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Gießener Anzeiger (Senercii-Attzeiger für Gberheffen)

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Die Zukunft des Radio.

Eine UnLerredun - mit Staatssekretär Dr. Bredo rv. - Die Wrrtjä-aft- lichen Aufgaben des Radio.Das Problem der Bildüberiragung.

Angesichts der Tatsache, daß sich das Ra- diowesen in allen Ländern der Welt und insbejondere seit seiner Einführung in Deutschland auch bei uns großen Interesses erfreut, baten wir den Schöpfer und Leiter des deutschen Funkwesens, Staatssekretär Dr. Hans Bredow, um eine Unterredung überDie nächsten Zukunstsmöglichkeiten und Aussichten des deutschen und internatio­nalen Funkwesens". Dabei erklärte Staats­sekretär Dr. Bredow:

Es ist erfreulich zu sehen, wie der deutsche Rundfunk ständig wachsendem Interesse aller Kreise begegnet und demzufolge auch ständig an Aus­dehnung zunimmt. So hat der deutsche Rundfunk gegenwärtig bekanntlich mehr als eine Mil­lion Teilnehmer. Wenn ich mir die nächsten Zukunftsaussichten für das Rundfunkwefen in Deutschland betrachte, so bin ich überzeugt, daß die Teilnehmerzahl auch weiterhin rasch steigen wird. Einmal liefern die Rundfunkgesellschaften jetzt so reichhaltige, vielseitig und künstlerisch hochstehende Programme, daß meiner Auffassung nach für je­den Geschmack etwas darin zu finden ist. Sehr zur weiteren Vermehrung der Teilnehmerzahl wird auch die jetzt endlich erfolgte Freigabe des Empfanges im besetzten Gebiete bei­tragen, sowie die Eröffnung von Sendern, die stärker als die bisherigen sind, in den meisten deut­schen Rundfunkbezirken. Einen anderen Anlaß da­für, daß meiner Ansicht nach die Zahl der deutschen Rundfunkteilnehmer noch mehr anwachsen wird, sehe ich in dem Ausbau einer technischen Neuerung, mit dem schon begonnen worden ist. Es sollen nämlich Ucber trag ungen von Program­men von einem Sender auf den andern in ständig wachsendem Umfange erfolgen, wie dies kürzlich bereits auch in einerLohengrin"-Auffüh- rung von Berlin aus über die meisten deutschen Sender vorgenommen wurde. Diese Uebertragun- gen gehen durch Vermittlung von Fern­sprechkabeln vor sich und sind, auf lange Strecken angewendet, sehr kostspielig und technisch außerordentlich schwierig. Nichtsdestoweniger wird diese Einrichtung aber immer weiter ausgebaut und auch mit der Zeit auf das Ausland ausgedehnt werden. Ueber den Zweck der gegenseitigen Pro­grammbereicherung hinaus aber bedenke man, daß durch diesen Programmaustausch eine kulturpolitische Tal von großer Bedeutung durchgeführt wird. Es ist klar, daß der Austausch künstlerischer Erzeugnisse außerordentlich zur Annäherung aller Völker bei­trägt, ganz abgesehen davon, daß solche drahtlosen kulturellen Verbindungen sich auch mit entfernteren Völkern und Ländern Herstellen lassen und so das gegenseitige Wissen umeinander bereichert wird."

Neben den künstlerischen Aufgaben hat das Funkwesen auch auf wirtschaftlichem und erziehe­rischem Gebiete Aufgaben zu erfüllen", warf hier der Besucher ein.Sind Sie, Herr Staatssekretär, in der Lage, mir Mitteilungen über die auf diesem Gebiete stehenden Pläne zu machen?"

Der kürzlich in Betrieb genommene Deutsch­landsender", entgegnete Dr. Bredow,der auf Welle 1300 Meter auf große Entfernungen zu hören ist, will in erster Linie dem Fortbildungswesen dienen.

