Nr. 19 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 27. Zanuar 1926
Außenpolitische Umschau.
Von Professor Dr. Otto Hoetzsch, M.d.R.
Durch die Auseinandersetzung um die Besatzungszahlen im Rheinland ist tue ^rage nach dem „Wann" und „Wie" des E i n - tritts von Deutschland in den Völkerbund noch im anderen Sinne akul geworden, als kürzlich mit dem Streit um die Vertretung in Genf. Denn es liegt offen zutage, und kann' nicht bestritten werden datz die andere Seite die Zusagen in bezug auf die Herabsetzung der Besatzung nicht gehalten hat, die m Locarno gemacht worden sind. Die Bedeutung und der Ernst die es Bruches von Zusagen werden auch nicht dadurch abgeschwächt, bafc der Vertrag, was gar nicht besonders betont zu werden braucht, ja nach gar nicht in Kraft getreten ist. Dieser Gesichtspunkt gilt für alles, was im Vertrag selbst steht und natürlich erst Rechtskraft erhält, wenn die Voraussetzung dazu, der Eintritt Deuschlands in den Völkerbund, Tatsache geworden st. Zu dem Inhalt des Vertrages aber gehören Fragen wie die Zahl der Besatzungstruppen gar nicht. Die andere Seite hat ja sogar ausdrücklich vermieden und abgelehnt, irgend etwas Schriftliches dazu von sich zu geben. Hierfür vielmehr ist durchschlagend, daß, wenn der „Geist von Locarno" das nach ihm benannte Vertragssystem wirklich schaffen sollte, für Bestimmungen jede Voraussetzung fehlt, wie die des Friedensvertra- §es über die Besatzung im Rheinland ober die weit inausgerückte Abstimmungsfrist im Saargebiet. Darüber ist von deutscher Seite von Anfang kein Zweifel gelaßen worden, und darüber kann auch für jede unbefangene Betrachtung gar kein Zweifel sxin. Sonst ist das Operieren mit den Worten „Gleichberechtigung^ ein sinnloses Ballspiel. Wenn nun in Locarno eine sofortige Gesamträumung, was eigentlich das Gegebene gewesen wäre, nicht in Frage kam, so besteht doch kein Zweifel darüber, daß von der anderen Seite eine „erhebliche" Verminderung der Besatzungstruppen bestimmt in Aussicht gestellt, zugesagt worden ist. In diesem Glauben hat die deutsche Vertretung die Verträge unterzeichnet, in diesem Glauben hat der Reichstag die Verträge ratifiziert.
Run meldet jetzt der gewöhnlich ausgezeichnet unterrichtete diplomatische Mitarbeiter des „Daily Telegraph", die Botschafterkonferenz wolle die gesamte Besatzung des Rheinlandes auf 75 000 Mann festsetzen. Geflissentlich wurde gleich gesagt, daß das nur vom Unterausschuß ausgegangen sei, nur Absicht sei und dergleichen mehr. Aber wie liegen die Dinge? In der zweiten und dritten Zone haben vor Locarno 86 000 Mann gestanden, im 'Augenblick stehen dort einschließlich der Besatzung des Brückenkopfes von Kehl 78 000 Mann. Für den 1. April steht eine Herabsetzung aus 73 000 Mann in Aussicht. Die Annahme war, daß die erhebliche Verminderung bestehen solle in der Znrückfüh - rung der Besatzungszahlen auf d i e deutsche Truppen st ä r k e, wie sie vor dem Kriege in diesem Gebiet war. Davon ist ja schon die Rede gewesen 1920, als das Rheinlandabkom- men verhandelt wurde. Und wenn die Rote der Botschafterkonferenz vom 16. November die Bereitwilligkeit ab sprach, die Besatzungsziffern auf die „annähernde Normalziffer" herabzusetzen, so war selbstverständlich auf deutscher Seite die Vorstellung, es würde sich damit in einer ganz absehbaren Zeit eben um 45000 bis 50000 Mann handeln. Wir sind also mit der anderen Seite um volle 75 000 Mann auseinander, und der diplomatische Mitarbeiter des „Daily Telegraph" hatte mit seiner Zahl im wesentlichen ganz recht.
