Ausgabe 
23.2.1926
 
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Dienstag, 23. Zebruar 1926

176. Jahrgang

Nr. 45 Erstes Blatt

vrmk und Verlag: Brül)l'fd)e Univerfilütr-Vuch und Ltemdruckerel «.Lange in Sietzen. Schrifileitung und Seschäsirftelle: Schnlftratze 7.

Der Kampf um die Ratssitze

Italien unterstützt den polnischen Anspruch.

Staat und Kultur.

Der Reichskanzler aus der Tagung des Schutzkartells deutscher Geistesarbeiter.

Berlin. 22. Febr. (WB.) 3m Reichs- taasgebäude fand am Montagabend eine außer» ordentlich zahlreich besuchte Kundgebung für deutsche Geisteskultur statt. Mit dem Reichs­kanzler Dr. Luther wohnte auch 3nnero- minister Dr. Külz den Verhandlungen bei. Der Vorsitzende des Schuhlartells Dr. Everling eröffnete die Kundgebung und begrüßte den Reichskanzler und die Ehrengäste. Er verlas so­dann ein persönliches S ch r e i b e n des R e i ch s- präsidenten. des fünffachen Ehrendoktors, der zu seinem Bedauern an der Teilnahme ver­hindert ist und bittet, überzeugt zu sein, daß er den Bestrebungen des Schutzkartells deutscher Geistesarbeiter sein lebhaftes 3 n t e r e Ha zuwende und mit besten Wünschen dessen Arbeit begleite. Dr. Everling schloß daran Gruße f u r den Reichspräsidenten und führte baim aus- Durch den B e r m ö g e n s v e r l u st der Bildungsschicht ist die gesamte Geisteskultur ernst- lich gefährdet, zumal noch eine Einkommenvermin­derung der geistig Schaffenden eingetreten ist. Zur Verarmung kommt noch die schwere Belastung durch den Krtegstrtbut. Mittelbar hängt das Er­gehen der ganzen Kulturschicht auch vom Ge­deihen der Wirtschaft ab. Es herrscht ein tiefer Pessimismus: aber gerckde da seht der Zweck dieser Kundgebung ein:Sjaut die Pessi­misten". ..Macht euch Mut", »Stellt euere Forderungen auf, nicht nur Forderungen an den Staat, fonbern auch an die Geistesarbeiter selbst'. Die 3ndolenz der 3ntellektuellen, die sich schwer organisieren, muß überwunden werden. Das Schuh kartell deutscher Geistesarbeiter" möchte eine Kerntruppe deutscher Gesittung zu- fammenfüßren, die nicht vergißt, daß deutsche Geistesarbeiter über ihre Derufsinteressen hinaus auch wertvolle 3dealgüter zu pflegen haben. Die Geistesarbeiter sehnen sich nach einer Politik mit dem Vorzeichen »Deutsche G e i st e s k u l t u r', die deutsches Eigentum und deutsches Cigen- gewächs ist. Wir erwarten, daß alles geschieht, dieses hohe Gut und seine Träger zu fördern.

Wir hoffen, daß zäher deutscher Jleiß und deut­scher Scharfsinn unsere Geisteskultur aus neuer wirtschaftliä)er Grundlage erhält. Unser wert­vollstes Vermögen ist doch unsere Arbeitskraft. Lin Volk, dessen Führerschichten in schlichter Ein­fachheit und Arbeit aufwachsen, hat Aussicht, das tüchtigste Volk der Erde zu werden.

Dann wird es auch heißen wie jetzt in Köln und Bonn: Deutschland frei' Aus mein Volk, laß deine Falken, deine Adler wieder steigen!

