Ur. 143 Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, 22. Juni V)2b
Politik und Ei.
Don Dr. Paul Rohrbach.
In dem Wirtschaftsbericht der Sowjetpresse für den Monat Mai wird mitgeteilt, es sei ein Monatsexport von 440 Waggons Eiern veranschlagt worden im letzten Berichtsmonat jedoch seien tatsächlich nur 16 Waggons zur Ausfuhr gekommen. Rachrichten dieser Art sollte man ausmersam le'en. Eine Waggonladung Eier sind 100 000 Stück, 16 Waggons sind 1,5 Millionen, 440 Waggons sind über 40 Millionen Eier. Ihr Exportwert fällt zwar für die Handelsbilanz eines großen Landes nicht entscheidend ins Gewicht. aber auf das ganze Jahr berechnet macht es doch einen Unterschieb. ob die Eierausfuhr 500 Millionen Stück ausmacht, oder nur ein Dreißigstel davon! Die Frage, auf die eS hier ankommt, ist natürlich die: Warum konnten nur so wenig Eier aus Rußland ausgesührt werden? Sobald wir darauf die richtige Antwort haben, wird die Sache ernst.
Der russische Dauer hat das Dertrauen zum (Selbe der Sowjetregierung, dem Tscherwonez, verloren Sr sträubt sich dagegen seine Produkte gegen Tscherwonzen zu verkaufen. Im vorigen Herbst, nach der Ernte, als jedermann auf Grund der übertreibenden Berichte aus Rußland an einen gewaltigen Ertrag und an einen bevorstehenden ebenso gewaltigen Kornexport glaubte, scheiterte die'er an dem Widerstreben der Bauern, ihr Getreide zu verkaufen. Die Ernte war lange nicht so groß, wie die Moskauer Berichte glauben machen wollten, aber sie war immerhin eine Mittelernte, und Getreide war da. Rur die Preise, die von der Regierung den Dauern gezahlt wurden, waren so gering — sie konnten nicht höher sein, weil die burcaukratische Organisation für den Auskauf und Transport zu kostspielig war — und die Fabrikate der Reaierungs- industrie, die der Bauer kaufen sollte, waren so teuer und so schlecht, daß er sein Getreide möglichst zurückhieli Der Währung sebst begegnete damals noch kein Mißtrauen. Jetzt ist das Mißtrauen da, und in den Randstaaten, wo man den russischen Derhältnissen näher ist als hier, ist es schon seit einiger Zeit so groß geworden, daß eine Randstaatenregierung gerade damals, als zwischen Rußland und Deutschland über das große Kreditabkommen verhandelt wurde, ihren Untertanen verbot, im Geschäftsverkehr mit Rußland Zahlung in Tscherwonzen anzunehmen.
Man erinnert sich, daß seinerzeit als Chef der geheimen politischen Polizei, der sog. Tscheka (zur zaristischen Zeit hieß sie Ochrana). der Pole Dsershinski einen gefürchteten Ramen hatte. Er ist noch heute im Sowjetstaat der starke Mann hinter den Kulissen, der geholt wird, wenn irgendwo eine sehr ernsthafte Schwierigkeit auf- taucht, der man hofft, „administrativ" beikommen zu können. Dsershinski wurde kürzlich auch beauftragt, einen Plan zu entwerfen, wie die Abneigung der Dauern überwunden werden könne, ihre Produkte gegen Sowjetgeld zu verkaufen. Gr hat auch nichts anderes zu tun gewußt, als ein paar Kommissionen zum Studium der Frage vorzuschlagen. Der Dauer ist heute in Rußland unangreifbar. Wenn er sagt, seine Hühner legten keine Gier, so wird selbst Dsershinski, vor dem fast jedermann in Rußland zittert, den Hühnern nicht imponieren. In den ersten Jahren nach der Einführung des Dvlschewismus konnte die Sowjetregierung auf den russischen Dauern zählen, Derrn er verdankte ihr den Besitz des Ackerlandes, das er den vertriebenen und geflüchteten Gutsherren fortgenommen hatte. Diese Sache ist jetzt erledigt. Der Dauer hat das Land, und niemand ist da. der es ihm streitig macht. Militärische Invasionen von Emigrantenheeren, wie zulehr noch die Armee des Generals Wrangel, kommen nicht mehr in Frage. Geschähe etwa dergleichen, so würde der Dauer auch sofort wieder mit dem Dvlschewismus zusammen stehen. Das, worauf es für die Sowjetregierung entscheidend ankommt, ist die Beschaffung von Gütern für den Export. Rur der Dauer kann sie liefern. Das weiß er und er kennt seine Stärke. Der Kreml zittert schon lange im Herzen vor den Dauern.
