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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 22. 3uli 1926.

Gartenbau- und Elektrizitäts- Ausstellung in (Sieben.

3n den Tagen vom 11. bis 19. September wird in der Volks Halle zu Gießen eine Ausstellung gezeigt werden, die für die weitesten Devölkerungskreise von großem 3nteresse sein dürfte.

Bei der hohen Bedeutung, die gerade in der heutigen Zeit dem Gartenbau und der fort­schrittlichen Entwicklung des Feldbaues zu- lommt, ist es erwünscht, daß über die Ergebnisse der Arbeit auf diesem Gebiet eine lleberstcht geboten wird, die dank der Beteiligung weitester Fachkreise sehr reichhaltig zu werden verspricht. Man wird hier mit den verschiedensten neueren Zucht^ und Forschungsergebnissen des modernen Gartenbaues und mit den Resultaten der ver­schiedenartigsten Feldfruchtanbautcn. unter Zu­grundelegung der neuzeitlichen Düngungs-Me­thoden. bekannt werden. Aber nicht allein auf eine Ausstellung der Anbauproduktc wird sich die Veranstaltung beschränken: sie wird darüber hinaus auch Maschinen und Geräte zeigen, die in einem neuzeitlichen Landwirtschafts- oder Gartenbaubetrieb nicht mehr fehlen sollten. 3n glücklicher Verbindung mit der Schau werden zahlreiche belehrende Vorträge über Garten», und Feldbebauung die Hörer bekannt machen mit den neuesten Ergebnissen wifienschast- licher Forschung und Erkenntnis.

Die andere große Abteilung der Ausstel­lung ist der Elektrizität gewidmet. Hier soll die vielfältigste Anwendung des elektrischen Stromes im Haushalt. Gewerbe und in der Landwirtschaft praktisch vor Augen geführt wer­den. Die Hausfrauen dürfte es lebhaft inter­essieren, zu sehen, wie mit Hilfe der Elektrizität gekocht, gebraten, gebacken, gewaschen, gebügelt und geheizt werden kann. Das Gewerbe wird beobachten können, welche großen Vorteile ihm die Elektrizität bei der Ausnutzung seiner Ma­schinen und Apparate bietet. Für das Bäckerei- gewcrbe wird cs besonders wertvoll sein, fest­stellen zu können daß die umständliche Heizung des Backofens mit den heutigen Mitteln durch die Verwendung der Elektrizität hinfällig werden kann. 3n elektrisch betriebenen Backöfen sollen in der Ausstellung frische Brötchen gebacken werden, die von den Besuchern an Ort und Stelle gleich auf ihre Antadelhaftigkeit hin ge­prüft werden können. Für das Mehgergewerbe, wie überhaupt für alle Betriebe, die auf Kühl­anlagen angewiesen sind, dürfte es interessant fein, ui erfahren, daß die Kühlanlagen ebenfalls mit Hilfe der Elektrizität in einwandfreier Weise den Betrieben nutzbar gemacht werden können. Ferner wird man sehen, daß auch auf dem Gebiete der Landwirtschaft für die Elektrizität nicht minder große Autzungsmöglichkeiten gege­ben sind. 11. a. dürfte hier ein elektrisch einge­richteter landwirtschaftlicher Betrieb von beson­derem 3nteresse sein. Ebenso wie in der Ab­teilung Gartenbau wird auch in der Abteilung Elektrizität täglich Gelegenheit geboten werden, den Augenschein durch Anhören gediegener Vor­träge von sachkundiger Seite zu ergänzen.

Aach alledem kann man wohl heute schon sagen, daß diese Gieheiter Ausstellung, an deren großzügiger Herrichtung mit Eifer gearbeitet wird, eine Stätte wertvoller Bereicherung für jeden Besucher werden dürste.

Gießener Wochenmarktpreise.