Professor Karo-Halle sprach dann über die deutsche G e i st e s a r b e i t im Ausland. Er

griff zurück auf die Wurzeln der deutschen Kultur, die vor dem Kriege im Ausland vermöge des deut­schen Volkscharakters der deutschen Sprache nur rar gewesen seien. Der Deutsche, dem die bewußte Pro- paganba nicht liege, habe der Gegenpropaganda der Alliierten, die schon lange vor dem Kriege ein- setzte, keinen Widerstand entgegensetzen können. Aber auch jetzt beständen noch sogenannte wissenschaftliche und Geistesorganisationen, eigens zu dem Zweck ge­gründet. dieunwürdigen" Deutschen auszuschließen. Dieser Boykott sei amtlich bis zum Jahre 1930 fest- gelegt. Wenn aber je die Zulassung Deutscher er­folgen sollte, dann dürfe dies nicht ohne den Wi­derruf dieser Infamierung geschehen. Das sei vom Standpunkt der Selbstachtung eine Selbstverständ­lichkeit. Unser Gebot fei das Gebot des Wartens. Nur kein Verstehen um jeden Preisl In unserem Elend hätten mir eine starke Groß­macht, das sei das geistige Deutschland. Vielleicht das wichtigste sei jedoch, daß wir die Pflicht der Dank­barkeit für diejenigen im Ausland nicht vergessen, die während der Kriegspropaganda immer noch für die deutsche Geistesarbeit in einer Art von Helden­tum eingetreten feien.

Darauf ergriff

Reichskanzler Dr. Luther das Wort zu Ausführungen überStaat und Kultur": Wenn er früher von dem Vorzeichen derWährung und Wirtschaft" gespro­chen habe, so habe es für ihn nie einen Zweifel gegeben, daß es für die deutsche Politik nur ein Doppelziel gebe: Staat und Kultur. Alle wirtschaftlichen und staatlichen Maßnahmen müßten letzten Endes nur dem Volk und dem Vaterland dienen. Staat und Kultur als Ziel seien das Bleibende, das nie Llntergehende. Alles andere sei nur Mittel zum Zweck. Leider sei die Tätigkeit der Reichsregierung beengt durch die Rot der Zeit und weiter begrenzt durch die Verfassung unseres Volkes. Rach der Verfassung fehle dem Reich in vielen kultu­rellen Fragen die Zuständigkeit. Die Ziele des Reiches sind verbunden mit der Zuständigkeit der Länder, die in dem Wesen des Deutschtums verwurzelt sind. Dem Reich fehlt im allgemeinen in Kulturfragen die Zuständigkeit. Das ist eine Tatsache, die doch der Arbeit der Reichsregie­rung eine gewisse Besonderheit gibt. 3<f) habe es immer als einen Mangel empfunden, daß wir in der praktischen Arbeit im Reiche, in der Reichsregierung und im Reichstag zu wenig mit Kulturfragen zu tun haben. Wenn ich mich mJ kulturellen Fragen beschäftige, gehen meine Gc> danken sehr gerne zurück in jene Zeit, wo ich Oberbürgermeister von Essen war.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer vis zum Nachmittag vorher.

Preis für \ mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re- klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20°/. mehr.

Chefredakteur:

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Deranttoortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An- zeigenteil Hans Iüstel, sämtlich in Gießen.