Die kleineren Oststaaten, Lettland, Estland, und vor allen Dingen Finnland, haben ihre Währung ganz oder halbwegs stabilisiert. Litauen ist zur Zeit in Schwierigkeiten, weil die Partei, Vie dort bis zu den letzten Wahlen, im Mai, «gierte, die „Christlichen Demokraten", unmittelbar vor ihrem 21btritt alle öffentlichen Kassen
Friedrich Kluge und sein Wörterbuch.
Ein Gedenkblatt zu seinem 70. Geburtstag. Don Dr. van Dienten.
Ein Freund, der uns diele Jahre getreu zur Seite gestanden hat, der uns in so manchem Zweifel seinen zuverlässigen Rat gegeben hat und ünmerklich unser deutsches Gefühl stärkte, ist von und gegangen in die ewige Stille, und so können wir ihm nicht mehr zu seinem siebzigsten Geburtstag unsere Glückwünsche aussprechen, sondern müssen diese Gedenkstunde benutzen, um an sein wütiges Lebenswerk mit einem Worte zu erinnern. Friedrich Kluge, der seit 1893 in Freiburg als ordentlicher Professor der deutschen Sprache und ßiteratur wirkte, hätte am 22. 3uni dieses Jahres seinen Geburtstag feiern können. Er ist am Rhein, im heiligen Köln, geboren im Jahre 1856, studierte in Leipzig, Straßburg und Freiburg Germanisttk und Sprachwissenschaft und wurche schon mit 24 Jahren Privatdozent für deutsche und engllsche Philologie in Straßburg. Lieber Jena, wo er schon 1886 ordentlicher Professor wurde, kam er auf Den Freiburger Lehrstuhl, dem er für Den Rest seines arbeitsreichen Levens treu blieb.
Das Werk seiner Tage ist ein Duch, auf das ich zu Eingang anspielte, eins j^ner Handbücher, die uns am 2lrbeitstisch unentoehrlich sind und auf deren Entscheidung man sich verlassen farm. Ich meine das „Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache", das Friedrich Kluge als Dierundzwanzigjähriger im Herbst 1879 entworfen hat, und das in einer Wirkungszeit von vierzig Jahren, auf die es zurückblicken kann, nur wert- voller und jünger geworden ist. „Der Inhalt meines Buches ist organisch mit der jetzt schier unübersehbaren und unerschöpflichen Sprachliteratur gewachsen. Wer seine jetzige Gestalt mit dem kühnen Entwurf Der ersten Auflage vergleicht, wird sich schnell überzeugen, daß ich heute
radikal ausgeräumt und das Geld in der verschiedensten Form unter ihre Anhänger verteilt hat. In Litauen macht so etwas feine Schwierigkeiten. Die Wirtschaftsgrundlage im Lande ist frellich gesund, denn sie beruht auf reichlichem Ackerland und Wald. Rur im Augenblick ist die Finanzklemme ungeheuer. Polen dagegen und Rußland, die „großen" Ostmächte, sind bei der Aufgabe, ihre zusammengebrochenen Währungen zu sanieren, alle beide gescheitert. Hier wie dort sah es eine Zettlang so aus, als ob der "Versuch glücken würde. Zloty und Tscherwonez wurden als vollwertig betrachtet, wenngleich die Sowjetregierung so vorsichtig war. Tscherwonzen überhaupt nicht auf dem internationalen Geldmarkt handeln zu lassen.