Das ist der Kern der Sache! Daneben spielen noch eine ganze Reihe von Enttäuschungen in bezug auf die Milderung des Besatzungsregimes, namentlich in der Wohnungsfrage. Durch die Räumung von Köln sind Schwierigkeiten entstanden, die die andere Seite nicht dadurch löst, daß man einfach soundso viele Truppen in die Heimat zurücknimmt, sondern man bringt sie zunächst in der zweiten und dritten Zone unter, drängt dort alles, sehr zusammen, braucht dort natürlich n o ch mehr Wohnungen. So sind an einer Reihe von Stellen große Schwierigkeiten entstanden. Kurz: Auch der entschiedenste Anhänger von Locarno muß zugeben, daß das konkrete Ergebnis der sogenannten Rückwirkungen hinter den bescheidensten Erwartungen zurückbleibt.
Darin liegt aber die Gefahr einer großen Spannung, und zwar innerpolitisch wie außenpolitisch. Denn man kann sich nicht denken, daß sich die jetzt mühevoll gebilbeic Regierung halten kann, wenn sie die andere Seite nicht zur Erfüllung ihren Zusagen veranlassen kann und trotzdem den Antrag auf Eintritt in den Völkerbund stellen würde. Außenpolitisch wird, was von vornherein gesagt sei, die ganze Frage von Locarno damit aufgerollt. Denn nun gilt das allerdings, daß das Vertrags- merk noch nicht in Kraft getreten ist, und natürlich ist es dann überhaupt gefährdet, wenn Deutschland den Eintritt in den Völkerbund unter diesen Umständen weit hinausschiebt. Heber den Emst dieser Sachlage soll die neue deutsche Regierung Frankreich und England gar nicht im Un-
Die Dümmste.
Von Alexander von Gleichen-Rußwurm.
Im Audienzsaal des Potsdamer Schlosses waren die Damen versammelt. Nach langem Zögern hatte Friedrich der Große die Gnade gezeigt, sie empfangen zu wollen, ein seltenes Ereignis, denn er haßte, „mit den Frauenzimmern über nichts zu sprechen" und so die kostbare Zeit zu vergeuden. Aber von den Damen trug jede etwas auf dem Herzen, und die Zugelasienen saßen ober ftanben, mit ihren schönsten Toiletten angetan, erwartungsvoll im Saal. Der König hatte keine Eile, die Audienz zu eröffnen. Die Höflichkeit des Monarchen, pünktlich zu sein, war nur in militärischen Dingen sein Fall.
Doch nach einiger Zeit öffnete sich die Flügeltür zu seinem Kabinett weit — wohlwollend möchte man sagen —, und wer einen Blick in den Neben- raum erhaschte, sah die bekannte Gestalt des Königs — die Hände am Rücken — langsam auf und ab gehen.
Am preußischen Hof war das Zeremoniell zwar streng geregelt, und jeder wußte so ziemlich Bescheid, wo er hingehörte, aber manchmal gab es eine ungelöste Rangfrage zwischen Zivil und Militär. So auch jetzt. Zwei-ältere Exzellenzen warteten gespannt rechts und links der Tür, gewillt, sich den Vortritt der ersten Audienz streitig zu machen, die eine lang und rappeldürr, die andere von umfangreicher Beleibtheit.
Nun stürzten sie gleichzeitig vor, jede drohend den Blick aus die andere gerichtet und bereit, sich mit Gewalt den Eingang zu bahnen. Doch sie stutzten vor den forschenden Augen der Majestät und standen einander gegenüber wie zwei böse Hunde aus Porzellan.
Einen Augenblick betrachtete der König beluftigt das Spiel, bann ärgerte er sich, als es kein Ende nehmen wollte, und rief mit scharfer Stimme, daß alle erzitterten' ,,La plus sötte entrera la pre- mi6re!" — Die Dümmste soll als Erste hereinkommen. — Das wirkte wie ein Blitz, die beiden Exzellenzen hielten wie versteinert den Atem an, und ein furchtbares Schweigen legte sich über den Saal.
Doch am Ende des Raumes, dort, wo sich die jüngeren Frauen zusammendrängten und fürchteten, bei der schlechten Laune des Königs gar nicht mehr zu Worte zu kommen, erhob sich rasch ein hübsches, zierliches Dämchen, trippelte anmutig auf seinen Stöckelschuhen durch das lange Zimmer, ging zwischen den versteinerten Exzellenzen durch die Tür, trat entschlossen in des Königs Kabinett und machte eine tiefe Reverenz. .
„Wahrscheinlich bin ich bte Dümmste in dieser erlesenen Schar."
Friedrich betrachtete sie erstaunt, schon halb belustigt.
„Sie ist also die Dümmste, Sie mag bleiben.