Run hat sich auch Herr Mu.ssvlini in das widerwärtige 3ntriguenspiel um die Sitze im Dölkerbundsrat hineingemischt. Natürlich, er durfte ja dabei nicht fehlen, nachdem ferne ganze Außenpolitik von einem eigentlich unbegreiflicheir Haß gegen Deutschland beeinflußt wird. Man sieht iricht recht, inwieweit er selbst dabei noch der Führer oder inwieweit er.schon der Ge­fangene der saszistischen Ältras rs, die, um ihre Leute bei der Stange zu halten, einen außenpolitischen Rummel brauchen. 3edensalls hat er kaum gehört, daß da etwas am Werke ist, was gegen Deutschland ausgenutzt werden kann, schon meldet er sich zu Wort, um den Polen wohlwollend die Hand zu schütteln und ihnen zu versichern, daß er gerne bereit wäre, ihre An­sprüche zu unterstützen. Ob er daberw^klrch nupt sieht, wie er sich ins eigeneTlersch schnerdet? Rach demgewonnenen Krrege hat Ztalren sehr rasch begriffen, daß die internationale Konstella­tion sich durch den überwiegenden Einfluß Frankreichs stark zu seinen Ungunsten ver­schoben hat, er suchte deshalb auch Anlehnung an England und nahm die Front gegen Frankreich, wobei es ihm sogar gelang, den Konfliktsstoff mtt 3 u g o s l a w i e n an der Adria zu E>efeiligen. Dadurch war es auch das Gegebene, daß 3talien Deutschland wenigstens moralisch stützte. 3eht mit einemmal macht es den Eindruck, als ob Mussolini den Kurs vollkommen herum­schmeißen und engste Anlehnung an Frankreich suchen will; wobei er sich natürlich darüber klar sein muß, daß er dann weltpolitisch England gegen sich hat. Wie er unter solchen Umstanden bei den ungeschützten offenen Küsten 3taliens Mittelmeerpvlittk treiben, wie er vor allem die afrikanische Kolonialpolittk durch­führen will, die doch zusammen mit Frankreich gar nicht zu meistem ist, das ist sein Geheimnis, und wir haben keinerlei Veranlassimg, uns feinen Kops zu zerbrechen.

Wie ja überhaupt Deutschland diesmal in der angenehmen Lage ist, daß wir als Zuschauer im internationalen Parkett sitzen und ruhig zu­sehen können, wie die großen internationalen Akteure auf der Bühne unter sich einig werden. Für uns liegen die Dinge außerordentlich einfach: wir sind aufgefordert worden, in den Völkerbund einzutreten und haben die Bedenken zurückgestellt, weil die Pvlittk, die in Locarno einsehte, uns enger an die europäischen Mächte heranbrachte. Von keiner Seite ist auch unser Anspruch auf einen Sih im Dölkerbundsrat abgelehnt worden; wir haben von allen Mächten die Zusicherung, daß uns als Großmacht ein solcher Platz z u k o Hl m t. Selbstverständlich uns allein. Denn wenn die Zahl der Ratssihe beliebig vermehrt wird, entwertet sich für den einzelnen die Stellung, zumal wenn die Erwei­terung des Rates in einer Form erfolgt, die eine Mehrheitsbildung unter fran­zösischer Führung von vornherein sicher stellt. Käme Deutschland, wie man uns nachsagt, mit der Absicht in den Völkerbund, ihn von innen heraus zu sabotieren, bann könnte uns diese Entwicklung nur recht fein, wir würden dann von uns aus mit entsprechenden Vorschlägen für Oesterreich, Rumänien und eine Reihe von anderen Staaten kommen können und auf diese Weise dazu mittjelfen, daß der Rat zu einem unförmigen Gebilde anwächst, dadurch arbeits­unfähig wird und damit der ganze Apparat sich von innen aushöhlte. Gerade weil aber Deutschland die Absicht hat, ehrlich mitzu- arbeiten, wehrt es sich gegen die Hinterhäl­tigkeit Frankreichs, die dem primitivsten Begriff von Vertragstreue ins Gesicht schlägt. Daß wir jetzt, und zwar allein, in den Rat eintret en, ist eine Prestigefrage für uns geworden, mit deren Beantwortung das Vertragswerk von Locamo steht und fällt.