Weder in Moskau noch in Warschau hat man begreifen wollen, daß die Wirtschaft ihren eigenen Gesetzen folgt und daß diese sich nicht beliebig aus politischen Motiven übertreten lassen. Das Ei ist stärker als die Politll, stärker als Bolschewismus und Sowjetismus, stärker als nationalpolnischer Chauvinismus. Der polnische 2lußenhandel ist in einepi Jahr so viel wert wie der deutsche, selbst jetzt in seinem verringerten Rachkrieasumfang, in einem Monat wert ist. Heber 40 Proz. der polnischen Ausfuhr gingen vor dem Ausbruch des ,'olllriegcs nach Deutschland, gegen 8 Proz., die Deutschland von seiner Ausfuhr nach Polen schickte. Auch 8 Proz. sind kein unwichtiger De- trag. Dei 40 Proz. aber handelt es sich für die Wirtschaft eines Landes schon um Leben oder Sterben. Polen hat Den letzteren Weg gewählt, Der zu seinem EnDe führen wird, wenn es ihn nicht bald verläßt. An sich hätte Deutschland nicht Den mindesten Grund, Polen auf den Weg Der wirtschaftlichen Gesundung zurückzuhelsen. Polen ist es. um derentwillen Deutschland zerstückelt worden ist. Polen hat im Osten weit über eine halbe Million Deutsche von Haus und Hof. Arbeit und Drot vertrieben. Polen drangsaliert den verbliebenen Rest, beraubt ihn seines Grund und Dodens, bemüht sich. Die deutsche Sprache. Die deutsche Presse. Die deutschen Dereine mundtot zu machen und beschimpft täglich aufs neue die Deutschen und das Deutschtum. Es liegt an uns, ob wir als Gegengabe dafür die jetzige verzweifelte Wirtschaftslage Polens fortdauern und sich verschärfen lassen wollen, so lange uns das beliebt. Polen wird immer unser Feind fein; stets wird Deutschland Damit zu rechnen haben, daß Polen auf Der Seite steht, wo man Deutschlands Rachteil und Schwäche will. Polen, nicht Deutschland, hat Den Wirtschaftskrieg gewollt. Run hat es die Folgen davon; es sieht, wie stark das Ei ist. Trotzdem sind wir bereit, den Krieg zu beenden. Rur kann man von uns nicht verlangen, daß wir ihn beenden, ohne daß von polnischer Seile angemessene Erleichterungen für unsere deutschen Volksgenossen innerhalb der polnischen Grenzen und für unsere deutschen Waren beim Eintritt nach Polen bewilligt werden. Wir wollen den Frieden, aber wir wollen ihn mit Ehren und ohne Rachteil.
Augenblicksbilder von derpariser Kabinettsbildung
Don unserem Pariser W.»S.=Äorrefponbenten.
Wenn es in Paris wieder einmal eine neue Regierungskrisis gibt (und das geschieht bekanntlich recht oft), bann haben Herr unb Frau B6garb ihre großen Tage. Herr Bsgarb ist ein kleiner Gastwirt in ber Rue bu Faubourg St. Honors, gerabe gegenüber bem Elyfte, bem Palais bes Präsibenten ber Republik. Dort treffen sich bann sämtliche Journalisten unb beobachten vom Schanktisch aus bas Gehen unb Kommen ber Politiker unb Parlamentarier, bie Doumergue beruft.
Wie viele Regierungskrisen hat bas (Ehepaar Be- garb schon mitgemacht? Denn seit Jahrzehnten fühtt es schon biese kleine Kneipe.
„Das wirb aber jetzt unsere letzte Krisis fein!" meinte Mabame Bsgarb seufzend.
„Ra, na," entgegnete ihr Gatte vorsichtig, „du weißt, unser Mietvertrag hier läuft am 30. Juni ab, und bis dahin ..."
Als Briand zu Doumergue kam, um dem Präsidenten den Rücktritt des Finanzministers Raoul Psret mitzuteilen, fragte Doumergue feinen langjährigen Freund ängstlich:
„Du wirst mich doch nicht im Stich lasten, alter Freund?"
die Aufgabe eines Deutschen Wörterbuchs nicht mehr so einfach auffasse wie vor dreißig Jahren. Suchte die erste Aufgabe den Bereich der Etymologie hauptsächlich unter Dem Gesichtspunkte Der ArverwanDtschaft mit den übrigen indogermanischen Sprachen, so sind seitdem neben die vorgeschichtliche Sprachableitung Die Fragen einer rein geschichtlichen Wvrtbetrachtung mehr als früher in Den Vordergrund getreten, unD im letzten Jahrhundert hat das Wörterbuch auch an Der Entzifferung Der mich beschäftigenden Sprachrätsel teilgenommen. Wo unser Sprachschatz eine vieltausendjährige Geschichte hinter sich hat. muß die Forschung das einzelne Wort aus Der Zeit feiner Entstehung erklären. Wir suchen nicht mehr einseitig nach Den indogermanischen Wurzeln Der Llrsprache; Der größte Teil Des Sprachschatzes, wie er jetzt im Wörterbuch zur Darstellung kommt, stammt eittschieden aus jüngerer Zeit und wurzelt in geschäftlichen Derhältnissen, wie wir sie für das Germanentum nun nahezu Jahrtausende kennen." So gewinnt plötzlich eine scheinbar ganz trockene, nach Dem ABC aneinanDergereiljte Folge von Wörtern lebenDiged Fleisch und Dlltt, und hinter Dem Worte wandelt großes geschäftliches Geschehen, erscheint Kulturgeschichte, werden Die Dölkerschicksale sichtbar. So gesehen unD benutzt, ist das etymologische Wörterbuch eine Quelle tiefster Belehrung, und ich kann sehr gut verstehen. daß gerade Die großen Phantast ekünstler Der Franzosen, wie Baudelaire und Goncourt. bekannt haben. Daß sie zu ihren farDenfunfelnDen Werfen Durch Das Lesen scheinbar trockener Wörterbücher angeregt wurden. Ich muß gestehen, daß ich auch ohne ein bestimmtes Wort zu suchen, gerne im „Kluge" blättere und all Die gewaltigen vorgeschichtlichen, geschichtlichen und kulturgeschichtlichen QkrgangenbcUen Des größeren DeutschlanD auf mich wirken laste. Die Arbeit am Wörterbuch Die sein Leben erfüllte, brachte Kluge auf einige hochinteressante Gebiete, in Denen er meisterhafte Darstellungen veröffentlichte. So seine mehrfach aufgelegte „Deutsche Studentensprache", so sein Buch über die Gaunersprache
„Rein, mein Lieber", lautete Brianbs Antwort. „Heute vormittag jedenfalls noch nicht. Du host immerhin noch vierundzwanzig Stunden Ruhe."
Der Zufall wollte es, daß der erste Politiker, den Gaston Doumergue dikfes Mal befragte, ber sozialistische Abgeordnete Uhry war. Diejer hatte nämlich schon feit Tagen um eine Audienz beim Präsidenten nachgesucht, um ihn zu einer offiziellen Reise in fein Departement Oise einzuladen.
Die Audienz war festgesetzt auf Dienstag nachmittag fünf Uhr. Zu dieser Stunde wußte Doumergue bereits bestimmt, daß ber (Befamlrüdtritt des Kabinetts Briand innerhalb ber nächsten beiden Stunden erfolgen würde. Doumergue benutzte die Gelegenheit, um den Abgeordneten Uhry nach seiner Auffassung über die politische Lage zu befragen.
Für Uhry gab es nur zwei Kandidaten, die er Doumergue als Ministerpräsidenten Vorschlägen zu müssen glaubte: LLon Blum unb Paul Boncour. „Beibe sollten Sie sofort kommen lassen, Herr Prä- fibent!" — „Lieber nicht", antwortete Doumergue trocken.
Ein fehr bekannter rabikalsozialistischer Senator konnte es gar nicht fassen, baß ihn Doumergue „noch nicht" berufen hotte. Er hatte ganz bestimmt bamit gerechnet, baß ihn ber Präsident doch zum mindesten um Rat fragen würde.
Lorfichtigerweife — man kann ja nie wissen — machte er sich daher kurz entschlossen zum ElysLe auf und ließ sich im Dorzimmmer melden.
„Man hat heute morgen mehrfach telephonisch bei mir angerufen", erklärte er. „Aber ich war nicht zu Hause, und mein Dienstmädchen ist schwerhörig. Da ich bestimmt vermute, daß die Anrufe von hier kommen, bin ich gleich persönlich gekommen ..."
Kein Mensch im ElysLe hatte daran gedacht, den ehrgeizigen Senator anzurufen. Doch Da er nun einmal da war, empfing ihn Doumergue auch, um sich ein paar Minuten mit ihm zu unterhalten ..."
Der brave Senator war überglücklich, als eine Zeitung am nächsten Morgen wenigstens sein Bild brachte: Der Senator X beim Verlassen des Elysse.
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Präsident Doumergue pflegt bei jeder Ministerkrisis in einem kleinen Notizbuch das Ergebnis feiner Besprechungen kurz aufzuschreiben. Aus einer Seite stehen die Namen derjenigen Derfönlichkctt.r die Doumergue gern befragen möchte, unb c einer anberen in vorgeschreibener Ordnung diese! die er befragen muß: Präsident des Senats. iöent der Kammer, Präsidenten und Generalberichterstatter der Finanzkommissionen, Präsidenten der einzelnen Kammergruppen usw. ... Hinter jedem Namen macht sich Doumergue bann kurze Notizen. — Bei der gegenwärtigen Kabinettskrisis wollte er Briand an Hand dieser Notizen das Ergebnis seiner Beratungen miiteilen. Doch Briand meinte kurz: „Du. nur die erste Liste. Mit der zweiten ist dieses Mal nichts zu machen ..."
China und die Großmächte
Dom Oberstleutnant a.D. von Blanckensee.
„Wer die Entwicklung in China aufmerksam verfolgt, wird ein ständiges Zunehmen Der Anzeichen dafür feststellen müssen, daß das chinesische Doll politisch erwacht. Das alte China schwindet unD macht einem neuen China Platz. Mögen die militärischen Machthaber durch Krieg auferstehen oder fallen, das einmal erwachte Nationalgefühl kann nie wieder unterdrückt werden, und jeder Druck würde es nur verstärken!"
Diese Charakteristik des chinesischen Dolles ist im hohen Grade bedeutsam. Einmal weil sie aus dem Munde einer an der Lage in China interessierten Autorität herrührt. Dann aber weil diese kurzen Worte bis zu einem gewissen Grade das asiatische Programm der japanischen Regierung andeuten: Denn dieses Zitat stammt aus einer gelegentlich der chinesischen Wirren gehaltenen Parlamentsrede des japanischen Außenministers.
In den für die gesamte Politik des Stillen Ozeans höchst wichtigen japanisch-chinesischen Beziehungen scheint sich gegenwärtig eine durchgreifende Veränderung vollziehen zu wollen, und zwar — grob skizziert — auf dem Boden folgender Entwicklung.
Die alten imperialistischen Pläne, die auf ein japanisiertes China hinauswollten, hatten int Weltkriege eine gewisse Aussicht auf Erfolg. Damals benutzte Japan eine zeitweilig unbestrittene Vormachtstellung am Pazifik, um sich in
„Rotwelsch" unD seine Abhandlung über neuzeitliche Wortentwicklung in Dem Werke »Don Luther bis Lessing", endlich Das Büchlein „Seemanns- Deutsch", das diesen Seitenzweig erschöpfend behandelt.
Friedrich Kluge hat und verlassen, Das Wörterbuch, seine geistige Tat, wird bei uns bleiben und uns noch oft anregen, fördern und an ihren Schöpfer erinnern. Der es verstanden hat, aus diesem scheinbar trockenen, steinigen Boden Rosen wachsen zu lassen.
Bei Jean Paul.
Von Max Iungnickel.
Die verschneite Landstraße, die von Bayreuth zur Eremitage hinausläuft, ist wie von Diamanten verweht. Der Frost knirscht. Die Bäume klirren gläsern im Winde.