Cs kosteten auf dem heutigen Wvchenmarkt: Butter 170 bis 190. Matte 30, Wirsing 15 bis 25. Weißkraut 15 bis 25, Rotkraut 40, gelbe Rüben 20, rote Rüden 15, Spinat 30, Römisch­kohl 15, Bohnen (grüne) 25 bis 40, Dohnen (gelbe) 40, Erbsen 15 bis 20, Mischgemüse 10 bis 15, Tomaten 20 bis 100, Zwiebeln 20, Pilze 30 bis 35, Kartoffeln 6, Frühävfel 15 bis 20, Falläpfel 10, Dirnen 20 bis 40, Heidelbeeren 35, Stachelbeeren 20 bis 30, 3ohannisbeeren 25 bis 30, Erdbeeren 80. Pflaumen 25 bis 40. Mira­bellen 60, Pfirsiche 80, Aprikosen 70, Honig 40, junge Hahnen 90 bis 100, Suppenhühner 110 bis 120 Pf. das Pfund: -Käse 10 Stück 60 bis 80 Pf.: Eier 12 bis 13, Blumenkohl 30 bis- 80, Salat 5 bis 10, Salatgurken 30 bis 50, Cinmach- gurken 4 bis 5. Ober-Kohlrabi 5 bis 15, Rettich 10 bis 20 Pf. das Stück: Radieschen 5 Pf. das Bund.

Borrwtizcn.

Taaeskalender für Donners­tag: Liebigshöhe: 8.15 Uhr, Abonnementskonzert der Reichswehrkapelle. V. s. B: 8.30 Uhr. Postkeller' Versammlung. Lichtspielhaus Bahnhofstraße:Die Frau für 24 Stunden".

*

** Beihilfen an d i e Dolksbiblio- Ihcken im Kreise Gießen kann das Kreis­schulamt auch in diesem Jahre wieder gewähren. Anträge, denen eine Angabe über den Umgang der Bücherei sowie über die ihr von anderen Seiten zufließenden Bcttäge beizufügen ist, können bis zum 15. August eingereicht werden.

' Anlagenkonzert unserer Mili­tärkapelle findet morgen, Freitag, nachmit­tags 5 Uhr, am Liebigdenkmal unter Leitung von Obcrmusilmeister L ö b e r statt. Vorttags-

folge: 1.Hoch Heidecksburg!" Marsch, E. Herzer: 2. Ouvertüre zur Oper: .Martha" «Der Martt von Richmond», Frz. v. Flotow: 3. Fantasie a. d. Oper .Carmen", G. Bizet: 4. .Mondnacht aus der Alster", Walzer, O. Festras: 5. Fehrbelliner Reitermarsch für Heroldstrvmpeten und Kessel­pauken. R. Henrion.

** Straßensperre. Wegen Vornahme von Straßenbauarbeiten ist der Aul weg zwischen Liebig- und Wilhclmstraße vom Polizeiamt bis auf weiteres für jeglichen Fährverkehr gesperrt worden.

* Aus dem Gießener Standes- amtsregistcr. Es verstarben in der Zeit vom 1. bis 15. 3uli: 2. 3uli: Katharine Schulze, geb. Hubeler, Witwe, 80 3. alt. Wieseckerweg 19; Mathilde Grünewald, geb. Krug, Witwe, 66 3. alt. Doethestrahe 69; 3.3uli: 3akob Siegel, Dienstmann. 60 3. alt. Stephanstrahe 41; Apol­lonia Hemstege. geb. Mündel. 65 3. alt, Damm- strahe 29; Annemarie Kloß, 4 Std. alt, Reu- stadt 48; 5. 3uli: August Eichenauer, ohne Be­ruf, 78 3. alt. Licherstraße 74; 3ohannette Götz, geb. Ro'enkranz, Witwe, 74 3. alt. Steinstr. 63; Christian Reinhardt. Oberwerkmeister. 75 3. alt. Ostanlage 23; Anna Hauh, geb. Kurz, 44 3. alt. Aeustadt 49; 7.3uli: Anna Gesekus. geb. Aörling. 53 3. alt, Frankfurter Straße 132; 8.3uli: Elisabeth Büttner, ohne Beruf. 21 3. alt, Landgraf-Philipp-PlahlO; 10.3uU: Mar­garete Hilß, geb. Wolf. Witwe, 88 3. alt, Crednerstraße 1; 11.3uli: Frieda Lindenstruth, geb. Musch, 43 3. alt, Schiffenbergerweg 43; 12. 3uli: Heinrich Bölsing, Lehrer im Ruhestand, 71 3. alt, Keplerstrahe 9; Walter Herbert Hörig, 1 Woche alt, Frankfurter Straße 99; Marie Seih, Laborantin, 18 3. alt, Gutenbergstrahe 2.

WSA. Vom Rundfunkwesen. Rund­funkteilnehmer, die ihre Rundfunkanlage abge- mcldet haben, müssen ihre Anlagen sogleich nach Ablauf der Genehmigung außer Bettieb setzen, d. h. sie müssen den Luftleiter und den Erd­anschluß entfernen. Die Entfernung einzelner klei­nerer Teile genügt nicht. Der Abbau muß binnen fünf Tagen nach Ablauf der Gnehmigung erfolgt .sein. Daß dies geschehen, wird durch Postpersonal nachgeprüft. Die Teilnehmer haben im Falle der Richtbefolgung der Vorschriften die Entfernung der Anlage im polizeilichen Zwangsverfahren, sowie Strafanzeige wegen Schwarzhörens zu ge­wärtigen. Die in den letzten Monaten ständig wachsende Zahl der Schwarzhörer zwingt die Deutsche Reichspost, in dieser Weise gegen diese vorzugehen.

"Bahnsteigkarten berechtigen nur zum Betreten des Bahnsteigs! Von ver­schiedenen Bahnhofsverwaltungen sind in der letzten Zeit wiederholt Personen, die nur im Besitz von Bahnsteigkarten waren, in den Feriensonderzügen angetrofi'en worden, um Plätze für ihre Angehöri­gen freizuhalten. Dieses Verfahren zur Freihaltung von Plätzen ist unzulässig. Die Bahnsteigkarten be­rechtigen, wie schon der Name sagt, nur zum Be­treten des Bahnsteiges. Jeder, der in einem Fe­riensonderzug mit Bahnsteigkarten angetroffen wird, wird unnachsichtlich in Geldstrafe genommen werden.

* Auftrieb auf dem heutigen Frankfurter Schlachtviehmarkt: zwei Kühe, 822 Kälber. 146 Schafe. 234 Schweine.

Hess, hauptverein der Gustav-Adolf-Ztiftung.

wg. Strahlender Sonnenschein am deutschen Rhein, rheinische DegeisterungsfähiFkeit und über­wältigende Beteiligung des evangelischen Kirchen­volkes von Oppenheim und Ämgegend, unter diesem Zeichen stand die diesjährige 83. Haupt­versammlung des Hessischen Haupt­vereins der Gustav-Adolf-Stistung in Oppenheim, die in jeder Hinsicht einen glänzenden Verlauf nahm.

Der Festsonntag wurde eingeleitet durch Gustav-Adolf-Gottesdienste und 3 u - gendgottesdienste in den Kirchen der Um­gebung des Festortes. Nachmittags bewegte sich ein F e st z u g durch die Straßen der Stadt von einer Gröhe, wie man ihn noch nie in Oppenheim gesehen hatte. 3n der überfüllten altehrwürdigen Katharinenkirche, dem Wahrzeichen von Oppen­heim, fand darnach der erhebende Festgottes- dienst statt, in welchem der Senior der Steier- marf, Pfarrer D. Spanuth - Leoben die be­geisternde und gewissenschärfende Festpredigt hielt, die einen nachhaltigen Eindruck hirtter- ließ. Als Vertreter der Kirchenregierung hielt Prälat D. Dr. Diehl-Darmstadt eine an ge­schichtlichen Reminiszenzen reiche Ansprache. Ge­radezu getoaltig war die darauf folgende Volks­versammlung auf der Landskrone, bei welcher Kirchenchöre und Posaunenchöre mitwirkten. Hier vernahm die zahllose Menge treffliche Worte des Vorsitzenden des Hauptvereins D. Dr. Frei­herrn von Hehl zu Herrnsheim, des Superintendenten der Provinz Rheinhessen Ober­kirchenrats Zentgraf, und lauschte gespannt den lebensvollen Ausführungen der Aus­landsvertreter über die evangelische Dia­spora in Deutsch-Oesterreich (D. Spanuth- Leoben), Tschechoslowakei (Pfarrer Müller- Olmüh), Siebenbürgen (Pfarrer Gabler» Leipzig). Rußland (Pfarrer Gurland, früher im Daltenland). Aegypten (Pfarrer E. Meyer- Frankfurt a. M., früher Alexandria), Brasilien (Pfarrer Gabler, früher Brasilien). Ein eben­falls außerordentlich stark besuchter Familien­