Beinahe sieht es so aus, als ob Chamber­lain sich diese Folgen nicht rechtzeitig überlegt hat. Er laviert so vorsichtig, daß man zu dem Schluß kommen muß, er habe Herrn Briand irgendwelche Zusagen gegeben, die ihm jetzt sehr unbequem sind. Denn der Beitritt Polens und Spaniens, zu­mal da Spaniens Vertreter im Völkerbund eine Französling reinsten Wassers ist, geschieht doch auch auf Kosten Englands, deshalb auch der Druck der englischen öffentlichen Meinung, die von einer solchen Verwässerung der englischen Macht­stellung nichts wissen will. Aber auch die Ameri­kaner stehen dabei auf unserer Seite. Und das ist wichtig. Wir sind in der Locarnopolitik weiter ge­drängt worden, als uns lieb war, weil ein Abbruch der Verhandlungen, nachdem sie einmal so weit ge­diehen waren, uns als den schuldigen Teil erscheinen ließ und uns vornehmlich in den Augen Amerikas erneut zum Störenfried gestempelt hätte, was sich praktisch in der Sperrung der amerikanischen Kre­dite auswirkte. Jetzt dagegen haben die Amerikaner durchaus Verständnis dafür, daß wir uns nicht in so plumper Form übers Ohr hauen lassen wollen. Und gerade das Eintreten Mussolinis für die polnischen Ansprüche ist nur geeignet, auch den nai- vesten Amerikaner aufzuklären über das Spiel, das hier gespielt werden soll. Mussolinis Drohrede von dem Marsch über den Brenner hat in Neuyork sehr ernüchternd gewirkt, so stark, daß vorübergehend der italienisch-amerikanische Schuldenaus­gleich gefährdet schien. Wenn er sich jetzt so massiv für die polnischen Ansprüche einsetzt, dann ist das nicht anders zu verstehen, als daß er damit Bun­desgenossen gegen Deutschland suchen

ohne zu bebercken. baß aus einer solchen Argu­mentierung beispielsweise auch Litauen, bas sich ja mit Polen als im Kriegszustände erachtet, gleiches Recht ableiten könnte. Damit gehen bie Bemühungen bet hiesigen Presse Hanb in Hand, ben Großmachtscharakter Polens zu er­weisen, wobei bie Formulierung eines ehemali­gen polnischen Gesanbten in ben Spalten des Kurier Warszawski" von Interesse ist, baß der Abstanb Polens von ben Großmächten geringer sei, als der des nächst mächtigen Staates von Polen.

Gleichzettig mit diesen mit allem Ernst ge­führten Erörterungen finbet bie Warschauer Presse noch breiten Raum für bie Polenkik mit der Haltung der deutschen, schwedischen und eng­lischen Presse. Am schmerzlichsten berühren bie dem Gedanken einer Vermehrung der Ratssihe durchaus abträglichen englischen Stimmen. Ein Teil der polnischen Presse läßt sich hier­bei zu heftigen Angriffen gegenfönglanb hinreißen und ein gelesenes Blatt ber in außen­politischen Dingen maßgebenden Rechten spricht vonpolenfettckllichen, jüdischen Einflüssen in London" und voninsularer englischer 3gnoranz in kontinentalen Dingen".

So werfen bie aufgeregten Kommentare ber Presse bie Gefühle ber leicht erregbaren polni­schen Öffentlichkeit zwischen Hoffnung und Ent­täuschung hin und her. Da ist es gut, daß die Stimme des in außenpolttischen Dingen erprobten Czas" zu hören, des Blatter der Krakauer Kon­servativen, zu denen sich ja bekanntlich auch Ministerpräsident und Außenminister Graf Skrzhns ki zählt. Das Blatt meint, daß Polen selbst im FaNe einer Rieberlage bei bet gegen­wärtigen Campagne um einen ständigen Rats sitz sicherlich ben Vorteil gewänne, noch im Lause dieses Jahres einen nichtständigen Sih zu er­halten. Damit hat ber stets gut informierte Czas' wohl ben wahren Hintergrund des pol­nischen Pressefeldzuges entschleiert.

Drohungen Skrzynskis.

London. 23. Febr. lWTB. Funkspruch.) DerDaily Telegraph" schreibt, in diplvnmtt- schen Kreisen in Paris glaube man, daß Be­sprechungen des britischen Gesandten in Warschau mit dem Oralen S kr z Y n s k i eine gewisse Wichtigkeit beizumessen sei. Wenn Polen

in seinen Bestrebungen nach Erlangung eines ständigen Sitzes im Dött.ibundsrat ein Mißerfolg bereitet werden sollte, würde vermutlich Graf Skrzhnski und sein gegenwärtiges Kabinett zurücktreten müssen und ihre Rachfolger würden sicherlich nach irgendeiner Art von Rückensicherung Ausschau halten, vielleicht durch eine Art von Annäherung an Ruß- land. Tschitscherin habe im September in War­schau Vorschläge gemacht, die vielleicht heute angenommen werden könnten.