Man arbeitet auch schon in dieser Richtung. Denn gegenwärtig findet ein pädagogischer Kursus für ^chrer statt. Darüber hinaus sollen allmählich auch andere Berufe, so z. B. Gesundheitswesen, Verwal­tungsdienst, Landwirtschaft, Handwerk und andere Gebiete in diesen erweiterten Kreis des Rundfunk­wesen einbezogen werden. Ein wichtiges Gebiet, dem das Funkwesen dient, ist der N a ch r i ch t e n v e r - kehr. Und hier ist durch seine ganze Art das Funkwesen besonders für die überseeischen Ver­bindungen geeignet. Die überseeischen Funkverbin­dungen dienen vor allem dem wirtschaftlichen Ver­kehr. Die Entwicklung des überseeischen Nachrichtendienstes über Funklinien hat in neuester Zeit technisch weitere Fortschritte sowohl bezüglich der Schnelligkeit als auch der Betriebs­sicherheit gemacht. Beispielsweise werden jetzt i n China und in Japan regelmäßig deutsche Funkmeldungen ausgenommen. Schon lange findet außerdem ein guter wechselseitiger Verkehr zwischen Deutschland einerseits sowie Nordamerika, Südame­rika und den meisten europäischen Ländern ander­seits statt. Darüber hinaus aber hat sich das Funk­wesen für die Sicherheit des Schiffsver­kehrs und des Flugwesens geradezu un­entbehrlich gemacht. Nicht nur, daß der Nachrichten­dienst und die Aufnahme von Wettermeldungen da­bei eine große Nolle spicken. Die Navigation kann vielmehr mit Hilfe der Funkmeldungen außerordent­lich erleichtert werden."

Welches, glauben Sie, Herr Staatssekretär, werden die nächsten Zukunftsmöglichkeiten des Ra­dio fein?" fragte der Besucher, worauf Dr. Bredow erwiderte:

Die nächste Entwicklung wird meiner Ansicht nach unter dem Zeichen der drahtlosen B i l d- übertragung stehen, mit der man sich jetzt über­all beschäftigt und der sich viele Wirtschaftler und Konstrukteure widmen. Diese Arbeiten haben auch bereits sehr wertvolle Resultate gezeigt. Denn schon jetzt ist es möglich, Handschriften sowie Schreib­maschinen- und Druckschrift mit großer Geschwindig­keit durch Funksender zu übertragen und durch ge­eignete Empfänger im Faksimile wiederzugeben. Die Anwendung dieser Technik auf die Praxis wird von außerordentlichem Nutzen sein. Wenn setzt bei­spielsweise jemand nach Südamerika oder in ein anderes entferntes Land Briefe, Karten oder der­gleichen schickt, so dauert es Tage und Wochen, bis diese Sendungen an ihren Bestimmungsort ge­langen. Bei Anwendung der neuen Technik, die vor­nehmlich im internationalen Verkehr und auf große Entfernungen wertvoll ist, wird ein Teil des jetzt durch Eisenbahn, Schiff oder Flugzeug beförderten Briefverkehrs auf diese neuen Verkehrswege abwan- dem. Mit welcher Geschwindigkeit solch ein Nach­richtendienst durchgeführt werden kann, geht daraus hervor, daß die elektrischen Wellen, auf der diese Verbindung sich abspielen, mit ihrer Fortpflan­zungsgeschwindigkeit von 300 000 Kilometern in der Sekunde jeden Rekord schlagen. Man sieht, mit welchem Ernst und Eifer an dem Ausbau des Funkwesens gearbeitet wird. Ich bin überzeugt, daß, wenn das Wachstum des Funkwesens so weiter geht in Deutschland, wie bisher, wir in Zukunft auf jedem Gebiete viel Nutzen und Segen durch das Radio erfahren werden."

Ur. st) Drittes Blatt________

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Ahnen des Lscarnovertrages.

Von Professor Dr. Hans F. H e l m o l t.

Darüber, daß das, was wir trotz der Lon­doner Unterschrift unter dem NamenLocarno" zu begreifen pflegen, eine ausgesprochene Reaktions­erscheinung ist, sind wir uns alle klar. Intellektuell führte dabei die späte Einsicht in die Unerträglich­keit des alle schädigenden Krieges nach dem Kriege: sekundierend wirkte die ideelle Sehnsucht nach einem wenigstens einigermaßen anständigen Frie­denszustande. Die Mehrheit der Völker wie der Individuen ist nun einmal dem Heroenzeitalter ent­wachsen. Daneben kam der ganzen Aktion entschie­den zugute der allgemeine Eindruck, daß sie etwas Neues, der Übeln Lage höchst modern Angepaßtcs darstellte. Ist es aber wirklich an den?? Schwerlich. Wer tiefer gräbt, wird bald auf recht ehrwürdige Wurzeln stoßen.