Er winkte — die Flügeltür wurde geschlossen, und Frau von Rothagen hatte ihre Audienz.
klaren lassen. Ehamberlain und Briand, die sich dieser Tage in Paris treffen, werden über diesen Punkt sehr ernst zu sprechen haben. Denn es liegt ja sowohl dem Engländer wie dem Franzosen viel daran, daß das Locarno-Werk in Straft trete, und Briand im besonderen kann in dem Durcheinander seiner Kabinettskrisis eine Erschütterung seines außenpolitischen Erfolges, der sein stärkstes Aktivum ist, gar nicht brauchen. Die neue deutsche Regierung hat also gleich eine sehr wichtige und ernste Aufgabe vor sich.
Damit steht zwar nicht direkt, aber mittelbar im Zusammenhang, daß gleichzeitig auf die Einladung zur vorbereitenden Abrüstungskonferenz in Genf geantwortet werden muß. Auch Amerika wird dort erscheinen und hat soeben die Kosten für seine Vertretung bewilligt. Es macht aber bestimmte Vorbehalte, namentlich verlangt es, daß die Frage der Rüstung zur See, die sich Amerika vorbehält, von der R ü st u n g zu Lande getrennt werde, während Frankreich, Italien und Japan aus begreiflichen Gründen diese Trennung nicht zugeben wollen. Rußland hat noch nicht formell geantwortet. Es wünscht nicht, daß man in der Schweiz tage, weil es der Schweiz die Freisprechung der Mörder Worowskis nicht vergessen kann, und weil seitdem zwischen Rußland und der Schweiz eine Art Kriegszustand besteht. Aber es scheint, als ließe sich dieser Gegensatz überbrücken; auch darüber sprechen Chamberlain und Briand, denen auch daran
Unter dem Drachen.
Don unserem Ki.-Mitarbeiter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Gent, Mitte Januar 1926.
Aus feuchtkaltem Nebel fällt schweres' ©lot- kengedröhn in die engen Verkehrsadern, der alten Kaufstadt Gent. Alte Mütterchen unter schwarzem Kapuzmantel gleiten langsam in die Rich- tung irgendeiner der vielen gewaltigen Kirchen. Glanzende Limousinen, in denen die „Zeep"- Darons, die Kriegsschieber und Inflationsgeier flämischen Stils, ihre Wichtigkeit spazieren fahren, sausen an armen Wägelchen vorbei, auf denen die Gelegenheit? krämer ihre Dutzendware den gleichgültigen Passanten anpreisen. Anheimelnde Laute platzen schwer diphtongiert aus dem dumpfen Lärm der Geschäftsstraßen; dann und wann fange ich einen kurzen Satz des abscheulichen Zwittersranzösisch auf, hinter dem Frau Neureich aus den Ctappenjahren ihre dürftige Bildung zu verbergen sucht: Auch ein trauriges Ergebnis der „penetration pacifigue“. die in Flandern wie im Elsaß unbehinderte Blüten treibt.
Gerade will ich auf die breite Säulentreppe der Universität hinsteuern, als ein Trupp laut lachender flämischer Studenten daherkommt; dieselben Gesichter, ähnliche Mützen wie damals,
zu bekämpsen; dann kam die Heimkehr als ^Sieger". der Terror des belgischen Flamenhasses, die Plünderungen der Aktivistenwohnungen durch den Mob, die Prozesse, die Verurteilungen und Einkerkerungen und zum SUuß die versrssungs- widrige Beschlagnahme des Vermögens: Flanderns schwerste Zeit!
In allen Gesichtern, wohin ich auch blicke, sehe ich leuchtende Augen, überall geballte Fäuste; es ist nicht nur jugendlicher Optimismus, studentischer Sturm und Drang, begeistertes Schwärmen von Einzelnen! es ist die communis opinio aller dieser Leute, der Arbeiter und Bürger, der Frauen und der Mädchen, der Priester und der Soldaten, die ihren Ausklang in dem staatsgefährlichen Sah eines strammen Artilleriesergeanten: „Es ist unsere verdammte Pflicht, Belgien zu verraten... 1"
So ringt Belgien mit seinem flämischen Problem, für das es teilte Losung finden iann, denn Lösung heißt für Belgien, kann nur heißen: das Ende. Die Diplomatie der Großmächte hat hier im Wetterivinkel Westeuropas ein unmögliches Gebilde entstehen lassen, das bis jetzt noch nicht dem Frieden allzu gefährlich geworden ist. Nach alter Methode versucht Belgien, dem Problem mit Hakb- lösungen unb Kompromissen gerecht zu werden, die aber niemanden befriedigen. Im schnellen Tempo wächst die Lawine des radikalen slä- mischen Nationalismus und reißt die alten bei-
VMW große HeimafMaO
Gießener Anzeiger
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liegt, daß die Russen dort erscheinen. Bleibt die Antwort Deutschlands.
