Ausgabe 
22.10.1926
 
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cud) keinen Beweis habe: öatxiuf erwidert er: Ich spreche auch nicht von Fälschungen. Durch das Volksbegehren wären zwei Parteien in -Jessen entstanden: auf der einen Seite stehe das Volk und auf der anderen der Landtag, ker als Richter nicht in eigener Sache Recht sprechen dürfe. Alle Beteiligten muhten sich großer Zurückhaltung befleißigen. ©3 komme nur auf die Feststellung der notwendigen Stim­men des Volksbegehrens an._ Heber die Methoden sollte man nicht reden, wäre denn alte3, was seinerzeit die Dolksbeaustragten dem Volk ver­sprochen hatten, wahr geworden?! 3m Wahl­kampf werde manches versprochen, aber man türre ein Volksbegehren nicht deswegen für un­gültig erklären wollen, weil das nicht geschehe, was versprochen werde. Hätte man nicht die gültigen Stimmen erst heraussuchen können? Dann hätte man nicht die vielen Schwierigkeiten zu machen brauchen! Wenn man von den 158 000 älnter'christen die Doppelunterschriften usw. ab­zieht. jo bleiben doch 160 000 Stimmen übrig (Widerspruch links). Sie (zur Linken gewendet) wollen nicht wahr haben, daß ein großer Teil des Volkes hinter dem Begehren steht. Wir gehen mit mit em Gewissen in den Wahlkampf.

Abg. Ritzel (Soz.) wendet sich gegen die Erklärung des Abg. Dingeldev, daß ausgerechnet sozialdemokratische Bürgermeister sich geweigert hätten, die Unterschriften zu be­glaubigen. Mindestens 50 Prozent der Unter® schri'ien in Michelstadt wären durch Hinweis auf die Sondersteuer erschlichen worden.

2lbg. Kindt (Sn.) kri isiert u. a. die Zu­sammensetzung des Landesabstimmungsausschusses: man hätte jeder Partei einen Vertre- t e rubiHinen müssen.

Abg. Glaser (Bbd.) meint, Abg. Ritzel bürre seine Gemeindemitglieder nicht für so dumm einschätzen, diese wüßten ganz genau, wie es mit der Sondersteuer stehe: die jetzt noch schnell vor Londtaasschluh geänderte Verordnung werde an dieser Meinung nichts ändern.

Nachdem dann noch Ministerialrat Borne­mann auf verschiedene Erklärungen der Vorredner erwidert hatte, wird über den Ausschußantrag abgestimmt. Dieser Antrag spricht aus, daß die für das Volksbegehren notwendige Zahl von Stimmen vorhanden ist. Der Antrag wird einstimmig angenommen.

Abg. Kaul (Soz.) gibt hierzu eine Erklä­rung ab, dahin, daß seine Partei mit der Zu­stimmung nicht die Methoden billige, wie das Volksbegehren zustande gekommen sei. Seine Partei wolle nur Ruhe im Land schaffen.

Nächste Sitzung Freitag.

Amerika und

das W'.rtfchaftsmcmisest.

Keine Aenderiinq der amerikanischen Hochschntzzollpolitik.

Washington, 21. Olt. (Reuter.) Die Re­gierung der Vereinigten Staaten hat sich bereit erCärt, unverzüglich bekanntzugeben, daß das internationale Wirtschastsmanisest ihrer Meinung nach nicht auf die Vereinigten Staa­ten anzuwenden sei. Gleichzeitig wird die Auffassung vertreten, daß die Regierung den Vorschlag, die Zollschranken zwischen den Völkern Europas zu vermindern, unterstützen werde. Schatzfekretär Mellon, der heute mit Präsident Coolidge eine Besprechung über diese Frage hatte, wird eine Erklärung darüber abgeben. Die amerikanische Gruppe der 3nternationalen Han­delskammer hat einen Bericht über Zollfrazen vorbereitet, in dem gesagt wird, die amerikani­sche Geschäftswelt und die amerikanische Qlrbciter« schäft seien zu der Entscheidung gekommen, daß die amerikanische Lebenshaltung ge­schützt werden müsse. Ein Vorgehen, das dar­auf hinauslaufen würde, diese Lebenshaltung zu schmälern, könne keine andere als eine unglück­liche Wirkung haben.