Die Ahnentafeln des Locarnovertrages, vulgo: des Sicherheitspaktes, weist, sofort in die Augen fallend, eine Gabelung in zwei Hälften auf, wie es nur natürlich ist: eine männliche und eine weibliche. Die Ahnfrau nennt sichIdee des Ewigen Friedens". Ohne von den Prophezeiungen der Sibyllinischen Bücher, den Weissagungen der Chi- liasten oder andern Schwärmereien hier Notiz zu nehmen, sei zunächst an den Traktat vom Ewigen Frieden des Abb« Charles-Jreenee Castcl d e Saint-Pierre aus dem Jahre des den spani­schen Erbsolgekrieg abschließenden Utrechter Frie­dens (1713) erinnert. Der Abbe ist wohl der erste Publizist, der, mit Bewußtsein die Gefahren des Schwebezustandes eines Gleichgewichts der Kräfte erkennend, für die Herstellung eines Völkerbundes eintritt. Ueberaus charakteristisch ist dabei zu be­obachten, daß einer der Hauptgründe für die Recht­fertigung und Verwirklichung seines Gedankens ausgesprochen metallischer Natur ist. Wie Frank­reich letzten Endes nur durch die Londoner Rede des nordamerikanischen Botschafters Houghton vom 4. Mai 1925 (Das volle Maß amerikanischer Hilfe kann nur erlegt werden, wenn das amerika­nische Volk die Versicherung hat, daß die Zeit zer­störerischer Methoden und Politiken vorüber und Die Zeit für friedlichen Aufbau gekommen fei") nach Locarno geführt worden ist, genau so bildet die Erwägung, daß die von Europa während des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts aufge- wandten Kriegskoften mehr als das Vierfache des Kapitals betrugen, dessen Zinsen ganz Europa überhaupt genieße, den stärksten Trumpf im Spiele des Abbö de Saint-Pierre. Und man darf getrost behaupten, daß die trotzige Abkehr von solch ver­nünftigen Vorschlägen, wie sie das leichtsinnige und frivole Jahrhundert von John Law bis Charles de Ealonne auszeichnet, die französischen Finanzen jenem Bankerott entgegen getrieben hat, aus dem sie lediglich durch die gestohlenen silbernen Löffel des glorreichen italienischen Feldzuges von 1796 bis 1797 gerettet worden sind.

Von einer wesentlich höheren Warte aus griff um dieselbe Zeit der Deutsche Immanuel Kant in feinem philosophischen EntwürfeZum Ewigen Frieden" (1795) das Problem an. Gründlich fordert er vor allen Dingen das Aufhören der stehenden Heere, die Beschränkung der Staatsschulden, den Grundsatz der Nichteinmischung und die Unzulässig­keit der Erwerbung eines selbständigen Staates durch einen anderen, ehe an die Errichtung eines Bundes freier Völker zu allgemeinem Frieden ge­dacht werden könne. Daher dient nach und neben ähnlichen Schritten von Grotius, Leibniz, Mon­tesquieu^ Rousseau und Voltaire, von Lessing, Her­der und Bentham gerade Kants unsterbliche Arbeit allen Friedensfreunden zum Stützpunkte. Das Dauerhafteste und darum Segensreichste an ihren Bestrebungen, wie sie in buntem Wechsel des neun­zehnte Jahrhundert mehr oder weniger in Mit- schwingung versetzt haben, ist entschieden der Schiedsgerichtsgedanke vorzüglich ge­fördert durch eine planmäßige Ausbildung des Völkerrechts. Der internationalen Idee in vorneh­mem Sinne dienten namentlich Henri Sunant und Heinrich Stephan mit ihren bahnbrechen­den Anregungen zu der Genfer Konvention und dem Weltpostverein. Ihren Verdiensten gegenüber verblassen die des Zaren Nikolaus II. und des Kaisers Wilhelm II. um Friedenskonferenz und Arbeiterschutz einigermaßen. Immerhin hat die weibliche Wurzel des Sicherheitsvertrages, bei Sein oder Nichtsein.

Ein Kriminalroman von der Wasserkante.

Von Moritz Schäfer.

2. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Heinz Wallot kannte Margot seit vier Jahren. Er hatte den Heimgang ihrer Mutter, die er schätzte und verehrte, tief und innig mit betrauert und war erschüttert Zeuge des harten Geschicks, das seine kleine Freundin betroffen. Gerade das harte Los des Kindes war cs, das ihn auf das Spezialstudium der Augenheilkunde lenkte. Es wollte ihm nicht in den Sinn, daß die behandelnden Professoren die Blindheit Margots für unheilbar erklärten, und rastlos betrieb er seine Studien, von der stillen Hoffnung geleitet, Margot doch noch ein Helfer sein zu dürfen.

Denn Heinz Wallot liebte das blinde Kind, das gerade, als er feine Reisen antrat, die Schwelle zum jungfräulichen Alter überschritten hatte. Die Neigung hatte das Herz des großen Jungen mit einer Kraft erfaßt, die Dauer verhieß, und Margot erwiderte feine Gefühle, wenn sie auch noch zu jung war, um sich über den wahren Charakter ihrer tiefwurzelnden Sympathie Rechenschaft geben zu können. Aber wenn von Heinz ein Brief ein­lief, in dem er in seiner lieben, frischen Art von seinen Reifen und den Fortschritten seiner Stu­dien erzählte, war es allemal ein Fest für die Blinde. Onkel Otto setzte bann die große Hornbrille auf und las Margot das Schreiben langsam und bedächtig vor. Im Winter saßen sie am behaglich brummenden Kachelofen, plauderten von Heinz, und der alte Hinriks brummte ebenso behaglich wie sein Ofen. Margot mußte Onkel OttoDu" nennen, er litt es nicht anders.

Ihren Vater verehrte Margot mit einem kind­lichen Vertrauen; unbegreiflich erschien es ihr jedoch, daß zu feinen intimeren Bekannten ein Mann gehörte, dem sie trotz oder vielleicht gerade wegen feiner gleißnerischen Außenseite ein unbe­siegbares Mißtrauen entgegenbrachte. Dieser Mann, ein reicher Müßiggänger und leidenschaftlicher An­hänger 'jeglichen Sports, verkehrte viel im väter­lichen Hause und wurde von Lorenzen mit be­sonderer Aufmerksamkeit behandelt. Fedor Mühl- felb war in seiner äußeren Erscheinung der voll-

allem Utopischen, bas in ihren Ausläufern gärt unb rumort, so manches beachtliche Blättlein ge­trieben.

Beträchtlich gefunbere Säfte zeichnen bas Blut des Ahnherrn des Locarnopaktes aus; wir tau­fen ihn den Grundsatz des europäischen Gleichgewichts. Keine Frage, daß er vor allem bei der ganzen Sache von Anfang an Pate gestanden hat: Großbritannien, stark beun­ruhigt durch den mit Deutschland verbündeten Bol­schewismus, der an dem indischen Eckpfeiler des Reiches rüttelte, und durch den Imperialismus eines meuchlings übermächtig gewordenen Frank­reichs, suchte die bewährte Balance of power wie­derherzustellen. In zäher Kulissenarbeit ist das dem

endete Gent, dem ein täglich drei- bis viermaliger Kvstümwechsel oberstes Gesetz bedeutete. Beispiels- weise ritt der Dreißigjährige morgens im Herren­dreß nach Barnstorf, erschien dann um 11 Uhr in weißem Flanell zum Tennis, warf sich mittags in feierliches Schwarz, um im Klub zu dinieren, bestieg nachmittags in Marineblau seine Jacht und saß abends, die unvermeidliche Gardenie im Knopfloch, in der Proszeniumsloge des Stadt­theaters. Die schwarzen, etwas schräggestellten Augen gaben dem Beau mit der tief in die Stirn fallenden Haarlocke einen süffisanten Ausdruck. Am kleinen Finger der Rechten trug er einen Platinring mit funkelndem Solitär, das rechts Armgelenk um­spannte ein mit Türkisen inkrustiertes Goldband. Beide Schmuckstücke waren offensichtlich dazu be­stimmt, die frauenhafte Weiße und Schlankheit der kleinen, peinlich gepflegten Hände und des elegant gemeißelten Armansatzes ins rechte Licht zu rücken. Es war unnachahmlich, wie Mühlfeld seine Rechte mit dem prachtvollen Einsteiner auf der Logen- brüftung wie ein Miniaturmonument der Eitel­keit aufzubauen wußte.