Es ist kein Zweifel, daß diese Antwort b e - jahend lauten wird. Die Abrüstungsfrage ist- mit dem letzten Beschlüsse des Völkerbundes in ein neues Stadium getreten, und, wie man auch zu ihr stehe, Deutschland muß bei ihrer Erörterung beteiligt sein. Daß damit die Schwierigkeiten der Ueberlegung, welche Stellung Deutschland einnehmen soll, erst beginnen, liegt ja auf der Hand. Aber die einfach zusagende Antwort genügt keinesfalls! Auch Deutschland hat und noch mehr als Nordamerika feine Vorbehalte, die es jetzt sehr bestimmt auszusprechen gilt. Es ist doch ganz unmöglich, daß ein Deutschland zur Konferenz über die Abrüstung als „aleich- berechtigte" Macht erscheine, während die Angelegenheiten der M i l i t ä r k o n t r o l l e, der Kontrollkommissionen noch nicht völlig geklärt sind. Man hat davon in der letzten Zeit so wenig gehört. Ist die Kontrolle nun formell zu Ende? Verschwinden die Kommissionen gänzllch vom deutschen Boden? Wir wünschen durchaus nicht, daß das in einem für die andere Seite angenehmen Halbdunkel bleibt, sondern es ist vorher erst Klarheit darüber zu schaffen, und in welchem Sinne diese uns notwendig ist, das brauchen wir nicht erst besonders zu sagen, Klarheit auch über die Investi - gationsfrage,bie Aufrechterhaltung einer Kontrolle, wie sie in diesem Beschluß.in Aussicht genommen ist, und damit in Zusammenhang gleich den Artikel 213 des Versailler Vertrages, nach dem Deutschland sich verpflichtet, jede Untersuchung zu dulden, die der Rat des Völkerbundes mit Mehrheits-Beschluß für notwendig erachtet. In diesen Bestimmungen und Beschlüssen liegt von Anfang an ungleiches Recht, während die Voraussetzung für eine gedeihliche Besprechung der Abrüstungs- fiagen die volle Gleichberechtigung ist. Man stelle sich doch vor, daß in Genf die Russen und Türken (die bekanntlich keine Militärkontrolle mehr haben), in diesem Sinne unbestritten als gleichberechtigt erscheinen, und die Deutschen als Mitalieder zweiter Klasse, gegen die jederzeit eine Untersuchung beschlossen werden kann, erscheinen sollen. Das ist unmöglich, das muß vorher geklärt werden! Es gibt also Arbeit, drängende außenpoli- tifche Arbeit, für die neue deutsche Regierung, und Zeit darf nicht mehr damit versäumt werden, nachdem dur-^ das Gezerr der Parteien geschlagene se---> Wochen wertvoller Zeit auch für die Außenpolitik nutzlos verstrichen sind.
als unter deutscher Besetzung die Universität flämisch geworden war. Damals stand in Gent alles auf dem Kopf. Stolz trugen die Burschen ihre Gesinnung durch die Straßen und bekannten sich gern zu dem Schimpfnamen „Patissiers de Pempereur“, den ohnmächtiger Flamenhaß erfunden hatte für die aktivistischen Studenten der alma mater in Gent. Auch heute noch wie in der Kriegszeit tragen die Studenten die Löwennadel, das Kennzeichen unentwegter flämischer Freiheitsliebe. Kurz entschlossen rede ich einen an und lasse durchblicken, daß ich Deutscher bin, der die Universität einmal sehen möchte. In seinen Augen sehe ich etwas wie staunende Freude zucken, eine Flamenhand streckt sich, tastet etwas zögernd nach meiner Rechten und, ehe ich zur Besinnung komme, stehe ich mit meinem neuen Bekannten vor „blilenspiegel", dem Hauptquartier der Flamenkämpfer. Drinnen bestürmt man mich mit Fragen, ob Deutschland nicht bald wieder so stark werde, um die Franzosen über die Marne zurückzujagen, und ob man in Deutschland Flandern vergessen habe. Arbeiter, Priester, Soldaten unb Mädchen, alt und jung, sind hier versammelt, alle wollen sie von Deutschland hören; sogar der leutselige Wirt, der im belgischen Kerker einige Jahre lang seine Deutschfreundlichkeit hat büßen müfsen, huscht vorbei, um einige Brocken meiner Erzählung mitzuneh- men. Hier erfahre ich auch Einzelheiten, wie das Unglück über Flandern gekommen ist: die verhängnisvolle Treue der Flamen gegenüber dem „Koburger", ihr Vertrauen auf seine Gerechtigkeit und auf die deutsche Gesinnung der Bayerntochter. Wie die Zeitungen damals gehetzt und spaltenlang von den deutschen Kriegsgreueln berichtet haben; wie die Führer sich trennten in Passivisten und Aktivisten; wie tragisch die Stunden an der Pser waren, wo die Flamen gegen den tatsächlichen Freund für den mit Belgien verbündeten Feind kämpfen mußten; von Sturmangriffen höre ich, in denen flämisches Blut für eine Sache floß, die nicht die Flanderns war; wie trotz aller Zensurmaßnahmen der belgischen Militärbehörde an der Front Gerüchte durchsickerten über den neu entbrannten Nationali- tätenkampf in der besetzten Heimat, Über die flcv» mifierte Universität, über die Verwaltungstre- nung ufw. Dann tarnen die schweren Tage des letzten Kriegsjahres, die Verfolgungen von fetten der Heeresleitung, die Aufreibung der flämischen Regimenter bei nutzlosen Sturmangriffen gegen die starre deutsche Front, eine beliebte belgische Methode, um das flämische Clement im Staat
gischen Staatsparteien mit auf den antibelgi- schrn Weg. Schon liegt die Partei der Liberalen, durch die 'Belgien vornehmlich gegründet worden ist, auf den Boden. Die Klerikalen und Sozialisten müssen sich zur flämischen Tat aus- raffen, um ihre Wählermassen nicht $u verlieren. Noch ein letztes Mal haben sie über die Schleichwege des feierlichen Versprechens vor der Wahl und des nochmaligen Wortbruchs die flämischen parteifreudigen Staatsbürger betrügen können. Die letzten Provinzio.lwahlen haben jedoch gezeigt, daß diese Methode nicht mehr einschlägt. Die flämische Frontpartei ist in fast allen Provinzen in der Lage, einen entscheidendM Einfluß auf den Gang des Geschäfts auszuüben; schon lehnte der Provinziallandtag Westflanderns die Kredite für das belgische Nationaldenkmal ab, schon verließ die Verwaltung Ostflanderns die amtliche Zweisprachigkeit und ordnete den ausschließlichen Gebrauch der flämischen Sprache an. And schon forderten die Provinzen: Antwerpen und Limburg die Befreiung des Mtivistensührers Dr. Börms, der in der Zeit des Krieges Vorsitzender des Rates von Flandern war. Der Kultusminister Huysmans sieht sich gezwungen, an der von den flämischen Studenten boykottierten Genter Universität Professoren zu ernennen, welche auch in der Kriegszeit die belgisch-feindlichen Aktivisten öffentlich unterstützten. Der zwischen Holland und Belgien vor kurzem unterzeichnete Vertrag wird an dem durch die Flamen in Holland und in Belgien organisierten Widerstand in beiden Parlamenten scheitern und das belgische Heer, die letzte Stühe der Regierung, ist der bedrohlichen Gefahr aussgesetzt, sich in flämische und wallonische Nationalregimenter aufzulösen. Auch die Wirtschaftskrise wirkt verheerend auf die durch die flämische Freiheitsbewegung schon überhitzten Gemüter. Die Stabilisierungsversuche der Regierung räumen den neuen Gläubigern in London, Neuyork und Haag weitestgehende Interventionsrechte ein, die sich bald in der inneren Verwaltung bemerkbar machen werden. Jeder Tag bringt verletzende Kundgebungen gegen die belgische Verfassung. Die flämische Studentenschaft steht geschlossen und siegesbewußt im jungflämischen Lager. Weitblickende Führer bahnen das Bündnis zwischen den Deutschen im Elsaß und den nationalgesinnten Bretonen in Nordfrankreich an. Holland erwacht langsam aus seinem langen, völkischen Schlummer, und auch das Dolksbewußtsein des flämischen Elements in den französischen Norddepartements nimmt klarere Formen an, von der französischen Blutarmut begünstigt. .
