Nr. 222 Erstes Blatt
176. Jahrgang
Mittwoch, 22. September 1926
Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.
Beilagen:
Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.
Monatr-Vezugrpreir:
2 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanf chlüsse: 51, 54 und 112.
Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen. Postscheckkonto:
Frankfurt am Main 11686.
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: vrühl'sche Univerfiläls-Vuch- und Zteindruckerei K. Lange in Stehen. Schnftkitung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig: für Re- klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrist 20 °/0 mehr.
Thesredakteur:
Dr. Friedr. Wilh. Lange Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil i.Vertr. H. Beck, sämtlich in Gießen.
Der französische Ministerrat für Briand.
Fortsetzung der Verhandlungen von Thoiry.
Das Volksbegehren in Hessen.
Die Schlußsitzung des Abftimnrungsausschusses. Don unserer Darmstadter Redaktion.
Darmstadt, 21. Sept. Dach Verlesung der Protokolle der letzten Sitzungen protestierte Abg. Widmann (Soz.) in einem Schreiben sowie auch mündlich gegen verschiedene Berichte und Betrachtungen über die Sitzungen des Landesabstimmungsausschusses in der Presse; er verlangt im Anschluß hieran u. a., daß die Damen von Personen mit Doppelunterschriften und die Damen der Ausländer in den Listen genannt werden.
Ministerialrat Borne mann pflichtet einigen Beschwerden des Vorredners bei und wendet sich gegen e'ne Erklärung des Generalsekretärs Kollbach in einem Zeitungsartikel, daß der Landesabstimmungsausschuß ein „Ausschuß zur Verhinderung des Volksbegehrens" sei. Daß bis jetzt neun Sitzungen notwendig gewesen wären, zeige schon ein Blick auf das umfangreiche Aktenmaterial an. Er (der Vorsitzende) habe alles getan, um die Verhandlungen abzukürzen. Da der Ausschuß nicht zu einer plebcreinstimmung über die Beurteilung der zu prüfenden Angelegenheit gekommen wäre, so müsse er die Listen zu näherer Prüfung vorlegen, was wohl noch eine Sitzung in Anspruch nehmen werde.
Dr. Kl ein kurt lBbd.) meint, verschiedene Mitglieder des Ausschusses seien sehr empfindlich gegen Angriffe in der Presse. Die Vertreter des Wirtschasts- und Ordnungsblockes wären in der Linkspresse geradezu mit Schmutz beworfen worden; niemals hätten sie jedoch dies in einer Sitzung zur Sprache gebracht. Der Redner schlägt dann oor, die Feststellung vorzunehmen, daß die notwendige Zahl von Unterschriften zur Einleitung der Volksabstimmung vorhanden ist; das könnte innerhalb einer Viertelstunde geschehen.
Generalsekretär Kollbach (2). 23.) wendet sich gleichfalls dagegen, daß hier eine Presseschau veranstaltet wird. Von der an den Ausschußarbeiten geübten Kritik sei nichts zurückzunehmen; die in einem von ihm verfaßten Artikel erwähnte Bezeichnung „Ausschuß zur Verschleppung des Volksbegehrens" fei von weiten Kreisen der Bevölkerung gebraucht worden. Der Redner fordert, daß nicht erst wieder eine Prüfung bestimmter Angelegenheiten vorgenommen werde; denn dies sei bereits durch die Abstimmung erledigt, der Ausschuß solle sich nur von verschiedenen Tat- der Verschleppung erneut auf sich zu laden, die Feststellung der notwendigen Untersckriftenzahl vornehmen.
Abg. Reiber (Dem.) erklärt, daß unbedingt eine Reihe von Eintragungen als Fälschungen anzusehen seien, namentlich die Doppeleintragungen, eine dreifache Eintragung, die Unterschriften von Ausländern und sogar der Name eines vor längerer Zeit Verstorbnen. Abg. Reiber befürwortet den inzwischen schriftlich eingebrachten Antrag des Abg. Widmann, daß die Namen der hier bezeichneten Persönlichkeiten öffentlich verlesen werden.