Brasiliens Ansprüche.

R i o d e I a n e i r o , 23. Febr. (TU.) Dem Ver­treter derBritish United Preß" erklärte der brasi­lianische Außenminister Pacjeco, daß Brasilien ein Recht auf einen stündigen Ratssitz habe. Die Frage der Vermehrung der Sitze werde bestimmt vom Dölkerbundsrat in seiner Sitzung am 8. März zur Sprache gebracht werden. In Er­wägung der Tatsache, daß Deutschland seinen Ein­tritt in den Völkerbund an die Voraussetzung der Zuteilung eines ständigen Sitzes knüpfe, muß die brasilianische Frage z u e r st geregelt werden. Brasi­lien habe versprochen, die Kandidatur Deutsch­lands zu unterstützen. Brasilien habe keines wegs die Absicht, irgendwelche Vorrechte in An­spruch zu nehmen. Was es wünsche, sei lediglich, mit den anderen Mitgliedern des Völkerbundes über das Problem zu konferieren.

Dänemark gegen die Erweiterung des Rats.

Kopenhagen, 22. Febr. (WTD.) Zur Frage der Erweiterung des Völkerbundsrates schreibt diePolitiken", die verbreitetste dänische Zeitung, u. a.: Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund schafft ganz neue schwie­rige Verhältnisse. Cs ist möglich, daß bie kommenden 3ahre unruhig und stürmisch sein werden, und baß der Völkerbund in dem Bestre­ben, sich zu behaupten, auf viele Schwierigketten flößen wirb. Die Schwierigkeiten werden jedoch bann zunehmen, wenn die Zahl der Rats- mitglieber erhöht wird. Einen Rat wie der- jenige, für den die französische Presse sich letzt einsetzt, würde den Charakter des Völkerbundes total verändern und seine Bedeutung für die kleinen Staaten illusorisch machen. Wir tonnen daher nur sagen, daß wir mit großer Befriedigung die Stellungnahme Schwedens gegenüber den Erweiterungsplänen aufgenommen haben. Hnfer Rachbarland hat damit nicht nur die 3ntereffen ber kleinen Rationen, sondern auch blefenigen des Völkerbundes verteidigt.

will. Dazu brauchen wir uns nicht herzugeben, das wird uns niemand in der Welt verdenken. Wenn also an dieser ganzen Kulissenschieberei jetzt der Lo- carno-Vertrag im letzten Augenblick scheitern sollte, bann sind wir nicht schuldig daran, sondern die Gegenseite. Wir haben den Beweis erbracht, daß wir ehrlich an der Neugestaltung der europäischen Verhältnisse mit arbeiten wollen. Macht man uns das unmöglich, dann können wir in aller Ruhe das Weitere avwarten.

Chamberlains Rolle.

Voreilige Zusage an Briand und Polen

London, 23. Febr. (WTB. Funkspruch.) 3n der gestern abgehaltenen Sitzung des Par­lamentsausschusses der englischen Liga für den Völkerbund führte ber frü­here Vertreter Großbritanniens im Völkerbund, Fisher, u. a. aus: Es sei von äußerster Wich» tigkeit, die ständigen Sitze den Großmächten vorzubehalten, da diese bie Hauptlast in finan­zieller Hinsicht und die Hauptlast der Verant­wortung im Falle einet Krise zu tragen hätten. Die Zulassung Polens und Spaniens würde ganze Serien neue Gesuche her­aufbeschwören, auch würde die anscheinend zu­nehmende günstige Stimmung gegenüber dem Völkerbund einen schweren Rückschlag erleiden, wenn nicht einer ber Sitze, bie für die Groß­mächte bestimmt seien, für Amerika freige­halten werde. Tom Shaw sagte, die Annahme der Entschließung werde Chamberlain in Stand sehen, in Genf zu berichten, daß es im brittschen Parlament in dieser Sache nur eine An­sicht gäbe. Schließlich wurde folgende Ent­schließung einstimmig angenommen:

Der Ausschuß betrachtet mit größter Besorgnis bie mit dem ausdrücklichen Zweck der Wahl Deutschlands in den Völkerbund und seiner Aufnahme als st än - diges Mitglied in den Völkerbundsrat ein berufenen Völkerbundsversammlung als Ge­legenheit zur Behandlung weiterer grund­legender Aenderungen der Völkerbundsrats- nerfaffung zu benutzen. Der Ausschuß ist der Meinung, daß gegen jegliche Ver­größerung des D ö lker bund s r a t s die ernstesten Einwände bestehen und bittet die Regierung dringend, solchen Aende­rungen in diesem Augenblick stärksten Widerstand entgegenzusehen."

Bei Gelegenheit der Verleihung des Ehren­bürgerrechts von Birmingham hielt Chamber­lain eine politische Rede, in der er bat, nicht enttäuscht zu sein, wenn wegen Deutschlands Ein­tritt in ben Völkerbund und wegen der deutschen Stellung innerhalb des Bundes ein Streit aus­brechen werde. Er seinerseits sei überzeugt, daß das' Problem praktisch gelöst werden könne, ipenn die in Locarno versammelt gewesenen Persönlichkeiten wieder zusammenkämen und die Frage erörterten. DerEvening Standard" glaubt, daß sich Chamberlain der polnischen Ratskandidatur gegenüber sehr wohlwol­lend gezeigt habe, ja er habe Briand von seiner Absicht unterrichtet, die polnische Kandidatur dem Kabinett zur wohlwollenden Erwägung zu emp­fehlen. Der CinspruchSchwedens sei letzten Endes nicht ausreichend, um die Zulassung Polens zu verhindern. Ebenso wie Schweden Po­lens Zulassung verhindere, so konnte Spmnen oder Polen die Zulassung Deutschlands zu einem stän- 1 bigen Ratssih verhindern, zumal beide Mächte von einer Großmacht unterstützt wür­den. Die in England vorherrschende Meinung sei die. daß der britische Außenminister weise getan haben würde, Polens Ansprüchen von Anfang an Widerstand entgegenzusehen. Chamberlain habe indessen die schwierige Aus­gabe, sowohl Deutschland als auch Frank­reich zu befriedigen.

Polen und der Rat.

Warschau, 2 Febr. Der bevorstehende Eintritt Deutschlands in den Völ­kerbund und die damit verknüpften Bemü­hungen Polens und anderer Staaten, die Zahl der ständigen Ratssihe zu erweitern, bildet das ausschließliche Thema der außenpolitischen Er­örterungen der hiesigen Presse und der an Po­litik interessierten Kreise. Mit banger Aufmerk­samkeit wird die Entwicklung der Angelegenheit verfolgt und jede diesbezügliche Stimme der Weltpresse gewissenhaft wiedergegeben.

Die eigenen Ausführungen der polnischen Presse wiederholen meist das von Frankreich ausgegebene, schon bekannte Stichwort, daßdas durch den Eintritt Deutschlands gestörte Gleich­gewicht durch die Beteiligung Polens mit einem ständigen Ratssih wiederhergestellt wer­den müsse", wobei geflissentlich übersehen wird, daß, wenn schon überhaupt, erst der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund ein diesem ange­rufenen Gleichgewicht ähnliches Verhältnis schafft. Gleichzeitig versucht man hier in nicht recht ver­ständlicher Weise aus dem Vertrag von Locarno die Aotwendigkeit eines ständigen Ratssitzes für Polen abzuleiten, während ein an­derer Teil der polnischen Presse die Welt zu überzeugen sucht, daß gerade die Tatsache der mannigfachen deutsch-polnischen Dtsserenzen Oie wahrhaft Friedensliebenden veranlassen mutzte, Polen einen Sih im Weltareopag einzuraumen.

Erscheinttäglich. außer Sonntags und Feiertags.

Beilagen:

Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen