Ausgabe 
22.10.1926
 
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Nr. 2'8 Zweites Blaff Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) §reitag, 22. Oktober 1926

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Ziottenprodieme der britischen Reichskonferenz.

Don

Kapitän zur See a. D. v. Waldeyer-Hartz.

Wer die Ansicht vertritt, das; England sich nicht noch einmal an dem kriegerischen Aktienunterneh­men gegen Deutschland, gemeinhin unter Einkrei­sung 1914 bekannt, beteiligen wurde, sofern ihm die Erfahrungen von heute zur Seite stünden greift an der Wahrheit kaum vorbei. In England wollen die Sorgen seit Ausgang des Krieges nicht schwinden, der Bergarbeiterstreit zehrt an seiner Wurzelkraft, noch schlimmer ist es aber, daß die britische See­macht ins Wanken geraten ist. Immer wieder stößt man in der britischen Fachpresse auf fast leiden­schaftlich wirkende Anregungen, die Dommions möchten sich stärker, als cs bisher geschehen ist, an den Flottenrüstungen beteiligen. Die jetzt tagende Reichskonferenz soll dazu herhalten, Stim­mung für die Marine seitens der Tochtcr- [toaten zu machen. Als Werbemittel ist in Aus­sicht genommen, die Atlantische Flotte vor den Ver­tretern der Tochterstaaten in Parade und im Ma­növer oorzuführen. Man erhofft sich hiervon als Wirkung, daß endlich auch in den Dominions der Sinn für die Bedeutung der großbritischen See­macht wachsen möge. Zur Zeit muß es hiermit noch recht traurig bestellt sein, denn man scheut sich nicht, zu erklären, daß einige der Tochterstaatcn überhaupt nichts für die Flotte täten, daß andere nur eben Hinreichendes leisteten und daß die reichste von allen in geradezu kümmerlicher Weise i an der Frage mitwirke.

Man kann es voll verstehen, daß das Mutter­land über diesen Zustand nicht gerade erbaut ist. 2(n= dererstits muß man gerechterweise anerkennen, daß die Verhältnisse bei den einzelnen Tochterstaaten nicht unerheblich voneinander abweichen. Zu dieser Würdigung ist man im übrigen auch in London bereit. So führt man z. B. an, daß die Verhältnisse für A u st r a l i e n und Kanada grundverschieden lägen. Beide hätten gegebenenfalls Sorge vor dem Gelben Manne. Während Australien aber darauf aus fei, sich ferner Haut selbst zu wehren, stelle Ka­nada ganz andere Erwägungen an. Es verließe sich mehr oder minder auf die Hilfe der Vereinigten Staaten von Amerika, und diese seien wohl auch bereit, unter Erweiterung des Grundsatzes der Monroe-Doktrin an Kanadas Seite zu treten, falls dem Nachbarü in Norden von einer auswärtigen Macht Gefahr drohe.

In England ist über die Frage, inwieweit sich die Tochterstaaten an den allgemeinen Flotten- rüftungen zu beteiligen hätten, bereits viel gespro­ßen und geschrieben worden. Das Ergebnis befrie­digt nach keiner Richtung hin. Dabei ist man in der britischen Admiralität von der Ansicht durchdrungen, daß die Bedeutung einer starken Rüstung zur See noch zu feiner Zeit so wichtig gewesen sei, wie g e - r a o e in unseren Tagen. Man wird diese 21nsicht nur billigen können. Der Weltkrieg hat be­wiesen, daß für eine Macht wie England Lebens­fragen nicht mehr örtlich beschränkt find. Er hat ferner mit Sicherheit bargetan, daß kommende Kriege das Ringen der Jahre von 19141918 an Ausmaß der Verhältnisse weit in den Schatten stellen werden. Das Mutterland England hat Ver­ständnis hierfür, es ist in allen Fragen weltpoli­tischer Macht geschult. Demgemäß ist es sich auch darüber völlig klar, daß es auf Gedeih und Verderb mit seinen Tochter st aaten verbunden ist, und daß diese Verbindung machtpolitisch nur mit der Flotte aufrecht erhalten werden kann.