Die Demokraten verdanken der Ver­öffentlichung des Wirtschaftsmanifestes und der i nach ihrer Ansicht übereilten Stellungnahme Eoolidges eine zugkräftigeWahlparole. F Die republikanische Politik wird in der ganzen demokratischen Presse und in allen Wahlreden sehr scharf fritUiert. DieNew Bork Times" erklären, dasrepublikanische" Amerika scheine nicht anders zu tonnen, als in allen europäischen fragen gleich mit seiner bekannten äleberheblich- feit bei der Hand zu sein. Europa habe wohl kein Recht, Selbstschutz zu üben. Amerika werde in Zukunst kaum weiterkommen, wenn es den Standpunkt vertrete, daß nur seine eigene Zollpolitik heilig sei und daß es nur eine amerikanische Arithmetik gebe.New Bork World" meint, Coolidge hatte besser ge­tan. das Manifest erst zu lesen und dann darüber zu sprechen. Das Manifest sei und bleibe eine europäische Angelegenheit. Europa könne sich nur erholen, wenn zunächst einmal die i n - nereuropäis chen Zollschranken fielen.

Heuer Kurs in -er Türkei.

Anlehnung an England. Eintritt in den Völkerbund. Anspruch auf den Kaukasus.

Berlin, 21.Oft. (TU.) Nach einer Meldung des Asien-Osteuropa-Dienstes aus Paris, die nur mit größter Vorsicht ausgenommen werden darf, erörtern dortige Diplomatenkreise lebhaft die eng­lisch-türkischen Verhandlungen, die vor mehreren Wochen in Konstantinopel noch von dem inzwischen nach Berlin versetzten englischen Botschafter Sir R. CH. Lindsay begonnen wor­den sind und den Beitritt der Türkei zum Völkerbund zum Zwecke haben. Bestrebt, die türkisch-russische Freundschaft zu zerschlagen, hat England Kemal Pascha nicht mehr und nicht we­niger als den Kaukasus, die Vormacht­stellung auf dem Schwarzen Meer und eine größere Anleihe zu günstigen Bedingungen angeboten. Angora ist auf die günstigen Verhand­lungen auch eingegangen und hat den Bei- , tritt zum Völkerbund unter der Bedingung ver­sprochen, daß es einen ständigen Ratssitz erhält. Seinen Anspruch begründete Kemal Pascha mit der Notwendigkeit, den Einfluß der Türkei in der Reihe der Großmächte besonders fest zu ver­ankern. Da ein neuer ständiger Ratssitz in diesem Jahre aber nicht mehr vergeben werden konnte und England große Vorbehalte in bezug auf Aser­beidschan, das Nachbargebiet von Baku also, geltend macyte, versickerten die weiteren Verhand­lungen. Der Vertrag ist jedoch schon paraphiert, und England setzt nun alle Hebel in Bewegung, um die Türkei einzuschüchtern. Man erinnert dabei an die

inzwischen widerlegten Meldungen über Feldzugs- plane des ehemaligen griechischen Diktawrs Pan- g a l o s gegen die Türkei, über einen angeblichen antitürkischen Vertrag zwischen Griechenland und Italien sowie an das kürzliche Steigen des eng­lischen Psundes in der Türkei. Wie verlautet, rech­net England mit dem Beitritt Angoras zum Völker­bund um so bestimmter, als die Skepsis Kemals gegen Moskau sich immer mehr verstärkte und Kemal sich mit einem seiner besten Freunde, dem türkischen Handelsvertreter in Moskau, entzweit hat, weil dieser die Türkei völlig an Moskau verkauft" habe. Die Forderung Rußlands, doch in den nächsten zwei Jahren dem Völkerbund fern» zubleiben, soll Kemal auf Englands Druck soeben abgelehnt haben. Gewisse neuerliche Kursschwan­kungen zugunsten der türkischen Währung werden jetzt auch von Finanzleuten als Symptome eines neuen türkisch-englischen Übereinkommens ange­sehen.