Bei einer Ballfestlichkeit erregte er Aufsehen durch eine kleine Uhr, die in seinen linken Lack­schuh eingelassen war. Wenn er dann lässig in einem Fauteuil lehnte und die Beine übereinander­schlug, konnte man nicht nur die durchsichtigen Strümpfe aus Tramaseide, sondern auch den femi­ninen Fuß und die jumelenumranbete Uhr nach Ge­bühr bewundern. Ausfallen um jeden Preis war das Bestreben dieses Mannes, und da er in der ruhigen Mittelstadt wenig Konkurrenz hatte, gelang es ihm unschwer, dieses Ziel seines Ehrgeizes zu er­reichen.

Fedor Mühlfeld hielt bei der Hochzeitsfeier im Rostocker Hof den Damentoast. Das kam ihm zu, denn als Junggeselle, der sich jede Passion ge­statten konnte, war er in der Frauenwelt eine viel beachtete Persönlichkeit. Die gesund und normal empfindende Schicht freilich spottete über ihn und hielt ihn für einen eitlen Gecken, mit dem fein ewiger Bund zu flechten fei; andere jedoch, die von seineroriginellen" Blassiertheit gefesselt waren, hielten seine wohlgepflegten Hände für einen er­strebenswerten Besitz und glaubten, im Schatten seiner Effekten- und Devifenstapel sei es herrlich, ein eheliches Mittagsschläfchen zu halten. So sahen ihm die Toleranten seine mondänen Launen

hervorragenden,von der Unzulänglichkeit der Sow­jetpolitik unfreiwillig unterestützten diplomatischen Geschicke Lord d'Abernons restlos gelungen. Seine Bemühungen haben zahlreiche Vorgänger gehabt. Doch durchaus nicht immer ist die Ini­tiativ dazu von England ausgegangen. Immer kam es vielmehr auf die Macht an. So war das eigent­liche Ziel derEwigen Richtung" vom 11. Juni 1474, die den 160jährigen Kampf zwischen der Schweiz und Oesterreich beendete, die Bekämpfung der Uebermacht Karls des Kühnen von Burgund. So war bas phantastischeGrand dessein", bas Su11y seinem König Hinrich IV. von Frank­reich untergeschoben hat, hauptsächlich auf bie Ver­treibung ber spanischen Habsburger aus

unb seine illegitimen Zerstreuungen gerne nach, unb ber schöne Fedor hätte nur einen der gut mani­kürten Finger auszustrecken brauchen, um sofort eine willige Beute greifen zu können.

Aber er streckte den Finger nicht aus. Er ver­schwand zuweilen eine oder zwei Wochen, um einem amüsanten kleinen Abenteuer extra muros nachzugehen, unb selbst ber kostspieligste Eheersatz dünkte ihm erstrebenswerter als die lebenslängliche Belastung mit einem noch so dekorativen Haus­kreuz. In dieser witzelnden Manier pflegte er in Bekanntenkreisen von der Ehe zu sprechen, und wenn er jetzt in seinem Damentoast offiziell den Segen der Ehe pries, so war das eine zu nichts ver­pflichtende Floskel. Daß die schwungvolle Phrase die Herzen mancher töchtergesegneten Mama mit Entzücken erfüllte und bei der ober jener mehr ober minder Schönen trügerische Hoffnungen auf- keimen ließ, war ein in seinen Wirkungen wohl- berechneter Witz.

Andrea kam dieser Mann in seiner affektierten Pose unsagbar komisch vor. Sein Toast aber mutete sie fast wie eine Blasphemie an. Ihr grabes, ge= funbes Empfinben hcite sehr rasch die innere Hohl­heit dieses Charmeurs erkannt, und der Ruf feiner galanten Abenteuer, mit denen er sich wie mit einem Hidalgomäntelchen drapierte, ließ Mühlfeld nach ihrer Ansicht am allerwenigsten geeignet er­scheinen, die Frauen zu feiern. Aehnlich erging es Margot, die vom Tisch aufstand, um nicht mit dem ihr in der Seele verhaßten Menschen anstoßen zu müssen. Andrea freilich konnte nicht umhin, ihr Glas mit dem seinen zusammenklingen zu lassen, wobei sie ein Blick aus seinen lüsternen Augen traf, der ihr das Blut in die Stirn trieb. Dabei lächelte der Schönling, der in seinem tadellos sitzenden Frack angetänzelt tarn, und die paar Worte, die er an das Ehepaar richtete, waren von solch welt­männischer Verbindlichkeit, daß ihm Lorenzen in in strahlender Freude dankerfüllt auf die Schulter klopfte.Mein lieber Feodor," sagte er,Sie glau­ben gar nicht, wie glücklich ich bin! Ich hoffe. Sie werden auch meiner jungen Frau jederzeit die freundschaftliche Gesinnungen entgegenbringen, mit denen Sie mich auszeichnen!" Mühlfeld verneigte fid) leicht und hauchte Andrea einen Huldigungs- kuß auf die Rechte. Die Neuvermählte aber entzog ihm rasch, wenn auch urn-'ffäTl:c. tic H.md . war ihr, als sei cm S crpion darüber gelaufen.