Ganz anders liegen hingegen die Verhältnisse bei den Tochterstaaten. Sie befinden sich sämtlich mehr oder minder im Zustand starken wirtschaft­lichen Aufblühens, der nicht zum mindesten dadurch hervorgerufen worden ist, daß die Anforderungen des Weltkrieges bei ihnen eine leistungsfähige In buftrie ins Leben gerufen haben. In den Tochter­staaten regt sich demgemäß der Selbständig- keitsdrang. Sie wollen nicht mehr Lieferanten des Mutterlandes fein, sondern auf eigene Faust Handel treiben. Ihre Geschichte ist nun verhältnis­mäßig jung. Soweit mangelt cs ihnen an Erfah­rungen machtpolitischer Art, über die das Mutter­land England in reichster Weife verfügt. Hinzu kommt, daß die Mehrzahl der Dominions politisch

Einblick

in den menschlichen Körper.

Don Dr. TL. Schweisheimer.

3m Verein deutscher Aerzte in Prag wurde jüngst von einem schwierigen Fall einer Fremd- körperentfernung aus der Lunge berichtet. Ein Schlosserlehrling hatte Stahlkugeln von acht Millimeter Durchmesser durch ein Rohr geblasen. Dei einem tiefen Atemzug geriet dabei eine Kugel in die Lunge, uni> zwar in die rechte Luftröhren­abzweigung. Mit allen möglichen Instrumenten, die unter Leitung von Spiegeln eingeführt wur­den, war die Kugel nicht zu fassen, auch mit einem Magnet nicht. Schließlich wurde ein dickwandiger Dummischlauch eingeführl, mit etwas größerem Durchmesser, als ihn die Kugel hatte. Als sein Rand die Kugel berührte, wurde eine Säugpumpe in Tätigkeit gesetzt, und mit ihrer Hilfe gelang die Entfernung der Kugel und die Rettung des Kranken.

ES war schon immer ein Ziel der medizini­schen Wissenschaft, einen Weg zu finden, der das Innere des Körpers der unmittelbaren Unter­suchung, ohne operativen Eingriff, zugänglich macht. Es ist verzweiflungsvoll, zu wissen, man könnte einen Menschen durch Entfernung des eingedrungenen Fremdkörpers aus der Luftröhre, aus der Lunge retten, und andererseits infolge technischer Schwierigkeiten seinem Zugrundegehen ohnmächtig zusehen zu müssen. Richts ist für den Arzt härter, als sein Wissen von einer Ret­tungsmöglichkeit an Mängeln drr Technik scheitern zu sehen.

Eine Lösung der Frage haben erst die letzten Jahrzehnte gebracht. Heute ist sie als grundsätzlich entschieden und geglückt zu betrachten, wenn auch Einzelheiten des Verfahrens noch verbesserungs- sahig sind. Es gelingt heute, Luftröhre, ihre Ver­zweigungen in der Lunge (Bronchien), Speise­röhre. Magen, Teile des unteren Darmabschnittes. Harnröhre und Harnblase mit Hilfe geeigneter Instrumente unmittelbar zu untersuchen und zu behandeln. Möglich wurde solcher Fortschritt erst durch andere technische Hilfsmittel der neueren Zeit, namentlich durch die elektrischen Glühbirnen. Die verschiedenen neuen Verfahren der Unter-

ftreng demokratisch eingestellt ist, fo daß man auch aus diesem Grunde für den sog. Militarismus nur wenig übrig hot. Dies alles ergibt eine nur sehr bescheidene Bewilligungsfreudigkeit für Rüstungen zur See in den Tochter­staaten. Sie möchten sich vielmehr nach wie vor auf die Hilfe des Mutterlandes verlassen und teilen dessen oorgen nicht, die Fäden der Verbindung könnten eines Tages abreißen.

Käme es dazu, bann würden die Tochterstaaten auch den Verlust viel leichter tragen, als es bei England der Fall wäre. Die Dominions sind in der Lage, politisch neuen Anschluß zu suchen, so z. B. Kanada und Australien bei den Vereinigten Staa­ten von Amerika. Sie könnten schlimmstenfalls auch selbständig wciterbestehen. Beide Möglichkeiten sind aber für das Mutterland England so gut wie aus­geschlossen. An dem Tage, wo England seine See- Herrschaft verliert, wo die Seewege zu den Tochter- floaten unterbunden sind, ist es um die Macht, um den Stolz und den Glanz des Britentums geschehen.

suchung werden unter dem Romen Endoskopie (vom griechischen endon innen und skopein sehen) zusammengefaßt.

