein, um den Großen. Bedeutenden und Mächtigen ihr allzu Menschliches vor Augen zu stellen.
Bismarck hatte einen Doppelgänger in Berlin in einem in der Finanzwelt sehr bekannten Herrn, namens Mamroth, einen Onkel des bekannten Feuilletonschristleiters der Frankfurter Zeitung. Als der würdige Herr Mamroth in schwarzen: Leibrock mit weißer Binde und großem Schlapp - Hut an der Wache vom Brandenburger Tor vom Tiergarten herein vvrbeischritt, trat die Wache ins Gewehr. Dabei besaß Herr Mamroth durchaus nicht die riesige Statur des großen Kanzlers, nur die Zuge seines Kopfes. — Kaiser Wilhelm der Zweite besaß einen Doppelgänger, der einmal Paris in Aufregung versetzte. „Der Kaiser ist da!" hieß cs auf den Boulevards. Sn einem Ladengeschäft war am 24. Rovember 1925 der Herr von Doorn erkannt worden. In dec Tat war es ein hoher französischer Beamter der Republik aus Le Havre. — König Eduard Vll. besah feinen Doppelgänger in Herrn Percy Mar- sten. Dieser bedeutende Finanzier war sehr stolz, mit dem König verwechselt zu werden und hatte |
zu sehen. Der Redner sicherte die kräftige Unfa> stühung der Stadt Rauheim ju und äußerte namens dec Stadt den Wunsch nach einer engen Zusammenarbeit der Organisation mit dem Hessischen Beckehrsverband und dem Frankfurter Deckehcsverein. PcovinzialdirektorGraes stimmte dem zu, betonte aber die, ebenso wie beim Luftverkehr, erforderliche und dringend zu wünschende Selbständigkeit des Bundes. Herr Heuhcn- r ö d c r - Bad Selters erinnerte an die stiefmütterliche Behandlung dec Linie Bilbel—Stockheim— Lauterbach und wünschte, daß die Organisation ohne Egoismus arbeiten und auch die entfernteren und ganz entlegenen Orte und Gegenden berüdfidjtigen und erfassen solle. Bürgermeister Dr. Jansen-Butzbach begrüßte ebenfalls die bevorstehende Gründung, die einfach eine Rot- wendigkeit sei, und überbrachte hierzu die besten Wunsche. Im gleichen Sinnr äußerten sich mit warmen Worten für den Bund Bürgermeister Walz- Lauterbach und Bürgermeister Menge!- Schotten, der zugleich für den verhinderten Vorsitzenden des V. H. C.. Dr. Dr uchhäuser. das Wort ergriff und die Vorschläge des Referenten B l u m s ch e i n guthieß.
Ebenso sprach Bürgermeister Böhm- Laubach insbesondere für den vernachlässigten Vogelsberg, den man endlich kennenlernen müsse, und kündigte den Beitritt von Laubach und Gedern an.
Redakteur Blum schein dankte in seinem Schlußwort für die einstimmige Bereitwilligkeit zur Gründung des Bundes, der selbstverständlich gleichmäßig die Interessen der ganzen Provinz wahrnehmen solle. Unter Leitung von Provinzialdirettor Graef wurde sodann ein vorbereitender Organisations-Ausschuß gewählt, der sich aus zwölf Herren zu- sammenseht. Diese Herren sind: 1. Vorsitzender: Beigeordneter Dr. Hamm, Gießen, 2. Vorst: Bürgermeister Dr. V ö l s i n g, Alsfeld, Schriftführer : Redakteur Blumscheiu, Gießen, dazu als Beisitzer: Oberregierungsrat Dr. Heß, Gießen, Bürgermeister Dr. Seyd, Friedberg, Geheimrat R ö m h e l d, Ridda, Kaufmann D i e h m, Lauterbach, Bürgermeister Mengest Schotten. Beigeordneter P loch, Butzbach Bürgermeister H i l d n e r, Büdingen, Bürgermeister Dr. Rie- poth, Schlitz, und Bürgermeister Dr. Kayßer, Bad-Rauheim. Dieser Organisattonsausschuß soll lediglich die organisatorischen Grundlagen des Bundes ausarbeiten und hierüber einer endgültigen Gründungsverfammlung Bericht erstatten. Die Zusammensetzung dieses Ausschusses greift der des Bundesvorstandes in keiner Weise vor. Der Vorstand wird nach der Konstituierung des Bundes erst noch gewählt.