Samstag, 25. Januar 1926

Deutschland abgestellt; doch Ravaillacs Dolch ver­hinderte 1610 die Durchführung der gewaltigen Föderation schon in ihren ersten Anfängen. Umge­kehrt schob 1785 Friedrichs des Großen Fürstenbund den grundstürzenden Plänen Kaiser Josephs II., die in einem österreichischen Bayern und einem witelsbachischen Burgund gipfelten, einen unverrückbaren Riegel vor. In diesem Zu­sammenhänge darf auch an Napoleons I. gi­gantische Kontinentalsperre von 1806 erinnert wer­den insofern, als sie der lästigen, den Satz von der Freiheit der Meere aufhebenden Seeherrschaft der Briten den Todesstoß versetzen sollte, indem das übrige Europa in jener allgemeinen Blockade ge­eint wurde, die im sechzehnten Artikel der Völker- bundssatzung von 1919 zu unserm und der Schweiz Mißvergnügen wieder auferstanden ist. Dod; nach den aufregenden Stürmen und Gewittern des na­poleonischen Zeitalters erstand unterm 26. Septem­ber 1815 in der Heiligen Allianz das merk­würdige Gebilde, das den Grundsatz vom europäi­schen Gleichgewicht am dauerhaftesten verkörpert hat, weil es sich in dem mit bewundernswerter Zähigkeit verteidigten Kontinentalsysteme des Für­sten Metternich über drei Jahrzehnte lang trotz aller Versuche, dies Bevormundungsjoch abzuschüt­teln, doktrinär und praktisch zu behaupten ver­mochte. Damit glaubte man maßgebenden Ortes tatsächlich die alleinseligmachende Welt-, Staats­und Gesellschaftsordnung großen Formats aufge- richtet zu haben. Was 1744 der Rechtsprofeffor Ludwig Martin Kahle oder 1798 der Minister Graf Ewald von Hertzberg über die Staatswage als po­litisches Alleinheilmittel philosophiert hatten, das war in Metternichs System Ereignis geworden. Eine Wiederholung des Ehrgeizes eines Karl V. oder Ludwigs XIV. schien künftig ausgeschlossen zu fein.

Doch da tarn die Februar- unb Märzrevolu­tion von 1848 unb warf bas stolze Gebäude mühe­los uver den Haufen. Nun war die Bahn für den Nationalstaat frei. Seine herrlichste Schöp­fung war das Deutsche Reich Bismarcks. Aber seine theatralische Aufmachung nach dem Sturze des Rest'sschrnieds täuschte einDeutschland, Deutsch­land über alles" vor, das den bewährten Kontrol­leur jeder Art von Universalmonarchie, Groß­britannien, von neuem in die Arena rief. Und als es 1918 mit nordamerikanischer Hilfe seine gott­gewollte Mission erfüllt sah, da blieb ihm nur noch die Nebenaufgabe, bas allzu übermütig geworbene Frankreich in seinenatürliche" Schranken zurück- zuweisen. Auch diese ist unter überaus kluger Lancierung berSicherungs"-Vorschläge d'Aber- nons, Cunos unb Stresemann in Locarno erledigt, in London unterschrieben, besiegelt unb petschiert worben.