Manche Teile des Körpers, zum Beispiel der Kehlkopf, Larynx, werden mit Hilfe reflektierender Spiegel dem Auge des älnlersuchers zugänglich gemacht (Laryngoskopie). Ein unmittelbarer Ein­blick in die Luströhre (Trachia) und die Lungen ist mit Hilfe der Tracheo-Dronchoskopie möglich. Man hat es früher immer für zu gefährlich ge­halten, starre und verhältnismäßig umfangreiche Instrumente in die tieferen Luftwege einzu- führen. Diese Bedenken haben sich bei geeigneter Unlersuchungsanordnung als unberechtigt er­wiesen.

Ein Bronchoskop besteht aus zwei einzeln in die Luftröhre eingesührten Metallröhren, die in­einander zu schieben sind. Das Hauptrohr wird in den Kehlkopf und zwischen den Stimmbändern hindurch in die Luftröhre eingeführt. Für Unter­suchungen in größerer Tiefe wird in dieses Rohr ein Verlängerungsrohr eingeschoben. Eine all­gemeine Rarkose (Belaubung) ist bei Erwachsenen im allgemeinen nicht erforderlich. Dagegen müssen vor Einführung des Instruments Kehlkopf und Luftröhre vollkommen unempfindlich gemacht wer­den. Die Schleimhäute der oberen Luftwege sind gegen alle Reize sehr empfindlich. Der Versuch, unter gewöhnlichen Umständen in den Kehlkopf mit einem Instrument zu gelangen, Wird durch heftige Würg- und Hustenbewegungen, durch krampfartigen Verschluß beantwortet, ohne daß Einführung oder Einblick möglich wäre. Dem wird durch Unempfindlichmachung mit Kokain und Alhpinlösungen, auch mit Chininharnstoff, abgeholfen: vor der Untersuchung werden diese Mittel unter Leitung des Kehlkopfspiegels in die oberen Luftwege eingepinselt und eingespritzt. Rach einigen Minuten fällt infolge des Un­empfindlichwerdens der störende Reiz vollkommen weg.

Die sehr wichtige gute Beleuchtung wird durch eine an dem Handgriff des Rohres an­gebrachte kleine elektrische Glühlampe gewähr­leistet, deren Strahlen durch einen Spiegel in die Tiefe des Rohres hinabgeworfen werden. Genaue Kenntnis der anatomischen Verhältnisfe ist bei Einführung des Bronchoskops Voraus­setzung. Es gelingt dann meistens leicht, bis in

Aus ber Insel, die zwischen ber Nordsee und dem Atlantischen Weltmeer für Iahrhunberte in weltbe- herrschender Lage gelegen hat, würde ein wirt- Ichaft 1 ich und politisch wer/t loses Ei­land werden. Der U Dootkricg hat selbst leichtfer­tigen Engländern diese Gefahr handgreiflich vor Augen gerückt. Außerdem weiß man in England nur zu genau, daß diese Gefahr durch die Entwick­lung der Luftwaffe noch um vieles vermehrt worden ist. Um so verständlicher wird es, wenn der Wunsch, die Dominions möchten sich mit all' ihrer Kraft an den Flottenrüstungen zur See betei­ligen, immer unverhüllter zutage tritt. Wenn der Schein nicht trügt, so stehen jedoch die Aussichten auf Erfüllung nicht günstig. Zwischen England und seinen Dominions spielt sich in unseren Tagen trotz äußerem Zusammenhalt ein erbitterter Kamps ab. Er wird kaum den vom Mutterlande gewünschten Ausgleich finden, da die Gegensätze machtpotitischer und wirtschaftlicher Interesien unüberbrückbar sind.

die Gegend der Teilung der Luftröhre in ihre beiden Hauptäste (Bronchien) vorzudringen und mittels des Verlängerunasrohres auch noch in den rechten oder linken Bronchus zu gelangen.

Mit Hilfe des eingesührten Bronchoskops ist eine genaue Krankheitserkennung auch in den sonst nicht sichtbaren Luftnegen möglich. Be­deutungsvoll ist beispielswei e die Er ennung einer Luftröhrenverengung durch den Druck eines nach innen wachsenden Kropfes. Durch daS Rohr wer­den zu Eingriffen an langen Stielen geeignet gebaute Instrumente einge ührt, deren Wirkungs­weise durch Hebelübertragung ermöglicht wird. Mit löfselartigen Instrumenten werden Geweb­stücke von Geschwülsten zur mikroskopischen Unter­suchung entfernt Verschieden geformte Griffe dienen zur Entfernung der in der Luftröhre oder der Lunge eingekeilten Fremdkörper.

Es ist ja kaum glaublich, was für verschiedene und unförmige Fremdkörper aus den tieferen Luftwegen schon entfernt worden sind. Sie alle gerieten in dieunrechte Kehle", das heißt durch einen raschen Atemzug in die Luftrohre und weiter hinab in die Lunge. Harte Gegenstände werden häufig fchon im Röntgenbild erkannt. Da hat man Radeln gesunden, Knochenstücke und Fischgräten, Rägel und Steine, Münzen und Kugeln, Glasperlen, Kirsch-, Zwetschen-, Apri- kosen-, Dattelkerne, Kaffeebohnen, Haken und Klammern aus Metall. Kragen- und Hemdknöpse, Teile aus künstlichen ©ebiffen, Holzstücke und Eierschalen. Don nicht harten Fremdkörpern san­den sich Kerne verschiedener Fruchtarten, Ge­müsestücke, Fleischstücke, Eicheln. Aber auch tie­rische Fremdkörper konnten in vereinzelten Fällen schon nachgewiesen werden, so Blutegel und ein­mal eine kleine Weinbergschnecke mit Gehäuse. Es ist klar, daß es neben der Bedeutung für die Krankheitserscheinung ganz besonders die Fälle von Fremdkörpern in Luftröhre und Lunge sind, bei denen die Einführung ber Endoskopie lebens- rettend gewirkt hat. DaS gilt in ähnlicher Weise für die Endoskopie der Speiseröhre, die Oeso- phagoskopie, wo sich große Fremdkörper wie Knochenstücke, Debißteile usw. oftmals in einer Weise festklemmen, die nur mit endoskopischer Behandlung zum Guten gewendet werden kann. Für die Srfennung von Krankheiten im untersten | Darmabschnitt bedeutet die Rektoskopie (Rektum

lief). Ein solcher Angriff ist leicht für den, ber bie Ueberiegenheit an Zahl hat. Deutschland hat bicse zahlenmäßige Ueberiegenheit nicht, selbst wenn die allgemeine Wehrpflicht bis in ihre äußer­sten Konsequenzn burchgesuhrt wirb. Die beste Aus­bildung und Führung müficn hier einen Ausgleich schaffen. Aufgabe ber Führung ist es, bie ent- Id'eibcnbe Stelle herauszusinben, hier mög­lichst große Massen einzusetzen und bie für einen ftaricn Flankenangriff erforderlichen Kräfte dadurch zu gewinnen, daß die gegen die feindliche Front zu verwendenden ficäftc möglichst schwach gemacht wer­den. Aber auch diese müssen unter Ausnutzung der Schnellseuerwassen und unter Einsatz von großen Tlunitionsmcngcn angreifen, um mit möglichst schwachen Kräften möglichst starke Kräfte des bein- des zu fesseln. Ausgabe der höheren Führung ist es, Zeit und Raunt in Einklang, die Wirkungen von Front und Flanke in Uebcreinftimmung zu brin­gen. Das Zusammenfasfen mehrerer Armeen unter gemeinsamem Oberbefehl erleichtert ihre Bewegung und den einheitlichen Einsatz. E i n Gedanke muß das ganze Heer durchdringen. Nicht auf viele einzelne, zusammenhanglose Siege kommt es an, sondern auf den einen großen, entscheidenden Sieg. Man muß auch eine Provinz opfern und zur rechten Zeit zu 'verlieren wissen. An der Spitze des Heeres muh ein Feldherr stehen! Aberzum Feldherrn wirb man nicht ernannt, sondern geboren und voraus- bestimmt".

Der Operationsplan des Grasen Schliessen vom Dezember 1905 entsprach diesen Leitsätzen in allen Punkten. Gegen Rußland werden nur schwache Kräfte verwandt: Ostpreußen wird nötigenfalls preisgegeben. Im Westen sind bie operativen Ziele die S ch l a^ch t e n t f ch e i d u n g im Seine- B e ck en u n b bie Einnahme von Paris, sowie bie Wegnahme ber Seehäfen Ant­werpen, Dünkirchen, Calais, Dou- l o g n e. Die nörblidje Heeresgruppe, bie diese Auf­gaben zu lösen hat, umfaßt beinahe die Hälfte aller im Westen zu verwendenden Kräfte, jedenfalls ist sie ft ä r f e r als d i e mittlere u n b bie (üb- l i cf) c Heeresgruppe zusammen, deren linker Flügel an Metz angelehnt ist. Der linke Heeresflügel in Elsaß-Lothringen ist schwach gehal­ten; bei überlegenem Angriff der Franzosen riumt er Elsaß Lothringen, nötigenfalls sogar die Pfalz. Je weiter nach Norden die Franzosen nachstoßen, um so größer ist berLiebesbienst", ben sie den Deutschen erweisen. Teile der südlichen Heeresgruppe schwenken bann nach links gegen Flanken und Rücken ber Franzosen ein, die, wenn überhaupt, so sicher zu spät zur Entscheidungsschlacht im Seine- Becken eintreffen. Zwei Vorbedingungen müssen aber unbedingt erfüllt sein, um diese Operation ge­lingen zu lassen: ein einheitliche, starker Will e muß die schwenkenden Heeresgruppen unb Armeen leiten und ihre Bewegungen in Einklang bringen, und ber rechte Flügel kann nicht stark genug fein. Die Sorge um den rditen Heeresflügel beunruhigt noch den Feldmarschall in [einer Todesstunde.Macht mir nur den rechten Flügel stark", waren seine letzten Worte, war sein Vermächtnis an seinen Nachfolger.

Meisterhaft und klar in der Darstellung unter­sucht nun General Groener in einer Studie, was unter des Generalobersten von Moltke Leitung aus diesem gigantischen Plan geworden ist, ber die Möglichkeit des Sieges auch bann noch in sich trug, als er von den Epigonen fast bis 3ur Unkenntlich­keit verstümmelt war. Schwächung des rechten Flü­gels zugunsten ber Armeen in Elsaß-Lothringen unb in Ostpreußen, unklare Aufmarschanweisungen, Fehlen eines einheitlichen Willens und einer straffen Führung durch bie Oberste Heeresleitung, unklare unb wechselnde Befehlsoerhältnisse bei den Armeen, Ueberschötzen der operativen Fähigkeiten einzelner Armeeführer und ihrer Generalstabschefs, Derlen« nung der Bedeutung unb Unterschätzen der Stärke der französischen Moselbefestigungen bas sind einige von den Sünden wider den Geist des Grasen Schliessen, die das deutsche Heer und das deutsche Volk mit dem Verlust des Krieges unb mit dem Diktat von Versailles büßen mußte.

Es ist ein tragisches Geschick, daß in jenen ersten Kriegswochen keinFeldherr" an der Spitze des deutschen Heeres stand, sondern daß der Voll- strecker des Testaments des Grafen Schlieffen ein zwar kluger und vornehm denkender, aber kranker Mann war, den bie Last ber Verant­wortung niederbrückte, ber von dem Gefühl seiner

beißt der unterste Darmabschnitt) einen wesent­lichen Fortschritt.

Reuerdings hat die unmittelbare Desichttgung des Mageninnern. die Gastroskopie (gaster ----- Magen), Fortschritte erzielt. Die Entfernung der Zahnreihe vom Mageneingang beträgt durch­schnittlich 40 bis 41 Zentimeter bei Erwachsenen, so daß die Gastroslope ebenfalls meist starre Instrumente ziemlich lang sein müssen. Die Llntersuchungsart läßt Schleimhautveränterungen, Magengeschwüre, Krebsbildung ftühzeittg er­kennen und voneinander unterscheiden, so daß Operationen rechtzeitig möglich werden.

Die Innenbesichttgung der Harnblase, die Chstoslopie, hat der ganzen Blasen- und Rieren- behandlung eine neue Richtung gegeben. Durch die Harnröhre wird das röhrenförmige Instrument eingeführt, in dessen Innerem die er­hellende Glühlampe untergebracht ist. ES ist ver­ständlich, wie wichtig eine solche Möglichleit für die Erkennung und Behandlung der Blasener­krankung sein muh.

Dazu kommt aber noch eine wichtige Mög­lichkeit für die Erkennung der Rierentätigkeit. Die Harnleiter führen einzeln aus jeder Seite den Harn von der Riere in das Sammelbecken der Blase. Dort mischt sich nun der Ham beider Seiten, und wenn er aus der Harnröhre kommt, ist nicht mehr zu unterscheiden, ob beigemischte krankhafte Bestandteile von der rechten ober der linken Riere stammen. Und doch ist diese Kenntnis zuweilen unbedingt notwendig, zum Beispiel, wenn sich die operative Entfernung einer kranken Riere als notwendig erweist.

Spritzt man einem Menschen gewisse Farb­stoffe ein, so werden diese von der Riere wieder ausgeschieden. Bei der kranken Riere ist diese Ausscheidung verzögert. Mit Hilfe des Eystoskops sieht der Beobachter die Einmündungsstellen der Harnleiter in die Blase und erkennt, an welcher Seite die Ausscheidung des Farbstoffes verspätet und verzögert einsetzt. Die Riere dieser Seite ist die kranke. An manchen Ehsto'kopen sind außerdem noch feine Röhrchen (Katheter! ange­bracht, die unter Leitung des AugeS unmittelbar in die Harnleiter eingeführt werden. Dadurch wird der Ham der einen Riere ganz unvcrmischt erhalten und kann eigens auf seine Beschaffenheit untersucht werden.

Vas Testament des Grasen Schliessen."

Don Dberftlcutnant a.

Erst allmählich ist uns bie bittere Wahrheit her­über aufgegangen, baß bie Marneschlacht An­fang September 1914 tatsächlich ber Wenbepunkt bes Krieges war, baß ber Entschluß zum Rückzug hinter bie Aisne den 23 e r l u ft des Weltkrie­ges bebrütete, unb baß dieser Entschluß unnötig, also ein Fehler war. Und doch war bicser Ent­schluß nur bas letzte Glied in einer lan­gen Kette von Fehlern und Unterlassungen, die in ihrer Gesamtheit den rechten Flügel des deut­schen Westheeres auf das Schlachtfeld an der Marne geführt Haden.

Mußten diese Fehler gemacht werden? Konnten sie vermieden werden? Diese Fragen drängen sich immer wieder auf, und sie sind schon von manchem berufenen unb auch unberufenen Kritiker untersucht und beantwortet worden.

Einzelne Kritiker erblicken die Hauptursache für unsere Niederlage darin, daß die Offensive i m

e ft e n und nicht gegen Rußland geführt worden ist, unb sie machen für biesenFehler" ben Vor­gänger des Generalooersten von Moltke, den Gra­fen Schlieffen, verantwortlich. Mit ihnen setzt fid) Generalleutnant Groener, brr Nachfolger ßiibcnborffs als Erster Generalquartiermeister, in seiner soeben erschienenen StudieDas Testament oes Grafen Schlieffen" (Operative Studie über ben Weltkrieg. Don Wilhelm Groener, Generalleutnant a. D., S. Mittler & Sohn, Berlin) auseinander.

Nicht theoretisch erörtert General Groener das Problem, des Zweifrontenkrieges, sondern a (s Mann der Praxis und als gelehriger, begei­sterter unb dankbarer Schüler des Grafen Schlief» fen, greift er das Problem von ber praktischen Seite an unb führt an ber Hanb von Operation^« ftubicn ben Nachweis, daß eine schnelle Ent­scheidung leichter im W e ft e n zu erreichen war als gegen Rußland. Die wesentlichste Eigenschaft des russischen Kriegsschauplatzes, dieTiefe des Raumes" ermöglichte ben Russen bas Ausweichen vor ber Entscheidung. Inzwischen war der im Westen zur Defensive eingesetzte deutsche Heeresteil gegenüber ben mehr als hoppelt überlegenen feind­lichen Streitkräften vor so schwierige operative und taktische Aufgaben gestellt, daß weder Führung noch Truppen ihnen auf die Dauer gewachsen gewesen wären,ganz abgesehen von den katastrophalen Folgen für die Anfertigung von Waffen und Mu­nition, wenn die Probuktionsgebiete Lothringens und des Saarlandes zum Schlachtfelde wurden und vielleicht das ganze linke Rheinufer verloren ging.