abend auf der Land-kröne mit den üblichen Begrüßungen, Ueberreichung der Festgaben und musikalischen Darbietungen beschloß den ersten Festtag.

Der folgende Tag war ernster Arbeit gewid­met. Vormittags trat im Kasino der D c r - waltungsrat zu seiner 3abressihung zusam­men. Aach Eröffnung mit Schristlesung und Ge­bet durch Dekan M a h r ^Eppelsheim begrüßte zunächst der Vorsitzende die Versammlung. Dar­nach sprachen im Auftrag des Hessischen Landes­verbandes der Vereine für das Deutschtum im Ausland Professor Dr. Breidenbach - Darm­stadt und Pfarrer Gabler- Leipzig namens des Zentralvorstandes. Der Vorsitzende wies beson­ders nachdrücklich darauf hin, daß die Ausbrin­gung von nur 141 000 Mark für die Zwecke des Gustav-Adolf-Vereins bei etwa 900 000 Evan­gelischen in Hessen als durchaus unzureichend bezeichnet werden müsse, und bat die erschienenen Abgeordneten, dahin zu wirken, daß die Gebe­freudigkeit eine viel stärkere werde. Sodann schritt man zur Erledigung der geschäft­lichen Punkte der Tagesordnung. Rach Prüfung der Rechnungen für 1923, 1924 und 1925 wurde dem Dereinsrechner Oberrechnungsrat Z u l a u s- Darmstadt Entlastung erteilt. Die Ersatzwahl des Vorstandes brachte Wiederwahl der Herren Ober- schulrat Ritsert, Landgerichtspräsident a. D. Theobald, Professor Dr. Zimmermann, Geh. Oberkonsistorialrat Dr. B e r n b e ck und Reuwahl von Professor D. Dr. Cordier- Gießen an Stelle des verstorbenen Pfarrers Loos- Butzbach. Darauf wurde dem Gesuch der Diasporagemeinde Biblis um Auf­nahme in dem Unterstühungsplan stattgegeben. Der Unterstühungsplan fand nach Erstattung des 3ahresberichtes durch den Schriftführer Pfarrer Wagner- Bensheim einstimmige An­nahme. Es wurden 33 000 Mark verteilt, und zwar dem Zentralvorstand in Leipzig 11 000 M., der Daugcmeinde Bürstadt 11 000 Mk., der Bau- gemeinde Gau-Algesheim 2000 Mk., der Gemeinde Herbstein zur Erhaltung ihrer Schule 500 Mark, den hessischen Sammelgemeinden zusam­men 1500 Mk.. zur allgemeinen Liebesgabe 1000 Mart, an Gemeinden außerhalb Hessens 6000 Mk. Die Konfirmandengabe des 3ahres 1926 27 wurde der Gemeinde Ober-Roden zugesprochen. Als Abgeordnete zur Tagung des Gesamtvereins in Düsseldorf Dom 4. bis 6. Oktober, wurden gewählt 4 Mitglieder des Vorstandes: der Vorsitzende, der Schriftführer, Professor Dr. Zimmermann- Darmstadt, Pfarrer Storck- Heppenheim, ferner für Starkenburg Pfarrer Weiß- Bieber und Pfarrer D e r n b e ck » Hofheim, für Oberhesfen Pfarrer Decker- Herbstein und Hofprediger Widmann- Gedern, für Rheinhessen Dekan M a h r - Eppelsheim und Pfarrer Germer- Dingen. Als Fe st ort der nächstjährigen Tagung wurde, da Oberhessen an dec Reihe war, Gedern gewählt. Den Schluß der Ver­handlungen bildete ein Vortrag des Pfarrers D e r n b e ck - Hofheim über das Thema ..WaS kann eine Daugemei.de an Selbsthilfe leisten?"

Am Rachmittag tagten unter Leitung von Pfarrer Storck, Heppenheim, die Gustav- Adolf-Frauenvereine auf der Lands- kröne. Rach Derichterstattungen verschiedener Vertreterinnen wurde der Zusammenschluß der Gustav-Adolf-Frauenvereine zu einem Landesverband beschlossen und ein vorläufig gewählter Ausschuß mit den vorberei­tenden Schritten beauftragt. Pfarrer Bern- b e ck, Hofheim, sprach zum Schluß überDie Stellung der Gustav-Adolf-Frauenvereine inner­halb der deutschen Frauenbewegung".

Eine an diese Versammlung sich anschließende Dampferfahrt zur Schwedensäule brachte dort eine kurze erhebende Feier.

Am Abend begann dann noch der Lehr­gang zur Einführung in Geschichte, Gegenwart und Zukunftsaufgaben des Gustav-Adolf-Vereins. Pfarrer Meyer, Frankfurt a. M. sprach über ..Geschichte und Gegenwart der deutsch-evange­lischen Arbeit in Aegypten".

Am Dienstag wurde der Lehrgang fort­gesetzt. Es sprachen Pfarrer Gabler. Leipzig, überDie deutsch-evangelischen Siedlungen in Brasilien", Senior D. Spanuth. Leoben -trf>cr Das Werden der evangelischen Gemeinden in Deutsch-Oesterreich, besonders Steiermark". Pfar­rer B e r t b e a u, Bad Kösen überDie deutsche evangelische Kirche In Posen-Westpreuhen unter polnischer Gewaltherrschaft", Pfarrer G u r l a n d, Gödringen, überDie Kirche in der Verfolgung", Pfarrer Gabler, Leipzig, überDie (Sieben­bürger Sachsen, ein treu-deutsch-evangelisches Volk" und Pfarrer Müller. Olmüh, überDie neuen Verhältnisse in der Tschechoslowakei".

Mit diesem Lehrgang sand die Tagung ihren Abschluß. Sie hat aufs neue die Rotweudig- feit, den Wert und den Segen der Gustav-Adoll- Vereins-Arbeit bewiesen und stand sowohl hin­sichtlich ihrer äußeren Gestaltung, wie hinsicht­lich ihrer inneren Höhenlage den Tagungen frü­herer Jahre in nichts nach. Der Verein kann mit Freude darauf zurückblicken.

Buntes 'Allerlei.

Flitterwochen im Urwald.

Der 3uli ist ein Monat, in dem in England besonders gern geheiratet wird, und so stehen denn jetzt in London eine große Anzahl von Hochzeiten aus den Kreisen der britischen Aristo­kratie bevor. Unter den Hochzeitsgeschenken, die

den jungen Frauen dargebracht werden, befinden sich Gegenstände, die man sonst nicht gerade aus dem Gabentisch bei Hochzeiten zu linden gewohnt ist. Da werden 3agbflinien geschenkt, riesige Schirme und überhaupt alle möglichen Dinge, die zu einer Tropenausrüstung nötig sind. Diese Sachen werden den Reuvermählten auf ihren Hochzeitsreisen gute Dienste leisten, denn die neueste Mode ist es. die Flitterwochen im Ur­wald zu verbringen. Eine solche Hochzeitsreise nach wilden Gegenden ist heute nichts Unge­wöhnliches mehr. Rachdem der Herzog von Vock mit seiner Frau die erste gemeinsame Fahrt nach Ostafrika unternommen und dort manche Abenteuer gehabt hat. nachdem die Prinzessin Marie Luise ihre Ferien an der Goldküstc ver­brachte, empfinden die jungen Damen plötzlich Sehnsucht nach der Wildnis und wollen den Honigmond ihrer jungen Ehe unter möglichst primitiven Verhältnissen und in romantischer Umgebung verbringen. Die Hochzeitsreisen nach dem 3nnern Afrikas sind daher sehr beliebt, und die junge Frau seht ihre Ehre darein, an allen 3agden und Reisen durch die unwegsamsten Gegenden teilzunehmen; sie trägt ihr Gewc >r und ihren Tropenanzug wie ihr Mann und wi.l in nichts hinter ihm zurückstehen.