Ministerialrat Bornemann sagt erläuternd, daß er vorhin bei seinen Ausführungen nicht eine längere materielle Prüfung im Auge habe, sondern der Ausschuß solle sich nur von oerschicgenen Tatsachen, die er in seinem Expose vorgebracht habe, auch aus den Akten überzeugen. Er müsse darauf bestehen, daß der Ausschuß nicht allein der Feststellung der Unterschriften zustimmt, sondern auch, daß dies vorbehaltlos geschehe.
Dr. K l e i n k u r t betont, daß der Ausschuß nur die Aufgabe habe, die Zahl der gültigen Stimmen festzustellen und sonst w e i t e r n i ch t s.
Ministerialrat D o r n e in a n n meint, er müsse auf die vorbehaltlos e Annahme der Entschließung dringen, damit nicht nachher in der Oeffentlichkeit behauptet werde, es handle sich bei verschiedenen DorfäUen um einseitige Feststellungen des Landesabstimmungsleiters. Er weist auf die Tatsache hin, daß in der Rothenberger Liste der Dame eines Mannes stehe, der bereits 30 Jahre tot sei. Weiter macht der Vorsitzende verschiedene Mitteilungen darüber, wie Bürgermeister Unterschriften als eigenhändig bescheinigt hätten, die es nicht waren. Ministerialrat Bornemann verliest hierauf eine Reihe von Ausländer-Eintragungen, und von Doppeleintragungen in den Darmstädter Listen.
Generalsekretär Kollbach bemerkt dazu, daß die Vertreter des Wirtschafts- und Ordnungsblocks selbstverständlich die Eintragungen von Ausländern nicht billigen. Im weiteren Verlauf der Verhandlungen bittet Generalsekretär KoUbach wiederholt ums Wort, der Vorsitzende fährt aber in seinen Mitteilungen aus den Listen fort; daraufhin protestiert Generalsekretär Kollbach dagegen, daß seine Wortmeldungen nicht angenommen wurden und verläßt mit Dr. Kleinkur 1 den Saal. Die Sitzung wird abgebrochen. Der Vorsitzende beruft eine neue Sitzung auf 12.15 Uhr (eine Viertelstunde später) ein. Die Verhandlungen werden um 1215 Uhr wieder ausgenommen. Generalsekretär Kollbach protestiert nochmals gegen die Dichtberücksichtigung seiner Wortmeldung. Er erklärt, es bestreite ja niemand, daß Dvppelein- tragungen usw. erfolgt seien, aber zu verwerfen sei das Verfahren, daß hier einzelne Damen verlesen und daran kritische Bemerkungen, sogar hämische Zwischenbemerkungen von Aus- schußnritgliedern geknüpft würden. — Ministerialrat Dornemann meint, es sei parlamentarisch ungewöhnlich, daß jemand das Wort verlange, während ein anderer noch spreche.
Paris, 21. Sept. (TU.) Der französische Mi- nifterrat dauerte von 10 Uhr vorm. bis 12.30 Uhr nachm. Der Ministerrat beschäftigte sich zunächst mit der Entlassung von etwa 110 Beamten der Finanzverwaltung. Hierauf verbreitete sich Briand über die Haltung der französischen Delegation in Genf und über seine Besprechungen mit Strese- mann. lieber den Verlauf des Ministerrats wurde vom Ministerpräsidenten folgendes Kommunique ausgegeben:
Briand hat dem INinisterral über die Haltung und die Arbeit der französischen Delegation in Genf Bericht erstattet. Die Regierung beglückwünschte Briand zu den erzielten Ergebnissen. Briand unterrichtete den 2Tli- nisterrat auch über seine Unterredung mit Herrn Stresemann. Die Regierung stimmte mit ihm vollkommen überein in der Bedeutung dieser Besprechungen und hält es für vorteilhaft, dieselben fortzusehen. 3m nächsten Ministerrat werden die technischen Probleme behandelt werden, die die Besprechungen aufwerfen könnten.