General o. Moltke tat also recht daran, daß er sich den Entschluß des Grafen Schliessen zu eigen machte; Defensive i in Often, Offensive im Westen. Hätte er sich doch auch so nft_als so treuer Bewahrer und Vollstrecker des Vermächt­nisses seines 2lmtsvorgängers gezeigt! Der Feldzug im Westen wäre dann zu unseren Gunsten ent­schieden worden, der Krieg wäre nicht zum Welt­krieg geworden und für uns verloren gegangen.

Als Generalleutnant v. Moltke am 1. Januar 1906 Chef des Generalstabs der Armee wurde, fand er eine von der Hand feines Vorgängers im De-

D. Hugo K a u p i f ch.

zcmber 1905 niedergeschriebene Denkschrift vor über einenKrieg gegen das mit England verbün­dete Frankreich". Diese Denkschrift, das Ergebnis langjähriger Studien und Erfahr mgen war gewif- sermaßen das militärische T e ft a m e n t des scheidenden Generalstabschess, der seinem Nachfol­ger nicht nur einen Operationsplan gegen das fran­zösisch-belgisch-englische Heer hinterließ, sondern der ihm auch die Wege wies für die Schaffung der Streitkräfte, die zur Durchführung des gigantischen Planes notwendig waren.

Auf Generalstabsreisen und bei Kriegsspielen, bei ber Besprechung von operativen und taktischen Aus­gaben, sowie bei der Ausarbeitung von Denkschrif­ten und Aufmarschanweisungen hatte Graf Schlies- fen seine Anschauungen so häufig mündlich und schriftlich bargelegt, daß er annehmen mußte, sein langjähriger Mitarbeiter und Erster Dbcrquartier- meister sei in seine Ideenwelt eingedrungen und bei ihm läge sein Vermächtnis in den besten Händen. Deshalb hatte er den Generalleutnant v. Moltke als feinen Nachfolger empfohlen. Moltke war klug und ehrlich genua, feine Unzuläng­lichkeit zu erkennen, aab aber schließlich dem Drän­gen des Kaisers nach und übernahm das schwere, verantwortungsvolle Amt, dem er f i ch nicht ge­wachsen fühlte.

Während sich der neue Generalstabschef am Königsplatz redlich und eifrig bemühte, in seine Stel­lung hineinzuwachsen, saß sein greiser Vorgänger in seinem Arbeitszimmer am Kurfürstendamm und las im Buch der Kriegsgeschichte.Mit dem Auge des Sehers blickte er in die Zukunst, sah den Weltkrieg in seiner ganzen Riesenhaftigkeit kommen, aber nicht nur dies, er ahnte auch all bie Fehler, bie gemacht werden würden- und schrieb sich die Finger 'wund, um zu raten und zu warnen. Mit brennender Seele, mit jugendlicher Kühnheit enthüllte er aller Welt das Geheimnis des Sieges in seinen Schriften, die in den Jahren 1906 bis 1912 entstanden. Sie sind wie leuchtende Fa­nale, die den Weg zeigen", so schreibt General Groener in seinemTestament bes Grasen Schlies­sen".Der Krieg in ber Gegenwart",lieber die Millioncnheere",Der Feldherr",Campe",Fried­rich der Große" bas sind die Namen dieser Fa­nale. die uns den Weg zum Siege zeigen sollten.

Ebensowenig wie Hellmuth Gras v. Moltke hatte Alfred Gras v. Schliessen ein S y st e m, eine Lehre. Wie Moltke macht auch Gras Schliessen das opera­tive Verfahren von den Verhältnissen des Kriegs­schauplatzes und der Masse, gegebenenfalls auch von den politischen Verhältnissen abhängig. Aber einige Leitsätze, die er beim Studium der Kriegsge­schichte als fundamentale Wahrheiten erkannt hat, hämmert er seinen Lesern unb Hörern immer wie­der ein:

Eine schnelle Entscheidung ist nötig. Eine Ermattungsstrategie läßt sich nicht treiben, wenn der Unterhalt von Millionen ben Aufwand von Milliarden erfordert. Um einen entscheidenden Erfolg zu erzielen, ist der Angriff gegen die Front und gegen eine oder beide Flanken erforber»