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Nr. 222 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefien) Mittwoch, 22. September 1926

Vie deutsche Aultnrautonomie in Estland.

" Don Dr. Fritz Mittelmann, M. d. R.

Am 1. September ist in Estland die äleber- gabe der deutschen Schulen an die deutsche Kulturverwaltung erfolgt. Damit ist für das Deutschtum in Estland der feste Boden gewonnen, auf dem es sich in voller kultureller Freiheit und Anabhängigleit im Rahmen des estnischen Staates erfolgreich weiter entwickeln kann.

Der kleine Staat Estland ist mit dem Gesetz über die Kultursclbstverwaltung der völkischen Minderheiten, das vom estländifchen Parlament im vorigen Jahr angenommen wurde, bahn­brechend geworden für die so heiß umstrittene Frage des gesamten Minderheilenrechts. Selbst­verständliche nationale Pflicht mutz es fein, dieses bedeutsame Gesetz kennen zu lernen und mit aller Kraft dahin zu wirken, datz ähnliche Gesetze auch in den anderen Ländern verabschiedet werden, in denen es deutsche Min­derheiten gibt. Die nachstehende Aebersicht über die wichtigsten Bestimmungen dieses Sstländischen Gesetzes lehnen sich möglichst eng an den ®e- sehestext selbst an.

Als" Minoritäten gelten in Estland das deutsche, russische und schwedische Dolk sowie diejenigen auf estländischem Terri­torium liegenden Minoritäten, deren Gesamtzahl nicht kleiner als 3000 ist. Für diese Minorrtäten ist die Einrichtung vonvölkischen Selbstverwal- lungsinstitutionen" vorgesehen.

Der Aufgabenkreis der völkischen Kultur­selbstverwaltungsinstitutionen umfaßt:

a) die Organisation. Verwaltung und Aeber- wachung der öffentlichen und privaten Lehranstalten der entsprechenden völkischen Minorität;

b) die Fürsorge für die übrigen Kulturauf­gaben der entsprechenden Minorität und die Verwaltung der hierzu inß Leben ge­rufenen Anstalten und Anternehmungen. Für die vorstehend genannten Gebiete hat die Kullurselbstverwaltung das Recht, für ihre Glieder verbindliche Verordnungen zu erlassen.

Die Organe der völkischen Selbstverwaltung sind der K u l t u r r a t und die Kulturver- waltung der entsprechenden Rationalität, die ihren Sih in der Hauptstadt des Landes haben. Zur Lösung und Ordnung von totalen Fragen werden vom Vollsrat örtliche Kulturkuratorien ins Leben gerufen, deren Tätigkeitsgebiet der Kreis mit den Städten ist.

Die finanziellen Grundlagen der völ­kischen Selbstverwaltungsinstitutionen sind:

a) die laut Gesetz vom Staate übernommenen Antosten und Verpflichtungen gegenüber den öffentlichen Elementar- und Mittel­schulen!

b) die Geldsummen und anderen mit dem Unterhalt der öffentlichen Mittel- und Elementarschulen verbundenen Verpflich­tungen der lokalen Selbstverwaltungen, so­weit und auf der Grundlage, wie sie laut Gesetz ihnen auf erlegt sind:

c) öffentliche Anterstühungssummen des Staa­tes und der Selbstverwaltungen für Kul­turzwecke:

d) öffentliche Steuern, die nötigenfalls vom Dollsrate den Gliedern der entsprechenden Minoritäten auf er legt werden, in der Höhe und auf den Grundlagen, wie sie im Vor­anschläge vorgesehen sind und auf gemein­samen Antrag des Finairz- und Anter- richtsministers von der Staatsregierung be­stätigt werden:

e) Schenkungen, Sammlungen, Stiftungen, -Erbschaften und Einkommen aus eigenem Vermögen oder Unternehmungen.

Die Zugehörigkeit zur völkischen Selbstver- waltungskörperschaft wird durch ein Rational­register festgestellt, in das sich estländifche Staatsbürger der oben erwähnten Rationalität aufnehmen lassen können, soweit sie mindestens 18 Jahre alt sind.