'Altägyptische Debsluhle.

Cs gibt eine Anzahl erhaltener Modelle und Originalstücke von Webstühlen aus dem alten Aegypten, und diese Funde werden ergänzt durch die Darstellungen des Webens in Wandbildern des Mittleren und Reuen Reiches. Trotzdem ist das Webeverfahren, das die Bewohner des Qlil- landes vor 3ahrtaujenden anwandten, nicht leicht zu deuten, denn die Vorgänge auf den Bildern sind stilisiert und geben kein unmittelbares Wirk­lichkeitsbild, und die Zusammensetzung der Ucber- reste ist äußerst schwierig. Eine bedeutende For­derung unserer Kenntnisse aus diesem Gebiete bildet die Arbeit von C. H. 3ohl,Altägyptische Webstühle und Brettchenweberei in Altäghptcn". Der Verfasser besitzt neben der archäologischen Schulung auch ein großes Fachwissen, das für diese Forschungen notwendig ist, und er weist nach, daß der horizontale Webstuhl auch neben dem vertikalen im Reuen Reich weiter im Ge­brauch geblieben ist. Diese ältere Form des Webstuhls wurde aber bedeutend verbessert, in­dem man Trennstab und Schlingenstab des zu­nächst rahmenlosen Stuhles durch ein System von zwei Geschirr-Rahmen mit Fußbedienung erfente. Der vertikale Webstuhl, dem man bisher eine übertriebene Bedeutung zumah, scheint nur zur Herstellung bunter gobelinartiger Gewebe benutzt worden zu sein und ist wahrscheinlich aus Dor- derasien eingeführt. Auch die Brettchenweberei wird für das alte Aegypten erwiesen, und zwar wird gezeigt, daß der berühmte Ramses-Gürtel im Museum von Liverpool auf diese Weise her­gestellt ist, wobei sechseckige Täfelchen benutzt wurden.

'Büchertisch.

Aus dem Keyserlingschen Kreise heraus ist das Lehrbuch von 192 6Der Leuch» t e r" (Otto Reichl, Darmstadt) erschienen. Dieser Leuchter" läßt seine Lichtstrahlen auf einschnei­dende Probleme unserer komplizierten Zeit fallen und sucht bald dieses, bald jenes Kulturgebiet von innen her zu erhellen und dadurch Anregung zu eigenem Denken und Handeln zu geben. Graf Keyserling selbst und Männer wie Groddeck, Wolfgang Muff, Dreesch, Graf Albert Apponyi und andere haben in ihrer bekannten Art inter­essante Beiträge geliefert über das Freiheits­problem", überSchicksal und Zwang", überVer­antwortung und Recht",Macht und Bindung", Disziplin und Autorität" und andere eindring­liche Fragen der Gegenwart. Alle, die dem Key­serlingschen Kreise nahe stehen, werden voller 3nteresse den Lichtkreis diesesLeuchters" zu durchforschen suchen. 244

3n derDeutsche nHausbüchere i", Wien, erschien ein Band mit Erzählungen von Hermann Stehr. Wer seinen Heiligenhof- Dauer zu innecst erlebt hat, mag zunächst durch diese Erzählungen Stehrs enttäuscht sein, bald aber wird er empfinden, daß auch in diesem Büch­lein seines Geistes Hauch lebendig zu spüren ist, und wenn er mit Gudnah durch das wirre Leben dieses Schiebers wandert, fallen ihm vielleicht die Worte Stehrs ein: So trägt den Himmel und die Hölle mit der Mensch im Leben seit dem ersten Schritt. Lind tote er will, formt sich ihm die Gestalt aus Engelsklarheit ober Fluch» gewalt. Doch finft die Schranke, die die Menschen trennt, von ihres Gottes etogem Element, sind wir in aller Wandlung durchgesiebt, daß nichts Vergängliches uns mehr umsttebt: Dann angeln sich des 3enseits Tore auf, um die wir irrten in des Daseins Lauf. 97

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