Die britische Keichskoufereuz.

Der Handel

innerhalb brr Neichsqrenzen.

London, 21. Oft (TU.) Auf die Ergebenheits­adresse der Reichskonferenz antwortete König G e o r g : Ich habe mit dem Gefühl der Würdigung und der Dankbarkeit die Botschaft erhalten, die Sie mir als Ihren ersten amtlichen Akt übermittelten. Die Königin schließt sich meinem Dank für die guten Wünsche an. Ich werde mit Interesse und Sympathie Ihren Besprechungen über jene wich­tigen Fragen, die vor Sie kommen, folgen und hoffe, daß die Lösung dieser Fragen die Einheit und Größe des Gemeinwesens der britischen Nationen fördern werden.

Nach Verlesung der königlichen Botschaft ging der Präsident des Handelsamtes, C u n l i f f e Lister, auf die wirtschaftlichen Aufgaben der Kon­ferenz ein. Er stellte fest, daß der Handel zwischen dem Mutetrlande und den anderen Neichsstellen in den letzten Jahren an Umfang und Bedeutung z u- genommen hat. 1913 betrug der Anteil des Britischen Reiches an der Einfuhr nach England 24,87 Prozent. Im letzten Jahre stieg dieser Anteil auf 31 Prozent. Im Jahre 1913 gingen etwa 37 Prozent der englischen Ausfuhr nach den übrigen Reichsteilen, wahrend sich dieser Prozentsatz im letzten Jahre auf etwa 42 Prozent erhöhte. Auch die Gesamtziffer des Außenhandels des Britischen Rei­ches hat beträchtlich zugenommen. Das Bedürfnis nach einer Entwicklung des Handels innerhalb des Reiches fei besonders groß gegen der wirtschaftlichen Nachwirk' ngen des Weltkrieges. Die ausländischen Staaten, die ihre Währungen zu stabilisieren such­ten, würden zwangsläufig dazu gebracht werden, ihre Kreditgewährung und ihre Einkäufe einzu- schränken. Je größer der Warenaustausch inner­halb des Reiches fei, um so leichter werde es den einzelnen Reichsteilen fallen, ihre Währung auf» rechtzuerhalten. Cunliffe Lister betonte die Notwen­digkeit einer starken Serienproduktion und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Reichs­konferenz Richtlinien für eine einheitliche Politik des ganzen Britischen Reiches hinsichtlich der F i l m- Propaganda sestsetzen werde. Kolonialstaats- sekretär A m e r y machte längere Ausführungen be­sonders über die Arbeiten des Reichsreklame­komitees und wies auf die großen Arbeiten hin, die von den Dominions in dieser Hinsicht geleistet worden seien.

Australien und das Reichsproblem.

London, 21. Oft. (Wolff.) Auf einem vom Verband der Presse des britischen Reichs gestern abend den Teilnehmern der Reichskonferenz ge­gebenen Essen führte der australische Premier­minister Druce in seiner Antwort auf einen Trinkspruch aus, der wichttge Grundsatz sei end­gültig festgelegt, daß alle sich selbst regierenden Dominions freie unabhängige Staats- wesen seien, denen innerhalb des bri­tischen Reiches ihr Schicksal in die eigene Handgegeben sei. Jeder Versuch, ihre Freiheit zu beschränken und niederzuhnlten, werde natürlich auf Widerstand stoßen. Aber die Redereien über unüberwindliche Schwierig­keiten, die auf der Konferenz überwunden werden müßten, besäßen keinen tatsächlichen Hintergrund. Wenn es einmal soweit kommen sollte, daß das britische Reich und das englische Volk gegen eine andere Nation zu stehen hatten, dann seien seine australischen Landsleute ent­schlossen, mit Englandvereint und eins zu fein. Sie würden alles bekämpfen, was etwa zum Auseinanderbrechen jener großen Gemein­schaft führen konnte, die heute einen beständigen Faktor für die Förderung des allgemeinen Frie­dens darstelle.

Die Dominions gegen das Man­datssystem des Völkerbundes.

London, 21. Oft. (T4I.) Wie der diplo­matische Korrespondent des »Daily Telegraph" mitteilt, hat einige Tage vor Eröffnung der Reichskonferenz zwischen der englischen Regie­rung und den Premierministern derjenigen Do­minions, denen Kolonialmandate zuge­teilt worden sind, ein informatorischer Ge­dankenaustausch über die künftige Haltung tn der permanenten Mandatskommission des Völkerbundes stattgefunden. Die Staats­männer der Dominions hätten ftch über den Fragebogen der Kommission ebenso ab­lehnend geäußert wie Chamberlain. 3m Laufe der Besprechungen sei sogar vorgeschlagen wor­den, dem Mandatssystem ein Ende zu bereiten, falls sich die Mandatsinhaber wei­ter so erhebliche Einmischungen der Man­datskommission gefallen lassen mühten.

Kleine politische Nachrichten.

Der Herr Reichspräsident hat am Don­nerstag der Freien Stadt Bremen einen Besuch abgestattet. Nach einer Rundfahrt durch den Hafen und einer Kranzniederlegung am Denkmal der 75er in der Liebfrauenkirche fand im Rathaus ein Fest­essen statt, bei dem der Reichspräsident mit dem Präsidenten des Senats, Bürgermeister Dr. Do­na n d t, Trinksprüche austauschte.

»

Reichspostminister S t i n g l hat einen kom­munistischen Antrag auf Einberufung des Ver­waltungsrates der Reichspost zu einer Sonder­sitzung über die geplante Schaffung einer Zehnpfennigmarke mit dem Bildnis Fried richs des Großen mit der Begrün­dung abgelehnt, daß er allein für die Her­ausgabe einer neuen Markenserie verantwort­lich sei.

Wie zuverlässig verlautet, besteht die Ab­sicht, mit den englischen Dominions direkte »H a n- delsverträge abzischließen, wobei in erster Linie an Irland und Südafrika gedacht wird.

Der Parteivorstand der Demokratischen Partei wird am Freitag gemeinsam mit den demokratischen Fraktionen des Reichstages und der verschiedenen Länder 8'4ammentreten. Auf der Tagesordnung stehen die Außenpolitik, die Frage der großen Koalition unZ> das Problem der Liberalen Vereinigung.

Aus aller Welt.

Versuchsfahrten mit einer neuen Lokomotive.

Auf der Strecke Erfurt Eisenach Bebra werden zur Zeit mit einer Kruppschen Turbinenlokomotive Versuchsfahrten aus­geführt. Während bei den üblichen Dampflokomo­tiven der Dampf nach feiner Arbeitsleistung in den Zylindern zur Feueranfachung bient, wird bei den Turbinenlokornotiven der Dampf in einem Kon­densator niedergeschlagen und das Feuer durch künstlichen Zug angefacht. Infolgedessen zeigt die Turbinenlolomotive auch in ihrem Aufbau ein an­deres Bild als die üblichen Maschinen.

versuche eines englischen Flugzeugmutterschiffes.

Das britische Luftschiff R. 33 stieg mit zwei Kampfeindeckern, die an feinem Rumpf o n - gehakt waren, auf. Die Flugzeuge wurden in 2000 Fuß Höhe losgehakt. Sie fielen nach dem Start 100 Fuß und setzten dann den Flug mit eigener Kraft fort. Bei der Landung stießen die Gondel und der Rumpf hatt auf den Erd­boden auf.

Großseuer.

Mühlhausen L Thür., 3n dem benach­barten Bickenriede entstand aus bisher noch nicht aufgeklärter Ursache ein Großseuer, bas bei dem herrschenden Wind in kurzer Zeit ein ganzes Dorf viertel, nämlich sieben Wohnhäuser und die mit Emtevorräten ge­füllten Nebengebäude, e i n ä s ch e r t e.

(Ein Reh als Ursache eines Autounfalls.

Zwischen den thüringischen Orten Schwarza und Viernau ereignete sich gestern dadurch ein schwerer Autounfall, daß durch das Vorbei- springen eines Rehes, wobei es die Vorderräder streiften, das Auto gegen eine Telegraphenstange gedrückt wurde und sich überschlug. Der Fahrer und der Beisitzer, der praktische Arzt Dr.Soner, wurden unter dem Auto begraben. Während der Fahrer un­verletzt davonkam, war Dr. Soner sofort t o t.

Beim Spahenschiehen erschossen.

3n den Weinbergen bei Veitshöchheim (Unierfranfen) übten sich der 17jährige Garten­bauschüler Vogel und der 15jährige Lehrling Reuter im Spahenschießen. Der Lehrling gab dabei einen Schuß so unvorsichtig ab, daß die Schrotladung dem Vogel indie Halsschlag­ader drang. An Verblutung ist der junge Mann kurz daraus gestorben.

Eiserne Hochzeit.

Die eiserne Hochzeit begingen in Rheydt der Oberstleutnant von Pelchrzim und Frau. Der Jubilar ist 93 Jahre, seine Gattin 83 Jahre alt. Im August d. I. beging Pelchrzim das 75jährige Jubi­läum seines Eintritts in das deutsche Heer.

Armenrechl für einen früheren deutschen Bvtidesfürsten.

Der Magistrat in Detmold hat dem ehemaligen regierenden Für st en zur Lippe auf dessen An­trag für eine von ihm anzustrengende Klage gegen einen Prioatschuldner nach Prüfung seiner Ver­mögensverhältnisse das Armenrecht zugebilligt.

Wettervoraussage.

Wenig Aenderung des herbstlich trüben Wetters, Neigung zu Niederschlägen.

Gestrige Tagestempera uren: Maximum 6,3, Minimum 0,7 Grad Celsius. Niederschläge: 9,1 Millimeter. Heutige Morgentemperatur: 2,6 Grad Celsius.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 22. Oktober 1926.

DerRoLer" im Lichte der Medizin.

Das Rollern ist des Kindes Lust" und der zuschauenden Erwachsenen auch, zumal wenn das Motorrad der Jüngsten" schalldämpfende Gummi­bereifung aufzuweisen hat.

Neuerdings hat aber der Roller auch lebhaft an Interesse in den Kreisen der Kinderärzte gewonnen. Wie ein bekannter Berliner Pädiater berichtet, be­kommt er in feiner Sprechstunde von Zeit zu Zeit Kinder im Alter von 4 bis 7 Jahren zu Gesicht, die über Schmerzen in einem Beine, und zwar vorwie­gend im rechten Beine, klagen. Wenn man das Kind beim Gehen beobachtet, so fällt auf, daß es das kranke Bein deutlich schont. Zunächst fahndete der Arzt auf beginnende tuberkulöse Hüftgelenkentzün­dung: da aber weder das Röntgenbild noch andere Untersuchungsmethoden einen Anhaltspunkt für eine derartige Erkrankung gaben, so wurde nach einer anderen Ursache, die die Beschwerden auslösen könnte, geforscht. Und siehe da es ergab sich, daß es sich in allen Fällen um Kinder handelte, die sich entweder seit kurzer Zeit in der Kunst des Pollerns übten ober sich sehr ungeschickt dabei an­stellten.

Es ist also höchstwahrscheinlich, daß die Sehnen­bänder oder die Muskeln am Hüftgelenk gezerrt worden sind, fei es, daß das Standbein beim Drehen eine ungeschickte Bewegung gemacht ober daß bas Kinb allzu gewalttätig unb zu plötzlich ge­bremst hatte. Glücklicherweise find bie Beschwerben burd) eine mehrtägige Bettruhe völlig zu beheben.

Wenn auch bas Rollern als Geschicklichkefts- übung für die Kinder seinen Wert hat, so tragt es doch zur Muskelstärkung nur eingeschränktermaßen bei; werden doch durch den Roller fast ausschließ- lich die Muskeln der Beine und Hüftentrainiert", während die Arm- und Drustmuskulatur dabei stark vernachlässigt wird. Es erscheint daher nicht nur vom Standpunkt des Kindes, sondern auch von der ärztlichen Warte aus gesehen recht zweckmäßig, daß dem Kleinen zu dem Roller noch ein Holländer geschenkt wird, der als Ergänzung zum Roller überaus Nützliches für die Grfamtmuskulatur leistet.

Da paßt es also gerade, daß schon in einigen Wochen bas Weihnachtsfest kommt! Dr. M.

Die Basler Mission in Gießen.

Lichtbildcrvortrng über Kamerun.

hr. Der gestrige Lichtbildervortrag im So» hannessaal lieh an Hand von glänzenden Bil­dern Afrika lebendig vor unseren Augen er­stehen, und vor allem die Schönheit dieser Fremd« uns erblicken. Es ist die ölneigeimützigkeit des Missionars Schlaudraff anzuerkennen, der, w'.e im Programm angekündigt war, über »Bilder aus Asante (Goldküste)" sprechen wollte, daß er zugunsten des Missionars K e l l e r° Heidel­berg freiwillig zurückgetreten ist, damit der Red­ner vom Mittwoch abend die Moal chkert habe, seine Ausführungen dort im Lichtbild zu ergän­zen. Eine sehr große Menge war der Ein­ladung gefolgt, so daß der Oohannessaal sich fast als zu klein erwies.

Einen König und Häuptling in Kamerun Zeigten die ersten B lder in seiner Hausatracht, über die Nase hin tätow'.ert: er hat einrn Hof­staat von 4 Geheimräten, 800 Höflingen, die verschiedene, Handwerke betreiben, 10 002 Sklaven zur Bewirtschaftung der mustergültigen Lände­reien, dazu unterhält er 400 Frauen. Eia Bruder des Königs hat infolge seines Aevertritts zum Christentum dem ganzen rauschenden Hofleben Valet gesagt. Bei den Gestalten der Frauen fällt der stark nach oben geschobene Hinterkopf auf: Dieser wird Bei der Geburt des Mädchens von der Muttergedrückt", so ist es auch mög­lich, dort eine ganz besondere Haartracht cmzu- bringen. Seltsam muten uns die Bräuche an, wenn das kleine Kind als erste Nahrung Medizin bekommt, damit die bösen Geister unschädlich ge­macht wurden, oder wenn die Königsfrau e ne Pfeife raucht, deren Kopf die Größe einer Kaffee­kanne hat: seltsamer noch die Todrsfeierlichkeitem beim Absterben des Königs, wo d'.e sonderbarsten! Masken auftreten, johlen und schreien und llap- Pern und 3 Wochen lang das Totenfest feiern.

Eine zweite Reihe Bilder zeigte den Haus­bau 3m Innern der Häuser herrscht völlige Dunkelheit, da keine Fenster angebracht sind; ferner ein ganzes Gehöft, eine Spinnerin, dis mit der Hand, und eine solche, die nach euro­päischer Art am Spinnrad spinnt, den Weber, verschiedene Musikinstrumente, eine afrikanische Guitarre, eine Mandoline aus einem Kürbis, einen ausgehohllen Baumstamm als Trommel; weiterhin verschiedene Frauen und Mädchen, sehr schöne, gar nicht so abstoßend, wie man sie sich gemeinhin vorstellt, mit eigenartigem Schmuck (Ohrenpflock, Nasenperle) und besonderen Haar­trachten; sodann das geheimnisvolle Treiben der Geistervereine, der Losango, wie sie ihre fürchter­lichen Feste abhallen. Der Wein, den sie dabei aus Kalabassen trinken, wird unter mancherlei Schwierigkeiten aus der Palme getoonnen. plnd endlich die Sllavin, die durch das hohe Steppen­gras eine schier untragbare Holzlast schleppt.

Eine letzte Serie Bilder zeigte die besonderen Feierlichkeiten bei der Saat und bei der Ernte, verschiedene Lcrndschaftsbilder, eine Hausa- ansiedlung, eine Dorfstraße, den Fluß durch den iUrwald, den Tlebergang durch den Fluß und zum Schluß den der Mission sehr gewogenen Bali- k ö n i g. Manche der Eingeborenen erfahren furchtbare Schwierigkeiten beim ile&ertritt zum Christentum: wenn der Mann nicht will, daß eine seiner Frauen Christin werde, hält er sie auf dem Markt feil, oder verstößt sie. Der Geheim­schreiber des Königs fomrte, obwohl es sein Wunsch war, nicht in die Christengemeinde auf­genommen werden, da sein König ihn durch das Geschenk von drei Frauen besonders auszeichnete, das er nicht abschlagen konnte; die Christen dulden aber keine Männer nrt mehreren Frauen. Andere loben den guten Einfluß der Christen­frauen auf den ganzen Hof. So ist die Arbeit der Missionare dort gar nicht einfach und leicht: sie bedarf insbesondere der treuen Mithilfe und des Mittragens der Heimatgemeinde, damit alle Lande der Ehre des Herrn voll werden können.

