Nr. 169 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Donnerstag, 22. Juli 1926
brauchbare und sachliche CSerle gibt, sind mehr oder weniger einseitig eingestellt und klingen fast durchweg dahin aus, daß das „Marne- wunder" den Auf der deutschen Unbesiegbarkeit
Sprachen —, so wenig konnte bisher eine wirklich klare und wahre Vorstellung der verhängnisvollen, geradezu tragischen Ereignisse anerkannt jcerben. De englischen und französischen Schilderungen, unter dene^ cs immerhin einige libt, sind mehr
Endlich Klarheit über die Marneschlacht.
Von Oberst Emmanuel.
Soviel auch von Freundes- und Feindes- fene seit Kriegsende über die Marneschlacht aeschrieben worden ist — es sind in der Tat Hunderte von Bünden in den verschiedensten
gebrochen und die Grundlage des Endsieges des Feindbundes geschaffen war. Auf deutscher Seite sind leider mehrere gehässige Schmähschriften ans Tageslicht gekommen, deren parteipolitischer Zweck es ist, das alte Heer unter der alten Führung herabzusetzen und zu verunglimpfen, gewiß lein schönes Bild in unserem Unglück, das auch die Gegenparteien mit Fassung, Zurückhauung, Würde tragen sollten. Andererseits liegen viele deutsche Aechtfcrtigungsschriften, meistens in Gestalt von „Memoiren" vor, die, so nützlich sie auch find, doch nur einseitige Auffassungen zu vertreten vermögen. Eine Fülle von Rätseln und dunklen Fragen drängte sich über die Anlage der Schlacht aus deutscher Seite, über den mangelnden Einfluß der deutschen Obersten Heeresleitung auf Len Gang der Schlacht, über die so heiß umstrittene „Sendung des Oberstleutnants Hentsch" von der Heeresleitung zu den Armeeoberkommandos, über den unglücklichen Rückzugsentschluh der 2. Armee Bülow, über die Art und Ausdehnung der Rückwärtsbewegung auf.
Unter diesen Gesichtspunkten wurde das amtliche deutsche Geschichtswcr! über die Marneschlacht 1914 mit berechtigter Spannung erwartet. Jetzt liegt es in den Bänden III und IV des großen Werkes „Der'Weltkrieg 1914 bis 1918“, bearbeitet im Reichsarchiv, vor. Was die beiden ersten Bände geboten und für die ,Fortführung des Werkes versprochen haben, ist voll und ganz gehalten worden: eine klare Darstellung, die, ohne sich in Rebensachen zu verlieren, die großen Vorgänge nach Ursache, Verlust, Folge an der Hand der Urkunden darlegt, zugleich aber auch eine wahre Beleuchtung bringt, deren Aufgabe die rücksichtslose Unparteilichkeit ist. Die beiden Bände lesen sich, auch für den Richtberusssoldaten, so verständlich, *t> spannend, daß die Bearbeiter ihre nicht leichte Pflicht trefflich gelöst haben. Der Verlag (E. S. Mittler & Sohn. Berlin) hat das Werk in bewährter Weise mit vorzüglichen Karten und in gediegener Ausstattung, einfach und würdig, her- «lusgebracht.
Der Band III behandelt den Zeitabschnitt „Don der Sombre zur Marne", der Band IV die Schlacht selbst. Man wird der Schristleitung die 'Berechtigung zuerkennen, daß sie zwei umfang* Teiche, kostbare Bände den Ereignissen zugewiesen Hat, welche das Ringen an der Marne betreffen. Die Vorgänge, getragen von dramatischer Spannung und erfüllt von erschütternder Tragik, sind Lon einschneidender, in gewissem Sinne von entscheidender Bedeutung für den Gesamtverlauf nnd den AuSgang des Weltkrieges geworden. Durch die Marneschlacht wurden wir in die Abwehr gedrängt. Das war dem deutschen Heere auf Grund aller seiner Ueberlieferungen und ^rziehungsgrundsähe so ungewohnt, daß unsere teste Kraft gelähmt war, daß wir nicht mehr Hammer, sondern Amboß wurden. Das ist unser Anglück gewesen. Das deutsche Volk von heute Hat aber einen Anspruch darauf, die inneren Zu- scrmmenhänge und die tieferen Ursachen der für unfer Vaterland so schicksalsvollen Schlachtent- Scheidung kennen zu lernen. Diesen Wunsch haben Die Bearbeiter erfüllt.