älnb in den Wind hinein spreche ich leise und langsam Den Ramen „Jean Paul". Wie festliche Strahlen fallen diese beiden Worte in mein Herz, älnd die Strahlen zünden mein Herz an wie einen seligen Frühlingsaltar: Jean Paul, ich komme! Komme zu dir! Hörst du nicht meine Wanderschuhe klingen? Ich komme, du trunkener Gott!--
Unb nun klinke ich die Gasthaustür _ der Rollwenzelei auf. Das Bild. daS mich empfängt, ist nicht alt und nicht neu, ist so alltäglich, daH eine Ernüchterung in mein Herz kommt. Die zehnte oder zwölfte Rachfolgerin Der Frau Rollwenzel führt mich nach oben, in das Zimmer, darinnen Jean Paul gedichtet, getrunken, geträumt und geliebt hat.
Vorm Fenster Oberfranken, daS im Frühling ein Paradies sein muh. Die Sonne überglihert mit mutwilliger Freude Oie Berge und Höhen und Täler, üntetm Fenster Gerümpelschuppen, die bas selige Auge des Jean Paul sicherlich erblindet hätten, wenn sie sich damals schon brettgemacht.
Der länglische Tisch ist noch da, an dem er schrieb Ein silberner Lorbeerkranz unter einem Glassturz steht darauf. Ein Manullriptheft auf
China zu „arrangieren". Diese- Arrangement bestand in einem 21 Punkte enthaltenden Vertrage. der eine japanische (politische und wirtschaftliche) Hege.nonialstellung stabilisieren sollte. Da diese japanischen Vorherrichaftspläne Den britischen und amerikanischen Händler schädigten unb mit Der Pazisikpolitik der Bereinigten Staaten unvereinbar waren, machten die Großmächte ihr nach Beendigung beS Weltkriege- in ter Kon- serenz von Washington ein Ende.
Angesichts einer höchst entschlossenen chinesischen Emanzipationsbeuegung scheint Tokio diese Groß-Iapan-Pläne endgültig sollen gelassen zu haben. Dafür sucht offenbar die japanische Regierung mit dem sich trotz aller Bürgerkriege in konsolidierender Richtung entwickelnden Riesengebiet auf dem Wege gemeinschaftlicher wirtschaftlicher Interessen in ein politisch nützlicheS DerhältniS zu kommen. daS wohl endgültig auf Den groß-mongolischen Zusammenschluß im Osten der Welt hinzielt.
Ehe wir Die Stellung Der anderen Groß? Mächte in China betrachten, sei ein kurzer lieber- blick über die innerchinesische Entwicklung Der Dinge gegeben. Allem Anschein noch laufen zwei große innere Bewegungen ziemlich unvermittelt nebeneinander her. Einmal der Bürgerkrieg. in dem sich Die augenblickliche Lage, auf kürzesten Renner gebracht, so darstellt, daß Die beiden Marschälle Wu und Chang den „christlichen" Dolschewilenfreund General Feng schwer, aber nicht entscheidend geschlagen haben. Daß durch den Sieg eines dieser Machthaber das Land jemals zu einer Befriedung kommen wird, ist kaum zu erwarten.
Die andere Bewegung ist zugleich wirtschaftlich und völkischer Ratur. Sie entstand infolge einer ziemlich schamlosen Ausnutzung Der chinesischen Arbeitskraft durch die Fremden und kam zum Ausbruch gelegentlich eines Streikes in einer von Japanern betriebenen Spinnerei in Schanghai. bei welchem unter britischem Kommando stehende einheimische Polizei tn Der Menge durch Salvenfeuer ein Blutbad anrichtete.
Dieses Vorgehen beantwortete die Pekinger Regierung mit einer Protestnote und die chinesische Handelskammer mit der Erklärung des Generalstreiks und des Boykottes gegen die Fremden. Aus dieser wirtschaftlichen Aktion heraus, "Die — bezeichnend genug — bald ausschließlich auf England ünd Japan beschränkt wurde, entstand unter Dem Einfluß Der heute sehr einflußreichen chinesischen StuDentenschast planmäßig über das Riesengebiet vordringend eine politische Bewegung mit dem unmißverständlichen Programm „China den Chinesen".