Nach Bekantgabe des offiziellen Kommuniques beglückwünschten sämtliche Minister Briand zu den erzielten Resultaten. Briand erklärte beim Verlassen des Ministerrates den Journalisten: „Das, was ich getan habe, ließ der Regierung volle Freiheit und die Regierung hat ihre Handlungsfreiheit in einem günstigen Sinne genutzt. Man glaubte, daß ich ermordet aus dem Kabinettsrat wiederkehren würde. Sie sehen, das nichts an diesen Gerüchten ist." Auch die übrigen Minister, so P o i n c a r 6 und Marin erklärten den Journalisten, daß volle Einigkeit im Kabinett herrsche.
Das offizielle Havasbureau schreibt in seinem Kommentar: Wie sich Voraussagen ließ, habe sich keinerlei Meinungsverschiedenheit gezeigt. Nachdem der Ministerrat dem Grundsatz, die gepflogenen Verhandlungen weiterzuführen, zugestimmt hätte, habe eine Diskussion über die Entwicklung, die durch die Initiative der beiden Außenminister eingeleitet werden könne, eingesetzt. Art. 431 des Versailler Vertrages gestatte die Räumung des Rheinlandes oor den vorgesehenen Zeitpunkten, aber unter der Bedingung, daß Deutschland alle seine Verpflichtungen erfüllt habe. Was die Reparationen anbetreffe, so erfülle das Reich treu die Verpflichtungen nach dem Dawesplan, aber es scheine nicht, daß nach dem jüngsten Bericht das gleiche Ergebnis hinsichtlich der Entwaffnung erzielt worden sei. Die Regierung werde also im Einvernehmen mit ihren Sachverständigen die Verpflichtungen abzuschätzen und festzustellen haben, in welchem Maße sie als Sanktion die Fortsetzung der Besatzung rechtfertigen könne. Die Rückerstattung des Saargebietes an Deutschland vor der vorgesehenen Frist von 15 Jahren im Zusammenhang mit der Volksabstimmung ist durch den Versailler Vertrag vorgesehen. Die Bedingungen hierfür müßten sehr eingehend geprüft werden. Die teilweise Mobilisierung der Reichsbahn-Obligationen sei sehr wünschenswert, aber ihre Realisierung ergebe Schwierigkeiten, finanzieller und politischer Art, die eine eingehende Prüfung erforderten, da der Beistand Deutschlands nicht allein den Erfolg der Operationen bedinge. Man müsse auch mit den Dispositionen des Weltmarktes rechnen. Unter diesen Umständen sei es vollkommen natürlich, daß die Regierung mit allen unerläßlichen Garantien sich umgeben wolle. Erst nachdem sie im Besitze aller Elemente der Disposition sei, könne der Ministerrat in seiner demnächstigen Sitzung die Prüfung der offiziellen Bedingungen einer deutsch-französischen Abmachung, deren Anfängen sie jedoch schon jetzt zustimme, fortsetzen.
Briand und der Frank.
Briands Gegner im Kabinett. — Frankenftnrz und Außenpolitik.
Paris, 21. Sept. (TU.) Das englische Pfund, das während der Börsenstunden sich um 174 herum stabil zeigte, zog nach Bekanntwerden des Ergebnisses des heutigen Ministerrats an und notierte in den Dachmittagsstunden über 175. Vielfach wird jedoch diese neue Hausse der fremden Devisen nicht nur mit den außenpolitischen Erwägungen innerhalb des Kabinetts zusammengebracht, sondern wird vor allem auf die innerpolitischen Spannungen zurück- geführt, welche die strengen Ersparnis- und Einschränkungsmaßnahmen der Regierung im ganzen Lande hervorgerufen und deren Rückwirkungen
Abg. Widmann (Soz.) hält seinen Antrag auf Verlesung von Damen der Personen mit Doppeleintragungen usw. aufrecht. Der Antrag Widmann wird dann mit drei gegen zwei Stimmen, bei einer Stimmenthaltung (Abg. Heiustadt) angenommen. Ein gleichfalls eingebrachter Antrag Dr. Kleinkurt-Kollbach, ohne weitere Debatte einen Beschluß über die Zahl der gültigen Unterschriften herbeizuführen, ist damit a b g e l e h n t. Ministerialrat Bornemann fährt in seinen Mitteilungen über die Doppelunterschriften fort und macht dann nachstehende Mitteilung: 2087 Listen sind dem Ausschuß zu-- gegangen mit 152 863 Unterschriften; 205 Listen mit 15 859 Unterschriften sind von den zur Beseitigung von Mängeln zurückgegebenen nicht wieder an den Abstimmungsleiter zurückgekom-
sich beim Wiederzusammentritt des Parlaments am 19. Oktober geltend machen werden und die die Lage der Regierung ernstlich gefährden könnten. Die Unterredung in Thoiry, so schreibt heute der Loucheur nahestehende „Paris- Midi", habe nur insofern seine Bedeutung für den französischen Franken, als die angebahnten Verhandlungen eine Krisis des französischen Staates verhindern könnten. Davon wäre man aber vorläufig noch weit entfernt und darum hätte auch die Kunde einer deutsch-französischen wirtschaftlichen und finanziellen Zusammenarbeit keinerlei Besserung des Franken bewirkt.
heule hänge die Haltung des französischen Franken nicht mehr von dem Außenminister, sondern von dem Finanzminister ab.
Auf der Linken wird im Gegensatz zu den das Kommunique des heutigen Ministerrats begleitenden offiziösen Erklärungen weiterhin von ziemlich starken Widerständen, die der Verwirklichung der deutsch-französischen Annäherungspolitik Driands entgegenftünben, gesprochen. Als Hauptgegner Briands werden Louis Marin und vor allem D a r t h o u genannt. Die Wendung des offiziellen Kommuniques, daß im nächsten Ministerrat über die technischen Probleme, die die Besprechungen zwischen Stresemann und Briand aufwerfen könnten, gesprochen werde, wird teils als Zeichen dafür ausgelegt, daß die Regierung entschlossen sei, die Verhandlungen mit Deutschland schnellstens betreiben zu wollen, teils aber auch dahin, daß eine einheitliche Auffassung in der Regierung noch nicht bestünde, daß jedoch die Aussicht vorhanden sei, daß diese bis zum nächsten Ministerrat am kommenden Donnerstag erreicht fein würde.
Die Angst vor einem neuen Frankenstur;
ist ganz außerordentlich groß. Die „Liberts" betont, daß die Tendenz der Wechselkurse der letzten Tage der Regierung ein Warnungszeichen sein müsse. Andere Organe, besonders Blätter der wirtschaftlichen Kreise, erblicken gerade in diesem Moment der Empfindlichkeit des Franken die ä u ß e r st günstige Lage Briands. Die heute aus Amerika vorliegenden Nachrichten über die Auffassung in maßgebenden amerikanischen Kreisen werden ziemlich pessimistisch beurteilt. Es wird betont, daß selbst die Verwirklichung eines Annäherungsprogramms zwischen Briand und Stresemann nicht jene seit Jahren von Amerika betriebene Politik in der Schuldenfrage abändern könnte. Dem Plan Briand-Stresemann würde man in Amerika schon deswegen eine internationale Anleihe zur Wiederaufrichtung des französischen Frankens vorziehen, um dem angelsächsischen Kapital den entscheidenden Einfluß in Europa zu sichern
Die Mitarbeit der Parlamentarier in Genf.
Gens, 22. Sept. (WTB.) Bei einem von den parlamentarischen Mitgliedern der deutschen Delegation veranstalteten geselligen Beisammensein mit den Übrigen Delegationsmitglicdern und einem kleineren Kreis von Gästen hielt der Abg. Dr. D r e i t s ch e i d eine Rede über die Zusammenarbeit zwischen den parlamentarischen Mitgliedern und der Delegationsführung. „Wir hoffen", so sagte Dr. Dreitfcheid u. a., „dem Ziele näher- gekommen zu sein und damit auch dem Willen des deutschen Volkes entsprochen zu haben." Dieses Ziel tn seiner letzten Formulierung sei die Sicher st ellung des europäischen Friedens. Mit diesem Ergebnis seien alle einverstanden, und er fühle sich veranlaßt, dem Reichsaußenminister den Dank der parlamenta- rischen Delegationsmitglieder für die vertrauensvolle Zusammenarbeit auszusprechen. Die Rede Dr. Breitscheids klang in dem Wunsche aus, daß Dr. Stresemann auf diesem Wege weitergehen möge, und er glaube, ihm versichern zu können, daß die in Genf ver- treteneii Parteien ihn auf diesem Wege begleiten und unterstützen würden. „Gegen die, die sich ihm entgegensetzen, werden wir kämpfen, und die, die nörgeln und zaghaft nebenherlaufen, können wir auf diesem Wege nicht brauchen!"
Dr. Stresemann dankte für die wertvolle Unterstützung, die dem gemeinsamen Werk aus der Zusammenarbeit zwischen beamteter und parlamentarischer Delegation zuteil geworden sei. Diese Mitwirkung der Volksvertreter habe in vollem Umfange alles das gehalten, was er sich bei ihrer Inanspruchnahme davon versprochen
men. Es sind 61 999 gültige Unterschriften vorhanden, 90 864 Unterschriften sind ungültig. 74 955 sind nicht von eigener Hand, 528? sind unleserlich oder unvollständig, 5606 Unterschriften mußten wegen nicht vorschriftsmäßiger Einzeichnungslisten zurückgewiesen werden, 848 wegen Strichelungen, 3641, weil ungenügend bescheinigt und 1022 aus sonstigen gesetzlichen Gründen (Doppeleintragungen usw.).
Ministerialrat Bornemann verliest hierauf den nachstehenden Entwurf einer Entschließung mit folgendem Wortlaut: „Der Landesabstimmungsleiier hat die nach Artikel 10 des Gesetzes über Volksbegehren und Volksabstimmung vom 17. März 1921 festzustellende Zahl der gültigen Unterschriften mit 61 9 9 9 ermittelt. Er hat ferner bei dieser Ermittelung
habe. Dr. Stresemann schloß mit dem Hinweis darauf, daß er für die Verschiedenheiten der Methoden und die Kritik an ihnen volles Verständnis habe, und mit dem Wunsche, daß es in der Frage des außenpolitischen Weges, den Deutschland beschreite und weiter zu gehen habe, keine Parteien geben möge.
Wie die „Vossische Zeitung" erfährt, wird Dr. Stresemann Mittwoch von Genf abreisen und am Freitag vormittag dem Reichskabinett über seine Unterhaltung mit Briand und die in Thoiry getroffenen Vereinbarungen ausführlichen Bericht erstatten.
Die Deutschen in Genf.
Stresemann im Licht der schweizer Presse.