Kinder bis zum Alter von 18 Jahren der registrierten Glieder einer Minorität gelten nach ihren Eltern als zur Minorität gehörend. Wenn die Eltern verschiedener Rationalität sind, so wird die Rationalität der Kinder nach gemcin- famem Wunsche der Eltern bestimmt. Wenn eine Einigung nicht erzielt wird, so gehört das Kind zur Rationalität des Vaters. Die minderjährigen Kinder von Angehörigen der völkischen Minori-

Johann Peter Hebel.

Zu seinem 100. Todestag.

Don Geheimrat Prof. Dr. Oskar Walzel.

Hebels Raine wird oft genannt. Einsichtige Darstellungen der deutschen Dichtung des 19. Jahrhunderts haben immer wieder auf ihn hin­zuweisen. Wird er aber auch viel gelesen? Man­ches aus demSchatzkälllein des rheinischen Haus­freundes" bleibt von Der Schule her in Erinne­rung. Eine Geschichte wie die vomKanntt- verstan" ist wohl unvergeßlich. Allein wagen sich wirklich viele an dieAlemannischen Ge­dichte"? Die Mundart ist dem größten Teil der Deutschen fremd, nicht nur im Rorden, auch im Südosten. Man liest nicht gern mit dem Wörter­buch in der Hand. Wohl hat feit etwa einem Jahrhundert mundartliche Dichtung sich stark durchgesetzt. Sie hat sogar die Bühne erobert. Aber letzte Echtheit der Sprache wurde da meist aufgegeben. Richt bloß Anzengruber, auch Ger­hart Hauptmann machte viel Zugeständni'se, um dem Zuschauer wie dem Darsteller die Ausgabe zu erleichtern. Konnte es anders sein auf einem Sprachgebiet, das fo vielerlei Mundarten birgt wie das deutsche, im Amkreis eines Volks, dessen Söhne sich wechselseitig so wenig verstehen wie die Deutschen? Richt bloß wenn sie mundartlich sich äußern, audj wenn sie ihr Schriftdeutsch reden, wird es den Süddeutschen schwer, sich den Rord- deutschen verständlich zu machen. And umgekehrt. Zu verschieden ist Wortschatz, Aussprache und Melodie.

And so mag mancher ärgerlich Hebel zu den vielen mundartlichen Dichtern zählen, die un­gebührliche Ansprüche an den Leser erheben und ihm vorwersen, sein Humor und sein Witz lägen nur in dem Angewöhnlichen seines Ausdrucks. Aebertrüge man feine Gedichte in reines Deutsch, bann ginge ihr bester Reiz verloren. Sicherlich gibt es eine Fülle von mundartlicher Dichtung, die auch den Kenner ihres Dialekts einzig und

tat, welche das 18. Lebensjahr erreicht haben, gelten nicht als zur Minorität gehörig, falls sie sich nicht im Laufe eines Jahres registriert haben.

Aus dem Qlationalregifter werden die Glie­der der Minorität gestrichen, die durch den Tod ausscheiden, aüs der estlä irdischen Staatsbürger­schaft ausscheiden und die auf eigenen Wunsch aus der völkischen Selbstverwaltung ausscheiden. Minoritäten, welche Selbstverwaltungs-Institu- tionen ins Leben rufen wollen, teilen solches durch ihre Volksvertreter oder ihre kulturellen Organisationen der Staatsregierung mit.

Als stimmberechtigte Glieder der völkischen Minorität gelten die volljährigen, zur Teilnahme an den allgemeinen Wahlen berechtigten Bürger, welche in dem Rationalregister verzeichnet sind.

Die völkischen Selbstverwaltungs- Institutionen beenden ihre Tätigkeit:

a) wenn das vom Kulturrate der entsprechen­den Minoritäten mit einer Majorität von zwei Dritteln der gesetzlichen Anzahl seiner Glieder für nötig befunden ist:

b) wenn die Zahl der Glieder unter 3000 sinkt oder die Zahl der im Rational­register verzeichneten volljährigen Bürger unter die Hälfte der zur letzten Volkszäh­lung festgestellten Anzahl volljähriger Bur­ger der entsprechenden Minorität über­haupt sinkt.

Die Bestimmung der Tätigkeit geschieht auf Grund von Verordnungen der Staatsregierung.

Eingehende Bestimmungen regeln die Durch­führung der Wahlen zum ersten Kulturrat. Die

allein durch das mehr oder minder Befremdende lockt, in Versen oder überhaupt in Dichtung die Wendungen wiederzufinden, die sonst nur in der gewohnten Alltagsrede kleiner Sprachgebiete zu vernehmen sind. Auch Hebel wirkt mit diesem Mittel. Doch er hat noch anderes auszufpielen. Sein größter Ruhm indes ist, daß er als einer der ersten sich auf eine Bahn gewagt hat, die seitdem viel, vielleicht zu viel begangen worden ist. Er hat sich da als Schöpfer bewährt, er hat mindestens seinen wenigen Vorläufern den Rang abgelaufen. Er ist der eigentliche und der be­kannteste Stifter der neuern Mundartdichtung in Versen.

Im 18. Jahrhundert widerstrebte lange Zeit alles einem Dichten, das sich der Mundart be­diente. Luthers Wagnis, den Deutschen eine einheitliche Sprache zuzumuten, kam um 1700 zu vollem Erfolg. Rur groteske Komik durfte noch zum Dialekt greifen. Die deutsche Aufklärung, der wir im wesentlichen unser Schriftdeutsch von heute danken, zog dem Mundartlichen engste Grenzen. Der Sturm und Drang erst, mit Rousseau dein Arsprünglicheren, Angebrocheneren, Anverbildeten geneigt, ließ der Mundart ebenso wie älterer Sprachform wieder mehr Raum. Doch die wenigen, die in größern Dichtungen sich der Sprache ihrer engem Heimat damals bedienten, drangen noch immer nicht über die Grenzen ihrer Heimatscholle hinaus. Sie taten nicht mit in einem Augenblick, der dem Dichten der Deutschen mächtig fortschreitende Entwicklung schenkte. So­gar wer wie Johann Heinrich Voß zu den wichti­geren Trägern dieses Fortschritts zählte, hatte Erfolge nur in Dichtungen, Sie im Bereich Der Schriftsprache blieben, nicht, wenn er das Platt seiner Heimat nutzte.

Das ist ja, was für Hebel schwer ins Gewicht fällt. Er veröffentlicht zu Beginn des 19. Jahr­hunderts Idyllen in Versen und in der Sprache, die im Südwesten des Badner Landes von heute gesprochen wird, am Basier Rheinknie. Er wieder­holt nur, was von Voß versucht worden war.

Wahlen selbst werden in jedem Wahlkreise auf derselben Grundlage wie die Wahl der Kreisräte ausgeführt. Wenn an den Wahlen weniger als die Hälfte der in den Wählerlisten der entspre­chenden Minorität verzeichneten Staatsbürger teilgenommen hat, wird der Kulturral nicht zu- fanunenberufen, und die Minderheit kann erst nach Verlauf von drei Jahren von neuem den Versuch machen, eine Selbstverwaltungsinstttution ins Leben zu rufen.

Der Kulturrat beschließt vor allem, ob er auf Grundlage dieses Gesetzes und.der auf Grund dieser von der Staatsregierung erlassenen Ver­ordnungen die Selbstverwaltung verwirk­lichen will. Im Falle, daß mit Zweidrittel­mehrheit der gesetzlichen Zahl der Glieder des Kulturrates beschlossen wird, Die Selbstverwaltung ins Leben zu rufen, erklärt Die Staatsregierung nach ^entsprechender Mitteilung des Kulturrotes die Tätigkeit der entsprechenden völkischen Selbst­verwaltung als eröffnet. Wenn aber der Be­schluß mit einer geringeren Majorität gefaßt oder beschlossen worden ist. auf die Selbstverwaltung zu verzichten, fo löst sich der Kulturrat auf, und Die völkische Minorität kann erst nach Ablauf von Drei Jahren einen erneuten Antrag stellen.