Grundlegend für den Kampf an der Marne fcar der Befehl der deutschen Heeresleitung vom 27. August, abends, hervorgegangen aus den Uegreichen Eingangsschlachten im Westen, aus der Eroberung von Lüttich und Ramur, aus dem Liege von Tannenberg, aus den Erfolgen des A. u. K. Heeres in Südostpolen und Ostgalizien. Lo gipfelten denn die Anordnungen vom 27. August für die Westfront in dem Satze: „Seine Majestät befehlen den Doönarsch des deutschen Heeres in Richtung auf Pari s." Hierzu sollte Lie 1. Armee gegen die untere Seine westlich »er Oise, die 2. auf Paris, die 3., 4,, 5. über iie Marne, die 6. und 7. über die M»*el ober- ®alb Toul vorgehen, somit allgemeine Verfolgung mit dem Versuch, den Feind nirgends mehr zum
Gießener Stadttheater.
Blumcnthal-Kadelburg: Zwei Wappen.
Der Regen war ein guter Verbündeter der Herren Blumenthal und Kadelburg: so mancher falte sich vor den rauschenden Wassern in Thalias Heim geflüchtet, der eine schöne Sommer- »acht sonst auch ohne Theater herumbringen Hann. Und wenn es auch nicht grade erste Qualität war, was uns die bewährte Schwankfirma da Dienstag vorsetzte, sondern nur ein recht antiquiertes und arg verstaubtes Gelegenheitsprodukt, so genügte es immerhin, die Regenstimmung bald fortzublasen und das Haus herzhaft lachen zu machen.
Das Zusammentreffen eines adelsstolzen Reichsfreiherrn und eines smarten Selfmademan 3.t8 Amerika als Schwiegerväter eines sehr glücklichen jungen Paares, die unerhörtesten Vernicklungen, die sich mit einigermaßen Phantasie nid dazugehöriger Routine aus diesem Tatbestand ableiten lassen, sind zwar nicht gerade fefcr aktuell, auch schon oft und besser abge* wandelt worden, aber immer noch unterhaltsam, wenn Leute wie Goll und Teleky sich ihrer arinehmen. Goll hätte in seiner Maske vielleicht mehr die Intelligenz gegenüber der Pfiffigkeit unterstreichen dürfen, ohne seiner sonst prächtigen Schwanksigur zu schaden. Als junger Ehemann brachte Willi Hanke etwas reichlich Pathos in seine sonst sehr natürlich wirkende Verliebtheit, Olli? Krahmcr verleugnete als Miß Martz Forster nicht die Abstammung vom deutschen Gretchen. Sehr rund und nett war Tine Schn eider als geschäftstüchtige Brauerei- besitzerswitwe aus Chicago, den flotten Lebemann
Halten kommen zu lassen. Hieraus entwickelten sich die siegreichen Schlachten der 1. und 2. Armee im Raum von St. Quentin, der 3.. 4., 5. Armee an bet Maas, an der Aisne, in den Argonnen, um Verdun, die Einschließung von Maubeuge, die Einrichtung der deutschen Macht in Belgien. Dagegen gelang der Durchstoß der 6. und 7. Armee über die Meurthe und Mosel vorerst nicht.
Anter dem Eindruck der' (mit Ausnahme bei der 6. und 7. Armee) überall siegreich fortschreitenden Dersolgung drang am 2. September bei der deutschen Obersten Heeresleitung die Absicht durch, die Malle des französischen Heeres von Paris nach Südosten abzudrängen, wodurch sie der 6. und 7. Armee in die Hände getrieben tootben wäre, falls der ilebergang dieses deutschen Flügels über die obere Mosel gelang. Ungeheuer verantwortungsfchwer war der Entschluß vom 2. September: „Da hierbei auf tätige Anteilnahme der mit dem Schuh der rechten Heeresslanke betreuten 1. Armee verzichtet werden sollte, war der Verlauf der Verfolgung der 2. Armee für das Gelingen des Planes von höchster Bedeutung. Daneben fiel aber ebenso schwer die Frage ins Gewicht, ob der Druck 'der deutschen Mitte und des linken Flügels stark genug fein würde, die Franzosen auf der ganzen übrigen Front so zu fesseln, daß ihnen die Möglichkeit genommen wurde, durch Truppenverschiebungen großen Stils ihrem weichenden Westflügel nun Halt zu geben ober gar zu einem umfaffenben Gegenangriff zu schreiten."