Die Kabinette in Loirdon und Parrs sehen bereits Möglichkeiten aufsteigen, welche die weitere Behandlung Deutschlands als gegenscttiges Tauschobjctt matt setzen dürfte. Der Thron des Koburgers in Brüssel ist bedenklich ins Wackeln gekommen; der Granvella der heutigen Zeit, Msgr. Mercies, der deutsch-feindliche und sla- menhassende Kardinal, Erzbischof von Mecheln, wird voraussichtlich der letzte belgische Kirchen- sürst sein, der durch eine unchristliche Ausbeutung des katholischen Gewissens Flanderns die flämische Flut einzudämmen versuchte. Schon lassen die verbissensten Französllnge ihre Sohne und Töchter von niederländischen Lehrern in der flämischen Kultursprache erziehen: sie wittern kommende Stürme und stellen sich eben um. Ihre Gesinnungstüchtigkeit wird die Flamen, die in absehbarer Zeit das eigene Schicksal in die Hand nehmen werden, nicht darüber hlnwegiäu- schen daß sie von der Zeit Burgunds bis zum heutigen Tag der Pfahl in Fleische Flanderns gewesen sind. ________________
„Unb Sie wünscht?"
„Majestät", begann sie, ein wenig schüchtern unb leise beängstigt, aber ein wohlwollenber Blick der großen Augen bes Königs gab ihr Mut unb, von Jugend an selbst beherrscht, legte sie ihr Anliegen in kurzen Worten bar: Ihr Mann, erzählte sie, ber als Offizier in des Königs Dienst gern unb tapfer stehe, sei entschlossen gewesen, im Herbst seinen Abschieb einzureichen, aber nach seiner Majestät jüng* per Kabinettsorber sei bies den Offizieren bei strengster Strafe verboten, unb ba sie nicht klug ge= nug fei, sich selbst zu raten, bitte sie ben König, sich ihrer väterlich anzunehmen. „Majestät müssen ent- schulbigen, ich bin nun einmal bie Dümmste unter ben Damen." Unb roieber machte sie mit zauberhafter Anmut bie große Reverenz.
Ein Nicken bes Königs ermunterte sie fortzufahren. „Mein Mann bliebe am liebsten Offizier unb weiß auch nichts von meiner Demarche. Aber wir finb arm, unb zwar sehr arm. Nun hat mir ein entfernter Oheim, ein Original in Ifjuringen, ein schönes großes Gut vermacht unter ber Bebingung, daß mein Mann bie Wirtschaft führt unb ben Dienst beim Regiment quittiert. Der Kinber wegen, Majestät ..."
„Lasse Sie sich scheiben unb heirate einen Krautjunker."
„Ich liebe meinen Mann, unb er liebt mich.
Das Hang so einfach, so natürlich und herzenswarm, baß es den König eigenartig berührte. Er wußte, seine Offiziere unb Kavaliere hätten darüber
gelacht. Ein unbekanntes Gefühl schlug mit starker Welle an seine Seele unb er sagte ebenso einfach, doch ein wenig unsicher: „So, so."
Geschickt benutzte sie bie kleine Pause, plauberte von ben Kinbern, ihrem Mann unb bem Gut, flocht ein, baß ber Rittmeister lieber ben Pallasch führe als bie Lanbwirtschaft, unb enbete, sie wisse ja, baß alles töricht sei, was sie vorbringe, aber ber König selbst trage Schulb an ihrem Gestänbnis, benn er habe nun einmal bie Dümmste zu sich befohlen.
Ein Lächeln ging über Friebrichs ernst burch- surchtetes Gesicht. . f r
Er nahm bie Klingel zur Hanb, zwei schrille Tone schlugen an ihr Ohr.
Sie wollte erschrocken schweigen unb trat einen Schritt zurück.
Als aber ber Sekretär erschien, vom zlbjutanten gefolgt, sagte ber König lakonisch: „Dem Rittmeister von Rothagen wirb ber erbetene Abschied bewilligt." Dann schnitt er ben gerührten Dank mit den Worten ab: „Sie hat eine bumme Situation klug ausgenützt. Das verbient Belohnung im Salon wie im Feld."
Unb zum Abjutanten geroenbet, ber steif an ber Tür ftanb, fügte er hinzu: „Man soll mir eine Flöte bringen. — Die übrigen Damen ein andermal."
Man kann sich bie Gesichter im Saal vorstellen, als diese Botschaft verkündet wurde unb bie kleine Frau von Rothagen nach halbstünbiger Aubienz durch die Reihe der Wartenden schritt.