Im letzten Paragraphen nimmt Die Staats­regierung von EstlanD das felbstverftänDliche Recht für sich in Anspruch, im Verordaungswege entsprechend Den GrunDzügen Dieses Gesetzes eine nationale kulturelle Selbstverwaltung f ü r Die Staatsbürger e st ländischer Ratio­nalität in den administrativen Grenzen der­jenigen lokalen Selbstverwaltungen einzurichten, wo eine Minorität völlig in der Mehrheit ist.

Voß schuf neben feinen allbekannten hochdeutschen Hexameteridhllen ein paar Idyllen in niederdeut­scher Sprache. Auch sie verwerten den Hexa­meter. Hebel gibt einer ganzen Reihe seiner Alemannischen Gedichte" das Schrittmaß des antiken epischen Verses. Da, wie dort, scheint Vers mit Sprache nicht völlig zusammenstimmen zu wollen. Aber gerade dies Angewohnte schenkt solchen mundartlichen Hexameteridyllen einen eigenen, lockenden Grundton. Er wurzelt in der Macht, Die niemals Der Antike zugefallen war. So strebt Die ganze Empirezeit nach einer Ver­knüpfung von Gegenwart und antikem Wesen. Aber nur Hebels Hexameteridyllen haben sich Durchgesetzt, nicht ihre plattdeutschen Genossinnen von Vohens Hand.

Am Die Mitte des Jahrhunderts bewegte sich Die deutsche Idylle noch in einem erträumten Arkadien. Bei Salomon Geßner spielt der echte Schweizer Bauer eine sehr bescheidene Rolle neben Den rokokohast stilisierten Daphnis und Phyllis. Wieder vollzieht sich im Sturm und Drang die Wendung. Maler Müller führt Pfälzer Bauern in die Idylle hinein. Voß folgt mit feinen Idyllen aus Dem Leben Des norD- Deutschen Landgeistlichen, aber auch Der ostelbi- schen Bauern. Hebel erzählt, was Der Bauer im Wiesental erlebt oder erleben kann. Bereitet sich auf diesem Wege, Der Die Deutsche Idylle mehr und mehr ins Realistische hinüberleitete, Die deutsche Dorfgeschichte des 19. Jahrhunderts vor, so trägt etwa HebelsStatthalter von Schopf­heim" schon eine ganze Reihe der Züge, die später den Erzählungen aus Dem Leben füD- deutscher Bauern fast unentbehrlich geworden sind. Ihm vor allen gebührt daher Der Ehrenname eines Vaters Der neuern Deutschen Dorfgeschichte.

Aber Hebel bietet nicht bloß Idyllen. Schon Goethe stellte in einer Besprechung, die mit fast peinlicher Genauigkeit die wesentlichen Merkmale von Hebels Gedichten buchte, Die Lieblingsgebärde derAlemannischen Gedichte" fest. Sie berührt sich mit einer wohlbekannten Reigung von Goe-

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Gießen, 21. Sept. 1926.

Die erste Sitzung nach den Ferien stellte das Haus vor die Aufgabe, einige Entscheidungen von großer Bedeutung zu treffen. Eine Aeberraschung war das freilich für die Mitglieder des Stadt­parlaments und für die anderen eingeweihten Kreise nicht, denn der Hauptpunkt war schon seit langen Monaten in vielen Sitzungen Der Ausschüsse sehr eingehend geprüft rind zur Ent­scheidung vorbereitet worden, und auch Die anderen wichtigen Vorlagen, über Die wir nach- stehenD eingehender berichten, waren ob ihrer Wichtigkeit bereits Gegenstand eingehender Be­ratungen in den Fraktionen gewesen.