Hierin liegt im Grunbe genommen schon das Geheimnis, warum die Marneschlacht kein deutscher Sieg werden konnte, sondern trotz aller tapferen Einzelleistungen doch einen unglücklichen Ausgang genommen hat. Die Gründe waren: die Schwäche des deutschen rechten Flügels, die großen Geländevorteile der Franzosen in der Mitte, die Anmöglichkeit für die Deutschen, auf ihrem linken Flügel die uneinnehmbare Moselfront zu bewältigen. Die Franzosen unter 3 o f f r c hatten unsere nachteilige Lage mit Geschick ausgenuht und, allerdings durch Zahlenmehrheit und durch ihre ausgeruhten Truppen unterstützt, den Stoß gegen unsere Westflanke geführt. So hervorragend die 1. Armee Klucks focht, der sich hier als Heerführer auf der Höhe gezeigt hat, so wenig waren wir im Stande, den Gegenangriff der Franzosen, Engländer gegen die Lücke zwischen der 1. und 2. Armee abzuwehren — hierzu fehlte das, was die Hauptsache der Entscheidung stets ist, die große Schlachtenreserve.
Die endgültige Entscheidung, zugleich die Quelle unseres Anglücks ergab der altbekannte deutsche Hauptbefehl vom 4. September abends. Er ordnete den allgemeinen Angriff an. „An dem Wortlaut fällt auf,“ sagt das neue Werk, „daß die 1. Armee zwischen Oise und Marne (also nördlich der Marne) verbleiben sollte. Tatsächlich befand sie sich, wie der Obersten Heeresleitung bekannt war. bereits mit dem größten Teil ihrer Kräfte südlich der Marne.“
General 3offrc rang sich gleichzeitig zum Angriffsentschluß durch: doppelte Amsassung der Deutschen von der Maas und von Paris her. Der 4. Armee (Langle de Cary) und der Armeeabteilung Foch fiel die frontale Abwehr zu. Die 3. Armee Sarrail sollte in nordwestlicher Richtung die westlich der Argonnen vor- gehenden Deuischen, die 5. Armee Franchet d'Esperay, die Engländer, die 6. Armee Mau- noury den deutschen Westflügel umfassend, angreifen. „Hiermit riß 3offre die Initiative an sich", sagt das Werk — leider mit Recht.
Die sehr ausführliche Schlachtenschilderung lieft sich wie ein gewaltiges Drama. Alle Entschlüsse auf beiden Seiten sind quellenmäßig belegt. Wir sehen den verfrühten, nicht mit genügenden Kräften unternommenen Stoß der Armee Maunourtz aus Paris gegen das schwache, ganz umzingelte IV. Reservekorps Gronau nördlich der Marne, hierauf den Entschluß Klucks. feine ganze Armee über die Marne zurückzuführen und Maunourtz, wie es geschah, zu werfen. 3n der klaffenden Lücke zwischen der 1. und 2. Armee leistete die deutsche Reiterei unter Marwitz und Richthofen heldenhaften Widerstand, bis sie nach tagelangem Kampf vor den Engländern und dem linken Flügel der französischen 5. Armee hinter die Marne weichen mußte. Inzwischen rangen die 2. und 3. Armee in langsamem siegreichen Vorgehen. während die 4. mit großen Geländeschwierigkeiten vorteilhaft kämpfte, die 5. in den Argonnen sich wacker festbiß, die 6. und 7. noch vor der Moselfront standen. Da fiel die Entscheidung bei der 2. Armee: Bülow entschloß sich im Einverständnis mit dem Oberstleutnant Hentsch, dem Abgesandten der Obersten Heeres- leitung, die 2. Armee zurückzunehmen, da er ihre
Westslanke nicht mehr für haftbar hielt. Hiermit war die Rorwendigkeit des allgemeinen Abbrechens der Schlacht und des Rückzuges gegeben.
Als die entscheidenden Gründe des unglücklichen Ausganges führt das Werk an: Anhäufung zu starker deutscher Kräste (6. und 7. Armee) in Lothringen, wo sie brach lagen; notwendige Bindung von etwa drei Korps in Belgien (2 vor Antwerpen. 1 vor Maubeuge); Abgabe zweier Korps nach Ostpreußen; Fehlen einer gemeinsamen Leitung auf dem Entscheidungsflügel, also am Westflügel; zu scharfe Schwenkung der Deutschen an 'Paris vorbei nach Südosten, also Preisgabe der Westslanke; Mangel an einer großen allgemeinen Reserve hinter dem West» slügel; zu weite Entfernung der Heeresleitung (Luxemburg) vom Entscheidungspunkt; übertriebene Besorgnis des Generals v. Bülow, bestärkt durch Oberstleutnant Hentsch. um die Gefahr eines Durchbruches des Gegners in der Lücke zwischen der 1. und 2. Armee; Versagen des erkrankten Generaloberst von Moltke als Generalstabschef: „der unter blutigen Opfern er- ftrittene Sieg der deutschen Truppen konnte nicht behauptet werden, da der Wille des Feldherrn gebrochen war." Dem deutschen Heere selbst zollt das Werk höchste Anerkennung: „Das Schicksal der Armee von 1914, der unter so erschütternden Umftänöcnbcr heiß erkämpfte Sieg gerade in dem Augenblicke, in dem sie ihn sicher in der Hand zu haben wähnte, wieder entrissen wurde, und der selbst der Feind hohe Bewunderung gezollt hat, ist voll tief ergreifender Tragik!" Mit Ergriffenheit legen wir das Werk aus der Hand...
Das neue Afghanistan.
Don Karl Freiherrn v. Werkmann.
Der Emir von Afghanistan hat sein Land zum Königreich erhoben. In diesem Teile Asiens zählen Titel noch. Sie dienen nicht nur der Befriedigung von Eitelkeiten, sondern drücken auch ein gewisses Maß von Ansehen, Gewicht und Macht aus. So ist denn auch die Erhebung des Emirs zum Rex nicht als eine einfache Rangerhöhung zu werten: sie bedeutet vielmehr, daß aus der Rivalität zwischen England und Ruh- Iani> die afghanische ilnabbängigfcit erstanden ist. „König vonAfghanistan" — das klingt wie ein Signal, wie der Trompetenstoß nach dem Wahlsiege Zaghluls in Aegypten, wie der Kanonendonner vor den Toren Pekings oder irgendeine andere Acußerung des 5teibeit8- willens bisher unterjochter, bedrückter oder abhängiger Völkerschaften. Richt nur in Europa ist eine neue Welt im Werden! Auch in Afrika und namentlich in Asien!
Afghanistans Stärke — und zugleich seine Schwäche — lag allezeit in der Mißgunst seiner Rachbarn gegeneinander. Die Nützlichkeit eines Pufferstaates zwischen der russischen und der englischen Sphäre ist etwa hundert Jahve lang ein Dogma der asiatischen Polittk Rußlands und Englands gewesen; dieses Dogma hat dem Emir ebensolange eine gewisse Autonomie seines Landes gesichert — besser als alle Verträge und die schwache bewaffnete Macht, die auf seiner Sette hinter diesen Verträgen stand. Eine russische Blockade konnte Afghanistan zur Anlehnung an Großbritannien zwingen, eine englisch-indische Sperre zur Verständigung mit Rußland oder Persien; denn das von Persien, Rußland, Buchara, Indien und Belutschistan umklammerte, vom Meere abgeschlossene Land ist auf den Handel mit den Nachbarstaaten angewiesen.