Was mag wohl bei der letztgenannten Zeremonie der unselige Lord Henry Castlereagh gedacht haben, dessen Bildnis auf die zur Staatsaktion hm 1. Dezember versammelten Nachfahren im Geiste herabblickte? Im Herbst 1818 hatte er, der beharr­lichste Gegner des Korsen, zu Aachen ber Sicherung bes Bourbonenthrones zu Liebe Frankreichs mit liebenber Schonung behandelt und das unruhig fid) gebärende Nationalgefühl der Deutschen unter rüst sische Zensur, stellen helfen. Einhundertundsieben Jahre später kredenzte ein anderer englischer Staats­sekretär des Aeußern dem Deutschen Botschafter in London denLiebesbecher".

Damit beißt sich unsere Schlange in den Schwanz. Locarno-Londons zahlreiche Ahnen haben wir in ihren hervorragendsten Gliedern kennen gelernt. Wenn auch der Einschlag der mütterlichen Reihe, der Einfluß der Idee vom Ewigen Frieden, unver­kennbar ist, so geben den Ausschlag doch entschie­den die Väter und Großväter, die sich nach dem fortgesetzt wechselnden Gleichgewicht der Mächte nennen. Locarno gehört unter die Rubrik Euro­päisches Gleichgewicht, für die es nach vielfältiger Erfahrung eine starke Formel weder gegeben yat noch geben wird. Diesen Hebel mit ber Fabrikmarke Idee ber Staatsräson" bei passender Ge­legenheit kräftig anzusetzen, bas ist künftig eine ber Hauptarbeiten unserer führenden Staatsmänner. Der Renaissancemensch Machiavelli wird wieder Schule machen und selber eine neue Renaissance er­leben.

Die Ehe ließ sich gut an. Die kurze Hochzeits- reife hatten Lorenzens in Südtirol verbracht, bann hatte man von Meran aus eine Autotour nach ber Stilfserjochstraße unb einen Abstecher nach bem Gardasee gemacht. Enbe Oktober traf bas Paar wie­der in Rostock ein, da die Geschäfte ein längeres Fern­bleiben des Bankiers nicht erlaubten. Auf ber Reife batten sich die Gatten mehr aneinander angeschlossen und waren sich auch seelisch näher getonunen. Lo­renzen betreute seine schöne junge Frau mit liebe­voller Hingabe. Er war von ritterlicher Zuvorkom­menheit, ohne sich ihr aufzudrängen, und Andrea empfand wohltuend die Reserve, die sie nicht mit ungestümen Werbungen belästigte. Ein Gefühl war mer Dankbarkeit keimte in ihr auf, unb wenn auch die große Liebe fehlte die Achtung konnte die junge Frau ihrem Gatten nicht versagen. Sein Cha­rakter erschien ihr verehrenswert, und Andrea sagte sich, daß die in stürmischer Leidenschaft geschlossenen Ehen meist ein jähes Ende nehmen. So haderte sie denn nicht mehr mit dem Geschick, das ihren auf dem Grund ber Seele schlummernden Blütenträumen keine Erfüllung gewährt hatte, sondern fand sich ab mit dem Gedanken, an eine ruhige und sorgenfreie Zunkunft an der Seite eines Mannes, der ihrer Er­gebenheit wert mar.

In Rostock hielt man Fühlung mit der Gesell­schaft, ohne eingroßes Haus" zu machen, wozu aud) die Zeiten nicht Anlaß gaben. Die wirtschaft­liche Depression, die infolge der katastrophalen Markniederganges der Entfaltung einer üppigen Ge­selligkeit Schranken zog, hatte zwar keinen Einfluß auf die Verhältnisse des Geldmagnaten, der durch kühne und erfolgreiche Spekulationen fortfuhr, sei­nen Besitz zu mehren. Aber die Klugheit gebot, nicht durch provokatorische Prunkentfaltung aufrei­zend zu wirken. Diese weise Zurückhaltung war ganz nach dem Sinne Andreas, bie ohnehin wußte, daß sie Neider genug hatte. War sie doch aus be­zahlter Abhängigkeit heraus in eine bevorzugte so­ziale Sphäre erhoben worden und sühlte sie doch, wie Kastengeist und Scheelsucht eifrig am Werke waren, Flecken an der Sonne ihres Glückes zu ent­decken. Aber so eifrig die Mißgunst auch ousspähte, sie fand keinen Anlaß zu giftiger Nachrede. An- öreas Vergangenheit mar unantastbar, ihre Ehs mar von ungetrübter Harmonie, unb ihres Mannes Emfst.'ß und Bebeutung muchsen von Tag zu Tag.

i (Fortsetzung folgt.)