Erfreulich ist, daß Die Schulhausfrage, Der Hauptpunkt Der Tagesordnung, nun endlich Der Losung entgegengeführt toerDcn kann. Das Haus hat einstimmig beschlossen, ein neues Volksschulhaus unD ein Fortbil - dungsschulgebäude errichten zu lassen. Die finanzielle Seite Dieses Entschlusses soll später geregelt toerDcn, für heute handelt es sich darum, Die Lösung Der Frage in Gang zu bringen. Wer Die Verhältnisse kennt, Die schon feit Jahren für Die Volksschule unD für die Fortbildungs­schule bestehen. Der toird Den Beschluß Des Hauses nur begrüßen. Diese Entscheidung ist eine Tat, Die endlich eine schmerzliche Anterlassung früher StaDtverordneten-Kollegien gut macht. Aller­dings wird Die finanzielle Belastung für die Bürgerschaft stark werden, aber noch länger konnte mit Der Beseitigung Der üblen Rotstände wirklich nicht gewartet werden. Wir wollen nie­mand einen Vorwurf machen, müssen aber mit Dem Stadtparlament Doch sagen, es wäre besser gewesen, wenn man diese seit gut zwei Jahr­zehnten bestehende Frage schon vor dem Kriege in Der besseren Zeit gelöst hätte. Die Versäumnis von Damals rächt sich jetzt in Der starken Be­lastung, um Deren Aebernahme auch in Der un­günstigeren Zeit wir nicht mehr herumkommen konnten. Die Krittk und Rörgelei, Die man hier unD Da in Der StaDt hort. Durfte Die StaDtver- orDneten nicht abhalten, Dieser großen Vorlage ihre Zustimmung zu geben. Daß Die Erwählten Dct Bürgerschaft sich von Der kurzsichtigen Kritik nicht abschrecken liehen, Daß sie ihre Zustimmung nach schwerem Ringen mit sich selbst und erst nach außerorDentlich eingehenDen Prüfungen Der Angelegenheit schließlich Doch. unD zwar ein­stimmig, gegeben haben, das verdient die An­erkennung aller Mitbürger, Die bei aller Angunst Der Zeit nicht wollen. Daß die schweren Rotstände in der Unterbringung Der Volksschule unD Der Fortbildungsschule noch weiter ver­längert werden.

Beifall verdient auch der Beschluß Des Hauses, zu dem erst kürzlich beschlossenen Woh­nungsbauprogramm jetzt noch ein Zusatz- Wohnungsbauprogramm Durchzu führen. Dadurch werden weitere 50 Wohnungen be­schaffen, die zur Linderung Der Wohnungsnot recht willkommen finD. Durch Den jetzigen Be­schluß erhöht sich Die Zahl Der von Der Stadt für 1926 vorgesehenen bzw. finanzierten Woh- nungserstellungen auf 94, eine Tat, die sehr be­achtlich und anerkennenswert ist. Daß die Rot- Wohnungen für Wohnungslose an der Margaretenhiitte überall nur wenig Begeisterung erwecken, versteht sich von selbst. Man hat es hier mit einer ausgesprochenen Rotmaßnahme zu tun, Die hoffentlich recht bald wieder verschwinden kann.

Erfreulich ist Die Senkung Der Elektri­zitätspreise, Der man in Der heutigen Sit­zung zustimmte. Unterem Wirtschaftsleben und auch. Dem einzelnen wirb Diese Erleichterung sehr gut zustatten kommen. Es wäre jetzt nur noch zu wünschen, Daß Die hemmenDe Fessel Der Stadt aus ihrem Vertrag mit Der Provinz bald ver­schwindet, damit auch Den Stromabnehmern auf Dem Lande eine Vergünstigung zuteil werden kann.

Sitzungsbericht.

Anwesend: Oberbürgermeister Keller, die Bei- geordneten Dr. Seid, Dr. Frey, Iuftizrat Dr. Rosenberg und 39 Stadtverordnete. Der Zu- fchauerraum weist guten Besuch auf, da die großen Vorlagen dieser Sitzung besonderes Interesse finden.

Zufah-Wohnungsbauprogramm 1926.

Der Finanzausschuß beantragt, ein Zusatz-Woh­nungsbauprogramm für 1926 zu genehmigen und den erforderlichen Kredit aus Anleihemitteln in Höhe von insgesamt 624 000 Mk. zur Verfügung zu stellen. Es sollen erbaut werden: 12 Wohnungen Auf der Weißerde (Kosten 144 000 Mk.), 8 Woh­nungen rechts und links der neuen Treppe an der Licherftraße (Kosten 120 000 Mk.) und 30 Wohnun­gen zu erstellen durch die Baugenossenschaft 1894 Kosten 360 000 Mk. Das der Baugenossenschaft 1894 zu gewährende städtische Darlehen aus An­leihemitteln ist mit 8 Proz. zu verzinsen und mit ein Prozent zu tilgen. Die Sicherung des städtischen Kapitals hat durch Hypothekeintrag zu erfolgen. Der Unterschied zwischen der Sollmiete und der trag­baren Miete etwa 600 Mk. je Wohnung wird von der Stadt übernommen.