Rach herzlichen Dankesworten des Referenten Blum sch ein an Provinzialdirektor Graef schloß dieser die Sitzung mit den besten Wünschen für die neue Organisation.
Rundfunk-Programm
des Frankfurter Senders.
(Aus der »Radio-Umschau".)
Dienstag, 24. August.
4.30 bis 5.45 Uhr. Konzert des Hausorchesters: „Aus Großmutters Zeit", Alte Tanzmusik. 5.45 bis 6.05 Uhr: Die Lesestunde. 6.45 bis 7.15 Uhr: Uebertragung von Kassel: „Sprechkunst und Sprechchor". 7.15 bis 7.45 Uhr: „Die chinesische Sprache und ihre Literatur", Vortrag von Dr. C. H. Schütz. 7.45 bis 8.15 Uhr: Schachstunde. 8.15 Uhr: „Im weihen Rößl". Anschließend: Reue Schallplatten.
Geschäftliches.
Alljährlich gehen viele hundert Millionen an gutem deutschen (Selbe nach Holland, Dänemark usw. für ausländische Butter und Schmal,;, weil dec Konsum in teurer Molkereibutter in Deutschland weit größer ist, als die Erzeugung. Man fragt sich: Ist eine solche jeden Einzelnen benachteiligende Schmälerung des deutschen Nationalvermögens wirklich notwendig? Kann der Mehrbedarf nicht durch vollwertige einheimische Erzeugnisse wie die nahrhafte „Rama-Margarine-butkerfeln" bestritten werden? Wir würden alle bei dec Losung gewinnen: Keinen Pfennig mehc ins Ausland für teure Auslandware, wenn deutsche Erzeugnisse preiswert und gut zu haben sind.
es sehr gern, wenn er in den Kaffeehäusern mit „God save the king“ begrüßt wurde. — Mir selbst begegnete es in meinem dceiundzwan- zigsterr Jahre gelegentlich einer Uraufführung in München, das; ich bei der Generalprobe in den Kulissen des Theaters einen schwarzbärtigen, bebrillten Herrn traf, den ich für meinen Bekannten und Gönner, den Drauereibesiher Herrn Ziegler aus Dachau, ansprach und kräftig die Hand schüttelte. In Wirklichkeit war es der theaterfrcund- liche Prinz Ferdinand von Bayern, dec diese Doppelgängerschaft mit vielem Humor hinnahm.
In der Tat haben die Leute, die ihre Aehnlichkeit mit bedeutenden Tagespersonen erkennen, den Ehrgeiz, sich diesen so ähnlich wie möglich zu machen. Richt schwer fiel es dem Josef Urfacher, dem Hüttenwart im Wiener Wald, der eine außerordentliche natürliche Aehnlichkeit mit Kaiser Franz Joseph besaß. Die Iägertracht tat das Uebrige, nur Die Hutsorm mußte er möglichst ähnlich der des Kaisers wählen.
Pietor Callni sah Theodore Roosevelt und Johann Merling, aus Heiligenstadl, ein ehrsamer Dachdeckermeister, Ohm Krüger, dem großen Präsidenten von Transvaal ähnlich. Der Zar und der Herzog von Vock hätten sich beinahe austaufchen können. Austen Chamberlain, der heutige Minister des Auswärtigen Amtes, ähnelt sehr stark feinem Vater, dem großen Joe, dessen Begabung er aber nicht geerbt hat. Doch trägt er sich peinlich nach Dem Muster des Vaters mit Monokel und Gardenie im Knopfloch. Lustig ist es. daß ein Pariser Lebemann dem König von Spanien ähnlich sieht. Zeppelin hatte ebenfalls einen Doppelgänger, wie Carnegie und Victor Hugo die ihren. Auch unser großer Reichspräsident Hindenburg hat seinen Doppelgänger. Die Anhänger der Theorie, daß solche Ähnlichkeiten fick auch im Charakter, wenn auch in einem minderen Ich widerspiegeln, wissen, wenn sie in die ernsten, pflichtgetreuen Züge dieses Doppelgängers blicken, daß dieser Qllamt dauernd unter schwerer Verantwortung gestanden hat. Heute ist er Stellwerkmeister a. D. Und ebenso, wie auf dem großen Weichensteller des deutschen Volkes hat auch auf ihm die Verantwortung für Tausende gelastet, wenn er die Weichen für feine Züge stellen mußte. Er trägt allo die charakterologisch bezeichneten Gesichtszüge unftres Präsidenten nicht umsonst.