Geradezu virtuos hak Asghaniskan im vorigen Jahrhundert seine Rolle als Pufferstaat gespielt und es verstanden, aus der russischen und englischen Rivalttät Ruhen zu ziehens Der Emir bezog Subsidien aus London und Petersburg, und das Land vergrößerte sich nach beiden Seiten.
3m Weltkrieg mochte es dem Emir — damals H a b i b u l l a h Khan — scheinen, daß er die sogenannte Autonomie seines Landes, die eigentlich doch eine bezahlte Abhängigkeit von zwei Rachbarn war, in volle Unabhängigkeit wandeln könnte. Er glaubte an den Sieg der Mittelmächte und sah in Deutschland die Macht, mit deren Hilfe der Einfluß Englands und Rußlands zu brechen wäre. Ein klarer Kopf, ließ er es sich aber nicht beifallen, Deutschland schon im Weltkriege, etwa durch eine Operation aus Afghanistan heraus, beizustehen; er wollte nur mit einem siegreichen Deutschland gehen. Die deutsche Oberste Heeresleitung dachte anders. Sie verlangte von Habibullah Khan die Bindung russischer und angloindischer Truppen und bot ihm hierfür die Hilfe der Expeditton Rreder-
und Schuldenmacher spielte Rud. Schwanneke mit viel Pläsier. Herrn Telekys Regie sorgte für ein flottes Spiel, dem das gutbesetzte Haus seinen Beifall nicht versagte. -c
Vom stenographischen Dienst im Hessischen Landtag.
Als kürzlich ein hessischer Stenvgraphentag in Darmstadt abgehalten wurde, erschien eine Festschrift, die eine sehr fesselnde Studie von Regierungsrat Scheible enthielt, betitelt „Hundert Jahre stenographischen Dienstes im Hessischen Landtag". Es ist darin ausgeführt, wie auf Grund der Wiener Bundesakte von 1815 in den deutschen Einzelstaaten die Verfassungen ins Leben traten und sich im Anschluß hieran ein parlamentarisches Leben entwickelte. 3n Hessen geschah dies im 3ahre 1820. Die Oeffentlich- feit der Verhandlungen bedingte die Verwendung der Stenographie; da es aber weder eine eigentliche Stenographie noch Stenographen gab, so wurden damals in den Parlamenten „Geschwindschreiber" angestellt, die sich einer abgekürzten Kurrentschrift bedienten. 3n Hessen führte seit 1820 der Geheime Oberkriegssekretär Zimmermann das Protokoll und dann Karl August Winter vom 15. August 1823 bis 1. März 1824 allein und später aushilfsweise. Von ihm berichtet Regierungsrat Scheible:
„Kart August Winter war eine eigenartige Erscheinung nach verschiedenen Richtungen. Er hatte sich als dreizehnjähriger 3unge mit Kameraden gebalgt, wobei ihm eine eiserne Stange ins Auge gestoßen worden war. Das Auge ionr.t.' gerettet werden, eine linksseitige Lähmung von Hand und Fuß war zurückgeblieben. Dadurch war er im stenographischen Beruf sehr behindert. Die Natur hatte ihn nun einmal zum Steno
graphen geschaffen. Ungeachtet seiner beschränkten Fähigkeiten, über seinen Körper zu verfügen, wollte er im 3ahre 1820 nach Amerika, er kam aber nur bis England, wo er anscheinend in stenographische Kreise geriet und dort wohl die Anregung zur Kunst bekam. Nach sechswöchiger Abwesenheit kehrte er nach Württemberg zurück und bewarb sich im Dezember 1820 in einem Konkurrenzschreiben um eine Geschwindschreiber- stelle, die er auch neben zwei anderen Bewerbern (Kurrentschrcibern) erhielt. Gestützt auf sein geometrisches, Teile des Quadrats und des Kreises zur Darstellung des Alphabets benützendes System, BTdöetc er sich allmählich zu einem ausgezeichneten Stenographen aus. Für Südwest- deutschland war er damals jahrzehntelang „der“ Stenograph. (Babelsberger schrieb in einem Briefe über die Arbeitsweise Winters: „Dieser Mensch schläft nie über 3 ober 4 Stunden, diktiert vom Augenblick des Schlusses der Sitzung an — ohne zum Essen zu gehen oder sich sonst im mindesten zu erholen — Tag und Nacht unausgesetzt fort, bis er fertig ist. Er hat fein Bett in der Kanzlei samt dem Wecker für sich und den Schreiber, den er beinahe zu Tod schindet.“
Bei der sehr verwickelten Schnellschttft (über 6000 Abkürzungen) gelang es Winter nur sehr schwer, sich Schüler hcranzubilden, einer war der Student Theodor Kolb, der in der Zeit von 1829 bis 1849 in der Zweiten Kammer und bis 1857 in bet Ersten Kammer den stenographischen Dienst versah. „Kolb war Studierender der Rechtswissenschaft, brauchte aber, da seine Studien durch die stenographische Tätigkeit fortwährend unterbrochen wurden. 20 Semester bis zum Abschluß seines Studiums und weitere 5 3ahre, bis er die Staatsprüfung ablegen konnte."