Pfarrer A u s f e l d verlieh der Dankbarkeit der Zuhörer Ausdruck.

Der Gießener Mnmenschmuck- wetlbewerb.

Das Ergebnis bes vom Derkehrsverein veran­stalteten Wettbewerbs für Fenster-, Balkon- unb Vorgarten ° Blumen­schmuck ist nun zusammengestcllt unb wirb in den nächsten Tagen im Anzeigenteile veröffentlicht. Die Zahl der Preisgekrönten ist in diesem Jahre we­sentlich größer als im Vorjahre, sie beträgt 117, davon sind 14 erste Preise, 103 zweite Preise. Außerbem wurden 116 burd)lobenbe Erwähnung" ausgezeichnet.

Die Preisträger ber ersten Preise sinb: Kaufmann D i n s l a g e, Sübanlage 18, Zahnarzt Dr. Fischer, Seltersweg 77, Kaufmann G. Körner, Schützenstraße 12, Möbelfabrikant Weinert, Schloßgasse 16, Kaufmann H. Zam- petri, Schiffenberger Weg 10, Bankbirektor L. Liebmann, Gutenbergstraße 14, Hotelbesitzer Franz Schwab, Hotel Kühne, Bahnhofstraße 89, Kommerzienrat H. Schaffstaebt, Ostanlaae 23, Oberbahnmeister W. Großblotekainp. Molike- straße 9, Kaustnann E. Müller, Lessingstraße 15, stöbt. Arbeiter Karl Pflüger, Kaplansgasse 15, Reichswehr, ehern. Maschinengewehrkaserne, Kaiserallee 120, Professor Dr. Poppert, W!l- helmstraße 15, Erwin Stolte, Hammstraße 35.

Außer Konkurrenz erhielten lobenbe Erwäh­nungen für besonbere Leistungen die Gartenbaube­sitzer K. Becker, Hubing, Moser, Rieger unb S ch n e i b e r.

Die zur Verteilung kommenben 117 Preise wer­ben von ber hiesigen Vereinigung ber Gartenbau­besitzer unb vom Verkehrsoerein zur Verfügung gestellt.

Gießener Wochcnmarktpreise.

Es kosteten auf bem gestrigen Wochenmarkt: Butter bas Pfund 1,60 bis 1.70. Matte 0,35, Käse, 10 Stück 0,60 bis 1,50, Wirsing bas Pfund 7 bis 8, Weißkraut 3 bis 5, Rotkraut 8 bis 10, gelbe Rüben 8 bis 10, rote Rüben 10, Spinat 15 bis 20, Römischkohl 10, Unterkohlrabi 5 bis 8, Rosenkohl 50, Felbsalat 1,00. Tomaten 25, Zwiebeln 7 bis 8, Meerrettich 0,30 bis 1,00, Kartoffeln 5, Aepfel 15 bis 25, Birnen 10 bis 20, junge Hahnen 1.00. Suppenhühner 1,00, Gänse 0 80 bis 1 00, Nüsse 0,80 bis 1,00. Eier das Stück 15 bis 17, Blumenkohl 0 20 bis 150 Endivien 5 bis 20, Oberkohlrabi 5 bis 10, Lauch 5 bis 10, Rettich 10 bis 20, Sellerie 20 bis 50.

Bornotizen.

Lageskalender für Freitag. Stadttheater: 7.30 Llhr,D'.e Medaille" und Lottchens Geburtstag". (Ende 9.30 Uhr.) Völkerkundliche Ausstellung der Basler Mission,