Der Berichterstatter betont, durch diese Maßnahme wolle man die Wohnungsnot noch kräf­tiger als bisher bekämpfen, außerdem solle auf diese Weise vermehrte Arbeitsgelegenheit geschaffen wer­

den. Damit die Wohnungsmiete für die Mieter trag­bar werde, wolle die Stadl den Unterschied zwischen Soll- und 9ftmietc auf stch übernehmen. Es sollen nur kleine Wohnungen in Mehrfamilienhäusern ge­baut werden.

Die Mittelstands «Bereinigung bean­tragt, im Schlußsatz des Ausschußantrages die Worte etwa 600 Mk. je Wohnung" zu streichen. Diesem Ersuchen stimmt das Haus zu. Der weiteren For­derung der Mittelstands-Vereinigung, dietragbare Miete durch eine besondere Kommission, bestehend aus Vertretern der Fraktionen, festsetzen zu lassen und die Wohnungen, solange die Wohnungsnot herrscht, nur an hiesige, beim Wohnungsamt einge­schriebene Personen zu vermieten, stimmt das Haus letzt nicht zu, es beschließt vielmehr Verweisung die­ses Verlangens an die zuständigen Ausschüsse. Ein Mitglied der D. D. fordert Maßnahmen zur Be­lebung der Bautätigkeit im Nordostviertel.

In der Abstimmung wird die Vorlage unter Berücksichtigung des obenerwähnten Antrages der Mittelstands-Vereinigung einstimmig ange­nommen.

Notwohnungen für Wohnungslose.

Vom Bauausschuß wird Die Errichtung von Rotwvhnungen für Wohnungslose an Der ehe­maligen Margaretenhütte beantragt.

Rach Den Ausführungen Des Bericht­erstatters sollen zu Diesem Zweck Eisenbahn­wagen verwenDet toerDcn, unter Deren Standort Keller anzulegen finD. Da Die Sache sehr Drin- gettD ist, Witt man bestrebt fein, Die Fertig­stellung noch vor Dem Winter zu erreichen. Kostenpunkt 93 000 Mk.

Die sozialDemokratis che Fraktion lehnt Die Vorlage ab, weil sie Die Stadt finan­ziell zu sehr belastet. Der kommunistische Vertreter spricht sich gleichfatts gegen Die Vor­lage aus. Von Dem Berichterstatter wirD betont, Daß Die Stadt in Den letzten vier Mo­naten an hiesige Wirtschaften für Dort unterge­brachte Wohnungslose rund 21 000 Mk. bezahlt habe: Das könne nicht so Wetter gehen. Beigeord­neter Dr. Frey spricht sich aus finanziellen und sozialen Gründen gleichfatts nachdrücklich für Die Vorlage aus, Damit Die Kosten gesenkt toerDcn, anDerfeits aber was jetzt droht verhütet wird, daß Familien mit Hab und Gut aus den Wirtschaften auf Die Straße gesetzt wer­den. Die Rotwohnungen toürDen natürlich hübsch hergerichtet toerDcn.

Der Vorlage. wird gegen Die Stimmen Der SozialDemokratic unD Des Kommunisten zuge­lt i m m t.

Schulhaus-Neubauten.

Auf Antrag Des Schul-, Bau- und Finanz­ausschusses soll Das Haus beschließen:

1. Der Reubau für Die Volksschule soll auf Dem stäDtischen GeländeIn Den Eichgärten" nächst Der Wolfftraßc erstellt toerDcn. Die Pläne für Dieses Gebäude sollen unter Zugrundelegung des in Der Anlage nicDergelegteu Raumbedarfs auf gestellt werben.