matzcr an, also — fast nichts. Oberstleutnant Niedermatzer, dieser unvergleichlich kühne und zähe deutsche Offizier, der auf einem abenteuerlichen Zuge durch die Salzwüsten Persiens ein paar aus russischer Kriegsgefangenschaft entwichene deutsche und österreichisch-ungarische Soldaten aufgelefen hatte und mit diesen bis Kabul gelangt war. sah bald ein. daß Habibullah eine fc riskante Politik nicht verfolgen konnte und wollte. Das Expcditions..korps" Niedermatzer und die Furcht Englands vor einer Sinnesänderung des Emirs genügten übrigens, um beträchtliche englische Streitkräfte an der afghanischen Grenze festzuhalten.
Der Ausbruch der russischen Revolutton ließ Habibullah jeden Onanien an aktives Eingreifen in den Krieg endgültig aufgeben. Er hätte im Falle feines Vorgehens gegen England — und dieses allein kam damals in Betracht — die russische Hilfe gefunden, ob er wollte oder nicht. Der Emir fürchtete aber, mit Recht, den Einfluß der roten Armee auf fein Volk.
Der unerwartete Ausgang des Weftkrteges stellte den Emir vor ganz neue Probleme. Seine Hoffnung auf die Deutschen war eitel gewesen. Die Dolschewisicrung Rußlands, die dadurch au*- gekommene betonte Gegensätzlichkeit zwischen Rußland und England setzte der Pufferstaatpolitik ein Ende, die aus einem Einvernehmen zwischen den beiden Rivalen geboren war. Man muhte sich in Kabul — so schien es — entschließen. ob man nun nicht doch mit Rußland gegen England gehen wollte. Das Eiitdrutgeit bolschewistischen Einflusses in Afghanistan forderte diese Ablenkung. Die große polftische Offensive des roten Rußland gegen England hat aber Habibullah Khan nicht mehr erlebt.
Der erst 46jährige Fürst wurde am 20. Februar 1919 in dem Winterpalaste Dschelalabad tot ausgefunden. Aus feiner Schläfe sickerte Blut. Ein Revolverschuh hatte seinem Geben ein Ende bereitet. Amanullah Khan, der britte Sohn des Ermordeten, stteß dem treuen Kommandanten der Schloßwache den Degen mit den Worten ins Herz: „So räche ich meinen Vater!" Dann gab er die Hand seiner Schwester dem Hofmarschall. — Sind so zwei Wissende zum Schweigen gebracht worden? — Die offizielle Leseart nennt Nasrullah Khan, den Bruder des Ermordeten den Ansttfter, den Obersten Ali Raza den Verüber der Mordtat.
3m Orient bleibt über solchen ThroiUvechseln der Schleier einer tiefen Geheimnisses gebreitet ...
Amanullah Khan, der neue Emir, erlag gar bald dem Einflüsse der Russen. Don ihnen aufge- stachelt, griff er — auf jeden Fall zu früh — die Engländer am Khhber-Passe an (Mai 1919). Dem Eindruck der Wirkung modernster Kampfmittel waren aber die Afghanen nicht gewachsen. Nach einem englischen Lustbombardement auf Dschelalabad und Kabul muhte der Emir um Einstellung der Feindseligkeiten bitten. Am 8. August 1919 wurde in Rawal Pindi der Friedensvertrag unterzeichnet. Die Bolschewiken, durch ihren Krieg mit den „weihen" Heeren lahmgelegt, hatten Amanullah keine nennenswerte Hilfe gewähren können.