Genf, 21. Sept. (WTB.) Die schweizerische Presse, die für die Beurteilung der in 7 Jahren entstandenen Traditionen und technischen Gewohnheiten des Völkerbundes besonders kompetent ist, erörtert ausführlich den Eindruck, den die gestrige» Darlegungen Stresemanns zu der Me- melfrage und der Finanzfrage Danzigs in der Ratssitzung gemacht haben. So schreibt der „Berner B u n d", Stresemann habe bisher in Genf, was selbst von einigen seiner Gegner anerkannt werde, gut a b g e s ch n i t t e n. Man unterstreiche seine Konzilianz, seinen staatsmännischen Blick und seine diplomatische Geschicklichkeit. Von den Befürchtungen, die da und dort gegen das Auftreten dec'Deutschen in Genf laut geworden fei, fei bis jetzt jedenfalls nichts eingetreten. Aehnlich äußert sich die „Neue Züricher Zeitun g", die u. a. schreibt, die neuen Männer und insbesondere Stresemann schienen sich mit Leichtigkeit und gutem Willen in die Traditionen und Arbeitsmethoden hineinzufin- den, die feit sechs Jahren ausgebildet würden. Zum ersten Male habe gestern Stresemann im Dölker- bundsrat das Wort ergriffen. S-me Interventionen feien in einfacher gemäßigter Form erfolgt, was sehr anerkannt worden sei. Der deutsche Vertreter habe seine Stimme somit schon jetzt in Fragen geltend machen können, die sein Land mitberührten, was eine unzweifelhafte Rechtfertigung für den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund bedeute.
Die WeltVirlfchaftskonftretrz. In der Vollversammlung des Völker dun-es.
G e n f, 21. Sept. (TU.) In der heutigen Sitzung der Vollversammlung wurde als wichtigster Punkt der Tagesordnung die Einberufung einer ilLirt- fchaftskonferenz beraten. Der Berichterstatter L o u- ch e u r betonte, daß die Verschlechterung der illge- meinen Wirtschaftslage im letzten Ishr es notwendig mache, in gemeinschaftlichen Erörterungen der gesamten Situation die Mittel zu finken, durch die eine Verbesserung sowohl der Weltwirtschaftslage als auch der Lage der einzelnen Länder erreicht werden könne. In erster Linie fei die Weliwirtschasts- konferenz berufen, geeignete Vorschläge zur Erleichterung des Abschlusses von In- dustrie- und Handelsverträge n unter den Nationen zu ermöglichen. Die Einberufung der Konferenz müsse so schnell wie möglich erfolgen, damit die weitere Verelendung bea Bevölkerungen vermieden werde. Dr. Stresemann hätte von der Tribüne des Völkerbynd-rs gejagt, daß die neue Weltlage die alten Formen der Wirtschaft gefprengt hätte und daß es nun gelte, neue Formen zu suchen. Ohne wirtschafiLichen Ausgleich zwischen den einzelnen Staaten wären Abrüstung und Sicherung der Völker undenkbar. Bei den Verhandlungen der Stahlindustriellen handle es sich um ein internationales Abkommen, es fei wünschenswert, daß nach MöglichkLit alle interessierten Staaten ihm beitreten.
Der deutsche Delegierte, Freih. v. Rheinbaben, führte dann u. a. aus, die Weltwirtschaftskrise wäre insbesondere durch die Behinderung des Warenaustausches durch die neuen Zollgrenzen und die Währungsschwankungen hervorgerufen. Dor allem wäre es wünschenswert, den Warenaustausch zu erleichtern durch Verbesserung der Transportwege, Anpassung der Zölle und ähnliche Mittel. Er hoffe bestimmt, daß die Konferenz die rechten Mittel zur Lösung der Krise finden werde. Deutschland werde mit
geprüft, ob die in der Verfassung und in vorgenanntem Gesetz vorgesehenen Vorschriften (Ausführungsbestimmungen sind nicht vorhanden) beachtet sind. Er beantragt nunmehr auf Grund der angeführten Gesetzesstelle, der Landes- ubstimmungsausschuh wolle demgemäß vorbehaltlos Beschluß fassen: die Zahl der gültigen Unter- schriften ist mit 61 999 f e st g e st e l l t. Damit sind die in der Verfassung und iw dem erwähnten Gesetz vorgesehenen Vorschriften beachte." 'Die Entschließung wird von dem Ausschuß einstimmig angenommen. Ministerialrat Bornemann dankt in einem Schlußwort den Ausschußmitgliedern für ihre Mühewaltung. Die Entschließung wird jetzt dem Landtag vorgelegt, dem die letzte Entscheidung zusteht.