2. Der Reubau für Die F or tbildungs- schule und Die Fachschule soll auf Dem städtischen Gelände an Der EreDnerstraße, Ecke Klinikstraße, erstellt weichen. Die Pläne für Dieses Gebäude sollen unter Zugrundelegung des in Der Anlage niedergelegten Raumbedarfs aufgestellt werden.

Zur Begründung führt Beigeordneter Dr. Seib u. a. aus: Dieser Punkt hat für die Stadt besondere Bedeutung, einmal wegen der erheblichen finanziellen An­spannung, sodann wegen der Auswirkung auf Die nächsten 50 bis 100 Jahre. Das zwingt zu sorg­fältiger Prüfung. Die Ausschüsse haben in vielen Sitzungen sich mit dieser Frage beschäftigt. Alle Losungen wurden eingehend erwogen. Die jetzigen Vorschläge haben schließlich einftimmige Annahme in den Ausschüssen gefunden. Wie notwendig der Bau für die

Volksschule ist, braucht wohl nidji noch besonders hervor­gehoben zu werden. Die Volksschule leidet schon feit 25 Jahren unter Raumnot. Es wurden Ba­racken erstellt, aber auch deren Lebensdauer ist vorbei, und sic müßten jetzt erseht werden. Es wäre nicht zu verstehen, wenn jetzt nicht eine gründliche Regelung vorgenommen würde. Schon vor dem Kriege war man sich darüber klar, daß der Schulhausneubau, notwendig war. Diese Rot- wendigkeit hat sich seitdem noch gesteigert durch die Einführung der Einheitsschule, die Der Volks­schule eine erhöhte Zahl von Schülern gebracht hat. Bei Der Auswahl Des Platzes haben sich Die Ausschüsse nach vielen Bemühungen für das Ge-

thes eigenem Dichten. Es ist Vermenschlichung von Raturvorgängen, aber auch von Begriffen aus Dem Leben Der Ratur. So WirD in Hebels HanD das Flüßchen, nach dem das Wiesental benannt ist, die Wiese, zu einem Bauernmädchen, das bergab zum Rhein hinwandert, um endlich Dem Rhein an Die Brust zu sinken. ODer Der Sonittagsmorgen tritt wie ein liebevoll beglüden- Der Mensch in Die Welt hinein, nachDem der Samstag sich müde und schläfrig zur Ruhe be­geben hat. Mythologie ersteht hier, ganz unab­hängig von alter Aeberlieferung. Hebel schafft Mythen und schenkt in ihnen Der Ratur etwas menschlich Racherlebbares unD Rachfühlbares, vor allem aber etwas Allgemeinverständliches. Denn Das ist ja Hebels bestes Können: Er weiß sich so auszudrücken, Daß jeDer unD auch Der Bauer, von dem er dichtet, ihn begreift.

DasSchatzkästlein Des rheinischen Haus- freunDes" weist auf jeder Seite Zeugnisse für Hebels Fähigkeit, allgemeinverständlich zu er­zählen. Hier bedient er sich nicht des Dialekts, aber er trägt Die Dinge vor, wie man sie Dem einfachsten Mann am Wirtshaustisch berichtet. Gerade das ungewollt Schlichte seines Ausdrucks schenkt diesen Anekdoten und Belehrungen ihren eigenen festen und einheitlichen Stil. Kunstlos mag das scheinen. Es ist Kunst, behagliches Be­richten mit so viel Knappheit und Treffsicherheit des Ausdrucks zu verbinden.

Belehren wollen DieAlemannischen Ge­dichte", belehren will vor allem dasSchatzkäsi- (ein". Hebel beharrt gern bei Der Hauptabficht Der Deutschen Aufklärung Des 18. IahrhunDerts. Er will Die Menschen vernünftiger unD Dadurch besser machen. An ihm läßt sich spüren, wie ge­sund Dies Streben war. Reben ihm wirkt Ro° mantif fast wie etwas Verfallartiges, krankhaft Tleberspanntes. Es ist Der gefunDe Grundton, Der nachklingt bei Hebels echtesten Gefolgs­männern, bei Jeremias Gotthelf und bei Gott­fried Keller. Belehren Doch' auch sie gern, wenn sie dichten.