Der junge Emir muhte neue politische Wege einschlagen. Er sicherte sich nun zu diesem Behufs vor allem von beiden Seiten Frieden und Ruhe. Mit Ruhland schloß er 1921 ein Abkommen. das ihm eine jährliche Subvention von einer Million Goldrubel, die Anerkennung der ülnabhängigkeit Afghanistans und zollfreie Durchfuhr aller Waren aus und nach Ruhland brachte. 3m gleichen 3ahre entspannte ein Vertrag mit England die seit dem letzten Kttege beeinträchtigten Beziehungen, Auch in diesem Vertrage wurde die älnabhängigkeit Afghanistans betont und gewissen 3nöuftricn ein zollfreier Transitverkehr zugestanden.
Seither ist Amanullah Khan ernstlich bemüht gewesen, sein Land mit neuer Kraft zu erfüllen. Er glaubte, das Mittel zur Erstarkung Abghanistans in feiner Europäisierung gefunden zu haben. Türken und Russen bauen ihm jetzt eine neue Armee nach westlichen Gegriffen auf. Die Russen haben im besonderen das Funker- und Fliegerwesen übernommen. Engländer. Franzosen, Deutsche, 3tatiener, selbst Amerikaner wurden herangezogen, um Paläste, Straßen und Telegraphen zu bauen, Spitäler einzurichten, die Hauptstadt zu kanalisieren, hier und dort den handwerksmähigen auf den industriellen Betrieb umzustellen. 3e bunter diese Schar von Technikern, Aerzten und Kaufleuten zusammengewürfeft ist, um so besser. Und je mehr Fachleute aus politisch an Afghanistan nicht interessierten Staaten kommen, desto lieber ist es dem Emir. 3n ihnen, die nur Wirtschafts-
Noch bis zum Jahre 1897 war ein Vertreter des geometrischen Systems im Landtag, aber schon vorher hatte sich in den süddeutschen Parlamenten das Gabelsbergersche System durch- gesetzt. Don den Gabelsberger Stenographen nennt der Verfasser u. a. Professor Eduard Oppermann aus Giehen, der von 1862 bis 1867 die Landtagsverhandlungen allein aufnahm. Er trat nachher an die sächsische Landesanstalt für Stenographie über. Von 1884 bis 1919 besorgte Hofrat Reinhold Zehl den stenographischen Dienst im Hessischen Landtag; er war einer der ersten in Deutschland, der die Schreibmaschine in den Dienst der Stenographen stellte.
3n seinen Schlußbetrachtungen sagt Regie- rungsrat Scheible: „Anforderungen, wie sie vor 100 oder 50 3ahren an die Stenographen gestellt werden konnten, können heute nicht mehr erfüllt werden. Damals stand das ganze parlamentarische Leben noch in den Kinderschuhen und floß, bis in den Anfang dieses 3ahrhunderts hinein, in einem ziemlichen Gleichmaß dahin. Seit der Neuordnung der Dinge im Deutschen Reich ist die Schwierigkeit der Aufnahme der Verhandlungen außerordentlich gewachsen, nicht bloß hat die Redegeschwindigkeit weiter zugenommen, auch die Form der Verhandlungen weicht stark ab von der vor Jahrzehnten gebräuchlichen: Der nicht nur auf den 3nhalt, sondern auch auf die Form seines Vortrags bedachte Redner ist seltener geworden; ein neues Rednergeschlecht ist an seine Stelle getreten; die Zwischen- und Zurufe haben sich unheimlich vermehrt; die Hitze des politischen Kampfes überträgt sich beinahe auf jede Frage, stehe sie auch sonst der Politik noch so ferne. Es ist kein Zweifel, die früheren ruhigen, schöne". Zeiten der deutschen Aammerstenograph^ sind wohl unwiderbringlich dahin.“