Diese Freiheitsbewegung fand ihren höchsten Anreiz aus einer zweifellos ungeheuerlichen wirtschaftlichen Ausnutzung der Chinesen durch britische und japanische Unternehmer. Eine englische Denkschrift (der Labour Party) über diesen Punkt besagt: die Arbeiterverhältnisse in Spinnereien, in Stahlwerken und Bergwerken spotten jeder Beschreibung. Rachtarbeit ist das übliche. Als in den Glasfabriken in Schantung Die von früh um sechs bis nachts um elf währende Kinderarbeit eingeschränkt werden sollte, scheiterte der Plan an Dem europäischen Steuerzahler.
Einen Dem Sinne nach gleichlautenden, ebenfalls im vergangenen Sommer verfaßten Bericht des diplomatischen Korps in Peking gelang eS Chamberlain zu unterdrücken, was zur Folge hatte, daß damals Der französische Gesandte von der Leitung des Ausschusses zurücklrat.
Der ganzen Lage nach könnte man nun an- nehmen, daß das sehr starke wirtschaftliche Element In der chinesischen Freiheitsbewegung ein besonders geeigneter Rährboden für die Bolsche- totfierung Chinas fein müsse. Tatsache ist Denn auch, daß Moskau bie Gelegenheit nicht vor- übergehen ließ, um unter Aufwand großer Geldmittel eine besondere heftige Propaganda zu entfalten.
Aber so willkommen dem Chinesen ein Zusammengehen mit Rußland gegen die verhaßten Briten an sich auch gewesen wäre, so wenig Neigung zeigt er für Die Einführung russischer Zustände in feiner Heimat.
Reben einigen Erfolgen in Der dünn bevölkerten Mongolei, und scheinbar auch in einzelnen Teilen der Mandschurei hat sich der Bolschewismus in China eine Riederlage nach der andern geholt. Wieder war es Die chinesische Studentenschaft, die unter dem Schlagwort „gegen den roten Imperialismus" in Peking und weit im Reich eine auftlärende und allem Vernehmen
dem Tische. Ja, da sind sie wieder, die Iean- Paul-Schnörkel. die Windungen in der Schrift: wie Rixenzöpfe anzusehen.
älnd nun Der schöne Ofen, Die Stühle: alles noch aus Der Zeit Jean Pauls. Man fühlt seine Gegenwart. Glücklich, andächtig stehe ich in seiner Stube. In Der Ecke eine zerbrochene Büste von ihm. Da Die älhr, Die seine ©tunDen schlug, jene QtunDen, in Die er feine verzauberten Gedanken hineinschickte.
An Der Wanb aber steht ein nagelneues großes — Faß. Darinnen liegt ein halbes Schwein — schön eingepökelt!
Ich blättere in einem alten. zerleberten Fremdenbuch. 2Inton Bruckner hat sich eingeschrieben. An Der Wand, gerahmt, eine alle Nötig aus dem Bayreuther Intelligenzblatt: Frau Rollwenzel kündigt ein Frühlingsfest an: ganz in der Sprache Jean Paul-, wie mit Regenbogen- Farben hingeschrieben.
Ich sehe ihn am Tische sitzen, ziemlich dick, den mächtigen Kopf geneigt; schreibend. Hinter ihm. mit schneeweißer, zierlicher Haube, die Frau Rollwenzel. Durch die Runzeln ihres Gesichts hüpft ein Lächeln. Jetzt kneift sie Jean Pattl in die Backen und meint: „Wenn ba£ die Bayreuther lesen, dann gibts hier aber ein Fest, wie wirs beide noch nicht erlebt haben."
Draußen, in weiter Ferne, liegt der rauhe Kulm. Wie ost hat Jean Paul zu diesem Berge ausgelugt. Hatte doch sein Großvater einstmals eine Höhle in diesem Berge. Mit all seinen Gesang- und Gebetbüchern kroch er in die Höhle und predigte darinnen herum und hielt Dewstgespräche.
ilnb hier in bem Gasthaus sah lein Enkel, in einer kleinen Stube, unb wiegte bie Gestirne in ben Hänben wie ein närrischer Prophet, unb wars sie hoch, in mailiches Licht, wie blitzende Kugeln, und lieh sie verrollen in Erde. Himmel und Hölle, und lächelte dazu wie ein kauzhaster Zauberer unb reichte Gott, von biesem Fenster aus, jubelnb beibe Hänbe.


